Das Frauenbild und die Minne in Wolframs von Eschenbach "Parzival"


Hausarbeit, 2016
24 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung der Frau in der hochmittelalterlichen Dichtung und in Wolframs ‚Parzival‘

2.1 Das Frauenbild in der höfischen Literatur
2.2 Das Frauenbild in Wolframs ‚Parzival‘
2.3 Wichtige Charaktere im Überblick

3. Die Bedeutung der Minne in der hochmittelalterlichen Dichtung und in Wolframs ‚Parzival‘
3.1 Die Minne in der höfischen Literatur
3.2 Die Bedeutung der Minne in Wolframs ‚Parzival‘

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Parzival Wolframs von Eschenbach ist ein mittelhochdeutscher und höfischer Versroman, welcher im 12. Jahrhundert entstand. Wolframs ‚Parzival‘ gehört zur sogenannten Artusepik, aufgrund der Thematik ist der Parzival als Artus- und Gralsroman bekannt. In dem Roman werden besonders viele aventiuren zweier Protagonisten erzählt: vom Gralskönig Parzival und dem Artusritter Gâwân. Der Roman hat nicht nur einen Handlungsstrang, sondern mehrere. Drei Handlungsstränge, die im ‚Parzival‘ auf kunstvolle Weise miteinander verknüpft sind; zum einen die Gahmuret/Feirefiz-Handlung, als zweites die allgemeine Handlung um Parzival und den Gral, und als drittes die als Kontrast zur Parzival- Geschichte angelegte Gawan-Handlung.[1]

In fast all diesen Handlungssträngen steht eine außerordentlich wichtige Thematik im Vordergrund: Die Minne. Die Minne Thematik spielt in Wolframs Parzival eine wichtige Rolle, zum einen, weil sie ausschlaggebend für die Entwicklung des Titelhelden ist, und zum anderen, weil man viele Seiten der Minne im Parzival entdeckt. Wie die Minne in der eigentlichen Vorstellung und die Gralsminne. Die meisten Figuren in Wolframs Parzival machen ihre eigene Erfahrung mit der Minne. So sind die Minne-Beziehungen Gawans ein großer Handlungsstrang in Wolframs Parzival. Parzival und Gawan werden von Wolfram ohnehin in der Ritterehre gleichgestellt. Bezüglich der Minne-Thematik jedoch schlagen beide Figuren verschiedene Ebenen an, während Parzival fern der ritterlichen Welt keine höfische Erziehung hatte, genoss Gawan hingegen eine höfisch-gesellschaftliche Erziehung. Daher unterscheidet sie aufgrund der Erziehung einzig das Schicksal, dass ihnen vorbestimmt ist. In dieser Arbeit sollen die Minne und das Frauenbild in der höfischen Dichtung und im Parzival analysiert und miteinander verbunden werden. Dabei spielen die wichtigen Frauencharaktere eine große Rolle. Als Hilfe dienen dazu einige Auszüge aus dem Roman.

Die Darstellung der Frau in der hochmittelalterlichen Dichtung und in Wolframs ‚Parzival‘

Das Frauenbild im Hohen Mittelalter war oft geprägt von Unvollkommenheit, Gewalt, Überwachung, Verfolgung und Vergewaltigung. Frauen wurden im Hochmittelalter als Menschen minderer Art angesehen und im Vergleich zum Mann als eher nutzlos definiert.[2] Nur Frauen, die die Gestalt ‚unberührter‘ Jungfräulichkeit hatten, wurden verehrt. Sie waren ein Zeichen für Keuschheit und Reinheit. Dass das Frauenbild in der gesamten Epoche des Mittelalters schlecht angesehen wurde, liegt zum Größtenteils an ihrem Ursprung: Der Heiligen Schriften der Bibel und besonders in den Lehrbüchern des Alten Testaments.[3] „Alles böse kommt von den Frauen“ mit solchen Stellen konnte der Kirchenvater Hieronymus lehren und hatte damit auch Erfolg bei der Gesellschaft. Mit dieser Auffassung konnte man auf den Sündenfall zurückgreifen; Evas Handlungsweise galt als Offenbarung der weiblichen Natur, dass den Frauen von Beginn an Ungehorsam und Schwachheit gegenüber den Verführungen des Bösen zugeschrieben worden ist. Selbst der Schöpfungsbericht diente als Beweis für die Minderwertigkeit der Frau, „[…] denn dort stand, daß Gott die Frau nur >dem Mann zur Hilfe< geschaffen habe; das ließe sich als eine Bestimmung zu Dienstbarkeit und Untertänigkeit interpretieren.[4] Das Frauenbild wurde in der höfischen Dichtung noch einmal neu definiert. Ein Bild der Frau, was zur damaligen Zeit völlig unvorstellbar war.

2.1 Das Frauenbild in der höfischen Literatur

Das Wort „höfisch“ war zur damaligen Zeit bereits ein Begriff, welches die im 12. Jahrhundert entstandene adlige Gesellschaftskultur beschrieb. Der Mittelhochdeutsche Begriff hövesch oder aber auch hubisch,[5] aus der sich im Übrigen für das Neuhochdeutsche „hübsch“ entwickelt hat, erschien in der Kaiserchronik, wo bereits eine Verknüpfung mit dem Begriff und mit Ritterspielen und Hoffesten von ‚höfischen‘ Damen war.[6] Das Wort höfisch, mhd. hövesch ist jedoch keine Lehnübersetzung des französischen Begriffs ‚cortois‘ (höfisch), geht allerdings auf dessen Semantik zurück.[7] Sicher ist, dass die deutschen Begriffe im engen Kontakt mit der französischen Hofterminologie standen. „Außerdem ist die französische Terminologie auch direkt entlehnt worden: das Adjektiv kurteis (höfisch) und das Substantiv kurtoisie (Höfischheit) kommen kurz nach 1200 im ‚Parzival‘ von Wolfram von Eschenbach, […] vor.“[8] Die höfischen Dichter haben oft mit französischen Vorlagen gearbeitet und viele Elemente der

Gesellschaftsdarstellung aus französischen Quellen übernommen, da offenbar das deutsche adlige Publikum großes Interesse daran hatte.[9] In der gesamten Epoche des Mittelalters gab es zwischen dem deutschen und französischem Hochadel eine enge Verbindung bzgl. der Politik und allgemein persönlichen Kontakt. Dass der französische Einfluss so dominant war, ist daher nicht besonders überraschend. „In der Nachahmung und Aneignung französischer Vorbilder entstand die höfische Dichtung in ihren beiden Hauptgattungen, dem Minnelied und dem höfischen Roman. Getragen wurde die literarische Rezeption von derselben Hofgesellschaft, die sich in ihrer Sachkultur und in ihren Umgangsformen nach Frankreich orientierte.“[10]

Die Anschauung des Gesellschaftsideals hat diese fast nur in der höfischen Dichtung gefunden. Die Frage nach der Wirklichkeitsgrundlage der Dichtung ist deutlich: Das höfische Frauenbild, die oft die Vollkommenheit und Schönheit der Frau beschrieb, wurde von den höfischen Dichtern erfunden. Sehr wahrscheinlich waren es wünschenswerte und erwartungsvolle Vorstellungen der Dichter, faktisch gesehen jedoch in der Realität das eigentliche Gegenteil.[11]

„Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hat es, nächst der Majestät Gottes, niemals etwas so Begnadetes gegeben wie die Frau und ihre Art. Diesen Ruhm hat Gott ihr

verliehen, daß man sie als den höchsten Wert auf Erden ansehen und immer preisen soll.“ [12] So wurde in der Hochphase des Mittelalters nie von Frauen gesprochen. Die Minderwertigkeit und Schlechtigkeit der Frau war so tief in den Gedanken eingewurzelt, dass die höfischen Dichter ein neues Bild setzten und ein anderes, kaum vorstellbares, ‚ideales‘ Bild erfunden hatten. Ein neues Bild der Vollkommenheit und Schönheit der Frau: ‚Das neue Bild der Frau‘.

Die höfischen Dichter hatten eine feste Vorstellung des Schönheitsideals einer Frau, welche sich nicht auf ihre individuellen Merkmale bezog, sondern auf ein Ideal, welches „[…] sich in einem festen Kanon von Schönheitsprädikaten manifestierte.“[13]

So beschrieb Heinrich von Morungen in seinem Lied über die Frau:

Seht an ir ougen und merkent ir kinne, seht an ir kele wîz und prüevent ir munt. Si ist âne ougen gestalt sam diu minne, mir wart von vrouwen so liebez nie kunt. (H. v. Morungen 141, 1-4)

Er beschreibt die äußerliche Schönheit der Frau, dabei geht er auf die Schönheitsmerkmale nur im Gesicht der Frau, in der höfischen Dichtung bot das Gesicht einer Frau die beste Gelegenheit um ihre Schönheit zu beschreiben. Die blonden Haare, die weiße Stirn, schöne strahlende Augen, kleine Ohren, eine gerade Nase, rosafarbene Wangen, rote Lippen, weiße Zähne, das rundlich geformte Kinn, der lange schöne Hals, weiße Hände und kleine Füße. Dies waren Merkmale des höfischen Schönheitsideals der Frau. Über den Körper wurde nicht so häufig berichtet, wie z.B. über Arme und Beine. Wenn mal Dichter über diese Körperteile berichteten, wurden Arme und Beine häufig als weiß, rund und glatt beschrieben.[14]

Die Schönheit und die Vollkommenheit der Frau war ein wichtiger Aspekt der höfischen Damen. Tugendhaftigkeit und Klugheit haben ebenso eine besondere Rolle gespielt. Das Schönheitsideal einer Frau wurde oft mit dem Äußeren einer Frau gestellt. Dabei waren auch Innere Werte von Wichtigkeit. So erwähnte Thomasin von Zerklaere: So ist ir uzer schoen enwiht, si ist schoene innerthalen niht.[15] Die Schönheit einer Frau ist Nichts, wenn ihre inneren Werte nicht gut sind. Auch Wolframs Elsterngleichnis im Prolog besagt, dass wenn selbst die äußere Erscheinung nicht dem Schönheitsideal der höfischen Dame entspricht, die inneren guten Werte trotzdem viel ausschlaggebender sind.

Die wichtige gesellschaftliche Funktion einer höfischen Dame war zum einen auch die Werte die sie besaß, die sie weiter an ihren Mann vermittelte. Höfische Damen wecken Freude, führen das verwundete Herz ihres Mannes mit freundlicher Fürsorge wieder auf den richtigen Weg, beseitigen die Sorgen und trösten einen, bewirken Kühnheit, lassen den Feind überwinden.[16] Frauen waren dieser Aufgaben mächtig, weil sie durch ihre Schönheit und Vollkommenheit die Kraft der hohen Minne im Mann weckte. Frauen gaben ihren Männern, die oft Ritter waren, Mut und gute Eigenschaften, sodass man sagen könnte, dass die Ritter allein durch die guten Mitgaben der Frauen in der Lage sind, ritterlich zu leben.[17]

Das Frauenbild in der höfischen Dichtung wurde nicht nur verehrt, so wie es den Anschein hat. Sicher wirkte das Frauenbild im Großen und Ganzen wie ein Gegenentwurf zu der altbekannten Tradition christlicher Frauenfeindlichkeit, jedoch war dies nicht so. Es kam hin und wieder zur Doppelsichtigkeit in höfischen Dichtungen bzgl. der Frauenbilder. Während die meisten Dichter in einem Kapitel die Schönheit, Vollkommenheit und Klugheit einer Frau beschrieb, wurde hinterher im nächsten Kapitel die Negativität der Frau beschrieben. Die französischen Dichter formulierten oft frauenfeindliche Verse, die die höfischen Dichter bei der Übernahme oft abgeschwächt hatten. Daher hat man den Anschein, dass das Frauenbild der höfischen Dichtung in Deutschland positiver wirkt.[18]

In der höfischen Epik wurden Frauen oft getadelt in Form von physischer und auch psychischer Gewalt. Eine bekannte Form die von psychischer Gewalt zur physischen führte, war die sogenannte Keuschheitsprobe. Die Keuschheitsprobe waren Proben, die die Jungfräulichkeit einer Frau zu beweisen versuchte. Dies wurde mit Hilfe von schönen Kleidungsstücken erprobt, wie z.B. einem Mantel oder einem Handschuh, der nur derjenigen Frau passte, die makellos war. Oder aber auch mit Hilfe eines Zeichen Bechers, aus dem eine Frau nur trinken konnte, wenn sie ganz „rein“ war. Passte beispielweise der Mantel einer Frau nicht, weil sie zu kurz war und nur bis zu den Fußknöcheln reichte oder der Mantel hinten oder vorne hochstand, war dies ein Zeichen für die Gegenstellung der Keuschheitsgebote. Frauen wurden am Artushof, die ein Zeichen höfischer Tugendhaftigkeit darstellte, verspottet und verachtet, wenn sie Makeln aufwiesen. Im höfischen Epos wurde auch oft über Frauengewalt erzählt. Benachteiligung, Entwürdigung, Qual und körperliche Gewalt an Frauen waren keine Seltenheit. Die Aspekte standen in einem Kontrast zu der offiziellen

Frauenverherrlichung der Gattung.[19] Den Dichtern war dies offenbar nicht ganz bewusst, denn die Schlechterstellung der Frau war ganz normal, wenn es um Erbangelegenheiten oder um die Verfügung über persönlichen Besitz ging.[20] Überraschend war es im höfischen Epos auch nicht, wenn Frauen wie eine einfache Sache behandelt wurden. „Ohne männlichen Beistand waren sie den größten Ungerechtigkeiten ausgesetzt“.[21]

2.2 Das Frauenbild im Parzival

Wolfram geht in seinem Werk bzgl. der Frauenfiguren sehr auf die Darstellung der Eigenschaften und Fähigkeiten ein. Die wichtigen Frauenfiguren gelten als Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. In keinem anderen höfischen Roman des Hochmittelalters treten wichtige und entscheidungstragende Frauen auf als in Wolframs ‚Parzival‘.

In Wolframs Parzival wird zum ersten Mal in Buch I. über Frauen gesprochen. Der Erzähler möchte etwas über „wîplichez wîbes reht“[22] erzählen. Zu Beginn fällt eine Positivität und zugleich auch eine Art „Warnung“ an die Frauen im ersten Buch auf; so beschreibt der Erzähler „für diu wîp stôze ich disiu zil. Swelhiu mîn râten merken will, diu sol wizzen war si kêre ir prîs und ir êre, und wem si dâ na^ch sî bereit minne und ir werdekeit, so daz si niht geriuwe ir kiusche und ir triuwe.“ (Buch I. 2/3,

[...]


[1] Vgl. Hartmann, Heiko: Einführung in das Werk Wolframs von Eschenbach. Darmstadt 2015.

[2] Vgl. https://www.leben-im-mittelalter.net/gesellschaft-im-mittelalter/frauen.html

[3] Vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 2008. S. 454.

[4] Ebd. S. 455.

[5] Siehe mittelhochdeutsches Wörterbuch: http://www.koeblergerhard.de/mhd/mhd_h.html

[6] Vgl. Bumke (2008). S. 78.

[7] VgL. http://worterbuchdeutsch.com/de/hofisch

[8] Bumke (2008). S. 79.

[9] Vgl. Bumke (2008). S. 25.

[10] Bumke (2008). S. 120.

[11] Vgl. Bumke (2008). S. 24-26.

[12] Zitiert nach: Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts. In: Bumke (2008). S.451

[13] Bumke (2008). S. 452.

[14] Vgl. Bumke (2008). S. 452.

[15] Vgl. Zitat von Thomasin von Zerklaere, In: Bumke (2008). S. 452.

[16] Vgl. Bumke (2008). S. 453.

[17] Vgl. ebd. S. 453.

[18] Ebd. S. 459.

[19] Vgl. Ebd. S. 464.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Künftig zitiert nach: Wolframs von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text. Nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Berlin 1998. S. 6.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild und die Minne in Wolframs von Eschenbach "Parzival"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik)
Veranstaltung
Erzählverfahren und Strategie in Wolframs Parzival
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V381467
ISBN (eBook)
9783668578944
ISBN (Buch)
9783668578951
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenbild, Parzival, Wolfram von Eschenbach, Minne, 12. Jahrhundert, Roman, Mediävistik, Dichtung
Arbeit zitieren
Büsra Tasdemir (Autor), 2016, Das Frauenbild und die Minne in Wolframs von Eschenbach "Parzival", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381467

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