Die Dimensionen der Überwindung der Absurdität des Lebens bei Friedrich Nietzsche und Albert Camus


Seminararbeit, 2014
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Umwertung aller Werte oder Kunst als Mittel der Revolte – Nietzsches Metapher der Verwandlung des Geistes und Camus‘ absurde Menschentypen

3. Absurdes Glück

4. Literatur

1. Einleitung

Entgegen aller populären Vorbehalte, Albert Camus und Friedrich Nietzsche verherrlichten die Sinnlosigkeit des Daseins, wohnen ihren wohl bekanntesten Werken, „Der Mythos des Sisyphos“ und „Also sprach Zarathustra“, optimistische Gedanken inne, die dem Menschen ein gewisses Glückspotential zusprechen. Grundbedingungen für Glück im Angesicht der erkannten Absurdität sind bei ihnen Annahme und Revolte, wobei dieser Arbeit die These zugrunde liegt, dass der Kampf bei Camus ein glückstiftender, aber durch eine Neuschöpfung keinesfalls abzulösender Selbstzweck ist, wohingegen Nietzsche eben diesen Erfolg des Kampfes für möglich hält.

Nietzsche hielt seinerseits in seiner Verwandlungsmetaphorik die Option der Überwindung der Sinnlosigkeit fest, während Camus in seinen vier absurden Menschentypen den ewigen Kampf statuierte. Ein Vergleich dieser beiden Ideen soll die Grundlage dieser Arbeit bilden. Dabei müssen Schnittstellen in den Voraussetzungen, aber auch Unterschiede in den Konsequenzen eruiert werden.

Da vor allem Camus der Kunst einen hohen Rang in der Bewältigung des Lebens zuerkennt, ja sie nachgerade als Basis eines erfüllten Lebens betrachtet, wird diesem Spektrum seines Denkens ein besonderer Platz in dieser Arbeit zuerkannt. Der ausgewählten Sekundärliteratur können zwecks Einschätzung der variierenden Überwindungsoptionen wertvolle Ideen entnommen werden.

2. Umwertung aller Werte oder Kunst als Mittel der Revolte – Nietzsches Metapher der Verwandlung des Geistes und Camus‘ absurde Menschentypen

Einführend zunächst eine Zusammenfassung der Nietzsche‘schen Metamorphose des Geistes, ehe die vier absurden Menschentypen Camus‘ in Bezug zur zweiten Entwicklungsstufe gesetzt werden.[1] Warum diese zweite Stufe – die des Löwen – als besonders fruchtbar für eine Bezugnahme zu Camus erscheint, soll anschließend ausgedeutet werden.

Die fundamentale Anstrengungskraft, die der menschliche Geist vollführen muss, ehe ihm eine Überwindung seiner gesetzten Grenzen möglich wird, wird von Nietzsche in den Figuren des Kamels, des Löwen und des Kindes beschrieben. Der Wille zur Macht ist im Kamel noch durch Demutshaltung und Subordinationsgeist gebrochen oder unterdrückt. Hier lässt sich eine Aneignung fremder Werte erkennen, um die Sinn- und Wertlosigkeit des Lebens in der Wüste zu ertragen. Erst die Erkenntnis, wie fehlbare und minderwertige Konventionen den Geist einengen, beherrschen und damit der Unvollkommenheit überlassen, ermöglicht eine Befreiung.

Die Verwandlung vom Kamel zum gegen den Drachen der Werte kämpfenden Löwen wird möglich, indem sich der Geist seiner Machtoptionen bewusst wird, die durch fremde Mächte nicht bezwungen und geschwächt werden dürfen. Der Löwe ist kein Herdentier mehr, er ist von der Macht eines erdachten Gottes befreit, ist purer Bruch mit Traditionen und Zwängen, ist Sinnbild puren Nihilismus und einer damit einhergehenden Besinnung auf die Freiheit des eigenen Geistes und Potenz der eigenen Kraft.

Doch nach Nietzsche ist die errungene Macht des Löwen nur die Vorbereitung einer letzten Verwandlung. Erst auf der Stufe des Kindes vollzieht sich für ihn ein Neuanfang, eine Neubewertung der Werte. Hier ist es vor allem das spielerisch-künstlerische Schöpfertum, das nicht nur sich selbst, sondern die ganze Welt umschafft. Erst diese nach außen gerichtete Schöpferkraft vervollkommnet den Akt der Befreiung des Geistes in einer von hinfälligen Moralismen und Religionen gelösten freiheitlichen Existenz – der Geist des Übermenschen ist geschaffen.

Genau hier setzt nach Annemarie Pieper Camus‘ Kritik an Nietzsche an. Indem der Mensch bei Nietzsche durch die Überwindung des Nihilismus in ein Stadium des Neubeginns entlassen werden kann, bezweifelt Camus genau diese Überwindung und Neuschöpfungsoption. Camus sieht einen niemals zu ändernden Widerspruch zwischen dem Menschen und der Welt: „Das Absurde entsteht aus diesem Zusammenstoß zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt“.[2] Es kann zu einer Überwindung der fundamentalen Absurdität der menschlichen Existenz nicht kommen. Aber genau diese offenbart Nietzsche im dritten Entwicklungsstadium des Geistes.

Wo Camus im Stadium des Löwen verharren will und die einzige Sinnhaftigkeit des Lebens in der Revolte, also im Aufbegehren und im steten Kampf gegen die Sinnlosigkeit des Lebens sieht, fügt Nietzsche eine dritte Stufe an, in der der Mensch nicht nur willens, sondern sogar fähig ist, einen neuen eigenständigen Sinn zu generieren. Das hieße – bezogen auf die Sisyphos-Sage: Wo Camus Glücksempfinden genau daraus eruiert, dass Sisyphos sich mit seinem unendlichen Schicksal arrangiert, behauptet Nietzsche in Camus‘ Augen, dass der Stein eines Tages doch mal liegen bleiben könnte und Sisyphos sich einer neuen Aufgabe zuwenden kann.[3]

Mit der dritten Verwandlungsstufe, mit seiner Theorie vom Übermenschen, negiert Nietzsche somit genau den Nihilismus, den Camus für grundsätzlich unabänderlich hält. Für Nietzsche ist die Revolte im Stadium des Löwen eine Zwischenstation, für Camus solidarisch zwischen den Menschen vermittelnder Endzweck und Wert des Lebens. Nietzsche hält die Absurdität wohl nicht für aufhebbar, mittels Befriedigung des Selbsterhaltungstriebs und unbändiger Kraftentfaltung des menschlichen Geistes aber für überwindbar. Anders als Schopenhauers Pessimismus gründet Nietzsches Nihilismus in konstruktiver Leidensfähigkeit.

Im „Mythos des Sisyphos“ kommt es Camus allerdings in der Tat zunächst weniger darauf an, Nietzsche zu widerlegen, als hervorzuheben, dass er im Willensakt der Anerkenntnis der Absurdität einen ersten Teilsieg, ein erstes Entkommen aus dem ersten Gefühl der Ohnmacht sieht. Erst später, im „Mensch[en] in der Revolte“ formuliert Camus seine grundlegende Abweichung von Nietzsche, die in der Auseinandersetzung mit der Verwandlungsmetaphorik nunmehr erläutert wurde.

Am Beispiel des tragischen Helden Sisyphos erläutert Camus, warum tiefster Sinnlosigkeit Optimismus, Freiheit, ja sogar Glück entspringen kann. Sisyphos rollte auf alle Ewigkeit einen Felsblock einen Berg hinauf, nur um ihn sofort wieder hinunterrollen sehen zu müssen. Ansatzpunkt der Camus’schen Reflexionen ist der Moment der Bewusstwerdung zwischen vollendeter Arbeit und Antritt des neuen Versuchs. Auf dem Weg zum Stein, mit dem er wieder den gleichen Akt vollziehen muss, wird Sisyphos in Camus‘ Augen stärker als dieser Stein.[4] Die Tragik des Mythos liegt freilich darin, dass sein Opfer ein Bewusstsein hat. Ohne Bewusstsein keine Tragik. Aber schon bei Nietzsche ist angelegt, dass einzig dieser Tragik Hoffnung entspringen kann: „Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden: er ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu.“[5]

Für Camus muss ein absurder Mensch ein erkennendes, kämpfendes, schöpferisches Wesen sein, wobei besonders die Bedeutung der Kunst, der Camus einen Hauptanteil der Möglichkeit der Erträglichkeit des absurden Lebens zuspricht, in dieser Arbeit Erwähnung finden soll. Hier lässt sich nämlich verdeutlichen, warum er Nietzsches Möglichkeit der Umwertung aller Werte skeptisch gegenübersteht. Während Nietzsche erst auf der dritten Geistesstufe im Inbild des neuschöpfenden Kindes einen Sieg über die Sinnlosigkeit errungen sieht, lässt sich Camus‘ Ausführungen entnehmen, dass er sich das Leben als schöpferische Revolte ohne Sieg vorstellt. So verharrt seine Philosophie im Anerkennen, nicht aber in der Lossagung von der Absurdität des Lebens; es ist die zweite Stufe der Metapher, es ist die Figur des Löwen, die als Äquivalent des absurden Menschen bei Camus dienen kann.

Für Annemarie Pieper drückt sich die philosophische Verwandtschaft zwischen Nietzsche und Camus darin aus, dass Camus die von Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ veranschaulichten Verwandlungen des Geistes in sein Denken übernimmt, wenngleich er die dritte Stufe als Untreue gegenüber dem seiner Ansicht nach notwendigen Geist der Revolte wertet.[6]

Zudem folgt Camus Nietzsche darin, dass das Leben dionysisch zu bejahen sei. Die mangelnde Übereinstimmung zwischen Mensch und Welt kann nur durch Annahme ihrer Unüberwindbarkeit erträglich werden. Absurdität ist bei Camus die Entdeckung und Erfahrung dieser Unüberwindbarkeit, dieses Zwiespalts zwischen menschlichem Sinnanspruch und der fehlenden Verwirklichung in der Welt. Das Absurde ist, wenn die Kulissen einstürzen, wenn die alltägliche Ordnung nicht mehr vor den fundamentalen Fragen nach dem Warum schützt.[7] Absurdität entstammt aber weder einzig dem Menschen, noch der Welt, sondern liegt in ihrem erwähnten Zwiespalt begründet, oder besser: „in ihrer gemeinsamen Präsenz“.[8]

Bianca Rosenthal offenbart in ihrer intensiven Studie zur Verarbeitung nietzscheanischer Elemente im Camus’schen „Mythos des Sisyphos“ ihren Eindruck, dass das von Camus beschriebene Absurde auf dem Verhältnis von Begriff und Empfindung aufbaut, das Nietzsche wie folgt subsummiert: „Worte sind Tonzeichen für Begriffe; Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte Bildzeichen für oft wiederkehrende und zusammenkommende Empfindungen […]. Es genügt noch nicht, um sich einander zu verstehen, dass man dieselben Worte gebraucht; man muss dieselben Worte auch für dieselbe Gattung innerer Erlebnisse gebrauchen, man muss zuletzt seine Erfahrung miteinander gemein haben.“[9] Die Unmöglichkeit der Herstellung einer Einheit in sich und zwischen sich und der Welt kreiert das Absurde, und genau diese Unmöglichkeit ist Grundlage der Camus’schen Philosophie.

[...]


[1] Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. München 2005. Nachfolgend KSA zzgl. jeweiliger Bandnummer. Hier KSA4, S.29-31.

[2] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Reinbek 2000. Nachfolgend Sisyphos. Hier S.40.

[3] Pieper, Annemarie: Nihilismus und Revolte: Camus‘ Nietzschekritik. In Zeitschrift für philosophische Forschung. Jg. 45, 1991. S. 171-185. Nachfolgend Pieper. Hier S.176f.

[4] Sisyphos, S.143.

[5] KSA13, S.266.

[6] Ausführungen dazu siehe Pieper, S.172-175.

[7] Grundlagen zum Einfall des Absurden ins Leben siehe Sisyphos, S.22ff.

[8] ebd., S.34.

[9] KSA5, S.221. - Ausführungen dazu siehe Rosenthal, Bianca: Die Idee des Absurden. Friedrich Nietzsche und Albert Camus. Bonn 1977. Nachfolgend Rosenthal. Hier S.41f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Dimensionen der Überwindung der Absurdität des Lebens bei Friedrich Nietzsche und Albert Camus
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V383388
ISBN (eBook)
9783668588691
ISBN (Buch)
9783668588707
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dimensionen, überwindung, absurdität, lebens, friedrich, nietzsche, albert, camus
Arbeit zitieren
Niels Menzel (Autor), 2014, Die Dimensionen der Überwindung der Absurdität des Lebens bei Friedrich Nietzsche und Albert Camus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383388

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