Der Syrienkonflikt aus der Perspektive des Politischen Realismus. Kann der Realismus die Verhaltensweisen der involvierten Akteure erklären?


Hausarbeit, 2017
23 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Stand des Syrienkonflikts seit dem Arabischen Frühling

III. Akteure und Motive im Syrienkonflikt
Das Assad-Regime / Syrien
Russland
Iran
Türkei
Irak
Die USA und der Westen
Saudi-Arabien und Katar
Weitere nationale und innere Akteure

IV. Theorie des Politischen Realismus
Thukydides
Niccolò Machiavelli
Thomas Hobbes

V. Politischer Realismus nach Hans J. Morgenthau
Schlusswort zu Morgenthau

VI. Anwendung des Politischen Realismus auf die Akteure des Syrienkonflikts

VII. Fazit

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Mit dem Thema und der Fragestellung „Der Syrienkonflikt aus der Perspektive des politischen Realismus. Kann der Realismus die Verhaltensweisen der involvierten Akteure erklären?“ werden unterschiedliche Themengebiete abgedeckt. Ziel ist es dabei eine Teildisziplin der internationalen Beziehungen auf aktuelle Themen bzw. Konflikte anzuwenden. Bei dieser Teildisziplin handelt es sich um den Politischen Realismus. Mittelpunkt des Politischen Realismus ist der Machtbegriff. Eben dieser Begriff, verbunden mit der Theorie als Ganzes, wird dann auf den Syrienkonflikt bezogen. Ziel ist es festzustellen, ob die Theorie opportun auf die Realität anwendbar ist und ob in diesem Fall sogar Prognosen für zukünftige Handlungsmuster getroffen werden können. Um die Theorie zu vergleichen, wird der Fokus auf die Akteure des Syrienkonflikts gesetzte und nicht auf den Konflikt an sich. Schematisch heißt das, dass zunächst der aktuelle Stand des Konflikts inklusive einer kurzen historischen Einordnung gefasst wird. Daraufhin werden in größerem Umfang die einzelnen Interessen der agierenden Nationen dargestellt. Dies lässt dann den Übergang zur Theorie des Politischen Realismus zu, der unter verschiedenen Aspekten und Autoren beleuchtet wird. Insbesondere die von Hans J. Morgenthau gefassten Werke sind dabei immanent. Abschließend erfolgt der Transfer der Theorie auf die vorher dargestellten Akteure im Syrienkonflikt. Es wird verglichen welche Annahmen des Politischen Realismus tatsächlich auf die Handlungsmuster der Akteure passen und ob dies das Vorgehen erklärt. Falls festzustellen ist, dass die Theorie in großen Teilen Handlungen der in Syrien handelnden Akteure erklärt, ist es möglich vergangene Entscheidungen einzuordnen und zukünftige Entscheidungen zumindest in kleinem Umfang zu prognostizieren. Außerdem ist zu erwähnen, dass in den verschiedenen Kapiteln auf verschiedene Ressourcen zurückgegriffen wird. Aufgrund der Aktualität des Syrienkonflikts besteht noch wenig Fachliteratur, die beispielsweise Politische Theorien auf aktuelle Geschehnisse des Syrienkonflikts transferiert. Großteils handelt es sich um deskriptive Literatur, die dem Verlauf des Syrienkonflikts darstellt und teilweise politisch motiviert analysiert. Anders gestaltet es sich bei der Theorie selbst, bei der sowohl auf Primärliteratur von Hobbes, Machiavelli oder Morgenthau, als auch auf Sekundärliteratur der Geisteswissenschaften zurückgegriffen werden kann. Insgesamt ist die Herangehensweise an die einzelnen Kapitel also unterschiedlich. Trotz dessen bleibt es Gegenstand dieser Arbeit Theorie und Praxis zusammenzuführen und eine mögliche Kausalität festzustellen.

II. Stand des Syrienkonflikts seit dem Arabischen Frühling

Bereits im letzten Jahrhundert zeigte sich, dass die Geschichte Syriens von innen- und außenpolitischen Machtkämpfen geprägt wurde, oftmals politischer Instabilität zum Opfer fiel und seine Regierung nur durch Unterdrückung verteidigen konnte. Insbesondere für die Betrachtung der Gegenwart spielt dabei die Machtergreifung des Baath-Partei angehörigen Luftwaffenchefs Hafis al-Assad eine entscheidende Rolle. Hafis al-Assad und seine Partei konnten dabei nach internen und externen Machtkämpfen unter dem Leitspruch "Einheit, Freiheit und Sozialismus" auf totalitäre Weise ihre Macht im Jahre 1970 festigen[1]. Nach verschiedensten außen- und innenpolitischen Konflikten, kriegerischen Handlungen sowie Machtkämpfen, kam es schließlich zum natürlichen Tod Hafis al-Assads im Jahre 2000, dessen Ableben mit der direkten Machtübertragung auf seinen Sohn Baschar al-Assad einherging[2]. Bereits vor dem Machtwechsel war die jüngere und ältere Geschichte Syriens von verschiedenen Konflikten geprägt, die von politischen, religiösen und militärischen Akteuren ausgingen[3]. Diese Konflikte übertragen sich auf die Gegenwart und insbesondere auf den Syrienkonflikt seit dem Arabischen Frühling[4]. Dieser leitete einen sich heute noch bestehenden Bürgerkrieg seit dem Jahre 2011 ein, nachdem Baschar al-Assad mit brutalen Repressionen auf begonnene Proteste reagierte[5]. Verknüpft sind diese Proteste außerdem mit der gesellschaftlichen Kritik, sich an der Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, sowie an wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven zu orientieren. Gerade die syrische Mittelschicht, die Baschar al-Assad während seiner Regierungszeit den Rücken stärkte, wurde zunehmend unruhiger, da dessen Liberalisierungspolitik und Beute-Wirtschaft die sozialen Ungleichheiten in Syrien verstärkte. Hinzukam außerdem die Unterdrückung von Protesten, die bereits seit 2001 von intellektuellen Bewegungen vorangetrieben wurden und weitere Verhaftungswellen, die bereits im Jahre 2009 von der Regierung bewirkt wurden. Aufgrund des fehlenden gesellschaftlichen Rückhalts der Regierung, versuchte diese den zunehmenden Widerstand als ausländische Propaganda zu relativieren, um somit ihr eigenes brutales Vorgehen zu rechtfertigen[6]. Nachdem das syrische Regime seit dem Arabischen Frühling zunehmend gewalttätig die Protestbewegungen in Syrien niederschlug, folgte schließlich massive Kritik aus dem Westen, die in einem Waffenembargo der Europäischen Union und einem Ölembargo der USA mündete. Des Weiteren distanzierte sich die Arabische Liga von Assad und seiner Regierung. Auch große Teile der syrischen Armee desertierten zur freien syrischen Armee, die sich Regierungsunabhängig in der Türkei gründete und als Ziel hatte die Demonstranten mit Waffengewalt zu verteidigen[7]. Da sich der Konflikt immer weiter gewaltsam zuspitzte, berufte schließlich der UN-Sicherheitsrat die Außenminister der 5 ständigen Mitglieder sowie der Türkei und verschiedener arabischer Staaten ein. Vorgesehen war dabei ein Sechs-Punkte-Plan, der einen Waffenstillstand herbeiführen sollte[8]. Streitthema bei der UN war jedoch die Rolle der Assad-Regierung und die Beteiligung des Irans. So plädierte insbesondere Russland aus taktischem und ideologischem Eigeninteresse dafür, weiter mit der gewählten Assad-Regierung zu arbeiten. Nach dem letztlichen Beschluss Beobachter nach Syrien zu entsenden, wurden diese wieder zurückgezogen, da diese unter zunehmenden Beschuss standen. Schließlich eskalierte der Syrienkonflikt auch außenpolitisch, als das syrische Militär ein Militärflugzeug der Türkei abschoss. Syrien argumentierte dabei, dass die Türkei immer wieder syrische Rebellen unterstütze, was von Seiten der Türkei jedoch bis heute dementiert wird. Wegen weiterer Provokationen Syriens, forderte die Türkei schließlich die Unterstützung der NATO, die als Bündnispartner eine Verpflichtung gegenüber der Türkei besitzt. So wurden in diesem Zusammenhang Patriot Raketen an der türkisch-syrischen Grenze positioniert[9]. Ab dem April 2013 gab es zudem erste Vermutungen auf Giftgasangriffe, die auf Befehl der syrischen Regierung verübt wurden. Diese Angriffe wurden von damaligen US-Präsidenten als „Rote Linie“ bezeichnet, die dazu führen kann, dass US-Truppen in Syrien intervenieren. Wegen der fortschreitenden Gewalt wurde außerdem Oppositionelle in Syrien seitens der Europäischen Union und der USA unterstützt, indem Waffen- und Ölembargos für Gegner des Assad-Regimes aufgehoben wurden. Gleichzeitig verstärkte sich die Zusammenarbeit zwischen Israel und den USA, die versuchten weitere Waffenlieferungen an Assad zu unterbinden, indem sie auf syrischem Staatsgebiet einige Stellungen beschossen. Israels Aufmerksamkeit galt dabei insbesondere der Hisbollah und der schiitischen Miliz aus dem Libanon, da diese das Assad-Regime militärisch und logistisch unterstützten und somit gegen Oppositionelle kämpfen. Im Sommer 2013 spitzte sich die Lage schließlich weiter zu, als bei einem Giftgasangriff zwischen 500 und 1300 Menschen ums leben kamen[10]. Opposition und Assad-Regime beschuldigten sich dabei gegenseitig, woraufhin die Vereinten Nationen unabhängige Beobachter nach Syrien schickten und die USA sowie Großbritannien Pläne für Militärschläge gegen Stellungen des syrischen Regimes konkretisierten. Die Beteiligung syrischer Truppen am Giftgasangriff stellte sich schließlich als erwiesen heraus, woraufhin die Lage in Syrien vollkommen zu entgleisen drohte[11]. Russland machte daraufhin jedoch den Vorschlag, dass Syrien seinen Bestand an Giftwaffen auflöst und an die UN zur Vernichtung abgibt. Vollkommen abtransportiert wurden die ca. 1000 Tonnen chemischer Kampfstoffe bis heute nicht, da Assad den Abtransport und die schließliche Vernichtung unter vorgeschobenen Argumenten hinauszögert[12]. Anfang 2014 wurde die Genf 2 Konferenz abgehalten, bei der Oppositionelle und Vertreter der syrischen Regierung erstmals an einem Tisch saßen. Diese Konferenz brach jedoch keinerlei Resultate und zeigte nur wieder die gegenseitige Verachtung und Schuldzuweisung zwischen syrischer Regierung und Oppositionellen, die aus Sicht der Regierung als Rebellen bzw. Terroristen zu betrachten sind[13]. Verletzungen der Menschenrechte sind jedoch auf beiden Seiten zu erkennen. Dies belegen dokumentierte Sprengstoffangriffe der Regierung hinsichtlich der Zivilbevölkerung[14], aber auch verschiedene Beweise von Folterung, die die Opposition an ihren Gegnern verübt[15]. Bis zum Jahre 2015 fielen 250.000 Menschen dem syrischen Bürgerkrieg zum Opfer[16].

Insgesamt gestaltet sich die Lage in Syrien als zunehmend schwierig. Berichte über Menschenrechtsverletzungen und kriegerische Handlungen häufen sich weiter, während die äußere Anschuldigungen in gegenseitigen Schuldzuweisungen der Akteure münden. Eine zeitnahe Lösung ist insbesondere deshalb nicht in Sicht, weil manisch faltige Akteure in Syrien agieren. Diese besitzen ganz unterschiedliche Motive, zu denen beispielsweise religiöse und strategische Beweggründe gehören. So besteht die Opposition aus vielen verschiedenen Akteuren, die sich teils gegenseitig bekämpfen und fließend von gemäßigten zu radikalen Oppositionellen übergehen. Auch die einzelnen Nationen wie Russland und die USA besitzen Interessen, die über den eigentlichen Bürgerkrieg hinausgehen und dem Eigeninteresse dienen. Insbesondere internationale Akteure unterstützen militärisch und finanziell verschiedene innere Akteuren des Syrienkonflikts, wodurch die Aufrüstung die kriegerischen Handlungen nur weiter verlängert. Dadurch entsteht insbesondere der Eindruck, dass das eigentliche Ziel des Bürgerkriegs, nämlich der Frieden in Syrien, eine Farce darstellt, die vorgeschoben wird, während das eigentliche Eigeninteresse der Akteure im Vordergrund steht. Um diese Zusammenhänge zu verstehen ist jedoch eine detaillierte Betrachtung der einzelnen Akteure notwendig, die dann dazu führt die Handlungsmuster und Motive nachzuvollziehen.

III. Akteure und Motive im Syrienkonflikt

Im Syrienkonflikt ist eine vollständige Betrachtung aller Akteure nicht möglich, da es den Umfang der Hausarbeit übersteigt. Um den Syrienkonflikt allerdings mit einer bestimmen Denkschule zu vergleichen, ist es unbedingt notwendig zumindest oberflächlich die Interessen und Handlungen der einzelnen Akteure darzustellen. Besonderes Interesse gilt dabei den einzelnen Nationen, da diese innerhalb des politischen Realismus im Mittelpunkt stehen.

Das Assad-Regime / Syrien

Assad wiedersetzt sich insbesondere wiederkehrenden Forderungen des Westens sein Amt niederzulegen und den Weg für eine Übergangregierung freizumachen[17]. Ziel ist somit insbesondere der Machterhalt und die Widererlangung der von Rebellen und Opposition besetzten Gebiete. Dank russischer und iranischer Hilfe ist die Rückeroberung einiger Teile Syriens und insbesondere der Großstadt Aleppo erfolgt, so dass die Position Assads momentan gefestigter ist, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war[18]. Anzumerken ist dabei, dass das Assad-Regime nicht zwangsläufig als handelnde Nation betrachtet werden kann, da auch Oppositionelle vom Westen als legitime Vertreter des Volkes gewertet werden.

Russland

Russlands bisherige Syrienpolitik besteht vor allem darin an Assad festzuhalten und diesen als Teil der Lösung, statt als Teil des Problems zu betrachten. Tatsächlich besteht für Russland jedoch eine Reihe von Eigeninteressen, die eng verbunden sind mit dem Erhalt des syrischen Regimes. Zunächst besteht für die russische Regierung die Sorge, dass eine Abweichung von der bisherigen politischen Linie in Syrien seitens der russischen Bevölkerung als Schwäche gewertet wird. Dies geht insbesondere auf ein soziales und sozioökonomisches Spannungspotenzial in Russland zurück, dass der Kreml unbedingt zu vermeiden versucht[19]. Zusätzlich ist Russland mit einer der Hauptlieferanten für Waffenlieferungen nach Syrien, wodurch ein Erhalt des Assad-Regimes auch einen wirtschaftlichen Faktor für die russische Waffenindustrie darstellt. Syrien spielt auch eine entscheidende Machtpolitische und strategische Rolle für Russland, da in der Stadt Tartus der einzige russische Marinestützpunkt außerhalb der postsowjetischen Region[20] liegt. Dieser ist wiederum auch von wirtschaftlicher Bedeutung. Große Mengen kaspischen Öls werden in unmittelbarer Nähe des Stützpunktes nach Westeuropa verschifft[21]. Allgemein ist die Einflussnahme in Syrien für den Kreml ein bedeutender geopolitischer Aspekt, der sich nicht nur auf Syrien selbst bezieht. Gerade auch für andere internationale Differenzen, wie dem Ukraine Konflikt, kann die Einflussnahme Russlands in Syrien ein wichtiger Faktor für weitere Verhandlungen mit der Europäischen Union und den USA sein, der zusätzlich dazu beiträgt die internationale Einflussnahme und Position des Kreml zu stärken. Insgesamt verhinderte Russland mit China im Sicherheitsrat bereits Sanktionen gegen das syrische Regime, wobei Chinas Motiv auf ähnliche soziale und sozioökonomische Beweggründe zurückzuführen ist.

Iran

Seit der islamischen Revolution im Jahre 1979 ist Syrien Irans einziger konstanter Partner im nahen Osten. Bemerkenswert ist die Zusammenarbeit auch deshalb, weil die beiden Regierungen Syriens und des Irans aus völlig verschiedenen sozialstrukturellen und religiösen Hintergründen resultieren. So legitimiert sich die iranische Regierung durch eine schiitische Theokratie[22], während Syriens Führung mehrheitlich aus alawitischen Eliten besteht. Die Alawiten selbst nehmen allerdings nur ein geringer Teil der syrischen Bevölkerung ein. Trotz dieser Differenzen verbinden beide Nationen drei gemeinsame Interessen: Die Eindämmung des Einflusses der USA im nahen Osten, die Schwächung Israels und die Einhegung der regionalen Machtansprüche des Iraks[23]. Außerdem ist die vom Iran unterstütze Hisbollah in Syrien aktiv und nimmt mit dem syrischen Geheimdienst insbesondere Einfluss auf den strategisch wichtigen Libanon. Letzter Faktor für die iranischen Interessen in Syrien sind Stellvertreterkriege. Diese entstehen in Syrien deshalb, weil Saudi-Arabien und die Golfstaaten sunnitische Milizen in Syrien unterstützen, um das syrische Regime zu stürzen[24]. Dadurch entsteht ein Machtkampf zwischen dem schiitischen Iran und den sunnitischen Monarchien der Arabischen Halbinseln, der vollends zu einem Stellvertreterkrieg auf syrischem Boden führt

Türkei

Gerade aufgrund der Komplexität und der Dynamik im Syrienkonflikt ist eine klare Definition der türkischen Interessen in Syrien schwer zu fassen. Aufgrund der fast täglichen Faktenwandlung, sind insbesondere kurzfristige Entscheidungen für die türkische Regierung immanent. Langfristig und konstant ist jedoch festzustellen, dass die türkische Regierung zum Ziel hat das Assad-Regime abzusetzen und jegliche Autonomiebestreben der Kurden in Syrien zu unterdrücken[25]. Kritik erhält die Türkei vor allem vom Westen bzw. der Nato-Bündnispartner, da es sich widerholt erwiesen hat, dass die Türkei den IS logistisch, medizinisch und mit Waffen unterstützt hat[26]. Heute stellt sich die Unterstützung islamisch geprägter, radikaler Gruppen für die Türkei als Fehler schwerwiegender heraus. Was seitens der türkischen Regierung als Stellvertreterkrieg begann, endete nicht nur in einer geplanten Bekämpfung der Kurden, um die eigene Autonomie sicherzustellen, sondern in einer Hochrüstung eben dieser radikalen islamischen Gruppierungen, die jetzt eine viel größere Bedrohung für die Türkei darstellen.

Irak

Der Irak hatte zu Beginn des Syrienkonflikts noch keine eindeutige Position zu der dort auftretenden Spirale der Gewalt. Diese Unentschlossenheit geht einerseits auf die kritische Haltung Syriens während des Irak-Iran-Kriegs zurück und andererseits auf einige Anschläge an irakischen Ministerien im Jahre 2009, die laut Medienberichten von der syrischen Baath-Partei impliziert wurden[27]. Der Fokus der irakischen Regierung liegt somit primär auf innenpolitischen Aspekten. Gerade Konflikte sunnitischer und schiitischer Kräften bereiten dem Irak große Sorge, da in Verbindung mit den Kämpfen auch zivile Opfer zu beklagen sind. Auch das erstarken der ISIS und die wachsende Zahl syrischer Flüchtlinge birgt großes Spannungspotenzial, in dem ohnehin gespaltenen Irak[28].

Die USA und der Westen

Die USA und der Westen streben eine Lösung in Syrien ohne Assad an. Stattdessen plädieren diese für eine pro Westliche Regierung um ihren Einfluss im Nahen Osten zu stärken. Damit verbunden ist auch insbesondere die Sorge, dass Syrien sich zu einem strategischen Ausgangspunkt für internationalen Terrorismus entwickeln könnte und syrische Chemiewaffen von radikalen Gruppen missbraucht werden. Im zeitlichen Verlauf des Syrienkonflikts wurden außerdem Oppositionelle zu legitimen Vertreter des syrischen Volkes ernannt, die vom Westen unterstützt werden[29]. Besonderes Interesse gilt außerdem wirtschaftlichen Aspekten. Syrien könnte gerade für Europa als Transitland für den Ölexport genutzt werden, was die Abhängigkeit von russischen Ölexporten mindern würde. Auch die engen Beziehungen zwischen dem Westen und Israel sind ein entscheidender Faktor für die Handlungsmuster des Westens. Grund dafür sind die Friedenprozesse Israels, die durch den andauerenden Nah-Ost-Konflikt behindert werden.

Saudi-Arabien und Katar

Innerhalb der Arabischen Liga nehmen Saudi-Arabien und Katar eine Vorreiterrolle gegen die syrische Regierung ein. Dies hängt insbesondere damit zusammen, dass der Iran die syrische Seite unterstützt. Es handelt sich somit nicht primär um einen ideologischen Konflikt, sondern viel mehr um einen Konflikt, der sich um die politische Vormachtstellung im Nahen Osten dreht. Insbesondere sunnitische Kräfte werden durch Saudi-Arabien und Katar durch Truppen und finanzielle Mittel unterstützt, um schiitische Rebellen und Demonstranten zu bekämpfen[30]. Auch wirtschaftliche Aspekte sind für Katar von Bedeutung, da diese genau wie der Westen ein Interesse daran besitzen Öl über Syrien nach Europa zu transportieren. Syrien soll somit als Schnittstelle verwendet werden. Insgesamt spielen sowohl die wirtschaftlichen, als auch die machtpolitischen Aspekte eine wesentliche Rolle für die Handlungsmuster beider Staaten, da eine Schwächung Syriens auch eine Schwächung des Irans bedeuten würde und somit auch eine Machtdemonstration für beide Staaten darstellt. Hinzukommt, dass damit auch der innenpolitische Frieden für Saudi-Arabien und Katar gestärkt wird, da diese eine gemäßigte Außenpolitik als Zeichen von Schwäche betrachten und dadurch selbst eine Revolution befürchten[31].

Weitere nationale und innere Akteure

Abgesehen von den bereits genannten internationalen Akteuren gibt es noch zahlreiche weitere, die bereits kurz angeschnitten wurden. Insbesondere China und Jordanien sind dabei auf internationaler Ebene zu nennen. Die inneren Akteure fassen sich aus religiös-, ideologisch geprägten Gruppierungen zusammen, die vollständig oder teilweise mit der Unterstützung einzelner Nationen verbunden sind[32]. Beispiel dafür sind die Kurden, die ein Interesse an ihrer eigenen Souveränität besitzen, teilweise vom Westen unterstützt werden und gegen das Assad-Regime agieren[33]. Die inneren Akteure setzen sich aus sehr unterschiedlichen Gruppierungen, wie der Hisbollah, radikalen Islamisten, Oppositionelle und Rebellen zusammen. Um den Rahmen der Hausarbeit zu gewährleisten und die Theorie angemessen anzuwenden, wird der Fokus allerdings auf die Nationen gelegt, wodurch weitere Details ausgelassen werden.

[...]


[1] Gerlach, Daniel. 2015. Herrschaft über Syrien. Macht und Manipulation unter Assad. Hamburg: Körber-Stiftung, S. 5 ff.

[2] Wieland, Carsten. 2015. Syrien. http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54705/syrien, Zugriff am: 10.09.2017.

[3] Genauere Erläuterungen und empirische Daten finden sich im nächsten Kapitel.

[4] Der Arabische Frühling beschreibt eine Folge von Protesten, Revolutionen und Aufständen seit dem Dezember 2010. Diese Ereignisse beziehen sich beginnend mit der Revolution in Tunesien auf etliche Staaten im Nahen Osten und Nordafrika (Vgl. Jung, Matthias / Hoffmann, Hendrik. 2011. Arabischer Frühling. http://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/, Zugriff am: 10.09.2017).

[5] Asseburg, Muriel / Busse,Jan. 2016. Der Nahostkonflikt. Geschichte, Positionen, Perspektiven. München: C.H.Beck, S. 81 ff.

[6] Wieland, Carsten. 2015. Syrien. http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54705/syrien, Zugriff am. 10.09.2017.

[7] Zein, Husta. 2013. Identitäten und Interessen der syrischen Oppositionellen. http://www.bpb.de/apuz/155112/identitaeten-und-interessen-der-syrischen-oppositionellen?p=all , Zugriff am: 11.09.2017.

[8] Sydow, Christoph. 2012. Assad ignoriert Annans Friedensplan. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syriens-assad-regime-ignoriert-6-punkte-plan-von-kofi-annan-a-824658.html, Zugriff am: 11.09.2017.

[9] Dpa.2012. Russland warnt vor „Patriot“-Raketen in der Türkei. http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-gegen-patriot-raketen-an-grenze-zwischen-tuerkei-und-syrien-a-868704.html, Zugriff am: 11.09.2017.

[10] Dpa.2013. Syrische Opposition beklagt bis zu 1300 Giftgs-Tote.http://www.stern.de/politik/ausland/kampf-gegen-baschar-al-assad-syrische-opposition-beklagt-bis-zu-1300-giftgas-tote-3903570.html, Zugriff am 12.09.2017.

[11] Sydow, Christoph. 2017. Russische Erklärung zum Giftgasangriff in Syrien: Eine Lüge und viele Ungereimtheiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/giftgasangriff-in-syrien-eine-luege-und-viele-ungereimtheiten-a-1141982.html, Zugriff am: 12.09.2017

[12] Dambeck, Holger. 2017. Warum es immer noch Chemiewaffen in Syrien gibt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/syrien-warum-es-immer-noch-chemische-waffen-im-land-gibt-a-1142573.html, Zugriff am: 12.09.2017.

[13] Stolleis, Friederike. 2014. Genf II. Möglichkeiten und Grenzen einer politischen Lösung in Syrien. Beirut: Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 2 ff.

[14] Fpa.2015. Amnesty prangert Einsatz von Fassbomben an. http://www.tagesspiegel.de/politik/kriegsverbrechen-in-syrien-amnesty-prangert-einsatz-von-fassbomben-an/11731342.html, Zugriff am: 12.09.2017.

[15] Bender, Larissa. 2012. Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit. Bonn: Dietz Verlag, S.9 ff.

[16] Asseburg, Muriel / Busse, Jan. 2016. Der Nahostkonflikt. Geschichte, Positionen, Perspektiven. München: C.H.Beck, S. 82.

[17] Jäger, Kinan / Tophoven, Wolf. 2013. Der Syrien-Konflikt: Internationale Akteure, Interessen, Konfliktlinien. http://www.bpb.de/apuz/155114/internationale-akteure-interessen-konfliktlinien?p=all, Zugriff am: 11.09.2017.

[18] Dpa.2017. Die wichtigsten Akteure im Syrien-Krieg. http://www.zeit.de/news/2017-05/15/konflikte-die-wichtigsten-akteure-im-syrien-krieg-15115407, Zugriff am: 11.09.2017.

[19] Vgl. ebd.

[20] Als postsowjetische Staaten werden die Staaten bezeichnet, die aus der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion resultierten (Vgl. Pleines, Heiko.2014. http://www.bpb.de/izpb/192802/nach-dem-ende-der-sowjetunion?p=all, Zugriff am: 11.09.2017).

[21] Jäger, Kinan / Tophoven, Wolf. 2013. Der Syrien-Konflikt: Internationale Akteure, Interessen, Konfliktlinien. http://www.bpb.de/apuz/155114/internationale-akteure-interessen-konfliktlinien?p=all, Zugriff am: 11.09.2017.

[22] Deutscher Bundestag. 2016. „Die Interessen des Iran und der Türkei in Syrien“ WD 2 - 3000 - 001/16. Berlin: https://www.bundestag.de/blob/419330/5c3bd6ad5eae20bba55bce003fbbdaef/wd-2-001-16-pdf-data.pdf, Zugriff am: 12.09.2017.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. ebd.

[26] Dangeleit, Elke. 2015. Türkei. Waffenlieferungen und Unterstützung der IS. https://www.heise.de/tp/features/Tuerkei-Waffenlieferungen-und-Unterstuetzung-des-IS-3376901.html, Zugriff am: 11.09.2017.

[27] Leukefeld, Karin. 2015. Flächenbrand. Syrien, Irak, Die Arabische Welt und der Islamische Staat. Köln: PappyRosse Verlag, S.105 ff.

[28] Integration und Asyl des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge .2016. „Sozialstruktur,Qualifikationsniveau und Berufstätigkeit“. Nürnberg: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Kurzanalysen/kurzanalyse4_sozial-komponenten-erstes-halbjahr%202016.pdf?__blob=publicationFile, Zugriff am:12.09.2017.

[29] Asseburg, Muriel / Wimmen, Heiko. Syrien im Bürgerkrieg. Externe Akteure und Interessen als Treiber des Konflikts.Berlin: Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, S. 2 ff.

[30] Herman, Rainer. 2016. Eskalation im Nahen Osten. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/das-kraefteverhaeltnis-zwischen-saudi-arabien-und-iran-13997128.html, Zugriff am: 14.09. 2017.

[31] Steinberg, Guido. 2014. Anführer der Gegenrevolution. Saudi-Arabien und der arabische Frühling. Berlin : Friedrich-Ebert Stiftung, S. 7 ff.

[32] Asseburg, Muriel / Busse, Jan. 2016. Der Nahostkonflikt. Geschichte, Positionen, Perspektiven. München: C.H.Beck, S. 82 ff.

[33] Reichl, Muriel. 2016. Kein Stellvertreter des Westens. http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-08/kurden-syrien-konflikt-usa-tuerkei-irak-gruppierungen, Zugriff am: 14.09.2017.

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Details

Titel
Der Syrienkonflikt aus der Perspektive des Politischen Realismus. Kann der Realismus die Verhaltensweisen der involvierten Akteure erklären?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaften)
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V383121
ISBN (eBook)
9783668586246
ISBN (Buch)
9783668586253
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Realismus Theorien Syrien Syrienkonflikt Internationale Beziehungen Theorien
Arbeit zitieren
Peter Schuch (Autor), 2017, Der Syrienkonflikt aus der Perspektive des Politischen Realismus. Kann der Realismus die Verhaltensweisen der involvierten Akteure erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383121

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