Im Zentrum des von Marlen Haushofer verfassten Romans „Die Wand“ steht nicht nur eine tödliche Katastrophe, sondern vor allem die Möglichkeiten, die sich durch eben dieses Unglück für die Ich-Erzählerin ergeben: Abgeschieden von der sie bedrängenden, plagenden Welt, bietet sich die Chance, ganz von vorn anzufangen und alle bisherigen Entscheidungen und Prioritäten zu überdenken.
Dieser Wandlungsprozess soll im Mittelpunkt der Hausarbeit stehen. Es soll mit Rückgriff auf die Identitätstheorie von Erving Goffman untersucht werden, inwiefern sich ihre Identität durch die Isolation und Einsamkeit in der Natur verändert, was sie unternimmt, um ihre bisherige Identität abseits von jeglicher Interaktion zu erhalten bzw. ob sie die Isolation nicht auch als Möglichkeit sieht, um sich von eben dieser zu lösen. Mithilfe der Analyseergebnisse soll abschließend bewertet werden, ob sie durch die Wand in ein Exil verbannt worden ist, in dem sie erneut mit der ihr bekannten Einsamkeit und Isolation gequält wird, oder ob durch das Untergangsszenario ein Asyl gewährt wird, das ihr Zuflucht bietet vor den sie einschränkenden und determinierenden Rollen der Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Identitätsbegriff nach Erving Goffman
3. Inhaltsangabe zum Roman „Die Wand“
4. Identitätserhaltung – Identitätsauflösung
4.1 Identitätserhaltung
4.1.1 Die Fürsorge für die Tiere
4.1.2 Die Organisation des Alltags
4.1.3 Schreiben als Maßnahme gegen den Wahnsinn
4.1.4 Zwischenergebnis zur Analyse der Selbsterhaltung
4.2 Identitätsauflösung
4.2.1 Die physische Metamorphose und Selbstwahrnehmung
4.2.2 Die psychische Metamorphose
4.2.3 Zwischenergebnis der Analyse der Identitätsauflösung
5. Schlussbetrachtung: Die Wand – Exil oder Asyl?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ den Prozess der Identitätsveränderung der Ich-Erzählerin infolge einer totalen Isolation. Ziel ist es zu analysieren, welche Strategien die Protagonistin zur Erhaltung ihrer Identität entwickelt und inwiefern die Isolation eine Auflösung oder eine Neuausrichtung ihrer Persönlichkeit bewirkt, wobei die Identitätstheorie nach Erving Goffman als theoretischer Rahmen dient.
- Identitätskonstruktion nach Erving Goffman
- Einfluss von Isolation und Einsamkeit auf das Selbstbild
- Die Rolle der Natur und der Tiere als neuer Sozialraum
- Schreiben als Medium der Selbstreflexion
- Transformation von Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die physische Metamorphose und Selbstwahrnehmung
Unbestritten ist das, was die persönliche Identität eines jeden Menschen ausmacht, die Einzigartige seiner körperlichen Erscheinung und insbesondere die des Gesichts. Das Bewusstsein dieser Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit büßt die Erzählerin nach einiger Zeit der Gewöhnung an ihre neue Situation immer mehr ein und an die Stelle des ehemaligen Ichs tritt nun die Gewissheit, dass nichts mehr so ist wie vor der Katastrophe. Besonders deutlich wird dies, wenn die Ich-Erzählerin vor dem Spiegel stehend ihre jetzige Erscheinung verwundert betrachtet und mit ihrer früheren vergleicht. Sie stellt fest, dass all die körperlichen Merkmale, die sie einst unverwechselbar machten, nun verloren sind.
„Die Fraulichkeit der Vierzigerjahre war von mir abgefallen, mit den Locken, dem kleinen Doppelkin und den gerundeten Hüften.“ (S. 82)
Doch die Veränderung ist noch viel existenzieller, denn sie kann sich nicht nur nicht mehr mit ihrem früheren äußeren Erscheinungsbild identifizieren, vielmehr kommt ihr „das Bewußtsein abhanden, eine Frau zu sein“ (S. 82). Der Verlust ihrer Weiblichkeit scheint jedoch nicht bedauernswert, sondern ist für sie wegen des Ausmaßes und der Fülle an neuen an sie gerichteten Anforderungen im Naturleben nur eine logische Konsequenz daraus, dass ihre „Weiblichkeit auf ein Mindestmaß eingeschränkt“ (S. 82) werden musste. An die Stelle des früheren Körperbewusstseins tritt nun die Gewissheit, sich an die natürliche Umgebung anpassen zu müssen, um das eigene Überleben und das der Tiere gewährleisten zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Isolation in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich der Identitätsveränderung unter Goffmans Theorie.
2. Der Identitätsbegriff nach Erving Goffman: Dieses Kapitel erläutert die soziologische Identitätstheorie nach Erving Goffman, insbesondere die Unterscheidung zwischen sozialer, personaler und Ich-Identität.
3. Inhaltsangabe zum Roman „Die Wand“: Es folgt eine inhaltliche Zusammenfassung der Romanhandlung, die die Ausgangslage der Ich-Erzählerin nach der Katastrophe skizziert.
4. Identitätserhaltung – Identitätsauflösung: Das Hauptkapitel analysiert detailliert die verschiedenen Phasen der Identitätsentwicklung, unterteilt in Bewahrungsstrategien und Prozesse der Auflösung durch die veränderte Lebensumwelt.
5. Schlussbetrachtung: Die Wand – Exil oder Asyl?: Die Schlussbetrachtung bewertet die Ergebnisse der Analyse und diskutiert, ob die Isolation der Erzählerin als erzwungenes Exil oder als befreiende Zuflucht zu interpretieren ist.
Schlüsselwörter
Marlen Haushofer, Die Wand, Identitätstheorie, Erving Goffman, Isolation, soziale Identität, personale Identität, Ich-Identität, Metamorphose, Selbstreflexion, Einsamkeit, Zivilisationskritik, Rollenmuster, Weiblichkeit, Überlebenskampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Identitätsentwicklung der Protagonistin in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ unter extremen Bedingungen der Isolation.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Identitätserhaltung und Identitätsauflösung, die durch den Wegfall der gesellschaftlichen Interaktion im Roman provoziert werden.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, mithilfe der Identitätstheorie von Erving Goffman zu ergründen, wie die Ich-Erzählerin ihre Identität hinter der Wand neu definiert und ob sie dabei in alte Muster zurückfällt oder neue Wege findet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Romantext mit soziologischen Identitätskonzepten verknüpft und interpretierend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Bereiche: Maßnahmen zur Identitätserhaltung (wie Alltagsorganisation und Schreiben) sowie Prozesse der Identitätsauflösung (physische und psychische Metamorphose).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Kernbegriffe sind Identität, Isolation, Metamorphose, Zivilisationskritik und die spezifische Analyse von Haushofers Roman hinsichtlich mütterlicher Rollenmuster.
Inwiefern spielt der Verlust des Namens eine Rolle für die Identität?
Der Verlust des Namens symbolisiert im Roman die Distanzierung von der ehemaligen, gesellschaftlich determinierten Persönlichkeit und den Übergang zu einem neuen, autonomen Ich.
Warum ist der Vergleich zwischen Mensch und Tier so bedeutend?
Der Kontakt zu den Tieren ersetzt im Roman die verloren gegangene zwischenmenschliche Interaktion und ermöglicht der Erzählerin die Aufrechterhaltung einer sozialen Identität sowie der eigenen emotionalen Stabilität.
- Quote paper
- Anna Kuhlmann (Author), 2011, Identitätsauflösung und Identitätserhaltung in Marlen Haushofers "Die Wand", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383465