Die Entwicklung der nationalen Frage in Deutschland im 19. Jh.


Hausarbeit, 2001

25 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Voraussetzungen

2. Erste Aufstände gegen den französischen Hegemonialanspruch in Europa

3. Entstehender Nationalismus in Deutschland unter dem Druck napoleonischer Besatzung

4. Die Befreiungskriege
4.1 Vom Ausbruch des Vaterländischen Krieges bis zur Konvention von Tauroggen
4.2 Die preußische Erhebung
4.3 Die Feldzüge der Alliierten

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Voraussetzungen

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation wurde am 6. August 1806 begraben. Gestorben war es schon viel eher. Als das Direktorium Frankreichs im November 1799 von einem ebenso fähigen wie populären General Napoleon Bonaparte abgeschafft und Frankreich in eine Militärdiktatur verwandelt wurde, führte die revolutionäre Dynamik Frankreichs ganz den Befürchtungen der alten Mächte zur Überwindung des Status quo. Die Koalitionskriege der europäischen Mächte gegen Frankreich hatten sich während des 1. beziehungsweise spätestens im 2. von einem Defensivkrieg für Frankreich zu einem nationalem Eroberungskrieg der Franzosen gewandelt.1

Nachdem in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz Napoleon die Oberhand behalten hatte und Österreich Frieden schließen musste, während Preußen seine strengste Neutralität erklärt hatte, kam es 12. Juli 1806 zum formellen, aber trotzdem entscheidenden Dolchstoß gegen das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Der Rheinbund wurde gegründet. Ein Zusammenschluss von 16 deutschen Fürsten, die sich damit von Kaiser und Reich lossagten und unter das Protektorat Napoleons stellten. Das Reich war mittlerweile nicht mehr als ein leerer Rahmen, was auch der habsburgische Kaiser Franz I. erkannte, und am besagten Tage die Kaiserkrone niederlegte.2 Damit war das Gerüst zerfallen, denn spätestens nach Preußens letztem Aufbäumen und der Doppelschlacht, beziehungsweise Doppelniederlage bei Jena und Auerstedt standen die deutschen Partikularstaaten führerlos da. Der darauffolgende Friedensvertrag von Tilsit war eher ein Diktat gegen Preußen als ein vereinbarter Friede, da es fast die Hälfte seines Gebietes abtreten musste. Napoleon hatte Europa bis an die Grenzen Russlands hin unterjocht, die deutschen Fürstenstaaten militärisch besiegt und okkupiert, oder aber wie im Fall der Rheinbundstaaten großen Einfluss, wenn nicht sogar die eigentliche Führung inne. Die Geschicke Deutschlands lagen in Napoleons Hand.

Noch viel bedrückender als die eigentliche Niederlage waren die Kontributionen und Truppen für seine Heereserhaltung, bzw. -vergrößerung die er von allen deutschen Staaten forderte. Weiterhin musste man der Kontinentalsperre gegen England beitreten, welche Englands Wirtschaft zugunsten Frankreichs nachhaltig schwächen sollte. Sehr von Bedeutung wurde auch die Begrenzung der preußischen Armee auf 42 000 Mann, welche ohne Landwehr und Volksbewaffnung auskommen musste. Besonderes Leid litten allerdings die gemeinen Bauern und Arbeiter, welche zu den Abgaben und Leistungen, welche sie an die im immer noch feudalen Preußen (wenn auch größtenteils Ostpreußen ) vorherrschenden Junker zu zahlen hatten, auch noch Reparationszahlungen und Kriegsdienste an eine fremde Hegemonialmacht leisten mussten.[1] Deutschlands Rahmen war ebenso wie seine territorialen Staaten militärisch besiegt, Frankreichs Truppen hielten sie besetzt.

Diese Arbeit ist nun bestrebt die Entwicklung in den deutschen Staaten, hauptsächlich Preußen, zu betrachten und zu untersuchen und den Weg zum Befreiungskrieg gegen das bonapartistische Frankreich nachzuvollziehen. Betont werden soll dabei der aufkeimende Nationalismus, der spätestens ab 1809 immer deutlicher vor allem in Literatur und Philosophie, aber auch in der deutschen Bevölkerung und bei etlichen Patrioten zutage trat. Unabdingbar ist hierfür die zumindest überblickshafte Betrachtung der Aufstände in Spanien und Tirol, welche durchaus mit den Entwicklungen in Deutschland in Verbindung stehen. Betrachtet werden soll aber auch die im Zusammenhang mit Napoleons Niederlage im Vaterländischen Krieg stehende Konvention von Tauroggen, welche die Wende einläutete und Preußen in einen nationalen Volkskrieg brachte.

Schlussendlich sollen natürlich auch die Befreiungskriege als solches und ihr Verlauf Thema sein.

„Die Befreiungskriege – Produkt oder Ursprung von deutschem Nationalismus?“, diese Fragestellung möglichst differenziert zu betrachten, will sich diese Arbeit zur Aufgabe machen.

2. Erste Aufstände gegen den französischen Hegemonialanspruch in Europa

War Napoleon zu Beginn seiner expansiven Außenpolitik von großen Teilen der besiegten Bevölkerungen nicht nur als Inbegriff des fremden Herrschers sondern auch als Träger des revolutionären Gedankens und Ideals betrachtet worden, so sahen sich die besetzten Staaten und Fürstentümer zunehmend immer mehr dem Napoleon gegenüber, der den politischen Aufstieg über große Taten als General auf dem Schlachtfeld erreichte. Viel wurde von ihm vor allem in den Rheinbundstaaten erhofft, sah man doch am Beispiel Frankreichs dass es Kraft des Volkes, respektive des Bürgertums durchaus möglich war, Alternativen zu einem absolutistischen Staat zu erreichen. Ein Hauch von Revolution und Demokratie schwang also mit, als deutsche Staaten von französischen (Revolutions-)Soldaten besetzt wurden, welche die in den Augen der gemeinen Menschen ohnehin verachteten Fürsten militärische besiegt hatten. Hoffnungsschimmer brachte folglich auch der „Code Civil“, ein auch in wenigen deutschen Staaten eingeführtes Gesetzbuch Napoleons, welches die Errungenschaften der französischen Revolution rechtlich festschrieb.[2]

Doch auch wenn Napoleon durchaus bemüht war in den okkupierten Ländereien nicht als barbarischer Tyrann aufzutreten und das deutsche Volk durchaus am Fortschritt und den Errungenschaften der Revolution teilhaben ließ, wurde seine Hoheit über die Staaten weitestgehend als Unterdrückung angesehen. Die Stimmung begann in den von Frankreich besetzten Staaten umzuschlagen – sie wurde zunehmend franzosenfeindlich.[3]

So auch in Spanien, wo 1807 solch gravierende Spannungen und Zwistigkeiten im Königshaus zutage traten, dass Napoleon sich entschloss die Instabilität und die Streitigkeiten der Herrscherfamilie für seine Zwecke zu nutzen. Er lud im Frühjahr 1808 die bourbonische Königsfamilie unter einem Vorwand nach Frankreich und setzte sie kurzerhand ab. Nachdem er die Abdankung erzwungen hatte, bestieg sein Bruder Joseph Bonaparte als Statthalter den spanischen Thron.[4] Doch das katholische Volk Spaniens war alles andere als folgsam – es erhob sich. Der spanische Aufstand war weitestgehend von regionalem Charakter, basierte er doch auf dem Unmut des gemeinen Volkes, in seinem Kampf von besitzenden Schichten und Beamtenschaft im Stich gelassen.[5]

Der französische Diktator sah sich fortan einem Kleinkrieg, der späteren Guerillaart nicht unähnlich, gegenüber, getragen vor allen Dingen von Bauern, Mönchen, Studenten, in welchem herkömmliche Kriegsführung nicht den Erfolg hatte, der ihr auf französischer Seite bisher beschienen war. So mussten im weiteren Verlauf des öfteren größere französische Truppenverbände vor spanische Partisanenverbänden kapitulieren.[6] Besonders der Klerus machte sich die Rebellionsstimmung, die im Volk herrschte, zunutze. Das aufgeklärte, revolutionierte napoleonische Frankreich verkörperte sowohl den Aufbruch in eine neue, in den Augen der Spanier schlechtere Zukunft, als auch die zwangsläufige Abkehr vom Katholizismus, denn gerade in diesem Punkt wurden das französische Volk in seinen Lebensgewohnheiten verletzt.[7]

Hinzu kam, dass das aufständische Spanien schon bald materielle Unterstützung seitens der Engländer, welche durch eine Wirtschaftsblockade, der Kontinentalsperre, von den Franzosen wirtschaftlich isoliert wurden, erhielten, was die Niederwerfung der Aufstände durch Napoleon natürlich deutlich verzögerte.[8] Auch wenn den Spaniern auf lange Sicht kein eigenständiger militärischer Sieg beschienen sein sollte, das Fanal, welches sie damit setzen erreichte seine Wirkung. Patrioten anderer Länder sahen in den rebellierenden Spaniern eine Art Vorbild, dem man es gleich tun sollte. Der spanische Rebellionskrieg zehrte nicht unwesentlich an Napoleons militärischen Kräften. Die Folge dessen war, dass er aus der Bedrängnis heraus um die Gunst beziehungsweise die Neutralität Russlands werben musste – eine ungewohnte Verhandlungsposition, war ihm doch Bitten weit mehr fremd als das Befehlen.[9] Und so sicherte er sich auf dem zur Huldigung des Kaisers veranstalteten Erfurter Fürstentag die zeitweilige Neutralität des Zaren Alexander im Krieg gegen England, auch wenn für die Ruhe im Osten große geographische Zugeständnisse und Abtretungen gemacht werden mussten. Aufgrund dieser Sicherheiten sah sich Napoleon imstande 200000 Mann aus Mitteleuropa abzuziehen, in Spanien einfallen und Madrid erobern zu lassen. Dieser Übermacht waren die Aufstände bei weitem nicht gewachsen, aber umso heftiger entbrannte der Partisanenkrieg gegen die ortsunkundigen Franzosen, welcher auch bis zum Ende der französischen Besatzung in Deutschland kein Ende nehmen sollte.[10]

Österreich sah in der Schwächung der militärischen Präsenz Napoleons in Mitteleuropa, beziehungsweise seiner Konzentration auf die Niederwerfung der spanischen Unruhen seinerseits die Chance, der Okkupation ein Ende zu bereiten. Und so begann man schon im Sommer 1808, also noch im Vorfeld des Erfurter Fürstentages mit dem Rüsten und Vorbereiten für einen Krieg gegen die Besatzer. Österreichs Führung war ob der Siegchancen recht optimistisch, rechnete man doch mit der Gunst des Zaren und eventuell sogar mit Unterstützung durch die Preußen. Umso mehr enttäuscht waren Österreichs Patrioten, als beide Hoffnungen sich kurzerhand zerschlugen. Preußen gelangte mit Frankreich im September 1808 zu einem neuen Vertrag, welcher den Abzug großer französischer Truppenverbände garantierte, aber neue Belastungen für das preußische Volk brachte.[11] Russland schied nach der Einigung mit dem Kaiser der Franzosen auf dem Erfurter Fürstentag wie oben erläutert ebenfalls als Bundesgenosse aus. Dass Alexander Österreich über versicherte nur einen Scheinkrieg auf Seiten der Franzosen zu führen, stellte da eher einen schwachen Trost dar.[12] Trotz der nicht vorhandenen Alliierten, und ob des Vorteils der Abwesenheit der zur Sicherung Spaniens entsandten französischen Truppen, sollte es im April 1809 zu ersten Kämpfen gegen die Franzosen, bzw. die mit ihnen verbündeten Rheinbundtruppen kommen. Jedoch verpasste man die Möglichkeit eines gezielten Überraschungsangriffes dadurch, die ersten Operationen nur zögerlich durchzuführen. Hier lag der entscheidende taktische Fehler. Anstatt den einzigen Vorteil den die österreichischen Truppen besaßen, nämlich das Überraschungsmoment, auszunutzen, verlor man soviel Zeit, die Verbände aufzuteilen und gegen Bayern zu schicken, dass es Napoleon noch vor dem ersten Kampf gelang, seine verstreuten Truppen zu konzentrieren, selbst die Initiative zu ergreifen und einen Präventivschlag zu führen.[13] Zwar gelang es der österreichischen Vorhut am 12. 4. 1809 bis nach München vorzudringen, der Rückzug vor den nun angreifenden napoleonischen Truppen am 22. 2. aber artete zunehmend in eine Flucht aus.[14] Durch das unentschlossene Agieren der Habsburgermonarchie gelang es den napoleonischen Verbänden in mehreren kleineren Scharmützeln, also ohne eine große, offene Feldschlacht auszufechten, das österreichische Heer um 40000 Soldaten zu dezimieren. Österreich hatte die Initiative verloren, Napoleon machte es nun zu seinem Krieg.[15] Doch dieser Krieg stand unter einem anderen Zeichen als dem der Koalitionskriege. Es wurde an das Volk, ja an die deutschen Bürger im allgemeinen appelliert.

„Unsere Sache ist die Sache Deutschlands. Mit Österreich war Deutschland selbständig und glücklich; nur durch Österreichs Beistand kann Deutschland wieder beides werden.“[16], forderte Erzherzog Karl von Österreich schon im April 1809 zu Beginn des Krieges in seinem Aufruf „An die deutsche Nation“. Dieser Aufruf war ebenso an die Preußen und die Bewohner der Rheinbundstaaten gerichtet, wie an die Österreicher selbst.

Auch wenn die Deutschen als solche nicht in einen nationalen Befreiungskrieg traten, die Tiroler taten es, waren sie doch 1805 an Bayern übereignet und der Fremdherrschaft unterstellt worden. Mehrere Faktoren ließen Unmut und Hass in den Tirolern aufkeimen. Zum einen wurden grundlegende Verhältnisse der Bewohner durch Verwaltungszentralisierung starken Veränderungen unterworfen, wirtschaftlicher Aufschwung war nicht in Sicht. Zum anderem stiegen die steuerlichen Belastungen, Versuche den Einfluss des Klerus´ auf das gemeine Volk auch oder sogar durch Verhaftungen populärer Prediger zu minimieren, kehrten sich in das exakte Gegenteil. Am schwerwiegendsten war jedoch die Tatsache, dass Tirol als Teil Bayerns und damit automatisch des Rheinbundes, verpflichtet war Truppenkontingente für den französischen Kaiser zu stellen. Der Unmut war folglich nachvollziehbar, der Wunsch unter die ursprüngliche, in diesem Falle österreichische Herrschaft zurückzukehren, war wie in anderen von Napoleon besetzten Staaten dementsprechend groß.[17]

[...]


1 vgl. Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19.Jh.; 3.Aufl. Bonn 1989, S.46

2 vgl. www.voelkerschlacht-bei-leipzig.de/abris/abris.htm

[1] Kamnitzer, Heinz: Wider die Fremdherrschaft; Berlin 1962, S.18

[2] vgl. Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19.Jh.; 3.Aufl. Bonn 1989, S.48 f.

[3] vgl. ebd., S.49ff

[4] vgl. Streisand, Joachim: Deutschland 1789-1815; 5.Aufl. Berlin 1981, S. 172

[5] vgl. Koch, Hannsjoachim W.: Die Befreiungskriege 1807 – 1815, 2. Aufl., Berg 1998

[6] vgl. ebd.

[7] vgl. Streisand, Joachim: Deutschland 1789-1815; 5.Aufl. Berlin 1981, S. 173

[8] vgl. Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19.Jh.; 3.Aufl. Bonn 1989, S. 50

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. Streisand, Joachim: Deutschland 1789-1815; 5.Aufl. Berlin 1981, S. 175f

[11] vgl. ebd. S. 174

[12] vgl. Streisand, Joachim: Deutschland 1789-1815; 5.Aufl. Berlin 1981, S. 177

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. Koch, Hannsjoachim W.: Die Befreiungskriege 1807 – 1815, 2. Aufl., Berg 1998

[15] vgl. Streisand, Joachim: Deutschland 1789-1815; 5.Aufl. Berlin 1981, S. 177

[16] Erzherzog Karl von Österreich; zitiert in: Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770 – 1990; München 1999

[17] vgl. Streisand, Joachim: Deutschland 1789-1815; 5.Aufl. Berlin 1981, S. 178

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der nationalen Frage in Deutschland im 19. Jh.
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Geschichte)
Veranstaltung
Nation & Nationalismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V38189
ISBN (eBook)
9783638373401
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Frage, Deutschland, Nation, Nationalismus, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Martin Röw (Autor), 2001, Die Entwicklung der nationalen Frage in Deutschland im 19. Jh., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38189

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