Phraseologie. Die Lehre von Phraseologismen


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Definition
3.1 Einführung in die Phraseologie
3.2 Einführung in die Terminologie

4. Abgrenzung der Phraseologismen
4.1 Morphologische Eigenheiten
4.2 Syntaktische Eigenheiten
4.3 Semantische Eigenheiten
4.4 Das Zentrum-Peripherie-Modell

5. Entwicklung der Phraseologismen

6. Phraseologismen im Wörterbuch

7. Bibliographie

2. Einleitung

„Kennst du viele Sprachen, hast du viele Schlüssel für ein Schloss.“[1]

Dieses Zitat von François-Marie Arouet de Voltaire soll einleitender Gedanke dieser Hausarbeit sein, welche sich mit dem sprachwissenschaftlichen Phänomen der Phraseologie beschäftigt. Wie der französische Philosoph der Aufklärung bereits richtig erkannte, kann Sprache Mittel sein, um unbekannte Türen zu öffnen und das dahinter Verborgene kennenzulernen. Jedoch birgt Sprache auch Hindernisse, deren Inhalt ohne ein spezifisches Wissen nicht verstanden werden kann. Länder haben demnach nicht nur andere Sitten und Sprachen, sondern auch andere Redewendungen. So ist man in Italien magro come un’acciuga ,dünn wie eine Sardelle’, in Frankreich maigre come un clou ,dünn wie ein Nagel’ und in Deutschland dünn wie eine Bohnenstange.

Der Ursprung der Phraseologie geht auf das von Charles Bally 1909 veröffentlichte Werk „Traité du stilistique française“ zurück und ist demnach ein bereits hundertjähriger Zweig der Linguistik.[2] Jedoch wurden die Gedankengänge des französischen Sprachwissenschaftlers nicht unmittelbar fortgeführt, sondern erst in den 40er Jahren von V.V. Vinogradov wieder aufgenommen. Internationales Interesse erlangte das Gebiet schließlich in den 70er Jahren. 1999 wurde die „Europäische Gesellschaft für Phraseologie“ (EUROPHRAS) gegründet und die Phraseologie stellt endgültig eine eigenständige linguistische Disziplin dar. Von besonderer Produktivität in den letzten Jahren sind die kognitive Orientierung der Phraseologie oder interkulturelle und kultursemiotische Gesichtspunkte.[3] Ausgehend von Harald Burgers internationalem Handbuch der zeitgenössischen Forschung wird in der vorliegenden Arbeit zunächst der Begriff der Phraseologie definiert. Entscheidende Definitionsmerkmale sind in diesem Fall die morphologischen, syntaktischen und semantischen Eigenheiten der Phraseologismen. Im Anschluss wird ein Überblick zur Einteilung der Phraseologismen gegeben, der im selben Zuge die Begriffe Idiomatizität, Polylexikalität und relative Festigkeit voneinander abgrenzt. Darüber hinaus wird die Frage nach der erbwörtlichen oder buchwörtlichen Entwicklung näher betrachtet und abschließend ein Einblick in die Darstellung der Phraseologismen in Wörterbüchern gegeben.

3. Definition

3.1 Einführung in die Phraseologie

Wie bereits angedeutet handelt es sich bei der linguistischen Disziplin der Phraseologie um ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft, die erst relativ spät internationales Interesse erlangte. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass sich eine oftmals beklagte terminologische Unübersichtlichkeit in diesem Gebiet manifestiert. Englischsprachige Autoren verwenden beispielsweise die Begriffe ,idiom’ und ,collocation’ als Oberbegriff. Dies kann zu Verwirrungen bei denjenigen Terminologien führen, bei denen Idiom und Kollokation Subklassen von Phrasemen sind. Um Verwirrungen in der vorliegenden Arbeit zu vermeiden, werden die Begriffe Phrasem, Phraseolexem, phraseologische Wortverbindung, Wortgruppenlexem und idiomatische Redewendung von vornherein ausgeschlossen und lediglich die Bezeichnung Phraseologismus verwendet.

Reinhard Kiesler definiert die Phraseologie in seinem 2006 erschienen Werk über die Problematik des Vulgärlateins wie folgt:

„Phraseologie oder Idiomatik sind feststehende Ausdrücke wie sprichwörtliche Redensarten mit figürlicher (,bildlich übertragener’) Bedeutung (mit seinem Latein am Ende sein), (teil-) idiomatische Wendungen (,tiefer Schlaf’), formelhafte Ausdrücke (,um so besser’), Zwillingsformeln (it. Sano e salvo ,unversehrt’), Sprichwörter (,Öl und Mühe vergeuden’, ,sich vergeblich bemühen’)“[4]

Darüber hinaus unterscheiden einige Autoren zwischen Phraseologismen im engeren Sinne und Phraseologismen im weiteren Sinne. Diejenigen Phraseologismen, die das Kriterium der Idiomatizität erfüllen, werden dementsprechend in die Klasse des engen Sinnes eingeordnet. Die Frage nach der Bedeutung des Begriffs Idiomatizität wird, wie bereits in der Einleitung angedeutet, im späteren Verlauf dieser Arbeit geklärt. Phraseologismen, welche die Eigenschaft der Idiomatizität nicht erfüllen, wie zum Beispiel das Phänomen der Kollokation, fallen in den Bereich des weiten Sinnes und werden somit von manchen Linguisten nicht als Phraseologismus gewertet. Ein weiteres wichtiges Kriterium zur Abgrenzung von Phraseologismen im engen und weiten Sinn ist der Satzcharakter. So sind diejenigen Phraseologismen unterhalb der Satzgrenze Teil der Phraseologismen im engen Sinn. Wohingegen Wortverbindungen mit Satzcharakter zu den Phraseologismen im weiten Sinn gezählt werden.[5] Ein Beispiel für eine Wortverbindung unterhalb der Satzgrenze wäre somit a primo acchito,auf Anhieb’ und für ein Satzwertiges dare il due di picche a qcn,jemandem einen Korb geben’.

Im englischsprachigen Raum wurde der Terminus set phrase eingeführt, der dem deutschen Begriff Phraseologismus gleichgesetzt wird:

„The general term set phrase will be used as an English equivalent of the German Phraseologismus in the broad sense, as defined by Burger (1998). It thus includes all fixed expressions of language, such as collocations, idioms, quasi-idioms, catch phrases, routines, proverbs.“[6]

3.2 Einführung in die Terminologie

In diesem Abschnitt, der einen Überblick über die wichtigsten terminologischen Besonderheiten gibt, werden die auf Charles Bally zurückgehenden Klassifikationen erläutert. Anzumerken ist, dass lediglich diejenigen Klassifikationen erwähnt werden, die in der russischen Tradition eine tragende Rolle spielten, da diese Vorbild für zahlreiche spätere Klassifikationen sind. Die erste Subklasse der “phraseologischen Ganzheiten“ stellt ein völlig unmotiviertes Idiom dar, dessen Bedeutung von den Bedeutungen ihrer Konstituenten nicht abgeleitet werden kann.[7] Das im deutschen Sprachraum verbreitete Idiom ,ins Gras beißen’ ist für den nicht Muttersprachler schwer bis gar nicht zu deuten, da sich der übertragene Sinn nicht aus den einzelnen Lexemen ableiten lässt. Im Italienischen hingegen ,zieht man das Leder’, tirare le cuoia.[8] Im Gegensatz zu den intransparenten, unmotivierten Phraseologismen lassen die “phraseologischen Einheiten“ zu, dass sich der Sinn aus den einzelnen Komponenten erschließen lässt. Demzufolge sind es Idiome mit einer lebendigen inneren Form, d.h. Idiome mit einer transparenten bildlichen Grundlage, die ihre aktuelle Bedeutung als Ergebnis der semantischen Derivation erscheinen lassen.[9] Ein Beispiel dafür wäre der Phraseologismus ,Wer die Wahl hat, hat die Qual’, non avere que l’imbarazzo della scelta. Die letzte bedeutende Subklasse stellt die “phraseologische Verbindung“ dar. Diese bildet Kollokationen, deren Bedeutung sich aus den Bedeutungen ihrer Konstituenten zusammensetzt, wobei eine der Konstituenten in ihrer “phraseologisch gebundenen“ Bedeutung auftritt, d.h als Kollokator fungiert.[10] So macht man in Italien morgens die Dusche fare la doccia, wohingegen man in Deutschland eine Dusche nimmt. An dieser Stelle ist darüber hinaus anzumerken, dass in der Linguistik umstritten ist, ob Kollokationen noch im weiten Sinne den Phraseologismen zugeordnet werden können, oder ob sie kein Teil dieser linguistischen Disziplin sind.

4. Abgrenzung der Phraseologismen

Im Gegensatz zu freien Wortverbindungen und Sätzen, weisen Phraseologismen fünf wesentliche Eigenschaften auf, die es Sprachwissenschaftlern ermöglichen, dieses linguistische Phänomen mehr oder weniger eindeutig abzugrenzen. In diesem Abschnitt sollen diese Merkmale, nämlich Polylexikalität, relative Festigkeit, Idiomatizität, Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit näher betrachtet werden.

4.1 Morphologische Eigenheiten

Laut der polnischen Linguistin Ewa Łabno-Falęcka gilt die Polylexikalität als das „augenfälligste Merkmal der Phraseme[11] Der Begriff setzt sich aus den griechischen Lexemen poly ,viel’ und lexis ,Wort’ zusammen. Das heißt jeder Phraseologismus besteht aus mindestens zwei Wörtern. Phraseologismen, die aus lediglich zwei Wörtern bestehen, bilden die Untergrenze der möglichen Phrasemstrukturen. Eine mögliche Einteilung der Phraseologismen, die jedoch nicht einstimmig von allen Linguisten anerkannt wird, liefert Elke Donalies, welche im Folgenden näher betrachtet wird. Grundsätzlich lassen sich Phraseologismen in zwei unterschiedliche Kategorien einteilen. Die Kategorie der Minimalstrukturen kann Phraseologismen, die nur aus Synsemantika bestehen, umfassen, jedoch auch Satzwertige wie beispielsweise avere le mani di burro ,ungeschickt sein’. So ergeben sich fünf Phrasemgruppen, die der Kategorie Minimalstruktur angehören. Die erste Gruppe besteht lediglich aus Synsemantika, wie zum Beispiel fino a ,bis zu’. In einem vollständigen Satz könnte dieser Phraseologismus wie folgt eingebaut werden: Fino a casa nostra sono solo cinque minuti a piedi. ,Bis zu unserem Haus sind es nur fünf Minuten zu Fuß.’ Die zweite Gruppe umfasst ein Synsemantikum und ein Autosemantikum, wie zum Beispiel di primo acchito ,auf Anhieb’. So lautet ein Beispielsatz der zweiten Gruppe: Di primo acchito, potrebbe sembrare una questione secondaria, ma il principio è invece importante. ,Auf den ersten Blick scheint es kein wichtiger Sachverhalt zu sein, aber er ist in Wirklichkeit von prinzipieller Bedeutung.’ Die nächste Gruppe umfasst zwei Synsemantika und ein Autosemantikum, wie zum Beispiel fino al collo ,bis zum Hals’ in dem Satz: Sono nei debiti fino al collo. ,Ich stecke bis zum Hals in Schulden.’ Die vierte Gruppe besteht rein aus Inhaltswörtern wie libro nero ,schwarze Liste’: Sono certo che mi spetterebbe un posto nel libro nero della Commissione per tale comportamento. ,Ich bin sicher, dass ich für solch ein Verhalten auf der schwarzen Liste der Kommission landen werde.’ Ein Phraseologismus, der die Eigenschaften von Satzwertigem erfüllt, gehört der fünften Gruppe an. Ein Beispiel dafür ist essere nato con la camicia ,ein Glückspilz sein’: Sei veramente nato con la camicia. Vinci sempre! ,Du bist wirklich ein Glückspilz. Immer gewinnst du!’ Ein Blick in die Forschungsdebatte zeigt, dass sich viele Sprachwissenschaftler uneinig über die Kategorisierung sind. So definiert Heinz-Helmut Lüger einen Phraseologismus wie folgt: „eine sprachliche Ausdruckseinheit aus wenigstens zwei Wörtern, wobei mit dem Begriff ,Wort’ nur Lexeme mit eigenständiger Bedeutung (Autosemantika) gemeint sind.“[12] Dementsprechend schließt er all diejenigen Gruppen aus, die ein oder mehrere Synsemantika beinhalten und erkennt ausschließlich Phraseologismen bestehend aus Autosemantika an. „Gertrud Gréciano dagegen nimmt in ihre Definition auch solche Verbindungen mit hinein, die rein aus Funktionswörtern aufgebaut sind.“[13]

Die Obergrenze der möglichen Phrasemstrukturen umfasst zwei Gruppen: Sätze und Texte. La vita punisce i ritardatari! ,wer zu spät kommt, den bestraft das Leben’ ist ein mögliches Beispiel für ein Satzphrasem. Die Frage ob mehrere aneinander gereihte Sätzen als Phraseologismus einzuordnen sind, bleibt umstritten. Jedoch ist es Tatsache, dass auswendig gelernte Textpassagen oder Gedichte in das kollektive Gedächtnis ganzer Generationen eingingen und somit ein wichtiges Kriterium des Phänomens Phraseologismus erfüllt ist. So ist es nicht verwunderlich, dass der macellaio um die Ecke in Italien den Anfang von A. Manzonis Roman I promessi Sposi aufzusagen weiß: „Quel ramo del lago di Como, che volge a mezzogiorno, tra due catene non interrotte di monti, tutto a seni e a golfi, a seconda dello sporgere e del rientrare di quelli, (...)“[14] Nachzuvollziehen bleibt jedoch, dass einige Linguisten wie beispielsweise Melanie Higi-Wydler diese Obergrenze nicht akzeptieren und nur diejenigen Phrasemstrukturen anerkennen, die unterhalb der Satzgrenze liegen.[15] Auf Grund der Uneinigkeit über die Einteilung der Phraseologismen wäre es, so Barbara Wotjak, von Vorteil eine Kategorisierung in nicht-, teil-, und vollidiomatische Einheiten vorzunehmen.[16]

4.2 Syntaktische Eigenheiten

„Solche Wendungen kann man nicht improvisieren, sie sind durch die Tradition vorgegeben.“ [17]

Wie sich bereits aus dem oben genannten Zitat vermuten lässt, stellen Phraseologismen ein fertiges Produkt des Sprechens dar, die sich in der Tradition Saussures unter dem Begriff der langue einordnen lassen. Phraseologismen zeichnen sich also dadurch aus, dass sie Wiederholungen sind, die in immer gleicher oder ähnlicher Weise reproduziert werden.[18] Mit Reproduzierbarkeit ist laut Christine Palm also gemeint, dass Phraseologismen „als bereits fixierte Mini-Texte in der Rede und im Text nicht jedes Mal von Grund auf neu gebildet werden, sondern schon als fertige Einheiten zur Verfügung stehen.“[19] Jedoch darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass Sprache an sich immer die Reproduktion von bereits Gesagtem ist. Wäre dem nicht so, existierte unsere Sprache als solche nicht. Sobald man diesen Gedankengang weiterführt, fällt auf, dass es sich bei Phraseologismen nicht lediglich um eine wahllos reproduzierte Anordnung von Worten handelt. Bei dem Phänomen des Phraseologismus handelt es sich immer um die „Wiederholung bestimmter Verbindungen.“[20]

Durch die ständige Wiederholung im Verlauf der Sprachentwicklung gingen die festen Verbindungen der Phraseologismen in unser mentales Lexikon über und „brannten sich en bloc in unser Gedächtnis ein.“[21] Dieses Ereignis wird in der Linguistik als Lexikalisierung bezeichnet und stellt ein weiteres bedeutendes Kriterium zur Abgrenzung eines Phraseologismus von freien Wortgruppen dar.

Die bereits oben zitierte polnische Sprachwissenschaftlerin Łabno-Falęcka sieht die Syntaktische Anomalie, die Phraseologismen aufweisen, als das wichtigste Identifikationsmittel, um diese zu bestimmen.[22] Wie der Begriff bereits andeutet, geht es bei der syntaktischen Anomalie darum, dass sich Phraseologismen üblichen syntaktischen Operationen verweigern.[23] Anhand des folgenden Beispiels gettare la spugna ,das Handtuch werfen’ wird nun demonstriert, inwiefern Phraseologismen syntaktisch anomal sind. Non devi gettare la spugna. Si la getti non puoi giocare la prossima volta! ,Du darfst das Handtuch nicht werfen. Wenn du es wirfst, kannst du nächstes Mal nicht spielen.’ Laut Harald Burger ist die Pronominalisierung in Phraseologismen nicht korrekt. So ist der zweite Satz in dem das Lexem spugna ,Handtuch’ durch das Pronomen la ,es’ ersetzt wurde grammatikalisch falsch. Der Fehlschlag bei dem Versuch einen Phraseologismus zu pronominalisieren, stellt nur eine von vielen möglichen syntaktischen Operationen dar. Eine weitere unmögliche Erweiterung wäre es, ein Autosemantikon mit einem Adjektiv zu erweitern. Das Äquivalent zum deutschen Phraseologismus ,ins Gras beißen’ wird im Italienischen mit der Konstruktion tirare le cuoia ausgedrückt. Im Deutschen wäre der Satz ,Er hat ins nasse Gras gebissen’ genauso inkorrekt wie mia nonna ha tirato le cuoia zuppa.

Ein weiteres Beispiel für die syntaktische Anomalie ist die Nichtaustauschbarkeit von Lexemen des Phraseologismus mit bedeutungsnahen Wörtern. So würde eine Kommutation einzelner Wörter den Sinn vollkommen verändern oder zu inakzeptablen Ausdrücken führen.[24] Im Italienischen gibt es den Ausdruck mettere troppo carne al fuoco ,zu viel Fleisch aufs Feuer legen’. Dieser Ausdruck bedeutet, dass man sich mit zu vielen Sachen gleichzeitig beschäftigt. Ersetzte man nun das Autosemantikon carne mit dem bedeutungsnahen Lexem bistecca, wäre der Phraseologismus zwar grammatikalisch noch korrekt, jedoch ginge der Sinn verloren. Sempre metti troppa bistecca al fuoco. Ascoltami! Wie sooft herrscht auch in diesem Punkt Uneinigkeit. So sind andere Linguisten anderer Meinung und sehen dialektale Variationen wie ,seinen Kren dazugeben’ anstatt ,seinen Senf dazugeben’ als korrekt und möglich an. So lassen sich Phraseologismen schlussfolgernd durchaus kreativ abwandeln und verändern.[25] Harald Burger behauptet sogar, dass Phraseologismen überwiegend normal seien und es nur einige wenige „syntaktisch poröse“ Phraseologismen gibt.[26]

4.3 Semantische Eigenheiten

Im Folgenden werden die wichtigsten semantischen Eigenheiten der Phraseologismen erörtert. Zunächst wird der Begriff der Idiomatizität näher betrachtet. Laut Regina Hessky wird „Idiomatizität in der Dimension der Verhältnisse zwischen der Bedeutung der ganzen phraseologischen Einheit und den Bedeutungen/der Bedeutung der einzelnen Komponenten behandelt.“[27] Burger beschreibt Idiomatizität als die „nicht regulär interpretierbare Gesamtbedeutung einer Verbindung.“[28] Phraseologismen haben demzufolge eine Übertragung erfahren, die es schwierig machen ihre Gesamtbedeutung ohne ein spezifisches Wissen zu verstehen. Wie bereits in der Einleitung angedeutet, wird dem Lernenden einer Sprache dieses spezifische Wissen nicht durch produktive Regeln mitgeliefert, sondern es muss unabhängig von den Einzelbedeutungen der Komponenten erlernt werden. Interessant an dieser Stelle ist, dass oftmals die direkte Bedeutung eines Phrasems absurd ist. Wie zum Beispiel der Ausdruck avere le mani di burro ,zwei linke Hände haben’. Eine Person, die ohne spezifisches Wissen den Satz „Fai attenzione. Hai veramente le mani di burro!” zu hören bekommt, wird lange nach dem Mann mit den Butterhänden suchen.

Zu klären bleibt, ob jeder Phraseologismus gleich idiomatisch ist. Es ist üblich, nach voll-,teil,- und nichtidiomatischen Phraseologismen zu unterteilen. Die Bestandteile eines vollidiomatischen Phraseologismus sind allesamt idiomatisch wie zum Beispiel gettare in mare ,etwas über Bord werfen.’ Ein blinder Passagier hingegen, bleibt immer ein Passagier, der jedoch nicht zwingend blind sein muss. Dieser Phraseologismus ist schlussfolgernd teilidiomatisch. Der Phraseologismus adottare misure ,Maßnahmen treffen’ gehört der Gruppe der nichtidiomatischen Phraseme an, da er keine zweite semantische Dimension aufweist und mit dem Wissen über die Bedeutung seiner Komponenten verstanden werden kann. Ein weiteres Beispiel für ein nichtidiomatisches Phrasem wäre unter anderem auch die Redewendung il padre orgoglioso ,der stolze Vater’, da dieses keine Übertragung erfahren hat.

[...]


[1] Francois- Marie Arouet de Voltaire gefunden unter http://www.aphorismen.de/suche?f_autor=3918_Voltaire (abgerufen am 24.08.2015)

[2] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007.

[3] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007.

[4] Kiesler, Reinhard. Einführung in die Problematik des Vulgärlateins. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 2006.

[5] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007.

[6] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007. S. 3

[7] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007. S. 4

[8] http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/italienisch-deutsch/cuoia (abgerufen am 12.10.15)

[9] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007. S. 4

[10] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007. S. 4

[11] Łabno- Falęcka, Ewa. Phraseologie und Übersetzen. Eine Untersuchung der Übersetzbarkeit kreativ- innovativ gebrauchter wiederholter Rede anhand von Beispielen aus der polnischen und deutschen Gegenwartsliteratur, In: Europäische Hochschulschriften Reihe XXI. Linguistik 148, Frankfurt 1995.

[12] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 7

[13] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 7

[14] Manzoni, Alessandro. I promessi Sposi. Casa Editrice f. le monnier. Firenze 1965

[15] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 10

[16] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007. S. 41

[17] de Saussure, Ferdinand. Bally Charles & Sechehaye Albert (Hrsg.) Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 3. Auflage. Walter Gruyter Verlag. Berlin. 2001

[18] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 11

[19] Palm, Christine. Phraseologie-Eine Einführung. Gunter Narr Verlag. Tübingen. 1995. S.36

[20] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 12

[21] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 11

[22] Łabno- Falęcka, Ewa. Phraseologie und Übersetzen. Eine Untersuchung der Übersetzbarkeit kreativ- innovativ gebrauchter wiederholter Rede anhand von Beispielen aus der polnischen und deutschen Gegenwartsliteratur, In: Europäische Hochschulschriften Reihe XXI. Linguistik 148, Frankfurt 1995.

[23] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 14

[24] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 16

[25] Donalies, Elke. Basiswissen deutsche Phraseologie. Narr Francke Attempo Verlag GmbH+ Co.KG. Tübingen 2009. Seite 17

[26] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007

[27] Hessky, Regina. Phraseologie. Linguistische Grundfragen und kontrastives Modell deutsch/ungarisch. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 1987. S. 26

[28] Burger, Harald. Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg.) Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Walter de Gruyter GmbH & Co.KG, Berlin 2007

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Phraseologie. Die Lehre von Phraseologismen
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Romanistik)
Veranstaltung
Lexikologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V383572
ISBN (eBook)
9783668590960
ISBN (Buch)
9783668590977
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Theresa Flammersberger (Autor), 2015, Phraseologie. Die Lehre von Phraseologismen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383572

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