Veränderungen der Umwelt und daraus resultierende Gefährdungen stehen gegenwärtig besonders im Interesse der globalen Gemeinschaft. Bezeichnungen wie der „anthropogene Klimawandel“ implizieren einen Zusammenhang zwischen diesen klimatischen Veränderungen und menschlichen Aktivitäten. Die Anthropologin und Archäologin Carole L. Crumley merkt an, dass in der Wissenschaft zwar komplexe Fragen zu dem Zusammenhang zwischen klimabeeinflussenden Elementen und solchen, die vom Klima beeinflusst werden, gestellt worden seien, jedoch seien dabei nur selten Informationen miteinbezogen worden, wie menschliche Aktivitäten die Umwelt beeinflusst haben und umgekehrt, wie Veränderungen der Umwelt sich auf das menschliche Verhalten auswirken.
Im Fokus dieser Arbeit stehen die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt in Amazonien aus zwei unterschiedlichen Ansätzen der Anthropologie betrachtet: der Kulturökologie und der Historischen Ökologie. Diese beiden Theorien werden einander gegenübergestellt, um zu zeigen, dass die grundlegend verschiedenen Ansätze auch sehr unterschiedliche Vorstellungen zu den Mensch-Umwelt-Beziehungen im Amazonasgebiet hervorbringen. Der von vielen westlichen Menschen geteilten romantischen Vorstellung, die Bewohner des Amazonasgebietes lebten in „Einklang“ oder „Harmonie“ mit der Natur, stellt die Historische Ökologie die These entgegen, dass es diese „unberührten“ Lebensräume nicht gibt und der Mensch durch verschiedene Aktivitäten Spuren in der Landschaft hinterlässt. Am Beispiel der Terra Preta, der Amazonas-Schwarzerde, soll die These der Historischen Ökologie untersucht werden. In Abgrenzung zur Kulturökologie soll gezeigt werden, dass nicht nur die Umwelt Einfluss auf die Kultur nimmt, sondern umgekehrt menschliche Tätigkeiten auf die sie umgebende Natur zurückwirken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kulturökologie
3. Historische Ökologie
3.1 Zentrale Thesen und Ziele
3.2 Abgrenzung zu adaptionistischen Theorien
3.3 Amazonien und Historische Ökologie
4. Terra Preta
4.1 Eigenschaften, Vorkommen und Entstehung
4.2 Bedeutung aus Sicht der Historischen Ökologie
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Mensch-Umwelt-Beziehungen in Amazonien und hinterfragt die Vorstellung einer unberührten Wildnis durch den Vergleich der theoretischen Ansätze der Kulturökologie und der Historischen Ökologie, wobei Terra Preta als zentrales Fallbeispiel für menschliche Landschaftsgestaltung dient.
- Vergleich von Kulturökologie (Julian H. Steward, Betty Meggers) und Historischer Ökologie (William Balée, Clark L. Erickson).
- Kritische Analyse des Umweltdeterminismus in anthropologischen Theorien.
- Die Rolle des Menschen als aktiver Gestalter des Amazonas-Regenwaldes.
- Wissenschaftliche Untersuchung der Eigenschaften und Entstehung von Terra Preta (Amazonian Dark Earth).
- Hinterfragung des Mythos der "Pristine Environment" (ursprüngliche Natur).
Auszug aus dem Buch
4.1 Eigenschaften, Vorkommen und Entstehung
Als Terra Preta wird eine fruchtbare Bodenart bezeichnet, die in Form von kleinen Inseln im Amazonasgebiet vorkommt (vgl. Glaser 2006, 187). Der Name geht dabei zurück auf ihre dunkle Farbe. Das Vorkommen von Terra Preta im Amazonasbecken wird auf etwa 6000 bis 600.000 Quadratkilometer geschätzt (vgl. Erickson 2008, 171). Terra Preta unterscheidet sich von den sie umgebenden Böden nicht nur durch ihre Farbe und Fruchtbarkeit, sondern auch dadurch, dass sie große Mengen an Kohle und anderen organischen Resten enthält (vgl. ebd.). Archäologische Studien weisen darauf hin, dass bereits 7000 bis 500 v. Chr. ADEs entstanden sind und diese präkolumbischen Ursprungs sind (vgl. Glaser 2006, 187). Neben einem hohen Anteil an Kohle enthält die ADE Exkremente von Menschen und Tieren, Abfälle (darunter Knochen von Fischen und Säugetieren), Überbleibsel von Asche und pflanzliche Biomasse. Da der Anteil an Kohle nicht primär für die hohe Fruchtbarkeit der Schwarzerde verantwortlich gemacht werden kann, könnten die übrigen Bestandteile eine mögliche Erklärung dafür liefern (vgl. ebd., 189)
ADE wird oftmals in Verbindung mit menschlichen Wohnstätten und Aktivitäten gebracht (vgl. Whitehead 1998, 37), jedoch konnte bisher nicht festgestellt werden, ob Terra Preta intentional oder als Abfallprodukt menschlicher Siedlungen entstand (vgl. Glaser 2007, 187).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die anthropologische Problematik der Mensch-Umwelt-Beziehungen ein und stellt die beiden zu untersuchenden Theorien sowie das Fallbeispiel Terra Preta vor.
2. Kulturökologie: Dieses Kapitel erläutert den kulturökologischen Ansatz von Julian H. Steward und Betty Meggers, welcher den Menschen primär als an die Umwelt angepasst betrachtet.
3. Historische Ökologie: Dieses Kapitel stellt die Historische Ökologie als Gegenentwurf vor, der den Menschen als aktiven, langfristigen Gestalter seiner Umwelt begreift.
4. Terra Preta: Dieses Kapitel analysiert am Beispiel der Terra Preta die Auswirkungen menschlicher Tätigkeiten auf die Bodenqualität und die Gestaltung amazonischer Landschaften.
5. Schlussbemerkungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die zentrale Annahme, dass der Amazonasraum wesentlich durch menschliche Aktivitäten geprägt wurde.
Schlüsselwörter
Amazonien, Kulturökologie, Historische Ökologie, Terra Preta, Amazonian Dark Earth, Mensch-Umwelt-Beziehung, Umweltdeterminismus, Anthropogene Landschaften, Indigene Gruppen, Bodenkunde, Landschaftsgestaltung, Kulturanthropologie, Siedlungsgeschichte, Adaption, Nachhaltigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mensch-Umwelt-Beziehungen im Amazonasgebiet aus der Perspektive zweier anthropologischer Ansätze: der Kulturökologie und der Historischen Ökologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung zwischen ökologischem Determinismus und historisch-anthropogener Landschaftsgestaltung sowie die archäologische Untersuchung von Terra Preta.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das romantische Bild des Amazonas als unberührte Wildnis zu dekonstruieren und zu belegen, dass die Region historisch durch menschliche Aktivitäten gestaltet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die anthropologische Fachliteratur sichtet und diese durch ein spezifisches Fallbeispiel, die Terra Preta, illustriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kulturökologie, die Einführung der Historischen Ökologie, deren Abgrenzung voneinander sowie die praktische Fallstudie zur Schwarzerde Amazoniens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Amazonien, Historische Ökologie, Kulturökologie, Terra Preta, Anthropogenese und Mensch-Umwelt-Beziehungen.
Ist Terra Preta ein natürliches Phänomen oder menschengemacht?
Die Forschung legt nahe, dass Terra Preta ein Ergebnis menschlicher Aktivitäten in präkolumbischer Zeit ist, auch wenn die Frage nach einer expliziten Intentionalität wissenschaftlich noch diskutiert wird.
Warum spielt der Vergleich zwischen Steward und Balée eine so große Rolle?
Der Vergleich verdeutlicht den Paradigmenwechsel in der Anthropologie: Weg von der Vorstellung eines passiven, umweltabhängigen Menschen hin zum aktiven Gestalter des Ökosystems.
Was besagt der "Mythos der unberührten Natur" in Bezug auf Amazonien?
Dieser Mythos beschreibt die verbreitete, aber laut Autor falsche Ansicht, der Amazonasregenwald sei eine von menschlichen Eingriffen unberührte, ursprüngliche Wildnis.
Wie unterscheidet sich die Sicht der Kulturökologie von der der Historischen Ökologie?
Die Kulturökologie sieht den Menschen primär als Teil eines Anpassungsprozesses an vorgegebene Umweltbedingungen, während die Historische Ökologie die dialektische Wechselbeziehung und menschliche Landschaftsveränderung betont.
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- Laura Horst (Author), 2015, Domesticated Landscapes. Mensch-Umwelt-Beziehungen in Amazonien anhand der Amazonas-Schwarzerde "Terra Preta", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383021