Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung

Zwei methodische Ansätze und deren Ziele sowie Auswirkungen auf die Klienten


Bachelorarbeit, 2017

77 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Aspekte der Biografiearbeit
2.1 Begriffsdefinitionen themenrelevanter Bezeichnungen
2.1.1 Das Tatigkeitsfeld der Sozialen Arbeit
2.1.2 Hilfen zur Erziehung nach dem achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII)
2.1.3 Die Biografiearbeit
2.2 Biografiearbeit im Kontext der Sozialen Arbeit
2.2.1 Methodische Ansatze von Biografiearbeit und deren Verwirklichung
2.2.2 Adressaten und Einsatzfelder der Biografiearbeit
2.2.3 Die Ziele und die Wirkung von Biografiearbeit
2.3 Funktion von Biografiearbeit
2.3.1 Identitat und Integration von Klienten
2.3.2 Stabilisierung, Hilfe zur Bewaltigung und Ressourcenaktivierung
2.3.3 Beziehungsaufbau und Beziehungsgestaltung im Kontext der Biografiearbeit

3 Der Transfer von Biografiearbeit in die Praxis
3.1 Die Verwirklichung von Biografiearbeit in der stationaren Kinder- und Jugendhilfe
3.1.1 Rahmenbedingungen fur die Biografiearbeit in der stationaren Kinder- und Jugendhilfe
3.1.2 Die Lebenswelten der Klienten im Kontext der Biografiearbeit
3.1.3 Anforderungen an den Sozialarbeiter wahrend der Biografiearbeit in der stationaren Kinder- und Jugendhilfe
3.1.4 Beispiele fur Methoden der Biografiearbeit im Bereich der stationaren Kinder- und Jugendhilfe
3.1.4.1 Die Genogrammarbeit in Verbindung mit dem Familienbrett
3.1.4.2 Die Lebenskette
3.1.4.3 Das Lebensbuch
3.1.5 Die Auswertung der erprobten Methoden
3.1.5.1 Fallvorstellung
3.1.5.2 Auswertung der Methoden im Bezug auf die Zusammenarbeit mit der Klientin der Heimeinrichtung „Walter Riedel" in Greiz
3.2 Besonderheiten, Herausforderungen und Schlussfolgerungen der Biografiearbeit
3.2.1 Besonderheiten und Herausforderungen der Biografiearbeit
3.2.2 Schlussfolgerungen fur die Praxis der Biografiearbeit

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang Teil I

Anhang Teil II

1 Einleitung

Friedrich Stowasser, ein osterreichischer Kunstler, sagte einst: „Wer seine Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft. Wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.". Seine Worte beziehen sich auf das humanitare Leben. Er assoziiert mit dieser Aussage, dass Menschen, welche sich mit ihrer eigenen Historie nicht auseinander setzen, in der Gegenwart nie richtig ankommen werden.

Die Konfrontation mit dem geschehenen Leben und damit der eigenen Vergangenheit kann schmerzvoll und schwierig sein. Verdrangte Erlebnisse werden aufgearbeitet und somit konnen alte Wunden, welche durch schlimme Ereignisse entstanden sind, aufgerissen werden. Besonders in der Sozialen Arbeit, einem Bereich, in welchem Fachkrafte in standiger Kommunikation mit Menschen stehen, ist der methodische Ansatz der Lebensaufarbeitung fur die Klienten wichtig.

Personen, welche hilfebediirftig sind und Unterstiitzung in Form sozialer Hilfeleistungen in Anspruch nehmen, weisen in ihrer personlichen Lebensbewaltigung sehr wahrscheinlich, aber nicht zwangslaufig, Defizite auf, welche es bestmoglich zu beheben und zu beseitigen gilt. Geschehenes kann nicht ruckgangig gemacht werden und wird allgegenwartig ein Teil des Lebens bleiben. Dennoch ist es moglich, uber diese Erfahrungen zu reden und negative Ereignisse temporar aufzuarbeiten.

Um dies gezielt zu arrangieren, existiert die Biografiearbeit. In jedem Bereich der Sozialen Arbeit findet diese Anwendung. Die Biografiearbeit kann Menschen dazu befahigen, deren Leben zu ordnen und emotionale Stabilitat und Sicherheit zu erlangen. Die Auseinandersetzung mit dem personlichen Lebensverlauf, angeleitet durch professionelle Begleitung und Unterstutzung von ausgebildeten Fachkraften, stellt eine unerlassliche Form der Hilfe zur Selbsthilfe dar. Somit ist diese eine Grundmaxime der Sozialen Arbeit.

Im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit bezieht sie sich jedoch lediglich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im stationaren Bereich. Das Thema „Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung - Methodische Ansatze, deren Ziele und Auswirkungen auf die Klienten" thematisiert die Relevanz des biografischen Arbeitens im Tatigkeitsbereich mit jungen Menschen, welche den GroKteil ihres Lebens noch vor sich, aber bereits viel erlebt haben. Die Grunde einer langerfristigen, stationaren oder teilstationaren Fremdplatzierung, sprich dem Aufenthalt auKerhalb des leiblichen Familienhauses, sind individuell. Allerdings fuhren alle zu dem gleichen Ergebnis: die Suche nach der Antwort, aus welchen Griinden sich die Trennung der Kinder und Jugendlichen von den leiblichen Eltern ereignete und aus welchen Anlassen verschiedene Erwachsene in ihrem Umfeld nicht in der Lage waren, fur sie Sorge zu tragen.

Wichtig bei diesem Thema ist ebenfalls der Bereich der ambulanten Hilfen, da bereits in diesen Bereichen erste Hilfen geleistet und durchgefuhrt werden. Die Kinder und Jugendlichen leben bei dieser Hilfe in deren Herkunftsfamilien, aber werden aufgrund verschiedener unterstutzender MaKnahmen in ihrer Entwicklung geschult und gefordert. Damit wird die Vielfalt der Einsatzgebiete von Biografiearbeit deutlich und infolgedessen im Zusammenhang mit dieser Bachelorarbeit weiter dargelegt. Ziel dieser Arbeit ist es, Methoden zu erarbeiten und zu erproben, welche in der stationaren und ambulanten Kinder- und Jugendhilfe umgesetzt werden konnen und ein Verstandnis fur die Relevanz der Biografiearbeit zugrunde legen.

Mithilfe der einleitenden Begriffsdefinitionen wird ein Grundstein bezuglich des Verstandnisses der vorliegenden Thematik ermoglicht, um im darauffolgenden Schwerpunkt die Biografiearbeit im Kontext der Sozialen Arbeit verstehen zu konnen. Dies meint die Umsetzung und Verknupfung theoretischer Ansatzpunkte der Biografiearbeit im Transfer auf die Praxis.

Methoden, Zielgruppen, Ziele und die Auswirkung auf die Adressaten spielen eine wichtige Rolle fur die richtig gewahlte Biografiearbeit. Die Auswahl an Methoden ist vielfaltig, aber jeder einzelne biografische Prozess muss individuell auf den Klienten zugeschnitten sein. Damit werden verschiedene Ziele verfolgt, welche im Laufe dieser Bachelorarbeit naher thematisiert werden. Mithilfe der Erorterung von theoretischen Aspekten, bezogen auf die Kinder- und Jugendhilfe, wird im darauf folgenden anhand von drei frei gewahlten Methoden deren Umsetzung und Wirkung auf die Klienten verdeutlicht. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Methoden aufzuzeigen und mit ihren Inhalten auf die Praxis zu transferieren. Diese stellen lediglich eine Moglichkeit dar, sich mit den Kindern und Jugendlichen sowie deren bisherigen Leben auseinanderzusetzen, wobei der Zeitaufwand keine primare Rolle spielen sollte.

Um qualitativ arbeiten zu konnen, findet im Laufe der Erstellung dieser Bachelorarbeit die standige Kooperation mit einem Kind der stationaren Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Walter Riedel" in Greiz statt. Die Biografiearbeit bedarf genugend Zeit und Geduld aller Beteiligter. Primar werden, aufgrund der hier behandelten Thematik, mogliche Ansatze geschaffen. Inwieweit diese, fur die stationare Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Walter Riedel" in Greiz, innovativ sind, kann pauschal nicht bestimmt werden. Die Methoden mussen ausreichend erprobt werden und konnen erst nach langerer Zeit eine Tendenz in Erfolg bringende oder kontraproduktive Prozeduren in Bezug auf die benannte Einrichtung zeigen.

2 Theoretische Aspekte der Biografiearbeit

2.1 Begriffsdefinitionen themenrelevanter Bezeichnungen

Im Folgenden werden Begriffe, welche in Verbindung mit dem Thema dieser Arbeit stehen, kurz definiert und erlautert. Diese Begriffe werden in der gesamten Ausarbeitung erscheinen. Mit dem ersten Gliederungspunkt wird demnach das Ziel verfolgt, ein Grundverstandnis fur die nachfolgende Thematik zu ermoglichen.

2.1.1 Das Tatigkeitsfeld der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit ist ein ebenso unubersichtlicher wie komplexer Gegenstand. Diesem vielfaltigen Bereich fehlt ein einheitlicher, von alien akzeptierter Begriff. Im Sinne einer annahernden begrifflichen Einigkeit spricht aus historischer Sicht vieles dafur, zwischen Sozialpadagogik und Sozialarbeit zu differenzieren.

Die Entstehung der Sozialarbeit findet sich in der klassischen Wohlfahrtspflege sowie der Herausbildung der Sozialhilfe wieder (vgl. Thole 2010, S. 19). Soziale Arbeit fordert als eine wissenschaftliche Disziplin und handlungsorientierte Profession, soziale Entwicklungen, gesellschaftliche Veranderungen und soziale Zusammenschlusse von Menschen. Sie stutzt sich auf Theorien der Human- und Sozialwissenschaften. Das Berufsfeld der Sozialen Arbeit bietet eine ganzheitliche Sicht vom Menschen in seiner individuellen Entwicklung und Eigenart, seiner spezifischen Lebenssituation und seinem Lebensraum. Sie setzt den Respekt der Individualist voraus und zielt auf Hilfen zur Minderung, Prevention und Bewaltigung von Schwierigkeiten, Problemen und Missstanden.

Die Komplexitat der Hilfen ist vielfaltig und umfasst okonomische, gesundheitliche, erzieherische, psychische, rechtliche und kulturelle Hilfen. Angefangen von der Kinder- und Jugendhilfe, uber die Behindertenhilfe, bis hin zu der Altenarbeit wird Soziale Arbeit betrieben. Grundlage der Sozialen Arbeit sind Prinzipien der Sozialen Gerechtigkeit und der Menschenrechte.

Fachkrafte, welche im Bereich der Sozialen Arbeit tatig sind bedurfen Interesse, Engagement und Empathiefahigkeit gegenuber ihren Mitmenschen. Durch tiefgrundige Einblicke in Lebenshintergrunde, Lebensschicksale und Lebensverhaltnisse sind Soziale Fachkrafte gefordert ein professionelles und qualifiziertes Nahe - Distanz - Verhaltnis zu ihren Klienten zu wahren. Somit umfasst die Soziale Arbeit ein breites Spektrum an Moglichkeiten der Hilfen fur Menschen von Menschen (vgl. Poulsen 2009, S. 13 - 14).

Die Soziale Arbeit bewegt sich in diesen gesellschaftlichen Konstruktionen und versucht Professionalitat zu erlangen. Sie unterstutzt Individuen, welche mangelnde gesellschaftliche Teilhabe erleiden und erhebt somit den Anspruch auf professionelle Unterstutzung bezuglich der Reautonomisierung negativ gepragter Lebenspraxen. Hilfreich sind in solchen Situationen fallrekonstruktive biografische Analysen, sowie sozialpadagogische Interventionen und Begleitungen. Grundsatzlich konnen potentiell all jene Menschen zu Adressaten und Adressatinnen Sozialer Arbeit werden, die an der gesellschaftlichen Partizipation gehindert und exkludiert werden: zum Beispiel Kinder und Jugendliche, Behinderte, Arbeitslose, Strafentlassene, psychisch Kranke, Migranten und alte Menschen (vgl. Haupert, Schilling, Maurer 2010, S. 29 - 30).

2.1.2 Hilfen zur Erziehung nach dem achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII)

Die Biografiearbeit kann Individuen jeden Alters betreffen. Im Rahmen dieser Arbeit bezieht sie sich jedoch lediglich auf Kinder und Jugendliche, welche aufgrund bestimmter Familienkonstellationen, Hilfe von Fachkraften im ambulanten Bereich erhalten oder nicht mehr bei ihren Eltern leben konnen und fremduntergebracht sind. Die Hilfen zur Erziehung, sind rein rechtlich gesehen, keine staatlichen Interventionen. Sie sind Leistungen, die sich vorerst an Eltern richten und freiwillig in Anspruch genommen werden konnen. Sie sollen die leiblichen Erziehungsberechtigten in ihren Pflichten und Rechten unterstutzen (vgl. Muller, Schwabe 2009, S. 18).

Die Bestimmungen der Hilfen zur Erziehung sind unter § 27 des SGB VIII festgeschrieben und haben zum Inhalt:

„ (1) [...] Anspruch auf Hilfe wenn, eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewahrleistet ist und die Hilfe fur seine Entwicklung geeignet und notwendig ist. (2) [...] Art und Umfang der Hilfe richten sich nach dem erzieherischen Bedarf im Einzelfall; [...] (3) Hilfe zur Erziehung umfasst insbesondere die Gewahrung padagogischer und damit verbundener therapeutischer Leistungen. [...]" (Marburger 2014, S. 74)

Folglich sind Hilfen zur Erziehung Familien erganzend ausgerichtet als: § 28 Erziehungsberatung; § 29 Soziale Gruppenarbeit; § 30 Erziehungsbeistandschaft; § 31 Sozialpadagogische Familienhilfe oder § 32 Erziehung in einer Tagesgruppe, wozu die Begleitung durch schulische Forderung und die Elternarbeit gehort.

Einrichtungen, welche eine Familien ersetzende Erziehung offerieren, kommen erst dann in Erwagung, wenn ambulante Angebote nachweislich nicht genugen (vgl. Muller, Schwabe 2009, S. 18). Die, in Verbindung mit diesem Thema stehenden, Kinder und Jugendlichen leben alle in einer stationaren Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung und sind nach § 34 - „Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform" - untergebracht. Zusatzlich konnen in der Einrichtung „Hohe Sonne" in Weida, welche ebenfalls zu dem Heimverbund der Arbeiterwohlfahrt Greiz gehoren, durch eine ausgeschriebene Stelle, Kinder und Jugendliche nach § 35 a - „Eingliederungshilfe fur seelisch behinderte Kinder und Jugendliche" - betreut werden.

Kinder und Jugendliche sind Subjekte in einem Hilfeprozess und haben aufgrund verschiedener Paragraphen ein hohes MaK an Mitbestimmung beziehungsweise Partizipation. Sie sollen in alle sie betreffenden Entscheidungen einbezogen werden, sofern dies aufgrund ihres Entwicklungsstandes moglich ist (vgl. Baumgartner 2005, S. 18).

Prinzipiell erfolgt der Zugang zu Hilfen zur Erziehung im Normalfall uber den Allgemeinen Sozialen Dienst der Jugendamter. Bis eine Hilfe in Kraft tritt bedarf es einer Fallanalyse seitens zahlreicher Fachkrafte. Diese prufen dann den individuellen Bedarf der Hilfen zur Erziehung und fuhren im Sinne des achten Sozialgesetzbuches Paragraphen aus (vgl. Ecarius 2007, S. 574).

2.1.3 Die Biografiearbeit

„Biografiearbeit ist eine strukturierte Methode in der padagogischen und psychosozialen Arbeit, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und alten Menschen ermoglicht, fruhere Erfahrungen, Fakten, Ereignisse des Lebens zusammen mit einer Person ihres Vertrauens, zu erinnern, zu dokumentieren, zu bewaltigen und zu bewahren. Dieser Prozess ermoglicht Menschen, ihre Geschichte zu verstehen, ihre Gegenwart bewusster zu erleben und ihre Zukunft zielsicherer zu planen." (Lattschar, Wiemann 2013, S. 13) Biografiearbeit kommt besonders dort zum Tragen, wo Wendepunkte oder Krisen im gesamten Lebensverlauf eines Menschen eine Ruckschau erfordern oder wo unverstandene und unbekannte Teile der Lebensgeschichte Verarbeitung und Erklarung bedurfen.

Der Begriff der Biografie leitet sich von dem griechischen bios, was Leben bedeutet, und graphien, was zu Deutsch zeichnen, malen, darstellen oder abbilden bedeutet, ab. Die Biografiearbeit umfasst die emotionale Auseinandersetzung und Entwicklung kritischer Lebensereignisse. Sie hilft nicht nur alten Menschen und Erwachsenen bei der Verflechtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch Kindern und Jugendlichen mit ihren spezifischen Familien- oder Lebenssituation umgehen zu konnen.

Biografiearbeit impliziert das Besprechen und Erarbeiten der Lebensereignisse. Zugleich soil mithilfe der Biografiearbeit eine Dokumentation, ein Ergebnis oder ein Produkt beispielsweise in Form eines Briefes, eines Lebensbuches, von Fotos, eines Schnellhefters mit Urkunden, von gemalten Bildern und vielen weiteren Moglichkeiten entstehen. Die Dokumentation weist eine Bestandigkeit und Verbindlichkeit auf und ist presenter als ein einfaches gesprochenes Wort. Sie wird nicht verdrangt oder umgedeutet und kann zu jeder Zeit visualisiert werden.

In Deutschland ist der Ansatz der Biografiearbeit, im Vergleich zu anderen Landern, neu (vgl. Lattschar, Wiemann 2013, S. 13 - 14). Dennoch ist es schwer, den Begriff der Biografiearbeit einzugrenzen. In der Literatur besteht bis dato keine einheitliche Verwendung des Terminus der Biografiearbeit.

Um ein professionelles Arbeiten zu ermoglichen, ist eine detailliertere Definition notwendig (vgl. Kellner - Fichtl 2017, S. 16). Resumierend kann die Biografiearbeit folgenderweise definiert werden:

„Ausgehend von einem ganzheitlichen Menschenbild ist Biografiearbeit eine strukturierte Form der Selbstreflexion in einem professionellen Setting, in dem an und mit der Biografie gearbeitet wird. Die angeleitete Reflexion der Vergangenheit dient dazu, Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu gestalten. Durch eine Einbettung der individuellen Lebensgeschichte in den gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang sollen neue Perspektiven eroffnet und Handlungspotentiale erweitert werden." (Kellner - Fichtl 2017, S. 18).

2.2 Biografiearbeit im Kontext der Sozialen Arbeit

Biografiearbeit bedeutet Lebensbeschreibung. Eine Biografie stellt kein passives Spiegelbild eines Lebens dar, sondern sie zeigt das Ergebnis eines selektiven, reflexiven und gestaltenden Prozesses im Hinblick auf das gesamte Leben eines Individuums. Das Wort „Arbeit“ ist im Kontext der Biografie eine Bezeichnung fur einen bewussten, absichtsvollen, aktiven und zielgerichteten Ablauf (vgl. Holzle, Jansen 2011, S. 31).

Im Folgenden werden Inhalte der methodischen Ansatze von Biografiearbeit thematisiert, sowie deren theoretische Ziele und Auswirkungen auf die Menschen in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit.

2.2.1 Methodische Ansatze von Biografiearbeit und deren Verwirklichung

In den vergangenen Jahren hat sich das Thema der Biografiearbeit immer weiter etabliert. Vielfaltige Literatur ist erschienen und es existiert eine Vielzahl an Buchern, welche methodische Ubungen enthalten. All diese Methoden im Einzelnen aufzufuhren, wurde den Rahmen dieser Arbeit uberschreiten. Folglich findet eine allgemeine Systematisierung der bisher angewandten Methoden statt:

1. unspezifische Methoden: Bei den unspezifischen Methoden handelt es sich um eine Arbeit mit biografischen Elementen. Diese konnen auch in Gruppensituationen angewandt werden, wie beispielsweise bei Ubungen zum Kennenlernen. Naheres Eingehen auf diese Methode wurde auRerhalb der Thematik stehen, da sie zwar eingesetzt werden, aber nicht speziell fur die Biografiearbeit gemacht sind.
2. Modifizierte Methoden: Diese Methoden basieren auf der Modifikation von Verfahren, welche in anderen Arbeits- oder Wissenschaftsfeldern entwickelt wurden (Beispielsweise Therapien oder Biografieforschung). Methoden wie die narrative Gesprachsfuhrung oder die Genogrammarbeit wurden beispielsweise auf die Biografiearbeit modifiziert.
3. Eigenstandige Methoden: Diese Methoden wurden spezifisch im Zuge der Erstellung von Biografiearbeit entwickelt und stehen ausschlieRlich mit dieser in Verbindung (Beispielweise Lebensbucher, Erzahlcafes oder Erinnerungskoffer).

Bezuglich des methodischen Arbeitens werden andere Gruppierungen vorgenommen, welche jedoch anhaltend im Zusammenhang mit der Biografiearbeit stehen:

- narrative Methoden: Diese „non - direkte Gesprachsfuhrung" ermoglicht es dem Klienten seine eigene Lebensgeschichte zu erzahlen ohne Eingriff von auRenstehenden Personen. Diese Methoden sind sehr komplex und entstanden aus der sozialwissenschaftlichen Biografiearbeit. Fur die Praxis werden sie so verkurzt und vereinfacht, dass sie Anwendung ohne komplexen Aufwand finden konnen. Narrative Methoden leben von den Lebensberichten der Klienten und es sollen lediglich erzahlgenerierende Nachfragen dazu anregen, Erinnerungsprozesse in Gang zu setzen um noch mehr aus dem Leben des Klienten erfahren zu konnen. Der Leitgedanke dieser Methode ist, Menschen dazu anzuregen uber ihr Leben zu sprechen und dabei die Ebene der unbewussten Deutung zu uberschreiten. Narrative Methoden sind demnach Techniken, mit welchen Dialoge initiiert werden, welche reich an Informationen aus dem Leben des Klienten sein sollen.
- Autobiografische Schreibverfahren: Das Aufschreiben von Lebensgeschichten und mitunter Vorlesen dieser, eroffnet den Blick fur Themen, uber welche es schwer fallt zu sprechen. Somit entstehen Produkte, welche uber die Biografiearbeit hinaus Bestand haben. Mithilfe des Schreibens konnen Geschichten geschaffen werden in welchen fiktive Personen das eigene Leben darstellen. Die Klienten haben somit die Moglichkeit ihr Leben zu erzahlen, ohne in direkten kommunizierenden Kontakt mit ihrem Gegenuber treten zu mussen.
- Kreative Methoden: Die kreativen Methoden bieten eine nahezu unuberschaubare Vielfalt. Durch den Einsatz kreativer Ansatze, wie beispielsweise kneten, malen, modellieren, singen oder basteln, sollen sprachbedingte Abwehrmechanismen reduziert werden. Uber die Entwicklung des Gestaltens, des Betrachtens und gemeinsamen Redens uber diese Bilder, konnen Inhalte bewusst beziehungsweise bewusster gemacht werden und die Darstellung lebenszeichnender Geschehnisse vereinfachen. Musik, das Spielen von Instrumenten und das Singen, kann zusatzlich an biografischen Erlebensinhalten angeknupft werden.
- Korper- und Sinnesmethoden: Hierbei werden gezielt korperliche Bereiche, wie zum Beispiel Tanz, Bewegung, Aufstellung, Beruhrung und Geruch, stimuliert und fur die Biografiearbeit genutzt. Mithilfe dieser Korpermethoden wird das Korpergedachtnis in den Erinnerungsprozess erfasst. Uber Geruche,

Beruhrungen oder Bewegungen, konnen eingeschriebene Erinnerungen, welche unbewusst im Korpergedachtnis verankert sind, reaktiviert und bewusst gemacht werden.

- Einbezug von Medien: Mithilfe von Medien sollen Erinnerungen angeregt werden. Alltagsgegenstande, wie zum Beispiel Fahrkarten, Kinderspiele, Schulhefte, Puppen, Kuscheltiere, Urkunden und vieles mehr, fordern in der Interaktion Erinnerungsprozesse. Auch Filme oder Familienfotos sind wichtige Indikatoren. Diese Methode steht im Sinne der dokumentationsorientierten Biografiearbeit und wird vorzugsweise in der Behindertenhilfe angewandt. Auf diese Weise soil es Klienten erleichtert werden, Erinnerungen an biografische Erfahrungen zu behalten und zu reflektieren.
- Meditative und assoziative Verfahren: Bildassoziationen und Fantasiereisen regen Erinnerungen an, bei welchen den Klienten nicht sofort deutlich wird, welche Bedeutung diese haben. Diese Methode regt unbewusste Erlebnisinhalte an und schaltet die kognitive Selbstkontrolle ein Stuck weit aus. Dies kann zu einem befreienden positiven Effekt fuhren, in welchem sich der Klient frei ausdrucken und fallen lassen kann.
- Visualisierende Methode: Diese Methode umfasst alle Formen der grafischen und optischen Darstellung der Biografiearbeit, beispielsweise durch das Aufzeichnen eines Lebensstrahls, sozialen Netzwerks, Genogramms oder einer Lebensuhr. Die Visualisierung macht Zusammenhange deutlich, welche vorher nicht bewusst waren.
- Lernen am Modell: Mithilfe dieser Methode werden dem Klient zunachst Beispiele verschiedener Biografien aufgezeigt, um seine Hemmschwelle fur die eigene Biografiearbeit herabzusetzen und sein Interesse fur seine eigene Lebensforschung zu wecken. Diese Modelle konnen beruhmte Menschen oder erfundene Figuren sein.
- Wurfel- und Kartenspiele: Durch die Verwendung spielerischer Elemente, wird ein Bezug zu Kindheitserinnerungen angeregt. Besonders in der Altenarbeit findet diese Methode Gebrauch. Das Beantworten der biografischen Fragen im Spiel regt, je nach Art der Frage, zu Erzahlungen, Gedachtnisubungen oder Singen an.
- Rollenspiele und Aufstellungsarbeit: Mithilfe der Rollenspiele und Aufstellungsarbeit werden Moglichkeiten geschaffen Familienkonstellationen oder andere Dynamiken realistisch darzustellen und zu bearbeiten. Auch hier ist die Visualisierung ein positiver Effekt, welcher zum besseren und leichteren Verstandnis der Situation beitragen kann.

Diese vielen unterschiedlichen Methoden erfordern verschiedene Vorbildungen. Wahrend manche Methoden einfach anzuwenden und zu erlernen sind, bedurfen andere vieler Kenntnisse und Erfahrungen. Da viele dieser Praktiken aus Therapieansatzen kommen, besteht die Gefahr, unbewusste negative Anteile des Klienten zu reaktivieren.

Die Warnungen vor Anregungen nachteiliger Dynamiken konnen nicht groK genug sein. Berater und Betreuer von Biografiearbeit mussen sich bewusst sein, dass mit jeder Methode biografische Prozesse angeregt werden konnen, mit welchen ursprunglich nicht gerechnet wurde. Daher ist eine gewisse Vorsicht, die Methoden sorgfaltig auszuwahlen, unerlasslich. Der Berater sollte vor der Anwendung genau uberdenken, welche Methoden moglicherweise fur ihn am besten zu handhaben sind und sich gut auf die Arbeit mit dem Klienten vorbereiten lassen.

Die Entscheidung gegen oder fur eine Methode hangt von der konkreten Person, mit welcher zusammengearbeitet wird, ab. Eine lebhafte Biografiearbeit zerrt von einem flexiblen Zuschnitt fur das Individuum. Eine sorgfaltige Auswahl an Methoden ist wesentlicher Bestandteil einer positiven Biografiearbeit. Genauso wichtig ist aber auch das Handeln und die Haltung des Beraters um lebensbegunstigende Resultate fur seinen Klienten zu erzielen (vgl. Miethe 2011, S. 41 - 45).

Die Verbindung verschiedener methodischer Ansatze kann wahrend eines biografischen Prozesses zu positiven Resultaten fuhren. Somit erhalt der Klient die Moglichkeit diverse Methoden erproben zu konnen und in Erfahrung zu bringen, welche am einflussreichsten und gewinnbringendsten fur ihn personlich ist. Grundsatzlich steht jedoch immer das Individuum mit seiner einzigartigen Geschichte im Mittelpunkt. Seine Erzahlungen sind einmalig und mussen demnach entsprechend respektiert und gewurdigt werden (vgl Schloffer, Prang, Frick - Salzmann 2010, S. 157).

2.2.2 Adressaten und Einsatzfelder der Biografiearbeit

Prinzipiell sind die Adressaten der Biografiearbeit alle Menschen, unabhangig ihres Geschlechts, des Alters, der Herkunft oder des Entwicklungsstandes. Dabei eine genaue Einteilung der Einsatzfelder und Adressaten von Biogafiearbeit vorzunehmen ist schwierig. Auf der einen Seite lassen sich Zielgruppen definieren wie Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Behinderte und Senioren. Andererseits sind die Ansatze der Biografiearbeit zielgruppenubergreifend und nicht speziell auf eine Gruppe konzipiert.

Aufgrund dessen wird die Biografiearbeit im Folgenden im Kontext ihrer Entwicklung auf ihre Adressaten dargestellt. Somit wird ein Verstandnis fur die Entstehung der Arbeitsansatze und deren Weiterentwicklung und Modifizierung geschaffen. Diesbezuglich erfolgt die Darstellung der Adressanten und Einsatzfelder von „Alt" nach „Jung". Sprich, begonnen von der Altenarbeit, in welcher sich die Biografiearbeit entwickelt hat, bis hin zur Kinder- und Jugendhilfe, in welcher sie immer weiter professionalisiert wird.

Die Biografiearbeit mit alten Menschen unterteilt sich in zwei Bereiche. Zum einen in den Bereich der Bildung und zum anderen der Pflege. Die Altenbildung bezieht sich auf alte Menschen, welche grundsatzlich keiner besonderen pflegerischen oder medizinischen Behandlung bedurfen. Sie sind weitestgehend im Vollbesitz ihrer geistigen Fahigkeiten und konnen aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz an Lebensjahren, besonders wertvolle Erlebnisse berichten.

Anders hingegen ist es bei zu Betreuenden aus dem Bereich der Altenpflege. Sie sind in der Regel meist dauerhaft geistig und/ oder korperlich pflegebedurftig. Das erfordert die Hilfe professioneller Fachkrafte. Biografiearbeit ubernimmt eine neue Funktion, wenn die kognitiven Fahigkeiten alter Menschen nachlassen und sie aus diesem Grund Hilfe bedurfen.

Im Alltag der Pflege zeigen sich haufig Zuruckweisungen und Widerstande gegenuber dem Pflegepersonal. Besonders fruhere Traumata konnen aufgrund der verbundenen Abhangigkeit mit der Pflegesituation reaktiviert werden. Ausloser hierfur konnen beispielsweise Beruhrungen aufgrund der Korperpflege sein oder ahnlich klingende Stimmen oder Handlungsmuster der Pflegekrafte, welche an negative Situationen mit anderen Menschen, aus dem fruheren Leben erinnern (vgl. Miethe 2011, S. 101 - 113).

Fur den Umgang mit Krankheit und dem Erleben von Pflegebedurftigkeit im Kontext der Wichtigkeit mit biografischer Pragung, wird die Biografie als kategorischer Teil der anzufertigenden Pflegediagnose aufgenommen. Zwei Ansatze der Biografiearbeit mit Senioren lassen sich dabei unterscheiden:

1. Die Biografiearbeit sollte moglichst unabhangig vom Pflegeprozess sein. Sie wird dann von Arbeitstherapeuten oder Mitarbeitern/ Mitarbeiterinnen der Sozialen Dienste ausgefuhrt, zu einer bestimmten Zeit und an einem separaten Ort. Die Ergebnisse der Biografiearbeit werden nur sporadisch in den Prozess der Pflege integriert. Das bedeutet, dass es sich hier um zusatzliche fordernde und stabilisierende Angebote im Pflegealltag handelt.
2. Die integrative Biografiearbeit, welche in dem Pflegeprozess Integration findet und aufgrund professioneller Pflegekrafte umgesetzt wird und somit Teil der Pflegewissenschaft darstellt. Dabei handelt es sich um informelle Biografiearbeit.

Vereinfacht ausgedruckt stellen diese beiden Ansatze, Moglichkeiten der Integration von biografischen Arbeiten dar. Sie verdeutlichen beispielsweise die spontane und praktische Umsetzung von Biografiearbeit sowie die standige und geplante

Einbeziehung dieser. Demzufolge stellt die Biografiearbeit einen bedeutenden Teil in der Arbeit mit alten Menschen dar, welcher sich positiv auf deren Leben auswirken und selbst in einem hohen Alter negativ Erlebtes aufarbeiten kann (vgl. Miethe 2011, S. 115).

Der Mensch soil dazu befahigt werden, seine eigene Lebensgeschichte zu reflektieren, aus ihr Umorientierungen im padagogischen und personlichen Handeln entwickeln und aus ihr lernen. Das Hinterfragen des Alltaglichen, Selbstverstandlichen und Unhinterfragten eroffnet die Moglichkeit, alte Erlebnisse neu zu bewerten und zu interpretieren und folglich neue Sichtweisen zu gewinnen. Die methodischen Ansatze und Inhalte von Biografiearbeit unterscheiden sich in Bezug auf ihre erwachsenen und alten Adressaten kaum.

Bei Menschen mit geistigen Einschrankungen und Kindern und Jugendlichen ist dies jedoch anders (vgl. Lattschar, Wiemann 2013, S. 22). Das biografische Arbeiten im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist unerlasslich. Vor allem im Adoptions- und Pflegekinderwesen ist die Biografiearbeit nicht mehr wegzudenken. Die leiblichen Verwandten konnen in diesen Fallen oft gar nicht oder nur eingeschrankt uber Herkunftsfragen, seitens der Kinder, Auskunft geben. Fragen bezuglich der eigenen Wurzeln sind fur Adoptiv- und Pflegekinder schwer zu beantworten und bedurfen Bemuhungen seitens des Fachpersonals. Die Biografiearbeit mit Jugendlichen und Kindern umfasst im Allgemeinen:

- Informationen uber das kulturelle, soziale, religiose und familiare Umfeld der leiblichen Familie,
- das Kennenlernen, fur das Kind oder den Jugendlichen, wichtiger Personen,
- Festhalten und Wahrnehmen von Gefuhlen,
- Zukunftswunsche des Kindes oder des Jugendlichen,
- Informationen zur Herkunftskultur oder des Herkunftslandes, fur Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Besonders bei fremd untergebrachten Kindern und Jugendlichen sind diese und noch weitere Fragen fur den Prozess der Identitatsentwicklung wichtig. Nur mit Beantwortung dieser Fragen kann ein annaherndes Verstandnis fur die Umstande ihrer Lebenssituation und damit moglicherweise die Akzeptanz fur ihre gegenwartige Lebenslage geschaffen werden. Auch in der Jugendhilfe ist sie, aufgrund ihrer zielfuhrenden und positiven Wirkungen auf das Individuum fest verankert (vgl. Miethe 2011, S. 126- 127).

Biografiearbeit ist grundsatzlich in jedem Alter eines Kindes moglich. Sie muss in Hinsicht auf Wahl und Intensitat der Methode dem Lebensalter und Entwicklungsstand des Kindes angepasst werden. Um mit dem Kind auf der Beziehungs- und Handlungsebene in Kontakt treten zu konnen, ist es wichtig zu wissen, wie sich das Kind mit der Umwelt gefuhlsmaKig, sprachlich, motorisch und kognitiv auseinandersetzt.

Bereits im Kleinkindalter konnen aufgrund vereinfachter Sprache Lebensgeschehnisse, wie beispielsweise eine Adoption, verstandlich gemacht werden. Ab dem Kindergartenalter, sprich von drei bis sechs Jahren, konnen erste Rollenspiele, mithilfe von Puppen, methodisch verwendet werden. Weiterfuhrend vom Grundschulalter, von sieben bis 11 Jahren, bis hin zum Jugendalter, ab 12 Jahren, konnen somit verschiedene Methoden Einzug in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen finden und deren Leben schon fruhzeitig biografisch beleuchten und hinterfragen (vgl. Baumgartner 2010, S. 23 -24).

Verlieren Kinder ihre Vergangenheit, kann es mitunter sehr schwer fur sie werden sich sozial und emotional zu entfalten. Daher zielt die Biografiearbeit fur Kinder und Jugendliche darauf ab, Teile dieser Vergangenheit anzunehmen und mit in ihre Zukunft zu transferieren (vgl. Ryan, Walker 2007, S. 13).

2.2.3 Die Ziele und die Wirkung von Biografiearbeit

Die Biografiearbeit mit alten Menschen, welche geistige und/ oder kognitive Einschrankungen aufweisen, arbeitet an deren zunehmenden Abbau kognitiver

Fahigkeiten und versucht diesen ein Stuck weit entgegen zu wirken. Biografiearbeit dient zielgerichtet im fortgeschrittenen Alter dann dazu:

- vergangene Erlebnisse gewinnbringend fur die Gegenwart und zukunftige Existenz zu nutzen,
- Unterstutzung bezuglich der eigenen Identitat, trotz korperlichen und geistigen Zerfalls, zu gewahrleisten,
- eine Steigerung der Lebensqualitat und rehabilitative und preventive Verbesserung des psychophysischen Wohlbefindens zu erreichen,
- den fortschreitenden geistigen Abbau bestmoglich aufzuhalten,
- positive und gewinnbringende Erfahrungen zu ermoglichen, mithilfe des Ruckrufs an Erinnerungen, welche an Kompetenzen angeknupft werden konnen, die ausgefallen zu scheinen wie beispielsweise bei einer Demenz,
- einen Zugang zu finden, um im Pflegeprozess, als storend wahrgenommene, Verhaltensweisen besser zu verstehen,
- um an Bewaltigungsstrategien und vorhandene Ressourcen anzuknupfen,
- biografische Statuspassagen zu unterstutzen, wie beispielsweise den Umzug in ein Heim. (vgl. Miethe 2011, S.113)

Die Biografiearbeit mit jungen Menschen, sprich Kindern und Jugendlichen, zielt auf deren Verstandnis fur deren eigene und personliche Lebenssituationen ab. Sie stellt eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, mit Blick auf die Zukunft, dar. Sie verbindet unterschiedliche Teile der Lebensgeschichte und versucht somit ein Ganzes zu schaffen.

Wie bei den Zielen der Biografiearbeit mit alten Menschen, wird auch mit Kindern und Jugendlichen an vergangenen negativen sowie positiven Erlebnissen gearbeitet, sodass diese gewinnbringend fur die Gegenwart und Zukunft genutzt werden konnen. Auch der Aspekt der Unterstutzung der eigenen Identitat ist bei dem biografischen Arbeiten mit jungen Menschen wichtig. Ihnen soil der Blick fur positive Erfahrungen ermoglicht werden um ihre Personlichkeit zu festigen und sie fur ihr weiteres Leben zu starken (vgl. Miethe 2011, S. 127).

Wahrend die Biografiearbeit mit alten Menschen ruckblickend auf deren Leben konzipiert ist, hat sie bei jungen Individuen mitunter einen intervenierenden Effekt. Das biografische Arbeiten hat verschiedene Wirkungskomponenten. Negative Ereignisse der Vergangenheit werden in ihrem Inhalt oder Kontext so umgewandelt, dass sie ihre Wirkung verlieren und sogar als Ressource genutzt werden konnen. Die Dokumentation des eigenen Lebens, mithilfe verschiedener Methoden, wirkt gerade fur Kinder und Jugendliche konfrontierend und stabilisierend. Personen werden dazu befahigt, Kontrolle uber einen schmerzhaften Prozess zu erlangen. Eine zusatzliche Komponente nutzt die Tatsache, dass fruhkindliche Bindung pragend fur das gesamte weitere Leben ist. Besteht eine solche Bindung, kann diese als positive Ressource genutzt werden, die besonders im Zusammenhang mit der personlichen Verwirklichung eines Individuums von Bedeutung ist (vgl. Baumeister, Bauer, Mersch, Pigulla, Rottgen 2016, S. 129).

Das biografische Arbeiten gibt Kindern und Jugendlichen mithilfe der vielzahligen verschiedenen Methoden, eine verstandliche und strukturierte Moglichkeit, uber sich selbst zu erzahlen. Biografiearbeit kann zur Selbstwertsteigerung eines Kindes beitragen. Da bedauerlicherweise oftmals der Gedanke der Wertlosigkeit aufgrund der Trennung von den leiblichen Eltern vorherrscht, knupft die Biografiearbeit an solchen einpragsamen Erlebnissen an und ermoglicht einen Blick aus einer positiven Perspektive, welcher an Ressourcen der jungen Menschen anknupft (vgl. Ryan, Walker 2007, S. 15).

2.3 Funktion von Biografiearbeit

Bis dato finden sich uber empirische Forschungen und Theorien bezuglich der Wirkung von Biografiearbeit keine Studien. Die Funktionen von biografischen Arbeiten sind jedoch immer gleich und lediglich mit Individuen abhangigen methodischen Ansatzen bestuckt. Im Folgenden werden wichtige Schlagworte, welche einen Menschen in seiner Personlichkeit formen und ausschlaggebend fur das biografische Arbeiten sind, erlautert.

2.3.1 Identitat und Integration von Klienten

„Identitat ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit der eigenen Lebensgesichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit Anderen eine Balance zwischen individuellen Anspruchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben." (Abels 2017, S. 200) Die Identitat eines Menschen ist unverwechselbar und macht diesen aus. Erwachsene weisen aufgrund ihrer Lebensjahre ausgepragtere Identitatsmerkmale auf als Kinder oder Jugendliche. Je alter eine Person wird, desto weniger wird sich dessen Identitat verandern (vgl. Baumgartner 2010, S. 36).

„Uber ihre Lebensgeschichte, die stets auch Lerngeschichte ist, sind Menschen identifizierbar, schaffen sie sich eine Identitat, die jedoch immer nur vorlaufig sein kann." (Homfeldt 2004, S. 29) Die Identitat eines Menschen ist eine Kombination aus individuellen Merkmalen, deren Personen sich selbst bewusst sind und welche sie ihrem Gegenuber darstellen konnen. Identitat umfasst die Vergangenheit, geht uber die Gegenwart und endet bei der Zukunft. Dabei besteht die Vergangenheit aus Daten, Personen, Orten, Trennungen, Zeiten oder anderen Erlebnissen. Die Gegenwart thematisiert die Reaktion und das Selbstbild auf die Vergangenheit. Die Zukunft bildet sich aus den Chancen und Veranderungen. Die Identitat eines Menschen entwickelt sich aus dessen Umfeld. Andere Personen haben demnach einen erheblichen Einfluss. Eltern, Freunde und Bekannte formen die Identitat. Wahrend dieser Entwicklung entsteht eine innere und auKere Dimension:

- die innere Dimension bezieht sich auf das Bediirfnis nach Authentizitat, Selbstanerkennung und Koharenz,
- die auKere Dimension bezieht sich auf die Anpassung an die Umwelt, sprich die Anerkennung, Integration und Handlungsfahigkeit.

Bezuglich der Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen wird deren Identitat als Kenntnis uber die konstitutionellen Bausteine und biologischen Wurzeln verstanden. Stationar untergebrachte Kinder und Jugendliche definieren sich auch nach der Trennung von ihrem Elternhaus als Teil der Familie. Vor allem Wendepunkte,

Krisen und Briiche, in der Lebensgeschichte junger Menschen, bedrohen das Identitatsgefuhl und bergen somit psychische und physische Isolation. Dabei kann die Biografiearbeit helfen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sinnvoll zu strukturieren (vgl. Baumgartner 2010, S. 36 - 37).

Ein gesundes und gefestigtes Identitatsgefuhl ist fur jeden Menschen lebenswichtig. Ein schwaches und instabiles Identitatsgefuhl kann besonders Kinder und Jugendliche behindern. Schlimmstenfalls kann es Kinder paralysieren, sodass sie in der Vergangenheit stehen bleiben und nicht dazu in der Lage sind, in die Zukunft zu gehen.

Die Identitat ist ein komplexes Produkt. Wohlmoglich beginnt sie, sich bereits mit den ersten Unterscheidungen zwischen auKerem und innerem Selbst, im Kleinkindalter zu entwickeln. Diese Grundung der Vorstellung des eigenen „Selbst" ist maKgebend fur eine intakte Entwicklung. Wird diese durch unangemessene Reaktionen und Ereignisse in Verbindung mit wichtigen Personen, wie beispielsweise der Eltern, gehindert, konnen schwerwiegende Probleme die Folge sein. Da ein Verstandnis des eigenen Selbstbildes, besonders fur Kinder und Jugendliche welche von ihren Wurzeln getrennt sind und somit keine klare Perspektive haben, schwierig ist, miissen diese Teile kommuniziert und erklart werden (vgl. Ryan, Walker 2007, S. 16 - 17).

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Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung
Untertitel
Zwei methodische Ansätze und deren Ziele sowie Auswirkungen auf die Klienten
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thüringen in Eisenach)
Note
2,6
Autor
Jahr
2017
Seiten
77
Katalognummer
V382965
ISBN (eBook)
9783668583665
ISBN (Buch)
9783668583672
Dateigröße
1135 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Benotung seitens der DHGE: 1,5
Schlagworte
Biografiearbeit, Kinder- und Jugendhilfe, biografisches Arbeiten, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
T. Donnerhak (Autor), 2017, Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/382965

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