Der Kniefall von Warschau 1970. Wie sprach man über den Kniefall und wie spricht man heute noch darüber?


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrund: Der Besuch in Warschau und der Kniefall

3. Die mediale Rezeption der Geste. Wie wurde darüber gesprochen?
3.1 Egon Bahr über den Kniefall. Ein Interview
3.2 Spiegel Artikel: Kniefall angemessen oder übertrieben?

4. Wie sprach man in heutiger Zeit über den Kniefall?

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“[1] Mit diesem bekannten Satz erklärte Willy Brandt sein Motiv. Knapp 37 Jahre sind es nun, seit Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos am 07. Dezember 1970[2] auf die Knie sank. „Heute […] gilt der Kniefall als bedeutende Wendung in der bundesrepublikanischen Erinnerungs- beziehungsweise Verdrängungsgeschichte.“[3] Der Kniefall sorgte hohes Ansehen. Daher wurde und wird heute noch in der Forschungsliteratur viel in die Geste hineininterpretiert. Für die deutsche Historikerin Ute Frevert zeigte die Geste mehr als viele Worte, für sie nimmt die Bundesrepublik Deutschland ihre Geschichte an, spürt dabei die Last und versucht nicht, sich mit einem Achselzucken von der Schuld zu befreien.[4] Für den Historiker Elazar Barkan ist der Kniefall der „Beginn“ des neuen Verhältnisses zur NS-Vergangenheit in Deutschland und der erste „Bruch“ im Kalten Krieg.[5] Denn nach dem zweiten Weltkrieg befanden sich die Supermächte noch im Spannungsbereich des Kalten Krieges. So war Polen Teil des Ostblocks, und Deutschland gehörte zum Westen.[6] Eine weitere Interpretation wäre vom deutschen Althistoriker Christian Meier. Er sieht im Kniefall einen „bedeutenden Höhepunkt(e) […] offizieller Kundgebungen des Abscheus gegen das NS-Regime.“[7] Nach dem Kniefall wurden selbstverständlich noch weitere Meinungen geholt, wie z.B. vom Bayerischen Rundfunk und von unzähligen Nachrichtenmagazinen wie ‚Der Spiegel‘, ‚Der Tagesspiegel‘, ‚Welt am Sonntag‘ und viele weitere. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der medialen Berichterstattung beschäftigen. Wie wurde über den Kniefall am 07. Dezember 1970 berichtet und wie wurde die Geste von den deutschen Mitbürgern aufgenommen? Dazu werden einzelne Berichte in Alexander Behrens Buch „Durfte Brandt knien? […] Eine Dokumentation der Meinungen“ in Erwägung gezogen. Die Aufnahme der deutschen Mitbürger auf die Geste ist ambivalent. Während im Ausland die Aktion Brandts breite Zustimmung bekommt, zeigt eine Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie im Auftrag des ‚Spiegel‘, dass 41 Prozent der Befragten den Kniefall als angemessen, und 48 Prozent hingegen als übertrieben empfinden. Hierzu werde ich mithilfe des Artikels vom „Der Spiegel vom 14.12.1970 Kniefall angemessen oder übertrieben?“ näher auf diese Umfrage eingehen.

Anschließend wird untersucht, wie Brandts Bekanntenkreis über den Kniefall sprach. Bedeutend ist das Interview von seinem Freund Egon Bahr, der nach der Bundestagswahl 1969 aus der die sozialliberale Regierungskoalition mit Brandt hervorgeht, Staatssekretär wird, und Brandts engster Vertrauter in dieser Position der Entspannungspolitik mit dem Osten wird.[8] Das Interview mit Bahr wurde im Jahr 2010 von Sebastian Bickerich geführt und in „Der Tagesspiegel“ veröffentlicht. Wie sprach Bahr im Interview über die Geste nach mehr als dreißig Jahren?

Von Bedeutung für die vorliegende Arbeit sind auch die Meinungen und Kommentare einzelner Historiker und Journalisten über den Kniefall aus der heutigen Zeit. Wie wurde nach mehr als dreißig Jahren über den Kniefall gesprochen und wie blickt man heute zu der Geste zurück?

Zu Beginn der Analysen wäre es hilfreich, sich über den historischen Kontext im Klaren zu sein. Der Besuch in Warschau und der damit verbundene Kniefall war nicht grundlos – Brandt besuchte Warschau um den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen.

2. Hintergrund: Der Besuch in Warschau und der Kniefall

Hintergrund des Kniefalls war der Besuch Brandts in Warschau, um den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen. Die Unterzeichnung des Vertrags sollte der erste Schritt „über die Grundlagen der Normalisierung“ der deutsch-polnischen Beziehungen sein.[9] Nach dem zweiten Weltkrieg war die deutsch-polnische Beziehung stark beeinträchtigt. Die Menschen wurden aus den zerstörten Städten und Dörfern vertrieben. Mit der nationalsozialistischen Ostpolitik, die im Rahmen der ‚Säuberung‘ des sogenannten ‚Generalplan Ost‘ (GPO) von deutschen Besatzungen durchgeführt wurden, war Polen nach dem zweiten Weltkrieg nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich und auch politisch vollständig zerstört. Eine Annäherung nach dem zweiten Weltkrieg war aufgrund vom erlebten Verbrechen aus der Vergangenheit unvorstellbar.

Ein wichtiger Schritt für die Annäherung war die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags am 07. Dezember 1970. Der Vertrag war die erste politische Vereinbarung beider Staaten nach dem zweiten Weltkrieg und war somit auch der Beginn einer Wiederherstellung der deutsch-polnischen Beziehungen.

Der Warschauer Vertrag enthielt zunächst die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Der Bundestag erklärte in einer Rechtsverwahrung vom Juni 1950: „Das Gebiet östlich von Oder und Neiße bleibt ein Teil Deutschlands… Die Regelung dieser wie aller Grenzfragen Deutschland kann nur durch einen Friedensvertrag erfolgen…“[10] Polen verlangte lediglich die förmliche Anerkennung des gegenwärtigen territorialen Besitzstandes und der Oder-Neiße-Grenze für jetzt und alle Zukunft.[11] In dieser ewigen Streitfrage konnte und wollte auch niemand einen Widerspruch zwischen der polnischen Regierung und der Bevölkerung setzen, sie alle waren sich in der Forderung nach einer völkerrechtlichen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die BRD einig gewesen.[12] Zudem versicherten sich beide Staaten im Vertrag auch die gegenseitige „Unverletzlichkeit ihrer bestehenden Grenzen jetzt und in der Zukunft“ und verpflichteten „sich gegenseitig zur uneingeschränkten Achtung ihrer territorialen Integrität.“[13] Der Vertrag versicherte auch, dass Deutschland und Polen keine Gebietsansprüche gegeneinander haben und diese auch in Zukunft nicht erheben dürfen.[14] Die Unterzeichnung und Ratifizierung des Vertrags sorgte tatsächlich für Entspannung beider Staaten. Nach dem Inkrafttreten des Warschauer Vertrags wurden diplomatische Beziehungen aufgenommen[15], was in der Zeit wenige Jahre zuvor undenkbar war.

[...]


[1] Zitat von Willy Brandt. Entnommen aus: Rauer, Valentin: Geste der Schuld. Die mediale Rezeption von Willy Brandts Kniefall in den neunziger Jahren. In: Giesen (2004). S. 133.

[2] Behrens, Alexander: „Durfte Brandt knien?“ Der Kniefall in Warschau und der deutsch-polnische Vertrag. Eine Dokumentation der Meinungen. Bonn 2010, S. 9.

[3] Rauer, Valentin. In: Giesen (2004). S. 133.

[4] Vgl. Aleida Assmann Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit-Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit den deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart 1999. S. 145.

[5] Vgl. Barkan, Elazar: The Guilt of Nations Restitutions and Negotiating Historical Injustices. New York 2000. S.11.

[6] Siehe: http://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/willy_brandt/pwiederkniefallvonwarschau102.html. Aufgerufen am: 12.09.2017 17:43 Uhr.

[7] Meier, Christian: Vierzig Jahre nach Ausschwitz. Deutsche Geschichtserinnerung heute. München 1990. S. 61.

[8] Siehe: https://www.hdg.de/lemo/biografie/egon-bahr.html Aufgerufen am: 12.09.2017 18:21 Uhr.

[9] Vgl. Wilkens, Andreas: Kniefall vor der Geschichte. Willy Brandt in Warschau 1970. In: Defrance, Corine; Pfeil, Ulrich: Verständigung und Versöhnung nach dem „Zivilisationsbruch“? Deutschland in Europa nach 1945. Brüssel 2016. S. 89.

[10] Erklärung vom 13.06.1950, in: Vertrag BRD/VRP, S. 108 f. In: Eitel, Tono: Die Ostverträge. Die Verträge von Moskau, Warschau, Prag, das Berlin-Abkommen und die Verträge mit der DDR. München 1979. S. 62.

[11] S.z.B. die polnische Note an die Bundesregierung vom 28.4.1966, Vertrag BRD/VRP, S. 142 ff. In: Ebd.

[12] Vgl. Eitel (1979)

[13] Vgl. Jacobsen, Hans Adolf; Tomala, Mieczyslaw: Bonn-Warschau. Die deutsch-polnischen Beziehungen 1945-19 91. Analyse und Dokumentation. Köln 1992. S. 222.

[14] Vgl. Stoklosa, Katarzyna: Polen und die deutsche Ostpolitik 1945 – 1990. Göttingen 2011. S. 290.

[15] Vgl. Die Abmachung wird erwähnt im Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Communiqué vom 8.12.1970., Vertrag BRD/VRP, S. 17. In: Eitel (1979). S. 65.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Kniefall von Warschau 1970. Wie sprach man über den Kniefall und wie spricht man heute noch darüber?
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Geschichte)
Veranstaltung
Neue Ostpolitik
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V381463
ISBN (eBook)
9783668583528
ISBN (Buch)
9783668583535
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kniefall, warschau
Arbeit zitieren
Büsra Tasdemir (Autor), 2017, Der Kniefall von Warschau 1970. Wie sprach man über den Kniefall und wie spricht man heute noch darüber?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381463

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