Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung nur eine komplexe Traumafolgestörung?


Hausarbeit, 2016
11 Seiten, Note: unbenotet

Leseprobe

Inhalt

Theoretischer Hintergrund
Zusammenhang von Traumaerfahrungen und Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Komorbidität von Posttraumatischer Belastungsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung als Extremform der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
Differentialdiagnostische Betrachtung beider Störungsbilder
Diskussion

Literaturverzeichnis

Theoretischer Hintergrund

Zusammenhang von Traumaerfahrungen und Borderline-Persönlichkeitsstörung

Das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV, Textrevision” (DSM-IV-TR; Saß, Wittchen, Zaudig & Houben, 2003) charakterisiert ein traumatisches Ereignis anhand des Vorliegens „einer tatsächlichen oder potenziellen Todesbedrohung, ernsthaften Verletzung oder Bedrohung der körperlichen Versehrtheit bei sich oder anderen, auf die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert wird“.

Einige Studien belegten bereits, dass Traumaerfahrungen Beeinträchtigungen somatischer, emotionaler, kognitiver, behavioraler oder charakterologischer Art zur Folge haben können (Cole & Putnam, 1992; Herman, 1992). Darüber hinaus zeigten andere Studien Zusammenhänge zwischen traumaassoziierten Beeinträchtigungen und mehreren Störungsbildern auf (Flatten, 2004; Herman, Perry & van der Kolk, 1989; van der Kolk, McFarlane & Weisaeth, 2000). In diesem Sinne kann dem Vorliegen von Traumaerfahrungen eine nicht unbedeutende Rolle innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung zugeschrieben werden (van der Kolk et al., 2000).

Das Spektrum der Traumafolgen erweist sich als vielseitig, denn es umfasst sowohl Störungen der Selbstwahrnehmung und der Körperwahrnehmung als auch Schwierigkeiten mit Vertrauen, Intimität und Selbstbehauptung (Cole et al., 1992; Herman, 1992; van der Kolk, 1987; van der Kolk, Hostetler, Herron & Fisler, 1994). Zu weiteren möglichen Folgen gehören ein überdauerndes dysfunktionales Erleben und Verhalten. Es konnte in Studien eine Verbindung von Störungen der Emotionsregulation und der Anpassungsfähigkeit zu in der Kindheit erlebten Traumata nachgewiesen werden (Alink, Cicchetti, Kim & Rogosch, 2009; Kim & Cicchetti, 2010). Von besonderem Interesse für die Thematik der Hausarbeit ist, dass vor allem die Störung der Emotionsregulation als Kernproblem der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gilt, wie vorangegangene Studien aufzeigen konnten (Glenn & Klonsky, 2009; Sanislow, Grilo & McGlashan, 2000).

Eine allgemeine Definition für Persönlichkeitsstörungen ist dem DSM-IV-TR (Saß et al., 2003) zu entnehmen, die Persönlichkeitsstörungen charakterisiert als „ein überdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht, tiefgreifend und unflexibel ist, seinen Beginn in der Adoleszenz oder frühen Erwachsenenalter hat, im Zeitverlauf stabil ist und zu Leid oder Beeinträchtigungen führt“.

Ungeachtet dessen, dass allen Persönlichkeitsstörungen diese Gemeinsamkeiten zugrundeliegen, bestehen deutliche Unterschiede zwischen ihnen. Somit müssen neben der Emotionsregulationsstörung weitere entscheidende Kriterien für eine BPS-Diagnose in den Bereichen Impulsivität, Kognition und interpersoneller Bereich erfüllt sein. Kim et al. (2010) gingen auf der Grundlage ihrer Studienergebnisse von einem kausalen Zusammenhang zwischen Traumata und BPS aus. Die Befunde gaben darüber hinaus Grund zu der Annahme eines kumulativen Effekts multipler Traumaerfahrungen auf die Entwicklung der Emotionsregulation. Ähnliches belegten Herman et al. (1989) in ihrer Studie, die Zusammenhänge zwischen Misshandlungserfahrungen und der BPS-Diagnose identifizieren konnte. Neben einer relevanten Häufung traumatischer Erfahrungen gab die Mehrheit der Probanden an, auf den familiären Rahmen bezogene Traumaerfahrungen zeitlich vor dem 7. Lebensjahres gemacht zu haben. Ein weiterer Informationsgewinn dieser Studie bestand darin, dass die Ergebnisse eine höhere Trauma-Last für die BPS-Population im Vergleich zu nicht BPS-Populationen belegten. Wobei mit Trauma-Last gemeint war, dass BPS-Betroffene eine höhere Anzahl unterschiedlicher Ereignistypen, einen früheren Beginn in der Kindheit sowie multiple Traumaerfahrungen über einen längeren Zeitraum berichteten. Dabei wurden sämtliche potentiellen Einflüsse einer möglichen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kontrolliert, da dieses Störungsbild häufig zusammen mit BPS auftritt (Scheiderer, Wood & Trull, 2015).

Aus diesem Grund wird im folgenden Abschnitt genauer auf das komorbide Vorliegen von BPS und PTBS eingegangen.

Die Komorbidität von Posttraumatischer Belastungsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die PTBS wird im DSM-IV-TR (Saß et al., 2003) definiert als eine „Angststörung, verursacht durch die Konfrontation mit einem traumatischen Stressor, bei der Betroffene das Ereignis auf verschiedene Weisen wiedererleben, die mit psychophysiologischer Übererregung einhergeht sowie zur Vermeidung von traumaassoziierten internalen und externalen Reize führt“.

Trotz der Feststellung eines häufigen komorbiden Auftretens von BPS und PTBS gibt es Unklarheit über die gemeinsamen zugrundeliegenden Faktoren. Wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet wie beispielsweise, ob die eine Störung der anderen vorausgeht, ob beide Störungsbilder gänzlich unabhängig voneinander auftreten oder, ob diese verschiedene Varianten einer einzelnen Traumafolgestörung darstellen (Vgl. Scheiderer et al., 2015).

In einer amerikanischen Studie wurde veranschaulicht, wie stark die BPS-PTBS-Komorbiditätsraten variieren (Pagura, Stein, Bolton, Cox, Grant & Sareen, 2010). Dabei wurden PTBS-Populationen einerseits und BPS-Populationen andererseits auf das Vorliegen der jeweils anderen Störung hin untersucht. Sowohl diese Studie als auch andere (McGlashan, Grilo, Skodol, Gunderson, Shea, Morey, et al., 2000; Grant, Chou, Goldstein, Huang, Stinson, Saha et al., 2008) bestätigten das Vorliegen einer hohen Komorbidität. Insbesondere zeigte sich dies für die BPS-Population, die eine sieben- bis zehnfachfache ODDS-Ratio[1] für eine komorbide PTBS aufwies (Grant et al., 2008; Tomko, Trull, Wood & Sher, 2014).

Die Definitionen beider Störungsbilder im DSM-IV-TR (Saß et al., 2003) und im DSM-V (American Psychiatric Association, 2013) beschreiben unterschiedliche klinische Erscheinungsbilder, deren einzige Gemeinsamkeit die dissoziative Symptomatik sein soll (Frías & Palma, 2015). Dies steht im Widerspruch zu zeitlich vorangegangen Erkenntnissen von van der Kolk (1987), der sowohl für BPS als auch für PTBS gleichermaßen Störungen verschiedener Kernbereiche der Affektregulation, Impulskontrolle, Realitätstestung, zwischenmenschliche Beziehungen und Selbstintegration feststellte.

In Anlehnung an van der Kolk (1987) beschäftigten sich mehrere Studien mit den potentiellen Überlappungen beider Störungsbilder. Im Rahmen dieser Studien wurde der Begriff der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) mehrfach aufgegriffen (Herman, 1992; Spinazzola, Blaustein & van der Kolk, 2005; Spinazzola, Ford, Zucker, van der Kolk, Silva, Smith et al., 2005).

Was genau die kPTBS ist und welche Relevanz diese für die Forschung hat, thematisiert der kommende Abschnitt.

Die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung als Extremform der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung

Eine mögliche Definition der kPTBS wurde von Herman (1992) vorgeschlagen, welche kPTBS als ein Syndrom beschreibt, das mit Dissoziation, Emotionsdysregulation, Somatisierung sowie veränderten Schemata des Selbst, der Beziehungen und der Grundannahmen einhergeht. Demnach entwickelt sich dieses Syndrom infolge einer Exposition mit zwischenmenschlichen Traumaerfahrungen. Eine zeitlich aktuellere Definition stammt von Ford und Courtois (2014), die für die Diagnose einer kPTBS ein zeitlich vorausgehendes Vorliegen einer (einfachen) PTBS bedingen. Ihnen zufolge müssen neben der PTBS-Symptomatik drei weitere Domänen nach der Traumaexposition verändert sein: Erstens der Affekt zum Beispiel in Form einer Emotionsdysregulation, zweitens das Vorliegen eines negativen Selbstkonzept charakterisiert durch spezifische emotionale Glaubenssätze und drittens zwischenmenschliche Auffälligkeiten wie beispielsweise Schwierigkeiten, eine Beziehung aufrechtzuerhalten.

Interessant im Sinne dieser Hausarbeit ist, dass die von Ford et al. (2014) vorgeschlagenen traumaassoziierten Domänen Überlappungen zu den BPS-Kriterien aufweisen. Gleiches gilt für die im DSM-V (American Psychiatric Association, 2013) revidierten PTBS-Kriterien.

Daher beschäftigt sich der nächste Abschnitt mit einer Gegenüberstellung von BPS und kPTBS, um etwaige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu veranschaulichen.

Differentialdiagnostische Betrachtung beider Störungsbilder

Die bereits erwähnten Überlappungen beider Störungsbilder (siehe auch Sack, Sachsse & Schellong, 2013) geben Grund zur Annahme, dass sowohl die BPS als auch die (k)PTBS zum selben Spektrum einer Traumafolgestörung gehören (Vgl. Abschnitt zur Komorbidität von PTBS und BPS). Doch ätiologische Aspekte der (k)PTBS beschreiben das Auftreten der Symptome als Folge einer Exposition mit traumatischem Stress. Anders als bei der BPS, deren Ätiologie multifaktoriell bedingt ist, kann die Symptomatik nicht ausschließlich auf gemachte Traumaerfahrungen zurückgeführt werden (Ford et al., 2014). Eine detailliertere Gegenüberstellung ist der Tabelle 1 (Sack, Dulz & Sachsse, 2011) zu entnehmen.

[...]


[1] eine statistische Maßzahl, die etwas über die Stärke eines Zusammenhangs von zwei Merkmalen aussagt

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung nur eine komplexe Traumafolgestörung?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V383090
ISBN (eBook)
9783668585959
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kPTBS, PTBS, BPS, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Trauma, Persönlichkeitsstörung, Komorbidität
Arbeit zitieren
B. Sc. Alexandra Petschnik (Autor), 2016, Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung nur eine komplexe Traumafolgestörung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383090

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