Der unterschiedliche Einfluss von liberaler und koordinierter Marktwirtschaft und deren Institutionen auf die Durchführung inkrementaler und radikaler Innovationen


Essay, 2005

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Zum Inhalt

1. Die unterschiedliche Bedeutung von Institutionen in liberalen und koordinierten Marktwirtschaften am Beispiel der USA und der BRD

2. Institutionalisierte Vor- und Nachteile für innovatives Handeln am Beispiel Baden-Württembergs und Nordrhein-Westfalen

3. Resumée

Literaturverzeichnis

Das grundlegende und allgemeinste Funktionsprinzip der Ökonomie ist ein ständiges Wachstum: die Steigerung des Gewinns, die Erhöhung des Absatzes, die Vergrößerung des Umsatzes, die Ausweitung des Marktanteils, die Erschließung neuer Märkte und so weiter und so fort... Natürlich kann Wachstum beispielsweise durch Preissenkungen, Rationalisierungsprozesse, Qualitätsminderungen und Mitarbeiterentlassungen (künstlich) erzeugt werden, allerdings stößt man dabei sehr schnell an seine Grenzen. Eine bessere Strategie liegt – ganz allgemein gesprochen – in der Suche nach neuen Produkten und neuen (bzw. verbesserten) Produktionsmethoden, kurz: Innovationen. In einer sich globalisierenden Welt und einem zunehmend verschärften Wettbewerb entscheidet die Innovationsfähigkeit wirtschaftlicher Akteure über deren Existenz. Die Innovationsfähigkeit ist allerdings nicht nur von vorhandenen personellen, finanziellen und materiellen Ressourcen sowie vom verfügbaren Wissen abhängig, sondern sie wird auch vom sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Umfeld bestimmt. Zwei (miteinander verschränkte) Faktoren, die die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens bzw. einer ganzen Region beeinflussen können, sind Gegenstand dieser Arbeit. Es sind dies a) die politische Organisationsform der Wirtschaft einer Nation und b) die Institutionen, die sich in diesem Rahmen bilden konnten. Die unterschiedlichen Auswirkungen dieser beiden Faktoren auf die Innovativität sollen im Folgenden beleuchtet werden. Hierfür wird in Kapitel 1 zunächst die liberale Marktwirtschaft der USA mit der koordinierten Marktwirtschaft der BRD hinsichtlich der Existenz und der Bedeutung zentraler Institutionen verglichen. In Kapitel 2 werden die Vor- als auch die Nachteile einer institutionellen Flankierung der koordinierten Marktwirtschaft bezüglich innovativen Handelns anhand der Regionen Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen verdeutlicht. Die zentralen Ergebnisse werden in Kapitel 3 festgehalten.

1. Die unterschiedliche Bedeutung von Institutionen in liberalen und koordinierten Marktwirtschaften am Beispiel der USA und der BRD

Liberale und koordinierte Marktwirtschaften sind keinesfalls die einzigen Formen makroökonomischer Koordination. Sie bilden vielmehr zwei Pole einer Dimension, zwischen denen es viele Abstufungen gibt. Es kann nicht daran gelegen sein, jeder einzelnen Koordinationsform Rechnung zu tragen, zumal sich die Elemente des einen oder anderen Typus in den zahlreichen Abstufungen wiederfinden. Vielmehr soll das grundlegende Funktionsprinzip der beiden „Extremfälle“ skizziert und die mehr oder minder große Bedeutung institutioneller Organisation und Reglementierung in der jeweiligen Wirtschaftsform vermittelt werden. Betrachten wir zunächst das liberale Wirtschaftssystem der USA: Wie die Bezeichnung „liberal“ schon verrät, werden fast alle wirtschaftlichen Aktivitäten allein dem Markt überlassen; das nötige Gleichgewicht wird durch Angebot und Nachfrage – also durch Adam Smith’ invisible hand – hergestellt. Dieses Grundprinzip des laissez-faire-Kapitalismus hat weitreichende Konsequenzen: Auf dem Markt, der durch Misstrauen und scharfen Wettbewerb gekennzeichnet ist, kann sich nur behaupten, wer viel Gewinn erwirtschaftet und sich somit eventuell die Chance erarbeitet, seine Mitstreiter aufzukaufen. Dies zwingt die Unternehmen, ihre Gewinnmargen zu steigern, indem sie einerseits die Produktionskosten (durch niedrige Löhne oder Qualitätseinbußen) gering halten und/oder sich andererseits eine wirtschaftliche Vorrangstellung durch die Entwicklung und Lizenzierung eines neuen Produktes sichern, welches sie dann teuer verkaufen können. Weil die Gefahr groß ist, dass entscheidende Wissensressourcen in die Hände von Konkurrenten fallen können, werden „Firmengeheimnisse“ nicht nach außen getragen. Dies führt unter anderem auch dazu, dass Investoren keinerlei Zugang zu firmeninternem Wissen erlangen. Sie müssen sich anstelle dessen auf öffentliche, periodisch erscheinende Informationen über das Unternehmen beschränken. Da diese nur eine schwache Basis für die Entscheidung über eine Investition darstellen, orientieren sich die Investoren in erster Linie an der Rentabilität eines Unternehmens, für die die Aktienkurse einen probaten Indikator darstellen. Damit jedoch das Risiko einer Fehlinvestition gering gehalten werden kann, sind die getätigten Investitionen eher universeller Natur: investiert wird nicht in ein spezifisches, sondern in ein allgemeines, vielseitig einsetzbares Wirtschaftsvermögen.[1]

Angesichts des oben angesprochenen Misstrauens ist es auch nicht verwunderlich, dass eine Kooperation zwischen verschiedenen Unternehmen keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. In der Regel beschränken sich die interorganisationalen Beziehungen auf den offen ausgetragenen Wettbewerb. Wenn eine Kooperation stattfindet, so wird diese durch einklagbare Verträge abgesichert. Und wer schon das ein oder andere Mal von den Ausmaßen us-amerikanischer Schadensersatzklagen gehört hat, der weiß, dass sich eine solche Kooperation im Falle des Scheiterns als wahres Damoklesschwert erweisen kann... Neben dem Vertrag existieren allerdings keine Institutionen, die eine mögliche Kooperation initialisieren und durch Kontroll- und Sanktionsfunktionen absichern könnten. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass allgemeingültige Standards in den Unternehmen kaum existieren, und diejenigen Standards, die sich durchgesetzt haben, basieren in der Regel auf teuren Lizenzen eines Akteurs – man denke nur an Microsoft-Betriebssysteme. Letztere stellen im Übrigen auch ein sehr gutes Beispiel dafür dar, warum sich in einer liberalen Marktwirtschaft die Bereitstellung von Risikokapital mehr als nur lohnen kann: Wenn mittels der getätigten Investition eine solch fundamentale Innovation ermöglicht wird, dann tröstet der Anteil an den Lizenzgebühren schnell über einst verlorenes Kapital hinweg...

Neben der Bereitstellung von Lizenzprodukten gibt es noch eine weitere Form des Technologietransfers: technologisches Wissen kann bei einem Arbeitsplatzwechsel von (hochqualifizierten) Beschäftigten von einem Unternehmen in ein anderes wandern. Der Arbeitsplatzwechsel ist dabei nicht nur keine Seltenheit, sondern regelrechte Verpflichtung, die sich nicht nur im Bildungssystem sondern auch in der Tatsache widerspiegeln, dass die industriellen Beziehungen nahezu inexistent sind. Sowohl das US-amerikanische Schulsystem, als auch das Aus- und Weiterbildungssystem sind darauf ausgerichtet, nur generelle Fähigkeiten der einzelnen Erwerbstätigen zu fördern. Die Unternehmen profitieren von der Bildungspolitik in zweifacher Hinsicht: Zum einen sparen sie sich die hohen Kosten für (unnötige) Spezialausbildungen. Zum anderen ziehen sie großen Nutzen aus der Tatsache, dass die Arbeitnehmer aufgrund ihrer generellen Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt sehr mobil sind: Wenn ein Unternehmen dringend Arbeitskräfte braucht, so muss es nicht viel Zeit für die Suche nach Spezialisten opfern, sondern es stellt einfach Generalisten an und bringt ihnen die nötigsten Kenntnisse zur Durchführung der neuen Tätigkeit bei.

Gewerkschaften existieren zwar, aber sie haben keinen hohen Organisationsgrad und daher nur geringen Einfluss; Arbeitgeberverbände fehlen gänzlich. Und so werden Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht überbetrieblich oder industrieübergreifend geregelt, sondern sie werden direkt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer „ausgehandelt“. Dies führt unter anderem dazu, dass große Unternehmen (wie die Wal-Mart-Kette) Lohndumping betreiben können, um ihren Profit zu steigern und gegebenenfalls zusätzliches Kapital für Innovationen zu erhalten. Zum anderen ermöglicht die Absenz kollektiv verbindlicher Lohnsätze die Abwerbung von qualifiziertem Personal anderer Unternehmen durch ein höheres Gehaltangebot. Auch die Mobilität und die Fluktuation am Arbeitsmarkt sind sehr hoch, weil es keinen Kündigungsschutz gibt, der die Angestellten vor der „Hire-and-fire“-Politik der Unternehmen schützen könnte. Überhaupt hat das einzelne Unternehmen, genauer gesagt sein Management, eine starke, fast schon willfährige Machtposition: Abgesehen vom Mangel an überbetrieblichen Regelungen wird das Management auch nicht durch Arbeitnehmervertretungen, geschweige denn durch Betriebsräte kontrolliert. Es hat daher die Möglichkeit, flexible Entscheidungen zu treffen und Risiken einzugehen, da das eingestellte Personal nicht für einen bestimmten Zeitraum beschäftigt werden muss, sondern sofort wieder entlassen werden kann, wenn man es nicht mehr benötigt.

[...]


[1] vgl. Hall/Soskice 2001

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der unterschiedliche Einfluss von liberaler und koordinierter Marktwirtschaft und deren Institutionen auf die Durchführung inkrementaler und radikaler Innovationen
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V38253
ISBN (eBook)
9783638373739
ISBN (Buch)
9783638848503
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unternehmerische, Innovationsfähigkeit, Einfluss, Marktwirtschaft, Institutionen, Durchführung, Innovationen
Arbeit zitieren
Sebastian Wiesnet (Autor), 2005, Der unterschiedliche Einfluss von liberaler und koordinierter Marktwirtschaft und deren Institutionen auf die Durchführung inkrementaler und radikaler Innovationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38253

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