Im Jahr 2000 begingen in Deutschland 11.100 Menschen Suizid - 8.100 Männer und 3.000 Frauen. Im Vergleich dazu: Bei Vekehrsunfällen kamen "nur" 7.800 Menschen ums Leben. Suizidalhandlungen gehören zu den häufigsten psychopathologischen Phänomenen. Die Dunkelziffer ist zudem beträchtlich. Man geht davon aus, daß auch ein Teil der Autounfälle und Drogentote auf Suizid bzw. Suizidversuche zurückzuführen ist. Grund genug, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum Menschen Suizid begehen und wie man die Suizidgefährdung eines Menschen feststellen kann.
In dieser Arbeit möchte ich den Leser zunächst mit einigen Fehlannahmen über Suizid bekannt machen. Im Folgenden gebe ich einen kurzen Überblick zu individiumzentrierten, soziologischen und lerntheoretischen Suizidtheorien und dem Zusammenhang von Suizid mit Persönlichkeitsmerkmalen und -störungen. Das Kapitel Krisen und Suizidgefährdung informiert darüber, was man unter einer Krise versteht und wie man die Suizidgefährdung eines Menschen abschätzen kann. Im folgenden Kapitel beschreibe ich Ergebnisse einer Studie zu suizidalen Beziehungsmustern. Abschließend beschäftige ich mich mit ethischen Fragen und gebe Hinweise zu Institutionen, an die sich Hilfesuchende mit Suizidgedanken wenden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einige Mythen über Suizid
3 Theorien suizidalen Verhaltens
3.1 Individuumzentrierte Suizidtheorien
3.1.1 Die Medizinische Theorie
3.1.2 Psychoanalytische Theorien
3.2 Soziologische Suizidtheorien
3.3 Lerntheoretische Erklärungsansätze
3.3.1 Suizidalität nach dem Modell der gelernten Hilflosigkeit
3.3.2 Suizidgefährdung durch Modellernen
4 Persönlichkeitsstörungen und -merkmale
5 Krisen und Suizidgefährdung
5.1 Einschätzung der Suizidalität
6 Suizidale Beziehungsmuster
7 Diskussion
8 Hilfe für Suizidgefährdete
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Ursachen suizidalen Verhaltens aus verschiedenen theoretischen Perspektiven zu beleuchten, die Zusammenhänge zwischen Suizidalität, Persönlichkeitsstörungen und Krisen zu untersuchen sowie praktische Ansätze zur Einschätzung und Hilfe bei Suizidgefährdung aufzuzeigen.
- Psychologische und soziologische Suizidtheorien
- Suizidalität im Kontext von Persönlichkeitsstörungen
- Diagnostik und Einschätzung der Suizidalität
- Analyse suizidaler Beziehungsmuster
- Hilfsangebote für Suizidgefährdete
Auszug aus dem Buch
6 SUIZIDALE BEZIEHUNGSMUSTER
Tilman hat in einer Studie mit zehn Klienten, die einen Suizidversuch unternommen hatten, problematische Beziehungsmuster untersucht. Grundlage waren Schilderungen der Klienten von Beziehungsepisoden. Diese wurden zunächst mit der strukturalen Analyse sozialen Verhaltens (SASB) analysiert. Mit einem clusteranalytischen Verfahren wurden dann repetitive Beziehungsstrukturen identifiziert. Ergebnis der Untersuchung war ein zentrales suizidales Beziehungsmuster (bei 9 von 10 Fällen):
TRUST ↔ IGNORE & BLAME
TRUST steht für Abhängigkeit (gepaart mit sehnsüchtigen Erwartungen an das Objekt), IGNORE für die Erfahrung eines Verlustes oder einer Abwendung und BLAME für die Kränkung. Der Klient fühlt sich bedürftig und abhängig von einem Objekt, das ihm gegenüber gleichgültig und uninteressiert ist. Diese Ignoranz erlebt er als Entwertung und Herabsetzung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die statistische Relevanz des Suizids in Deutschland und begründet die Notwendigkeit, sich wissenschaftlich mit den Ursachen und der Erkennung von Suizidgefährdung zu befassen.
2 Einige Mythen über Suizid: Dieses Kapitel entkräftet verbreitete Vorurteile und Irrtümer über suizidales Verhalten durch wissenschaftlich fundierte Fakten.
3 Theorien suizidalen Verhaltens: Hier werden verschiedene Erklärungsmodelle vorgestellt, die den Suizid als Ergebnis individueller, medizinischer, psychoanalytischer, soziologischer oder lerntheoretischer Faktoren betrachten.
4 Persönlichkeitsstörungen und -merkmale: Dieses Kapitel analysiert, welche Rolle spezifische Persönlichkeitsstrukturen und -störungen, wie etwa Borderline-Syndrome, bei Suizidhandlungen spielen können.
5 Krisen und Suizidgefährdung: Es wird erörtert, wie psychosoziale Krisen als Auslöser wirken und welche Kriterien in der Praxis zur Einschätzung der Suizidalität herangezogen werden können.
6 Suizidale Beziehungsmuster: Basierend auf einer Studie wird aufgezeigt, wie repetitive, konfliktreiche Beziehungserfahrungen, gekennzeichnet durch Bedürfnisse nach Nähe und gleichzeitige Ablehnung, zur Suizidgefährdung beitragen.
7 Diskussion: Dieses Kapitel diskutiert ethische und rechtliche Aspekte im Kontext der unterlassenen Hilfeleistung bei drohenden Suiziden anhand eines konkreten Falls.
8 Hilfe für Suizidgefährdete: Abschließend werden praktische Hinweise und Institutionen aufgeführt, die Unterstützung für Menschen in suizidalen Krisen bieten.
Schlüsselwörter
Suizid, Suizidalität, Krisenintervention, Suizidprävention, Psychologie, Soziologie, Bindungstheorie, Persönlichkeitsstörung, Beziehungsmuster, Lernpsychologie, Medizinische Theorie, Psychoanalyse, Suizidversuch, psychische Gesundheit, Hilfsangebote.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den psychologischen und sozialen Hintergründen suizidalen Verhaltens, analysiert theoretische Erklärungsansätze und untersucht, wie Suizidgefährdung erkannt und therapiert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Suizidtheorien, den Zusammenhang zwischen Krisen und Suizidalität, die Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen sowie spezifische Beziehungsmuster bei suizidalen Personen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Beweggründe suizidaler Handlungen zu entwickeln, um Anzeichen einer Gefährdung frühzeitig zu erkennen und Hilfsstrategien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Es werden unter anderem die medizinische Theorie (nach Ringel), psychoanalytische Ansätze (nach Freud und Henseler), soziologische Theorien (nach Durkheim) sowie lerntheoretische Modelle (nach Seligman und Bandura) herangezogen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Erörterung von Persönlichkeitsfaktoren, die Analyse psychosozialer Krisen und die wissenschaftliche Untersuchung von Beziehungsmustern durch Fallstudien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Suizidalität, Krisenintervention, Psychologie, Beziehungsmuster und Suizidprävention.
Was ist das "präsuizidale Syndrom"?
Es beschreibt nach Erwin Ringel eine krankhafte Entwicklung, die häufig durch eine Einengung der Wahrnehmung, gehemmte Aggression und Suizidphantasien gekennzeichnet ist.
Was besagt die Theorie der gelernten Hilflosigkeit im Kontext von Suizid?
Sie beschreibt einen Zustand, in dem ein Individuum nach wiederholten negativen Erfahrungen die Fähigkeit verliert, Probleme zu lösen, und den Suizid als letzte, irrationale Bewältigungsstrategie wählt.
Wie korrelieren Beziehungsmuster mit Suizidalität?
Die Arbeit zeigt auf, dass oft repetitive Muster vorliegen, bei denen der Betroffene zwischen Sehnsucht nach Bindung (Trust) und der Erfahrung von Ablehnung (Ignore) sowie Kränkung (Blame) schwankt.
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- Dipl.-Kommunikationpsychologin Petra Bühler (Author), 2002, Suizid - ein Diskurs zur Flucht aus dem Leben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38349