Rollenbiografie zu "Mia Holl" aus Juli Zehs "Corpus Delicti. Der Prozess"


Facharbeit (Schule), 2017

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Rollenbiografie - Mia Holl aus Juli Zehs „Corpus Delicti“

Hallo, ich heiße Mia, Mia Holl. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem Sterben, zumindest für eine bestimmte Zeit, für mich die einzige Option ist, die einzig akzeptable Option. Ich kann weder so weiter machen wie zuvor, noch von Neuem anfangen. Ich weiß absolut nicht, wie es nun weiter gehen soll, nun ja, wissen tu ich es schon. Ich befinde mich in der Resozialisierungsanstalt der METHODE. Man kann sich das Ganze so vorstellen: Menschen, die dir zeigen wollen, wie du deinen Alltag zu gestalten hast und andere, die dich nicht aus den Augen lassen, damit sie dich bei kleinsten Anzeichen von Rückschritten oder ungeplanten Entwicklungen direkt wieder in die Räumlichkeiten der psychologischen Betreuung abschieben können. Hinzu kommen dann noch jede Menge bildende Maßnahmen. Diktatorische Gehirnwäsche meiner Meinung nach, aber die, will ja niemand hören. Der Wahrheit möchte keiner ins Gesicht blicken, oder vielleicht können sie es auch nicht, weil sie es wirklich einfach nicht sehen, was in dieser Welt, unserer Welt, vor sich geht. Auch ich habe einmal zu diesen Menschen gehört. Den überzeugten Anhängern der METHODE. Ich habe dem System, unserem Staat, blind vertraut, ich wusste es nicht besser. Woher sollte ich auch. Aber besser ich fange einmal ganz von vorn an, wie ich an diesem Punkt angelangt bin.

Meinen Namen habe ich ja schon erwähnt. Ich bin 34 Jahre alt und bevor ich aufgrund meiner eingesunkenen Wangenknochen und dem ausgehungertem Körper wie eine potenzielle Massenmörderin ausgesehen habe, wurde ich immer als doch relativ ansehnlich wahrgenommen. Ich habe in einem Wächterhaus gelebt,etwas abgeschiedener, in der obersten Wohnung unter dem Dach. War ich zufrieden? Wahrscheinlich. Es war kein schlechtes Leben. Die anderen Nachbarn im Haus waren allesamt sehr nett und freundlich und führten, wie ich, ein vorbildliches Leben. Ganz nach der METHODE eben.

Ich war Biologin, oder besser gesagt ich bin Biologin. Ich erforsche gerne Dinge. Die Naturwissenschaft ist mein Rückzugsort, mein kleines Versteck vor der restlichen Welt. Ich selbst hätte mich nie als Außenseiterin bezeichnet, aber eigentlich ist es genau das was ich bin. Ich lebe ganz allein, ich meide meine Nachbarn, so gut es geht und auch sonst jeglichen sozialen Kontakt. Die einzige Konstante in meinem Leben, die einzig lebende, war mein Bruder Moritz. Er ist der Grund für alles. Für alles was passiert ist und für alles was noch passieren wird. Moritz war zwar ein paar Jahre jünger als ich, aber trotzdem mehr wie mein großer Bruder. Wir haben uns immer getroffen und Zeit in der toxischen Zone verbracht. Moritz hat dort geangelt und geraucht und wir haben geredet, über das Leben, die Liebe, den Sinn und über die Welt, das System in dem wir leben. Er musste mich zwar jedesmal zwingen, mit ihm herüber zu gehen, aber insgeheim habe ich ihn sehr bewundert. Dafür, dass er sich nicht davon abhalten ließ, sein Leben nach seinen Vorstellungen auszuleben, soweit das möglich war und für seine Überzeugung einzustehen. Ich habe ihn sehr geliebt, liebe ihn immer noch mehr als alles andere auf dieser Welt. Er war eine Art Vorbild für mich. Ich habe mich an ihm festgehalten, denn Moritz war nun einmal Moritz und ich wusste nicht einmal, wer ich eigentlich war. Mein Bruder allerdings, ist tot. Getötet von der METHODE, dem System, in dem wir alle glücklich, sicher und gesund leben sollen. Das, das uns gerettet und bewahrt haben soll, von der Welt früher, und dem Schicksal unserer Vorfahren.

Moritz war schon immer sehr eigensinnig und hielt nicht viel von vorgeschrieben Regeln und Vorschriften, er war aber kein METHODEN-Feind. Als wir noch klein waren, ist er an Leukämie erkrankt, nachdem er gegen ein Verbot mit Schnecken gespielt hat. Durch eine Knochenmarkspende konnte er wieder ganz gesund werden und für mich war das Grund genug, ein Leben als METHODEN-Anhängerin zu führen. Na ja, bis zu Moritz Tod, oder eher schon bis zu seiner Inhaftierung.

Er hatte wieder einmal eine Verabredung gehabt, er hatte ständig solche, nur, dass er die Frau, Sybille Meiler, tot aufgefunden hat und anschließend für Vergewaltigung und Mord verhaftet wurde. Ich habe nie geglaubt, dass er schuldig sei, auch wenn seine DNA an der Leiche gefunden wurde. Wie sich herausstellte, hatte Moritz‘ Knochenmarkspender von damals die Tat begangen, aber diese Erkenntnis kam leider schon viel zu spät. Ich habe ihn regelmäßig im Gefängnis besucht und ihm Dinge mitgebracht, um die er mich gebeten hatte. Damit, dass ich ihm das allerletzte Mal das wir uns je gesehen haben, eine Angelschnur mitgebracht habe, komme ich bis heute nicht klar. Er hatte sich nämlich schließlich mit dieser erhängt. Vielleicht werde ich es nie verarbeiten. Nach diesem Tag war nichts mehr wie zuvor. Meine ganze Welt hatte sich um Hundertachtziggrad gedreht und es schien mir, als würde die Sonne nie wieder aufgehen, als hätte die Nacht, die einsame, kalte Dunkelheit mich für immer gefangen. Ich konnte nicht einfach so weiter machen, ich wollte es nicht. Ich flüchtete mich in Selbstgespräche mit einem Hirngespinst, welches Moritz mir vor seinem Tod vermacht hatte, so weit war es schon gekommen. In dieser Welt, in der wir leben, kann man allerdings nicht einfach aufhören, abtauchen und für eine Zeit seine Ruhe haben. Nein, denn sobald ich ein paar Wochen lang meine Gesundheitsberichte ignoriert hatte und auch die Einladung zu einem Klärungsgespräch nicht wahrgenommen hatte, musste ich zu einer gerichtlichen Vorladung erscheinen und mich auch noch für meine Situation und meinen Zustand rechtfertigen. Niemand kann und muss hoffentlich auch nie nachvollziehen können wie es mir ging. Ich hatte auch den letzten Teil von mir selbst verloren. Wer war ich schon ohne Moritz? War ich jemals irgendwer gewesen?

Die Richterin versuchte mir irgendwelche Kuraufenthalte anzudrehen und Heilungsprozesse, von denen ich nichts wissen wollte. Mein Verhalten veränderte sich natürlich nicht. Meine Situation veränderte sich nicht. Wie sollte sie auch, Moritz ist und bleibt tot - für immer. Ich musste noch ein paar mal vor dem Gericht vorsprechen, doch ohne richtige Konsequenzen, es zahlt sich aus, eine erfolgreiche Biologin zu sein. An einem Nachmittag jedoch wurde durch meine Zigarette im Wächterhaus der Feueralarm ausgelöst und die Schonfrist hatte ein Ende, denn mit solchen Delikten wird im System nicht gespaßt. Rauchen erinnert mich immer an ihn, dann fühle ich mich ihm nah, rieche ihn, fast so als stünde er direkt neben mir. Lebend und atmend. Es war mit egal dass man mich erwischt hatte, eigentlich war mir inzwischen alles egal geworden. Natürlich hatte die METHODE irgendwo recht mit unserer Gesundheit und all dem Zeug, das sie sonst noch so quatschen, aber kann man in meiner Lage überhaupt solch ein Leben führen?

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Rollenbiografie zu "Mia Holl" aus Juli Zehs "Corpus Delicti. Der Prozess"
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V383141
ISBN (eBook)
9783668586161
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rollenbiografie, holl, juli, zehs, corpus, delicti, prozess
Arbeit zitieren
Melina Keller (Autor), 2017, Rollenbiografie zu "Mia Holl" aus Juli Zehs "Corpus Delicti. Der Prozess", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383141

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