Hamlets Melancholie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Melancholiebegriff
2.1. Der elisabethanische Melancholiebegriff
2.2. Der freudsche Melancholiebegriff

3. Hamlets Melancholie
3.1. Hamlets Trauer am Anfang des Stücks
3.2. Hamlets Stimmungsschwankungen

4. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Charakter Hamlets kann auf

Shakespeares tiefe und exakte Kenntnis der menschlichen Seele zurückgeführt werden.

(Samuel Coleridge)

Dass Shakespeare über außerordentliche Kenntnisse der menschlichen Seele verfügt haben muss ist unbestritten. Er formte die Personen seiner Stücke so detailliert und differenziert, dass man meinen könnte, er habe der Schaffung seiner Charaktere tiefgründige psychologische Studien des humanen Geistes zu Grunde gelegt.

‚Hamlet’ ist eines der berühmtesten Stücke der Weltliteratur, der Protagonist eine der undurchdringlichsten und zugleich faszinierendsten Personen, die Shakespeare entwarf. Dies liegt nicht zuletzt an der vielschichtigen Psyche Hamlets. Der Dänenprinz schwankt in dem Stück zwischen manischer Depression, Melancholie und Trauer auf der einen Seite und Rachegelüsten, Abscheu und vorgetäuschtem Wahnsinn auf der anderen Seite.

Diese Arbeit untersucht den Gemütszustand Hamlets im Bezug auf seine Melancholie in den ersten beiden Akten. Grundlagen der Untersuchung bilden die elisabethanische Humoralpathologie und die moderne Definition der Melancholie, die in Sigmund Freuds Abhandlung ‚Trauer und Melancholie’[1] ihren Ursprung hat. Da die Begriffsbestimmung der Melancholie laut Freud auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist,[2] wird in diesem Text auf pedantische Differenzierungen von psychologischen Fachtermini verzichtet.

Welche Gründe und Anlässe für Hamlets Melancholie gibt es, wie äußert sich seine seelische Störung und welche Auswirkungen hat sie auf Hamlet und seine Umgebung? Dies sind die Fragen, denen ich in diesem Aufsatz nachgehen will. Ausgangspunkt der Analysen bilden die Texte von Bert O. States[3], Theodore Lidz[4] und A.C. Bradley[5].

Ursprünglich sollte das ganze Stück auf Hamlets Melancholie untersucht werden, dies war aber aus Zeitgründen nicht möglich, daher beschränke ich mich auf genauere Untersuchungen von Hamlets Trauer am Anfang des Stückes und ihrem Wandel hin zur Melancholie und Hamlets seelischen Gleichgewichtsschwankungen, vornehmlich im zweiten Akt.

2. Der Melancholiebergriff

Wir selbst sind Hamlet.

(William Hazlitt)

Die Bedeutung des Begriffs Melancholie hat sich in den letzten Jahrhunderten gewandelt. Zwischen der Auslegung in der elisabethanischen Zeit und Freuds Begriffsbildung der Melancholie bestehen wesentliche Unterschiede. Um Hamlets Melancholie in dem Stück zu untersuchen, ist es unerlässlich, sich vorab mit den verschiedenen Möglichkeiten der Definition der Melancholie zu beschäftigen. Nur so ist festzustellen, ob Hamlet in den untersuchten Szenen auf die eine oder andere Weise melancholisch ist und welcher der beiden Deutungen die Melancholie zugrunde liegt.

2.1. Der elisabethanische Melancholiebegriff

Shakespeares ‚Hamlet’ ist die Tragödie des Denkens, die durch ein ständiges und unbefriedigtes Nachsinnen über das menschliche Geschick hervorgerufen wird.

(Friedrich Schiller)

Die elisabethanische Gesellschaft schrieb bestimmte Temperamente oder auch Krankheiten einem Missverhältnis von Körpersäften zu. Diese, inzwischen veraltete, Humoralpathologie hat ihren Ursprung in der Elementenlehre des Empedokles, die auf den vier Grundelementen Luft, Feuer, Wasser und Erde basierte. Diese Elementenlehre wurde von den Hippokratikern in der Abhandlung „Über die Natur des Menschen“ als Krankheitskonzept entwickelt, auf das sich noch die elisabethanischen Gelehrten beriefen.

Die Humoralpathologie (engl. ‚Theory of Humors’) geht von vier Körpersäften aus, die das Wesen des Menschen beeinflussen. Pierre de la Primaudaye schrieb 1577:

Wir verstehen unter ‚humeur’ eine flüssige Substanz, die in der Leber aus der Nahrung zu dem Zweck hergestellt wird, daß der Körper durch diese Flüssigkeit genährt und erhalten werde.[6]

Die vier Körpersäfte sind im Einzelnen[7]:

1.) Das Blut, die sanguinische Flüssigkeit, die analog zur Luft als heiß und feucht verstanden wurde. Das Blut bildete laut der elisabethanischen Säftelehre den Hauptteil der Ernährung.
2.) Die gelbe Galle, die wie das Feuer als heiß und trocken bezeichnet wurde. Gelbe Galle ist die cholerische Flüssigkeit.
3.) Der Schleim, der analog zum Wasser kalt und feucht ist, ist die phlegmatische Flüssigkeit.
4.) Die schwarze Galle ist die melancholische Flüssigkeit. Sie ist kalt und trocken und ihr ‚Geschmack’ wurde ähnlich dem der Erde als ‚recht scharf’ beschrieben.

Falls das Verhältnis dieser Körpersäfte untereinander ausgeglichen ist, so lebt der Mensch in Harmonie und Zufriedenheit. Dies ist zwar der Idealzustand, kommt aber äußerst selten vor. Häufiger ist es, dass eine Flüssigkeit in stärkerem Maße, als die anderen im Menschen vorhanden ist. Wenn das der Fall ist, dann nimmt dieser Mensch auch die Eigenschaften an, die den jeweiligen Körpersäften zugesprochen werden.

Wenn ein Mensch einen Überfluss an schwarzer Galle hat, so neigen diese Menschen im elisabethanischen Verständnis laut De la Primaudaye eher zu Traurigkeit, Unzufriedenheit, Misstrauen, Geistreichtum und Aufsässigkeit als andere[8]. Timothy Bright fügt hinzu, dass „…ein Gefühl des Zweifels über alle Überlegungen…“[9] und

„…die Heftigkeit ihrer [der Melancholiker – Anm. d. Verf.] Neigungen, welche sie mit all ihren Fähigkeiten in die Tiefen dessen trägt, was sie mit Freude und Genugtuung fasziniert.“[10]

die Melancholiker kennzeichnen.

Diese Feststellung ist für die Betrachtungen des ‚Hamlet’ enorm wichtig, da er selbst von gewaltigen Stimmungsschwankungen betroffen ist und über ein unausgeglichenes Temperament verfügt. Dieser emotional labile Charakterzug ist ein wichtiger Teil des elisabethanischen Erklärungsmodells für eine melancholische Verfassung. Ein solches Schwanken zwischen zwei Extremen wird in der heutigen Psychologie als manisch-depressive Störung bezeichnet, bei der der Patient zwischen Phasen der Manie[11] [griech. ‚Raserei’, ‚Besessenheit’] und der Depression[12] schwankt.

Neben den schon oben genannten Charaktereigenschaften der Melancholiker führt Bright zudem noch Fleiß, Sorgfalt, Vorsicht und Umsicht, aber auch Engstirnigkeit und Einseitigkeit an.[13]

2.2. Der freudsche Melancholiebegriff

Hamlet ist ein Mensch, der das Motiv der eigenen Unschlüssigkeit in sich verdrängt hat.

(Sigmund Freud)

Dieses Kapitel gibt die Hauptgedanken von Freud in seiner 1915 erstmals vorgetragenen Arbeit ‚Trauer und Melancholie’ wieder.[14] Hierin definiert Sigmund Freud die Melancholie folgendermaßen:

Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert.[15]

Die Trauer als Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person zeigt nach Auffassung Freuds dieselben Symptome, bis auf den Defekt des Selbstgefühls. Aber auch Melancholie kann eine Reaktion auf einen Objektverlust sein. Sie kann außerdem auftreten, wenn ein Objektverlust abstrakter Natur ist, z.B. muss das Objekt nicht zwangsläufig gestorben sein, es kann auch als Liebesobjekt verloren gegangen sein. Eine dritte Möglichkeit des Eintretens von Melancholie ist, wenn der Patient ein Objekt verliert, aber nicht erkennt, was er verloren hat (unbewusster Objektverlust), oder wenn der Patient um den Objektverlust weiß, jedoch nicht einschätzen kann, was er an dem Objekt verloren hat.

[...]


[1] Freud, Sigmund: „Trauer und Melancholie.” In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Band 10.

S.Fischer. Frankfurt 1946.

[2] Vgl. ebd., S.428.

[3] States, Bert O.: „Hamlet and the concept of character.” The Johns Hopkins University Press. London

1992.

[4] Lidz, Theodore: „Hamlets Feind – Mythos und Manie in Shakespeares Drama.“ S.Fischer. Frankfurt

1980.

[5] Bradley, A.C.: „Hamlets Melancholie.“ In: Erzgräber, Willi (Hg.): “Hamlet Interpretationen.”

Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1977.

[6] Primaudaye, Pierre de la: „L’Académie françoise.“ Band 2, Kapitel LXIV. Paris 1577. In: Rudnik,

Hans H. (Hg.): „William Shakespeare; Hamlet – Erläuterungen und Dokumente.“ Phillip Reclam

Verlag. Stuttgart 1972, S.143, dort ohne genaue Seitenangabe.

[7] Vgl. Primaudaye: L’Académie, 1577.

[8] Vgl. ebd. 1577.

[9] Bright, Timothy: „A Treatise of Melancoly.“ London 1586. In: Rudnik, Hans H. (Hg.): „William

Shakespeare; Hamlet – Erläuterungen und Dokumente.“ Phillip Reclam Verlag. Stuttgart 1972. S.145,

dort ohne genaue Seitenangabe.

[10] Ebd., S.145f.

[11] Als ‚Manie’ wurden ursprünglich alle Zustände des ‚außer sich seins’ bezeichnet. Manie ist

gekennzeichnet u.a. durch eine grundlose, übersteigerte Heiterkeit, Selbstüberschätzung und

Antriebssteigerung.

[12] Eine Depression ist eine starke seelische Verstimmtheit, die einhergeht mit Hoffnungslosigkeit,

Antriebshemmung, Interesselosigkeit, einem negativem Selbstbild bis hin zum Suizid. Der Begriff

Depression kann in bestimmten Fällen mit einer Melancholie gleichgesetzt werden, dies muss aber

nicht zwangsläufig der Fall sein.

[13] Vgl. Bright: A Treatise, 1586.

[14] Vgl. Freud: Trauer. Frankfurt 1946

[15] Ebd., S.429.

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Details

Titel
Hamlets Melancholie
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Shakespeare - Die großen Tragödien
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V38305
ISBN (eBook)
9783638374057
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hamlets, Melancholie, Shakespeare, Tragödien, Thema Hamlet
Arbeit zitieren
Marco Kerlein (Autor), 2004, Hamlets Melancholie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38305

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