Emotionsarbeit in Transformationsprozessen Sozialer Arbeit


Hausarbeit, 2015
16 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Emotionsarbeit

3. Emotionsregulation

4. Subjektivierung von Arbeit

5. Transformationsprozesse Sozialer Arbeit

5. Soziale Arbeit und Geschlechterfragen

6. Emotionen in Transformationsprozessen Soziale Arbeit

7. Resümee

Literaturquellen

1. Einleitung

Die Arbeitssoziologie im deutschsprachigem Raum befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit den Transformationen der Arbeitsgesellschaft, die mit Prozessen der Flexibilisierung, Prekarisierung und Subjektivierung von Arbeit einhergehen. Im Zuge dieser Diskurse entflammte die Diskussion über die Emotionalisierung von Arbeit, die eine zunehmende Bedeutung immaterieller Arbeit meint. ArbeitnehmerInnen müssen demnach vermehrt Emotionsarbeit leisten, das betrifft vor allem Dienstleistungsberufe, aber auch andere Bereiche. (vgl. Ernst 2007: 131f.) In der Sozialen Arbeit hingegen ist Emotionsarbeit und das Einbringen der Persönlichkeit seit jeher, schon lange vor postfordistischen Konzepten, als fester Bestandteil im Berufsbild verankert (vgl. Wulf-Schnabel 2011: 67). Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb es wenige aktuelle Studien zum Verhältnis zwischen Emotionsarbeit und Sozialer Arbeit gibt. Die wenigen Beiträge aus der Vergangenheit bezogen sich vorwiegend auf den pflegerischen oder medizinischen Arbeitsbereich (Anselm Strauss untersuchte Gefühlsarbeit im Krankenhaus; 1980). SoziologInnen waren darin bestrebt, Emotionsarbeit in Arbeitsbereichen (oftmals personale Dienstleistungen) sichtbar zu machen, in denen sie neuer Bestandteil im Zugriff auf die Humanressourcen der Arbeitskräfte darstellt. Sie wollten aufzuzeigen wie der Einsatz und die Regulierung von Emotionen in der modernen Arbeitsgesellschaft ökonomisch verwertet werden. Diese Arbeiten sind unumstritten von großer Bedeutung, um die zunehmende Emotionalisierung von Arbeit mit ihren Folge zu thematisieren und in gesellschaftspolitische Kontexte zu stellen. Doch lassen sich diese Ergebnisse auf die Soziale Arbeit übertragen? Vor allem die Transformationsprozesse der Sozialen Arbeit unter dem neoliberalistischen Programm können als Anstoß gesehen werden, Emotionsarbeit im Licht dieser Veränderung zu untersuchen. So soll in der vorliegenden Auseinandersetzung der Frage nachgegangen werden, wie sich die Transformationsprozesse der Sozialen Arbeit auf die Emotionsarbeit der SozialarbeiterInnen auswirken. Und ob die bisherigen Ergebnisse von Emotionsarbeit in personalen Dienstleistungssektoren für eine Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit geeignet sind. Als theoretischer Bezugsrahmen wird primär Michel Focault's Gouvermentalitätsperspektive und seine Theorie der Subjektivierung herangezogen und mit Daniela Raststetter's Ansatz der „Identitätsarbeit“ erweitert. Dabei wird der Blick auch auf die Geschlechterverhältnisse gerichtet.

2. Emotionsarbeit

Der Begriff der Emotionsarbeit wurde maßgeblich von Arlie Hochschild geprägt, die mit ihren Untersuchungen ab Ende der 70er Jahre in den USA über das Gefühlsmanagement und die Ökonomisierung von Gefühlen in Dienstleistungsberufen am Beispiel vom Arbeitsalltag von Flugbegleiterinnen die Diskussion eröffnete. In der Gefühlsarbeit geht es nach Hochschild darum, erwünschte Gefühle zu erzeugen und unerwünschte zu unterdrücken. Gefühlsarbeit ist auf Gefühlsnormen ausgerichtet, die uns die Richtung angeben, welches (emotionale) Verhalten unsere jeweiligen Rollen und Beziehungskonstellationen verlangen. Gefühlsnormen werden durch die eigene Bewertung unserer Gefühlslage sowie die Bewertung unseres Gefühlsausdruckes von den Anderen wahrgenommen und durch die Reaktionen darauf erlernt und unterscheiden sich in verschiedenen soziokulturellen Kontexten. (vgl. Hochschild 1990: 73ff.) Hochschild trifft in ihrer Studie The managed heart die Unterscheidung zwischen emotion work und emotion labor, welche in der Übersetzung in die deutsche Sprache nur schwer ein passendes Äquivalent findet. Emotion work meint die Gefühlsarbeit mit all ihren Strategien im privaten Bereich, wie der Umgang mit Gefühlen in einem Familienkonflikt. Der Fokus ihrer Untersuchung liegt jedoch auf der Frage, was geschieht, wenn die Gefühlsarbeit nicht privat ausgehandelt wird, sondern als Arbeitskraft verkauft wird. Sie muss dann den von Dienstgebern festgelegten Regeln entsprechen und marktförmige Beziehungen gestalten, womit Emotion labour gemeint ist. (vgl. ebd: 41ff.) Hochschild unterscheidet am Beispiel der FlugbegleiterInnnen einerseits das Oberflächenhandeln (surface acting) in welchem es darum geht, mittels dem von außen wahrnehmbaren Gefühlsausdruck Gefühle zeigen zu können, welche man nicht wirklich fühlt, z.B. das FlugbegleiterInnen freundlich lächeln, obwohl sie sich über eine Kundschaft ärgern (vgl. ebd.: 55). Im Gegenzug dazu verlangt das Tiefenhandeln (deep acting) die wirkliche Arbeit an den Gefühlen selbst, d.h. das freundlich gesinnt sein auch tatsächlich zu fühlen, wofür die AkteurInnen verschiedene kognitive Strategien anwenden (vgl. ebd.:56ff.). Wesentlich für Hochschild's Ansatz ist es, dass insbesondere das Tiefenhandeln zu Entfremdung führen kann. Damit beschreibt sie die Dissonanz im Gefühlsleben der FlugbegleiterInnen, wenn diese versuchen ihre Gefühle mit dem tatsächlichen Ausdruck und ihrem sozialen Handeln zusammenzuführen. Die Folge der Inkongruenz ist der Verlust der Integrität der eigenen Person, ein Entfremden von den eigenen Gefühlen. (vgl. ebd.: 99f.) Ein weiterer zentraler Punkt in Hochschild's Arbeiten ist die Rolle der Frau als Gefühlsarbeiterin. Sie thematisiert dabei, dass aufgrund historisch-kultureller Entwicklungen die Frau seit jeher die Beziehungsarbeit in der Gesellschaft leistet. Ihr Status ist dabei im privaten wie im beruflichen Leben geringer als jener der Männer, und die Emotionsarbeit ist durch ein geschlechtlich bedingtes Machtgefälle gekennzeichnet. (vgl.: ebd.:132ff.)

Auch gegenwärtige soziologische Studien zu Emotionen und Arbeit nehmen Bezug auf Hochschild's Untersuchung und natürlich werden dabei auch Kritikpunkte aufgezeigt und ihre Theorie weiterentwickelt. Aktuellere Studien zur Dienstleistungsarbeit machen vor allem deutlich, dass Emotionsarbeit, vor allem Tiefenhandeln, nicht zwangsläufig zu Entfremdung führen muss. Das Ausmaß der Autonomie und des Handlungsspielraums der Gefühlsregulation scheinen für die Auswirkungen von Emotionsarbeit bei den GefühlsarbeiterInnen eine große Rolle zu spielen. Entgegen Hochschild's Ansätze gehen neuere Studien davon aus, dass Emotionsarbeit gegenüber AdressatInnen und KundInnen auch subjektiv gesteuert werden kann, und die Beschäftigen daraus Selbstwirksamkeitserfahrungen beziehen. (vgl. Neckel 2013: 173) Vor allem die Folgen der jeweiligen Strategie in der Dienstleistungsinteraktion, also ob sie funktioniert (weniger belastend bis förderliche Auswirkung) oder misslingt (belastend) scheint ausschlaggebend zu sein. (vgl. Raststetter 2008: 33) Weitere Kritik erntet Hochschild's Unterscheidung zwischen realen und unechten Gefühlen. Neckel vertritt die Auffassung, in der auch authentische Gefühle als Konstruktionen begriffen werden, die in der Sozialisation erlernt werden und später mittels Gefühlsnormen weiter geformt werden. Moderne Emotionsarbeit bezieht sich nach ihm nicht auf die Manipulation echter Gefühle, sondern auf deren Herstellung im „emotionalen Habitus“ (Neckel 2013: 174; Ilouz 2006: 97). Hinsichtlich der weiblichen Konnotation von Emotionsarbeit im Dienstleistungsbereich sprechen einerseits einige Studien für Hochschild' These, andererseits machen parallel dazu neue Entwicklungen im Dienstleistungsbereich Männer zu Emotionsarbeitern. Wie das Beispiel der Untersuchung der Post AG in Österreich zeigt, werden diese eine „untergeordnete Klasse von Männern“, die der hegemonialen Männlichkeit der Führungselite (auch für Frauen zugänglich) unterworfen sind (vgl. Penz/Sauer 2012: 127).

3. Emotionsregulation

Emotionsregulation meint Prozesse, mit denen Individuen beeinflussen, welche Gefühle sie zu einem Zeitpunkt haben, wie sie diese erleben und ihnen Ausdruck verleihen. In Wechselwirkung mit der Wahrnehmung des eigenen emotionalen Erlebens, der Einnahme des Blickwinkels der Anderen und des Deutungsprozesses von dieser Position heraus entsteht Emotionsarbeit. Nachdem die soziale Situation mit ihren erforderten Regeln erkannt und die eigenen Empfindungen interpretiert werden, kann bei Abweichungen mittels dem antizipatorischen Charakter von Gefühlsnormen eine Anpassung gemacht werden. (vgl. Raststetter 2008: 70f.) Neckel beschreibt zwei aktuelle Thesen der Emotionsregulation: einerseits die These der Disziplinierung, in welcher der ökonomische Gebrauch der Gefühle zu Entfremdung führt, wie bei Hochschild dargestellt wurde. Der zweite Ansatz, eine kritische Weiterentwicklung von Elias Norberts Zivilisationstheorie, geht von einer Informalisierung von Gefühlsregeln aus, die eine Lockerung der Fremd- und Selbstzwänge sieht, was auch für das Arbeitsleben gilt und zu mehr Flexibilisierung und emotionalen Handlungsspielraum führt. (vgl. Wouters 1999) An dieser Stelle soll an Elias' Werk angeknüpft werden, der die historische Entwicklung von Fremd- in Selbstzwängen und die zivilisatorische Transformation der Gefühlsstrukturen beschreibt, mit Blick auf die Wechselwirkungen von Macht, Gefühlen, Subjektivität, Konflikt und Kontrolle. Die Entwicklung hin zur kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft war nach ihm durch die Notwenigkeit eines Berufes bestimmt, der eine geregelte Arbeit und eine „hohe Routinisierung der Affekte“ verlangte und zum Mittelpunkt der Zwänge in den Beziehungsgeflechten der Menschen wurde. (vgl. Elias 1990: 174) So trugen nach Elias die komplexer werdenden wirtschaftlichen Austauschbeziehungen und Verflechtungsprozesse dazu bei, dass die eigene Affektkontrolle und Selbstzurücknahme stärker wurden. Elias sieht im Schwinden des Fremdzwangs den vermehrten gesellschaftlichen Druck zum Selbstzwang. Das bedeutet, dass auch wenn, wie Wouters behauptet, sich Machtgefälle am Arbeitsplatz zunehmend auflösen und der Umgang mit Emotionen eine Lockerung erfährt, gleichzeitig eine vermehrte Formalisierung stattfindet, wie am Boom der Ratgeberliteratur zu vernehmen ist. Die neu gewonnenen Freiräume in der Arbeit bringen neue Zwänge mit sich, nämlich ständige Verfügbarkeit und soziale, emotionale Flexibilität und es kommt vor allem zum gleichzeitigen Bestehen von Informalisierung- und Formalisierungsphasen, was auch geringer qualifizierte Arbeitsfelder erreicht hat. (vgl. Ernst 2007: 139) Ein ähnlicher Ansatz ist auch bei Neckel zu finden, der als gemeinsamen Nenner der beiden konträren Thesen die Aufgabe von AkteurInnen sieht, im privaten wie auch im Berufsleben, die Gestaltung der Gefühle als eigenständige Aufgabe in die Hand zu nehmen. Noch mehr als Ernst betont er die paradoxe Entwicklung, dass sich gegenwärtig gleichzeitig mehr Zwänge und Freiheiten durchsetzen, insbesondere im Berufsleben. Da die Gefühle authentisch sein sollen, entziehen sie sich einer gänzlichen sozialen und subjektiven Kontrolle. Vielmehr geht es um die Prägung des „emotionalen Habitus“. Die Ökonomisierung der Gefühle und umgekehrt sind nach Neckel dazu fähig, emotionale Zwänge gerade deshalb subjektiv zu binden, dass sie das emotionale Erleben der Akteure prägt und sich in sie integriert. (vgl. Neckel 2005: 426ff.)

4. Subjektivierung von Arbeit

Seit einigen Jahren wird in der Arbeitssoziologie die Debatte über der „Subjektivierung von Arbeit“ geführt. Gemeint sind damit einerseits der zunehmende Zwang zu Selbststeuerung der Beschäftigen, aber auch ihr wachsendes Bedürfnis nach mehr Selbstverantwortung. Diese Dialektik von Zwang und Bedürfnis erinnert stark an die vorherige Diskussion über das Verhältnis von Fremd- und Selbstzwängen: mit dem Zwang zur Selbststeuerung wird von den Beschäftigten verlangt, dass sie ihre Subjektivität, d.h. ihre persönlichen Auffassungen und Emotionen einbringen. Diese Fähigkeit „sich aktiv selbst zu steuern“ wird dabei verwertet, es geht um die „erweiterte Ausbeutung des gesamten Repertoires menschlicher Fähigkeiten“ (Voß 2007: 102). Die zweite Seite der Medaille meint das Bedürfnis der Arbeitenden ihre Subjektivität einbringen zu wollen, sie „subjektivieren die Arbeit“ (vgl. Wulf-Schnabel 2011: 25). Raststetter setzt sich in diesem Kontext neben diesen eher institutions- und gesellschaftsbezogenen Ansätzen mit der Frage auseinander, welchen Einfluss diese Dynamiken auf das Identitätsgefühl haben. Dabei setzt sie Subjektivität im Dienstleistungsbereich in Beziehung zu Identitätsarbeit und bezieht sich auf Focault. (vgl. Raststetter 2008: 84) Focault lieferte das symbolische Leitbild für die Subjektivierung in neoliberalistischen Systemen: „das unternehmerische Selbst“ (Focault 2004b: 208), womit die Forderung an das Selbst zum Ausdruck kommt, die eigenen Gefühle unternehmerisch zu investieren. Dies soll zur Maxime der Lebensführung werden, was tief in die Persönlichkeitsstruktur der Individuen eingreift und weit über den Arbeitskontext hinausreicht. Die im Punkt 3 beschriebene Emotionsregulation im Dienstleistungsbereich beschreibt Raststetter als zentralen Bestandteil von Identität, die im Betrieb immer wieder neu hergestellt werden muss. Identitätsarbeit bedeutet grob zusammengefasst die Herstellung eines stimmigen Kohärenzgefühls durch das Zusammenfügen und die Passung verschiedener innerer und äußerer, oft widersprüchlicher Erfahrungsfragmente und Teilidentitäten. Dabei ist das Kohärenzgefühl nichts statisches, sondern dynamisch und muss immer wieder neu konstruiert werden, auch wenn von einem „Kern-Selbst“ ausgegangen werden kann, dass diese Integrationsleistung erst vollbringt. Zu große emotionale Dissonanzen durch innere Konflikte können zu einer Überforderung führen und das Kern-Selbst überstrapazieren. Das bedeutet, dass Emotionsregulierung nicht nur für gelingende soziale Beziehungen sondern auch für ein kohärentes Identitätsgefühl von großer Bedeutung ist. (vgl. Rastetter 2008: 84ff.) Raststetter geht der Frage nach wie das Bedürfnis nach Identitätsgefühl von Dienstgebern genutzt wird, welche Machtmechanismen hierbei wirken, wenn die Arbeit Identitätsentwürfe zur Verfügung stellt. Hierbei bezieht sie sich auf Focault, in dessen Theorie Subjektivierung nicht im Sinne von Zwang sondern verführerischer Beeinflussung zu denken ist. Nach Focault ist Macht immer im Kontext eines Unterworfen-Seins durch Disziplinierungsprozesse der gesellschaftlichen Machtinstanzen zu verstehen, die keinen äußeren Zwang darstellen, sondern die sich durch Techniken tief in die Körper der Menschen einschreiben. Diese Techniken haben nicht nur eine repressive Funktion, mit welcher Individuen ausgebeutet werden, sondern sind auch produktiv zu verstehen, sie erzeugen so das Individuum, in dem sie erst Wissen und Emotionsregulation nach Normen ermöglichen. Dieses Wissen, das über Diskurse zwischen Subjekt und Gesellschaft erzeugt wird, schafft dabei eine Ordnung, die von Macht durchdrungen ist, weshalb Wahrheit und das Verständnis von sich selbst immer im Kontext sozialer Machtverhältnisse zu denken ist (vgl. Raststetter 2008: 97f.). Dieses Konzept einer dynamischen Identität, die sich in wandelnden Macht-Wissens-Verflechtungen diskursiv erzeugt, legt es nahe, dem Ansatz der „narrativen Identität“ zu folgen. Das bedeutet, dass Selbsterzählungen dazu verwendet werden, um einerseits für das Subjekt eine Kohärenz zwischen den Teilidentitäten herzustellen und andererseits anschlussfähig an die Narrationen der Anderen zu sein, um dadurch Anerkennung zu erfahren. Unternehmen/Einrichtungen bieten Narrationen an, mit denen sich die EmotionsarbeiterInnen identifizieren müssen, um dafür einen positiven Selbstwert zu erzielen. (vgl. ebd.: 286ff.) Focault's „Technologien des Selbst“ (Focault 1993: 23) bezeichnen jene Verfahren, die es dem Individuum ermöglichen selbst oder mit Unterstützung anderer diese Veränderungen im Denken und Fühlen vorzunehmen. Für Raststetter sind diese Selbsttechnologien als Grundelemente der Identitätsarbeit zu sehen, demnach ist Subjektivierung für die Entwicklung von Identität von Bedeutung. Wie diese Verfahren ist Identitätspolitik wie sie von Unternehmen und Einrichtungen betrieben wird, als ein diskursives Verfahren zu verstehen, dass bestimmte Erzählungen (wie, dass SozialarbeiterInnen an ständiger Persönlichkeitsentwicklung arbeiten müssen) als wahr gelten lässt und andere nicht.(vgl. Raststetter 2008: 100ff.)

5. Transformationsprozesse Sozialer Arbeit

In Österreich und Deutschland entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg ein konservatives, familienorientiertes Wohlfahrtssystem, in dem Soziale Arbeit expandieren und sich professionalisieren konnte (vgl. Bakic et al. 2008: 52). Die verschiedenen Organisationen der Sozialen Arbeit werden dem Organisationstypus der sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisation zugerechnet, die nach Klatetzki soziale Einrichtungen umfassen „die Individuen bilden, sozialisieren, therapieren, rehabilitieren, pflegen und/oder ihnen einen bestimmten sozialen Status zuweisen“ (Klatetzki 2010: 10). Seit den 1990er Jahren ist in beiden Ländern eine Krise des Sozialstaates und ein neoliberaler Umbau zu beobachten. Focault beschreibt im Beitrag „Geschichte der Gouvermentalität“ die neoliberalistische Regierungsform als ein Programm in kapitalistisch ausgerichteten Staaten, dass auf die Übertragung marktförmiger Prinzipien auf alle Gesellschaftsbereiche abzielt. Wie schon beschrieben wird das Individuum dabei „angerufen“ als „Unternehmer seiner Selbst“ an seiner ständigen Optimierung zu arbeiten um all seine Potenziale zu verwerten. (vgl. Focault 2004b: 210f.) Die neoliberalistische Regierungslogik des Staates überträgt dieses Denksystem auch auf die Soziale Arbeit, und im Rahmen der „Ökonomisierung des Sozialen“ (Bröckling et al. 2000) werden Strategien der Liberalisierung, Privatisierung und Flexibilisierung in der Sozialen Arbeit angewendet und beeinflussen ihre fachlichen und sozialpolitischen Ressourcen. Als bedeutsamsten Aspekt dieser Veränderungen beschreiben Bakic et al. die Tendenz, verschiedenste soziale Leistungen quantitativ zu messen um sie statistisch fassbar zu machen und finanzielle Mittel nach diesen rationalen Kriterien zu verteilen. Gerade Soziale Arbeit zeichnet sich in ihren fachlichen Zugängen durch ein hohes Maß an Komplexität aus, dass quantitativ schwer zu fassen ist. Doch ihre eigenen fachlichen Definitionen und Methoden zu Erreichung ihrer Ziele werden ihr zunehmend entzogen. Soziale Arbeit ist nicht in ihrem Bestand generell bedroht als vielmehr in ihren Möglichkeiten, einerseits eine gesellschaftskritische Position einzunehmen und andererseits nach ihrem spezifischen Verständnis, fernab von ökonomischen Prinzipien, zu handeln. (vgl. Bakic et al. 2008: 53) Ein wesentliches Merkmal neoliberalistischer Steuerung Sozialer Arbeit ist in der „aktivierenden Sozialpolitik“ (vgl. Dahme/Wohlfahrt 2005) zu erkennen. Dieses neoliberalistische Programm individualisiert Ursachen für Problemlagen und appelliert an die Eigenverantwortung des Einzelnen und bezieht sich dabei auf SozialarbeiterInnen und AdresatInnen gleichermaßen. Dies vollzieht sich nicht über gesetzlich-politische Instanzen und sondern funktioniert vielmehr im Sinne einer Führungspolitik, wie sie Focault mit den „Techniken des Selbst“ (Punkt 4) beschreibt. Eingebettet in ein bürokratisches System sind es die SozialarbeiterInnen selbst, die diese neoliberalen Werte vermitteln, die die Anpassung der KlientInnen an den Markt zum Ziel haben und auch mit Zwang und Disziplinierung umgesetzt werden. (vgl. Bakic et al. 2008: 53).

Aufgrund dieser Ökonomisierungsprozesse schlägt Wulf-Schnabel vor, zwischen zwei Subjektivierungsarten zu unterscheiden. Er hat den Reorganisationsprozess und seinen Einfluss auf Geschlechterverhältnisse und Subjektivierungsweisen mittels Interviewerhebungen mit SozialarbeiterInnen eines Trägers der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland untersucht und stellte fest: Erstens gibt es eine fest eingelagerte Subjektivierung Sozialer Arbeit, die als „gefangene Subjektivierung“ ein wesentliches Charakteristikum Sozialer Arbeit ist. Sie ist „gefangen“, weil Soziale Arbeit sie impliziert und sie nicht freigesetzt werden kann. Sie ist die interpersonale Arbeit an Beziehungen und geschieht in der Koproduktion von SozialarabeiterInnen und AdresstInnen, um Arbeitsziele zu erreichen und zielt nicht auf ökonomische Mehrwertproduktion ab. Das verlangt von SozialarbeiterInnen Beziehungs-, Kommunikations- und Reflexionsfähigkeiten sowie das Einbringen der gesamten Persönlichkeit in die Arbeit. Gleichzeitig hat sie das Eindringen der Arbeit in die Persönlichkeit der Beschäftigten zur Folge. (vgl. Wulf-Schnabel 2011: 25f.) Durch die Ökonomisierung Sozialer Arbeit entwickelt sich zusätzlich eine „wettbewerbliche Subjektivierung“, die von SozialarbeiterInnen und AdresstInnen verlangt, sich nach dem Markt auszurichten. Beide Subjektivierungsarten bestehen in unterschiedlicher Ausprägung in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit neben- und gegeneinander. (vgl. ebd.)

5. Soziale Arbeit und Geschlechterfragen

An dieser Stelle soll auf die historisch-kulturellen geschlechtsbezogenen Züge hinsichtlich der Anerkennung Sozialer Arbeit eingegangen werden, die im engen Verhältnis zur Emotionsarbeit stehen. (vgl. Wulf-Schnabel 2011: 21). Soziale Arbeit entwickelte sich aus Bewegungen der bürgerlichen Sozialreform und Frauenbewegungen heraus und wurde zu einem Fürsorgebereich, der zum großen Teil von Frauen ausgeführt wird und weiblich konnotiert ist. Besonderes Charakteristikum Sozialer Arbeit ist das hohe Maß an Emotionsarbeit, das Einbringen von eigenen Gefühlen und das Wahrnehmen der Gefühle der AdressatInnen zählen zu den alltäglichen Anforderungen (vgl. ebd.: 45ff.), wie Hochschild schon thematisiert, ist diese weiblich codierte Arbeit nicht sehr prestigeträchtig. Auf die starke Expansion des sozialen Sektors seit den 70er Jahren reagierten insbesondere die Frauen, wobei atypische Beschäftigungsformen wie die Teilzeitbeschäftigung stark anstiegen. In wie weit diese zu Prekarisierung führen hängt stark mit familiären Verhältnissen zusammen, um die Positionierung von Männer und Frauen in einem Berufsfeld zu berücksichtigen, muss daher stets der Gesamtzusammenhang von Produktions- und Reproduktionsbereich betrachtet werden. In der Studie von Wulf-Schnabel zeigt sich die Entwicklung, dass Frauen einerseits überproportional häufig in atypischen Beschäftigungsformen tätig sind, ihnen geringer bewertete Tätigkeiten zugeschrieben werden und vermehrt die private Sorgearbeit leisten. Gleichzeitig gerät aber auch die Statusposition der Männer ins Wanken, denn sind sie auf der obersten Managementebene häufiger vertreten, besteht auf Ebene der Einrichtungsleitungen keine Männerdominanz mehr. Zudem sind auch Männer zunehmend von prekären Verhältnissen betroffen. Zukünftig wird es wichtiger, die Auswirkung des Ökonomisierungsprozesses auf Männer in der Sozialen Arbeit zu untersuchen, denn noch nie hat es einen so geringen Anteil an männlichen Studierenden gegeben und gleichzeitig weisen sie einen geringeren Bildungserfolg auf, was die Frage nach ihrem Statuts aufwirft. Andererseits werden durch diese Prozesse interne Geschlechterkorrelationen betrachtungsrelevant. (vgl. ebd.: 63ff.), weshalb es sinnvoll erscheint für diese Thematik das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Connell heranzuziehen, um den Blickwinkel zu erweitern und nicht nur das Verhältnis zwischen Frauen und Männern zu untersuchen sondern auch das zwischen einer Geschlechtergruppe (vgl. Conell 2000: 97). So geraten beispielsweise Männer in weiblich konnotierten Berufen unter einen Rechtfertigungszwang gegenüber anderen Männern, weil sie vom hegemonialen Männlichkeitsideal abweichen. Zwar lockern sich traditionelle Männlichkeitsnormen auf, doch treten bestimmte Geschlechterfragen latenter auf und sind aus einer Distanz wirksam. (vgl. Wulf-Schnabel 2011: 58ff.).

6. Emotionen in Transformationsprozessen Soziale Arbeit

Das unternehmerisches Selbst der SozialarbeiterInnen: Cora Herrmann ist der Frage nachgegangen, wie sich SozialarbeiterInnen die hier diskutierten Anforderungen der Transformationsprozesse hinsichtlich der „Qualität“ der Leistungen Sozialer Arbeit aneignen. Sie führte fünf exemplarischen ExpertInneninterviews mit SozialarbeiterInnnen der stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen in Deutschland (2004), als theoretischer Rahmen wurde die schon beschriebene Gouvermentalitätsperspektive von Focault herangezogen. Die Reflexion der Qualitätsdebatte ergab, dass sich eine Veränderung von der Vorstellung von „guter Arbeit“ vollzogen hat. In den neuen Steuerungsmodellen und den Neuregelungen der Finanzierungsmodelle offenbart sich die Ökonomisierung der Vorstellung von „guter Arbeit“. Über die Ausbreitung von Wettbewerbsmechanismen mittels der Erzeugung von Angst um die Sicherheit der Arbeitsplätze und dem Weiterbestehen der Einrichtungen werden die SozialarbeiterInnen sowie die Jugendlichen als UnternehmerInnnen ihrer selbst angerufen. Doch obwohl in fast allen Interviews die Qualitätsentwicklung als Prozess von „Außen“ thematisiert wird, (der nach „Innen“ wirkt), findet die Umsetzung der neuen ökonomischen Ausrichtung zwischen den einzelnen Beschäftigten und der Organisation statt. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Effekte des Wettbewerbs relativ einheitlich als problematisch beschrieben wurden, währenddessen die Verbreitung einer Wettbewerbslogik als Wahrheit anerkannt wird, die eine „kluge Positionierung“ der MitarbeiterInnen erfordert und sich durch die hohen Kosten der stationären Jugendhilfe und der allerorts benötigten Wirksamkeitsnachweise rechtfertigen zu scheint. Dies wurde in den Interviews vor allem durch die Übernahme betriebswirtschaftlichen Vokabulars der MitarbeiterInnen klar, die Einrichtungen erscheinen als „Betriebe“ die „effizient“ sein müssen. Einige MitarbeiterInnen berichteten in den Interviews, dass sie anfangs über die Forderungen der Nachweisbarkeit ihrer Effizienz und Effektivität verärgert waren, doch mittlerweile das selbst als sinnvoll betrachten. Im Gegenzug dazu wird der Anruf an die Jugendlichen, unternehmerisch aktiv mitzuarbeiten, einvernehmlich als sehr kritisch wahrgenommen. Denn was eigentlich als Empowerment-Konzept gedacht war, wird mittlerweile oftmals von der neoliberalen Politik aufgegriffen, um aktive Mitarbeit von den AdressatInnen mit Zwang zu fordern ungeachtet dessen, dass diese Fähigkeit der Beteiligung erst gefördert werden müsste. Für manche Jugendliche bedeutet das den Verlust von Hilfemaßnahmen (vgl. Herrmann 2007: 301ff.). Ein Beispiel aus Österreich ist die Einstellung der befristeten Berufsunfähigkeitspension von der PVA und Einführung des Rehabilitationsgeldes der WGKK[1]. Es kann hypothetisch davon ausgegangen werden, dass die Veränderung der Vorstellung von „guter Arbeit“ stark an die Veränderung der Gefühlsstruktur gekoppelt ist, mit dieser in Wechselwirkung steht. Das Leisten „guter Arbeit“ muss empfunden werden, gleichzeitig wird empfunden, was „gute Arbeit“ ist, auch wenn Herrman in ihrer Studie nicht darauf eingeht und dies empirisch überprüft werden müsste.

[...]


[1] „Ab 1.1.2014 wurde das Recht bei Invalidität (für ArbeitnehmerInnen) und bei Berufsunfähigkeit (für Angestellte) in der gesetzlichen Pensionsversicherung (PV) für die Gruppe der "unter 50-jährigen" geändert. Das Ziel ist die verstärkte Arbeitsmarktintegration von gesundheitlich beeinträchtigten Menschen. (...)Der/die Versicherte ist verpflichtet, an der Durchführung der medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen entsprechend mitzuwirken. Bei Verletzung der Mitwirkungspflicht ist das Rehabilitationsgeld für die Dauer der Weigerung zu entziehen. Den diesbezüglichen Bescheid erlässt der zuständige Pensionsversicherungsträge“ (PVA)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Emotionsarbeit in Transformationsprozessen Sozialer Arbeit
Hochschule
Universität Wien  (Soziologisches Institut)
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V383528
ISBN (eBook)
9783668589087
ISBN (Buch)
9783668589094
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emotionsarbeit Soziale Arbeit Subjektivierung der Arbeit Gouvermentalität Gender, Foucault Transformationsprozesse Identität
Arbeit zitieren
Sarah Brunner (Autor), 2015, Emotionsarbeit in Transformationsprozessen Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383528

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Emotionsarbeit in Transformationsprozessen Sozialer Arbeit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden