Eine Gedichtsinterpretation und Analyse von "Unaufhaltsam" von Hilde Domin


Hausarbeit, 2007

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Sie „selber rief [...] [sich ]/ mit dem Namen einer Insel“ 1 - nach Santo Domingo.

Während ihre Zeitgenossen wie Celan, oder Améry mit den Grausamkeiten der Nazizeit, die sie als Juden erfuhren nicht zurecht kamen und dies durch Selbstverneinung im Freitod endete , tauchte Hilde Domin mit ihrem Mann in die heutige Dominikanische Republik ab und wurde aktiv, indem sie sich ein neues Paradies aus "Buchstaben" schuf. Im Jahre 1951 begann Domin, nach dem Tod ihrer Mutter Lyrik, Prosa und Romane zu schreiben.

Hilde Domin wurde am 27. 07. 1909 in Köln geboren. Sie wuchs als Tochter eines Rechtsanwalts und einer Sängerin auf und studierte aus Bewunderung zu ihrem Vater Jura, wechselte jedoch zunächst zu Staatswissenschaften, dann zu Soziologie und später zur Philosophie. Im Jahre 1932 flüchtete sie aufgrund der drohenden Naziherrschaft zusammen mit dem Archäologen und Polyhistor Erwin Walter Palm vorerst nach Italien und promovierte 1935 in Florenz über die Staatstheorie der Renaissance. Nach ihrer Eheschließung im Jahre 1936 arbeitete sie als Sprachlehrerin in England. In den folgenden Jahren ist Hilde Domin als Mitarbeiterin ihres Mannes, Übersetzerin und Architekturfotografin tätig und lehrte als Dozentin für Deutsch an der Universität Santo Domingo.

„Doch vor allem war Hilde Domin Lyrikerin.

Wo ist ihr Platz in der Geschichte der deutschen Literatur? Wir haben in der Poesie zwei große Ströme - den feierlichen, priesterlichen, sakralen von Hölderlin bis zu Stefan George und Paul Celan den weltlichen und rationalen, der der Logik mehr als den dunklen Trieben verbunden war, den Strom also, für den Schiller und Heine stehen und Brecht. Goethe übrigens gehört hierhin und dorthin, er vereint (wie kein anderer) beide Ströme. Und Hilde Domin?“ (Marcel Reich- Ranicki ).

Hilde Domin war wie sie selbst feststellte „außerhalb jeder Regel“. Sie ist nicht vergleichbar mit anderen deutschen Dichterinnen. „Immer ging sie ihren eigenen Weg, trotzig und eigensinnig“ (Marcel Reich- Ranicki).

Viele ihrer Gedichte sind zeitlos, scheinen einfach und dennoch sind sie eindringlich in ihren Aussagen. Domin war sich der starken Bedeutung und Wirkung von Worten bewusst. So entstand im Jahre 1962 unter anderem das Gedicht „Unaufhaltsam“.

Mit Hilfe von klaren Bildern und einfachen Worten reflektiert das lyrische Subjekt des Gedichtes die unaufhaltsame Wirkungskraft des eigenen Wortes.

Das Gedicht lässt sich in 3 Strophen unterteilen, wobei die 2. Strophe den Hauptteil des Gedichtes mit 16 Verszeilen bildet. In der ersten, 5-zeiligen Strophe sieht sich das lyrische Subjekt mit der Frage „ wer holt es zurück/ das [...] unausgesprochene Wort?“ (Z.2ff) konfrontiert.

Die sofortige Auseinandersetzung mit der Grundfrage des Gedichtes bewirkt, dass der Leser schon zu Beginn versucht eigene Antworten zu finden, um Sekunden später festzustellen, dass das „lebendige [...]Wort“ ( Z.3) niemals zurückzuholen ist.

Während in der 2. Strophe zunächst die Wirkung und Unaufhaltsamkeit des gesagten Wortes beschrieben wird, wird in der 3. Strophe die „Am Ende“ (Z.28 ) stehende Macht des Wortes dargelegt.

Das lyrische Subjekt beschreibt ab Zeile 6 die Trostlosigkeit, die das Wort auslöst.

Es zeigt sich in den folgenden Zeilen eine Steigerung des Negativen Einflusses des Wortes. Denn „Wo das Wort vorbei fliegt“ vertrocknen zunächst die Wiesen, vergilben die Blätter und schließlich „fällt Schnee“ (Z.9.) Alles scheint in Kälte zu erstarren und abzusterben. Es zeigt sich nun, dass es sich nicht um irgendein Wort, sondern um das „schwarze Wort“ (Z.18) handelt. Ein Wort, dass alles vernichtet was sich ihm in den Weg stellt.

Durch den Vergleich mit der Natur ( Z.7ff.) wird ein unaufhaltsamer ,als natürliches Grundgesetz gegebener Vorgang angedeutet und räumt somit jeglichen Zweifel an der verheerenden Wirkung des Wortes aus.

Verstärkt wird dies ebenfalls durch den folgenden Vergleich des Wortes mit einem Vogel. Die ausgesprochenen Gedanken sind frei. Jedoch lassen sich diese im Gegensatz zu einem Vogel nicht wieder einfangen oder kehren gar „in deinen Mund“ (Z.13) zurück.

In der folgenden Verszeile wird der Leser ebenfalls explizit angesprochen („ Du schickst andere Worte“ ) und darauf hingewiesen ,dass Erklärungsversuche mit Hilfe von „Worte[n] ,[ gespickt ] mit bunten ,weichen Federn“ (Z 14.ff) sinnlos seien. Denn das „schwarze Wort [...] kommt immer an [...]“ (Z.19).

In der 3. Strophe wird diese These mit folgender Aussage bekräftigt „Besser ein Messer als ein Wort“.

Es ist auffällig, dass das lyrische Subjekt in diesem Zeilenreim keine Verben oder Adjektive verwendet. Es beschränkt sich auf das Wesentliche der Aussage und verdeutlicht sie somit.

Ein Messer muss nicht treffen. Es „trifft oft /am Herzen vorbei“(Z.24f). Ein Messer hinterlässt zwar Wunden diese verheilen jedoch nach einiger Zeit. Ein „schwarzes Wort“ hingegen, dringt tief in den Körper des Menschen ein und lässt unheilbare Wunden im Herzen und in der Seele zurück.

Das Gedicht weist kein Reimschema auf und ist durch viele Enjambements gekennzeichnet.

Die genannten Zeilensprünge verleihen dem Gedicht einen fließenden Charakter und ermöglichen es bedeutungsvolle Worte wie z.B. „immer“ (Z.28) oder „an-/zukommen (Z.20f.) hervorzuheben.

Ab Zeile 27 wird der Rahmen zum Titel des Gedichtes „Unaufhaltsam“ geschlagen. Das lyrische Subjekt bekräftigt die Unvermeidlichkeit des Wortes : „Am Ende ist das Wort,/ immer“.

In den letzten beiden Verszeilen wird diese Aussage geteilt und das Verb ausgelassen. Dies erzielt eine besonders eindringliche Wirkung. Es scheint als würde das lyrische Subjekt am Ende des Gedichtes mit dem erhobenen Zeigefinger den Leser nochmals nachdrücklich vor der Unaufhaltsamkeit des Wortes mahnen. Es bewirkt beim Leser ein Nachhallen der Kernaussage des Gedichtes. Demnach sei der Mensch machtlos gegenüber eines ausgesprochenen „schwarzen Worte[s]“ (Z.18) .

Besonderes Augenmerk wird auf das Thema des Gedichtes mit Hilfe der Personifizierung des Wortes „ Wort“ gelenkt (z.B. Z.6 „Wo das Wort vorbei fliegt“ ). Hierdurch scheint es, als handle es sich um etwas Lebendiges,das unberechenbar und „Unaufhaltsam“ (Titel des Gedichtes) seinen Weg geht.

Domin bevorzugt eine direkte Sprache. Sie meidet folglich in ihren Gedichten Euphemismen, wirkungslose Adjektive und Adverbien. Beispielhaft für Hilde Domins Lyrik ist ebenfalls der ellipsenartige Schreibstil und der bewusste Umgang mit der Syntax. Aufgrund dessen lässt sich auch anhand des Gedichtes „Unaufhaltsam“ feststellen, dass ihre Verse nur auf das wesentliche konzentriert, knapp aber dennoch bildhaft sind.

Trotz eingehender Betrachtung stellen sich jedoch folgende Fragen: „ Ist Hilde Domins Gedicht „Unaufhaltsam“ in einem mechanischen Zeitalter wie diesem der Deflation von Worten durch Missbrauch im politisch- gesellschaftlichen Tagesgeschäft oder in der allgegenwärtigen Werbung denn überhaupt noch aktuell? Was bedeutet überhaupt das Wort „Wort“ und welche Folgen bringt es mit sicht?

Zunächst möchte ich auf die letztere Frage zu sprechen kommen. Denn die Beantwortung ist die Vorraussetzung zur Lösung der vorrangestellten Frage.

[...]


1 - Hilde Domin: Landen dürfen, Gesammelte Gedichte, 7.Aufl., Frankfurt a. M. (1999) S.229

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Eine Gedichtsinterpretation und Analyse von "Unaufhaltsam" von Hilde Domin
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
6
Katalognummer
V383033
ISBN (eBook)
9783668586710
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hilde Domin, Gedichtsanalyse, Interpretation, Wort, Sprache, Literaturwissenschaft, sprachliche Wirkung
Arbeit zitieren
Janine Heiner (Autor), 2007, Eine Gedichtsinterpretation und Analyse von "Unaufhaltsam" von Hilde Domin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383033

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