Die Entwicklung der deutschen Sprache in der Siedlung Pozuzo, Peru

Wie hat sich die deutsche Sprache im Zeitraum von 150 Jahren entwickelt und hat sie in Pozuzo eine Zukunft?


Hausarbeit, 2015
20 Seiten, Note: 2,3
Siegfried Senfmann (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Pozuzo
2.1. Lage und Klima
2.2. Besiedlungsgeschichte Pozuzos
2.2.1. Phasen der deutschsprachigen Besiedlung
2.2.2. Die Kolonisation
2.3. Bevölkerungsstruktur
2.3.1. Demographie und Gesellschaft
2.3.2. Die Entwicklung der Bevölkerung und der Deutschsprachigen

3. Das Deutsche und seine Entwicklung
3.1. Die sprachliche Situation
3.2. Rheinländisch und Tirolisch in Pozuzo
3.2.1. Der rheinländische Dialekt
3.2.2. Der tirolische Dialekt
3.3. Der Einfluss des Spanischen
3.4. Kontakt zu den Mutterländern

4. Schlussbetrachtung
4.1. Status des Deutschen
4.2. Ausblick

5. Resumen - Historia y desarrollo de Pozuzo

y de la lengua alemana y sus hablantes

6. Bibliographie

1. Einleitung

Im Verlauf der großen Auswanderungswellen im 19. und 20. Jahrhundert haben sich weltweit viele deutsche Sprachinseln entwickelt. Laut Wiesinger sind Sprachinseln punktuell oder im Areal auftretende, „relativ kleine geschlossene Sprach- und Siedlungsgemeinschaften in einem anderssprachigen, relativ größeren Gebiet.“[1] Sprachinseln haben einen geringen Bezug zur angrenzenden Mehrheitsgesellschaft und ebenfalls eine geringe Beziehung zum Mutterland. Deshalb werden sie „Inseln“ genannt. Beeinflusst werden diese Gebiete maßgeblich durch die Zuwanderung aus der Mehrheitsgesellschaft, was über kurz oder lang dazu führt, dass innerhalb mehrerer Generationen die Muttersprache verdrängt wird. Beschleunigt wird dies durch den wachsenden Entwicklungsgrad der Technik und der Infrastruktur.

In dieser Abhandlung soll am Beispiel der Besiedlungsgeschichte Pozuzos die Entwicklung der deutschen Sprache analysiert und die Frage geklärt werden, ob die deutsche Sprache und Brauchtum in Pozuzo bewahrt werden kann.

Einführend wird ein geographischer und demographischer Überblick Pozuzos, der Kolonisation und der Besiedlung durch Deutsche sowie Österreicher gegeben.

Im zweiten Teil des Aufsatzes wird auf die Entwicklung der deutschen Sprache eingegangen. Es werden verschiedene Faktoren des Spracherhalts aufgezeigt. In einem Überblick über die sprachliche Situation werden Einflüsse des Dialekts und des Spanischen geschildert.

Im Schlussteil wird der Status des Deutschen beschrieben und ein Ausblick gegeben.

2. Die tirolisch-rheinländische Sprachinsel POZUZO in Peru

2.1. Lage und Klima

Der Bezirk Pozuzo liegt in der Provinz Oxapama im Departement von Pasco, im zentralen Regenwaldgebiet (Selva Central) in Peru und hat circa 8.000 Einwohner. Die gleichnamige Bezirkshauptstadt liegt im tropischen Regenwald auf einer Höhe von 750 Metern am Hauncabamba-Fluss und hat ungefähr 1.000 Einwohner.[2] Die Temperaturen betragen im Jahresdurchschnitt 24 °C. Es herrscht ein feuchtes, semi-warmes Klima vor. In der Regenzeit zwischen Januar und März ist es nass-feucht.[3]

2.2. Besiedlungsgeschichte

2.2.1. Phasen der deutschsprachigen Besiedlung

Die Besiedlungsgeschichte Pozuzos nimmt ihren Anfang mit der ersten großen Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert. Viele Menschen im alten Europa sahen aufgrund wirtschaftlicher Verelendung keine Lebensperspektive mehr und machten sich auf den Weg in die Neue Welt. Hauptsächlich wanderten sie in die Vereinigten Staaten aus, aber auch nach Brasilien, Argentinien oder Chile. Während der Auswanderungswelle versuchte die peruanische Regierung durch ein staatliches Förderungsprogramm gezielt deutsche Auswanderer für Peru zu gewinnen, denn Deutsche „ galten als fleißig[4]. Sie schienen Vorreiter und Garanten für Fortschritt und Zivilisation zu sein. Ziel der peruanischen Regierung war es, unbewohnte Gebiete im Amazonasgebiet zu bevölkern, in denen bislang ausschließlich indigene Stämme lebten. Diese Bevölkerungsteile verweigerten dem Staat die Anerkennung und erfuhren daher vom Staat keine Wertschätzung.[5]

Die Besiedelung durch Einwanderer sollte helfen, diese Gebiete in das Staatsgebiet zu integrieren, um den staatlichen Machtanspruch durchzusetzen.

Für Auswanderer wirkte die Reise nach Südamerika durchaus lohnend: Die Staaten übernahmen die Reisekosten, jeder erhielt Land als Eigentum und landwirtschaftliche Geräte.

Die Kolonisten sollten eine Stadt errichten, das fruchtbare Land bebauen und „die Infrastruktur für den geplanten Handelsweg vorbereiten“[6]. Mit der Unabhängigkeit 1821 setzte Peru alles daran, den Handelsweg nach Europa zu verbessern. Durch den Bau einer Eisenbahnstrecke sollte „eine Handelsverbindung zwischen der Pazifik- und der Atlantikküste quer durch den ganzen südamerikanischen Kontinent“[7] entstehen. Guano, ein auf dem Weltmarkt stark nachgefragtes Düngemittel aus Vogeldung, sollte schneller als bisher auf dem Seeweg nach Europa und Nordamerika verschifft werden. Der Plan der Regierung sah vor, insgesamt 10.000 katholische Kolonisten in den Amazonasgebieten anzusiedeln. Die von den Kolonisten besiedelten Städte sollten die Vorposten der Häfen sein.[8]

Der peru- und amerikaerfahrene Forscher Kuno Damian Freiherr von Schütz zu Holzhausen wurde von der peruanischen Regierung beauftragt, Menschen für das Projekt zu gewinnen. Schnell gewann er zwei größere Gruppen von Handwerkern und Kleinbauern für das Projekt, die bereit waren, auszuwandern. Mitte des 19. Jahrhunderts machten sich knapp 300 Menschen aus Tirol, hauptsächlich aus Silz und Haiming, aus Bayern und dem Rheinland auf den Weg nach Peru: Am 26.3.1857 verließen sie Europa mit dem Schiff Norton „mit größter Freude und Jubel“[9] und erreichten am 28. Juli Callao, die Hafenstadt nahe Lima.

Dort angekommen, konnten sie ihr Reiseziel zunächst nicht erreichen, denn die geplante Straße war noch nicht gebaut worden und musste erst von den Siedlern errichtet werden. Erst zwei Jahre später gelangten die verbliebenen 170[10] Emigranten (120 Personen stammten aus Tirol und 50 aus dem Rheinland) am 25. Juli 1859 an ihren Zielort. Der Rest der Gruppe hatte es vorgezogen diese zu verlassen und sein Glück woanders zu suchen.[11]

2.2.2. Die Kolonisation

Am 25. Juli 1859 wurde das Dorf Pozuzo offiziell gegründet. Die Tiroler und Deutschstämmigen teilten sich nach ihrer Herkunft auf: Die Tirolstämmigen errichteten den Dorfteil „Tirol, die Deutschstämmigen „Prusia“. Es lag sowohl eine räumliche als auch eine sprachliche Trennung zwischen beiden Gruppen vor (Rheinländisch/Tirolisch). Nach der Gründung hatten zunächst beide Siedlungen ihren eigenen Bürgermeister.[12]

Ende der 60er Jahre des 19. Jhr. machten sich knapp 300 weitere Tiroler auf den Weg nach Pozuzo. Nach zweijähriger Reise erreichten 180 von ihnen im September 1868 in Pozuzo.[13] Es sollte die letzte große Auswanderungsgruppe gewesen sein, denn die geplante Bahnstrecke wurde nie errichtet, da inzwischen der Panamakanal fertiggestellt worden war. Folglich konnten keine wirtschaftlichen Güter aus Pozuzo ausgeführt werden. Die Kolonie wurde sich selbst überlassen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten Innovationen in der Landwirtschaft, u.a. durch Spenden von Tirolern und Deutschen, zu einer besseren Situation der Kolonie, sodass die Siedler selbständig in der Abgeschiedenheit leben konnten. Im Jahr 1979 wurde eine Straße, die bis ins Zentrum Pozuzos führt, fertiggestellt. Mit der Instandsetzung dieser Route kam es zu einer Zuwanderung aus anderen Regionen Perus. Die deutschstämmige Bevölkerung geriet in die Minderheit.[14]

2.3. Bevölkerungsstruktur

2.3.1. Demographie und Gesellschaft

Heute leben etwa 7.800 Menschen im Bezirk Pozuzo. Laut einer Statistik aus dem Jahre 2003 sprachen 60% der im Bezirk lebenden Menschen Spanisch, 24% Quechua und 16% andere Sprachen, die deutsche Sprache wurde dabei nicht erfasst. Schätzungen zufolge lag ihr Anteil 2003 bei 1%, also ungefähr 70-80 Sprechern.[15]

Dennoch können die österreichisch-deutschen Nachkommen mithilfe der Familiennamen ermittelt werden. Demnach hat circa 1/3 der Bevölkerung österreichische bzw. deutsche Vorfahren. Die Österreichisch- und Deutschstämmigen leben hauptsächlich in der zona baja, wohingegen die aus dem Hochland Zugewanderten in der nördlich gelegenen zona alta leben.[16]

Seit der Gründung der Siedlung bis ins 21. Jahrhundert prägten die Öst.- Deutschstämmigen lange Zeit die sozialen Strukturen und bekleideten politische Ämter. 2006 wurde der erste Bürgermeister gewählt, der nicht von den Siedlern abstammte. Dessen Wahl wurde von den Pozuzinern mit österreichisch-deutschen Wurzeln kritisiert wurde, da sich das 150-jährige Jubiläum (2009) nahte und kein Siedler zu diesem Zeitpunkt dieses Amt bekleiden würde.[17]

Die Pozuziner versuchten, ihre heimischen Bräuche, Gewohnheiten und ihre Sprache zu erhalten. Dies gelang aufgrund der Abgeschiedenheit bis ins späte 20. Jahrhundert. Die Bräuche haben noch immer einen wichtigen Stellenwert. Durch dieses Brauchtum behält Pozuzo mit seinem österreichischen Flair weiterhin touristische Anreize. Aus diesem Grund werden, mit Unterstützung von Tiroler Vereinen, neue österreichische Bräuche, bspw. moderne Tänze, nach Pozuzo gebracht.[18]

2.3.2. Die Entwicklung der Bevölkerung und der Deutschsprachigen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung und Rückgang der Deutschsprachigen im Bezirk Pozuzo zwischen 1860 und 2007 (übernommen aus: Steinicke und Neuburger, 2009a)

In Abbildung 1 ist die demographische Entwicklung Pozuzos und die Reduktion der deutschsprachigen Bevölkerung im Zeitraum von 1860 bis 2007 beschrieben. Hauptsächlich kommen die Bewohner des Distrikts Pozuzo aus den folgenden Ethnien:

- (Nachkommen der) Tiroler und Rheinländer-Kolonisten
- Stämme der Ureinwohner
- Peruaner

[...]


[1] Mattheier (1994), S.333 vgl. auch Wiesinger (1983), S.901.

[2] Vgl. Haselmair (2012), S.12.

[3] Witting Schaus (2007) vgl. auch Haselmair (2012), S.10.

[4] Zit. nach Schabus (1994), S.223.

[5] Sobrevilla Perea (2001), S.167-230 vgl. auch Haselmair (2012), S.16.

[6] Zit. nach Schabus (1994), S.223.

[7] Zit. nach Schabus (1994), S.223.

[8] Schabus (1994), S.223.

[9] Tiroler Schützen Zeitung v. 4.1.1858. Zit. nach: Schabus (1994), S.222.

[10] Andere Quellen sprechen von nur 156 (Allert Hecht, 1990) bzw. 165 (Contreras, 2007).

[11] Neuburger/Steinicke (2010), S.3.

[12] Contreras (2007), S. 15. vgl. auch Koch (2010), S.47.

[13] Haselmair (2012), S.20.

[14] Schabus (1994), S.225.

[15] Haselmair (2012), S.12.

[16] Ebd., S.12.

[17] Ebd., S.28-30.

[18] Ebd., S. 28-30.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der deutschen Sprache in der Siedlung Pozuzo, Peru
Untertitel
Wie hat sich die deutsche Sprache im Zeitraum von 150 Jahren entwickelt und hat sie in Pozuzo eine Zukunft?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V383643
ISBN (eBook)
9783668592025
ISBN (Buch)
9783668592032
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwandel, sprachentwicklung, sprachinseln, peru, deutschland, deutsch, Entwicklung der deutschen sprache, deutsche sprache, Sprachkontakt, spracheinfluss, sprachliche situation, Sprachgeschichte, status des deutschen, kolonie, pozuzo, österreich, Auswanderungswelle
Arbeit zitieren
Siegfried Senfmann (Autor), 2015, Die Entwicklung der deutschen Sprache in der Siedlung Pozuzo, Peru, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383643

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