Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
10 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Hildebrandslied
2.1 Uberlieferungsort und -form
2.2 Versform und Gattung
2.2.1 Stabreimvers
2.2.2 Heldenlied
2.3 Der Inhalt des Hildebrandsliedes

3. Der Vater-Sohn-Konflikt

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Hildebrandslied gehort zu den bedeutendsten Werken der Althochdeutschen Literatur und ist in althochdeutsch-altsachsischer Mischsprache verfasst[1]. Obwohl im Mittelalter viele ahnliche Heldenlieder geschrieben wurden und uns heute noch erhalten sind, haben wir aus dem fruhen Mittelalter kein anderes Heldenlied, auber dem Hildebrandslied, deswegen ist es auch das wichtigste Zeugnis der mundlichen Heldentradition[2]. Entstanden ist es hochstwahrscheinlich in der Mitte des achten Jahrhunderts[3]. Es handelt um das Aufeinandertreffen des Vaters Hildebrand mit seinem Sohn Hadubrand, nachdem dieser (Hildebrand) viele Jahre lang auf Reise war, um als Kriegsheer zu dienen[4]. Da er seinen Vater nicht erkennt kommt es zum Kampf, welcher ohne Ausgang bleibt, da die Handschrift an dieser Stelle abbricht[5]. Im Groben und Ganzen bespricht und umfasst das Hildebrandslied viele Themengebiete und Erscheinungen, die typisch fur die mittelalterliche Literatur und Heldendichtung sind. Beispielsweise werden Aspekte wie Kriegerehre gegen Verwandtenliebe oder andere Normenkonflikte behandelt[6]. Auch typisch fur die erzahlerische Struktur der Heldenlieder im Mittelalter ist der Anfangssatz des Hildebrandsliedes: „Ik gihorta dat seggen“ also „Ich horte jemanden sagen“7. In der modernen Forschung ist es eines der Werke, in welchem es kaum Konsens zwischen den Wissenschaftlern gibt. So sagt der bekannte Mediavist Siegfried Gutenbrunner: „Man kann fast sagen: wie einst die Kunstler der Stabreimzeit jeweils ihr Hildebrandlied vortrugen, so liest heute ein jeder sein Lied...“8. In der folgenden Arbeit werde ich zunachst ausfuhrlicher uber den Uberlieferungsort, der Uberlieferungsart und der Form sprechen. Dann werde ich einen kleinen Einblick in die Gattung der Heldenlieder und eine kurze Inhaltsangabe des Hildebrandsliedes geben . Anschliebend analysiere ich die Vater-Sohn- Konstellation, welche ein haufig auftretendes Phanomen der mittelalterlichen Literatur darstellt[9].

In meinem Schluss werden der aktuelle Forschungsstand und andere interessante

Diskussionspunkte hinsichtlich des Hildebrandsliedes diskutiert.

2. Das Hildebrandslied

2.1 Uberlieferungsort und -form

Das Hildebrandslied besteht aus zwei Blattern und wurde von Fuldaer[10] Schreibern in karolingischer Minuskel[11] in Pergament niedergeschrieben. Die Handschrift bricht gegen Ende ab und man kann die gesamte Schlussszene nicht mehr erkennen. Auf dem Pergament sind dunkle Flecken, die das Lesen deutlich erschweren. Die Ursache dafur konnte Gallustinktur sein, welche benutzt wurde um schwer lesbare Stellen kurzzeitig lesbarer zu machen. Leider dunkeln sich die behandelten Stellen nach einiger Zeit ab.[12] Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Handschrift nicht mehr auffindbar. Erst im Jahre 1955 wurde sie in den USA wiederentdeckt und zuruck nach Deutschland gebracht[13]. Entstanden ist das Hildebrandslied in Oberitalien, wo es auch spielt. Gefunden wurde die Abschrift, aber in Fulda[14]

2.2 Versform und Gattung

2.2.1 Stabreimvers

Der Stabreimvers stellte in der Literatur des fruhen Mittelalters eine gangige und beliebte Versform dar, welche besonders oft in den Heldenliedern vorkam. Schriftliche Zeugnisse belegen, dass er nicht nur in der germanischen Literatur verwendet wurde, sondern auch in altenglischen und altnordischen Heldenliedern[15]. Der Stabreimvers besteht aus zwei Teilen: dem Anvers (1.Halfte) und dem Abvers (2.Halfte). Jeweils ist ein Wort im Abvers mit einem Wort im

Anvers verbunden. In folgendem Beispiel sind die beiden verbundenen Worter unterstrichen: „so man mir at burc enigeru banun ni gifasta“16. Die Stabe liegen meist auf den bedeutungsschwereren Wortern[16] [17], da sie manchmal auch die Funktion innehaben deren Gewicht zu bekraftigen. Es staben in der Alliteration in der Langzeile meist die erste und zweite Haupthebung des Anverses[18]. Die erste Hebung des Abverses beinhaltet den sogenannten „Hauptstab“. Alle anderen heiben Nebenstabe. Das Muster kann man an folgender Darstellung sehen : ax ax; xa_ax; aa ax

(a= Hauptstab, a= Nebenstab, x= Hebung ohne Stab)[19].

2.2.2 Heldenlied

Die ersten germanischen Heldenlieder stammen aus dem gotischen Raum und wurden um das Vierte Jahrhundert verfasst. Ebenfalls bedienten sich die altnordische und altenglische Literatur dieser Gattung[20]. Meist behandelt Heldendichtung Umrisse von wahren historischen Begebenheiten, wie man am Beispiel des Hildebrandsliedes erkennen kann. Es handelt hochstwahrscheinlich um den Ostgotenkaiser Theoderich und seiner Exilsage, in welche er nach 30 Jahren Krieg in sein Reich zuruckkehrte. Seine Herrschaft dauerte von 493-526 n. Chr. und fand in Italien statt[21]. Trotz dieser geschichtlichen Rahmenszenen, kann man Heldenlieder keinesfalls als historische Quellen verwenden, da es oft vorkommt es vor, dass erfundene Personen mit eingefugt werden oder historische Protagonisten sich treffen, obwohl sie in Wahrheit Jahrhunderte voneinander entfernt lebten[22]. Um dieses Phanomen genauer zu verdeutlichen, erklare ich die Rolle des historischen Theoderichs im Vergleich mit dem im Hildebrandslied vorkommenden Theoderich. So heibt es im Hildebrandslied Zeile 17-19: „ih heittu Hadubrant. Forn her ostar giweit, floh her Otachres nid, hina miti Theotrihhe enti sinero deganofilu“.

SinngemaB bedeutet dies im Neuhochdeutschen:

„Mein Name ist Hadubrant. Einst ist mein Vater nach Osten gezogen, auf der Flucht vor Odoakers Hass, zusammen mit Theoderich und vielen seiner Krieger “[23].

Daran erkennt man, dass zwei historische Figuren behandelt werden: Der Germane Odoaker, welcher im Jahre 476 den letzten romischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte und somit das Westromische Reich beendete und der Gotenkonig Theoderich, welcher das Gotenreich in Italien begrundete. Im Hildebrandslied flieht Theoderich mit Hildebrand vor Odoaker, aber in Wahrheit totet Theoderich Odoaker bei einem Abendessen und „racht“ somit Augustulus. Somit sehen wir an diesem Beispiel, dass das historische Gegenteil im Hildebrandslied berichtet wurde[24]. In dieser Arbeit werden viele verschiedene Themen und Merkmale von germanischer Heldendichtung aufgezeigt. Vor allem Rechtsvollzuge durch Racheakte, Treue des Gefolgsmannes gegenuber des Gefolgsherrn, Bewahrung eines Lebensraumes oder auch Verluste eines Lebensraumes[25]. Obwohl Heldenlieder wie oben erwahnt historisch viele Schwachen aufweisen, bewahren sie Stammesnamen und Stammesorte erstaunlich genau.[26] Die Gattung der Heldenlieder besitzt in der germanischen Literatur bis heute einen groBen Wert, da sie zur damaligen Zeit zur gepflegten Poesie gehorten und einen Teil des Fundamentes der germanischen Literatur bildeten. Karl der GroBe hatte eine groBe Sammlung altgermanischer Heldendichtung, da er das kulturell-literarische Erbe bewahren wollte und so kam es, dass sie viele Jahrhunderte uberdauerten und uberlebten[27].

Nacherzahlungen und Hinweise spaterer Autoren deuten darauf hin, dass es im fruhen Mittelalter Heldenlieder in groBer Menge gegeben haben musste. Es ist jedoch nur das Hildebrandslied erhalten[28]. Zu den wichtigsten Gattungsmerkmalen der Heldendichtung zahlen: Gebundene Strophen, welche das mundliche Uberliefern erleichterten[29], die Tatsache, dass man die Ereignisse auf die Zeit der Volkerwanderung zuruckfuhren kann[30], die anonyme Autorenschaft[31] und die Tatsache, dass fast alle Protagonisten Aristokraten sind oder gottliche Eigenschaften haben[32].

2.3 Der Inhalt des Hildebrandsliedes

Wie schon kurz in der Einleitung erwahnt, handelt das Hildebrandslied um das Zusammentreffen und den Kampf des Vaters Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand. Beide treffen sich mit ihren zwei Heeren als Feinde. Der Vater ist Gefolgsmann Theoderichs und kehrt nach 30 Jahren Exil zuruck in seine Heimat. Hadubrand halt seinen Vater aufgrund fehlerhafter Uberlieferungen fur tot und glaubt Hildebrand nicht, dass dieser sein Vater sein konnte. So heiBt es im Hildebrandslied: „des sidDetrihhe darba gistuontun fateres mines, dat uuas so friuntlaos man“. SinngemaB ubersetzt heiBt dies im Neuhochdeutschen: „Danach sollte Dietrich den Verlust meines Vaters noch sehr spuren: er war so ohne jeden Freund“[33]. Hildebrand versucht zunachst die Konfrontation zu verhindern, jedoch kommt es trotzdem zum Zweikampf. Da vor dem Ausgang des Kampfes die Handschrift abbricht, weiB man nicht genau wie es endet. Jedoch gibt es andere Quellen, die auf den Tod Hadubrands hindeuten[34].

3. Vater-Sohn-Konflikt

Das Hildebrandslied beginnt mit der folgenden Strophe: „Ikgihorta dat seggen, dat sih urhettun aenon muotin: Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem. Sunufatarungo, iro saro rihtun (V 1-4).

Dies bedeutet im Neuhochdeutschen sinngemaB: Ich horte sagen, dass sich Herausforderer einzeln trafen, Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren, Sohn und Vater, und sich ihre Rustungen richteten[35].

Das Aufeinandertreffen des Vaters mit seinem Sohn und die mogliche resultierende kriegerische Kampfhandlung sind in den ersten Zeilen erwahnt. Doch vorher reden die beiden noch uber die Situation (sogenannte „Reizreden“[36] ).

[...]


[1] Bergmann, Rolf / Moulin, Claudine und Ruge, Nikolaus: Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der alteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte. Gottingen/ Bristol, 2016.

[2] Wisniewski, Roswitha: Deutsche Literatur vom achten bis elften Jahrhundert. Berlin, 2003.

[3] Hubner, Gert: Altere deutsche Literatur. Eine Einfuhrung. Tubingen, 2006.

[4] Hubner, S.106.

[5] Hubner, S.106.

[6] Schlosser, Dieter: Althochdeutsche Literatur. Mit altniederdeutschen Textbeispielen. Auswahl mit Ubertragungen und Kommentar. Berlin, 2004.

[7] Meineke, Eckhard und Schwerdt, Judith: Einfuhrung in das Althochdeutsche. 23 Karten, 15 Abbildungen. Paderborn, 2001.

[8] Gutenbrunner, Siegfried: Von Hildebrand und Hadubrand. Lied-Sage-Mythos. Heidelberg, 1976.

[9] Sonderegger, Stefan: Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einfuhrung in das

alteste Deutsch Darstellung und Grammatik. Berlin und New York, 2003.

[10] Schmidt, Wilhelm: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch fur das germanistische Studium. Stuttgart, 2013.

[11] Schriftart circa Mitte des achten Jahrhunderts oder noch fruher. Als Entstehungsort wurde von den Wissenschaftlern lange Zeit der Hof von Karl dem Grofien angegeben. Neueste Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Schriftart alter sein konnte. Vgl hierzu: Licht, Tino: Heidelberger Wissenschaftler entdeckt fruhesten Beleg der heute gebrauchlichen lateinischen Schrift. Bearbeitungsstand: 09.11.2017, 00.07 Uhr. https://www.uni-heidelberg.de/presse/news2013/pm20130109 minuskel.html.

[12] Meineke und Schwerdt, S.123.

[13] Meineke und Schwerdt, S.123.

[14] Muller, Stephan: Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie. Althochdeutsch/ Neuhochdeutsch/ Altniederdeutsch/ Neuhochdeutsch. Stuttgart, 2007.

[15] Hubner, S.166.

[16] Hildebrandslied. In: Fruhe deutsche Literatur und lateinische Literatur in Deutschland 800-1150. Hsg von Haug, Walter und Vollmann, Benedikt Konrad. Frankfurt am Main, 1991. (Vers 52).

[17] Hubner, S.167.

[18] Stabreimvers. http://www.literaturwissenschaft-online.uni- kiel.de/glossary/stabreimvers/ (01.11.2017; 02.28Uhr).

[19] Hubner, S.168.

[20] Sonderegger, S.114-115.

[21] Muller, S. 285.

[22] Wisniewski, S.50.

[23] Schlosser, S.68.

[24] Ebenbauer, Alfred: Vorlesung mittelalterliche Heldendichtung Sommersemester 2005.www.univie.ac.at/iggerm/archive/files/VO-Heldendichtung.rtf (03.11.2017; 10.22Uhr).

[25] Wisniewski, S.50.

[26] Wisniewski, S.51.

[27] Wisniewski, S.51.

[28] Wisniewski, S.51.

[29] Siehe Abschnitt 2.2.1.

[30] Muller, S.286.

[31] Jan Assman geht davon aus, dass es eine „Poetenkaste“ gab, die beauftragt war die Dichtung moglichst fehlerfrei und originalgetreu weiterzugeben.

[32] Ebenbauer, Alfred: Vorlesung mittelalterliche Heldendichtung Sommersemester 2005.www.univie.ac.at/iggerm/archive/files/VO-Heldendichtung.rtf (03.11.2017; 13.58Uhr).

[33] Schlosser, S.68-69.

[34] Hubner, S.106.

[35] Braune, Wilhelm: Althochdeutsches Lesebuch. Tubingen, 1994.

[36] Meyer, Matthias: Auf der Suche nach Vatern und Sohnen im „Hildebrandslied“. In: Das Abenteuer der Genealogie: Vater-Sohn-Beziehungen im Mittelalter. Hrsg. v. Johannes Keller/ Michael Mecklenburg/ Matthias Meyer. Gottingen, 2006. S. 61-85.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V382073
ISBN (eBook)
9783668583474
ISBN (Buch)
9783668583481
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hildebrandslied, Heldenlied, Heldendichtung, ältere deutsche Literatur
Arbeit zitieren
Abubaker Aslamzada (Autor), 2017, Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/382073

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Hildebrandslied und die Besonderheit der Vater-Sohn-Konstellation


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden