Die Stadt Venedig als Verführerin? "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann und das Motiv des Scheiterns


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe

3. Entstehungshintergrund

4. Hauptteil
4.1 Gustav von Aschenbach – ein Mann mit Prinzipien
4.2 Der zweideutige Zauber Venedigs
4.3 Aschenbach in den Fängen Venedigs

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Sehnsucht des nordischen Menschen nach Italien entspringt einem Wunsch nach Vervollkommnung durch die dem Norden in Vielem entgegengesetzte Atmosphäre des Südens. Es ist eine Sehnsucht, die auch Thomas Mann immer wieder nach Italien zog, denn auch er empfand […] das Ungenüge an sich selbst, das Bedürfnis nach Ergänzung und Erlösung durch das ganz andere, den Süden, die Heiligkeit, die Klarheit und Leichtigkeit, das Geschenk des Schönen.ʼ“[1]

Venedig ist die Stadt der Liebenden, die Stadt der Träume, doch für Gustav von Aschenbach bedeutet sie den Tod. In Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ bildet Venedig für Aschenbach den Ort der Heimsuchungen, der Ort, an dem alle so lang unterdrückten Sehnsüchte, Wünsche und Leidenschaften hervorbrechen. Für ihn ist Venedig aber auch der Ort des Scheiterns, denn dort wird ihm bewusst, dass er seinem heroisch geführten Kampf gegen die dionysischen Mächte und Sehnsüchte des Lebens erlegen ist.

In der vorliegenden Hausarbeit sollen vor allem Venedig und die sie umgebende Atmosphäre im Zentrum der Betrachtung stehen. Es soll untersucht werden, wie Venedig Gustav von Aschenbach, einen einst so maßvollen, gesitteten Mann, in seinen Bann zieht und ihn mithilfe seiner Verführungskünste zum Scheitern verurteilt. Da Venedig bereits im Titel der Novelle als zentraler Schauplatz angekündigt wird und auch einen großen Stellenwert innerhalb des ganzen Geschehens einnimmt, möchte ich im Folgenden untersuchen, ob die Stadt selbst als Verführerin agiert und was genau sie zu einer Verführerin macht.

Aus diesem Grund werden zunächst Inhalt und Entstehungshintergrund der Novelle kurz umrissen, wobei auch Thomas Manns eigenes Verhältnis zu Italien eine wichtige Rolle einnimmt. Anschließend soll im Hauptteil das Motiv der Heimsuchung der Leidenschaft in ein ruhiges, gesittetes Leben thematisiert und analysiert werden, ob Venedig selbst Auslöser dieses Umsturzes ist.

2. Inhaltsangabe

Gustav von Aschenbach ist ein vernuftsorientierter, disziplinierter Dichter, der schon von Kindesbeinen an ein Leben führt, das ganz und gar auf Ruhm und Repräsentation ausgerichtet ist. Eines Tages Anfang Mai begegnet er auf einem Spaziergang einem Fremden, dessen wilde und wanderhafte Erscheinung in ihm das Verlangen weckt, aus seinem Schriftstelleralltag auszubrechen. Versunken in einen Tagtraum von einer exotisch-chaotischen Urwildnis, hat nun die Sehnsucht nach Ferne, Befreiung und Entbürdung von Aschenbach Besitz ergriffen und er entschließt sich, zu reisen.

Nach kurzem Aufenthalt in Pola setzt er nach Venedig über, wo er die ersehnte Ruhe zu finden hofft. Auf der Fahrt dorthin begegnen ihm einige befremdliche Gestalten, die ihm suggerieren, etwas Unheimliches, Sonderbares gehe vor sich. Auch nach dem Zwischenfall mit einem Gondolier misstraut Aschenbach der verdächtigen Atmosphäre Venedigs noch immer nicht, die das herannahende Übel bereits erahnen lässt.

Angekommen im Hotel nimmt Aschenbach innerhalb einer Gruppe polnischer Kinder Tadzio zum ersten Mal wahr und ist verzaubert von dessen gottesgleichen, makellosen Schönheit. Obwohl er am nächsten Tag bereits den warnend fauligen Geruch der Lagune wahrnimmt und erste Gedanken an Abreise hegt, verwirft Aschenbach diese beim Anblick Tadzios sogleich.

Als am nächsten Tag die Schwüle Venedigs seinem Gemüt schwer zu schaffen macht, entschließt er sich dennoch, am darauffolgenden Tag abzureisen. Mit beginnender Reue kommt er am Bahnhof an, doch ein glücklicher Zufall kommt ihm zugute. Aschenbach interpretiert dies als einen Wink des Schicksals und kehrt glücklich zurück ins Hotel. Dort angekommen gesteht er sich ein, dass Tadzio der eigentliche Grund ist, weshalb ihm die Abreise so schwer gefallen ist.

In der nächsten Zeit verändert sich Aschenbach. Entgegen seinem sonst so zielstrebigen Charakter findet er nun Freude an Untätigkeit und genießt seinen Urlaub in vollen Zügen, nicht zuletzt weil er angefangen hat, Tadzio nachzustellen. Allmählich merkt er, wie sehr er dem Knaben tatsächlich verfallen ist und gesteht sich seine Liebe ein.

Erst in der vierten Woche seines Aufenthalts bemerkt er einige Auffälligkeiten seine Umwelt betreffend. Die bevorstehende Gefahr, die der Geruch von keimbekämpfenden Mitteln erahnen lässt, ist für Aschenbach trotz allem kein Grund zur Abreise, vielmehr empfindet er eine gewisse Genugtuung über das bevorstehende Abenteuer. Er macht Venedig zu seiner Komplizin, indem er das Geheimnis der Stadt mit seinem eigenen Geheimnis, der Liebe zu Tadzio, verbindet, denn um jeden Preis will er eine mögliche Abreise Tadzios verhindern. Aschenbachs Liebe steigert sich in eine Obsession, denn er stellt Tadzio gezielt nach und verlässt sich nicht mehr auf zufällige Begegnungen.

Nachdem eine Gruppe von Straßensängern im Hotel aufgetreten ist, von denen verdächtiger Karbolgeruch auszugehen schien, erkundigt sich Aschenbach genauer über das Übel, das Venedig überfallen hat, und erfährt von der indischen Cholera. Wie in einem Rausch gefangen, ist Aschenbach nicht in der Lage, der Situation zu entfliehen, sondern ist seiner Obsession völlig verfallen. Diese offenbart sich auch in den furchtbaren, hemmungslosen Träumen, die Aschenbach nun immer öfter plagen. Er scheint wie von einem Dämon besessen und lässt sogar eine kosmetische Verjüngung vornehmen, um auf Tadzio attraktiver zu wirken.

Auf einem weiteren Spaziergang durch Venedig auf den Spuren Tadzios kauft er überreife, wahrscheinlich infizierte Erdbeeren. Wenige Tage nach dem Verzehr wird er von Schwindelanfällen und Übelkeit geplagt, bemüht sich aber dennoch, mit seinem Urlaubsalltag gewohnt fortzufahren. Da er erfährt, dass Tadzios Familie im Begriff ist, Venedig zu verlassen, entschließt er sich dazu, Tadzio noch ein letztes Mal am Strand zu beobachten. Als dieser dort in einiger Entfernung das Wasser durchschreitend Aschenbach zu winken scheint, will er ihm folgen, doch er sinkt neben seinem Stuhl zusammen und stirbt letztendlich als Opfer der Seuche und seiner Obsession.

3. Entstehungshintergrund

Inspiriert durch die Impressionen seiner Italienreise entschloss sich Thomas Mann im Frühsommer 1911, sein eigentlich geplantes Werk über Goethe und dessen Spätliebe Ulrike von Levetzow zu verwerfen und die frischen Venedig-Eindrücke in einer Novelle namens „Tod in Venedig“ zu verarbeiten.

„Venedig hat für Thomas Mann […] immer wieder die zweideutige, magische Atmosphäre des Abenteuerlichen, der die Ergebnisse der Zeit nichts anzuhaben vermögen. […] Mann [fühlte] eine innerliche Verbindung zu dieser Stadt wie zu keiner anderen in Italien.“[2]

Deutlich wird diese Verbindung besonders in Äußerungen Thomas Manns, in denen er seine Gefühle beschreibt, wenn er nach langer Zeit der Abwesenheit die geliebte Stadt wiedersieht:

„Die Stadt der Träume: Ich ging an Bord in Venedig. […] Mein Gott, mit welcher Bewegung sah ich die geliebte Stadt wieder, nachdem ich sie dreizehn Jahre lang nur im Herzen getragen! […] Ich hörte ihre Stille, das geheimnisvolle Anschlagen des Wassers an ihren schweigenden Palästen, ihre Todesvornehmheit umgab mich wieder. […] Ich war zu Hause.“[3]

Dass insbesondere Venedig so eine große Bedeutung für Thomas Mann einnimmt, hat vor allem damit zu tun, dass er diesen Ort mit großen, bedeutenden Persönlichkeiten verbindet, wie zum Beispiel mit Richard Wagner, der dort den zweiten Akt von Tristan und Isolde komponierte und später dort verstarb, sowie mit Friedrich Nietzsche und August von Platen, die beide in dieser Stadt einige Zeit verweilten und dort dichteten. Ein weiterer wichtiger Umstand, der zur Entstehung des Werkes beigetragen hat, war die Nachricht vom Tode Gustav Mahlers, eines Komponisten, den Thomas Mann sehr verehrte, der ihm in seiner Novelle als Vorlage für die Figur Aschenbachs diente. Darüber hinaus ließ Thomas Mann auch eine Reihe von Reiseerfahrungen in die Novelle einfließen.

„Eine Reihe kurioser Umstände und Eindrücke mußte mit einem heimlichen Ausschauen nach neuen Dingen zusammenwirken, damit eine produktive Idee sich ergäbe, die dann unter dem Namen ,Tod in Venedigʼ ihre Verwirklichung gefunden hat.“[4]

Anfänglich war die Novelle lediglich „als rasch zu erledigende Improvisation und Einschaltung in die Arbeit an den Betrügerroman gedacht“[5], jedoch schlug dieser Enthusiasmus bald in eine regelrechte Qual um. Wie aus einem Brief an Ernst Bertram am 16.10.1911 ersichtlich, ist er bald „von der Arbeit gequält, die sich im Laufe der Ausführung mehr und mehr als eine unmögliche Conception herausstellt und an die ich schon zu viel Sorge gewandt habe, um sie aufzugeben“[6]

Einen Grund für diese Sorgen und Qualen ist unter anderem das Motiv der verbotenen, homoerotischen Liebe zu einem jungen Knaben, das Thomas Mann in dieser Novelle aufgreift. Zeitlich gesehen entstand die Novelle im Zeitalter des wilhelminischen Reiches. „Über Homosexualität oder gar Knabenliebe auch nur zu schreiben, war bereits hart am Rande der Illegalität.“[7] Thomas Mann musste sich immer wieder gegen die Vorwürfe der Obszönität und Unmoral zur Wehr setzen und wies diese entschieden zurück, denn die Homoerotik sei nicht das vordergründige Thema der Novelle, wie er in einem Brief vom 17. Juni 1954 noch einmal bekräftigt:

„›Pervers‹? Die Verfallenheit Aschenbachs an den Knaben Tadzio ist mit diesem recht pfuscherischen Wort nicht abzutun, denn sie ist nicht ordinäres Begehren, sondern Berauschtheit durch das Schöne, der zerstörende Einbruch des ›fremden Gottes‹ in ein formvoll gefaßtes, auf Vorbildlichkeit und Repräsentation gestelltes, ›würdig‹ gewordenes Leben“[8]

All den Kritikern zum Trotze fand das Werk dennoch sehr großen Anklang auf der ganzen Welt und beeinflusste weitgehend die Literatur des 20. Jahrhunderts. Sogar der perfektionistische Thomas Mann schien mit seinem Werk sehr zufrieden zu sein, wie ein Brief an Philipp Witkop am 12. März 1913 zeigt:

„Es scheint, daß mir hier einmal etwas Vollkommenes geglückt ist,- ein glücklicher Zufall, wie ich versteht. Es stimmt einmal alles, es schließt zusammen, und der Kristall ist rein.“ [9]

4. Hauptteil

Im nun folgenden Hauptteil der Hausarbeit steht Venedig selbst im Mittelpunkt der Betrachtungen. Es soll in drei Schritten untersucht werden, wie Venedig mit seiner verführerischen Umgebung all die verborgenen, unterdrückten Sehnsüchte Aschenbachs zu Tage fördert. Zunächst wird in einem ersten Schritt Aschenbachs Charakter vor der Venedigreise näher betrachtet, in einem zweiten Schritt soll anschließend untersucht werden, wie sich die ersten Eindrücke Venedigs auf Aschenbach auswirken. Welche weiteren Konsequenzen sich für ihn ergeben, nachdem er sich dazu entschlossen hat, trotz tödlicher Gefahr weiter in Venedig zu verweilen, soll in einem dritten Schritt gezeigt werden. Ein wichtiger Orientierungsfaktor ist dabei vor allem das Wetter, welches dazu dient, Aschenbachs Gefühle im Inneren zu repräsentieren und zudem „dem Weg Aschenbachs in das Chaos und den Tod den passenden Hintergrund [verleiht]“[10].

4.1 Gustav von Aschenbach – ein Mann mit Prinzipien

Gustav von Aschenbach ist der zentrale Charakter der Novelle, der sich auf eine Reise nach Venedig begibt, unwissend, dass diese Fahrt zugleich seinen Tod bedeutet. Um einen ersten Eindruck von seinem Charakter zu gewinnen, ist vor allem das zweite Kapitel der Novelle sehr aufschlussreich, denn hier findet sich ein kurzes Abriss seines Lebens, sowie Informationen über seine Herkunft und seine Prioritäten.

Gustav von Aschenbach ist „als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren“ (II. S.442) und entstammt einer Generation von Offizieren, Richtern und Verwaltungsfunktionären, die allesamt ein „straffes, anständig karges Leben geführt hatten“ (II., S.442). Durch die Vermählung mit einer südländischen Frau, Aschenbachs Mutter, ist „rascheres, sinnlicheres Blut“ (II., S.442) in die Familie gekommen. Gerade diese Verbindung von „dienstlich nüchterner Gewissenhaftigkeit [und] dunkleren, feurigeren Impulsen“ (II., S.442) machten aus Aschenbach einen Schriftsteller, der sein Handwerk zu verstehen scheint, denn schon früh lernte er, sich in der Öffentlichkeit vorteilhaft zu präsentieren. Anders als andere Jugendliche hatte er sich „schon als Jüngling von allen Seiten auf die Leistung- und zwar die außenordentliche- verpflichtet, [niemals] hatte er den Müßiggang, niemals die sorglose Fahrlässigkeit der Jugend gekannt“ (II., 443). Von Kindesbeinen an bemühte Aschenbach sich, seinem schriftstellerischen Talent gerecht zu werden, was aber auch dazu führte, dass er ohne soziale Kontakte aufwuchs. Aber nicht nur die Geselligkeit verbann Aschenbach aus seinem Leben, auch die Sinneslust und der Genuss gehörten seit jeher zu den Bereichen seines Lebens, die er durch die strenge Zucht, das „eingeborene Erbteil von väterlicher Seite“ (II., S.444), auszugrenzen bemüht war. Durch Selbstbeherrschung hat er dies stets zu unterdrücken versucht und das Motto „Durchhalten“ wurde zur Leitschnur seines Lebens. Aschenbach, der „Inbegriff leidend-tätiger Tugend“ (II., S.443) widmete sich stets den Aufgaben, „mit denen sein Talent ihn belud“ (II., S.443).

All diese genannten Pfeiler seines Lebens, insbesondere das Ausschließen eigener Bedürfnisse und Sehnsüchte, machen es dem Leser später möglich, nachzuvollziehen, warum gerade Aschenbach, einer traditions- und realitätsverwurzelten Person, ein solch fatales Ende bestimmt ist.

4.2 Der zweideutige Zauber Venedigs

Das Unheil nimmt bereits in München seinen Lauf: Gustav von Aschenbach unternimmt einen Spaziergang, um, geschwächt von einer Schaffenskrise, seiner Gedanken wieder Herr zu werden. Die zufällige Begegnung mit einem fremdländisch wirkenden Mann versetzt ihn in eine „[schweifende] Unruhe“ (I., S. 438) und weckt in ihm „ein jugendlich durstiges Verlangen in die Ferne, ein Gefühl, so lebhaft, so neu oder doch so längst entwöhnt und verlernt, daß er […] gefesselt stehen blieb “ (I., S. 438). Auch der darauffolgende Tagtraum von einer Urwildnis und der einsetzende Fluchtdrang, der Aschenbachs Herz vor „Entsetzen und rätselhaftem Verlangen“ (I. S. 439) wild schlagen lässt, versucht er, gemäß seiner lebenslang praktizierten Selbstzucht abzuschwächen, doch er muss sich eingestehen, dass die Sehnsucht bereits Besitz von ihm ergriffen hat, „eine Begierde nach Befreiung, Entbürdung und Vergessen – [ein] Drang hinweg vom Werke“ (I., S.440). Entgegen seines sonst so strebsamen Charakters unterbricht er seine Arbeit und plant eine Reise in den Süden.

Besonders auffällig ist in dieser Szenerie das Wetter, das das herannahende Übel bereits anzukünden vermag: Obwohl es erst Mitte Mai ist, hat München ein „falscher Hochsommer“ (I. S. 436) ergriffen, ein Symbol für die Sehnsucht und Leidenschaft, die nun auszubrechen droht.

„Der Weg Aschenbachs in den Abgrund wird durch Hinweise des Erzählers auf eine zunehmende Verfremdung der gewohnten Welt [ausgedrückt].“[11]

Teil dieser Verfremdung ist auch der fremdländische, wanderhafte Mann, dem Aschenbach begegnet, sowie auch der greisenhafte Geck auf dem Schiff auf der Fahrt nach Venedig. Sie beide deuten durch ihr düsteres und zugleich befremdliches Erscheinungsbild auf das Ende der Novelle hin, Aschenbachs Tod, dokumentieren aber auch den Einfall des Chaos in die gewohnt realistische Welt Aschenbachs.

Venedig empfängt Aschenbach bei grauem Himmel und „zeitweilig neblichte[m] Regen“ (III., S. 453). Die Vorfreude auf Venedig, der Stadt mit einer „unwiderstehlichen Anziehungskraft für den Gebildeten“ (III. 450), schlägt bald in ein zweideutiges Gefühl um. Auf der Fahrt zum Hotel besteigt er eine „sargschwarz lackierte “ (III., S.456) Gondel, dessen Gondolier ihm wiederum ein benommenes Gefühl vermittelt, „so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht zu hemmende Neigung ins Sonderbare und Fratzenhafte“ (III., S. 454). Obwohl er sich in den Händen eines Verbrechers wiegt, ist Aschenbach nicht in der Lage, dieser Situation zu entfliehen, vielmehr „fehlt ihm in seiner Erschöpfung und Anfälligkeit die Kraft, der Versuchung eines völlig Sich-Gehen-Lassens zu widerstehen“[12] Anstatt dessen genießt er lieber die Vorteile der bequemen Gondel, verdrängt die Warnung seines Unterbewusstseins und „schloß [...] die Augen im Genusse einer so ungewohnten als süßen Lässigkeit“ (III., 456). Es scheint, als würde Venedig die Auflösung all seiner Prinzipien bedeutet. Gefangen durch ihre Reize betört die Stadt seine Sinne und macht ihn handlungsunfähig.

„Im Grunde hat in seiner Seele bereits eine ihm noch unbewußte Sehnsucht nach Chaos, Unmoral und Tod die Oberhand gewonnen. In diesem Zustand ist Aschenbach dem verlockenden und verführerischen Zauber Venedigs völlig ausgeliefert, ja das Betörende der Stadt steigert seine Anfälligkeit bis aufs Äußerste.“[13]

Auf der Suche nach etwas Fremdartigem und Bezuglosen hatte er Venedig als passenden Urlaubort ausgewählt, nichts ahnend von seinem bevorstehenden Schicksal, das ihm Venedig bereiten wird.

„Die Stadt hat einen zwiespältigen Charakter, denn hinter einer Fassade höchster Schönheit und Pracht verbergen sich Krankheit, Unmoral und Kriminalität. Aschenbach [ist sich] dieser Kehrseite der südlichen Atmosphäre bewußt, läßt sich [aber] von [ihr] betören und besiegen.“[14]

Aschenbach hat scheinbar seine ganze Widerstandkraft eingebüßt und gerade in diesem betörtem Zustand der absoluten Willenslosigkeit begegnet er Tadzio im Hotel und ist wie verzaubert von dessen vollkommenen Schönheit. Angegriffen durch die Verführungskünste Venedigs erhebt er Tadzio zu einer geliebten Heiligkeit und obwohl ihm das Klima Venedigs nicht bekommt, entschließt er sich um Tadzios Willen in Venedig zu verweilen. Entgegen seiner üblichen disziplinierten Arbeitshaltung beginnt Aschenbach die Vorteile der Untätigkeit zu kosten und eine „Trägheit fesselte [seinen] Geist, indes die Sinne die ungeheure und betäubende Unterhaltung der Meeresstille genossen“ (III., S. 469). Venedig ist für Aschenbach zu einem Ort der Befreiung geworden, einem Ort, an dem „alle bisher unterdrückten Emotionen […] entfesselt [werden]“[15]

Erst als am nächsten Tag die Schwüle Venedigs Aschenbachs Gemüt zu sehr zu schaffen macht, sieht er ein, dass er abreisen muss.

„Die Gefährdung Aschenbachs durch die unter der Pracht und Herrlichkeit verborgenen unheimlichen Atmosphäre der Stadt zeigt sich in dem immer stärker betonten Bild der Fäulnis und der Verwesung, [in] eine[r] widerliche[n] Schwüle“[16]

Schon am Morgen seiner Abreise steigt Reue in ihm auf, denn obwohl es ihm am vorherigen Tag noch so gedrängt hatte, Venedig und seinem fauligen Geruch von Meer und Sumpf fluchtartig zu entfliehen, „atmete er ihn jetzt in tiefen, zärtlichen schmerzenden Zügen [ein]“ (III., S. 475). Erst als ihm am Bahnhof ein glücklicher Zufall zugutekommt, der seinem Gewissen einen Grund gibt, dem Verlangen nach Verweilen stattzugeben, entschließt sich Aschenbach, ins Hotel zurückzukehren. Er ist überglücklich und selbst „unzufrieden über seinen Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wünsche“ (III., S.477). In einem Moment der Klarheit blendet Venedig erneut seine Sinne, denn anders als an den vorherigen Tagen präsentiert sich Venedig von seiner besten Seite:

„Das Meer hatte eine blaßgrüne Färbung angenommen, die Luft schien dünner und reiner, der Strand mit seinen Hütten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch grau war“ (III., S. 477).

Am Ende des dritten Kapitels gesteht sich Aschenbach ein, dass ihm der Abschied wegen Tadzio so schwer gefallen ist, ahnt aber nicht, dass dies die letzte Möglichkeit war, seinem bevorstehenden Schicksal zu entfliehen. Venedig hat aus Aschenbach einen ganz anderen Menschen gemacht, denn anders als zuvor gibt er sich nun ohne schlechtes Gewissen der Untätigkeit und dem Müßiggang hin, den Dingen, die er seit seiner Jungend strengstens aus seinem Leben verbannt hatte.

4.3 Aschenbach in den Fängen Venedigs

Zunächst scheint sich alles zum Guten zu wenden. „Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen, machte ihn glücklich“ (IV., S.478) und auch das Wetter scheint bekömmlicher.

„Dann schien es ihm wohl, als sei er entrückt ins elysische Land, an die Grenzen der Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist,[…] in seliger Muße die Tage verrinnen, mühelos, kampflos und ganz und gar nur der Sonne und ihren Festen geweiht.“ (IV.,S.479)

Aschenbach genießt die südländische Umgebung und gibt sich nun ganz und gar seinen Gefühlen zu Tadzio hin, der ihn völlig verzaubert hat. Anders als bei einer üblichen Liebschaft ist in der Liebe Aschenbachs „die Sehnsucht, nicht die Erfüllung [die] entscheidende Kategorie. Nur im Raum dieser Sehnsucht kann Tadzio mythische Dimensionen annehmen“[17] Denn es ist gerade diese Sehnsucht, die Aschenbach sucht und nicht die Erfüllung: „Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, solange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis“( IV., S.488). Immer mehr steigert sich Aschenbach nun in seine verbotene Liebe hinein und beginnt sogar, Tadzio nachzustellen. Er vergisst alles um sich herum und verdrängt sogar den verdächtigen Geruch der Lagunenstadt, der das todbringende Übel ankündigt. Berauscht durch seine Gefühle verändert sich auch die Umgebung und der einst so graue Himmel ist nun mit „Federwölkchen“ (VI., S.487) verhangen.

Am Ende des vierten Kapitels gesteht er sich ein, dass er Tadzio völlig verfallen ist und „flüstert […] die […] Formel der Sehnsucht“ (IV., S.490). Mit diesem Gefühlsausbruch und der Verzerrung der gewohnt emotionslosen Welt Aschenbachs scheint der nahende Tod unausweichlich.

Im fünften Kapitel sind die Auffälligkeiten Venedigs nicht mehr zu leugnen. Bedingt durch die Windstille „wittert er plötzlich in der Luft ein eigentümliches Arom, […] einen süßlich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden und verdächtigte Reinlichkeit erinnerte“( V., S.491). Ohne genauere Informationen über das Übel in Erfahrung gebracht zu haben, ist sich Aschenbach dennoch der Gefahr bewusst, doch gefangen in seiner Manie ist es ihm nicht möglich, der Stadt zu entkommen. Entgegen den Erwartungen erfüllt eine gewisse „Genugtuung“ (V., S.492) sein Herz, Mitwisser des Abenteuers seiner Umgebung zu sein. Er sieht gewisse Vorteile in der ungewissen Situation und empfindet eine „dunkle Zufriedenheit“ (V., S.492), wenn er das Geheimnis der Stadt für sich zu behalten verspricht. Er schließt einen tödlichen Pakt der Verschwiegenheit, in dessen Gegenzug die zur Komplizin gewordene Stadt ihn in ihren dunklen, engen Gassen versteckt hält, wenn er auf den Spuren Tadzio durch sie schleicht.

„Die Stadt sucht ihre Krankheit zu verbergen, der Liebende seine Leidenschaft. Er weiß noch nicht, daß seine Leidenschaft nur dadurch verborgen bleibt, daß er an dem »Geheimnis der Stadt«, an der Cholera sterben wird.“[18]

Allgegenwärtig ist nun der Geruch der erkrankten Stadt. Dennoch bleibt Aschenbach verzaubert von Venedig, von der „schmeichlerische[n] und verdächtige[n] Schöne[n] – diese[r] Stadt, halb Märchen, halb Fremdenfalle“ (V. S.494) und schlägt all die Bedenken seines ehemals so vernünftigen Charakters aus. Tadzio ist zum Inhalt seines Lebens geworden und um alles in der Welt will er eine mögliche Abreise verhindern.

Die todbringenden Symbole verdichten sich zusehends, sodass der Eindruck entsteht, Aschenbachs Leben befinde sich in einer tödlichen Spirale. So trinkt er beispielsweise in einer Szene, in der eine Gruppe von Straßensänger vor dem Hotel auftritt, Granatapfelsaft, ohne zu wissen, dass dies ein antikes Todessymbol ist.

„Persephone war Hades, dem Herrn der Unterwelt verfallen, seit sie von einem Granatapfel aß. Der Granatapfel ist als ein Motiv der Verführung zur Liebe und zum Tode.“[19]

[...]


[1] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S.10

[2] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 22

[3] Wysling, Hans und Schmidlin: Thomas Mann – Ein Leben in Bildern, S. 203

[4] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 19f.

[5] Bahr, Ehrhard: Erläuterungen und Dokumente – Thomas Mann: Der Tod in Venedig, S. 119

[6] Wysling, Hans und Fischer, Marianne: Thomas Mann – Teil I:1889-1917. In: Dichter über ihre Dichtungen, Band 14/I, S.395

[7] Reed, Terence J. und Herwig, Malte: Thomas Mann – Frühe Erzählungen– Kommentar., S. 366

[8] Bahr, Ehrhard: Erläuterungen und Dokumente – Thomas Mann, S.134

[9] Bahr, Ehrhard: Erläuterungen und Dokumente – Thomas Mann, S. 124

[10] Hermes, Eberhard: Lektürehilfe Thomas Mann – Der Tod in Venedig S. 48f.

[11] Hermes, Eberhard: Lektürehilfe Thomas Mann – Der Tod in Venedig, S. 46

[12] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 58f.

[13] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 58f.

[14] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 58

[15] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 58

[16] Jonas, Ilsedore B.: Thomas Mann und Italien, S. 54f.

[17] Kurzke, Hermann: Thomas Mann - Epoche-Werk-Wirkung, S. 126

[18] Hermes, Eberhard: Lektürehilfe Thomas Mann – Der Tod in Venedig, S. 48

[19] Kurzke, Hermann: Thomas Mann - Epoche-Werk-Wirkung, S. 122

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Stadt Venedig als Verführerin? "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann und das Motiv des Scheiterns
Hochschule
Universität Osnabrück  (Germanistik)
Veranstaltung
Thomas Mann
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V383468
ISBN (eBook)
9783668588639
ISBN (Buch)
9783668588646
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stadt, venedig, verführerin, thomas, mann, motiv, scheiterns
Arbeit zitieren
Anna Kuhlmann (Autor), 2009, Die Stadt Venedig als Verführerin? "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann und das Motiv des Scheiterns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383468

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