Pegida. Von der Krise zum Protest. Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Eine soziale Bewegung nach Joachim Raschke

3. Pegida- eine Protestbewegung

4. Die Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung
4.1. Das Phasenmodell
4.2. Anwendung am Beispiel von Pegida

5. Der Framing- Ansatz im Kontext mit Pegida

6. Fazit

1. Einleitung

„Wir sind das Volk!" oder: „Wir kommen wieder!" Diese und weitere Ausrufe kann man aus den Reihen einer Pegida Demonstration hören (vgl. Vorländer 2016: 5). Die Protestbewegung Pegida begann als kleine Gruppe von Freund_innen und in kürzester Zeit gelang es ihr, mehrere tausend Demonstrant_innen zu mobilisieren, die auf der Straße protestierten (vgl. ebd.: 1). Doch was steckt hinter Pegida? Wie kann aus einer kleinen Gruppe von Menschen eine stetig wachsende Masse werden, die zum wöchentlichen Protest auf die Straße geht? „Mobilisierung ist ein Grundelement sozialer Bewegung. Ohne Mobilisierung bleibt es bei der Ideenströmung oder dem ad hoc- Protest." (Raschke 1985: 269) Aus diesem Aspekt heraus und der gegenwärtigen Diskussion über die Pegida- Bewegung entstand meine Frage: Inwiefern konnte Pegida die Massenmobilisierung gelingen? Meine folgende Arbeit wird sich mit dieser Frage beschäftigen.

Um die Frage beantworten zu können, werde ich wie folgt vorgehen. Im ersten Teil dieser Arbeit wird es um die allgemeine Begriffsdefinition einer sozialen Bewegung gehen. Außerdem wird eine Abgrenzung zu anderen kollektiven Handlungstendenzen gezogen. Dazu dient vorwiegend die Theorie von Joachim Raschke, welcher sich ausgiebig mit sozialen Bewegungen beschäftigte. Im weiteren Verlauf wird die Protestbewegung Pegida beschrieben. Unter diesem Punkt soll die Pegida- Bewegung kurz erklärt werden. Daraufhin zeige ich die Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung anhand des Phasenmodells von Rammstedt und Hegner auf und wende die Pegida- Bewegung auf das Modell an. In diesem Abschnitt soll die Frage geklärt werden, wie Pegida die Mobilisierung einer Masse gelingen konnte. Der letzte Abschnitt soll die Voraussetzung für den Mobilisierungserfolg aufzeigen. Dabei wird der Framing- Ansatz auf Pegida angewandt. Damit möchte ich versuchen, meine Ausgangsfrage abschließend zu beantworten.

2. Eine soziale Bewegung nach Joachim Raschke

Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich den Begriff „soziale Bewegung" allgemein definieren, da es in der Bewegungsforschung verschiedene Deutungsversuche und zahlreiche Diskussionen über diesen Begriff gibt (vgl. Roth 1994: 147). Ich werde in meiner Arbeit die Begriffsdefinition von Joachim Raschke verwenden, da sie sich an der Form einer sozialen Bewegung orientiert und nicht bestimmte Inhalte einzelner Strömungen vertieft (vgl. ebd.: 150).

Der Bewegungsforscher Joachim Raschke definiert den Begriff wie folgt: „Soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen." (Raschke 1985: 77)

Mit kollektivem Akteur sind bei Raschke Individuen gemeint, die in einem Handlungszusammenhang stehen und das Ziel verfolgen, das Gesellschaftssystem teilweise strukturell zu verändern (vgl. Raschke 1985: 76ff). Die in Raschkes Definition genannte Mobilisierung ist ein wichtiger Faktor, um die Existenz sozialer Bewegungen zu sichern (vgl. ebd.: 77ff). Unter einer hohen symbolischen Integration versteht er ein Zugehörigkeitsgefühl zu der Gruppe der sozialen Bewegung. Eine soziale Bewegung ist mehr als nur eine Organisation und es bedarf keiner Mitgliedschaft, um an der sozialen Bewegung teilhaben zu können (vgl. ebd.: 78). Darüber hinaus gibt es nur einen geringen Grad an Verfestigungen (vgl. ebd.: 412). Dies versteht Raschke unter der geringen Rollenspezifikation. Die Organisations- und Aktionsformen können, laut Raschke, sehr unterschiedlich sein und sind nicht nur auf eine Aktionsform festgelegt (vgl. ebd.: 78).

Um eine soziale Bewegung noch näher definieren zu können, erfolgt eine Abgrenzung zu anderen kollektiven Handlungstendenzen. Eine soziale Bewegung hat eine größere Zeitspanne, in der sie existiert und stärker strukturierte Ziele (vgl. Raschke 1985: 79). Des Weiteren ist für die Abgrenzung wichtig zu betonen, dass sich die soziale Bewegung ohne Organisation nicht aufrechterhält. Dies stellt jedoch nicht den wesentlichsten Faktor der Bewegung dar, da die aktiven Mitglieder_innen außerhalb der Organisation ebenfalls eine bedeutende Rolle einnehmen (vgl. ebd.: 80). „Das Besondere der sozialen Bewegung liegt gerade in der Dialektik zwischen den (Bewegungs-)Organisationen und den fluiden Teilen der Bewegung." (ebd.) Es ist zu beachten, dass trotz der hier aufgeführten Abgrenzungen der Begriff der sozialen Bewegung undeutliche Grenzen hat, die mit anderen kollektiven Handlungstendenzen verschwimmen (vgl. ebd.: 82).

3. Pegida- eine Protestbewegung

Worum handelt es sich bei Pegida? Diese Frage werde ich in dem folgenden Abschnitt beantworten.

Die selbsternannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die sich in der Kurzform Pegida titulieren, ist eine islam- und asylkritische Protestbewegung. Gründer der Bewegung ist Lutz Bachmann. Obwohl die Bewegung von außen als ausländer- und fremdenfeindliche wahrgenommen wurde (vgl. Vorländer 2016:1), ordnete sie sich selbst im politischen Feld „nur ein wenig weiter rechts von der CDU" (Becher 2015: 19) ein (vgl. ebd.). Am 11. Oktober 2014 wurde Pegida erstmals über das soziale Netzwerk Facebook öffentlich. Daraufhin fand in Dresden am 20. Oktober die erste Pegida- Demonstration statt (vgl. ebd.: 19ff). Dresden war somit der Ursprung der Bewegung. Infolgedessen entwickelten sich mehrere Ableger in verschiedenen deutschen Städten wie z.B. in Leipzig. Die meisten Teilnehmerzahlen erreichte Pegida bis heute allerdings in Dresden (vgl. Vorländer 2016: 1). Kennzeichnend für Pegida sind die Montagsdemonstrationen (vgl. ebd.: 7). Anfangs gab es nur wenig Wissen über die Protestbewegung. Unter anderem aus dem Grund, weil sich viele Demonstrant_innen weigerten, den Medien Auskunft zu geben. Erst Mitte Januar 2015 erfuhr man nach und nach mehr über die aus später mehreren tausend Demostrant_innen zusammengesetzte Protestbewegung (vgl. Vorländer 2016: 2).

4. Die Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung

Mein drittes Kapitel setzt den theoretischen Ansatz einer sozialen Bewegung mit Pegida in Zusammenhang. Dafür werde ich die Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung im Allgemeinen anhand des Phasenmodells von Rammstedt und Hegner skizzieren, um daraufhin die Pegida-Bewegung auf das Phasenmodell anzuwenden.

4.1. Das Phasenmodell

Anhand des folgenden Ablauf- und Phasenmodells von Rammstedt und Hegner, welches von Brand aufgegriffen und ergänzt wurde, werde ich die Pegida- Bewegung analysieren. Da das Phasenmodell die Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung beschreibt (vgl. Brand 1982: 38), komme ich somit der Beantwortung meiner Ausgangsfrage näher, inwiefern die Massenmobilisierung bei Pegida gelingen konnte.

Am Anfang einer sozialen Bewegung steht, laut Rammstedt und Hegner, eine soziale Krise, welche nicht auf herkömmlicher Art gelöst werden kann. Aufgrund der sozialen Krise entwickelt sich eine soziale Bewegung. Es gibt also ein Problem, welches von den vorherrschenden Normen der Bevölkerung als ungerecht wahrgenommen wird (vgl. Brand 1982: 33ff). Dadurch, dass die Krise nicht auf herkömmliche Art gelöst werden kann, müssen die Betroffenen miteinander kommunizieren (vgl. ebd.: 35).

In der zweiten Phase verbreiten die Betroffenen die Krisenfolgen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen und um aufzuzeigen, dass das Problem für einen Großteil der Gesellschaft von Bedeutung ist. Mit dem Aufruf an die soziale Gerechtigkeit zählen die Betroffenen auf das Zugeständnis der Verantwortlichen (vgl. Brand 1982: 35).

Wenn keine Reaktion erfolgt, fordern die Betroffenen in Phase drei des Modells die Verantwortlichen dazu auf, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Maßnahmen zur Krisenbeseitigung durchzuführen. Währenddessen wird der Versuch unternommen, mehr Menschen zu mobilisieren, um sich einen sozialen Rückhalt zu schaffen. Außerdem werden der Protest und die inhaltlichen Forderungen an die Verantwortlichen verschärft (vgl. Brand 1982: 35). Es entsteht ein Wir- Gefühl und die Gruppe beginnt sich als Kollektiv und somit als eine soziale Bewegung zu verstehen und grenzt sich als solche von den Verantwortlichen ab (vgl. ebd.: 36). Diese Phase tritt jedoch in vielen Bewegungen schon zu einem früheren Zeitpunkt ein, da davon auszugehen ist, dass sich viele soziale Bewegungen radikalisieren, ohne vorher an die Öffentlichkeit appelliert zu haben. Denn oft ist die Frustration über die Verantwortlichen schon so fortgeschritten, dass die Betroffenen „das Vertrauen auf die Reformbereitschaft und Reformfähigkeit des herrschenden politischen Systems" (ebd.: 39) verloren haben (vgl. ebd.).

In Phase vier besteht die Bewegung auf eine Stellungnahme der Herrschenden und lehnt das Handeln dieser ab. Sie zwingt den Staat zum Eingreifen. In dieser Phase gewinnt die Bewegung an Zuwachs, da sie nicht nur von den Krisenbetroffenen unterstützt wird, sondern auch von denjenigen, die ein negatives Gefühl gegenüber den Verantwortlichen verspüren (vgl. Brand 1982: 36). „Die Massenbasis, die die Bewegung in dieser Phase gewinnt, setzt sich nun nicht mehr nur aus den direkt von der Krise Betroffenen zusammen; gemeinsames Motiv dieses in sich sehr heterogenen Kreises ist das Unbehagen den Herrschenden gegenüber." (ebd.)

Haben die Versuche der Bewegung, die Krisenfolgen abzuschaffen, nicht gefruchtet, entwickelt die Bewegung in der fünften Phase ein Programm, um gegen die Krisenursachen anzukämpfen. Damit entsteht eine Ideologie mit einer Zukunftsvorstellung ohne Krise. Die Artikulation der Ideologie radikalisiert den Unterschied zu den Verantwortlichen und deren Herrschaftsverhältnissen. Die Krise spitzt sich zu (vgl. Brand 1982: 36).

In der sechsten Phase strebt die soziale Bewegung nach Massenmobilisierung. Diese aus der Bewegung resultierende Ideologie gibt einer breiten Masse die Möglichkeit, aufgrund von gemeinsamer Interessen und Ziele die Bewegung zu unterstützen (vgl. Brand 1982: 37).

Um als soziale Bewegung Bestand zu haben, ist eine Organisation dieser erforderlich sowie das Bilden von Strukturen. Dies geschieht in der siebten Phase. Die Dringlichkeit der Organisation sozialer Bewegungen ergibt sich aus der gesteigerten Gruppengröße. Aus der Masse der Anhänger_innen kristallisieren sich Funktionsträger_innen heraus, die die Gruppe führen (vgl. Brand 1982: 37).

Die letzte Phase des Modells ist die achte Phase. In dieser Phase institutionalisiert sich die Bewegung, indem sie sich formell organisiert (vgl. Brand 1982: 37). „Mit formalen Organisationen gibt die soziale Bewegung auf, eine Alternative zu den bestehenden Systemstrukturen zu erwirken." (Rammstedt 1989: 147) Damit ist die Krise auf einen anderen gesellschaftlichen Bereich verschoben worden, was das Ende der sozialen Bewegung bedeuten kann (vgl. Brand 1982: 37).

Sobald die Bewegung Abstand von ihren Zielen nehmen muss, kann jede der beschriebenen Phasen das Ende einer sozialen Bewegung sein (vgl. Rammstedt 1989: 146).

4.2. Anwendung am Beispiel von Pegida

Im Folgenden werde ich einen Versuch vornehmen, an dem aufgeführten Phasenmodell von Rammstedt und Hegner die Entwicklungsdynamik der Pegida Bewegung anzuwenden.

Der Anlass für die Gründung von Pegida waren die Erfolge des sogenannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak sowie der damit einhergehenden Frage nach der möglichen Unterstützung der Deutschen in dem bestehenden Konflikt. Darüber hinaus spielte die Debatte über die Unterbringung von Flüchtlingen in Deutschland eine große Rolle für die Gründungsmotive der Pegida- Bewegung. Besonders die Dresdener

Stadtpläne sowie die des Umlandes waren von großer Bedeutung, da in diesen die Zahl der Asylbewerberunterkünfte veröffentlicht wurde (vgl. Vorländer 2016: 6). Damit ist bei Pegida die in dem Phasenmodell beschriebene soziale Krise gemeint. Die in der ersten Phase genannte Kommunikation geschah bei Pegida über Facebook. Dort schloss sich die erstmals aus Freunden und Bekannten bestehende Gruppe, motiviert durch die empfundene soziale Krise, zusammen (vgl. ebd.: 7).

Wie von Rammstedt beschrieben, werden in der zweiten Phase die Krisenfolgen propagiert (vgl. Rammstedt 1989: 146). Bei Pegida traten immer mehr Menschen der von den Pegida- Organisator_innen gegründeten Facebook- Gruppe bei. Bei der ersten Demonstration von Pegida am 20.10.2014 gingen ca. 300 bis 350 Menschen auf die Straße (vgl. Vorländer 2016: 7). Dies war der in Phase zwei erwähnte Schritt, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen und um aufzuzeigen, dass das Problem einen weitaus größeren Teil der Gesellschaft betreffen würde. Laut Luhmann gibt es auf der einen Seite den Teil, der sich stärker engagiert und an den Protesten beteiligt und auf der anderen Seite den Teil, der mit der Bewegung sympathisiert. Dieser Teil verschafft der sozialen Bewegung die Annahme, dass sie allgemeine gesellschaftliche Interessen vertrete (vgl. Luhmann 1996: 213).

In der dritten Phase „protestieren [die Betroffenen] in eskalierender Form gegen das politisch-administrative System, das nichts Adäquates zur Behebung der Krisenfolgen unternähme." (Rammstedt 1989: 146). Bei Pegida waren die darauffolgenden Demonstrationen kennzeichnend für diese Phase. In den Wochen nach der ersten Demonstration stieg die Zahl der Demonstrant_innen immer weiter an. Es entstanden Ableger von Pegida in anderen Großstädten Deutschlands (vgl. Vorländer 2016: 7). Laut Luhmann versucht die Bewegung mit der Massenmobilisierung Eindruck bei den Gegnern zu erwecken (vgl. Luhmann 1996: 209). Somit schaffte sich Pegida den in Phase drei genannten sozialen Rückhalt und ein Wir- Gefühl entstand. Damit war die Abgrenzung zu den Verantwortlichen geschaffen. Der Protest verhält sich nach der Annahme, als müsse er für die Gesellschaft gegen das politische System

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Pegida. Von der Krise zum Protest. Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V383698
ISBN (eBook)
9783668599253
ISBN (Buch)
9783668599260
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pegida, krise, protest, entwicklungsdynamik, bewegung
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Pegida. Von der Krise zum Protest. Entwicklungsdynamik einer sozialen Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383698

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