Die Vater-Sohn-Beziehung in Franz Kafkas „Brief an den Vater“ und Sigmund Freuds Forschung zum Ödipuskomplex


Hausarbeit, 2015
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Sigmund Freud: Der Ödipuskomplex

Der Kastrationskomplex

Franz Kafka: Brief an den Vater - Analyse

Bezugnahme auf den Vater

Bezugnahme auf den Sohn

Sigmund Freud Ödipuskomplex im Werk Brief an den Vater

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Der bekannte deutschsprachige Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924, im Weiteren kurz Kaf- ka) veröffentlichte einige berühmte Werke wie Das Urteil oder Die Verwandlung. Über sein Privatleben weiß man gemeinhin, dass er nicht sonderlich viel Glück in der Liebe hatte und kein gutes Verhältnis zu seinem Vater pflegte. Hermann Kafka (1852-1931) galt als tyran- nisch und als mächtige Figur. Franz Kafka war weitgehend im Einfluss seines Vaters gefan- gen und gilt als traumatisiert. In seinem allgemein als solchem bekannten Brief an den Vater versucht er sich schreibend vom Einfluss seines Vaters zu lösen, indem er zu heiraten be- schließt. Seine Heiratsversuche misslingen ihm allerdings 1912 und 1919. In seinem Werk wird deutlich, dass Kafka in eine Persönlichkeitskrise verfällt, diese hat die Folge einer Iden- tifikation mit dem Vater.

Das Werk Brief an den Vater soll in dieser Arbeit unter Berücksichtigung der Theorie des Ödipuskomplexes von Sigmund Freud untersucht werden, die besonders die Rivalität und Identifikation zwischen Vater und Sohn thematisiert. Identifikationsprobleme wurden von Freud im Ödipuskomplex für Jungen sowie im sogenannten Elektrakomplex für Mädchen behandelt. Da in dieser Arbeit jedoch der Brief Franz Kafkas untersucht wird, bedarf es keiner Auseinandersetzung mit dem Elektrakomplex.

Wie Kafka sich mit seinem Brief an den Vater vom mächtigen Einfluss seines Vaters zu befreien versucht, und welche Folgen und Wirken das auf sein Leben, seine Persönlichkeit und zu seinen Beziehungen hat, soll in dieser Arbeit besonders berücksichtigt werden.

In einem ersten Schritt werden der Freudsche Ödipuskomplex und der Kastrationskomplex im Allgemeinen definiert. Anschließend wird Kafkas ‚Brief an den Vater‘ analysiert und die Bezugnahme auf Kafka und seinen Vater im Anschluss angeknüpft. Zum Schluss wird der Ödipuskomplex von Sigmund Freud in Kafkas Werk untersucht.

Sigmund Freud: Der Ödipuskomplex

Der Ödipuskomplex, auch oft Ödipuskonflikt genannt, ist ein Teil der psychoanalytischen Theorie. Das Unbewusste gilt als ein Zentrum der Psychoanalytik. In der Psychoanalyse han- delt das Individuum unbewusst, mit seinen unbewussten Trieben, Bedürfnissen und Wün- schen entscheidet das Individuum selbst, ob es diese zulässt, abwehrt oder eben auch verän- dert. Unbewusste Vorgänge versuchen, das Verhalten des jeweiligen Individuums zu bestim- men, indem sie in das Bewusste eindringen. Das Persönlichkeitsmodell der Psychoanalyse ist erwähnenswert, um den Verlauf des Ödipuskomplexes eines (männlichen) Menschen im Rahmen der Freud’schen Konzeption nachvollziehen zu können. Freuds Persönlichkeitstheo- rie ist aufgebaut aus dem Ich (Ego), dem Über-Ich (Super-Ego) und dem Es (It). Das Es ist bereits angeboren und wird durch Lust, Triebe und Wünsche gesteuert, auch wenn es zu einer sozial normierten Situation nicht passt. Seine Kräfte spielen sich unbewusst ab.1 Das Über-Ich ist der moralische Teil dieses Persönlichkeitsmodells. Die Moral wird im Laufe der Erziehung erlernt, genauso werden Norm- und Wertvorstellungen mit der Zeit verstanden, die jedoch Wünschen und Bedürfnissen des Es im Weg stehen. Der Ich-Teil der Psyche muss einen Mit- telweg finden.2 Das Ich ist der Vermittler zwischen den Wünschen und Trieben des Es und den Normen und Werten des Über-Ichs. Wenn nicht berechtigte Wünsche des Es und Über- Ichs auftauchen, greift die Ich-Mechanik zu Abwehrkräften. In ihr befinden sich bewusste und unbewusste Aspekte.3

Die Geschichte des Ödipus stammt aus der griechischen Mythologie. Sie erzählt von einem Königssohn, der laut einem Orakelspruch seinen Vater umbringen und seine Mutter heiraten soll. Das Kind wird darum, an den Füßen verkrüppelt, aus dem Haus gejagt. Jahre später er- schlägt Ödipus seinen Vater unbeabsichtigt und heiratet seine Mutter. Sie bekommen vier Kinder. Als die Wahrheit ans Licht kommt, erhängt sich die Mutter und Ödipus blendet sich.4 Sigmund Freud ist der Meinung, dass jeder die Geschichte des König Ödipus verstehen kön- ne, weil die Sage einen Zwang aufgreife, den jeder Mensch für sich bestätigen könne, da der Ödipuskomplex bei jedem existiere, insbesondere in der Vater-Sohn-Mutter-Konstellation. Des Weiteren vertrat Freud die Ansicht, dass die Sage die ‚Moral‘ von Rivalität, Inzest, Kast- rationsangst und Vatermord offenbare.5 Freud versteht unter dem Ödipuskomplex, dass ein Kind libidinöse und feindselige Wünsche seinen beiden Eltern gegenüber empfinde. Es fän- den sich beim Kind unbewusst Gefühle und sexuelle Wünsche dem entgegengesetzten Eltern- teil und gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil werde Hass und Eifersucht so emp- funden, dass das Kind das gleichgeschlechtliche Elternteil als Rivalen betrachte. Darüber hin- aus ist Freud sich sicher, dass die Psychoanalyse erkannt habe, dass dieser Konflikt für jeden Menschen eine wichtige Rolle spielt.6 Freud selbst erwähnt in einem Brief: „Ich habe die Ver- liebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit […].“7 Es scheint verständlich, dass Freud unter dem Begriff Ödipus-Komplex liebes- und feindselige Wünsche eines Kindes während seiner Entwicklungsphase gegenüber den Eltern beschreibt, da er diese Phase, wie unschwer an seinem Brief zu erkennen ist, selbst in der Kindheit erlebt hat. „Er (der Knabe) beginnt die Mutter selbst in dem neugewonnenen Sinn zu begehren und den Vater als Nebenbuhler, der diesem Wunsche im Wege steht, von neuem zu hassen; er gerät, wie wir sagen, unter die Herrschaft des Ödipuskomplexes.“8 Freud deutet damit darauf hin, dass die frühen Ereignisse eine bedeutende Rolle für die spätere Liebeswahl und überhaupt für das Schicksal des jewei- ligen Menschen spielen. Die Mutter ist nach dieser psychoanalytischen Lehre für den Säug- ling das erste Liebesobjekt und sie erweckt durch ihre Zärtlichkeit die kindliche Sexualität, die auch ein wichtiger Bestandteil des Ödipus-Aufkommens ist.9 Freuds Ausarbeitung des Ödipuskomplexes geht jedoch tiefer in die Psychologie und besagt, „dass sich unter den af- fektiven Einstellungen der Kindheit die komplizierte Gefühlsbeziehung zu den Eltern, der sogenannte Ödipuskomplex [hervorhebe], welchem man immer deutlicher den Kern eines jeden Falles von Neurose [erkenne] […]“.10 Freuds Verständnis von Neurose ist das einer psychischen Störung, die sich herausstellt, wenn man es nicht schafft, den Ödipuskomplex zu bewältigen. Einer der schlimmsten feindseligen Impulse den Eltern gegenüber ist der Todes- wunsch. Dieser Wunsch eines Sohnes gegenüber seinem Vater und der Tochter gegenüber der Mutter ist eine bedenkliche Thematik, er gilt „[…] als integrierender Bestandteil der Neurose […]“.11 Man müsse in Bezug zum psychoanalytischen Denken die Libido-Theorie mit dazu zählen, denn „die Theorie des Unbewussten, die Lehre von Verdrängung und Widerstand, das Gesetz der Kausalität und die Stellung der frühkindlichen Sexualität für die Entfaltung der Persönlichkeit […]“12 spielten ebenso eine wichtige Rolle im Ödipuskomplex. Die Entwick- lung von Phasen der Libido-Entwicklung, die im Ödipuskomplex ihren Lauf nimmt, macht den Ödipus zum Träger in die Theorien der Psychoanalyse.13 Der Schweizer Psychoanalytiker und Psychiater Henri Frédéric Ellenberger versuchte, Freuds Kindheitssituation zu interpretie- ren und kam zum Entschluss, dass Freuds Zuneigung für seine Mutter und die feindseligen Wünsche seinem Vater gegenüber mit seiner Familienbeziehung zu tun hatten.14 Die Ödipus- Situation tat sich demnach für Freud auf, weil er das erstgeborene Kind war und so die liebe- volle Aufmerksamkeit der Mutter hatte, er erhielt die ständige Aufmerksamkeit seiner Eltern und Lehrer, aus diesem Grund neigte er dazu, seine Beziehungen zu seinen Eltern stärker zu betonen und zu pflegen als die Beziehung zu seinen Geschwistern und/oder Gleichaltrigen.15

Um den Ödipuskomplex zu bewältigen, muss eine Identifikation mit dem Rivalen stattfinden. Vor diesem Prozess folgt ein ‚Antrieb‘, der am Ende zur Identifikation mit dem Aggressor führt.

Der Kastrationskomplex

Dieser Antrieb ist, um in der Freud’schen Lehre zu bleiben, der Kastrationskomplex oder auch die Kastrationsangst bei Jungen. Für Freud gerät jedes männliche Individuum unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes, denn sie ist bedeutsam „bei der Gestaltung der Charak- terbildung“.16 Vom Ödipuskomplex ausgehend haben wir nun verstanden, dass der Sohn die eigene Mutter besitzen und den Vater loswerden möchte. Zur selben Zeit jedoch fängt der Junge an, den Rivalen als eine Bedrohung in der Form anzusehen, mit der Kastration für die ‚inzestuösen Gefühle‘ der Mutter gegenüber bestraft zu werden.17 Der Ödipuskonflikt wird durch Verdrängung und Identifikation bewältigt. Das Kind akzeptiert, dass es das gleichge- schlechtliche Elternteil nicht besitzen kann und beginnt, die Gefühle für das entgegengesetzte Elternteil zu verdrängen. Gleichzeitig idealisiert das Kind den Rivalen und identifiziert sich mit diesem Ideal.18 Zudem tauchen Schuldgefühle auf, weil das Kind dem ‚ehemaligen Riva- len‘ den Tod gewünscht und Eifersuchtsszenarien durchlaufen hat. „Es [das Über-Ich] nimmt den Platz des Ödipuskomplexes.“19 Die Ich-Psychologie versucht, den Ödipuskomplex zu verdrängen. „Je stärker der Ödipuskomplex war und je schneller seine Verdrängung erfolgte, desto strenger werde später das Über-Ich als Gewissen und unbewusstes Schuldgefühl über das Ich herrschen.“20 So zerfällt am Ende der Ödipuskomplex durch Angst, Enttäuschung und Identifikation.21

Franz Kafka: Brief an den Vater - Analyse

Vorbemerkung

Der ‚Brief an den Vater‘ ist der - niemals an seinen Empfänger gelangte, insofern literarische bzw. literaturhistorisch relevante - Brief des Schriftstellers Franz Kafka an seinen Vater Her- mann Kafka. Der Text wurde im Jahre 1919 in Schelesen, einer Kleinstadt nördlich von Prag, verfasst. Seit Kafka im August des Jahres 1917 an einer Lungentuberkulose erkrankt war, hatte er sich oft von seiner Arbeit beurlauben lassen, um sich zu erholen. Er besuchte eine Kur, lernte bei seinem Aufenthalt in der Pension Stüdl die dreißigjährige Pragerin Julie Wohryzek kennen und fühlte sich zu ihr hingezogen. Monate später verlobte er sich mit ihr und sie planten die Heirat. Als jedoch die Eltern Kafkas von den Heiratsplänen erfuhren, stell- ten sie sich gegen eine Heirat ihres Sohnes, die Ursache dafür war der vergleichsweise niedri- ge soziale Stand Julie Wohryzeks.22 Insbesondere zeigte Hermann Kafka eine unangemessene Reaktion auf die Pläne seines Sohnes. Er riet Franz, ein Bordell aufzusuchen und sich dort auszuleben, statt an eine Heirat zu denken. Franz fühlte sich durch diesen ‚gutgemeinten Rat‘ seines Vaters angegriffen und nicht wirklich ernstgenommen, er glaubte, dass der Rat seines Vaters Verachtung ihm gegenüber verdeutlichte und bestätigte.23 Dieser Vorfall war der Hö- hepunkt der schlechten Vater-Sohn-Beziehung und motivierte Kafka, einen Brief zu verfas- sen, um sich von Verletzungen und Kränkungen zu befreien. Der Brief blieb, wie erwähnt, jedoch in seinem Besitz, er ließ ihn dem Vater nie zukommen.24 In diesem Kapitel befassen wir uns mit dem Brief in Bezug auf die Vater-Sohn-Beziehung.

Brief an den Vater - Analyse

Kafka erwähnt in seinem Brief vieles, was ihm von seiner Kindheit bis zu seiner Jugend im Kopf geblieben ist. Er beginnt den Brief mit den Sätzen:

Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir.

[...]


1 Vgl. http://flexikon.doccheck.com/de/Instanzenmodell (zuletzt aufgerufen am 04.11.2015, 13:26 Uhr).

2 Vgl. ebd. (zuletzt aufgerufen am 04.11.2015, 13:44 Uhr).

3 Vgl. ebd. (zuletzt aufgerufen am 04.11.2015, 14:03Uhr).

4 Vgl. http://www.gesundheit.de/wissen/haetten-sie-es-gewusst/medizinische-begriffe/was-ist-eigentlich-der- oedipuskomplex. Wer war eigentlich Ödipus? (zuletzt aufgerufen am 04.11.2015, 16:14 Uhr).

5 Vgl. Pogorzelski-Oertli, Christine: Der Wandel im Verständnis des Ödipuskomplexes. Mit besonderer Berücksichtigung von Rivalität und Eifersucht. Zürich 1988. S. 21

6 Vgl. Pogorzelski-Oertli 1988, S. 20.

7 Sigmund Freud: Aus den Anfängen der Psychoanalyse. 1856-1939. (1950), S. 193.

8 Sigmund Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. 1924. S.192.

9 Vgl. Pogorzelski-Oertli (1988), S. 24.

10 Ebd. S. 22.

11 Sigmund Freud: Aus den Anfängen der Psychoanalyse. 1950. S. 180.

12 Ebd. S. 25.

13 Vgl. ebd. S. 25.

14 Vgl. Ellenberger, Henry F.: Die Entdeckung des Unbewussten, Bd. 2. Bern/Stuttgart/Wien: Hans Huber, 1973, S. 609.

15 Vgl. ebd. S. 776.

16 Pogorzelski-Oertli (1988). S. 51.

17 Vgl. ebd. (1988). S. 51.

18 Vgl. https://herminemandl.wordpress.com/2007/11/12/pragende-kindheitsentwicklungen-der-odipale-konflikt/ (zuletzt aufgerufen am: 06.11.2015, 13:44 Uhr).

19 Sigmund Freud: Das Ich und das Es (1923). Bd. 3. Psychologie des Unbewußten. Frankfurt am Main. Fischer Verlag 1975. S.280.

20 Vgl. Pogorzelski-Oertli (1988). S. 80.

21 Vgl. ebd. S. 83.

22 Zitiert wird hier nach der Ausgabe von Michael Müller: Franz Kafka: Brief an den Vater. Herausgegeben und kommentiert von Michael Müller. Reclam, Stuttgart (1995). - Zur Entstehung des Textes S. 63.

23 Vgl. http://www.fischer- welt.de/deutsch/literaturgeschichte/literatur_zu_beginn_des_20_jahrhunderts/brief_an_den_vater/ (zuletzt aufge- rufen am 07.11.2015, 12:14 Uhr).

24 Vgl. Michael Müller (1995). S. 64.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Vater-Sohn-Beziehung in Franz Kafkas „Brief an den Vater“ und Sigmund Freuds Forschung zum Ödipuskomplex
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik)
Veranstaltung
Grundseminar "Väter"
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V381465
ISBN (eBook)
9783668601420
ISBN (Buch)
9783668601437
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vater-sohn-beziehung, franz, kafkas, brief, vater, sigmund, freuds, forschung, ödipuskomplex
Arbeit zitieren
Büsra Tasdemir (Autor), 2015, Die Vater-Sohn-Beziehung in Franz Kafkas „Brief an den Vater“ und Sigmund Freuds Forschung zum Ödipuskomplex, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381465

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