Die Schuldenbremse in Europa. Eine kritische Erörterung


Diplomarbeit, 2017
42 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Übersicht der Modelvariablen

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Methodisches Vorgehen

2 Wirkung von Staatsschulden
2.1 Budgetrestriktion des Staates
2.2 Staatsschuldenquote
2.3 Arten der Staatsverschuldung
2.4 Gefahren hoher Staatsverschuldung
2.5 Möglichkeiten der Stabilisierung der Staatsverschuldung
2.6 Wirtschaftstheoretische Ansätze der Wirtschaftspolitik

3 Europäische Einigung
3.1 Europäische Union und Währungsunion
3.2 Stabilisierende Regeln der EWWU
3.2.1 Grundlagen regelgebundener Wirtschaftspolitik
3.2.2 Fiskalische Regeln
3.2.3 Stabilitäts- und Konvergenzkriterien

4 Europäischer Fiskalpakt

5 Umsetzung des Europäischen Fiskalpaktes
5.1 Vertragliche Regelungslücken des Europäischen Fiskalpaktes
5.2 Umsetzung des Europäischen Fiskalpaktes 2013
5.3 Umsetzung des Europäischen Fiskalpaktes 2016

6 Abschlussbetrachtungen
6.1 Kritische Betrachtung der Umsetzung
6.2 Schlussfolgerung aus den Betrachtungen

7 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirkung eines staatlichen Budgetdefizits und Crowding-out-Effekt

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ratifizierung des SKSV und Beitritt zum EFC

Tabelle 2: Umsetzung des EFC‘ im Euro-Raum 2013

Tabelle 3: Umsetzung des EFC‘ 2016

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übersicht der Modelvariablen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die europäische Nachkriegsgeschichte ist nicht nur von dem Gedanken der Verhinderung von Konflikten, sondern auch vom Gedanken der wirt­schaft­lichen Integration geprägt. In Europa werden diese Gedanken erstmals mit der Errichtung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl („Mon­tan­union“) verfolgt. Bereits zu diesem Zeitpunkt werden die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes und einer gemeinsamen Währung angestrebt. In den Folge­jahren werden die notwendigen Schritte politisch nicht wider­spruchs­los um­ge­setzt. 1993 bzw. 1999 werden die Ziele schließlich erreicht. Die Euro­pä­ische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) ist mit der Ein­führung des Euros als europäische Gemeinschaftswährung geschaffen.[1]

Kernstück des Vertrags von Maastricht ist der Vertrag über die Europäische Union (EUV). Darüber hinaus wird der Vertrag über die Europäische Ge­mein­schaft (EGV) geändert. Somit wird neben der bestehenden Europ­ä­ischen Gemeinschaft (EG) die Euro­pä­ische Union (EU) gegründet. Erstmals wer­den fiskalische Regeln zur Haushaltsführung der Mitglieds­staaten auf­ge­nommen (Art. 100 - 104 EGV). Zugleich werden in Art. 105 f. EGV die Auf­gaben der für den Euro-Raum bzw. EWWU-Raum zu grün­den­den Euro­pä­ischen Zentralbank (EZB) festgelegt. Konkretisiert werden die Regeln mit dem 1997 ge­schlossenen Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt (ESWP). Diese werden auch Kon­ver­genz- und Stabilitätskriterien (ESWP-Kriterien) ge­nannt und sind von Staaten zu erfüllen, welche Mitglied des EWWU-Raums werden möchten.[2]

Bereits zu Beginn des Jahrtausends zeigt sich, dass die ESWP-Kriterien nicht von allen Staaten eingehalten werden.[3] Aufgrund unsolider Haushalts­füh­rung und der Nicht-Einhaltung der ESWP-Kriterien durch einige Staaten des EWWU-Raums, z.B. Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien (sog. PIIGS-Staaten), sowie den Auswirkungen der vorangegangenen Fi­nanz­marktkrise (Weltfinanzkrise) erlebt die EU eine Staatsschuldenkrise. Zu deren Bekämpfung werden unter Einbeziehung des Internationalen Wäh­rungs­fonds (IWF) verschiedene Programme zur Rettung der Schulden- und Krisenstaaten initiiert. In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass die be­stehenden Regeln von EGV bzw. AEUV und ESWP nicht genügen, um die Staatsverschuldung wirkungsvoll einzudämmen und die Staatshaushalte zu konsolidieren. Daher wird u.a. auf Bestreben Deutschlands 2012 mit dem Vertrag über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion (SKSV) der Euro­päische Fiskalpakt (EFC) geschlossen, welcher die bereits bestehenden fis­kalischen Regeln verschärft. Von den EWWU-Staaten werden Haushalts­kon­solidierung und Schuldenabbau ver­langt (sog. Schuldenbremse). In die Rettungsbemühungen ist u.a. durch den Ankauf von Staats­an­leihen auch die EZB eingebunden.[4]

1.1 Problemstellung

Mit dem im SKSV verankerten EFC vereinbarten die EWWU-Staaten als Vertragsstaaten die Einführung nationaler Schuldenbremsen. Das dazu um­zu­setz­ende Instrumentarium ist im EFC definiert. Zudem ist der EFC mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), welcher Kri­sen­staaten fi­nan­zielle Hilfen, z.B. in Form von Garantieerklärungen gewährt, verknüpft.

Zur Diskussion des EFC‘ ist die Erläuterung theoretischer Grundlagen (staat­liche Budgetrestriktion, intertemporale Bedeutung der Staatsver­schul­dung, Ge­fahren ho­her Staatsverschuldung und Möglichkeiten der Haus­halts­kon­so­­lidierung) und des ESWP‘ notwendig. Schwerpunkt der Betrachtungen sind die im SKSV festgelegten EFC-Re­geln, deren nationale Umsetzung und die kritische Bewertung beider Aspekte. Da­bei bleiben jedoch europäische Hilfs­pro­gramme wie der ESM unbeachtet. Auf die damit verbundene und den EFC begründende Staatschulendkriese wird nicht explizit eingegangen.

1.2 Methodisches Vorgehen

In der em­pi­rischen Sozialforschung existieren zwei grundsätzliche Ansätze, um das Ziel dieser Arbeit zu erreichen. Zu­nächst wird unterschieden, ob Daten quantitativer oder quali­tativer Natur sind. Die quantitative Forschung erhebt zahlenmäßig messbare Daten in deren Häu­fig­keit und Verteilung. Subjektive Elemente bleiben un­be­rücksichtigt. Die qualitative Forschung löst sich von der rein zah­len­mäßigen Erfassung und lässt subjektive Elemente zu. Bei beiden An­sätzen kann die Datenerhebung erst­ma­lige oder unter Rückgriff auf be­reits existierende Informationen er­fol­gen.[5]

Eine Methode der qualitativen Sozialforschung ist die Dokumentenanalyse. Sie ermöglicht „einen schnellen Ein­blick in die Aufgaben, Prozesse, Schnitt­stellen und Rahmen­be­dingungen des Untersuchungsbereichs“[6]. Es werden in Schrift-, Ton- und Bild­­do­ku­men­ten verfügbare Informationen ausgewählt, analysiert und inter­pre­tiert. Dazu ist die Definition des Auswertungsziels not­wen­dig, da grund­sätz­lich kein vorgefertigtes Kategoriensystem mit fest­ge­legten Kriterien zugrunde gelegt wird. Dies ist jedoch möglich.[7]

Vorteile der Dokumentenanalyse sind, dass sie schnell und kosteneffizient durch­geführt und gegebenenfalls um weitere Erhebungs­met­hoden ergänzt werden kann. Der damit verbundene Nachteil ist, dass die gewonnenen In­for­mationen von der Qualität der zugrundeliegenden Do­ku­mente (z.B. Sach­stand) abhängen.[8] Dem wird in dieser Arbeit dadurch Rechnung getragen, dass bei der Dokumentenauswahl einerseits auf deren Themenbezug und Aktualität und andererseits auf deren Perspektive bzw. Lehrmeinung ge­achtet wird. Damit wird eine perspektivische Verengung vermieden.

Die Darstellung der theoretischen und rechtlichen Grundlagen erfolgt vor diesem Hintergrund überwiegend zusammenfassend deskriptiv anhand von Fachliteratur, z.B. Lehrbücher und Aufsätze. Demgegen­über geht die Dar­stellung der Umsetzung der Schuldenbremse darüber hin­aus­, indem Inter­pre­­ta­tionen und Wertungen der zugrunde gelegten Be­richte (Auswertungen und Stell­­ung­­nahmen) vor­ge­nommen werden. Sie sind Grundlage der ab­schließ­enden kritischen Be­wert­ung (im Detail vgl. Kapitel 5).

In den Kapiteln 2 und 3 werden die theoretischen und rechtlichen Grund­lagen aufgezeigt. Anschließend wird in Kapitel 4 der EFC erörtert. Die Dar­stellung der Umsetzung des EFC‘ und die diesbezügliche Bewertung er­fol­gen in den Kapiteln 5 und 6. In Kapitel 7 wird die Gesamtbewertung vor­ge­nommen. Kapitel 8 fasst die in der vorliegenden Arbeit gewonnen Er­kennt­nisse thesenförmig zusammen.

2 Wirkung von Staatsschulden

Wie jede natürliche und juristische Person finanziert der Staat die not­wen­di­gen Ausgaben entweder durch Einnahmen oder durch die Aufnahme von Schulden. Die Wirkung von Schulden und der Um­gang mit ihnen hängen von verschiedenen Faktoren, der zu­grunde­lie­genden Annahmen sowie po­li­tischen Prämissen und Zielen ab. Darauf wird in diesem Kapitel über­blicks­artig eingegangen.

2.1 Budgetrestriktion des Staates

Der öffentlichen Hand stehen zur Verwirklichung der verfolgten Ziele (z.B. Allokation, Distribution oder Stabilisierung) verschiedene finanzwirt­schaft­liche Instrumente zur Verfügung, welche die staatlichen Geld­mittel (Budget) ganz oder teilweise beeinflussen. Die Haupt­gruppen des Budgets sind Ein­nahmen und Ausgaben. Die Staats­aus­gaben umfas­sen alle ordentlichen Ausgaben für Güter und Dienst­leis­tungen (z.B. Sach- und Per­sonalmittel), nicht jedoch für Trans­fer­zahl­ungen. Die Staatseinnahmen bezeichnen alle finan­ziellen Zu­­flüsse des Staates, wovon rund 91 Prozent Steuern und So­zial­­ab­gaben sind. Reichen diese ordentlichen Ein­nahmen zur Finan­zie­rung staat­­licher Ausgaben im Jahr t nicht aus, entsteht ein De­fi­zit. Zur Fi­nan­zierung des Defizits werden vom Staat Kredite (Schulden) auf­ge­nommen. Diese außer­­or­dent­lichen Einnahmen un­ter­scheiden sich anhand von zwei Merk­­malen von den ordentlichen Einnahmen. Zum einen fehlt der staatliche Zwang, so dass der Staat marktwirtschaftlichen Bedingungen unter­wor­fen ist. Zum an­deren be­steht die Notwendigkeit der Refinanzierung. D.h., die auf­ge­nom­menen Kre­dite sind mittels zukünftiger Steuereinnahmen ver­zinst zu­rück­zuzahlen. Es sind außerordentliche Ausgaben.[9]

Das Defizit ist eine Stromgröße im Jahr t. Demgegenüber ist die Staatsver­schul­dung eine Be­stands­größe, welche sich als Summe der Defizite früherer Jahre ergibt. Somit entspricht die Veränderung der Staatsverschuldung dem Defizit des Jahres t.[10] Daraus ergibt sich – bei Außerachtlassung weiterer Finan­zierungs­­mög­lich­keiten[11] – die staatliche Bud­get­re­strik­tion:[12]

Bt-1 ist die Staatsverschuldung am Ende des Jahres t-1 und damit zu Beginn des Jahres t. Bt beschreibt die Staatsverschuldung am Ende des Jahres t. Un­ter Berücksichtigung des Nominalzinssatzes it ergibt sich die nominale Zins­zahlung aufgrund der Staatsverschuldung im Jahr t als i * Bt-1. Die Än­de­rung der staatlichen Verschuldung ist vom An­fangs­niveau der Staats­ver­schuldung, den derzeitigen Staatsausgaben und den Steuereinnahmen[13] ab­hängig. Das De­fi­zit mindert sich um die Steuer­ein­­nahmen des Jahres t (Tt) und erhöht sich um die Staatsausgaben des Jahres t (Gt). Die Differenz ist der Primärüberschuss (Tt > Gt ) bzw. das Pri­märdefizit (Tt < Gt). Damit gilt: und nach Umstellungen:

Gleichung F1c gibt die nominalen Staatsschulden wieder. Unter Berück­sich­tigung von Inflation und Realzins ergeben sich die realen Staatsschulden als: mit . Nach Umformung und unter Berücksichtigung von folgt für den ex post reali­sierten Realzins:

Gleichung F 2 zeigt, dass bei hoher Inflation die reale Staats­ver­schuldung sinkt.[14]

2.2 Staatsschuldenquote

In Volkswirtschaften, in denen die Produktion wächst, ist die Betrachtung der Entwicklung der Staatsschuldenquote sinnvoll. Denn die Staats­schul­den­quote beschreibt das Verhältnis zwischen BIP und Staatsverschuldung.[15] Zur Beschreibung der Entwicklung der Staatsschuldenquote wird Gleichung F 1c durch das nominale BIP (PtYt) dividiert. Nach weiten Vereinfachungen, der Berücksichtigung der zeitlichen Entwicklung und zulässiger Approximati­onen er­gibt sich nach erfolgten Umstellungen die inflationsbereinigte Ent­wick­lung der Schul­­denquote einer wachsenden Volkswirtschaft als Die Entwicklung der Schuldenquote ist somit zum einen vom Produkt aus ur­sprüng­lichen Schuldenquote sowie der Differenz aus realen Zinssatz und der Wachstumsrate der Produktion und zum anderen vom Verhältnis von Pri­mär­defizit und BIP abhängig.

Aus Gleichung F 3 ist abzuleiten, „dass der Anstieg der Schuldenquote umso stärker sein wird:

-je höher der reale Zinssatz,
-je niedriger die Wachstumsrate der Produktion,
-je höher die ursprüngliche Schuldenquote,
-je höher das Verhältnis des Primärdefizites zum BIP [sic!]“[16] ist.

Vor diesem Hintergrund weisen Blanchard und Illing (2016) darauf hin, dass langfristig niedrige Schuldenquoten notwendig sind. So ist es möglich, in Kri­sen­zeiten Schocks durch kurzfristige Neuverschuldung abzufedern.[17] Hierin zeigen sich zwei grundlegende wirtschaftstheoretische Ansätze, auf welche in Abschnitt 2.6 überblicksartig eingegangen wird. Nach einem Über­blick über die Verschuldungsarten erfolgen die Erläuterung der Gefahren sehr hoher Staatsverschuldung (Abschnitt 2.4) und die Darl­egung der Mög­lich­­keiten zur Stabilisierung der Staatsverschuldung (Abschnitt 2.5).

2.3 Arten der Staatsverschuldung

In der makroökonomischen Budgetrestriktion des Staates wird allgemein von einem Defizit bzw. der Verschuldung ausgegangen. In der Finanzwissen­schaft werden Schulden jedoch u.a. hinsichtlich der gesamtwirtschaftlichen Wirkung und den verfolgten Zielen unterschieden. Konjunkturelle Defizite ent­stehen in Rezessionsphasen aufgrund der Aufrechterhaltung staatlicher Nach­frage und der Begrenzung des Rückgangs privater Nachfrage durch den Staat. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass das konjunkturelle Defizit von selbst bei wieder zunehmender Produktionsauslastung abnimmt. Da­von zu unterscheiden ist das antizyklische Defizit, welches aufgrund kre­dit­­finan­zier­ter aktiver stabilitätspolitischer Maßnahmen zur Erhöhung staat­licher bzw. Anregung privater Nachfrage entsteht. In Aufschwung- und Boom­­phasen wird das Defizit abgebaut. Hingegen entsteht das strukturelle Defizit un­ab­hängig von der konjunkturellen Lage aufgrund der unver­än­der­ten Aus­gaben- und Einnahmenplanung. In der Fachliteratur ist umstritten, ob es un­ab­hängig von der wirtschaftlichen Lage abgebaut werden kann. Struk­tur­elle Defizite sind nicht-konjunkturelle Defizite. Empirisch zeigt sich, dass auch in Boomphasen der Schuldenstand oftmals wächst. Die nicht-kon­junk­turelle Verschuldung also eine erhebliche Rolle spielt.[18]

Unabhängig von der Art der Staatsverschuldung ist jede Verschuldung mit Risiken ver­bun­den, auf welche nachfolgend eingegangen wird.

2.4 Gefahren hoher Staatsverschuldung

Das gesamtwirtschaftliche Kredit­an­ge­bot auf dem Markt er­gibt sich aus der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis als Summe aus privaten und öffentlichen Ersparnissen. Das staatliche Defizit ver­rin­gert die staatliche Ersparnis. Auf­grund der c.p. geringeren ge­samt­wirt­schaft­lichen Er­­­spar­nis sinkt das Kredit­an­gebot. Die Kreditange­bots­kurve in Ab­bil­dung 1 ver­schiebt sich nach links. Bei unveränderter Kreditnachfrage steigt der gleichgewichtige Realzinssatz, während das Kre­di­­t­volumen ab­nimmt. Die privaten Investitionen so­wie die Kapi­tal­­akkumulation nehmen daraufhin ab. Die volks­wirt­schaft­liche Wachs­tums­rate sinkt. Dies gilt langfristig auch, wenn auf­grund des staat­lichen De­fizits kurzfristig die Nachfrage und die Produktion auf dem Gütermarkt stei­gen. Der Rückgang an Investitionen auf­­grund staatlicher Kredit­auf­nahmen wird als Crowding-out (Verdrängung) be­zeichnet.[19]

Gemäß des Ricardianischen Äquivalenztheorems, auch Ricardo-Barro-Pro­po­sition genannt, haben Budgetdefizite und Staats­ver­­schuldung bei Be­ach­tung der staatlichen Budgetrestriktion keine ge­samt­wirt­schaftlichen Effekte. Denn bei durch Defizite finanzierten Staats­aus­gaben wird von den Wirt­schafts­subjekten auf dem Güter- und Finanzmarkt vorausgesehen, dass diese durch höhere Steuern in der Zukunft refinanziert werden, so dass c.p. der Bar­wert der Arbeitseinkommen nach Steuern nicht beeinflusst wird. Der Kon­sum bleibt unverändert und die privaten Er­spar­nisse nehmen in dem Maß zu, in dem das Defizit steigt. Die ge­samt­wirt­schaft­liche Ersparnis, das gesamtwirtschaftliche Kreditangebot und folg­lich die privaten Investitionen bleiben somit unverändert. Der aus dem Defizit resultierende Anstieg der Staatsverschuldung beeinflusst die Kapi­tal­akku­mu­lation nicht. Jedoch ist zu beachten, dass eine weit in der Zukunft erwartete Steuererhöhung von den Wirtschaftssubjekten weniger beachtet wird. Folglich gilt das Ricardianische Äqui­va­lenztheorem nicht mehr.[20]

Abbildung 1 : Wirkung eines staatlichen Budgetdefizits und Crowding-out-Effekt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: https://image.slidesharecdn.com/vwl2folienkap0582-91-100 608141449-ph papp02/95/vwlb05-82-91-11-728.jpg?cb=127605193 4, Einsicht: 02.07.2017

Eine hohe Staatsverschuldung kann den Einsatz fiskalpolitischer In­stru­men­te erschweren. In Zeiten hoher Budgetdefizite und hoher Staatsver­schuldung verlangen Anleger grundsätzlich höhere Re­al­zinsen für Staatsanleihen, wo­durch c.p. die Differenz von Realzins und Wirt­­schafts­wachstum (rt – gt) in Gleichung F 3 steigt. Zur Aufrechterhaltung einer konstanten Schul­denquote muss der Staat den Primärüberschuss im gleichen Maß er­höhen. Dies kann durch Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen er­folgen. Aufgrund der kontraktiven Wirkung der Maßnahmen sinkt möglicherweise das Wirt­schafts­wachstum. Dies führt zu steigender Unsicherheit und damit verbundenen höheren Realzins­for­de­rungen. Die Stabilisierung der Schuldenquote wird so­mit zunehmend schwie­riger. Ein Teufelskreis entsteht. Letztlich ist es mög­lich, dass der Staat nicht mehr in der Lage ist, seinen Zahlungs­ver­pflich­tungen nachzukommen. Dies zwingt zu jahrzehntelanger fiskalischer Spar­samkeit. Die Weigerung zur Schuldenrückzahlung oder ein Schuldenschnitt können aufgrund des Problems der Zeitinkonsistenz nur die letzte Maß­nahme sein. Da die damit verbundene Unglaubwürdigkeit des Staates die Aufnahme neuer Kredite erschwert.[21]

Es wird deutlich, dass unterschiedliche Möglichkeiten zur Reduktion des Defizites und damit zur Stabilisierung der Staatsverschuldung be­stehen. Diese werden nachfolgend überblicksartig dargestellt.

2.5 Möglichkeiten der Stabilisierung der Staatsverschuldung

Zu der aus der Budgetrestriktion des Staates (Gleichung F 2 und F 3) resul­tie­renden Notwendigkeit der Stabilisierung und des Abbaus der Staats­ver­schuldung be­stehen drei Mög­lich­keiten:[22]

1. Reduzierung des Budgetdefizits und Erwirtschaftung von Budget­über­schüssen setzen Kürzungen staatlicher Ausgaben und Steuerer­höhungen voraus.
2. Monetisierung der Staatsschulden durch Geldschöpfung ermöglicht die Verringerung der Staatsschulden auf zwei Wegen. Zum einen er­zielt der Staat einen Geldschöpfungsgewinn und zum anderen ver­ringert sich durch die Inflation aufgrund der größeren umlaufenden Geld­menge der Realwert der nominal bemessenen Staatsanleihen (Inflationssteuer). D.h., der Realzinssatz sinkt.
3. Schuldenschnitt durch Ungültigerklärung von Staatsschuldpapieren, d.h., Kredite werden vom Staat ganz oder teilweise nicht zurückge­zahlt.

Der dritte Weg sollte der Ausnahmefall sein. Von Griechenland wird er im Zuge der europäischen Staatschuldenkrise mehrfach beschritten. Im Gegen­zug verpflichtet sich das Land zu weiteren Re­form­schritten, u.a. im Rahmen des EFC‘.[23]

Der zweite Weg setzt voraus, dass die Regierung Einfluss auf die Zentral­bank nehmen kann. Diese Mög­lichkeit besteht in der EWWU formal nicht (Art. 130 AEUV, ex-Art. 108 EGV).[24] Mit der sog. Londoner Erklärung hat EZB-Präsident Mario Draghi 2012 einen anderen Weg eingeschlagen: Er kündigt an, alles zu unternehmen, um den Euro zu retten. U.a. werden mittels Geldschöpfung unbegrenzt Schuld­­papiere von Krisen­staaten aufgekauft.[25]

Zum Umgang mit Staatschulden bestehen unterschiedliche wirt­schafts­theo­retische Ansätze, welche in unterschiedlicher Weise von den Staaten der EWWU und der EU verfolgt werden.

2.6 Wirtschaftstheoretische Ansätze der Wirtschaftspolitik

Wie in diesem Kapitel bereits angedeutet wird, können die Zielstellung und die Wirkung der Staats­verschuldung im Rahmen der Wirtschaftspolitik nicht un­ab­hängig von den zugrunde­liegen­den Annahmen über die Funktion des Staates betrachtet werden. Dabei werden zwei grundlegende wirtschafts­theo­retische Ansätze in der Marktwirtschaft verfolgt.

Das ist zum einen die angebotsorientierte Theorie, welche auf das 1776 von Adam Smith (1723 - 1790) verfasste Werk „Wealth of Nations“ zurückgeht. Da­­bei wird da­von ausgegangen, dass das freie Zusammenspiel der Markt­kräfte zu effizi­enten Ressourcenallokationen führt. Der Staat greift daher nur soweit in das Marktgeschehen ein, wie dadurch die gesamtwirtschaftliche Effi­zienz ge­för­dert wird (Liberalismus).[26]

Staatschulden dienen nur zum Ausgleich „zu ge­ringer Steuerein­nahmen oder unvorhergesehener Steuerausfälle“[27] bei der Fin­anz­ierung der staat­lichen Aufgaben, also der Bereitstellung öffent­licher Gü­ter (z.B. Ver­kehrs­mittel, Freizeiteinrichtungen, Polizei und Landesver­tei­di­gung) in mög­lichst effizienter Weise. Die staatlichen Aufgaben sollen also grundsätzlich aus Steuereinnahmen finanziert werden. Da Steuern jedoch alloka­tions­ver­zer­rend wirken, dürfen sie nicht zu hoch sein. Letztlich soll der Staats­haus­halt möglichst aus­geglichen sein: Ausgaben = Einnahmen. Eine auf dieses Ziel aus­gerichtete strenge Sparpolitik wird als Austeritätspolitik bezeichnet.[28]

Eine derart strenge Fiskalpolitik wird unter anderem aus nachfrageorien­tier­ter Sicht (Keynes­ia­nismus) kritisiert. Sie geht auf das 1936 von John Mayard Keynes (1883 - 1946) veröffentlichte Werk „The General Theory of Employ­ment, Interest and Money“ zurück. Demnach ist die Vor­auss­etzung für In­ves­titionen und Angebot eine ausreichende Nachfrage. Somit wird der Kon­junk­tur­zyklus geglättet.[29] Die Reduktion öffent­licher Aus­gaben führt zum Ver­lust öffentlicher Nachfrage. Das hat über die Wirkung des Staats­aus­gaben­­mul­tiplikator­s eine Rezession zur Folge. Der Staats­aus­ga­ben­multipli­ka­tor sagt aus, wie stark das BIP bei einer Ver­änderung der Staats­ausgaben reagiert. Nach Schätz­­ungen des IWF‘ liegt er zwischen 0,9 und 1,7.[30] Zu­gleich wird das „Sparparadoxon“ angeführt: Durch das Spa­ren des Staa­tes werden alle ärmer, während beim Sparen eines Haushaltes dieser Haus­halt reicher wird. Denn das Einkommen eines Haushaltes ent­spricht den Aus­ga­ben eines an­deren. Wenn alle sparen, sinken somit die Ein­­kommen.[31]

Daher greift der Staat aktiv in das Marktgeschehen ein, indem er antizyklisch handelt. In rezessiven Phasen erfolgt das einerseits durch öffentliche Auf­trä­ge und andererseits durch Maßnahmen zur Stärkung der privaten Nach­frage. Die Finanzierung erfolgt mittels Verschuldung des Staates (deficit spending). Die aufgenommenen Schulden werden in Aufschwung- und Boom­phasen getilgt. Dazu werden die Steuern erhöht.[32]

In den 1960er Jahren hat sich dieser Ansatz in eine Ausweitung des Wohl­fahrts­staates verkehrt. Die Aufnahme von Krediten führt dabei nicht zu einer wirtschaftlichen Belebung, sondern zu einer zeitlichen Verlagerung der Zins­lasten in die Zukunft.[33] Diese Erkenntnis führt z.B. ausgehend vom Ver­ei­nigten Königreich ab Ende der 1970er Jahre zu einem Rückzug des Staates aus der Industrie, zu Steuer­senkungen und zu Privatisierungen. Ziel ist die Haus­haltskonsolidierung durch finanzielle Disziplin und Kontrolle öffentlicher Ausgaben. Dieser neo-liberale Politikstil wird u.a. nach der damaligen bri­tischen Premierministerin Magret Thatcher (1925 - 2013) als Thatcher­ismus be­zeichnet.[34]

Blanchard und Illing (2016) kommen zu dem Schluss, dass fiskalpolitische Maß­nahmen zur Bekämpfung konjunktureller Schwankungen und der Fol­gen außer­gewöhnlicher Ereignisse nicht auf­ge­schlos­sen werden sollen. Die entstehenden Defizite sind jedoch in Boom­phasen auszugleichen, damit es nicht zu einem Anstieg der (strukturellen) Staats­verschuldung kommt.[35]

3 Europäische Einigung

Die europäische Fiskalunion ist nicht allein als Folge der Staats­schulden­krise zu sehen. Beispielsweise forderte das Bundes­ver­fassungs­ge­richt be­reits 1993 im Maastricht-Urteil, mit welchem die EWWU möglich wird, eine Sta­­bilitäts­ge­mein­schaft (BVerfGE 89, 155 vom 12.10.1993, Az: 2 BvR 2134, 2159/92).[36] Daher werden in diesem Kapitel die Geschichte der EU und die Errichtung der Fiskalunion skizziert.

3.1 Europäische Union und Währungsunion

Die gemeinsame europäische Wirtschafts- und Währungspolitik beginnt mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl („Mon­tan­union“) am 09.05.1950. Mit Inkrafttreten der „Römischen Verträge“ am 01.01.1958 werden die Europäische Wirtschafts­ge­meinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) gegründet. Der Zu­sam­men­schluss dieser drei Insti­tu­tionen zur Europäischen Gemeinschaft (EG) erfolgt gemäß EG-Fusions­vertrag mit Wirkung zum 01.01.1967.[37]

In der Einheitlich Europäischen Akte (EEA) wird die Errichtung eines ge­mein­samen Binnenmarktes bis zum 01.01.1993 festgeschrieben. Dieses Ziel wird mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Maastricht am 01.11.1993 erreicht. Mit diesem Vertrag werden die Europäische Union (EU) und der Binnenmarkt geschaffen. We­sentlicher Inhalt des Ver­trags ist die Einführung des Euros als euro­päische Ge­mein­schafts­währung (01.01.1999 als Buchgeld bzw. 01.01.2002 als Bargeld). Damit wird das in Art. 2 EGV definierte Ziel der Schaffung der EWWU umgesetzt. Als Grundlage der Finanzpolitik der Wäh­rungsunion werden fiskalische Regeln im EGV bzw. in Folge des Ver­trags von Lissabon am 31.03.2010 im AEUV imple­men­tiert.[38]

Während in den 1990er Jahren nach erfolgten Eintritten süd- und nord­euro­pä­ischer Staaten die EU aus 15 Mitgliedern besteht, treten bis 2013 weitere 13 mittel-, ost- und südosteuropäische Staaten in die EU ein. Mit weiteren Staaten werden Beitrittsverhandlungen geführt. Demgegenüber beschließt die Mehrheit der Bürger des Vereinigten Königreichs mit dem Refe­ren­dum vom 23.06.2016, die EU zu verlassen (Brexit).[39]

Jedoch können nur solche Länder Mitglied der EWWU sein, welche die Sta­bi­litäts- und Kon­vergenz­kri­­terien (ESWP-Kriterien) erfüllen. Die ESWP-Kri­te­rien ergänzen seit 1997 die fiskalischen Regeln des EGV bzw. AEUV und sind Grundlage des ESWP‘. Mit­glieder des EWWU-Raums sind Bel­gien, Deut­schland, Est­land, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Ita­lien, Lettl­and, Litau­en, Luxemburg, Mal­ta, die Niederlande, Österreich, Por­tu­gal, Slo­wa­kei, Slo­wenien, Spanien, Zy­pern. Dänemark, Schweden und das Ver­einigte Königreich führen trotz des Er­füllens der ESWP-Kriterien den Euro nicht ein. Die Auf­­nahme Griechenlands beruht auf falschen Angaben. Aber auch andere Staaten erfüllen die Defizitvorgaben nicht (z.B. Italien und Bel­gien). Deren Aufnahme in die EWWU erfolgt aus politischen Gründen.[40]

Die fiskalischen Regeln sowie die ESWP-Kriterien werden nach­folgend er­läutert.

3.2 Stabilisierende Regeln der EWWU

Zur Aufrechterhaltung der EWWU existieren stabilisierende vertragliche Re­geln. Sie be­treffen zum einen die Un­ab­hängigkeit der Notenbank zur Sich­er­­stellung der Preis­ni­veau­stabilität und zum anderen die solide Haus­halts­führung durch die Staaten. Ziel ist die Begrenzung der realwirtschaftlichen Kosten. Auf kurze Sicht dürfen durch einen unausgewogenen Politik-Mix ex­pansive Fiskalpolitik und restriktive Geld­politik nicht in Widerspruch geraten. Auf lange Sicht sind Geld- und Finanzpolitik über die staatliche Bud­get­re­strik­tion miteinander verbunden.[41]

3.2.1 Grundlagen regelgebundener Wirtschaftspolitik

Fiskalische Regeln sind Ausdruck einer regelgebundenen Wirtschaftspolitik. Dabei sind die politischen Handlungsspielräume aufgrund von Regeln und Vorgaben eingeschränkt. Die regelgebundene Wirtschaftspolitik resultiert aus der Erkenntnis, dass sich diskretionäre Wirtschaftspolitik, welche von Fall zu Fall entscheidet, als ineffizient und nicht vorhersehbar erwies. Re­gelpolitik gibt hingegen Erwartungssicherheit, sofern sich die Entscheidungs­trä­ger regelkonform verhalten. Zeitinkonsistenzprobleme wer­­­den ebenso ge­mindert wie Informations- und Transaktionskosten auf­grund der bei dis­kre­tio­närer Politik notwendigen Politikkoordinierung. Diesen Vorteilen steht der we­sentliche Nachteil gegenüber, dass auf unerwartete Ereignisse nicht flexi­bel reagiert werden kann. Ob regelgebundene Wirt­schafts­politik der dis­kre­ti­onären tatsächlich überlegen ist, hängt von deren Form, den Rahmen­bedingungen und dem politischen Willen zu regel­kon­formem Handeln ab.[42]

Es existieren verschiedene Arten regelgebundener Politik. Un­ter­schieden wer­den feste oder flexible Regel­bin­dung (bei flexibler Regel­bin­dung kann auf­­grund von Ausnahme­tat­be­ständen von der Regel abgewichen werden), einzelne oder mehrere Regel­bindungen (bei mehreren Regel­bin­dungen gelten viele Re­geln gleich­zeitig) und na­tio­nale oder internationale Regel­bin­dungen (inter­na­tio­nale Regeln gelten für mehreren Staaten). Ferner gibt es grundlegende oder weniger grund­­legende Regeln (fun­da­mentale und sys­tem­relevante Regeln sind grund­­legend; meist in der Verfassung fest­ge­schrieben) und einheitliche oder nicht-einheitliche Regeln (einheitliche Re­geln gelten in harmonisierter Form unter den Ver­trags­partnern).[43]

Die Rahmenbedingungen der Regelbindung werden hin­sichtlich der Ge­sell­schaftsform (Demokratie oder Diktatur), der Bekanntheit von Regeln und Regelabweichungen (Transparenz oder Geheimhaltung), dem Bestehen und der Wirksamkeit eines Sanktionsmechanismus bei un­er­laubten Ab­weichun­gen (automatischer oder diskre­tion­ärer Mecha­nis­mus), den Umständen (ru­hige oder unruhige Zeiten), dem bestehenden Risiko bzw. der Un­sicher­heit sowie der Abhängigkeit von Kont­roll­instanzen unterschieden.[44]

Wie sich zeigen wird, sind die fiskalischen Regeln des Vertrags von Maas­tricht sowie die darauf aufbauenden Verträge (ESWP und SKSV) grund­legende weitgehend harmonisierte inter­national gültige Regeln, welche zum Teil automatische Sanktions­mecha­nismen aufgrund der Kontrolle durch die EU-Kommission bei unerlaubten Regelabweichungen nach sich ziehen. Die Entscheidungsträger sind an die Regeln gebunden. Diskretionäre Politik ist mit Ausnahme festgelegter Ausnahmetatbestände nicht möglich.

3.2.2 Fiskalische Regeln

Aus­gangspunkt der stabilisierenden Regeln sind die fiskalischen Regeln des Vertrags von Maastricht. Deren Kernstück ist das Verbot der Staatsschul­den­­finan­zierung durch die EZB und die nationalen Zentralbanken (Art. 123 AEUV (ex-Art. 101 EGV)). D.h., die Gewährung von Krediten an EU-Organe, National­staaten und sonstigen öffentlich-rechtlichen Körper­schaf­ten ist e­ben­­­so verboten wie der unmittelbare Erwerb staatlicher Schuld­titel durch die Zentralbanken und der bevorzugte staatliche Zugang zu Finanzinstituten. Ebenfalls begrenzt ist die direkte und indirekte Ge­währung von Krediten an staatliche Stellen. Darin spiegelt sich das vor­rangige EZB-Ziel, Sicher­stell­ung der Preis­niveaustabilität, wider (Art. 127 AEUV (ex-Art. 105 EGV)).[45]

Widersprüchlich sind die Regeln zur Vergemeinschaftung der Haftung. Die No-Bailout-Regel des Art. 125 AEUV (ex-Art. 103 EGV) verbietet innerhalb von EWWU und EU, dass Staaten für die Verbindlichkeiten anderer Staaten haften. Ziel ist eine verantwortungsvolle Finanzpolitik. Art. 122 AEUV (ex-Art. 100 EGV) ermöglicht jedoch den finanziellen Beistand der Union und damit die Gemeinschaftshaftung bei außergewöhnlichen E­reig­nissen (Bailout).[46]

Art. 126 AEUV (ex-Art. 104 EGV) verbietet übermäßige öffentliche Defizite. Die Überwachung obliegt der EU-Kommission. Die ESWP-Kriterien kon­kre­ti­sieren diese Bestimmung. Jedoch lässt Art. 126 AEUV auch Aus­nahme­tat­bestände zu und eröffnet einen Ermessensspiel­raum der EU-Kommission. Besteht längerfristig ein erhebliches Defizit und werden diesbezüglich keine Maßnahmen unternommen sowie die Em­pfehl­ungen der EU-Kom­mission nicht befolgt, be­steht die Möglichkeit wei­terer durchsetzungsbedürftiger Sank­­tionen nach Art. 126 Abs. 11 AEUV, z.B. Geld­bußen.[47]

3.2.3 Stabilitäts- und Konvergenzkriterien

Die Stabilitäts- und Konvergenzkriterien des Art. 140 AEUV (ex-Art. 121 EGV) und der darauf basierende Stabilitäts- und Wachstumspakt (ESWP) von 1997 verpflichten die Mitglieds­länder der EWWU zur Vermeidung über­mäßi­ger öffentlicher De­fi­zite für die Zeit vor und nach dem Beitritt (Art. 126 AEUV (ex-Art. 104 EGV)). Ziele sind dauerhaft tragfähige öffentliche Haus­halte und Preisni­veau­stabi­lität. Rechts­verbindlich festgelegt sind:[48]

1. jährliche Neuverschuldung aller öffentlichen Haushalte: maximal drei Pro­zent des BIP‘
2. Gesamtverschuldung aller öffentlichen Haushalte: maximal 60 Pro­zent des BIP‘
3. Preisniveaustabilität: Inflationsrate nicht höher als 1,5 Prozent der auf Basis des HVIP er­mittelten Inflationsrate der drei preisstabilsten EU-Mitgliedsstaaten
4. Wechselkursstabilität: Einhaltung der im EWS vorgesehenen Wech­sel­kursbandbreiten; keine Abwertung der eigenen Währung
5. Zinsniveaustabilität: Nominalzins nicht höher als 2 Prozent der No­mi­nal­zinsen der preisstabilsten EU-Mitgliedsstaaten.

Bei der Defizitberechnung sind alle Defizite des gesamten staatlichen Sek­tors einzubeziehen. Dazu zählen Sozialversicherungsträger ebenso wie re­gio­nale und lokale Gebietskörperschaften.[49]

Von den o.g. Kriterien, insbesondere den Verschuldungsquoten, darf im Aus­nahmefall abgewichen werden. Z.B. darf die Gesamtschuldenquote nur bei rückläufiger Schuldenquote überschritten werden. Bestehende Sanktions­mög­lich­keiten nach Art. 126 Abs. 6 - 11 AEUV (ex-Art 104 Abs. 7 - 11 EGV), wie z.B: Empfehlungen zur Defizitbekämpfung und Defizitverfahren mit Strafzahl­ungen, werden nicht konsequent angewendet. Zudem werden 2005 auf deutschem und französischem Betreiben die Kriterien aufgeweicht, in­dem z.B. die Fristen zur Senkung der Verschuldung und die Bewert­ungs­­maß­­stäbe der Finanzen erweitert werden. Die PIIGS-Staaten verstoßen seit 2008 massiv gegen Art. 126 AEUV. Auch die deutsche Gesamtverschuldung beträgt zwischen­­zeit­lich 80 Prozent des BIP‘. 2011 werden die Kriterien mit dem sog. „Six-Pack“ wieder verschärft. Das Six-Pack sind eine Richt­linie und fünf Verord­nungen, die u.a. weiterreichende Vorgaben für den Haus­halt (struk­turelles Defizit maximal 0,5 Prozent des BIP‘; Gesamt­schul­den­stand maximal 60 Prozent des BIP‘; höhere Stände sind jährlich um ein Zwan­zigstel abzubauen) machen und schärfere Sanktionen (Bußgelder bis zu 0,2 Prozent des BIP) er­mög­lichen.[50]

Die europäische Staatsschuldenkrise zeigt, dass die Regeln im Rahmen des AEUV‘, insbesondere das Six-Pack, nicht aus­reichen. In der Folge wer­den neue Regeln erlassen, welche die Fehl­anreize aus­gleichen sollen. Da­zu ge­hört der EFC zur Be­kämp­fung der öffentlichen Haus­­haltsdefizite, welcher in Kapitel 4 dar­ge­stellt wird. Über eine ent­sprech­ende Änderung des AEUV‘ kann zuvor 2011 keine Ein­i­gung erzielt werden.[51]

[...]


[1] Vgl. Fontain (2014), S. 21, 24.

[2] Vgl. Fontain (2014), S. 7; Machts (2012), S. 11 f.

[3] Vgl. Henneke (2013), S. 26.

[4] Vgl. bpb (2016), o.S.

[5] Vgl. imb (o.J), o.S: Baustein I: Grundzüge qualitativen Forschens

[6] BMI und BVA (Hrsg., 2016), S 82.

[7] Vgl. imb (o.J), o.S: Baustein II: Erhebungsmethoden - Dokumentenanalyse.

[8] Vgl. BMI und BVA (Hrsg., 2016), S 205.

[9] Vgl. Scherf (2011), S. 13 f., 18, 397 f.; Schubert und Klein (2011), S. 139.

[10] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 800; Mankiw und Taylor (2012), S. 698.

[11] Die staatliche Budgetrestriktion kann um die weiteren Finanzierungsmöglichkeiten (z.B. Geld­schöpfungs­finanzierung) erweiterter wer­den. Entsprechende Betrachtungen sind unter stabilitäts­po­litischen Gesichtspunkten zwar ein­zu­be­ziehen, zur grundlegenden Darstellung der Budgetrestriktion wird jedoch darauf verzichtet. Zumal es z.B. geld- und nicht primär fiskalpolitische Maßnahme sind.

[12] Die Erläuterungen der staatlichen Budgetrestriktion beziehen sich auf Blanchard und Illing (2016), S. 800 - 802.

[13] Im Rahmen der Betrachtungen der Budgetrestriktion wird bei den Staatseinnahmen vereinfachend von Einnahmen aus Steuern ausgegangen. Dies ist konsistent. Denn zum einen machen Steuern 52,5 Prozent der Staatseinnahmen (Sozialabgaben 38,8 Prozent) aus (vgl. Scherf (2011), S. 18) und zum anderen werden die Schulden der Sozial­ver­sicherungsträger entsprechend den ESWP-Kri­terien (vgl. Abschnitt 3.2) der Staatsverschuldung zugerechnet.

[14] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 802.

[15] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 806; Scherf (2011), S. 403.

[16] Blanchard und Illing (2016), S. 807.

[17] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 808.

[18] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 813; Scherf (2011), S. 399.

[19] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 814; Mankiw und Taylor (2012), S. 698 f.

[20] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 812 - 814.

[21] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 820 f.

[22] Vgl. Burda und Wyplosz (2001), S. 463 - 467.

[23] Vgl. Hansen (2015), o.S.

[24] Vgl. Burda und Wyplosz (2001), S. 495 f.

[25] Vgl. Blackstone und Walker (2012), o.S.

[26] Vgl. Adam Smith Institut (o.J.), o.S.; Burda und Wyplocz (2001), S. 13.

[27] Bajohr (2016), S. 3.

[28] Vgl. Burda und Wyplocz (2001), S. 514 f.; http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/326726/austeri taet-v4.html, Einsicht: 03.07.2017

[29] Vgl. Bajohr (2016), S. 4; Burda und Wyplocz (2001), S. 13.

[30] Vgl. Storbeck (2012), S. 8 f.

[31] Vgl. Haffert (2016), S. 30.

[32] Vgl. Bajohr (2016), S. 4.

[33] Vgl. Bajohr (2016), S. 5.

[34] Vgl. Thibaut (2013), S. 46.

[35] Vgl. Blanchard und Illing (2016), S. 814, 818.

[36] Vgl. Henneke (2013), S. 7.

[37] Vgl. Fontain (2014), S. 6; Stratenschulte (2014 a), S. 122 f.; Stratenschulte (2014 b), S. 125.

[38] Vgl. Fontain (2014), S. 7; Machts (2012); S. 11 f.; Remsperger und Manzke (2003), S. 97; Straten­schulte (2014 b), S. 126.

[39] Vgl. Europäische Kommission (o.J.), o.S.; Stratenschulte (2014 b), S. 126 f.

[40] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 154; Europäische Union (2017), S. 1; Henneke (2013), S. 26; Machts (2012), S. 11, 56; Müller (2000), S. 56.

[41] Vgl. Remsperger und manzke (2003), S. 97 - 100.

[42] Vgl. Kösters (2012), S. 150; Wagner (2012), S. 147 f.

[43] Vgl. Wagner (2012), S. 148.

[44] Vgl. Wagner (2012), S. 149 f.

[45] Vgl. Remsperger und manzke (2003), S. 101.

[46] Vgl. Remsperger und manzke (2003), S. 101; https://www. bundesbank.de/Redaktion/DE/Glossar eintraege/N/no_bail_out.html, Einsicht: 12.06.2017

[47] Vgl. Remsperger und manzke (2003), S. 101 f.

[48] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 154; Gabler Wirtschaftslexikon, Suchbegriff: Konvergenz­kr­iterien, Einsicht: 26.06.2017; Henneke (2013), S. 10.

[49] Vgl. Henneke (2013), S. 24.

[50] Vgl. Bajohr (2016), S. 44; Deutsche Bundesbank (2014), S. 154 f.; Henneke (2013), S. 25 f.; Sperber (2012), S. 189 f.

[51] Vgl. Bajohr (2016), S. 44; Blanchard und Illing (2016), S. 808 - 812; Europäische Kommission (2017a), S. 2; Henneke (2013), S. 30.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die Schuldenbremse in Europa. Eine kritische Erörterung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrstuhl für Makrookonomik)
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
42
Katalognummer
V383074
ISBN (eBook)
9783668584372
ISBN (Buch)
9783668584389
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schuldenbremse, europa, eine, erörterung
Arbeit zitieren
Andreas Rettig (Autor), 2017, Die Schuldenbremse in Europa. Eine kritische Erörterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383074

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Schuldenbremse in Europa. Eine kritische Erörterung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden