Es ist gänzlich unmöglich, im Rahmen einer solch knapp bemessenen Arbeit die Bedeutung Durkheims für die Soziologie auch nur annähernd herauszuarbeiten. Dennoch soll – anhand der Betrachtung seines Werkes „Die Regeln der soziologischen Methode – versucht werden, seine Leistungen hinsichtlich der Etablierung der Soziologie als eigenständige Wissenschaft zumindest ansatzweise darzustellen: In seinen Ausführungen kritisiert Durkheim die bisherigen „soziologischen“ Arbeiten – vor allem diejenigen von Comte und Spencer – grundlegend. Er wirft ihnen eine praxisferne 1, methodisch unzureichende2, ja sogar teils willkürliche 3 Forschung vor, deren rein individualistische Betrachtungsweise4 keine soziologischen, sondern ausschließlich biologische 5 und psychologische 6 – und daher falsche – Erklärungen liefert. Parallel zur Kritik definiert er den – in seinen Augen – einzig wahren Gegenstandsbereich der Soziologie und erarbeitet zu dessen Erfassung ein eigenes Methodenwerk. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse versucht Durkheim weiterhin, die Soziologie als autonome Disziplin zu etablieren, indem er sie von anderen Wissenschaften abgrenzt.
Kapitel 1 widmet sich der grundlegenden Annahme Durkheims, dass die Gesellschaft eine Realität sui generis darstellt. Der daraus abgeleitete Gegenstandsbereich der Soziologie – der soziologische Tatbestand – wird in Kapitel 2 präzisiert. Die Methode für die Betrachtung des soziologischen Tatbestandes wird sodann in Kapitel 3 dargestellt. Sie soll verdeutlichen, warum die Soziologie von anderen Wissenschaften – etwa der Psychologie, der Philosophie und der Ökonomie – abzugrenzen ist (Kap. 4).
Inhaltsverzeichnis
1. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – Die Gesellschaft als Realität sui generis
2. Der Soziologische Tatbestand als Gegenstandsbereich der Soziologie
3. Die Methoden zur Erfassung des Gegenstandsbereichs
4. Etablierung der Soziologie durch die Abgrenzung von anderen Wissenschaften
5. Abschließender Gedanke
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Konzepte Emile Durkheims, wie sie in seinem Werk „Die Regeln der soziologischen Methode“ dargelegt sind, um seine zentrale Rolle bei der Etablierung der Soziologie als eigenständige und methodisch fundierte Wissenschaft aufzuzeigen. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie durch die Definition des soziologischen Tatbestands eine klare Abgrenzung zu Disziplinen wie der Psychologie und Ökonomie vollzogen werden kann.
- Die Konzeption der Gesellschaft als Realität sui generis
- Die Definition und Merkmale soziologischer Tatbestände
- Methodik zur Erfassung sozialer Phänomene als „Dinge“
- Abgrenzung der Soziologie von Psychologie und Ökonomie
- Die Bedeutung der Objektivität in der soziologischen Forschung
Auszug aus dem Buch
2. Der soziologische Tatbestand als Gegenstand der Soziologie
Ein soziologischer Tatbestand hat zunächst normativen Charakter. Er schreibt eine bestimmte Art des Handelns, Denkens oder Fühlens vor (vgl. Ebd., 106). Die entsprechenden Normen werden dem Individuum qua Sozialisation durch seine Mitmenschen (Eltern, Verwandte, Lehrer, Kollegen, ...) auferlegt. Diese Mitmenschen sind aber nicht die Urheber der vermittelten Normen, sondern lediglich Mittler der Gesellschaft (Ebd., S. 105, 109) – und auch sie wurden durch die Gesellschaft sozialisiert und haben Normen angenommen, die vor ihrer Geburt existiert haben und im Idealfall auch nach ihrem Tode weiterexistieren werden.
Normen werden zwar von den Menschen internalisiert und somit zum inneren Bestandteil eines Jeden, sie sind aber unabhängig von der Existenz des einzelnen Individuums, weil sie der Gesellschaft entstammen und an den Menschen von außen herangetragen werden. Dass den Normen und somit den sozialen Phänomenen das Kriterium der Äußerlichkeit zugesprochen werden kann, zeigt sich auch in der Tatsache, dass sie nicht durch den individuellen Willen verändert werden können: „Der Einzelne findet sie vollständig fertig vor und kann nichts dazu tun, dass sie nicht seien oder dass sie anders seien, als sie sind; er muss ihnen Rechnung tragen...“ (Ebd., S. 99)
...und es muss sich ihnen beugen, es muss sich nach den vorgeschriebenen Handlungsweisen richten. Tut es dies nicht, so stößt es auf (kollektiven) Widerstand. Der Widerstand ist Ausdruck des Zwangscharakters der soziologischen Tatbestände. Der Zwang kann dabei direkt oder indirekt wirken, mehr oder weniger stark ausfallen und mehr oder minder spürbar sein: Direkter Zwang wird ausgeübt über Normen, die je nach Ausmaß der Verbindlichkeit unterschiedlich stark sanktioniert sind. Indirekter Zwang wird beispielsweise über das Währungssystem oder die Sprache ausgeübt. Der Zwang kann Gewohnheiten hervorbringen (Ebd., S. 109), man kann sich ihm auch freiwillig beugen (Ebd., S. 106, 188) – und wenn er deshalb auch nicht als solcher wahrgenommen wird, so bleibt er doch ein Zwang. Sogar der Wille zum Guten kann ein gesellschaftlich begründeter Zwang sein (Ebd., S. 98, Fussnote).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – Die Gesellschaft als Realität sui generis: Das Kapitel führt in Durkheims Annahme ein, dass die Gesellschaft eine eigenständige Realität bildet, die über die Summe ihrer Einzelteile hinausgeht.
2. Der Soziologische Tatbestand als Gegenstandsbereich der Soziologie: Hier wird der soziologische Tatbestand als zentraler Forschungsgegenstand definiert und durch Kriterien wie Normativität, Äußerlichkeit und Zwang charakterisiert.
3. Die Methoden zur Erfassung des Gegenstandsbereichs: Dieses Kapitel erläutert die methodische Forderung Durkheims, soziale Phänomene wie „Dinge“ zu behandeln, um eine objektive wissenschaftliche Analyse zu ermöglichen.
4. Etablierung der Soziologie durch die Abgrenzung von anderen Wissenschaften: Die Argumentation konzentriert sich auf die notwendige Emanzipation der Soziologie von der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften durch die spezifische Definition ihres Gegenstandsbereichs.
5. Abschließender Gedanke: Das Kapitel reflektiert Durkheims Beitrag zur Disziplin und ordnet ihn in den weiteren soziologischen Kontext ein, wobei auch die Bedeutung anderer Perspektiven wie jener Max Webers betont wird.
Schlüsselwörter
Emile Durkheim, Soziologie, soziologischer Tatbestand, Gesellschaft, Realität sui generis, soziale Phänomene, Methodik, Äußerlichkeit, Zwangscharakter, Kollektivbewusstsein, Institutionen, Disziplin, Objektivität, Sozialisation, Abgrenzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die grundlegenden theoretischen Ansätze von Emile Durkheim zur Etablierung der Soziologie als eigenständige Wissenschaft anhand seines Werkes „Die Regeln der soziologischen Methode“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören das Konzept der Gesellschaft als Realität sui generis, die Definition sozialer Phänomene als Tatbestände sowie die methodische Abgrenzung der Soziologie von Nachbarwissenschaften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Durkheims Leistungen bei der Begründung einer eigenständigen soziologischen Wissenschaft und der Erarbeitung eines spezifischen Methodenwerks darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse der Primärliteratur von Emile Durkheim und ergänzt diese durch fachwissenschaftliche Sekundärquellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung des Gegenstandsbereichs (soziologische Tatbestände), die methodische Herangehensweise zur Untersuchung dieser Fakten und die argumentative Trennung der Soziologie von Psychologie und Ökonomie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie soziologischer Tatbestand, Kollektivbewusstsein, Realität sui generis und wissenschaftliche Disziplinbildung geprägt.
Was bedeutet Durkheims Forderung, soziale Phänomene als „Dinge“ zu betrachten?
Es handelt sich dabei um die Forderung, die Untersuchungsgegenstände objektiv zu behandeln, indem man eigene Vorbegriffe ausschaltet und die Phänomene als von außen herangetragene Tatsachen analysiert.
Warum grenzt Durkheim die Soziologie von der Psychologie ab?
Durkheim argumentiert, dass soziale Phänomene ein anderes Substrat haben als psychische Phänomene und durch die soziale Interaktion entstehen, weshalb die Psychologie nicht in der Lage sei, soziologische Tatbestände hinreichend zu erklären.
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- Sebastian Wiesnet (Author), 2005, Die Etablierung der Soziologie als "Wissenschaft von den Institutionen" durch Emile Durkheim, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38250