Vergils Aeneis IV, 296-324 sowie ein Vergleich mit Ovids Heroides VII (Unterrichtsentwurf Latein)


Seminararbeit, 2013

41 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sachanalyse
2.1 Historisch-literarische Einordnung des Texts
2.2 Analyse der entsprechenden Textstelle

3 Didaktische Analyse
3.1 Kompetenzbereiche und Lernzuwachs
3.2 Analyse des didaktischen Potenzials
3.3 Didaktische Analyse der entsprechenden Textstelle
3.3.1 Skizzierung einer möglichen Unterrichtssequenz
3.3.2 Analyse sprachlicher Schwierigkeiten des Ausgangstextes
3.3.3 Das für die SuS angefertigte Textblatt
3.4 Didaktische Analyse des Zusatzmaterials

4 Methodische Analyse

5 Abschließende Bemerkungen Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit einem Textausschnitt aus Buch IV der Aeneis Vergils, der so bearbeitet wurde, dass die Schülerinnen und Schüler[1] der Qualifikationsphase bei der Bearbeitung und weiterer Aufgaben Kompetenzen im Bereich der Text- und Kultur­kompetenz erwerben können und gleichzeitig ihre Lesemotivation gefördert wird.

Neben der Übersetzung des entstehenden Konflikts zwischen Dido und Aeneas und der Analyse der hier verwendeten Argumentationsstruktur soll auch ein intertextueller Vergleich mit Ovids Heroides dazu dienen, die Wirkung stilistischer Gestaltungsmittel zu analysieren. Eine abschließende szenische Interpretation soll mithilfe des schulinternen Netzwerkes iserv durchlaufen werden. Ein derartiges „Lern-, Informations- und Projekt-Management-System “[2] steht in immer mehr Schulen bereit und soll SuS sowie Lehrern und Lehrerinnen eine „neue, flexiblere und individuellere Art des Lehrens und Lernens [ermöglichen]. “[3] Es handelt sich dabei um einen Portalserver, der den registrierten Nutzern einen interaktiven, zeit- und ortsunabhängigen Austausch von Dateien, E-mails, Adressen und Terminen auch in Form von Chats und Foren bereitstellt. Im Rahmen dieses Unterrichtsvorhabens soll das schulinterne Internetportal dazu genutzt werden, um den Gruppen Film- und Hörausschnitte bereitzustellen, die in Gruppen selbst erstellten audio-visuellen Beiträge zum zentralen Konflikt von Dido und Aeneas zu sichern und in Foren interaktiv und konstruktiv zu beurteilen. Bei einer Kursstärke von 16 SuS sind für das Projekt ca. vierzehn Stunden vorgesehen. Ziel ist es, den SuS durch die intermediale und intertextuelle Vorgehensweise das Textverständnis zu vertiefen und die Lesemotivation zu fördern.

Nach einer kurzen thematischen Einführung in Vergils Aeneis stellt die vorliegende Hausarbeit eine didaktische und methodische Analyse mit Hinblick auf Textauswahl, Verfahrensweisen, Bewertungsmöglichkeiten vor.

2 Sachanalyse

2.1 Historisch-literarische Einordnung des Texts

Das von Publius Vergilius Maro zwischen 29 und 19 v. Chr. verfasste Epos Aeneis behandelt in zwölf Büchern die Erlebnisse der Überlebenden des Trojanischen Krieges, die unter der Führung von Aeneas nach zahlreichen Irrfahrten schließlich die ihnen verheißene neue Heimat Latium finden. Nach dem Vorbild von Homer (Ilias und Odyssee), Apollonios von Rhodos (Argonautica) und Ennius (Annales)[4] schuf Vergil ein Werk, das schon seinerzeit den Ruf eines Nationalepos erlangte, da es neben der Schilderung der Aeneas-Sage sowohl historisch durch die Darstellung der Vorgeschichte der Gründung Roms einen Bezug zur Gegenwart Vergils herstellt als auch genealogisch die Abstammung des zu dieser Zeit regierenden Kaisers Augustus auf Aeneas zurückführt.[5] Die Tatsache, dass Rom unter seiner Herrschaft nach den Bürgerkriegen kulturell und wirtschaftlich neue Blüte erlangte, nahm Vergil zum Anlass, durch gezielte Exkurse[6] das Friedenswerk des Kaisers zu rühmen und ihn als „ Vollender des Werkes, das Aeneas im Dienste des röm. fatum [...] begonnen hat “[7] zu verherrlichen.

Über Vergil selbst gibt es nur einzelne gesicherte Auskünfte, vor allem aus den zum größten Teil verlorenen antiken biographischen Überlieferungen der Viten des Sueton, Aelius Donatus und des Servius,[8] einzig der Tag seiner Geburt am 15.10.70 v. Chr. in Mantua wie auch sein Todestag am 21.09.19 v. Chr. in Brundisium scheinen gesichert zu sein. Zu seinen Lebzeiten verfasste Vergil die Bucolica, zehn sog. „Hirtengedichte“, und das landwirtschaftliche Lehr­gedicht Geórgica, das er Maecenas als Dank für die Einführung bei Octavian gewidmet hat,[9] doch die Aeneis ist sein wohl berühmtestes Werk. Nach der Herausgabe selbiger durch den von Augustus beauftragten Dichter Varius Rufus fand Vergils Epos auch unter zeitgenössischen Autoren regen Anklang,[10] obwohl Vergil aufgrund seines plötzlichen Todes eine abschließende Überarbeitung nicht mehr möglich war und er die Veröffentlichung testamentarisch unterbinden wollte. Auch die Tatsache, dass die Aeneis schnell Eingang in den Lektürekanon der Schule fand und noch heute elementarer Bestandteil des Kerncurriculums der gymnasialen Oberstufe ist, verhalf dazu, ihre Überlieferung über die Jahrhunderte zu sichern.

2.2 Analyse der entsprechenden Textstelle

Der Fokus dieser Hausarbeit liegt vor allem auf dem vierten Buch der Aeneis und thematisiert die enttäuschte Liebe Didos und den zentralen Konflikt zwischen individuellen Liebesglück und kollektivem Wohl. Bereits in Buch I strandet Aeneas infolge eines Seesturms an Karthagos Küste und wird von der Königin Dido herzlich empfangen. Nach einem Bericht über den Unter­gang Trojas und seine Weisung, für die Penaten und die Überlebenden des Kriegs in Italien eine neue Heimat suchen zu müssen, verlieben sich Dido und Aeneas ineinander, so dass es schließlich im vierten Buch während eines Unwetters in einer Grotte zur Liebesvereinigung beider kommt. Obwohl Dido, wie anfangs in Buch IV geäußert, zunächst Bedenken aufgrund ihrer Gefühle hegt, da sie ihrem verstorbenem Mann lebenslange Treue geschworen habe, lässt sie sich dennoch auf die Verbindung ein, auch auf Anraten ihrer Schwester Anna, die vor allem die gesteigerte politische Macht in Zeiten feindlicher Bedrohung herausstellt (V. 31-53). Als die Nachricht von ihrem Liebesglück schließlich auch Iarbas erreicht (V. 195-218), der vor der Ankunft der Trojaner vergebens um Dido geworben hat, wendet er sich rachsüchtig an Jupiter und bewirkt, dass dieser, ebenfalls erzürnt über das Liebesglück, infolge dessen Aeneas seine Weisung vergessen zu haben scheint, Aeneas eindringlich an seine Weisung erinnern lässt (V. 219-258). Die Mahnung verfehlt ihre Wirkung nicht und so entschließt sich Aeneas zur sofortigen Abreise, ohne jedoch Dido davon zu unterrichten.

Als sich auch dieses Gerücht verbreitet und schließlich zu Dido gelangt, ist sie bereits miss­trauisch und sieht ihre Befürchtungen eher bestätigt als überrascht zu sein. Wutentbrannt (furenti (V. 298)) sucht sie schließlich Aeneas auf, um ihn mit den Gerüchten zu konfrontieren und indem sie es ist, die das Wort ergreift (ultro (V. 304)), nimmt sie ihre Anschuldigungen vorweg, ohne dass Aeneas die Möglichkeit einer Erklärung eingeräumt wird. Bemerkenswert ist an der Beschreibung der Situation vor der Konfrontation zudem, dass es sich zwar um einen außenstehenden Erzähler handelt, der die Umstände schildert, unter denen Dido von den Gerüchten erfahren hat, dass die Grenzen zwischen Erzähler- und Figurenperspektive jedoch dahingehend verwischen,[11] dass durch den Einsatz einer rhetorischen Frage (quis fallere possit amantem? (V. 296)) und die gezielte Verwendung introperspektivischer Verben (praesensit [...] excepit (V. 297)) der Rezipient Empathie mit Dido empfindet. Auch die Partizipialkonstruktion omnia tuta timens (V. 298) trägt hier dazu bei, Vorausdeutungen auf das tragische Ende dieser Liebe zu machen und zugleich die Verletzlichkeit Didos darzustellen, indem neben ihrer Liebe vor allem ihre Ängste thematisiert werden.

In insgesamt vier Abschnitte lässt sich Didos nun folgende Rede einteilen, von denen der erste (V. 305-308) durch eine Aneinanderreihung rasch aufeinanderfolgender rhetorische Fragen sowohl ihren Zorn und ihre Aufgebrachtheit zeigen als auch verdeutlichen, dass sie nicht wahr­haben will, dass ihr Geliebter sie verlässt. Die exponierte Stellung von dissimulare (V. 305) sowie die Ansprache Aeneas' als perfide (V. 305) betonen zusammen mit der Häufung von Pronomina (mea (V.306), noster (307)) und der Nennung ihres eigenen Namens ihr Ver­bitterung über die Heimlichkeit der Abreise und den Vertrauensbruch. Nicht nur, dass das, was er ihr antue, einem nefas (306) gleichkomme, sondern auch die durch das Trikolon nec (V. 307f.) angeführten Gründe sollen ihn umstimmen und von der Fortdauer ihrer Romanze über­zeugen. Indem sie durch das Trikolon Gründe anführt, die die Vergangenheit (data dextera (V. 307)), die Gegenwart (noster amor (V.307)) und die Zukunft (moritura [...] crudeli funere (V.308)) umfassen,[12] bringt sie ihren Standpunkt eindringlich zur Geltung und erinnert Aeneas an die Pflicht, die er infolge Didos Gastfreundschaft und ihres Ehebündnisses zu leisten habe. Die Vereinigung der drei zeitlichen Ebenen symbolisieren zudem die zeitlich unbegrenzte Liebe, die einzig durch den Tod beendet werde, den sie sterben müsse, sollte er sie verlassen.

Der zweite Abschnitt (V. 309-313) kündet erneut von der Entsetztheit Didos über die uner­schütterliche Härte des Aeneas, indem sie zwei weitere rhetorische Fragen anschließt und Aeneas als crudelis (V. 311) beschimpft. Ihr sei unverständlich, dass er gerade unter den gegebenen Witterungsverhältnissen aufbreche und auch die Fahrt auf unruhiger See in Kauf nehme, um ein ihm unbekanntes Ziel (arva aliena domosque ignotas (V. 311f.)) zu erreichen. Um dieser Gefahr weiter Ausdruck zu verleihen, schließt sie einen Vergleich an und hält Aeneas vor, er würde eine solch gefährliche Fahrt nicht einmal dann wagen, wenn Troja sein Ziel wäre, und bildet die bedrohliche Situation der Seefahrt bildlich nach, indem sie classibus in einem Hyperbaton zwischen per undosum [...] aequor (V. 313) geradezu einschließt.

Der Umstand der Heimlichkeit und der für sie nicht nachvollziehbare Zeitpunkt der Abreise verletzen sie so sehr, dass ihre hier zum Vorschein gekommene Wut im nächsten Abschnitt (V. 314-319) in tiefe Verletztheit umschlägt. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Dido Aeneas' Schicksal kennt und weiß, dass ihm daher ein längerer Aufenthalt in Karthago nicht gestattet ist, „sieht [dies] jedoch zumindest momentan nicht als vorrangig an und schließt aus dem unerschütterlichen Willen des Aeneas abzureisen nur, dass er von ihr fort will“[13] (mene fugis? (V. 314)). Auch dieser Abschnitt beginnt wiederum mit einer Frage, appelliert jedoch stärker als zuvor und nicht zuletzt durch die Tränen (per [...] has lacrimas (V. 314)) an Aeneas' Mitgefühl. Sowohl das Polyptoton (te (V. 314), te (V. 317), tibi (V. 317)) als auch die Hand, die Dido nimmt, um ihm die gemeinsame Liebe und in ihren Augen noch im Vollzug befindliche Hochzeit zu demonstrieren (conubia nostra [,..]inceptos hymenaeos (V. 316)), zeugen von der veränderten Atmosphäre und der Verzweiflung, Aeneas halten zu wollen. Gar flehentlich bitte sie ihn zweifach, sein Vorhaben zu überdenken, indem sie in Form eines Konditionalsatzes an ihre Verdienste ihm gegenüber erinnert und durch ein sich anschließendes aut (V. 317) an seine Liebe appelliert. Auch hebt sie durch das Hyperbaton istam [...] exue mentem (V. 318f.) die Eindringlichkeit ihrer Worte hervor und unterbricht diese Bitte einzig durch eine weitere (oro (V. 319)) sowie einen verzweifelten Bedingungssatz.

Der letzte Abschnitt (V. 320-324) stellt Aeneas abschließend die von Dido eingegangenen persönlichen und politischen Risiken vor Augen und zieht ihn durch die exponierte Stellung von te propter (V. 320) dafür zur Verantwortung. Er sei es gewesen, für den sie sich die Feindschaft mit den umliegenden Völkern zugezogen habe und auch er sei dafür verantwortlich, dass sie infolge ihrer verliebten Pflichtvergessenheit bei ihrem eigenen Volk an Ansehen verloren habe. Auch persönlich habe sie also Schaden genommen, da ihr früherer Ruf und ihre Beliebtheit durch ihre Verbindung mit Aeneas verblasst seien. Der Abschnitt endet mit Didos Vision ihrer Zukunft und nimmt den Gedanken von Vers 308 auf, indem Aeneas nochmals gewarnt wird, sein Weggang habe ihren Tod zur Folge (moribundam deseris (V. 323)). Bereits jetzt sei ihre Enttäuschung so groß, dass ihr von ihrem einstmals geglaubten Ehemann nur noch die Erinnerung an einen Gastfreund (hospes (V. 324)) bleibe.

Trotz ihrer offen Gefühlsbekundungen und der angeführten rationalen und emotionalen Argumente kann sie Aeneas nicht umstimmen, so dass er kurze Zeit später aufbricht, um in Italien sein Schicksal zu erfüllen. Enttäuscht und zutiefst verletzt bleibt Dido zurück, unfähig, den Schmerz zu ertragen, so dass sie schließlich, wie zuvor angedroht, ihren Selbstmord als letzten Ausweg sieht, die erlebte Schmach zu überwinden. Bevor sie sich mit dem Schwert tötet, das Aeneas ihr einst schenkte, schwört sie ihm auf dem Scheiterhaufen ewige Rache.

3 Didaktische Analyse

3.1 Kompetenzbereiche und Lernzuwachs

Die von mir gestalteten Unterrichtsstunden für SuS der Qualifikationsphase mit dem Profil A befassen sich schwerpunktmäßig mit den Kompetenzbereichen „ Textkompetenz“ und „Kultur­kompetenz“. Aufbauend auf dem in der Sekundarstufe I und dem in der Einführungsphase erworbenen Wissen soll der Lernzuwachs dieser Unterrichtsstunden darin bestehen, den zentralen Konflikt zwischen individuellem und kollektivem Wohl aus der Perspektive Didos zu analysieren und durch szenische Mittel zu interpretieren. Nachdem in den vorherigen Stunden bereits zentrale Passagen der Aeneis zum Verhältnis von Dido und Aeneas sowie zu Aeneas' Schicksal übersetzt wurden, besteht das Ziel dieser Unterrichtsstunden nun darin, im Rahmen einer Textanalyse, eines Textvergleiches sowie einer gestaltenden Interpretation Didos Stand­punkt herauszuarbeiten und anhand der Analyse ihrer angeführten rationalen und emotionalen Argumente ihren Standpunkt darzulegen. Da es sich bei Vergib Aeneis um ein Epos handelt, dass aufgrund seines Inhalts bei SuS zwar beliebt, aufgrund seiner poetischen Sprache und seines komplexen Handlungsgangs aber zumeist schwer verständlich scheint, soll sich das Unterrichtsvorhaben auf diese beiden Personen beschränken, um in den folgenden Unterrichts­stunden darauf aufbauend zirkulär weitere zentrale Themen der Aeneis behandeln zu können.

Neben der Übersetzung des literarischen Textes selbst sollen die deutsche Übersetzung der Rezeption Ovids in den Heroides, Videosequenzen und ein Audiobeitrag den SuS dazu dienen, die Position Didos innerhalb des Konflikts zu analysieren. Anhand einer abschließenden handlungs- und produktionsorientierter Aufgabe soll den SuS der Zugang zum Werk Vergils erleichtert, die Lesemotivation und der rege Austausch über unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen gefördert werden. Zentrale Stellung für diese Aufgabe nimmt das schuleigene Netzwerk ein, das neben der Datenspeicherung und -bereitstellung auch die Möglichkeit eines Forums anbietet, so dass die SuS nicht nur Beiträge anderer Gruppen ansehen, sondern auch kommentieren können. Auf diese Weise soll es zusätzlich ermöglicht werden, sich anhand zuvor gemeinsam erarbeiteter Kriterien gegenseitig zu bewerten und eigene Leistungen mithilfe der Kommentare anderen SuS bzw. Gruppen besser reflektieren zu können.

Dieses Vorgehen soll im Einzelnen zur Entwicklung folgender im Kerncurriculum Nieder­sachsens beschriebener Kompetenzbereiche der Qualifikationsstufe (Profil A) beitragen:

a) „ Textkompetenz “[14]

„Die Schülerinnen und Schüler...

- erschließen einen lateinischen Originaltext sprachlich und inhaltlich und verfassen eine angemessene Übersetzung.
- moderieren den Diskurs über eine vorgelegte Übersetzung.
- zitieren korrekt.
- benennen stilistische Gestaltungsmittel und erläutern ihre Funktion im Kontext.
- arbeiten aus lateinischen Texten römische Wertbegriffe, Kernbegriffe der Philosophie und Historiographie und die Stilisierung von Personen heraus und interpretieren diese.
- vergleichen und bewerten Parallel- oder Kontrasttexte.
- arbeiten die spezifischen Darstellungsmittel heraus. “

b) „Kulturkompetenz“[15]

„Die Schülerinnen und Schüler.

- stellen exemplarische Inhalte aus [dem Gegenstandsbereich] [...] Gesellschaft - Kultur dar und setzen sich mit[diesem] kritisch auseinander.
- vergleichen bei der Auseinandersetzung mit der römischen Kultur fremde und eigene Wertvorstellungen, überprüfen sie kritisch und modifizieren sie zukunftsfähig.“

Themenspezifisch ergeben sich weitere Kompetenzen aus dem Gegenstandsbereich „Gesell­schaft und Kultur“ unter dem Leitthema „Aeneas - Sinnbild römischen Selbstverständnisses “.

c) „Textkompetenz“[16]

„Die Schülerinnen und Schüler...

- arbeiten die Liebe zwischen Dido und Aeneas als tragischen Konflikt heraus.
- arbeiten augusteische Wertvorstellungen heraus (u. a. pietas, virtus).“

3.2 Analyse des didaktischen Potentials

Wenn von der Aeneis gesagt wird, „ihr Stoff sei gewissenmaßen ein Abbild der beiden homerischen Epen, der Ilias also und der Odyssee,“[17] so verwundert es nicht, dass angesichts der Reduzierung beider Werke auf einzig zwölf Bücher und die daraus resultierende hohe inhaltliche Dichte SuS Schwierigkeiten bereitet und mangelnde Lesemotivation zur Folge hat. Zwar begeistern sich SuS für die Sage um Aeneas selbst, doch die komplexe Figurenkon­stellation bewirkt infolge eines oftmals mangelnden mythologischen Wissens, der fremdartigen Metaphorik und poetischen Sprache des Epos ein Desinteresse. Um ihnen trotz allem einen Klassiker der römischen Literatur näher zu bringen, mit dem schon römische Schüler unter­richtet wurden, ist es sinnvoll, nicht eine Gesamtinterpretation des Werkes anzustreben, sondern sich auf ausgewählte Themenkomplexe zu beschränken. Im Rahmen der didaktischen Reduktion soll im Verlauf dieser Unterrichtsstunden der zentrale Konflikt um Dido und Aeneas in gemeinsamer und selbstständigen Auseinandersetzung mit dem literarischen Text sowie einer zeitgenössischen Rezeption erarbeitet werden, um bei ausreichendem zeitlichen Kontingent darauf aufbauend weitere Themenkomplexe im Rückgriff auf die zentrale Personenkonstellation erarbeiten zu können. Mithilfe szenischer Interpretationen sollen daher neben der kognitiv­analytischen Textarbeit gezielt handlungs- und produktionsorientierte Methoden eingesetzt werden, um das individuelle Leseverständnis durch einen emotionalen und imaginativen Zugang zu erleichtern sowie eine Identifikation mit den agierenden Figuren und ein intensives Leseverständnis zu erzielen. Auch sollte die Aktualität und Zeitlosigkeit der in der Aeneis behandelten Themen dazu eingesetzt werden, die SuS für das Epos zu begeistern und die Lese­motivation zu fördern. Aufgrund der Zeitlosigkeit der gesellschaftlichen Probleme, die Vergil behandelt, ist sein Werk im Allgemeinen gut geeignet, um in der Schule aktuelle Bezüge zu gesellschaftlich und individuell relevanten Themen herzustellen und den SuS somit neben eines kognitiven auch einen emotionalen Zugang zu ermöglichen.

Die SuS sollen erkennen, dass Themen wie Liebe und Liebesenttäuschung bzw. der Umgang mit Liebeskummer, die Grundsatzentscheidung zwischen individuellen Glück (Liebe) und gesellschaftlicher Verpflichtung (Karriere etc.) sowie ein Neuanfang nach dem Verlust geliebter Personen nicht nur für die Figuren in der Aeneis relevant sind, sondern auch ihre eigene Lebens­wirklichkeit betreffen und damit sowohl für die Gegenwart als auch die Zukunft von Bedeutung sind. Zentral dabei ist die Auseinandersetzung mit den menschlichen Emotionen und die Frage, inwiefern diese Verhaltensweisen und existenzielle Entscheidungen beeinflussen können und wie damit umzugehen ist, dass es Ereignisse und Begebenheiten gibt, die es notwendig machen, den eigenen Lebensentwurf zu überdenken.[18] Eine szenische Interpretation scheint dabei besonders geeignet, da die SuS aufgrund ihres Alters bereits eigene Erfahrungen in den genannten Bereichen sammeln konnten und dies eine Identifikation mit den agierenden Figuren erleichtert. Auch wird den SuS ermöglicht, die unterschiedlichen Positionen des Konflikts wahrzunehmen, so dass sie sich im Verlauf dieser Unterrichtsstunden nicht auf eine einzige Lesart verständigen, sondern im Diskurs verschiedenste individuelle Lesarten betrachten und beurteilen können. Ferner ist es an dieser Stelle möglich, durch die Überlegung, welche Begebenheiten in der heutigen Zeit zu einem derartigen Konflikt führen könnten und wie damit umzugehen ist, den Kontrast zwischen den augusteischen Wertvorstellungen, die Vergil in seinem Werk transportiert, und den heutigen aufzugreifen und zu hinterfragen.

Neben dem gewählten Interpretationsansatz bietet die Aeneis mit einer anderen Schwerpunkt­setzung auch die Möglichkeit, den Generationenkonflikt zu thematisieren, der angesichts sinkender Geburtenraten und der Vergreisung der Gesellschaft so aktuell ist wie nie zuvor. Aeneas sieht sich vor die schicksalsträchtige Aufgabe gestellt, für die Penaten und die Über­lebenden des trojanischen Krieges eine neue Heimat zu finden, und entscheidet sich als ver­antwortungsbewusster Anführer gegen sein individuelles Liebesglück mit Dido. Auch die SuS müssen sich im Rahmen ihres individuellen Lebensentwurfs bewusst machen, dass auch sie eine gesellschaftliche Verantwortung für diese und zukünftige Generationen übernehmen müssen, beispielsweise durch die Einzahlung in die Rentenkassen, um die Stabilität der Gesellschaft zu sichern. Die vorliegende Textstelle könnte dabei veranschaulichen, dass die Entscheidung für einen bestimmten Lebensentwurf mit Schwierigkeiten behaftet ist, da sie nicht nur die eigene Person betrifft, sondern unter Umständen auch Konsequenzen für die Gesellschaft oder Einzelpersonen nach sich zieht.

Da es sich insgesamt um ein Unterrichtsprojekt handelt, dass neben technischer Versiertheit im Umgang mit Software zur Film- bzw. Tonbearbeitung vor allem eine stabile Vertrauensbasis innerhalb des Kurses voraussetzt, ist die Durchführung nur innerhalb einer Gemeinschaft ratsam, die sich bereits über einen längeren Zeitraum kennt. Dies betrifft sowohl die Phasen, in denen die SuS im Rahmen der Erarbeitung in Gruppen Szenen gestalterisch interpretieren sollen, vor allem aber die sich anschließende Evaluation. Den SuS wird im Anschluss an die Erarbeitungsphase Zeit gegeben, sich einzeln oder in Gruppen die Beiträge der anderen Gruppen anzusehen und mithilfe der Kommentarfunktion des schulinternen Netzwerks zu bewerten. Darüber hinaus sollen sich die SuS auch selbst anhand zuvor erarbeiteter Kriterien bewerten, so dass neben ausreichender Reflexionsfähigkeit vor allem gegenseitiger Respekt vonnöten ist, damit die im Rahmen dieses Unterrichtsprojekts geübte Kritik konstruktiv sein kann.

Da es sich bei den Produkten der abschließenden Aufgabe um kreative Leistungen handelt, denen die üblich Notengebung nur sehr eingeschränkt gerecht werden kann, ist es vorteilhaft, neben der Fremdbeurteilung des Lehrers auch die Schülerselbst- und Schülermitbewertung in die Beurteilung miteinfließen zu lassen, um sowohl das Produkt, viel mehr aber noch den Entstehungsprozess und die in ihm individuell und gemeinschaftlich erworbenen Kompetenzen adäquat und gerecht beurteilen zu können. Dies bedarf jedoch einer differenzierter Maßstäbe, anhand deren es für den Lehrer, die SuS und das Individuum möglich ist, Prozess und Ergebnis wahrzunehmen. Hilfreich ist an dieser Stelle ein Lerntagebuch, in dem sowohl die Gruppe als auch der einzelne SuS Vorgehensweisen, Fortschritte, Schwierigkeiten, Emotionen, Etappen­ziele und offene Fragen festhalten kann. Auf diese Weise erhalten die SuS einen besseren Einblick in die Beurteilungskriterien, einen Überblick über die erworbenen und noch zu erwerbenden Kompetenzen und können die Bewertung eigener Leistungen besser nachvoll­ziehen. Dies alles gelingt jedoch nur, wenn die Lernkultur innerhalb des Kurses so beschaffen ist, dass Fehler und Schwierigkeiten ohne Angst vor Diskriminierung geäußert und als Möglich­keit zur Qualifizierung angesehen werden können.

3.3 Didaktische Analyse der entsprechenden Textstelle

3.3.1 Skizzierung einer möglichen Unterrichtssequenz

Wie bereits im vorherigen Absatz erörtert, ist es bei einer Beschäftigung mit der Aeneis sinnvoll, dies mithilfe ausgewählter Themenkomplexe zu tun, um Verständnisschwierigkeiten, mangelnde Lesemotivation und fehlende Unterrichtszeit zu verhindern. In Bezug auf das hier geschilderte Unterrichtsvorhaben eignet sich daher eine intensive Beschäftigung mit den Figuren Dido und Aeneas, um die zu behandelnden Textstellen einzugrenzen. Existenziell für das Verständnis und die Analyse des hier aufgezeigten Unterrichtsvorhabens ist eine Lektüre folgender Textstellen:

- Die Trojaner stranden nach einem Sturm an Karthagos Küste (I, 180-184;195-209)
- Aeneas' fatum (I, 229-241; 250-296)
- Didos Zweifel trotz aufkeimender Gefühle für Aeneas (IV, 1-30; 68-89)
- Die Liebesvereinigung in der Grotte (IV, 160-197)
- Mahnende Erinnerung Aeneas' an die Erfüllung seines Schicksals (IV, 279-295)
- Leidenschaft, die Leiden schafft (IV, 296-324)
- Aeneas zwischen Neigung und Pflichterfüllung (IV, 331-361)
- Erneuter Versuch Didos, Aeneas vom Bleiben zu überzeugen (IV, 362-396)
- Die endgültige Abreise der Trojaner (IV, 554-580)
- Selbstmord Didos und die Verfluchung des Aeneas (IV, 590-629; 651-662)
- Wiedersehen in der Unterwelt (VI, 450-476)

Da es für ein umfassendes Textverständnis unumgänglich ist, die ausgeführten Textstellen zu lesen, kann ein Zeitmangel mittels deutscher Überleitungs- oder Übersetzungstexte bzw. ausführlicher Einleitungen vermieden werden. Je nach Umfang des Unterrichtsvorhabens und nach Schwerpunktsetzung der weiteren Unterrichtsstunden können ergänzend Passagen gelesen werden, in denen Aeneas vom Untergang Trojas berichtet (Aeneis II), um den SuS mit Hinblick auf sein Schicksal auch einen detaillierten Einblick in seine Vergangenheit zu gewähren.

3.3.2 Analyse sprachlicher Schwierigkeiten des Ausgangstextes

Auch in Bezug auf die zu lesenden Passagen ist es zwingend erforderlich, ein Textblatt mit angemessenen Hilfestellungen zu erstellen, das die Lektüre erleichtert. Die zentrale Textstelle IV 296-324 wurde dazu einerseits auf 152 Wörter gekürzt, andererseits wurden dem Text sechzehn Hilfestellungen hinzugefügt. Da es sich um ein Epos handelt, das im Hexameter verfasst ist, ist es mit Blick auf die metrische Analyse unmöglich, einzelne Wörter oder Phrasen aus dem Text zu streichen, so dass hier nur ganze Sätze oder Teilsätze entfernt wurden.

Zu Beginn des Textes wurde motusque excepit (V. 297) mit einer übersetzten Hilfestellung angegeben, um den SuS den Umgang mit der semantischen Ähnlichkeit von praesensit und excepit zu erleichtern, zumal die Bedeutung von excepit in diesem Zusammenhang unüblich ist. Auch das Objekt motusquef...] futuros wurde hier übersetzt, um den Einstieg in den Text aus Gründen der Lesemotivation möglichst einfach zu halten. Das Akkusativobjekt zur sich anschließenden Partizipialkonstruktion omnia tuta (V. 298) wurde mit einem deutschen Kon­zessivsatz übersetzt, da eine wörtliche Übersetzung an dieser Stelle sehr umständlich erscheint.

Die Verse 298-303 wurden vom Textblatt entfernt, da zum einen die Darstellung der Fama für das Verständnis des zentralen Konflikts unerheblich ist und es ausreicht, die Umstände, unter denen Dido von den Plänen des Aeneas erfährt, ausführlich in der Einleitung zu erläutern, zum anderen erscheint für die SuS der Vergleichs Dido mit einer im orgiastischen Taumel durch die Stadt tobenden Mänade eher befremdlich und bedürfte ausführlicher Erläuterung.

Um für die weitere Analyse des Textes herauszustellen, dass Dido diejenige ist, die ohne zu zögern auf Aeneas einredet, wurde ultro (V. 304) angegeben, da die meist von den SuS gewählte Bedeutung „ selbst“ nicht deutlich genug erscheint.

[...]


[1] Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

[2] http://iserv.eu/portal/ (Zugriff am 22.11.2013).

[3] http://iserv.eu/portal/ (Zugriff am 22.11.2013).

[4] Vgl. von Albrecht, Michael: Vergil. Eine Einführung. Bucolica - Georgica - Aeneis. S. 147.

[5] Suerbaum, Werner: Vergilius Maro, Publius, der Dichter Vergil. In: Der Neue Pauly. http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/pax-e911030 (Zugriff am 20.11.2013).

[6] Vgl. Aeneis I, 286-296; VI, 788-807; VIII, 675-728.

[7] Suerbaum, Werner: Vergilius Maro, Publius, der Dichter Vergil. In: Der Neue Pauly. http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/pax-e911030 (Zugriff am 20.11.2013).

[8] Vgl. von Albrecht, Michael: Vergil. Eine Einführung. Bucolica - Georgica - Aeneis. S. 7.

[9] Ebd. S. 9.

[10] Vgl. Prop. II, 34, 61-66.

[11] Vgl. Williams, Gordon: Technique and Ideas in the Aeneid. S. 202.

[12] Vgl. Glücklich, Hans-Joachim: Vergils „Aeneis“ im Unterricht. S. 76.

[13] Ebd. S. 77.

[14] kc_latein_go_i_03-ll.pdf S. 25f. (Zugriff am 21.11.2013).

[15] kc_latein_go_i_03-11.pdf S. 26 (Zugriff am 21.11.2013).

[16] kc_latein_go_i_03-ll.pdf S. 31 (Zugriff am 21.11.2013).

[17] Binder, Gerhard: Vergil, die Aeneis und Dido. In: Dido und Aeneas. S. 13.

[18] kc_latein_go_i_03-11.pdf S. 31 (Zugriff am 21.11.2013).

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Vergils Aeneis IV, 296-324 sowie ein Vergleich mit Ovids Heroides VII (Unterrichtsentwurf Latein)
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
41
Katalognummer
V383725
ISBN (eBook)
9783668591462
ISBN (Buch)
9783668591479
Dateigröße
780 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergil, Aeneis, Aeneas und Dido, Ovid, Heroides, Literaturdidaktik, Lateinische Literaturdidaktik, Textkompetenz, Didaktik, Unterrichtsentwurf
Arbeit zitieren
Anna Kuhlmann (Autor), 2013, Vergils Aeneis IV, 296-324 sowie ein Vergleich mit Ovids Heroides VII (Unterrichtsentwurf Latein), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383725

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