Die Bedeutung der Heimatfront im Kontext des Deutsch-Französischen Krieges 1870-1871


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Definition des Begriffs der „Heimatfront“

2. Rahmenkapitel: Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges

3. Charakteristika des Deutsch-Französischen Krieges: Einbeziehung der Öffentlichkeit und Mobilmachung der Gesellschaft
3.1 Neue Kommunikationsmittel
3.2 Die Rolle der Medien im Krieg
3.3 Beziehung Front – Heimatfront
3.4 Die Rolle der Vereine

4. Die Kriegswirtschaft

5. Ein Krieg im Wandel: Vom Kabinettskrieg zum Modernen Krieg und Volkskrieg?

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung der Heimatfront im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Darauf hinführend möchte ich zunächst den Begriff der Heimatfront erläutern. Anschließend sollen in einem Rahmenkapitel kurz die Hintergründe des Krieges beleuchtet werden. Im Hauptteil werde ich schließlich auf die Besonderheiten des deutsch-französischen Krieges, die Einbeziehung der Öffentlichkeit und Mobilmachung der Gesellschaft, eingehen. Hier spielen insbesondere das Aufkommen neuer Kommunikationsmittel und die daraus resultierende veränderte Rolle der Medien eine Rolle. Darüber hinaus sollen die Wechselbeziehungen skizziert werden, die im Krieg zwischen Front und Heimatfront bestanden. Ebenfalls untersucht werden soll, welchem Kriegstypus der Deutsch-Französische Krieg zuzuordnen ist. Im Fazit werde ich auf meine Fragestellung nach der Bedeutung der Heimatfront im Deutsch-Französischen Krieg Bezug nehmen und die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen.

1.1 Definition des Begriffs der „Heimatfront“

Der Begriff der Heimatfront wurde erstmalig im Zusammenhang mit den beiden großen Weltkriegen 1914/18 und 1939/45 verwendet.[1] Erst in der jüngeren Forschung wurde er auch auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 angewandt.[2] Der Begriff der Heimatfront deutet an, dass es in Abgrenzung zu der eigentlichen Front, dem Schlachtfeld, noch eine zweite Front, nämlich die in der Heimat gab. Wieso aber spricht man von einer „Heimat-Front“, wenn sich die eigentlichen Kampfhandlungen in weiter Ferne zutragen? Bei Seyferth heißt es dazu:

„Der Terminus 'Frontʹ impliziert eine geschlossene Reihe zur Abwehr eines von außen andringenden Feindes. Wichtige Merkmale der Front sind Einigkeit, Disziplin, Abwehrbereitschaft und auch Opferbereitschaft.“.[3]

Im Krieg von 1870/71 führte die Erfahrung der Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes zu einer konstruierten Einheit zwischen dem eigentlichen kriegsführenden Heer an der Front und der Bevölkerung zu Hause. Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang ist, in wie weit dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, bewusst von der Regierung gefördert und vorangetrieben worden ist.[4] Rückblickend betrachtet wird dem Deutsch-Französischen Krieg die Funktion der Nation-Bildung zugesprochen. Das Ende des Krieges führte zur Gründung des Deutschen Reichs am 18. Januar 1871. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde die zivile Bevölkerung auf deutscher Seite in einem bis dato unbekanntem Ausmaß mit in den Krieg einbezogen. Diese Einbeziehung fand auf vielfältige Art und Weise statt. Die Heimatfront war im Wesentlichen verantwortlich für die Bereitstellung aller verfügbaren Ressourcen für den Krieg (vgl. Seyferth, S. 10). Jedoch wurde die Bevölkerung bereits im Vorfeld des Krieges auf die geplanten kriegerischen Handlungen 'eingeschworen'.

„Immer größere Teile der Bevölkerung wurden direkt oder indirekt in den Krieg involviert. Dadurch intensivierte sich die Wechselbeziehung zwischen Krieg und Gesellschaft.“.[5]

Doch welche direkten und indirekten Möglichkeiten der Einbeziehung der Bevölkerung gab es im Krieg? Zu welchen Wechselbeziehungen führte die Einbeziehung? Diese und weitere Fragen sollen in den folgenden Kapiteln thematisiert und beantwortet werde.

2. Rahmenkapitel: Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges

Die Ursachen des Deutsch-Französischen Krieges sind in der Forschung vielfach diskutiert worden. Die Gewichtung der einzelnen Ereignisse am Vorabend des Kriegsausbruchs ist immer noch umstritten . Die Hintergründe des Krieges von 1870/71 werde ich an dieser Stelle nur knapp umreißen, da sie nicht den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden.

Im Vorfeld des Krieges gab es vielfältiges Konfliktpotential im Ringen der europäischen Mächte um eine Vormachtstellung auf dem Kontinent. Das Kaiserreich Frankreich unter Louis Napoleon hatte Ambitionen, sich die Hegemonie in Europa zu sichern. Vordergründiges Ziel der französischen Außenpolitik war es deshalb andere europäische Staaten an der Erweiterung ihrer Macht zu hindern. So versuchte die französische Außenpolitik konkurrierende Staaten gegeneinander auszuspielen. Insbesondere sahen sich die Franzosen von Österreich in der Erweiterung ihrer Einflusssphäre bedroht. Frankreich versuchte engere Beziehungen mit Italien und Spanien aufzubauen, mit dem Ziel deren Einfluss in Südeuropa zu stärken. Frankreich spekulierte darauf, dass ein mächtiges Italien und Spanien im Mittelmeerraum auf längere Sicht Österreich angreifen und besiegen würden. Damit wäre eine Gefahr durch Österreich endgültig abgewendet. Es kam jedoch anders. Im Jahre 1886 weitete sich die Frage um die spanische Thronnachfolge zu einem unterschwelligen Streit zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund unter Bismarck aus. Bismarck, der den französischen Einfluss auf die süddeutschen Staaten zurückdrängen wollte, förderte die Kandidatur von Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, der der süddeutschen Linie der Habsburger entstammte. Dies stellte für Frankreich eine offene Provokation dar und beide beteiligten Parteien waren sich darüber im Klaren, dass dieser Streit zu einem Krieg führen könnte. Als die Empörung in Frankreich über die Provokation Deutschlands wuchs, erklärte sich Bismarck dazu bereit, die Kandidatur zurückzuziehen. Damit war die Kriegsgefahr vorerst abgewendet. 1870 eskalierte die angespannte Situation zwischen Frankreich und Preußen erneut, als eine Nachricht des französischen Botschafters Benedetti an den preußischen König Wilhelm I, die „Emser Depesche“, in die Hände von Bismarck gelangt. Die Brisanz der Nachricht bestand darin, dass Benedetti als nachträgliche Bestrafung für die als Provokation empfundene Hohenzollern-Kandidatur, Forderungen an den preußischen König erhob. Bismarck, der um die Unrechtmäßigkeit der Forderungen wusste, gab eine Pressemitteilung dazu ab. Die Zeitungsleser in Preußen reagierten mit Empörung auf den Umgang des französischen Botschafters mit ihrem König. Die starke Identifikation der Bevölkerung Preußens mit der Person König Wilhelms führte dazu, dass diese sich ebenfalls in ihrer Ehre herabgesetzt fühlten. Durch die intensive Partizipation der Bevölkerung weitete sich die Verärgerung über den Umgang des Botschafters mit dem König zu einer Beleidigung einer gesamten Nation aus.[6] Als tags darauf in der französischen Presse Bismarcks Pressemitteilung abgedruckt wurde, reagierte die französische ebenfalls mit Empörung. Dieses Ereignis, das als „Emser Beleidigungsaffäre“ in die Geschichte eingegangen ist, führte dazu, dass Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärte. Becker äußert sich zu dem Auslöser des Deutsch-Französischen Krieges wie folgt: „Dass die Verletzung der diplomatischen Etikette sich zu einem Krieg ausweiten konnte, war der Berichterstattung der Zeitungen geschuldet.“.[7] Der Krieg von 1870/71 traf in Deutschland auf eine „Gesellschaft inmitten eines gigantischen wirtschaftlichen Transformationsprozesses, und eines gleichzeitigen religiösen und kulturellen Wandels (…).“.[8]

3. Charakteristika des Deutsch-Französischen Krieges: Einbeziehung der Öffentlichkeit und Mobilmachung der Gesellschaft

Die Heimatfront des Deutsch-Französischen Krieges zeichnete sich durch eine starke Einbindung der Bevölkerung in den Krieg aus. Diese Einbeziehung wurde seitens der Regierung teilweise bewusst betrieben. Zum einen, um die Bevölkerung für den Krieg zu mobilisieren, zum anderen um die Reichseinigungspolitik Bismarcks voranzutreiben. Die zivile Bevölkerung wurde in den Krieg mit hineingenommen. Becker stellt dazu kritisch fest: „[Die] Einbeziehung der gesamten Nation [war] nur Idealvorstellung, es gab auch Uninformierte und Desinteressierte.“.[9] Die Einbindung breiter Bevölkerungsteile in das Kriegsgeschehen wurde durch technische Neuerungen und Weiterentwicklungen im Bereich der Kommunikationstechnologien ermöglicht.

3.1 Neue Kommunikationsmittel

Seit den 1860er Jahren befanden sich die Printmedien in einem rasanten Aufschwung. Der Rezipienten-Kreis von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern lag bei täglich ca. 3 Millionen Menschen.[10] Beständig wurde der Markt mit neuen Publikationen überschwemmt. Fehlende Urheberrechte ermöglichten Nachdrucken und Vervielfältigungen in unbegrenzter Anzahl.[11] Die neu entdeckte Freude am Lesen und der Drang, sich umfassend zu informieren, zeigte sich auch an den plakatierten Litfass-Säulen, um die sich Menschenmassen sammelten.

Die Zeitungen informierten über die aktuellen Entwicklungen und halfen mit ihrer Art der Berichterstattung bei der Mobilmachung:

„ (…) fiel mir (…) eine Zeitung in die Hand, auf deren erster Seite in fettem Druck mitgeteilt war, dass die Franzosen toll geworden seien und der Krieg unmittelbar bevorstehe. In demselben Moment stand es mir, ohne Ueberlegung und als etwas selbstverständliches, fest, dass ich mitgehen würde.“ (Friedrich Leo, S.1).

Ab 1850 hatte sich die elektrische Telegrafie in Deutschland durchgesetzt. Ein flächendeckendes Telegrafie-Netz ermöglichte die Übermittlung von Texten über mehr oder minder große Entfernungen hinweg. Die Telegrafie trug erheblich zur Überwindung der raumzeitlichen Distanz bei. So ermöglichte die neue Technologie eine Beschleunigung der Kommunikation zwischen den Soldaten im Krieg und den Daheimgebliebenen. Die Geschehnisse auf dem Schlachtfeld rückten näher an das Publikum zu Hause. Bei Becker heißt es dazu: „Das heimische Publikum erlebt den Krieg mit. Der Krieg taucht aus dem Dunkel der Unsichtbarkeit auf.“.[12] Der voranschreitende Bau von Eisenbahnen trug ebenfalls zu einer Verringerung der raumzeitlichen Distanz zwischen Schlachtfeld und Heimat bei. Durch das neue Transportmittel konnte zusätzliche Soldaten zur Verstärkung der kämpfenden Truppe schneller zum Kriegsschauplatz befördert werden.

Die Depeschen der Kriegsberichterstatter erreichten die Zeitungsverlage mit nur geringer Verzögerung, wo sie schnellstmöglich abgedruckt wurden. Bismarck, der innenpolitisch aktiv die Reichseinigung zu fördern versuchte, führte die staatliche Kontrolle über die Printmedien ein. Zeitungen, die sich unerwünscht kritisch gegenüber dem Krieg äußerten und Zeitungen der Opposition wurden der Pressezensur unterzogen oder konfisziert.[13] „[Ein Großteil der] Zeitungen [stellte] sich [jedoch] von selbst aus in den Auftrag des Krieges und der nationalen Einigungspolitik.“.[14]

Zwischen den Zeitungen entbrannte ein Wettrennen um die aktuellsten Informationen über die Kriegshandlungen.[15] Die Kriegsberichterstatter übten eine wichtige Funktion aus. Das Publikum in der Heimat war abhängig von ihrer Berichterstattung. Ihre Schilderungen und Darstellungen von den Ereignissen auf dem Kriegsschauplatz prägten maßgeblich die Wahrnehmung der Menschen in der Heimat. Die Motive der Kriegsberichterstatter sich den kämpfenden Truppen anzuschließen und sich somit in Gefahr zu begeben, waren unterschiedlich und flossen in ihre subjektive Wahrnehmung der Ereignisse mit hinein. Kriegsberichterstatter, die den Anschluss an die Truppe verloren hatten, waren auf auskunftswillige Offiziere angewiesen.[16] Der Wert diese Informationen aus zweiter Hand war jedoch ungleich niedriger als Informationen von Augenzeugen. Die Unübersichtlichkeit auf dem Kriegsschauplatz trug zusätzlich dazu bei, dass selbst die Soldaten häufig nicht über die Situation ihrer Truppe innerhalb der Kampfhandlung im Bilde waren.[17] Becker sieht darin ein Paradox: „Der Mitverursacher eines Ereignisses besitzt ein Informationsdefizit gegenüber den Unbeteiligten (…).“.[18] Der Schriftsteller Fontane, der sich an die Front begab um sich ein Bild vom Kriegsschauplatz zu machen, schrieb in einem Brief an seine Frau Emilie: „Ihr werdet in Berlin besser wissen als ich hier, ob man den Frieden nahe glaubt oder nicht.“ (Fontane, S. 358).

Die Erlebnisse der Soldaten im Krieg konnten durch die schnelle Übermittlung von Nachrichten von der Front von den Menschen in der Heimat nachvollzogen werden. Dieses Miterleben steigerte sich zu einem regelrechten „Mitfiebern“.[19] Der Informationsaustausch war wechselseitig und fand nicht nur durch die Kriegsberichterstatter statt. Die Soldaten konnten Briefe per Feldpost an ihre Familien zu Hause verschicken und auch Post von ihnen bekommen. So konnte der Kontakt mit der Heimat aufrechterhalten werden. Diese Einbeziehung der Bevölkerung in den Krieg führte zu „kollektiv geteilten Erfahrungen“, die insbesondere auf dem Weg zur Entstehung eines Nationalstaats eine wichtige Rolle spielten.[20]

Zusätzlich zu den Kriegsberichterstattern gab es Bildberichterstatter. Zu ihnen zählten Militärmaler und Grafiker, die die Szenen auf dem Schlachtfeld künstlerisch festhielten. In Übereinstimmung mit der Tradition der europäischen Schlachtenmalerei wurden die Geschehnisse des Krieges jedoch häufig verklärend dargestellt.[21] Die Künstler folgten eher stilistisch vorherrschenden und populären Strömungen ihrer Zeit als dass sie sich zu einer realitätsgetreuen Abbildung bekannten.[22] Die Schlachtengemälde und Grafiken wurden als Einblattdrucke herausgegeben. Die einseitig, lose bedruckten Blätter stellten eine günstige Art der Nachrichten-Verbreitung dar und waren massenhaft im Umlauf. Becker bezeichnet die Einblattdrucke „als [ein] visuelles Massenmedium.“ [23].

Eine weitere Erfindung sorgte für neue Möglichkeiten des Miterlebens: Die Fotografie. Die Bilder vom Kriegsschauplatz vermochten ein relativ realitätsnahes Abbild der Situation an der Front zu vermitteln. Durch die Fotografie schien die „ Perspektive der Kriegsteilnehmer und der Daheimgebliebenen [miteinander zu] verschmelzen (…).“ [24] Die Menschen in der Heimat hatten jedoch keinen Einfluss darauf, was abgelichtet wurde. Die Auswahl einer Szene, das Motiv und die Perspektive der Ablichtung wurden von den Kriegsfotografen bestimmt. Hier offenbart sich die manipulative Wirkung der Fotografie.

3.2 Die Rolle der Medien im Krieg

Im Rahmenkapitel wurde bereits erwähnt, dass die Art der Berichterstattung der Zeitungen einen direkten Einfluss auf die politischen Entscheidungen ausübte. Im Kontext des Deutsch-Französischen Krieges spricht Becker hier von einer „Medienrealität des Krieges“.[25] Der Begriff bezeichnet die wechselseitige Beeinflussung zwischen Krieg und Gesellschaft. Die Berichte der Kriegsreporter wurden nicht nur von dem Publikum zu Hause rezipiert, sondern auch von den Soldaten an der Front gelesen.[26] Die Reaktionen auf die Darstellungen der Kriegsberichterstatter waren vielfältig. Das Publikum in der Heimat „fieberte mit“ und bejubelte die schnellen Erfolge der preußischen Truppen in den ersten Monaten des Krieges. Einige der Kriegsreporter erlangten durch ihre kompetente Berichterstattung einen gewissen Bekanntheitsgrad bei der heimischen Leserschaft. Die Soldaten hingegen begegneten den Informanten reserviert.[27] In ihren Augen ist der Berichterstatter eine Zivilperson, die in den meisten Fällen ohne eigene Fronterfahrung ist und dementsprechend auch ohne die nötige Expertise bzw. Fachkompetenz über die Kriegshandlungen schreibt. In anderen Fällen, wie z.B. bei Theodor Fontane wurden Schaulustige auf dem Kriegsschauplatz als Spione verdächtigt. Er schrieb später seine Erlebnisse als Kriegsgefangener auf. Anhand seiner Darstellungen wird deutlich, wie emotional aufgeladen die Stimmung in den deutschen Staaten gegenüber dem Kriegsgegner Frankreich war:

Über die Aufnahme, die das Buch [Kriegsgefangen: Erlebtes 1870 ] beim Publikum finden wird, bin ich einigermaßen neugierig; in Petersburg, in Warschau, in New York, in der Schweiz, in Holland wird man es wahrscheinlich mit Zustimmung lesen, hier wird man es wohl wieder zu 'franzosenfreundlich' finden, weil ich nicht ausgesprochen habe jeder Franzose muß zur Strafe seiner Sünden lebendig begraben werden.“ (Fontane, S. 392-393).

Die Macht der Medien bestand darin, dass sie ausgewählte Informationen veröffentlichen und andere zurückhalten konnte. Die intensive Berichterstattung der Medien suggerierte „die Illusion eines permanenten Austauschs“ und doch war die Wahrnehmung des Kriegsgeschehens an der Heimatfront stark abhängig von der Art der jeweiligen Einfärbung der Berichterstattung.[28]

3.3 Beziehung Front – Heimatfront

Um mit der Heimat in Kontakt zu bleiben, schrieben die Soldaten an der Front Briefe an ihre Familien und konnten im Gegenzug auch Post aus der Heimat erhalten. Diese wurden per Feldpost übermittelt. So erfolgte ein Austausch. Die Soldaten informierten die Angehörigen zu Hause über ihre alltäglichen Erfahrungen an der Front sowie über ihre Gedanken und Gefühle, die Soldaten wiederum wurden durch Post ihrer Angehörigen über die Situation zu Hause unterrichtet. Die Entsendung eines Familienmitgliedes in den Krieg stellte einen direkten emotionalen Einbezug der Unbeteiligten her. Der Briefwechsel verstärkte die Identifikation der Soldaten mit der Heimat und sorgte für eine höhere Kampfmoral.[29] In den Briefen betonen beide Seiten, der Soldat an der Front und seine Familie in der Heimat stets den Zusammenhalt der Familie.[30] Der regelmäßige Briefwechsel führte dazu, dass die Soldaten sich nicht nur über ihre Rolle als Mitglied der Armee definierten, sondern vor allem über ihre soziale Rolle in der Heimat.[31] In den Briefen der Feldpost werden sie von der Familie in der Heimat beständig als Sohn, Bruder, Ehemann oder Vater angesprochen. Damit entstand die Illusion, dass der einzelne, in den Krieg entsandte Soldat, sich im Krieg nicht abweichend von seiner Rolle, die er zu Hause bekleidete, verhielt.[32] Auch die Berichte in der Zeitung bestärken dieses Bild:

„Die Darstellungen [des Feldzugslebens] betonten stets den bürgerlich-anständigen, biedermeierlich-behäbigen Zuschnitt dieser Menschen [der Soldaten]. (…) [Die] Schilderungen von [den] Szenen eines braven und anständigen Feldzugslebens erwecken den Eindruck, (…), dass die Soldaten sich im Krieg gar nicht verändern, dass sie dieselben Männer blieben, die sie immer gewesen sind.“.[33]

An der Front pflegten die Uniformierten bürgerliche Gewohnheiten wie regelmäßiges Zeitunglesen. Diese und andere „Ritual[e] sorgten für eine scheinbare 'Normalitätʹ “.[34] Das Lesen der Zeitung informierte sie auch über die Vorgänge in der Heimat. Gleichzeitig gaben ihnen die Darstellungen in der Zeitung einen Überblick über das Kriegsgeschehen, aber auch über ihre eigene gegenwärtige Situation. Darüber hinaus bot die Art der Berichterstattung den Soldaten einen Ansatzpunkt für die Deutung und Einordnung ihrer Erfahrungen. In dieser Form hatten die Medien auch einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Soldaten vor Ort.

Die Reaktion der zivilen Bevölkerung auf die Nachrichten vom Kriegsschauplatz veränderte das Handeln der Beteiligten an Front und Heimatfront. Um die Bevölkerung auf den Krieg einzustimmen und ihre Ressourcen für den Krieg zu mobilisieren, stellte sich die Presse in den Dienst der nationalen Idee. Jedoch vermochte auch die erhobene Pressezensur kritische Stimmen, die sich skeptisch gegenüber dem Krieg äußerten, nicht aufzuhalten. Die Regierungen waren gezwungen, auf die Anklagen der Bevölkerung einzugehen. Dies taten sie in dem sie eine Gegendarstellung der Ereignisse präsentierten und so versuchte die beunruhigte Bevölkerung zu beschwichtigen.

3.4 Die Rolle der Vereine

Am Anfang des Feldzugs gingen die Regierungen der deutschen Staaten davon aus, dass dieser zeitlich begrenzt und die Anzahl der verletzten und getöteten Soldaten überschaubar bleiben würde. Sie dachten noch in den alten Kategorien des Kabinettskrieges. Als der Krieg immer länger andauerte und sich eine bis dato unbekannte hohe Anzahl verwundeten und gefallenen Soldaten abzeichnete, verschärfte sich die Lage an der Front und in der Heimat. Die Regierungen waren nicht ausreichend vorbereitet auf das Ausmaß dieses Krieges und seiner Begleiterscheinungen. Der Krieg stellte für die ohnehin finanziell angespannte Lage der Haushalte in den Kommunen eine zusätzlich Belastung dar. Finanzielle Reserven gab es nicht.[35] Die Städte und Gemeinden waren schlichtweg außerstande für die Kosten dieses Krieges aufzukommen.[36] So entstand die Idee, die Bevölkerung an den Kosten des Krieges zu beteiligen. Als private Spender sollte sie an den laufenden Kriegskosten beteiligt werden. Die Spenden umfassten Geld, aber auch Kleidung und Naturalien. Die Organisation der umfangreichen Spendenaktion übernahmen Vereine, die teilweise bereits vor dem Krieg bestanden und sich nun in den Dienst der nationalen Idee stellten. Es kam aber auch zu zahlreichen Neugründungen von Vereinen, die sich der Unterstützung des Krieges verpflichtet fühlten. Durch öffentlich wirksame Proklamationen gelang es den Regierungen die zivile Bevölkerung dafür zu gewinnen, ihre Arbeitskraft ehrenamtlich den Vereinen zur Verfügung zu stellen. Besonders in den ersten Kriegswochen erfreuten sich die Vereine eines regen Zulaufs. Zu den unterschiedlichen Aufgaben der Vereine gehörte nicht nur die Sicherstellung der medizinische Versorgung und Pflege von verwundeten Soldaten. Sie übernahmen auch die Fürsorge von Familien, deren Versorger an die Front entsendet wurden und die in Folge dessen in finanzielle Nöte gerieten. Die Einzelstaaten, in dieser Angelegenheit vordergründig in der Pflicht, erschwerten durch einen trägen bürokratischen Apparat die Auszahlung von Unterstützung an die betroffenen Familien. Kritik an der Auszahlungspraxis von Unterstützungsgeldern wurde laut.[37] Die staatlichen Gelder, sofern ausgezahlt, reichten in den meisten Fällen auch nicht aus, um eine Familie davon zu ernähren. Sie waren abhängig von der finanziellen Unterstützung der Hilfsvereine. Das Geld der Hilfsvereine wurde ebenfalls verwendet, um verwitwete Frauen und ihre Kinder, aber auch Kriegsversehrte, die bedingt durch ihre Kriegsverletzungen keiner geregelten Erwerbsarbeit mehr nachkommen konnten, finanziell zu unterstützen.

Die „(…) eigentliche Sozialpolitik moderner Industriestaaten steckte noch in den Kinderschuhen.“ (Seyferth, S. 384). Wohltätigkeitsvereine übernahmen klassische Aufgaben der Sozialfürsorge. (…). Den Hilfsvereinen kam daher eine zentrale Bedeutung bei der Bewältigung der Probleme an der Heimatfront zu.“.[38]

Die Anzahl der Verwundeten überstieg bereits zu Anfang des Krieges sämtliche Kapazitäten der provisorisch eingerichteten Lazarette. Die Regierungen appellierten an die deutsche Bevölkerung sich freiwillig in Verbänden zu organisieren und sich Sanitätstrupps an der Front zwecks Unterstützung anzuschließen. Die Ausrüstung der Sanitätstruppen sowie die Ausstattung der Lazarette waren so mangelhaft, dass die Hilfsvereine versuchten, die benötigten Materialien durch Verwendung der Spendengelder einzukaufen bzw. selbst herzustellen. Benötigt wurden Verbandsmaterial, chirurgische Bestecke und medizinische Utensilien sowie vereinsinternen Uniformen, die von der Bevölkerung klar erkennbar und zuzuordnen waren. Der Mangel an größeren Gegenständen wie eine Aufstockung der Anzahl an Lazarettbetten und Wagen zum Krankentransport erforderte Improvisation und inspirierte manchen Erfinder.[39] Doch nicht nur der finanzielle Bedarf für Ausrüstungsgegenstände war hoch, auch der personelle Bedarf für Aufgaben, die im Zusammenhang mit dem Krieg standen, wuchs. Das Engagement der Vereinslazarette, die von privaten Trägern geführt und durch freiwillige Helfer bestritten wurden, war von vornherein von den Regierungen mit berücksichtigt worden.[40] Die Heilung der verwundeten Soldaten sollte nur zu einem Teil auf Kosten der Staatshaushalte geschehen. Die Mitglieder der Vereine sollten ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung stellen und die verletzten Soldaten medizinisch versorgen. In den ersten Kriegsmonaten wurde jeder, der seine Hilfe anbot, zur Krankenpflege eingeteilt. Nur diejenigen, die vollkommen ungeeignet für diese Tätigkeit schienen, wurden für andere Aufgaben abgestellt. Viele der Pflegekräfte waren jedoch nur unzureichend medizinisch geschult, was zu katastrophalen Zuständen in den Lazaretten führte.[41]

Die Aufgaben der Hilfsvereine waren breit gefächert. Zu den vielfältigen Aufgaben zählte auch die Überreichung von Getränken und kleinerer Imbisse an die Soldaten, die sich mit der Eisenbahn auf dem Weg zur Front befanden. Die niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit der Eisenbahn (20 km/h) und die unbequemen Zugabteile (häufig Vieh- oder Transportabteile) machten die Beförderung zu einer beschwerlichen Reise.[42] Die Arbeit der sogenannten „Erfrischungskomitees“ sorgte dafür, dass sich die Zugfahrt angenehmer gestaltete.

„Die Erfrischungskomitees waren nicht ausschließlich eine freundliche Zurschaustellung patriotisch-solidarischen Bürgergeistes, sondern eine schnelle Hilfe für hungrige und durstige Soldaten (…).“.[43]

Die Darreichung von Getränken und Speisen an die Soldaten erreichte ein beträchtliches Ausmaß.

In den Garnisonsstädten bildeten sich Regimentsvereine, die die Nachsendung von funktionellen und persönlichen Gegenständen an die Soldaten organisierten. Die Soldaten wurden bei ihrem Auszug aus der Garnisonsstadt mit bereits vorher gesammelten Hilfsgütern, die ihnen den beschwerlichen Weg erleichtern sollte, ausgestattet. Diese Hilfsgüter, auch „Liebesgaben“ genannt, sorgten für kleine Annehmlichkeiten im Kriegsalltag und waren dementsprechend beliebt bei den Soldaten.[44] Im Laufe des Krieges verschlechterte sich die Nahrungsmittelversorgung an der Front, sodass die Soldaten von Hilfslieferungen dieser Art abhängig wurden. Die Nahrungsmittelversorgung von Truppen, die nicht entlang der Bahnlinien, sondern in weniger erschlossenen Landesteilen stationiert waren, war besonders schlecht.

Die unzähligen Spendenaufrufe von Würdenträgen an die Bevölkerung führten zu hohen finanziellen und materiellen Spenden. Die hohe Spendenbereitschaft der Zivilbevölkerung ist unter anderem zurückzuführen auf den öffentlichkeitswirksamen Druck, der aufgebaut wurde. Einzelpersonen, die sich einer Spende verweigerten, liefen Gefahr, als Gegner der nationalen Idee verdächtigt zu werden. Eine Spende bedeutete aber nicht zwangsläufig eine Zustimmung zu dem Feldzug an sich. Viele der Spender sahen es eher als ihre moralische Pflicht an, die betroffenen Soldaten und ihre Familien zu unterstützen. Sie erlebten vor Ort wie unzureichend die staatlichen Hilfsgelder waren.[45] Die Bevölkerung spendete vor allem aus Mitleid und Solidarität mit den Soldaten. In der Praxis stellte sich die bedarfsgerechte Verteilung der Gütersammlungen als schwierig heraus. Der Transport der Hilfslieferungen in die entsprechenden Gebiete konfrontierte die Regierungen mit einer ungeahnten logistischen Herausforderung, der sie nicht gewachsen waren. Die Effizienz der Verteilung der Hilfsgüter litt unter den begrenzten Kapazitäten der damaligen Verkehrsinfrastruktur. Die Eisenbahnen waren mit der Beförderung der Soldaten bereits gut ausgelastet.

[...]


[1] vgl. Seyferth, S. 11.

[2] ebd S. 10.

[3] ebd. S. 13.

[4] ebd. S. 14.

[5] Seyferth, S. 11.

[6] vgl. Becker, Mediale Inszenierung der nationalen Einheit, S. 77.

[7] ebd.

[8] Seyferth, S. 9.

[9] Becker, Mediale Inszenierung der nationalen Einheit, S. 77.

[10] vgl. Becker, Mediale Inszenierung der nationalen Einheit, S. 72.

[11] ebd. S. 70.

[12] ebd. S. 72.

[13] ebd. S. 70.

[14] ebd. S. 70.

[15] ebd. S. 70.

[16] vgl. Becker, Mediale Inszenierung der nationalen Einheit, S. 71.

[17] ebd. S. 68.

[18] ebd. S. 68.

[19] ebd. S. 78.

[20] ebd. S. 77.

[21] ebd. S. 73.

[22] ebd. S. 76.

[23] ebd. S. 71.

[24] ebd. S. 78.

[25] Becker, Mediale Inszenierung der nationalen Einheit, S. 73.

[26] ebd. S. 71.

[27] ebd. S. 70.

[28] ebd. S. 80.

[29] vgl. Becker, Mediale Inszenierung der nationalen Einheit, S. 79.

[30] ebd.

[31] ebd.

[32] ebd. S. 80.

[33] ebd. S. 80.

[34] ebd. S. 79.

[35] vgl. Seyferth, S. 384.

[36] ebd. S. 383.

[37] ebd.

[38] Seyferth, S. 384.

[39] ebd. S. 388.

[40] ebd. S. 387.

[41] ebd.

[42] ebd. S. 388.

[43] ebd. S. 388.

[44] vgl. Seyferth, S. 389.

[45] ebd. S. 389.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Heimatfront im Kontext des Deutsch-Französischen Krieges 1870-1871
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V383598
ISBN (eBook)
9783668589247
ISBN (Buch)
9783668589254
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, heimatfront, kontext, deutsch-französischen, krieges
Arbeit zitieren
Anna Buchroth (Autor), 2013, Die Bedeutung der Heimatfront im Kontext des Deutsch-Französischen Krieges 1870-1871, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383598

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