Innovationstheoretische Ansätze in der Wirtschaftsgeographie - Konzepte und Bewertung nationaler und regionaler Innovationssysteme


Seminararbeit, 2001
36 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Die neue Form der Wissensproduktion

2. Innovationsmodelle
2.1. Das Lineare Innovationsmodell
2.2. Das interaktive Innovationsmodell

3. Das Konzept des Nationalen Innovationssystems
3.1. Diskussion der wissenschaftlichen Ansätze
3.2. Grundlegende Annahmen des Konzeptes
3.3. Akteure eines Nationalen Innovationssystems
3.4. Faktoren für die Ausgestaltung eines Nationalen Innovationssystems
3.5. Das Nationale Innovationssystem in Deutschland
3.6. Das Nationale Innovationssystem in der USA
3.7. Bewertung des Konzeptes

4. Das Konzept des Regionalen Innovationssystems
4.1. Der Ursprung des Konzeptes
4.2. Akteure in einem Regionalen Innovationssystem
4.3. Was macht eine Region innovativer?
4.4. Bewertung des Konzeptes

5. Ausblick: Die Zukunft des Innovationsstandortes Deutschland

6. Literaturverzeichnis
6.1. Monographien
6.2. Aufsätze
6.3. Internetquellen

Zusammenfassung

Das Auftreten von Innovationen rückte in den letzten beiden Jahrzehnten immer mehr in den Focus der wissenschaftlichen Analyse in der Wirtschaftsgeographie. Im Mittelpunkt dieser Broschüre steht die Frage nach dem Entstehen und nach den Rahmenbedingungen von Innovationen. In ersten wirtschaftwissenschaftlichen Modellen entstehen Innovationen noch zufällig. Sie sind Nebenprodukte des Wirtschaftens bis A. Schumpeter die Rolle von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen (FuE.) als gerichteten Entwicklungsprozess erkennt. Innovationen müssen aber nicht zwingend in diesen Abteilungen ihren Ursprung finden. Sie können an allen Punkten einer Produktionskette entstehen. Mit dieser Annahme vollzieht sich der Übergang von einem linearen zu einem interaktiven Innovationsmodell. Erneurungen entstehen damit durch die Rückkopplung verschiedener Prozesse und Akteure. Das Konzept vom Nationalen Innovationssystem (NIS) erweitert in einem nächsten Schritt diesen interaktiven Ansatz. Neben technologischen und ökonomischen Komponenten werden auch sozioökonomische Einflussfaktoren relevant. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Werte, Normen), Institutionen (Forschungs- und Bildungseinrichtungen, das Finanzsystem) üben direkt oder indirekt Einfluss auf das Innovationsgeschehen aus. Es lassen sich länderspezifische Innovationssysteme unterscheiden und zwischen den Polen Korporatismus – Liberalismus verorten. Je nach Typus unterstützen die gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen eines Landes eine bestimmte Art von Innovationen. Deutschland in den 80er Jahren steht für die erfolgreiche Umsetzung von inkrementalen Innovationen. Die USA ist seit Jahren das führende Land bei radikalen Erneuerungen. Das Konzept des Regionalen Innovationssystems überträgt den umfassenden Ansatz eines NIS auf die Ebene von Regionen. Unternehmen und Institutionen einer Region oder eines Wirtschaftssektors sind auf sehr unterschiedliche Weise vernetzt. Insbesondere die räumliche Nähe der Akteure wird bei komplexen Innovationen und der Kommunikation von personengebundenem Wissen besonders wichtig. In regionalen Netzwerken kann unterschiedliches Know-how und verschiedene Kompetenzen in einem kollektiven Lernprozess kreativ miteinander kombiniert werden. Der Erfolg von Unternehmen ist damit zu einem großen Anteil von den institutionellen und kommunikativen Bedingungen des lokalen Milieus abhängig, welches wiederum in den überregionalen und nationalen Kontext eingebettet ist.

Abbildungsverzeichnis

Abb.1 Das lineare Innovationsmodell

Abb.2 Das interaktive Innovationsmodell

Abb.3 Lineares und interaktives Innovationsmodell im Vergleich

Abb.4 Interaktionen im Nationalen Innovationssystem

Abb.5 Internationale Patenaktivitäten

Abb.6 Verflechtungen im Regionalen Innovationssystem

Abb.7 Patente und Lizenzen in den Zahlungsbilanzen ausgewählter Länder

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Die neue Form der Wissensproduktion

„Wissen ist macht“ – dieser Ausdruck aus der Umgangsprache lässt sich auch auf der Ebene des Wirtschaftssystems übersetzen. Wissen bedeutet wirtschaftliche Macht, technologische Führerschaft und damit Vorsprung (Monopolrenten) im Wettbewerb der Unternehmen um Ressourcen, gebildeten Arbeitskräften und vor allem um Marktanteile. Die Umsetzung von Wissen in Produkte, effizientere Produktionsabläufe oder Dienstleistungen findet über Innovationen statt "...in modern capitalism, however, innovation is a fundamental and inherent phenomenon; the long term competitiveness of firms, and of national economies, reflect their innovation capability and, moreover, firms must engage in activities which aim at innovation just in order to hold their ground." (Lundvall 1993:8).

Dem vierten Produktionsfaktor „Wissen“ wird heute etwa. ein Anteil von 50% an der allgemeinen Wertschöpfung beigemessen (Backhaus 1999:7). Beim Produktionsfaktor Wissen (Know-how) muss dabei zwischen kodifiziertem und personengebundenem Wissen (tacit knowledge) unterschieden werden. Bei der Umsetzung von Wissen in marktfähige Produkte sind besonders die Kompetenzen und Fertigkeiten der Akteure im Innovationsprozess für den Erfolg eines Unternehmens ausschlaggebend. Bei diesen Kompetenzen handelt es sich oftmals um personengebundenes Wissen, welches vor allem durch Lernprozesse (learning by doing, learnung by using) weiter entwickelt wird. In der frühen Phase der Innovation sind diese Kompetenzen noch nicht kodifizierbar und dementsprechend Face-to-Face-Kontakte und die räumliche Nähe der Akteure entscheidend.

Die Technologieentwicklung zu Beginn des 21. Jh. ist gekennzeichnet durch weiterhin steigende Innovationskosten, wachsende Bedeutung der Interdisziplinarität, sowie einer engeren Vernetzung von Forschung und Bedarf. Insbesondere in den überlappenden Technikgebieten der Zukunftstechnologien (Informationstechnologie, Biotechnologie) wird eine dynamische Entwicklung in der transdisziplinären Forschungstätigkeit erwartet. Gibbons spricht von einem Übergang zu einem neuen Modus der Wissensproduktion: "The new mode of knowledge production involves different mechanisms of generating knowledge and of communicating them, more actors who come from different disciplines and backgrounds, but above all different sites which knowledge is being produced." (Gibbons 1994:17). Die Produktion von Wissen verläuft nicht mehr linear, disziplinär gebunden innerhalb eines Forschungsinstitutes oder eines Unternehmens, sondern ist flexibel, problemorientiert und durch die Vernetzung der Akteure in einem Innovationssystem übergreifend und reaktionsfreudig. Genau wie Boden, Kapital und Arbeit differiert dieser Input in seiner regionalen Verfügbarkeit. Somit sind die Innovationsfähigkeiten und die Wachstumsdynamiken regional unterschiedlich ausgeprägt (Backhaus 1999:7).

2. Innovationsmodelle

Der Begriff Innovation[1] leitet sich von dem lateinischen Begriff Innovatio her. Mit einer Innovation ist in erster Linie die Einführung neuartiger Elemente wie Produkte, Betriebsformen, Bauformen, Verfahren, Ressourcen, Organisations- und Absatzmethoden in ein bestehendes Wirtschaftssystem gemeint (Ritter 1993:137). Bei Innovationen muss zwischen zwei wesentlichen Typen, den radikalen und inkrementalen Innovationen, unterschieden werden.

Inkrementale Innovationen sind hochwertige Produktverbesserungsstrategien im Kontext langfristig bestehender Beziehungen zwischen Unternehmer und dem am Innovationsprozess beteiligten Akteuren. Durch Interaktionen zwischen Unternehmen, Zulieferern und Kunden werden bestehende Produkte oder Dienstleistungen langfristig verbessert (learning by doing, learning by using). Bei radikalen Innovationen handelt es sich um Quantensprünge in der Entwicklung neuer Produkte, Herstellungsmethoden oder Organisationsformen, die vollständig neuer Märkte und Kundenkreise erschließen.[2]

In neoklassischen Modellen der Wirtschaftwissenschaften entstehen Innovationen zufällig und besitzen den Charakter einer exogenen Variablen. Erst Schumpeter erkennt die Bedeutung von Innovationen für die wirtschaftliche Entwicklung. In seiner Arbeit "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" (1912) stellt er den Unternehmer, der den wirtschaftlichen Produktionsmittelvorrat neu kombiniert als Hauptakteur in den Mittelpunkt des Innovationsgeschehens. Er personifiziert damit das Innovationsgeschehen. Unternehmer setzen neue Produkte auf dem Markt erfolgreich um und treiben durch die „schöpferische Zerstörung“ älterer Güter den dynamischen Entwicklungsprozess einer Wirtschaft voran. In der Theorie entstehen Innovationen weiterhin spontan bis Schumpeter 1942 die Rolle von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (FuE) in Großunternehmen, als kollektive, gerichtete Forschung, in seiner Theorie implementiert.

2.1. Das Lineare Innovationsmodell

Schumpeters Ansätze zu einer Theorie der Innovation werden in dem linearen Innovationsmodell aufgegriffen. Der Entwicklungsprozess des technischen Fortschritts durchläuft in diesem Modell drei Phasen: (i) die Invention, (ii) die Innovation und (iii) die Diffusion. Unter einer Invention ist die Entdeckung neuer Problemlösungen, eine neuen Idee zu verstehen. Die Innovation bezeichnet die erstmalige Durchsetzung der Erfindung, die erstmalige Umsetzung der neuen Idee, und die Diffusion deren allgemeine Verbreitung (Schätzl 1996:110). Innovationen haben in diesem Modell ihren Ausgangspunkt in der Forschung oder in der Produkt- und Verfahrensentwicklung von großen Unternehmen und werden geradlinig und relativ konform im Innovationsprozess vorangetrieben.

Abb. 1 Das lineare Innovationsmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: (Backhaus 1999:8)

Als Beispiel für diesen Innovationstyp können Projekte der staatlichen FuE z.B. das Manhattenprojekt, die Entwicklung der amerikanischen Atombombe, angeführt werden.[3] Ausgangspunkt der Entstehung von Innovationen ist die Grundlagenforschung. Die einzelnen Phasen des Innovationsprozesses sind im linearen Modell nicht vernetzt, es gibt keine Rückkopplungsmechanismen. Der Informationsfluss geht ausschließlich in einer Richtung. An dieser Stelle muss die Kritik an diesem Modell ansetzen, denn Innovationen müssen ihren Ausgangspunkt nicht zwingend in Wissenschaft und Forschung haben, sondern sie können sich auch aus den Bedürfnissen der Kunden oder Lieferanten entwickeln. Die Modellhafte Vorstellung, dass durch Investitionen (Inputlogik) automatisch Innovationen entstehen muss modifiziert werden.

2.2. Das interaktive Innovationsmodell

Das interaktive Innovationsmodell stellt eine Weiterentwicklung der Ansätze Schumpeters da und beschreibt die Prozesse der Umsetzung einer Innovation realer.[4] Dieses Modell geht davon aus, dass die Elemente Forschung und Wissen im Gegensatz zum linearen Modell nicht in der Anfangsphase des Prozesses positioniert sind, sondern unterstützend den gesamten Prozess begleiten. Alle Glieder des Innovationsprozesses sind interaktiv über Rückkopplungsmechanismen vernetzt und gewährleisten damit einen Informationsfluss und Lernprozesse im System.

Abb.2 Das interaktive Innovationsmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle Backhaus 1999:9)

Über die Verknüpfungen im Modell steigt die Diversität der Informationen, Erfahrungen und Fertigkeiten und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Entwicklungspotentiale genutzt werden und Innovationen sich erfolgreich auf dem Markt durchsetzen. Die Innovationsaktivitäten sind in diesem Modell nicht auf die internen FuE Abteilungen großer Unternehmen beschränkt, sondern sie finden unter Einbeziehung verschiedenster Akteure und/ oder Kombination verschiedener Technologiebereiche räumlich verbreitet in Unternehmensnetzwerken statt.[5]

Im interaktivem System sind Innovation und Produktion im regen Informationsaustausch und nicht, wie es das lineare Innovationsmodell vorgibt, voneinander getrennte Bereiche.

Die folgende Tabelle fasst noch einmal beispielhaft die Unterschiede zwischen dem linearen und dem interaktiven Innovationsmodell zusammen:

Abb.3: Lineares und interaktives Innovationsmodell im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle Arndt 2001:34)

Die Abbildung zeigt, dass sich die Theorie der Innovation einem vernetzten Modell nähert. Die Bedeutung des Raumes – die räumliche Vernetzung der Innovationsaktivitäten – bekommt einen höheren Stellenwert. Schritt für Schritt wird der Schumpeterische individuelle Unternehmer durch ein Netzwerk von wirtschaftlichen und außerwirtschaftlichen Akteuren bis hin zu einer Konzeptualisierung eines Nationalen Innovationssystems ersetzt (Blättel-Mink 1997:24). In diesem Konzept werden neben technologischen-ökonomischen Komponenten auch sozioökonomische Einflussfaktoren als relevant angesehen. Die Produktion von Erneuerungen wird zur regionalen bzw. nationalen Aufgabe. Das Konzept „Innovationssystem“ lässt sich je nach Aggregationsgrad auf einer regionalen, nationalen bis hin zu einer globalen Ebene nachvollziehen (Backhaus 2000:11).

[...]


[1] Innovatio lat. die Erneuerung.

[2] Als Beispiel für inkrementale Innovation steht die kontinuierliche Verbesserung des Autos beispielsweise durch eine Servolenkung. Als radikale Innovation ist in den letzten Jahrzehnten vor allem die Erfindung des Computers hervorzuheben.

[3] Dieses Beispiel beweist auf der anderen Seite nicht, dass es durch erhöhte Forschungsausgaben automatisch zu einem höheren Innovationsoutput kommt, wie es in diesem Modell postuliert wird.

[4] Eine andere Möglichkeit um technischen Fortschritt, anders als die Schlussfolgerung von Profitstreben, zu verstehen, ist der Zugang mittels eines evolutionären Prozesses: Zunächst gibt es Mechanismen, die Diversität erzeugen; in der Biologie sind dies Mutationen hier Innovationen. Marktmechanismen selektieren Innovationen innerhalb des Systems; dieser Prozess verringert die Diversität. Manche Innovationen werden wichtiger, andere werden bedeutungslos. Diese neu entwickelten Technologien, genauer verwirklichte Innovationen, sind relativ den Alten überlegen, aber nicht optimal im absoluten Sinn. "Technological Change is an openended and path-dependent process where no optimal solution to a technical problem can be identified." "Further more there might be an intimate relation between learning theories and evolutionary theories in the sense that learning is one mechanism through which diversity is created "(Edquist 1997:6/7).

Sei es durch Lernen aufgrund der Informationen, die bei der Selektion von Innovationen entstehen oder einfach durch interaktives Lernen "learning by doing" oder "learning by using."

[5] Vernetzungen von Unternehmen lassen sich zum einen dadurch erklären, dass sich über die Vernetzung endogene Entwicklungspotentiale besser fördern lassen, zum anderen mussten sich Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten auf die Kundenwünsche einer postfordistischen Gesellschaft und auf den steigenden globalen Konkurrenzdruck einstellen. Das Produktionssystem wurde in einigen Industriebereichen von der fordistischen Massenproduktion, den "economies of scale" auf eine flexible, wissensbasierte Kleinserienproduktion, den "economies of scope" umgestellt. Die Entwicklung führte dazu, dass Kontakte zu Zulieferern und Kunden immens wichtig wurden und aufgrund des zunehmenden Kostendrucks flexible Produktionssysteme entstanden sind.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Innovationstheoretische Ansätze in der Wirtschaftsgeographie - Konzepte und Bewertung nationaler und regionaler Innovationssysteme
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Geographie Marburg)
Veranstaltung
Neue Ansätze und Ergebnisse der Wirtschaftsgeographie
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
36
Katalognummer
V38388
ISBN (eBook)
9783638374668
ISBN (Buch)
9783638687416
Dateigröße
1559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Innovationstheoretische, Ansätze, Wirtschaftsgeographie, Konzepte, Bewertung, Innovationssysteme, Neue, Ergebnisse
Arbeit zitieren
Joerg Musiolik (Autor), 2001, Innovationstheoretische Ansätze in der Wirtschaftsgeographie - Konzepte und Bewertung nationaler und regionaler Innovationssysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38388

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