Texte im Spiegel der Zeit. Die Methode der Wirklichkeitsmontage in "Dezember" von Alexander Kluge


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über die Gegenwartsliteratur

3. Die Methode der Wirklichkeitsmontage
3.1 Literarische Montagen
3.2 Zeit und Gegenwart
3.3 Der Wirklichkeitsbegriff

4. Die Wirkungsweise der Texte
4.1 Der 20. Dezember 1832
4.2 Der 24. Dezember 1943

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Drei Sekunden—in etwa so lange, wie es dauert, einen Schluck Wasser zu trinken, einen mittellangen Satz zu sprechen oder vom Bahnsteig in den Zug zu treten. Das ist die Dauer, auf die Neurowissenschaftler unsere Gegenwart festgelegt haben, weil unser Gehirn alles andere außerhalb dieses schmalen Zeitfensters als Vergangenheit oder Zukunft einstuft. Erinnern wir uns also an all die Jahre zurück, die wir schon auf diesem Planeten verbracht haben, muss uns der aktuelle Augenblick als unbeschreiblich klein vorkommen. Und doch sind es gerade diese drei Sekunden Jetztzeit, die unser Leben bestimmen und Erfahrungen ermöglichen, weil wir nur innerhalb dieses kurzen Intervalls denken und handeln können. Egal wie lange wir danach suchen mögen, wir können die Vergangenheit immer nur in Form von Bildern und Erinnerungen finden, die wir während des gegenwärtigen Moments in unsere Wirklichkeit einschließen. Und auch unsere Vorstellungen von Zukunft beruhen einzig und allein auf der Verknüpfung bestimmter Erfahrungswerte, die wir in der Jetztzeit vornehmen, um uns besser auf mögliche Eventualitäten einstellen zu können. In diesem Sinne bezeichnet der deutsche Psychologe und Sinnesphysiologe Prof. Dr. Ernst Pöppel die kurzen 3-Sekunden-Erlebniseinheiten also als „Basissegmente unserer Wahrnehmung“[1], die maßgeblich für unser Empfinden sind. Denn nur indem wir Momente der Gegenwärtigkeit gewissermaßen als „Fenster“ in gewesene Zeiten benutzen und vergangene Erfahrungen mit unserem momentanen Seinszustand verknüpfen, können wir unsere aktuelle Situation überhaupt interpretieren und bewerten[2].

Daraus aber ergibt sich das interessante Paradox, dass Literatur einerseits immer nur nachträglich sein kann, und sich doch andererseits ausschließlich durch gegenwärtige Bewusstseinsprozesse erfahren lässt, wodurch sie zwangsweise einen aktuellen Charakter annimmt. Wie Nathan Taylor in seinem Aufsatz über den „Nullpunkt des Realismus“ festgestellt hat, muss „Literatur über die Gegenwart als solche immer nahe der Gegenwart kommen, über die sie spricht“, weil die Darstellung einer bestimmten Zeit erst durch eine gewisse Distanz möglich wird[3]. Noch während der Autor oder die Autorin die Gegenwart in Worte zu fassen versucht, wird sie immer mehr zur Vergangenheit, sodass sich die resultierende Geschichte niemals als ein Ausdruck von Gegenwart, sondern bestenfalls als eine Erinnerung an eine gewesene Zeit verstehen lässt. Aber in dem Moment, da die Geschichte von einem Rezipienten wiederaufgenommen wird, bekommt sie wieder einen Hauch von Gegenwärtigkeit, da der Leser die geschilderten Erlebnisse durch die Kraft seiner Vorstellung wiederaufleben lässt, wobei es sich bei diesen imaginierten Szenen jedoch nicht um das ursprüngliche Erzählgut, sondern um ein Konstrukt aus fremden Ideen und eigenen Interpretationen handelt.

Somit stellt sich die Frage, durch welche Verfahren Zeit und Raum von heutigen Autoren wie Alexander Kluge, Terézia Mora und Judith Zander, die sich dieses Paradoxons durchaus bewusst sind, ins Erzählen gebracht werden. Nach einer kurzen Übersicht über die Grundlagen und Techniken der Gegenwartsliteratur, nimmt sich die vorliegende Hausarbeit also Alexander Kluges Dezember vor, um anhand dieser Erzählsammlung zu untersuchen, inwiefern Texte als Spiegel der Zeit funktionieren können. Dabei macht sie es sich zum Ziel, Kluges Methode der Wirklichkeitsmontage zu durchleuchten und anhand dreier Beispiele auch festzustellen, wie der bekannte deutsche Filmemacher und Autor mit der schwierigen Aufgabe umgeht, Authentizität und Gegenwärtigkeit zu vermitteln, obwohl sich unser Empfinden ständig wandelt.

2. Über die Gegenwartsliteratur

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat einmal gesagt, Literatur sei „der Versuch, das Leben und die Welt, in der es stattfindet, zu verstehen.“ Seit die Menschen sprechen und schreiben können, haben sie versucht, den Sinn hinter ihren eigenen Erfahrungen zu begreifen, indem sie sie in Worte fassten und sprachlich gestalteten. Dadurch, dass sie das diffuse und oft auch ein wenig amorph anmutende Leben artikulierten, wollten sie die chaotische Gesamtheit menschlicher Handlungen zumindest soweit entwirren, dass die Welt für das einzelne Individuum ausreichend überschaubar wurde, um ein geregeltes Leben führen zu können. Wie Martin Middeke allerdings festgestellt hat, ist dieses Vorhaben seit der Industrialisierung immer schwieriger geworden: aufgrund „des gesteigerten Grades an gesellschaftlicher Differenzierung“, der mit der Ausbildung neuer Organisationsstrukturen einherging, ist auch die „Wirklichkeit“ zunehmend zu einem multiperspektivischen Phänomen geworden.[4] Wo man zuvor noch von einer relativ geschlossenen Weltsicht sprechen konnte, ist die Gegenwart seit dem 19. Jahrhundert immer heterogener geworden, bis wir in der heutigen Zeit bei einem Stand angekommen sind, bei dem es ebenso viele Zugänge zur Realität gibt, wie Menschen auf der Erde existieren. Durch die unüberschaubare Menge von Medien und Kommunikationsmethoden, die einen Zugriff auf Geschehnisse in entlegenen Ländern und sogar vergangenen Zeiten ermöglichen, ist es kaum noch möglich eine Aussage darüber zu treffen, wie das einzelne Individuum sein Dasein erfährt. Und so ist auch die Literatur gezwungen immer neue Formen zu entwickeln, um „einen spezifischen Zugang zu einer Wirklichkeit bieten, die nicht allein gesellschaftliche und politische, sondern auch psychische, ethische und transzendente Dimensionen besitzt.“[5]

Besonders seit der Wende 1989/90 haben sich „neue Formen erinnernden Erzählens“ entwickelt[6], die es sich zur Aufgabe machen, Fragmente von Realität so wiederzugeben, dass sie für den Rezipienten erlebbar werden. Da die Gegenwart (wie in der Einleitung beschrieben) nur momenthaft fassbar ist, sind viele der romanüblichen Elemente wie Plot und Story einer vollkommen neuen Erzählweise gewichen, die sich an „Strukturen subjektiver Zeit“ orientiert[7] und punktuelle Erscheinungen der Wirklichkeit einzufangen versucht. In diesem Sinne spricht Martin Middeke auch von einer „Phänomenologisierung von Welt und Welterfahrung“[8]: weil der ehemals homogene Zeitstrang in zunehmenden Maße zu einem vielfädigen Etwas zerfasert ist, das sich in seiner Ganzheit nimmt mehr überblicken lässt, muss sich die Literatur damit begnügen, einzelne Segmente aus dem Gesamtgebilde zu isolieren und sprachlich wiederzugeben. Nur dadurch, dass einzelne Augenblicke in ihrer subjektiven Dimension dargestellt werden, kann der einzelne Roman der modernen Lebenswelt überhaupt noch gerecht werden. Und so wird die Gegenwartsliteratur in steigendem Maße zu einem Medium der Selbstreflexion, das individuelle Empfindungen und Rhythmen wiedergibt, ohne diese in einen durchgängigen Handlungsrahmen zu ordnen.

Dabei unterscheiden Leonhard Herrmann und Silke Horstkotte in ihrer Einführung zur Gegenwartsliteratur genau drei Arten, wie ein Gefühl von Gegenwärtigkeit erzeugt werden kann[9]:

1. Eine „kontextbezogene Gegenwärtigkeit“, bei der ein Text explizit den Versuch unternimmt, auf seine eigene Zeit zu verweisen. Es handelt sich also gewissermaßen um einen ästhetischen Diskurs der Gegenwart, welcher einzelne Ausschnitte der komplexen Wirklichkeitsverhältnisse auf poetologische Weise erfassen will. Dadurch, dass sich der Verfasser mit den Problemen und Herausforderungen seiner eigenen Gegenwart auseinandersetzt, konserviert er sie für seine Leser, welche die Inhalte und Erfahrungswerte dann wieder lebendig machen können.
2. Eine „ästhetische Gegenwärtigkeit“, die sich besonders durch bestimmte formale Verfahrensweisen kennzeichnet. In diesem Sinne drückt sich Gegenwärtigkeit also weniger in der Aktualität des Stoffes, als vielmehr in einer modernen Erzählweise aus, die in der Regel multiperspektivisch und subjektorientiert angelegt ist.
3. Eine „existenzielle Gegenwärtigkeit“, die sich maßgeblich aus der zeitlosen Geltung des dargebotenen Stoffes speist. In diesem Sinne können Texte „von Leserinnen und Lesern auch dann als ‚gegenwärtig‘ empfunden (und nicht etwa der Vergangenheit zugerechnet) werden, wenn zwischen der eigenen ‚Jetztzeit‘ und der Erstpublikation der Texte einige Jahre vergangen sind“, weil sie Themen und Motive ansprechen, welche für die Menschheit von konstantem Interesse sind. Somit muss sich ein literarisches Erzeugnis also nicht zwingendermaßen mit modernen Stoffen auseinandersetzen, sondern kann auch für die Gegenwart von Bedeutung sein, obwohl er inhaltlich davon losgelöst ist.

Diese Überlegungen legen den Schluss nahe, dass es sich bei Gegenwartsliteratur vor allem um Texte handelt, die Welten erzeugen, welche von den Leserinnen und Lesern auch dann noch als zeitnah und wirklichkeitsähnlich empfunden werden können, wenn die Entstehung schon einige Jahre zurückliegt, weil sie durch inhaltliche oder formale Verfahren Assoziationen erwecken. Die meisten der entsprechenden Romane und sonstigen Diskurse scheinen sich dabei als Reaktionen oder Reflexe auf subjektive Eindrücke zu begreifen, die für die Leser bis zu einem gewissen Grad erlebbar gemacht werden sollen. Dabei machen sie zwar auch „hochgradig vermittelte Aussagen über unsere Wirklichkeit“[10], entziehen sich aber gleichzeitig durch ihre Metafiktionalität und Multiperspektivität einem direkten Zugang. „Indem die literarische Texte etwa den Status der erzählten Welt fraglich oder unsicher werden lassen“[11], machen sie den Leser darauf aufmerksam, dass es sich bei allen Geschichten, Historien und Erfahrungsberichten bloß um Konstrukte handelt, die der Realität zwar nahe zu kommen versuchen, aber per definitionem immer subjektiv bleiben müssen.

Und gerade dieses Prinzip der distanzierten Erzählhaltung bei gleichzeitiger ästhetischer Nähe liegt auch der Wirklichkeitsmontage zugrunde, wie sie Alexander Kluge in Dezember verwendet. Im nächsten Kapitel soll es deshalb darum gehen, welche Eigenschaften bei der literarischen Montage zu beachten sind und inwiefern es ihr gelingt, bestimmte Erscheinungen von Zeit wiederzugeben.

3. Die Methode der Wirklichkeitsmontage

3.1 Literarische Montagen

In seinem Werk Geschichte und Eigensinn, das er zusammen mit Oskar Negt geschrieben hat, formuliert Alexander Kluge das Postulat, die Autoren der Gegenwart müssten sich wie einstmals die Gerbrüder Grimm auf den Weg vergangenenwärts wagen, um dort all „das Verlorengegangene oder Übersehene“ einzusammeln, das dort inmitten all der Ablagerungen und Überbleibsel (lebens-) geschichtlichen Fortschritts verstreut liegt[12]. In dieser Konsequenz sind seine Texte vor allem als Fenster in vergangene Zeiten zu verstehen, die den Rezipienten vorübergehend aus seiner reinen Gegenwärtigkeit entführen sollen, um sich mit Erfahrungen aus der Geschichte auseinanderzusetzen. Dabei geht es ihm nach eigener Aussage vor allem darum, das Bewusstsein der Menschen so zu erweitern, dass sie aus dem „begrenzten Wahrnehmungsradius“ ausbrechen, der von den Medien und anderen Institutionen der „Bewusstseinsindustrie“ vorgegeben wird[13]. So beschäftigen sich beispielsweise 14 seiner 39 Geschichten in Dezember mit der Zeit des Nationalsozialismus, wobei er jedoch eine vollkommen neue Perspektive auf die Gesamtmenge der damaligen Wirklichkeiten eröffnet, indem er überwiegend Motive rund um Wirtschaft, Finanzen, Familie und Wetter aufgreift. Anstatt bloße Fakten zu vermitteln, macht er also Ereignisse sichtbar, die sich dem üblichen Kanon der Auseinandersetzung mit Geschichte entziehen, und lenkt den Blick auf Abweichungen und Ausgefallenheiten, die wenig Übereinstimmung mit dem Gros der geschichtlichen Erfahrungsmenge aufweisen und doch von Bedeutung für für die damalige Zeit sind. Damit stellt er sich zwar der Mehrheit der historischen Wirklichkeitsempfindungen entgegen, aber dafür gelingt es ihm mithilfe seines Antirealismus das Vorstellungsvermögen der Rezipienten für neue Inhalte zu sensibilisieren und „ausgeleierte Aufmerksamkeiten gegen den Druck der stereotypen Wahrnehmungsfronten der Bewußtseinsindustrie wieder in „die Fähigkeit eines geduldigen komplexen Wahrnehmens zurückzuübersetzen.“[14]

Indem Kluge einzelne Augenblicke aus der Vergangenheit löst und als eigenständige Erzählungen präsentiert, wird es dem Leser ermöglicht, sich die Inhalte durch sein Vorstellungsvermögen selbst anzueignen. Denn wo die geschichtlichen Ereignisse so stark miteinander verknüpft waren, dass sich für den Einzelnen kaum ein Zugang zu dieser „abstrakten Erfahrungsmasse“ bot, gelingt es Alexander Kluge, die mit einender verknüpften Realitäten so weit zu „entzerren“, dass sich die Menschen darauf einlassen und mit eigenen Gedanken und Gefühlen antworten können.[15] Gerade dadurch, dass sich die Texte in ihrer fragmentarischen und oftmals auch unzusammenhängenden Form jeglicher Erwartungshaltung entziehen, eignen sie sich als perfekte Rohstoffe, die der Leser mit seinen eigenen Erfahrungen und Assoziationen verknüpfen kann, um daraus ganz neue Formen von Wirklichkeit zu erschaffen. Jede Konfrontation mit einer der Erzählungen oder Fotografieren in Dezember heißt auch, „sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt setzen, die wie Erkenntnis—und deshalb wie Macht—anmutet.“[16] Insofern kommt die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Geschichten also einer Aneignung der historischen Inhalte nahe.

Dabei sind die Einzelepisoden zwar klar voneinander abgetrennt, lassen sich aber sehr gut zu einer Gesamtcharakteristik integrieren[17]. Obwohl jede der Geschichten ihr eigenes Stück von Wirklichkeit transportiert, korrespondieren sie durch die überlappenden Themen und Motive sowie durch die häufigen Wortwiederholungen so stark miteinander, dass sich eine Art „dialogisches Feld“ entwickelt[18], in dem allgemeine Tendenzen oder Gewohnheitsmuster der Menschheit sichtbar werden. Aufgabe des Autors ist es in diesem Sinne also nicht mehr, zusammenhängende Geschichten zu konstruieren, sondern verschiedenartige Realitätsfragmente genau so zu gruppieren und aufeinander abzustimmen, dass ein Sinn dahinter aufscheint. Mit ausreichender Beschäftigung mit den einzelnen Texten lässt sich zunehmend eine Art Chiffre erkennen, die ihnen allen zugrunde liegt, sodass sich der Leser aus den einzelnen Mosaiksteinchen ein größeres Bild konstruieren kann, welches die kaleidoskopische Gesamtheit der Wirklichkeit repräsentiert. An und für sich mögen die einzelnen Eindrücke bloß subjektive Erfahrungswerte imitieren, die kaum eine narrative Linearität aufweisen, aber durch die Vielfalt von Momentaufnahmen, die auf dieser Weise in einer literarischen Montage zusammenkommen, kann das Leben in all seiner Pluralität gezeigt werden[19]. Und so wird Alexander Kluges fragmentarisches Werk nicht trotz, sondern gerade wegen seiner multiperspektivischen Komplexität tatsächlich zu einem Spiegel der Zeit.

3.2 Zeit und Gegenwart

Nach Meinung Claudia Öhlschlägers zeigt sich in der entschleunigenden Erzählweise, wie Alexander Kluge seine einzelnen Geschichten präsentiert, ein deutlicher Versuch, „das in Prozessen der Beschleunigung Verschwindende“ durch literarische Mittel aufzufangen.[20] Dem rasanten Lebenswandel der Moderne, wo Nachrichten, Ereignisse und Erscheinungen sehr schnell den Status von Gegenwärtigkeit verlieren und zu Vergangenheit werden, setzt er mit Dezember eine ganz eigene Möglichkeit von Zeiterfahrung entgegen, die sich durch eine Synchronizität verschiedener Gegenwarten kennzeichnet. Indem er Erzählungen von (damals) aktuellen Geschehnissen mit Texten über vergangene Ereignisse und Zustande abwechselt, die aber dennoch im kulturellen Gedächtnis weiterbestehen, schafft er eine neue Art von Wirklichkeit, in der eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen herrscht. Denn gerade dadurch, dass er sich bei seinen Geschichten auf kurze Momentaufnahmen konzentriert, die quasi als Rückfenster im Zeitkontinuum fungieren, durch die der Leser Historisches selbst erfahren kann, wird die Flüchtigkeit des einzelnen Augenblicks aufgehoben. Ähnlich wie bei Fotos, die einen „schmalen Ausschnitt von Raum und Zeit“ in der physischen Welt fixieren[21], wirken auch Kluges Anekdoten als Fragmente einstiger Gegenwarten, die in sprachlicher Form konserviert wurden. Und so gelingt der Rezipient in den „imaginäre[n] Besitz einer Vergangenheit“[22], die eigentlich schon längst abgeschlossen ist. Er wird zwar in der erzählten Zeit auf ewig abwesend bleiben, kann aber durch seine Vorstellungskraft trotzdem dort präsent sein, sodass sich die Grenzen zwischen Gestern und der Jetztzeit zunehmend auflösen.

Allerdings ist es ausdrücklich nicht das historische Ereignis selbst, das da durch den Text wieder erfahrbar gemacht wird, sondern vielmehr eine Projektion davon, die mit den individuellen Ansichten und Perspektiven des Lesers aufgeladen ist. Insofern kommen Kluges Erzählungen also Herrmann und Horstkottes Konzept einer „medialen Multiplikation von Gegenwart“ sehr nahe, nach der die Gegenwart durch Medien und Kommunikation zunehmend vernetzt ist, wobei sich der einzelne Mensch jedoch eine eigene Version von Jetztzeit erschaffen kann, indem er aus der Menge der zur Verfügung stehenden Medien auswählt[23]. Die Zeit wird nicht mehr als ein neutrales, linear fließendes Element, sondern ganz im Gegenteil als ein Konstrukt aus spezifischen Ereignissen wahrgenommen, aus deren Reihe man einzelne Augenblicke herauslösen kann, um sie seiner eigenen Erfahrungswelt zuzuordnen. Indem ein Autor oder eine Autorin bestimmte Fragmente aus der vagen Erfahrungsmasse der Historie entnimmt und sprachlich festhält, wird sie auf eine Art und Weise in der Gegenwart verankert, die es den Rezipienten erlaubt, die beschriebenen Realitäten bis zu einem gewissen Grad zu ihren eigenen zu machen. Aber obwohl die Anzahl der Möglichkeiten, wie sich eine solche Geschichte individuell erleben lässt, gegen unendlich geht, bleibt weiterhin eine Abhängigkeit zwischen den äußeren Angaben im Text und dem individuellen Empfinden des Lesers bestehen. Durch „die Fixierung einer Erzählung in Raum und Zeit [wird] deren eigene Gegenwärtigkeit kompromittiert“[24], sodass selbst Kluges anti-kanonische Realitätsfragmente nicht vollkommen deutungsoffen sind. Im Vergleich zu traditionellen Erzählformen, die sich darauf konzentrieren, Abläufe zusammenhängend zu schildern, haben die Geschichten in Dezember allerdings den entscheidenden Vorteil, dass sie ein hohes Maß an individueller Zeitgestaltung erlauben. Durch die große Anzahl an verschiedenen Erzählsträngen, Perspektiven und Wirklichkeitsebenen „konfigurieren“ sich die Texte für jeden einzelnen Leser anders.[25] Gerade die häufigen Analepsen und Prolepsen—wie zum Beispiel in der Geschichte vom 3.Dezember 1931, als er den Unfall Hitlers beschreibt und dabei zwischen mehreren Realitätsebenen hin- und ehrspringt—tragen dazu bei, dass sich sowohl die Zeitbezüge innerhalb der Erzählung als auch die Verbindungen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit zunehmend auflösen. Und damit entsteht der Raum für ein performatives Erinnern, das die einzelnen Texte konstituiert und durch die Beimischung von eigenen Erfahrungswerten auch immer wieder modifiziert.

Insofern führt die Klugesche „Abweichung von der hypothetischen Isochronie“[26] also dazu, dass sich Gegenwärtigkeit mit steigender Tendenz von einer Verortung in Raum und Zeit loshakt und stattdessen zu einer reinen, gedanklichen Präsenz wird, die bestimmte Rohstoffe in erlebbare Realitäten verwandelt.

[...]


[1] Katrin Stepath: Gegenwartskonzepte. Eine philosophisch-literaturwissenschaftliche Analyse temporaler Strukturen. Würzburg 2006. Hier: S. 48.

[2] Ebda. S. 50.

[3] Nathan Taylor: Am Nullpunkt des Realismus. Terézia Moras Poetik des hic et nunc. In: ders.: Poetiken der Gegenwart. Deutschsprachige Romane nach 2000. Hg. von Silke Horstkotte und Leonhard Herrmann. S. 13-30. S. 14.

[4] Martin Middeke: Zeit und Roman. Zur Einführung. In: ders.: Zeit und Roman. Zeiterfahrung im historischen Wandel und ästhetischer Paradigmenwechsel vom sechzehnten Jahrhundert bis zur Postmoderne. Hg.v. Martin Middeke. S. 1-20. Hier: S. 2.

[5] Leonhard Herrmann und Silke Horstkotte: Gegenwartsliteratur. Eine Einführung. Stuttgart 2016. Hier: S. 27.

[6] Ebda. S.3.

[7] Martin Middeke: Zur Einführung, S. 12.

[8] Ebda. S. 3.

[9] Leonhard Herrmann und Silke Horstkotte: Einführung zur Gegenwartsliteratur, S. 3.

[10] Silke Horstkotte und Leonhard Herrmann: Poetiken der Gegenwart. Eine Einleitung. In: ders.: Poetiken der Gegenwart. Deutschsprachige Romane nach 2000. Hg. von Silke Horstkotte und Leonhard Herrmann. S. 1-12. Hier. S. 6.

[11] Ebda. S. 4.

[12] Oskar Negt und Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn. Frankfurt am Main 1993. Hier: S. 996.

[13] Christian Schulte: Konstruktionen des Zusammenhangs. Motiv, Zeugenschaft und Wiederkennung bei Alexander Kluge. In: ders.: Die Schrift an der Wand—Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien. Hg. v. Christian Schulte. S. 53-76. Hier: S. 65.

[14] Christian Schulte: Konstruktionen des Zusammenhangs, S. 53f.

[15] Ebda. S. 63.

[16] Susan Sontag: Über Fotografie. Aus dem Amerikanischen von Mark W. Rien und Gertrud Baruch. 20. Aufl. Frankfurt 2011. Hier: S. 10.

[17] Wolfram Mauser: Zu Alexander Kluges dialektischem Realismus. In: Der Deutschunterricht. Beiträge zu seiner Praxis und wissenschaftlichen Grundlegung 33 (1981), S. 96-105. Hier: S. 98.

[18] Christian Schulte: Konstruktionen des Zusammenhangs,S. 73.

[19] Christoph Zeller: Ästhetik des Authentischen. Literatur und Kunst um 1970. Berlin 2010. Hier: S. 131.

[20] Claudia Öhlschläger: Augenblick und lange Dauer. Ästhetische Eigenzeiten in epischen Kurzformen der Moderne und Gegenwart. In: ders.: Figurationen des Temporalen. Poetische, philosophische und mediale Reflexionen. Hg. v. Claudia Öhlschläger und Lucia Perrone Capano. S. 93-106. Hier: S. 106.

[21] Susan Sontag: Über Fotografie, S. 28.

[22] Ebda. S. 15.

[23] Leonhard Herrmann und Silke Horstkotte: Einführung zur Gegenwartsliteratur, S. 6.

[24] Nathan Taylor: Nullpunkt des Realismus, S.14.

[25] Ansgar Nünning und Roy Sommer: Die Vertextung der Zeit. Zur narratologischen und phänomenologischen Rekonstruktion erzählerisch inszenierter Zetefahrungen und Zeitkonzeptionen. In: ders.: Zeit und Roman. Zeiterfahrung im historischen Wandel und ästhetischer Paradigmenwechsel vom sechzehnten Jahrhundert bis zur Postmoderne. Hg.v. Martin Middeke. S. 33-56. Hier: S. 55.

[26] Ebda. S. 44.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Texte im Spiegel der Zeit. Die Methode der Wirklichkeitsmontage in "Dezember" von Alexander Kluge
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V382078
ISBN (eBook)
9783668589766
ISBN (Buch)
9783668589773
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
texte, spiegel, zeit, methode, wirklichkeitsmontage, dezember, alexander, kluge
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Latter (Autor), 2017, Texte im Spiegel der Zeit. Die Methode der Wirklichkeitsmontage in "Dezember" von Alexander Kluge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/382078

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