Gerechtigkeitstheorien und die Kontroverse zwischen Nancy Fraser und Axel Honneth. Zur Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern


Bachelorarbeit, 2016
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Anerkennungsbegriff
2.1. Anerkennung nach Fichte
2.2. Anerkennung nach Hegel
2.3. Anerkennung nach Mead

3. Axel Honneth - Der Kampf um Anerkennung
3.1. Liebe
3.2. Recht
3.3. Solidarität

4. Nancy Fraser - Gerechtigkeit

5. Umverteilung oder Anerkennung?
5.1. Einbettung in den gesellschaftstheoretischen Kontext
5.2. Standpunkt Fraser
5.3. Standpunkt Honneth

6. Anwendung der Konzepte auf das Beispiel der geschlechtlichen Ungerechtigkeit
6.1. Gender-Mainstreaming
6.2. Das Ernährer- und das Doppelversorgermodell
6.3. Die Dimension der Anerkennung in der schwedischen Familienpolitik
6.4. Die Dimension der ungerechten Verteilung in Deutschland

7. Schlussbetrachtung
7.1. Zusammenfassung und Fazit

Bibliographie

Internetrecherche

1. Einleitung

Umverteilung oder Anerkennung? Der Titel des gemeinsamen Werks der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser und des deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth stellt gleichzeitig die beiden zentralen Begriffe vor, die die breitgeführte Diskussion vorantreibt, die auch als Kontroverse deklariert wird. Diese Kontroverse bezieht sich auf die zwei unterschiedlichen Gerechtigkeitstheorien der Autoren, die, wie sie selbst behaupten, miteinander unvereinbar sind.

Nancy Fraser vertritt dabei die Meinung, dass der Weg Honneths, die politisch­philosophische Konzentration einzig und allein auf die Anerkennungsbegrifflichkeit zu legen dazu führt, dass Fragen bezüglich der nicht unwichtigeren Verteilungsgerechtigkeit in den Hintergrund gerückt werden. Die Diskussion wird dadurch in Gang gehalten, dass Honneth diesen Vorwurf Frasers aufgreift und seine Vorgehensweise nur darin bestätigt sieht. So will er zeigen, dass sich diese Fragen nach einer gerechten Verteilung gerade dann besser auflösen ließen, würden sie im Rahmen eines genau ausdifferenzierten Anerkennungskonzepts neu formuliert werden.

Die Frage nach Gerechtigkeit existiert dabei schon fast so lange, wie die moderne Gesellschaft selbst. Die Theorien sind vielfältig und wurden von Philosophen, Theologen, Soziologen und Politikern gleichermaßen behandelt. So ist es nicht verwunderlich, dass diese beiden modernen Konzepte ebenfalls Anklang in der Diskussion unserer Zeit finden und so aktuell erscheinen, wie noch nie. Gerade durch die voranschreitende Globalisierung und dem damit einhergehenden Vermischen von kulturellen Denk- und Lebensweisen entstehen gesellschaftliche Ungleichheiten, mit denen bestimmte sexuelle, ethnische oder geschlechtliche Ungerechtigkeiten einhergehen. Dabei sehen beide Autoren unumstritten die Erfahrung von Anerkennung als eine Voraussetzung für Gerechtigkeit und den Weg, der zum Erlangen dieser Anerkennung führt, als Motor für den sozialen Wandel.

Die folgende Arbeit mit dem Titel „Die Kontroverse zwischen Nancy Fraser und Axel Honneth“ wird diese beiden Gerechtigkeitstheorien der Autoren vorstellen, wobei zunächst der Anerkennungsbegriff untersucht werden soll. Dazu wird sein historischer Werdegang skizziert und damit die Konzepte der Philosophen Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und George Herbert Mead thematisiert, um eine genaue Vorstellung davon zu erhalten, was Honneth und auch Fraser überhaupt unter Anerkennung verstehen. Mit diesem Vorwissen kann ein Blick auf die Arbeiten Honneths und Frasers gewagt werden. So wird zunächst Honneths Werk „Kampf um Anerkennung“ vorgestellt, der diesen Begriff der Anerkennung wiederum in drei unterschiedliche Anerkennungsstufen unterteilt. Dabei werden diese hier als Liebe, Recht und Solidarität aufgeführt, die alle gleichzeitig mit einer praktischen Selbstbeziehung einhergehen, die letztlich dazu führen soll, dass der Mensch sich in seiner Identität bzw. Individualität bestätigt und damit gerecht behandelt sieht. Anerkennung ist hiernach die Voraussetzung für eine intakte Identitätsbildung. Weiterhin wird Frasers Verständnis von Gerechtigkeit dargelegt und damit auch die Missstände aufgezeigt, die ihrer Meinung nach in unserer heutigen Gesellschaft vorliegen. Diese Missstände bestehen dabei nicht allein in einem Wunsch nach, oder gegebenenfalls dem Kampf um Anerkennung, sondern auch in der politischen Handhabung dieses Themas und der damit einhergehenden Vernachlässigung des Strebens nach einer gerechten Verteilung von Eigentum. Sind die Teilnehmer der Kontroverse vorgestellt, kann die konkrete Diskussion der beiden unter die Lupe genommen werden, die Auge in Auge im gemeinsamen Werk „Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse“ stattfindet. Dort werden die jeweiligen Standpunkte Frasers und Honneths noch einmal aufeinander bezogen dargelegt, sodass die gegenseitige Kritik und Reaktion betrachtet werden können. Zuletzt wird ein Anwendungsbeispiel für die jeweiligen Konzepte zur Gerechtigkeit gewählt und zwar das der geschlechtlichen Ungerechtigkeit. Hierzu werden der Begriff des Gender-Mainstreaming, sowie das Ernährer- und das Doppelversorgermodell erläutert und in den derzeitigen politischen Kontext gesetzt. Dazu soll ein bisher wahrscheinlich einzigartiges familienpolitisches Konzept vorgestellt werden, welches bereits seit Jahren die Dimension der Anerkennung in die Politik und Gesellschaft miteinbezieht, um so eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu bewirken. Damit gemeint ist das schwedische Modell, das nicht bloß die stufenweise Ablösung von der traditionellen Frauenrolle verfolgt, sondern genauso die Ablösung von der traditionellen Männlichkeit. Zuletzt soll auch die Dimension der Umverteilung näher erläutert werden und zwar am Beispiel der in Deutschland auftretenden Lohnschere zwischen männlichen und weiblichen Erwerbstätigen. Für einen besseren und übersichtlicheren Übergang zwischen den einzelnen Kapiteln wird zu Beginn jedes neuen Kapitels ebenfalls eine kurze Einleitung erfolgen, die über die Intention und Vorgehensweise noch einmal genauer informiert. Zum Ende der Arbeit soll dann ein Fazit erfolgen, das dazu in der Lage sein wird, die Fragen, die sich während der Beschäftigung mit der Problematik dieser Kontroverse ergeben haben, beantworten zu können.

Ziel dieser Arbeit soll letztlich sein, dass durch die Analyse der Konzepte Frasers und Honneths festgestellt werden kann, ob und inwieweit beide Theorien tatsächlich kontrovers sind, oder, ob sie sich nicht möglicherweise gegenseitig ergänzen können. Auf diesem Weg werden viele weitere Fragen aufgeworfen. Dabei natürlich die, ob eine der Theorien als Instrument zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit zu bevorzugen wäre und inwieweit dies durch Fakten belegt werden kann. Durch die Beschäftigung mit der bestehenden Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern werden ebenfalls weitere Probleme aufgeworfen. So stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Umfang der beteiligten Dimensionen, die zu dieser Ungerechtigkeit beitragen. Inwieweit erfahren Frauen auch in der westlichen Welt eine ungerechte Verteilung oder generelle soziale Missachtung? Können die hier vorgestellten Haushaltsmodelle dazu beitragen vorherrschende Ungerechtigkeiten zu beheben, oder werden auch hier bloß Aspekte in den Vordergrund gerückt, um andere zu verdecken? Und zuletzt stellt sich die Frage, ob, betrachtet man den Werdegang der Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten bis einschließlich heute, von einem Kampf der Frauen um Anerkennung im Sinne Honneths gesprochen werden kann.

2. Der Anerkennungsbegriff

„Anerkennung ist zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit geworden. Eine ehrwürdige Kategorie der Hegelschen Philosophie, wieder zum Leben erweckt durch die politische Theorie, scheint dieser Begriff heute von zentraler Bedeutung für die Analyse von Kämpfen um Identität und Differenz zu sein.“[1]

Will über die Anerkennungstheorie und deren kontroverse Ansichten gesprochen werden, sollte zu aller erst einmal der Begriff der Anerkennung und dessen historische Handhabung durchleuchtet werden. Mit diesem Begriff geht die Herausbildung der menschlichen Identität und damit das Fortschreiten des gesellschaftlichen und sozialen Wandels einher, was zwar aus heutiger Sicht von zentraler Bedeutung erscheint, aber bereits Philosophen und Soziologen der letzten Jahrhunderte beschäftigte. So auch die Philosophen Fichte, Hegel und Mead, deren zentrale Ansichten hier vorgestellt werden sollen, um eine neutrale, vielsichtige Basis zur nachfolgenden Darlegung der Kontroverse zwischen Fraser und Honneth zu schaffen. Dazu wird zunächst Fichtes Anerkennungsbegriff einleitend fungieren, der die Anerkennung als wechselseitiges Verhältnis selbstbewusster Individuen sieht und damit die ursprünglichste aller Ansichten vorstellt. Daraufhin wird die Arbeit Hegels skizziert, der die Anerkennung als Ursprung und Bewegung hin zur Sittlichkeit versteht. Zuletzt wird Mead herangezogen, der beide Ansätze aufgreift und sie mit seinen Untersuchungen zur menschlichen Identitätsentstehung in Verbindung setzt.

2.1. Anerkennung nach Fichte

Bereits in der Philosophie Fichtes spielt der Begriff der Anerkennung eine weittragende Rolle. Diese Anerkennungstheorie wurde erstmals in seiner „Jenaer Rechtsphilosophie“ (1796-1797) veröffentlicht und stellt die Anerkennung als das wechselseitige Verhältnis selbstbewusster Individuen, die ihre eigenen Handlungsfreiheiten aufgrund der möglichen Freiheitsausübungen anderer Subjekte begrenzen, vor, wodurch sie, bei regelmäßiger Ausübung, in einem Rechtsverhältnis zu einander stehen. „Ohne ein zumindest gelegentliches Ereignis der wechselseitigen Anerkennung, oder zumindest der freien Aufforderung zu selbstbestimmtem Handeln, können sie sich überhaupt nicht ihrer selbst als Individuen bewusst werden“[2]

Zusammengefasst heißt dies, dass Fichte unter Anerkennung ein Rechtsverhältnis, also eine Gewährleistung gegenseitiger moralischer Achtung bei der Interaktion zweier Vernunftwesen versteht, ohne dass diese vertraglich festgehalten werden müsste. Wenig später, um 1798, wird Fichte diese Theorie weiter ausbauen und den Begriff der Anerkennung in seine Sittenlehre einfließen lassen, doch nimmt sich fast zeitgleich auch Hegel dem Konzept an und beginnt es mit Hilfe seines Verständnisses zu erweitern.

2.2. Anerkennung nach Hegel

Anerkennung, im Sinne Hegels, ist der Ursprung des Verständnisses von Sittlichkeit, beziehungsweise Ergebnis einer Bewegung dieser Anerkennung. Anders heißt das, dass er diesen Ursprung in einem „in der praktischen Intersubjektivität angelegten Spannungsmoment, durch das der Kampf um Selbstbehauptung in einen Kampf um Anerkennung transformiert wird“[3] sieht. Dabei steht jedes gesellschaftliche Subjekt im Zentrum, das nach dem Erreichen der totalen Selbstbestimmung strebt, die wiederum nur durch die Übereinkunft mit einem zweiten Subjekt und der damit einhergehenden gegenseitigen Anerkennung zu erhalten ist.

In diesem Prozess der zur Anerkennung führenden Übereinkunft sieht Hegel einen Durchlauf gleich mehrerer Phasen, die durch Individuation und gleichzeitiger Vergesellschaftung gekennzeichnet sind. Diese werden aufgrund ihrer gegensätzlichen Eigenschaften auch doppelsinnige Phasen einer Bewegung der Anerkennung genannt.[4] Eine erste Phase wird schon darin beschrieben, dass das Subjekt ein anderes Subjekt wahrnimmt beziehungsweise ihm begegnet, was zum Selbstverlust des eigenen Selbst im fremden Wesen führt. Bei so einem Aufeinandertreffen ist es laut Hegel nämlich zunächst so, dass nicht ein anderes Wesen mit anderen Eigenschaften und Merkmalen wahrgenommen, sondern das eigene Selbst in das unbekannte Subjekt projiziert wird, ohne, dass sich dadurch bereits die eigene Andersheit oder Selbstständigkeit bestätigt sieht.

In der zweiten Phase der Begegnung findet dann die Aufhebung der eigenen Andersheit im fremden Subjekt statt, wodurch ein gleichzeitiges Sich-Verlieren oder Sich-Finden zu verzeichnen ist, was wiederum zur Verwirrung des Subjektes führt.

Um sich also überhaupt als autonomes Individuum begreifen zu können, muss das Subjekt das andere negieren. Da also das eigentliche Selbst eines fremden Individuums zuerst durch die Übertragung des eigenen Selbst auf eben dieses negiert wird und dann später wiederum diese Negation aufgehoben wird, kann in dieser zweiten Phase von einer „Selbstbejahung durch Negation der Negation“[5] gesprochen werden. Durch diese Aufhebung wird nämlich das Selbst des Fremden, genauso wie das eigene Selbst, freigegeben und die Selbstständigkeit beider Individuen bestätigt.

Hegels Phasenmodell will verdeutlichen, dass es sich bei der gesellschaftlichen Anerkennung immer um einen schrittweisen, wechselseitigen Konstitutionsprozess handelt, bei dem beide sich begegnenden Subjekte aufeinander angewiesen sind.

Zuletzt sollte in Hegels Sinne noch eine Unterscheidung stattfinden und zwar zwischen der gegenseitigen Anerkennung einzelner, unabhängiger Subjekte und der Anerkennung als ein Ergebnis des Verhältnisses vom Einzel- zum Allgemeinwillen. Im ersten Fall der Begegnung einzelner Individuen wird beiden Parteien eine wechselseitige Garantie von Handlungsspielräumen zuteil, sodass jedes Individuum seine eigene Selbstständigkeit gefahrlos ausdrücken kann. Doch werden da, wo institutionalisierte Anerkennungsverhältnisse vorherrschen, die Handlungsspielräume zugunsten des allgemeinen Interesses gekürzt, beziehungsweise eingeschränkt. Hierin ist laut Hegel allerdings letztlich der Antrieb der Bewegung der gesellschaftlichen Entwicklung hin zur Sittlichkeit zu sehen und zwar durch die Rückforderung der individuellen Handlungsspielräume durch die einzelnen Individuen.[6]

2.3. Anerkennung nach Mead

Mead nimmt in seinen Arbeiten das Anerkennungsmodell Hegels auf und überträgt die Idee der Anerkennung als Ergebnis eines gesellschaftlichen Bewegungsprozesses auf seine Untersuchungen zum Prozess der Identitätsentstehung. Diese Identitätsentstehung oder -bildung soll dabei das Endprodukt der intersubjektiven Bezugnahme von Individuen zueinander sein und obgleich Mead den Begriff der Anerkennung in den Hintergrund rückt, ist er trotzdem fundamental für dessen Darstellungen, da auch er in der gegenseitigen Bezugnahme der Subjekte das Grundprinzip der Sittlichkeit erkennt.

Meads Begriff der Identität beschreibt dabei die Gesamtheit all der kennzeichnenden Merkmale, die ein soziales Individuum einer Gesellschaft zuordnet. Diese Identität ist also dazu in der Lage ein Gesellschaftsmitglied eindeutig seiner Gesellschaft zuzuordnen, aber es auch gleichzeitig von allen anderen Gesellschaftsmitgliedern zu unterscheiden. Von der Identität an sich existiert ein allgemeines, naiv-realistisches Bild einer feststehenden Leiblichkeit, welches von einer reduktionistischen Perspektive als Ergebnis äußerer Beobachtungen abgegrenzt werden soll.[7] Dieses einfachste Verständnis der Identität stammt aus der Vorstellung, man würde mit ihr geboren, was sie zur naturgegebenen, feststehenden Leiblichkeit und damit die Frage nach ihrer Gültigkeit, Herkunft und Ausprägung belanglos macht. Zwar können einzelne Aspekte durchaus darauf schließen lassen, die Identität eines Subjekts sei ihm angeboren, wie zum Beispiel durch sein Geschlecht, allerdings kann sie nicht auf kollektiver Ebene verallgemeinert wirksam werden.

Eine weitere mögliche und überzeugendere Perspektive auf den Identitätsbegriff liefert das konstruktivistische Begriffsverständnis, das die Quelle der Identität in der Selbstpräsentation eines Subjekts durch die gesellschaftliche Anerkennung durch andere Subjekte sucht. Dieses Verständnis der Identität zeigt, dass nur durch individuelle Handlungen das „Selbst “ beschrieben werden kann. Es entsteht also im Rahmen individueller Handlungen, entzieht sich aber dabei der unmittelbaren Beobachtung, da es ihm so an Gegenständlichkeit mangelt. Erst durch eine intersubjektive Abhandlung kann es wieder an Bedeutung gewinnen. Dadurch, dass also die Selbstpräsentation des Subjekts durch andere anerkannt wird, ohne, dass sie durch einen Zwang erlangt werden musste, kann sich die Identität des Subjekts voll entfalten.

Die gesellschaftliche Anerkennung, so wie auch die Identität, entstehen also durch eine Synthese der Selbstpräsentation, die nach der intersubjektiven Bezugnahme eintreten kann und der gesellschaftlichen Bestätigung, die als Reaktion auf erstere erworben wird. Anders heißt das, dass die durch intersubjektive Kommunikation erwerbbare wechselseitige Anerkennung also die Grundlage zur Festsetzung oder Entstehung der eigenen Identität ist, deren Aneignung ein „Individuum nicht allein für sich vollziehen kann, sondern bei [der] es der Unterstützung durch Außenstehende bedarf.“[8] Abstrahieren lässt sich diese Tatsache dahingehend, dass die Interaktion mit anderen Subjekten jeden generalisierten Anderen meint, der symbolhaft für die gesamte Gesellschaft eintreten kann.

Der Teil des „Selbst“, der letztlich durch diesen Prozess entstanden ist, nennt Mead fortan das „Me“, das alle Merkmale und Reaktionen internalisiert, die das generalisierte Andere, also jeder außer dem Subjekt selbst, besitzt und was es letztlich gesellschaftsfähig werden lässt. Doch wirkt die gegenseitige Einflussnahme auch hier wechselseitig, sodass sich nicht nur einzelne, unabhängige Subjekte, sondern dahingehend auch die gesamte Gesellschaft ändert. So „reagiert der Einzelne ständig auf die gesellschaftlichen Haltungen und ändert in diesem kooperativen Prozess eben jene Gemeinschaft“[9], was Meads zweiten Teilprozess der Identitätsentstehung charakterisiert. Das „Me“ agiert also entsprechend des gesellschaftlichen Willens, während individuelle Ansprüche des Einzelnen im Hintergrund trotz allem weiterhin bestehen. Diesen Teil des „Selbst“ nennt Mead „I“. Zwischen diesem „Me“ und dem „I“ herrscht dabei ein ständiges Spannungsverhältnis, da individueller Willen und die Internalisierung des Gesellschaftswillens oft im Widerspruch zueinander stehen. Allerdings sind es letztlich gerade diese Reaktionen des „I“ auf den gesellschaftlichen Gesamtwillen, die den Einzelnen zum einzigartigen Individuum werden lassen. Allerdings kann dies wieder nur geschehen, solange der Wille bzw. seine Werte von anderen Subjekten durch wechselseitige Bezugnahme anerkannt werden. So „auf jene gesellschaftlich organisierten Haltungen, die es mit allen anderen teilt und die über den verallgemeinerten Anderen repräsentiert werden [und darüber hinaus] in Bezug auf gerade jene spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten, die es mit anderen Gesellschaftsmitgliedern nicht teilt.“[10] So gesehen handelt es sich hierbei um einen Kampf um soziale Anerkennung des eigenen Willens, welchen das generalisierte Andere, als Abbild der gesellschaftlichen Masse, nicht teilt, was wiederum durchaus als Antrieb sozialen Wandels gedeutet werden kann.

3. Axel Honneth - Der Kampf um Anerkennung

Zu Beginn des fünften Kapitels des Buches „Kampf um Anerkennung“ greift Honneth die Theorien Hegels und Meads in Bezug auf das Erlangen der Erfahrungen subjektiver Anerkennung auf und inwieweit ein Kampf dabei stattfindet. Dabei unterstreicht er strikt ihre Parallelität. Im Grunde nämlich lässt sich zusammenfassen, dass Subjekte nur zu einem praktischen Selbstverständnis gelangen, „wenn sie sich aus der normativen Perspektive ihrer Interaktionspartner als deren soziale Adressaten zu begreifen lernen“[11]. Eine wechselseitige Anerkennung führt demnach zur Identitätsbildung, die, so erklärt Honneth, schon im frühkindlichen Alter einsetzt und deren Erfolg oder auch Misserfolg sich im weiteren Lebensverlauf fortsetzt, so wie es auch aus Meads Arbeiten hervorgeht. Honneth unterscheidet dabei zwischen drei Formen der wechselseitigen Anerkennung: Liebe, Recht und Solidarität.

3.1. Liebe

Allgemein wird die Liebe bei Honneth als Balanceakt verstanden, der sich zwischen Selbstständigkeit und enger Bindung eines Subjekts zu seiner Bezugsperson bewegt. Einem Prozess, „dessen Gelingen von der wechselseitigen Aufrechterhaltung einer Spannung zwischen symbiotischer Selbstpreisgabe und individueller Selbstbehauptung abhängig ist.“[12] Honneth führt die Theorie der Objektbeziehung ein, eine auf die Arbeiten der Psychoanalytikerin Melanie Klein zurückgehende Theorie, die diesen Vorgang des Erarbeitens affektiver Bindungen und welche Bedingungen zu seinem Gelingen führen, beschreibt. Diese Theorie stellt die Entwicklung des kindlichen Trieblebens in Frage, die Sigmund Freud mit der entstehenden Ich-Kontrolle stets in Verbindung gesetzt hatte. Dort sei jede Beziehung eines Kindes eine „bloße Funktion in der Entwicklung libidinöser Triebe“[13].

Honneth führt als ersten Beweis seiner Theorie die Forschungsergebnisse auf, die zeigen, dass der Entzug mütterlicher Zuwendung beim Kind für Störungen sorgt, auch wenn all seine anderen Bedürfnisse befriedigt wurden. So in den Versuchen mit Affenjungen, denen die Mutter entzogen wurde und denen die Forscher zum Ersatz unterschiedliche künstliche Ersatzmütter vorgesetzten. Die einen Ersatzmütter waren mit einer Vorrichtung für die Futterausgabe ausgestattet, die anderen einfach nur mit Fell überzogen. Die Affenjungen bevorzugten die mit Fell überzogenen Mütter, womit sich zeigt, dass einem Kind die Erfahrung des Kontaktbehagens wichtiger ist, als die reine Triebbefriedigung. Honneth untersucht folgend, mithilfe der Theorie der Objektbeziehung und einer ihrer Vertreter, dem Schüler Kleins, Donald Winnicott, die Sozialisationsbedingungen, die zu einer gelungenen „Balance von Symbiose und Selbstbehauptung“[14] führen.

Winnicott geht dabei davon aus, dass nach der Geburt eines Kindes zwischen diesem und der fürsorglichen Mutter eine Phase der undifferenzierten Intersubjektivität, der absoluten Symbiose besteht. Die Mutter sieht das Kind weiterhin als Teil ihres eigenen Körpers an, während sich das Kind für omnipotent, als eins mit der ganzen Objektwelt, also auch der Mutter hält. Er nennt diese erste Phase die Phase der absoluten Abhängigkeit[15], die direkt nach der Geburt einsetzt und in welcher die Mutter und genauso das Kind, in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse vollständig aufeinander angewiesen sind. Oft wird sie auch „Halte Phase“[16] genannt, da das Kind durch die physische Berührung der Mutter die Erlösung von Triebspannung und die Gewährleistung des Kontaktbehagens erfährt, was als eine Vorstufe der Erfahrung der Liebe gesehen werden kann. Diese erste Phase endet im etwa sechsten Lebensmonat des Kindes, wenn Mutter und Säugling allmählich an Unabhängigkeit gewinnen. Die Mutter wird von ihrem Alltag eingeholt und lässt das Kind häufiger allein, was zu einer direkten Vorenthaltung der Triebbefriedigung des Kindes führt. Es folgt die zweite Phase der abgestuften Ent-Anpassung[17], die beim Kind zur schrittweisen Differenzierung von Ich und Umwelt führt. Da die Mutter nicht länger als gegenwärtiges Objekt allzeit zur Verfügung steht, erlernt das Kind zukünftige Bedürfnisbefriedigung vorauszusehen und gezielte Impulse für deren Erhalt einzusetzen.

In der dritten Phase der relativen Abhängigkeit[18] finden dann alle entscheidenden Schritte statt, die maßgeblich für die Entwicklung der kindlichen Bindungsfähigkeit sind. Eine schwer überwindbare Herausforderung für das Kind stellt nun dessen Desillusionierung dar. Es beginnt eine „Anerkennung des Objektes als ein Wesen mit eigenem Recht.“[19] Diese, gegen die Triebwünsche des Kindes wirkende Realität, erzeugt in ihm Aggressionen, die es fortan in Form von Bissen und Schlägen gegen die Mutter richtet. Für Winnicotts Vorgänger rührten diese aggressiven Akte allein durch Frustration her, doch durch ihn erhielten sie einen sinnvollen Wert, denn erkannte er, dass das Kind auf diese Weise das Objekt, die Mutter, testet und zwar ob sie tatsächlich der objektiven Außenwelt angehört. Übersteht die Mutter diesen Test, ohne sich zu rächen, erkennt das Kind, dass neben ihm Objekte mit eigenen Wünschen und Rechten existieren, wodurch es die Mutter als Umwelt-Objekt zu lieben lernt. Dieser Vorgang wird allgemein Objektspaltung genannt. Jessica Benjamin[20] nennt diese aggressiven Akte, die gewaltsam gegen die Mutter gerichtet werden, einen Kampf um Anerkennung, da auch die Mutter, will sie die Attacken überleben, die Autonomie des Kindes anerkennen und zu akzeptieren lernen muss. Wurden diese Schritte der Verschmelzung und Abgrenzung erfolgreich vollbracht, folgt der zweite Teil des kindlichen Verarbeitungsmechanismus: die Nutzung eines

Übergangsobjekts[21], die die Neigung von Kindern beschreibt, mit einfachen Gegenständen ihrer Umwelt eine affektive Beziehung aufzubauen. So etwa einem Spielzeug. Es wird zärtlich geliebt und gepflegt, andererseits auch mit leidenschaftlichen Angriffen attackiert. Diese Objekte bilden einen Ersatz für die an die äußere Umwelt verlorengegangene Mutter, ein Vermittlungsglied zwischen dem primären Erlebnis des Verschmelzens und Getrenntseins, was die Kluft zwischen innerer und äußerer Realität überbrückt. Honneth hält außerdem Winnicotts Behauptung für erwähnenswert, dass der Mensch nie wirklich mit der Realität abschließt, also, dass in ihm immer der Druck besteht, innere und äußere Realität miteinander in Beziehung setzen zu müssen, was durch das Ausüben von Kunst oder religiösen Praktiken geschieht. Dieser Bereich entwickelt sich im Spielbereich kleiner Kinder, die „in ihrem Spiel verloren gehen“[22]. Dieser selbstverlorene Umgang mit Objekten ist nur möglich, wenn sich das Kind nach der Trennung von der Mutter ihrer Zuneigung trotz allem sicher ist. Dieses elementare Grundvertrauen ist die Voraussetzung für das sorglose Alleinsein und der Entdeckung des eigenen personalen Innenlebens des Kindes und all der kreativen Fähigkeiten, die es dadurch erlangen kann. Außerdem soll in der Fähigkeit zum Alleinsein[23] der Stoff sein, aus dem Freundschaften gemacht sind. Honneth interpretiert aus der entspannten Selbstbeziehung, die das weltliche Grundvertrauen mit sich bringt, eine Möglichkeit der wechselseitigen Gefühlsbildung und das eine gereifte Wiederholung der Mutter-Kind-Beziehungserfahrung zu einer affektiven Bindung an andere Menschen führt. Dies begründet z.B. den geheimen Verschmelzungswunsch während des Verliebtseins, der erst wieder abklingt und zu Liebe wird, wenn durch eine Trennungserfahrung die andere Person als unabhängig anerkannt wurde. Dies wird unterstrichen von Hegels Definition der Liebe, die ein „Seinselbstsein in einem Fremden“[24] sei. Die Liebe ist also kein intersubjektiver Zustand, sondern ein kommunikativer Spannungsbogen zwischen dem Alleinsein und dem Wunsch des Verschmelzens.

[...]


[1] Nancy Fraser und Axel Honneth (Hg.): „Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse“, Frankfurt am Main (2003); Suhrkamp Verlag, S. 7

[2] Essay von Ludwig Sieb: „Anerkennung in der „Phänomenologie des Geistes“ und in der praktischen Philosophie der Gegenwart“; auf: http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=767&n=2&y=1&c=1

[3] Peter Sitzer und Christine Wieczorek: „Anerkennung“; in: Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch (Hg.): „Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft“ (S. 101-132), Wiesbaden (2005); Springer VS, S. 105

[4] Vgl. Ebd., S. 106 ff

[5] Ebd., S. 107

[6] Vgl. Ebd., S. 109

[7] Vgl. Bernhard Giesen: „Voraussetzung und Konstruktion. Überlegungen zum Begriff der kollektiven Identität“; in: Cornelia Bohn und Herbert Willems (Hg.): „Sinngeneratoren: Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive“ (91-110), Konstanz (2001); Universitätsverlag Konstanz

[8] Ebd., S. 95

[9] Peter Sitzer und Christine Wieczorek: „Anerkennung“; in: Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch (Hg.): „Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft“ (S. 101-132), Wiesbaden (2005); Springer VS, S. 116

[10] Ebd., S. 117

[11] Axel Honneth: „Kampf um Anerkennung“; 7. Auflage, Frankfurt am Main (2012); Suhrkamp Verlag, S.148

[12] Ebd., S. 154

[13] Ebd., S. 155

[14] Ebd., S. 154

[15] Vgl. Ebd., S. 160 (ursprünglich erläutert in: Donald W. Winnicott: „Von der Abhängigkeit und Unabhängigkeit der Entwicklung des Individuums“, in ders., „Reifungsprozesse und fördernde Umwelt“, S. 106ff)

[16] Vgl. Ebd., S. 161 (ursprünglich erläutert in: Donald W. Winnicott: „Die Theorie von der Beziehung zwischen Mutter und Kind“, S. 56ff)

[17] Vgl. Ebd., S. 161

[18] Vgl. Ebd., S. 161

[19] Ebd., S. 161 (ursprünglich erläutert in: Donald W. Winnicott: „Objektverwendung und Identifizierung“, in ders., „Vom Spiel zur Kreativität“, S. 101ff)

[20] Ebd., S. 164 (Honneth verweist hier auf: Jessica Benjamin: „Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht“, Basel/Frankfurt am Main (1990))

[21] Vgl. Ebd., S. 165

[22] Ebd., S. 166

[23] Vgl. Ebd., S. 168

[24] Ebd., S. 154

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Gerechtigkeitstheorien und die Kontroverse zwischen Nancy Fraser und Axel Honneth. Zur Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
43
Katalognummer
V383820
ISBN (eBook)
9783668591646
ISBN (Buch)
9783668591653
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gerechtigkeitstheorien, kontroverse, nancy, fraser, axel, honneth, ungerechtigkeit, geschlechtern
Arbeit zitieren
Laura Wirths (Autor), 2016, Gerechtigkeitstheorien und die Kontroverse zwischen Nancy Fraser und Axel Honneth. Zur Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383820

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