Ein Lügner mit Gewissensbissen. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner"


Seminararbeit, 2011

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inhaltsangabe zu „Jakob der Lügner“

3 Hauptteil: Jakob gefangen in einer Lügenspirale
3.1 Ein Funke entzündet das Feuer der Hoffnung
3.2 Die lebensverändernde Kraft einer Lüge
3.3 “A false prophet of liberation”
3.4 Die bewusste Entscheidung zu lügen
3.5 Das unabwendbare Ende

4 Schlussbetrachtung: Jakob – Betrüger oder Held?

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In seinem Roman „Jakob der Lügner“ schildert Jurek Becker, „wie jemand belogen werden muß, damit er ein bisschen glücklich sein kann“ (S. 60). Definitionsgemäß ist eine Lüge zwar eine „falsche Aussage, die bewusst gemacht wird, um jemanden zu täuschen“,[1] doch ist eine Lüge immer eine Lüge? Wie ist eine Lüge zu bewerten, die nicht auf böse Absichten zurückzuführen ist, sondern Hoffnung stiften und die Realität für einen Augenblick erträglich machen kann? Ist eine Lüge etwa dann zu rechtfertigen, wenn sie Trost spendet und das Leben (wieder) lebenswert macht?

Genau diese Fragen stehen im Zentrum der vorliegenden Hausarbeit, denn es sind Lügen, derer sich Jakob bedient, um den Ghettoalltag seiner totgeweihten Leidens-genossen zu verbessern, indem er die Nachricht verbreitet, das Ghetto stünde kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee. Während sich das Ghetto daraufhin in eine „Sphäre voller Hoffnung“[2] verwandelt, versinkt der Hoffnungsträger selbst immer tiefer in Selbstzweifeln, Depressionen und Gewissensbissen. Im Rahmen der Betrachtung des persönlichen Konflikts Jakobs soll untersucht werden, inwiefern sich Jakobs Persön-lichkeit durch seine neue Rolle als Hoffnungsträger verändert, welche Motivation hinter alledem steckt und was er unternimmt, um mit seinen Gewissensbissen fertig zu werden. Mithilfe der Analyseergebnisse soll abschließend bewertet werden, inwieweit Jakobs Verhalten gerechtfertigt und nachvollziehbar ist.

2 Inhaltsangabe zu „Jakob der Lügner“

Der Jude Jakob Heym lebt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einem Ghetto nahe Polen. Als er eines Tages auf dem Polizeirevier der Deutschen im Radio hört, die Rote Armee sei kurz vor Bezanika, erwacht in ihm die Hoffnung, das Ghetto stünde kurz vor der Befreiung. Überwältigt von seiner Freude über ein baldiges Ende des Kriegs schafft es Jakob allerdings nicht, die frohe Botschaft für sich zu behalten, doch bedarf es noch einer Lüge, um die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht zu gewährleisten. Als Jakob vorgibt, er habe ein Radio, ein Vergehen, das im Ghetto mit dem Tod bestraft wird, wird er in kürzester Zeit zum Helden. Doch sein neu erworbener Ruhm hat auch seine Schattenseiten, denn von Tag zu Tag wollen die Ghettobewohner mit neuen Erfolgen von der Front versorgt werden und aus einer kleinen Notlüge erwächst ein ganzes Lügenkonstrukt. Zunehmend kämpf Jakob mit Gewissensbissen, doch er erkennt, welch tröstende und hoffnungsstiftende Wirkung seine Lügen haben: Zukunftspläne werden geschmiedet, alte Schulden eingetrieben und die Selbstmordrate sinkt gen null. Doch Hoffnung und Zuversicht währen nicht lang, da die Deutschen mit der Deportation des Ghettos beginnen. Mit letzter Kraft versucht Jakob, die Hoffnung nicht sterben zu lassen, doch schmerzlich wird ihm bewusst, dass Wahrheit und Lüge immer weiter aus-einanderdriften und trostspendende Worte nicht vor dem nahenden Tod retten können.

3 Hauptteil: Jakob gefangen in einer Lügenspirale

Im nun folgenden Hauptteil der Hausarbeit soll das Seelenleben Jakobs im Fokus der Betrachtungen stehen. Es soll untersucht werden, inwiefern sich sein Denken und Handeln infolge des Lügens im Vergleich zu seinem bisherigen verändert bzw. welche Maßnahmen er trifft, um mit seinen Gewissensbissen zurechtzukommen. Dement-sprechend wird zunächst der Ursprung der Lüge sowie deren Wirkung auf das Leben der Ghettobewohner analysiert und anschließend mit den daraus resultierenden Konsequenzen für Jakob in Beziehung gesetzt.

3.1 Ein Funke entzündet das Feuer der Hoffnung

Die Geschichte von Jakob beginnt damit, dass er von einem Wachposten angehalten und dazu aufgefordert wird, sich auf das Polizeirevier zu begeben, um dort um eine angemessenen Strafe zu bitten, denn er sei nach 20 Uhr auf der Straße gewesen. Zwar ist sich Jakob sicher, dass es noch immer nicht 20 Uhr ist, doch er weiß, welch schlimme Folgen ein Widerspruch nach sich zieht und begibt sich in Todesangst auf das Revier, dem gefürchtetsten Ort des Ghettos, denn von dort ist noch niemand lebend zurückgekehrt. Dort angekommen ändert sich sein Leben schlagartig: Zum einen erfährt er, dass die Anschuldigung des Wachpostens falsch und er selbst einer Lüge zum Opfer gefallen ist. Doch Jakob ist keineswegs überrascht von der Boshaftigkeit des Wachpostens und sieht sich darin bestätigt, dass „das Lügen […] zum täglichen Leben […] wie auch zur Verhaltensnorm der Nazibehörden [gehört].“[3] Zum anderen hört er, während er auf den zuständigen Kommandanten wartet, im Radio, die Rote Armee sei kurz vor Bezanika, eine Meldung, mit der für Jakob auch unzweifelhaft die Hoffnung auf Befreiung des Ghettos sowie auf das kurzbevorstehende Ende des Kriegs einher-geht. Zwar wurde er zu diesem Zeitpunkt noch nicht von seiner Strafe freigesprochen, doch in diesem Moment des „unvermittelten Zusammenprallen[s] von menschlichem Hoffen und faktischer Hoffnungslosigkeit“[4] sieht er die Welt mit anderen Augen. Er kommentiert seine Situation mit den Worten „ein Toter hat eine gute Nachricht gehört“ (S. 14), doch als er das Revier lebend verlässt, ist seine Freude so groß, dass er die Nachricht am liebsten sofort allen mitteilen würde. Das aber ist unmöglich, denn „das Ghettoleben ist kompliziert und verlangt Verstellung auf allen Seiten. [Er] kann unmöglich zurückkommen und die frohe Nachricht verbreiten“[5], denn man würde ihn für einen Spitzel halten. Nachts liegt er wach, erwägt Mittel und Wege, seine Leidensgenossen an seiner neugewonnenen Hoffnung teilhaben zu lassen, doch ist er sich noch nicht ausreichend darüber im Klaren, wie er die Quelle seiner Neuigkeiten erklären soll und beschließt, zunächst weiter darüber nachzudenken.

Schneller als gewollt wird Jakob dann aber gezwungen, die Neuigkeit preiszugeben, um seinem Freund Mischa das Leben zu retten. Getrieben von Hunger und Verzweiflung versucht dieser während der Arbeit auf dem Güterbahnhof, Kartoffeln zu stehlen. Jakob ist sich sofort der Gefahr bewusst und versucht, mit Engelszungen auf ihn einzureden, doch Mischa hört nicht auf ihn. Selbst als er ihm von dem Vorstoß der Roten Armee erzählt, hält Mischa das nur für einen netten Versuch (vgl. S. 30), ihn vom Diebstahl abzuhalten. Jakob weiß, dass Mischa sterben wird, wenn er ihn jetzt nicht zurückhält und „stehen [lässt] in seiner Blödheit“ (S. 30), und so untermauert er die frohe Bot-schaft durch die Lüge, er selbst habe die Neuigkeiten gehört, denn er sei im Besitz eines Radios. Die Motivation hinter dieser Lüge ist ehrenhaft und uneigennützig, denn er lügt aus reiner Menschlichkeit und aufgrund eines Verantwortungsgefühls für seine Mitmenschen. Nichts anderes hätte Mischa in diesem Moment retten können und genau darüber ist sich Jakob im Klaren. Die Lüge „results from this intense desire for credibility“ [6] , denn er weiß, dass „eine Nachricht ohne Quelle […] nichts wert [ist]“ (S. 50). Und tatsächlich verfehlt die Lüge ihre Wirkung nicht.

„Jakob hat geschossen uns ins Herz getroffen. Ein Glücksschuß, von der Hüfte und ohne richtig gezielt zu haben, und doch hat er getroffen“ (S. 32).

Die Metapher des Schusses zeigt den plötzlich wieder erwachenden Lebensmut Mischas, der nun von seinem Vorhaben ablässt und „ganz plötzlich [erkennt, dass] morgen auch noch ein Tag [ist]“ (S. 32). Jakob aber ist zunächst verärgert darüber, dass „er gezwungen worden [ist], verantwortungslose Behauptungen in die Welt zu setzen“ (S. 32), doch bei näherer Betrachtung erkennt er den Wert seiner Lüge, die das Leben der Menschen um ihn herum von Grund auf verändern, Hoffnung und Zuversicht verbreiten und auch ihm selbst Mut zusprechen kann.

„Hört auf, euch das Leben zu nehmen, bald werdet ihr es wieder brauchen. Hört auf, keine Hoffnung zu haben, die Tage unseres Jammers sind gezählt. Strengt euch an zu überleben […]. Überlebt bloß noch die letzten vierhundert Kilometer, dann hört das Überleben auf, dann beginnt das Leben“ (S. 34).

Auch wenn Jakobs Beweggründe heldenhaft sind und er die Konsequenzen dieser Tat noch nicht überblickt, so „[setzt doch] der Betrug hier ein, weil einer wahren Information eine Begleit-Lüge, d.h. eine falsche Quellen-Angabe angeschlossen wird.“[7]

3.2 Die lebensverändernde Kraft einer Lüge

Es vergeht kaum ein Tag, da hat sich die Nachricht der nahenden Roten Armee bereits wie ein Lauffeuer im gesamten Ghetto verbreitet. Zwar hat Jakob Mischa das Versprechen abgenommen, er solle Stillschweigen über die Existenz des Radios bewahren, doch ungeachtet dessen verrät Mischa in einem Überschwung von Hoffnung und Gedanken an die Zukunft das Geheimnis. Einerseits kann Jakob Mischas Handeln nachvollziehen, andererseits ahnt er jedoch, was ihm bevorsteht. Seit Anbeginn der Ghettozeit sahen sich die Bewohner mit entsetzlicher Gewalt und willkürlicher Schikane durch die Deutschen konfrontiert, die mittlerweile als Routine empfunden werden, doch diese Meldung stellt nun eine Möglichkeit dar, diesem Grauen zumindest vorläufig in Gedanken zu entfliehen und sich eine neue, bessere Zukunft jenseits der Ghettomauern auszumalen. So erstaunt es Jakob zwar nicht, von allen auf sein Radio angesprochen zu werden, doch ist er erschrocken über den Ernst in den Augen seiner Leidensgenossen. Aus Angst, seine Lüge könne auffliegen und die Hoffnung wieder versiegen, verbringt er nächtelang damit, weitere Lügen zu erfinden, um möglichst glaubhaft zu bleiben, doch schmückt er sie mit Details aus, die zwar logisch, aber zu vage sind, um nachprüfbar zu sein. Er sieht sich mit Erwartungen konfrontiert, „die es nicht dulden […], daß man sich einen Spaß aus [ihnen] macht, da wird Gewissheit gefordert“ (S. 41).

Aber auch für Jakob persönlich hat die Neuigkeit Konsequenzen, denn schnell wird er, der einfache Kartoffelpufferverkäufer, „der Mann, der noch unlängst auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter stand, zur zentralen Figur des Ghettos.“[8] Auf einmal reißen sich die Männer bei der Arbeit auf dem Güterbahnhof darum, mit Jakob die schweren Kisten zu tragen, und auch sonst ist Jakobs Nähe mit einem Mal bedeutungsvoll:

„Sie benehmen sich wie Kinder, sie schwirren um einen herum wie die Ausgehlustigen um die Litfaßsäule […]. Und jetzt behandelt ihr einen selbst wie einen König und geht nicht und kommt immer wieder, man braucht eine Leibwache gegen euch“ (S. 70).

Er beschreibt seine jetzige Situation mit einer gewissen Ironie, denn für die Menschen um ihn herum ist er nun „ein König, ein Auserwählter, […] der eine direkte Leitung zum lieben Gott hat“ (S. 69). Doch Jakob ist keineswegs so naiv zu glauben, er sei für seine Mitmenschen mehr als ein Seelentröster, jemand, der ihnen gut zuspricht, ihnen Hoffnung und Zuversicht gibt und die entsetzliche Gewalt der Deutschen für einen Augenblick vergessen machen kann. Zwar weiß er, dass er „in der abgeschlossenen Welt, zu der die sehnsüchtig erwarteten Nachrichten von Kriegsschauplätzen nicht dringen können, […]seines Mutes wegen bewundert“[9] wird, doch ist er sich auch des Egoismus seiner Mitmenschen bewusst, die ihn aus rein praktischen Gründen fortwährend umwerben: „Alle suchen seine Freundschaft, weil sie von ihm das Neueste zu erfahren hoffen.“[10] Besonders deutlich wird diese neue Sensationsgier durch Kowalski, Jakobs längsten Freund, der ihn in einer beinahe schon penetranten Gier nachstellt, um ihm Neuigkeiten zu entlocken. Doch nicht alle Menschen im Ghetto schöpfen neue Hoffnung, denn sie wissen um die Bestrafung, die den Besitzer eines Radios und all seine Mitwisser ereilen kann.

„Die einen fiebern nach Neuigkeiten […] und die anderen haben genug gehört […] für sie ist das Radio eine Quelle ständiger Gefahr“ (S. 83 f.).

Und so gibt es neben Bewunderern und Verehrern auch Menschen, die Jakob meiden, um jeglicher Mitwisserschaft aus dem Wege zu gehen. Jakob selbst bekommt von dieser Ablehnung zunächst nichts zu spüren, zu groß ist die Menge an vermeintlichen neuen Freunden.

3.3 “A false prophet of liberation”

Mit steigenden Zahl der Mitwisser ergibt sich für Jakob ein neues Problem,[11] denn viele von ihnen geben sich nicht mit nur einer Radiomeldung zufrieden, so dass Jakob gar nicht anders kann, als fortan zu lügen, um all den an ihn gestellten Erwartungen und Hoffnungen gerecht zu werden. Gleichzeitig fällt ihm das Lügen aber immer schwerer, da ihn Selbstvorwürfe quälen. Doch Jakob weiß, dass nur er in einer Zeit, in der der Krieg vermeintlich dem Ende nahe ist, die Sehnsucht nach einer andersartigen Zukunft aufrechterhalten und die gegenwärtige Notlage bestehend aus Hunger, Armut und Willkür durch die Deutschen in Vergessenheit bringen kann.

„Jakob ist sich seiner Rolle als Seelsorger in der Gemeinschaft bewusst und aus diesem Grund ist die Verantwortung für die Lügengeschichten umso größer, zumal die Lüge als Ersatz für alle Defizite psychischer und materieller Art fungieren muss.“[12]

Er beruhigt sein schlechtes Gewissen, indem er sich einredet, dass das, „was er fingiert, […] lediglich ein Gerüst von Wahrscheinlichkeiten [ist], das er auf die einzige Tatsache aufgebaut hat, die er zufällig im Revier gehört hat.“[13] Zwar weiß er nicht, was außer-halb der Ghettomauern geschieht, doch aufbauend auf der tatsächlich gehörten Nach-richt könnten seine Geschichten seiner Meinung nach zumindest theoretisch wahr sein.

„Das ist es wert, die Hoffnung darf nicht einschlafen, sonst werden sie nicht überleben, er weiß genau, daß die Russen auf dem Vormarsch sind, er hat es mit eigenen Ohren gehört, und wenn es einen Gott im Himmel gibt, dann müssen sie auch bis zu uns kommen, und wenn es keinen gibt, dann müssen sie auch bis zu uns kommen, und möglichst viele Überlebende müssen sie antreffen, das ist es wert“ (S. 75).

Doch Jakob macht noch etwas ganz anderes sehr zu schaffen, denn bei seinen Lügen ist er ganz auf sich allein gestellt, es sind nur seine eigenen Worte, die ihm zur Verfügung stehen, um sie in hoffnungsspendende Botschaften zu verwandeln. Je mehr Zeit vergeht und je mehr er erfinden und sich von jenem wahren Nachrichtenfragment lösen muss, umso größer werden Gewissensbisse und Verzweiflung. Aus seiner Not heraus be-schließt er, unter Einsatz seines Lebens für neue Nachrichten zu sorgen: auf der Toilette der Deutschen versucht er, Nachrichtenfetzen zu stehlen, um an neue Informationen zu kommen und so eine „Entlastung für seinen Erfindergeist“ (S.96) zu schaffen. Doch nicht nur seine Phantasiearmut verleitet ihn zu dieser Tat, vielmehr braucht er neue Fakten, „weil er unter einem ethischen Zwang steht, das, was er berichtet, mit irgendeinem Maßstab objektiver Wahrheit in Einklang zu bringen“[14]. Beinahe jedoch missglückt sein Vorhaben, wenn ihn nicht Kowalski in letzter Sekunde aufopferungs-voll gerettet und dabei ebenfalls sein Leben riskiert hätte. Die Prügel, die Kowalski zur Strafe einstecken muss, verstärkt wiederum Jakobs schlechtes Gewissen und so lässt er sich dazu hinreißen, sich mithilfe einer Nachricht über riesige Verluste auf deutscher Seite bei Kowalski zu revanchieren. Auf diese Weise verstummen seine Selbstvorwürfe einen Augenblick lang, denn „zwischen [Kowalskis] Blutergüssen erblüht der zarte Hauch eines trotz allem dankbaren Lächelns“ (S. 111). Auch für seine Position als Hoffnungsträger verspricht sich Jakob Vorteile, denn durch den Diebstahl von „ein paar Gramm Nachrichten“ ist es ihm möglich, neue Erfolgsmeldungen zu erfinden, um „eine Tonne Hoffnung“ (S. 102) daraus zu machen.

Obwohl die Selbstvorwürfe in Jakobs Kopf immer lauter werden, so kann er sich doch nicht dem Druck seiner Zuhörer entziehen, die fortwährend an seinen Lippen hängen und jede neue Information aufsaugen wie die Luft zum Atmen. Er muss erkennen, dass sie beinahe „süchtig geworden [sind] auf ein paar Kilometer an jedem Morgen“ (S. 88), doch auch er weiß, wie wichtig die Hoffnung für ihn persönlich ist und motiviert sich selbst, weiterzumachen.

„Ich werde es für euch tun, für euch und für mich, ich tue es auch für mich, denn es steht fest, daß ich als einziger nicht überleben kann, nur zusammen mit euch“ (S. 102).

Besonders im Bezug auf Lina, einem kleinen Mädchen, das Jakob bei sich aufge-nommen hat, merkt er, welch heilende Wirkung seine Hoffnungsbotschaften auch auf ihn persönlich haben, denn auch er denkt plötzlich an eine Zukunft, möchte Lina sogar adoptieren, sobald das Grauen des Ghettos vorüber ist. Rührend und selbstlos kümmert er sich um das Mädchen und auch als sie von der Existenz des Radios erfährt, zögert er nicht, auch in ihr den Funken der Hoffnung zu entfachen. Im Keller seiner Wohnung verwandelt er sich für seinen „geliebte[n] Quälgeist[s]“ (S. 118) in einen Märchen-onkel, der ihr hinter einem Bettlacken mit einer fiktiven Radiosendung die Welt von morgen zeigen will, die sie noch nicht kennenlernen durfte. Gerade diese Szene zeigt, dass Jakob tief im Inneren kein vorsätzlicher Lügner, sondern eher „ein selbstloser […] Betrüger [ist], ein Antiheld, der ebenso trostbedürftig ist wie seine Mitmenschen“[15].

3.4 Die bewusste Entscheidung zu lügen

Schon oft dachte Jakob seit seiner ersten Lüge daran, das Radio wieder verstummen zu lassen, sich so von der Last zu befreien, täglich neue Meldungen erfinden zu müssen, „weiß er doch, daß die ursprüngliche Mitteilung mit jeder weiteren zu einem Versprechen wird, das er nicht wird halten können“[16]. So kommt es Jakob gerade gelegen, dass das Ghetto von einer kurzzeitigen Stromsperre überrascht wird, die Jakob eine „paradiesische Atempause“ (S. 116) verschafft.

„Spreading good news strengthens Jacob´s spirit by giving purpose to his life, but he can never unburden himself of responsibility. He steadfastly creates hope for everyone else, leaving himself with fear and guilt.”[17]

Jakob ist zu gutmütig, als dass er es über sich bringen könnte, nein zu sagen, und so setzt er sich lieber marternden Gewissensbissen aus, als die Hoffnung sterben zu lassen. Grund hierfür ist zudem der aufkeimende passive Widerstand seiner Leidensgenossen, dessen Grundstein bereits er selbst durch seine Lügen legte, denn

„[e]r widersetzt sich den „normalen“ Verhaltensmustern Apathie und Anpassung und schafft den Ghettobewohnern einen neuen Raum für Hoffnung und Leben. Dieser neu aufkeimende Lebenswille ermöglicht die Grundlage zum Widerstand, nämlich ein Erwachen von Humanität und Mitgefühl.“[18]

Neben diesem passiven Widerstand des geistigen Entfliehens aus dem Ghetto gibt es auch Menschen, die es aufgrund der neugewonnene Hoffnung wagen, sich aktiv der Macht der Deutschen zu widersetzen. Ein Beispiel dafür ist Herschel Schtamm, der vor den Augen Jakobs erschossen wird, als er sich zu einem Waggon schleicht, um gerade deportierten Juden Hoffnung auf Befreiung zu machen. Jakob ist zutiefst erschüttert über seinen Tod, denn er sieht auf brutalste Weise, wohin seine Lügen führen. Stärker als je zuvor quält ihn sein schlechtes Gewissen, da er sich für Schtamms Tod verantwortlich fühlt.

„In Jakobs Kopf geben sich Selbstvorwürfe die Klinke in die Hand, man weiß genau, welche Rolle man in diesem Stück gespielt hat. Du zimmerst dir kargen Trost, du denkst dir eine große Waage mit zwei Schalen, auf die eine legst du Herschel, auf die andere türmst du alle Hoffnung, die du im Laufe der Zeit unter die Leute gebracht hast, nach welcher Seite wird sie niedergehen? Die Schwierigkeit ist, du weißt nicht, wieviel Hoffnung wiegt, niemand wird es dir sagen, du mußt allein die Formel finden und einsam die Rechnung beenden. Aber du rechnest vergebens, die Schwierigkeiten häufen sich, hier noch eine, wer soll dir verraten, welches Unheil durch deine Erfindungen verhindert wurde?“ (S. 141).

Am liebsten möchte Jakob das Radio nun ganz schnell loswerden und überlegt sich, die Nachricht zu verbreiten, dass Radio sei kaputt, um wieder reinen Gewissens zu sein. Doch als er dann in all die bestürzten Gesichter sieht, die nun nichts mehr haben, worauf sie sich freuen können, nichts mehr, dass sie die täglichen Grauen vergessen lässt, und Jakob mit einem Mechaniker konfrontiert wird, der das kaputte Radio wieder reparieren soll, sieht er ein, dass er es einfach nicht übers Herz bringen kann, die Menschen ihrer Trauer zu überlassen. Nach einigem Nachdenken beschließt er, dass es für ihn kein Zurück mehr geben kann und „nimmt […] seine Rolle als Helfer bewußt an, wird mit der Stärke der Schwachen zum Held wider Willen“[19]. Doch anders als zuvor entscheidet er sich bewusst für die Rolle eines Lügners, denn er möchte überzeugen, bewusst etwas vorspielen und befreit sich so von seiner Scham, seinem schlechten Gewissen und moralischen Bedenken. Von nun an will er seinem Schöpfer-geist freien Lauf lassen, ist aber weiterhin darauf bedacht, jede mögliche Ungereimtheit zu beseitigen und lotet abhängig vom erwartbaren und wahrscheinlichen Geschehen die Grenzen der Glaubwürdigkeit aus. Viel zu groß ist seine Angst, aufzufliegen, denn er hat „aus jedem Einfall […] eine Riesengeschichte gemacht, oft unglaubwürdig und durchschaubar, Zweifel sind bis zur Stunde nur deshalb ausgeblieben, weil die Hoffnung sie blind und dumm gemacht hat“ (S. 150). Kritisch hinterfragt er seine bisherige Vorgehensweise und erkennt, dass die Nachprüfbarkeit seinen Lügen in der Vergangenheit stets im Wege stand.

„Aber dieses Vorgehen war von Grund auf falsch, […] ein Lügner mit Gewissensbissen wird sein Leben lang ein Stümper bleiben. In dieser Branche sind Zurückhaltung und falsche Scham nicht angebracht, du mußt da aus dem Vollen schöpfen, die Überzeugung muß dir im Gesicht geschrieben stehen, du mußt ihnen vorspielen, wie einer auszusehen hat, der das schon weiß, was sie erst im nächsten Augenblick von dir erfahren“ (S. 150f.).

Bewusst stellt er sich nun seiner gesellschaftlichen Aufgabe als Hoffnungsträger und macht das Lügen zur seiner Berufung, denn „die Menschen brauchen keine Medizin so sehr wie Hoffnung“ (S. 193).

3.5 Das unabwendbare Ende

Während sich Jakob nun selbst das Versprechen abgenommen hat, unbeirrt weiter zu lügen, werden die Stimmen seiner Gegner immer lauter und auch ihre Zahl vermehrt sich stetig. In einem Gespräch mit Kirschbaum, der ihm schlimme Vorwürfe macht und ihm nochmals einschärft, welche Konsequenzen der Besitz eines Radios haben kann, zerbricht Jakobs Fassade und zum ersten Mal bricht aus ihm die ganze Verzweiflung heraus, die er seit Beginn der vermeintlichen Existenz des Radios mit niemandem teilen konnte.

„ Haben Sie ein einziges Mal gesehen, mit was für Augen sie mich um Neuigkeiten bitten? […] Genügt es Ihnen nicht, daß wir so gut wie nichts zu fressen haben, daß jeder fünfte von uns im Winter erfriert, daß jeden Tag eine halbe Straße zum Transport geht? […] Und wenn ich versuche, die allerletze Möglichkeit zu nutzen, die sie davon abhält, sich gleich hinzulegen und zu krepieren, mit Worten, verstehen Sie, mit Worten versuche ich das?“ (S.194).

Aber Jakob wird nicht nur auf die Gefahr des Radios hingewiesen, viel schlimmer noch ist es für ihn, der Lüge bezichtigt zu werden. Es scheint, als würde niemand seine Aufopferungsbereitschaft anerkennen, seine beinahe übermenschlichen Kräfte zu schätzen wissen, mit denen er versucht, dem übermäßigen Druck standzuhalten und den täglichen Schreckensmeldungen entgegenzuwirken. Erneut ist Jakob verzweifelt und muss sich eingestehen, dass er sich bei seinen Nachrichten zu einem Tempo hat hin-reißen lassen, „das der Wirklichkeit leider nicht standhält“ (S. 247). Realität und Fiktion klaffen mit jeder weiteren deportierten Straße immer weiter auseinander und so resigniert er schließlich vor der Wahrheit, indem er sein Innerstes vor Kowalski offenbart. In Form einer „bedingungslose[n] Kapitulation, [dem] schlimmste[n] aller Eingeständnisse“ (S. 250) erzählt er ihm, dass er niemals ein Radio besessen habe, alles eine Lüge sei, er seine Augen nicht mehr vor der Wahrheit verschließen könne.

[...]


[1] Duden. Das Bedeutungswörterbuch. Band 10. S. 595.

[2] White, I. A. und J. J.: Wahrheit und Lüge in Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Band 7. S. 229.

[3] White, I. A. und J. J.: Wahrheit und Lüge in Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner. S. 215.

[4] Kaiser, Herbert: Jurek Becker, Jakob der Lügner. In: Erzählen, Erinnern. Deutsche Prosa der Gegenwart. S. 111.

[5] White, I. A. und J. J.: Wahrheit und Lüge in Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner. S. 209.

[6] Johnson, Susan M.: The Works of Jurek Becker. A Thematic Analysis. In: DDR Studien Vol. 3. S. 136.

[7] Dubrowska, Malgorzata: Die (Ohn)macht des Wortes. Zu verschiedenen Facetten der Lüge in Jurek Beckers Jakob der Lügner. In: Lügen und ihre Widersacher. S. 124.

[8] Reich – Ranicki, Marcel: Roman vom Ghetto [zu Jakob der Lügner]. In: Jurek Becker. S. 135.

[9] ebd. S. 135.

[10] ebd. S. 135.

[11] Wetzel, Heinz: Four Questions about Jurek Becker´s Jakob der Lügner. In: Seminar. A Journal of Germanic Studies. Volume XIX, Number 1. S. 267.

[12] Dubrowska, Malgorzata: Die (Ohn)macht des Wortes. In: Lügen und ihre Widersacher. S. 129.

[13] White, I. A. und J. J.: Wahrheit und Lüge in Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner. S. 212.

[14] ebd. S. 213.

[15] Dubrowska, Malgorzata: Die (Ohn)macht des Wortes. In: Lügen und ihre Widersacher. S. 128.

[16] Heidelberger – Leonard, Irene: Schreiben im Schatten der Shoa. Überlegungen zu Jurek Beckers „Jakob der Lügner“, „Der Boxer“ und „Bronsteins Kinder“. In: Text + Kritik. S. 22.

[17] Johnson, Susan M.: The Works of Jurek Becker. In: DDR Studien Vol. 3. S. 146.

[18] Brechstein, Claudia: Literatur des Holocaust: Identität und Judentum bei Jakov Lind, Edgar Hilsenrath und Jurek Becker. S. 88f.

[19] Heidelberger – Leonard, Irene: Schreiben im Schatten der Shoa. In: Text + Kritik. S. 23.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ein Lügner mit Gewissensbissen. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner"
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V383470
ISBN (eBook)
9783668587458
ISBN (Buch)
9783668587465
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jurek Becker, Jakob der Lügner, Roman, DDR, Judentum, Ohnmacht, Literatur des Holocaust, Ghetto, Hoffnung, Lügen
Arbeit zitieren
Anna Kuhlmann (Autor), 2011, Ein Lügner mit Gewissensbissen. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383470

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