Der Zerfall Jugoslawiens und die Entstehung des kroatischen Nationalstaats


Seminararbeit, 2002
11 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Pulverfass Balkan

2. Die multiethnische Gesellschaft und ihr Zerfall
2.1 Zur Gesellschaftsstruktur Jugoslawiens
2.2 Definition des Begriffes „Nationalismus“
2.3 Nationalismus und Gewalt
2.4 Eskalation und Kriegsverbrechen

3. Kroatiens Weg zur Nation
3.1 Der historische Rahmen
3.2 Die Herausbildung des kroatischen Nationalismus
3.3 Nationale Konsolidierung

4. Krieg, Nachkriegsordnung und Separation
4.1 Radikalisierung und Ustaða
4.2 Der „Kroatische Frühling“
4.3 Der Weg in die Unabhängigkeit

5. Die Notwendigkeit einer neuen Sichtweise

Literaturverzeichnis

1. Das Pulverfass Balkan

Wenn vom „Pulverfass Balkan“[1] die Rede ist, dann wird gemeinhin von den Konflikten und von dem möglichen Konfliktpotential der Völker und Staaten auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien gesprochen.[2] Dieses Klischee scheint in starkem Maße die abwertende und zum verächtlichen neigende mitteleuropäische Haltung zu diesen Völkern zu kennzeichnen. Bismarck will 1878 auf dem Berliner Kongress noch das „orientalische Geschwür“ heilen[3], für Hans-Peter Schwarz ist es ein „tribalistischer Nationalismus“[4] und die Süddeutsche Zeitung schreibt mit großer Selbstverständlichkeit von den „wild gewordenen albanischen Nationalisten“ und „wild gebliebenen Serben und Kroaten“[5]. Solche arroganten und respektlosen Redensarten sind jedoch nicht angebracht, zumal auf stereotypierenden Niveau verstellen sie allzu leicht den Blick für eine qualifizierte Beurteilung komplexer Geschehen, wie die vergangenen elf Jahre es oft genug gezeigt haben.

Gestützt auf wissenschaftlicher Literatur, als auch auf Zeitungsartikeln und Internetveröffentlichungen soll hier ein Teilaspekt der moderneren Konfliktgeschichte ausgeleuchtet werden. Die vorgelegte Arbeit wird sich im Folgenden mit dem Begriff des „Nationalismus“ auseinander setzen, einen Abriss der modernen Konfliktgeschichte liefern, dies am Beispiel der Geschichte Kroatiens[6] verdeutlichen und am Schluss mit einem Fazit enden.

2.Die multiethnische Gesellschaft und ihr Zerfall

2.1 Zur Gesellschaftsstruktur Jugoslawiens

Allgemein lassen sich die Gesellschaften Südosteuropas als „multiethnisch, multireligiös, multikulturell und vielsprachig“[7] bezeichnen, wobei das ethnische im Zerfallsprozess die größte Bedeutung hatte. Diese Charakterisierung traf im besonderen Maße auf den Staat zu, der seit dem Ende des Ersten Weltkriegs als „Jugoslawien“ auf den politischen Landkarten vorzufinden war. Allein zwanzig verschiedene Völkerschaften gingen 1918 im neugegründeten „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ auf.[8] Die Unmöglichkeit hier ethnisch homogene Staaten zu schaffen, spiegelt sich in dieser Zahl. Deshalb ist es trotz „systematischer Vertreibung, Vergewaltigung und Völkermorde“[9], kurz und euphemistisch „ethnischer Säuberungen“[10] den Konfliktparteien nur teilweise gelungen, homogene Gebiete zu schaffen.[11] Alle Versuche dies vollständig zu erreichen, können zumindest heute als gescheitert angesehen werden. Diese ethnische Vielfalt so gut als möglich zu bewahren und den Schutz der gebliebenen Minderheiten zu sichern, ist wesentliches Ziel des Stabilitätspaktes. Dort wo jedoch nicht wie in Slowenien und Kroatien – beide wollen in die EU – ein politisches Interesse an einer pluralen Gesellschaft besteht, wird diese Multiethnizität derzeit durch ein massives Aufgebot an Schutztruppen, wie in Makedonien, Bosnien und Herzegowina und dem Kosovo, gesichert.[12]

2.2 Zur Definition des Begriffs „Nationalismus“

Zu dem Standardrepertoire in der medialen Berichterstattung zu dem Geschehen in Ex-Jugoslawien gehört der wichtige Begriff des „Nationalismus“. Es stellt sich also die Frage, worin die besondere Charakteristik dieser Bezeichnung im verwendeten Kontext liegt. Zwei Stellungnahmen sollen hier Klärung bringen. Im gleichnamigen Werk versteht Peter Alter darunter eine „extreme Ideologie“, die durch „Formen kollektiver Selbstsucht und Aggressivität im vorgeschobenen Namen der Nation“ gekennzeichnet sei.[13] Darin stimmt er mit Eric Hobsbawms Meinung überein, der jedoch eine weitere Dimension herausstellt: Nationalismus ist hier „die Erfindung der Vergangenheit“[14], um in einer „unsicheren und wankenden Welt Sicherheit“[15] durch die Aussage „'wir sind anders und besser als die anderen'“[16] zu finden.

2.3 Nationalismus und Gewalt

Das beantwortet aber nicht die Frage, warum das nationale Streben nach eigener Staatlichkeit zu einer derartigen Eskalation der Gewalt geführt hat. Stefan Troebst unterscheidet hierzu allgemein drei Erklärungsrichtungen. Die erste hält Gewalt für eine zwangsläufige Erscheinung des Nationalismus, die zweite sieht die Entartung als mögliche Variante der Eskalation. Das dritte Erklärungsmodell betrachtet ethnische Spannungen und gewaltförmige Ausbrüche getrennt. Das heißt, in dieser Sichtweise ist die Benutzung von Gewalt eine der möglichen Optionen für die sich die Gegner gezielt entscheiden, besonders wenn sie sich dem Andern gegenüber unterlegen fühlen.[17] Und in allen Auseinandersetzungen im 19. und 20. Jahrhundert traf Letzteres abwechselnd auf alle Parteien dort zu – sowohl das Gefühl der Unterlegenheit und die gezielte Entscheidung zur Anwendung von Gewalt.

2.4 Eskalation und Kriegsverlauf

Das Bild von „Bandenüberfällen“[18] versperrte zunächst den Blick auf eine Realität, die man in der sogenannten westlichen Welt nicht wahrhaben wollte: dass der systematische Völkermord wieder nach Europa zurückgekehrt war, dass Machthaber sich wieder ganz bewusst der Grausamkeit als Waffe bedienten. Was die Situation für ausländische Beobachter immens schwierig machte, war die Art, wie die Eskalation seit dem 25. Juni 1991, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens und Kroatiens, verlief. Im Gegensatz zu den kurzen Scharmützeln mit der Jugoslawischen Volksarmee in Slowenien, traten in der kroatischen Krajina und ab 1992 in Bosnien-Herzegowina, hier zunächst Milizen und Paramilitärs brutal in Erscheinung. Dass die Art der „Bandenüberfälle“[19] mit ihren Verbrechen keine „Begleiterscheinung der allgemeinen Gewalteskalation“[20] war, fiel der UNO erst im Sommer 1992 auf.[21] Doch erst nach dem Friedensschluss von Dayton im November 1995 wurde langsam das ganze Ausmaß der Kriegsverbrechen offenkundig. Hauptanklagepunkte der Menschenrechtskommission gegen verschiedene Beteiligte beziehen sich auf „Deportationen, Internierungen, Vergewaltigungen, Folter, Verstümmelungen, Mord“.[22]

[...]


[1] Der geläufige Begriff wird unter anderem bei Steinke, Klaus (1999): Sprachen, in: Hatschikjan/ Troebst (Hg.): Südosteuropa, München, S. 395, verwendet.

[2] „Balkan“ ist jedoch nicht, wie landläufig gemeint und geschrieben wird, pauschal mit „Jugoslawien“ gleichzusetzen, besteht es doch, vereinfacht gesagt, aus der gesamten „ins Mittelmeer hineinragenden Halbinsel SO-Europas“ (Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden 1967). Eine genauere und differenziertere Begriffsklärung hierzu findet sich auch im Vorwort bei Jäger, Friedrich (2001): Bosniaken, Kroaten, Serben – Ein Leitfaden ihrer Geschichte, Frankfurt am Main, S. 10-12.

[3] Vgl. Münch, Peter: Das Balkan-Trauma, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 142, 23.06.2001.

[4] Schwarz, Hans-Peter (2000): Weltpolitik im alten Jahrhundert. Drei Perspektiven – 1900, 1905, 1999, in: Kaiser/Schwarz (Hg.): Weltpolitik im neuen Jahrhundert, Bonn, S.26.

[5] Münch (23.06.2001).

[6] Die Schreibweise von Personen- und Ortsnamen orientiert sich an der in der Forschungsliteratur verwendeten Orthografie.

[7] Steinke, München (1999), S. 395.

[8] Vgl. Calic, Marie-Janine (1996): Das Ende Jugoslawiens, in: Informationen zur politischen Bildung aktuell, Bonn, S. 1.

[9] Münch (23.06.2001).

[10] Diesen Ausdruck finde ich aufs gravierendste unpassend. Bezeichnenderweise wurde er in den frühen Konfliktjahren, als die Weltgemeinschaft sich noch im tatenlosen Zusehen übte, geprägt.

[11] Siehe dazu auch Sundhaussen/Hänsel (Hg.) (2001): Konfliktregionen Südosteuropas im Zeitalter des Nationalismus(Teil 1-2), Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts, Berlin.

[12] Vgl. Münch (23.06.2001).

[13] Alter, Peter (1994): Nationalismus, München, S. 17-20.

[14] Hobsbawn, Eric: Die Erfindung der Vergangenheit, in: Die Zeit Nr. 37, 09.09.1994.

[15] Ebd..

[16] Ebd..

[17] Siehe Troebst, Stefan: Ist multiethnische Gesellschaft rekonstruierbar? Von den Kriegen in Jugoslawien zum Stabilitätspakt für Südosteuropa, in: Berliner Osteuropa Info 15/2000, S. 21-22.

[18] Sartorius, Peter: Plan A, Plan B und das Verhängnis, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 143, 25.06.2001.

[19] Ebd..

[20] Calic, Bonn (1996), S. 9.

[21] Ebd..

[22] Ebd..

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Details

Titel
Der Zerfall Jugoslawiens und die Entstehung des kroatischen Nationalstaats
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Institut für Politikwissenschaften)
Note
1,2
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V3816
ISBN (eBook)
9783638123587
ISBN (Buch)
9783638841733
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugoslawien, ethnische Säuberung, Nationalismus, Kroatien, Ante Starcevic, Ustasa
Arbeit zitieren
Felix Hessmann (Autor), 2002, Der Zerfall Jugoslawiens und die Entstehung des kroatischen Nationalstaats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3816

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