Der Ausbau des Selbsthilfe-Gedankens im Laufe der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung


Hausarbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Aus der Hölle über Knast und Psychiatrie in den sicheren Hafen der Ehe. Die Geschichte der schwul-lesbischen Emanzipation
1.1. Generelle Problemfelder
1.1.1. "Schwulenfeindlichkeit" von außen
1.1.2. Mangelnde Selbstannahme von innen
1.2. Mehr als "100 Jahre Schwulenbewegung"- ein historischer Abriss
1.2.1. Der Anfang: Schwule helfen sich selbst
1.2.2. Erster Rückschlag: Verfolgung im Nationalsozialismus
1.2.3. Stagnation: Fortführung des Unrechts in der Adenauer-Ära
1.2.4. Fluch und Segen der 60er: erst "unmoralisch" und "krank", dann erste Fortschritte im Kampf um Bürgerrechte
1.2.5. Die 70er: schwule Gründerjahre
1.2.6. Die 80er und 90er: AIDS – die allgegenwärtige Gefahr oder zusammenschweißende Seuche?

2. Die Entwicklung begünstigende Faktoren
2.1. Bildung
2.2. Geschichte, Kunst, Kultur und ForschungS.
2.3. Politisierung, Strukturierung und Solidarisierung
2.4. Enttabuisierung von Sexualität

3. Resümee und Ausblick in die Zukunft

Literaturverzeichnis und Quellen aus dem Internet.

Anhang

1.Einleitung: Aus der Hölle über Knast und Psychiatrie in den sicheren Hafen der Ehe. Die Geschichte der schwul-lesbischen Emanzipation.

Zum 01.01.2005 trat - dreieinhalb Jahre nach Einführung der Rechtsform der eingetragenen Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland - eine überarbeitete, um wesentliche Punkte erweiterte Fassung des LPartGs in Kraft (vgl. www.lsvd.de; 2005 und www.eurogay.de; 2005). Nun können Lesben und Schwule - rechtlich zudem durch ein erweitertes "Anti-Diskriminierungsgesetz" geschützt - hierzulande ihr Leben in weiten Teilen so gestalten, wie sie es sich vorstellen. Zwar haben sich in Bayern nach Angaben des bayerischen Innenministeriums bis zum 27. August 2004 lediglich 1.289 gleichgeschlechtliche Paare registrieren lassen (vgl. www.stmi.bayern.de...; 2005), was bei einer geschätzten Homosexuellenquote von etwa 5% an der Gesamtbevölkerung wenig erscheint, doch auf die Möglichkeit einer offiziellen Verpartnerung möchte kaum ein Betroffener verzichten. Gleichwohl ist das Lager der Homosexuellen nach wie vor gespalten: Einigen gehen die gesetzlichen Regelungen nicht weit genug, sie streben nach der vollständigen Gleichstellung mit der Ehe bzw. die Öffnung der Institution Ehe auch für schwule und lesbische Paare mit den gleichen Rechten und Pflichten; andere wollen die Privilegien der Ehe komplett streichen zugunsten moderat staatlich geförderter ziviler "Verantwortungsgemeinschaften", gleich welcher Zahl und welchen Geschlechts die daran Beteiligten sind (vgl. das Kapitel: "Nein zum Ja-Wort: Die kritischen Stimmen" bei Mielchen 2001, S.75ff). Einig sind sich jedoch alle: Jede/r sollte das ihr/ihm geeignet erscheinende Lebensmodell ohne Repressalien frei wählen können, also auch sich und seinen Partner durch eine offizielle "Verpartnerung" (zur Problematik des deutschen Sprachgebrauchs vgl. Kay in Siegessäule 09/2001) rechtlich abzusichern.

Der Weg der Schwulen und Lesben heraus aus kirchlicher, staatlicher und gesellschaftlicher Verachtung, Verfolgung und Unterdrückung, hin zu dieser politischen und relativ breiten bürgerlichen Anerkennung war lang und steinig (vgl. Kraushaar 1997; Blazek, 1996; Bruns unter www.lsvd.de, 2005; auch www.homosexualitaet.de).

Und noch ist das Ziel, nicht nur Toleranz, sondern auch Akzeptanz schwuler und lesbischer Lebensweisen, in weiten Teilen immer noch nicht erreicht.

1.1 Generelle Problemfelder

1.1.1 "Schwulenfeindlichkeit" von außen

Weder in den von jeher liberaleren deutschen Großstädten, den "Schwulenhochburgen" Köln, Hamburg, München und Berlin, noch in den ländlicheren Regionen ist es immer einfach und ratsam, sich als Homosexueller zu „outen“, d.h. sich als Schwuler erkennen zu geben. Physische wie psychische Gewalt gehört auch 2005 immer noch zu einer reellen Gefahr für Schwule und Lesben (vgl. Anti-Gewaltbericht 2003 des Schwulen Überfalltelefons Köln; 2004). Und Filme, wie die deutsche Dokumentation "Ich kenn ja keinen - allein unter Heteros" von Jochen Hick aus dem Jahr 2002, zeigen, dass es auch im neuen Jahrtausend auf dem Land überaus schwierig ist, ein offenes, anerkanntes und sicheres schwules Leben zu führen (vgl. www.film.de...; 2005).

Ebenso weist eine erst vor kurzem veröffentliche Langzeitstudie des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung unter Leitung des Bielefelder Soziologie-Professors Wilhelm Heitmeyer darauf hin, wie dünn doch das Eis für Schwule und Lesben hierzulande noch ist: 37% der Deutschen stimmten der Aussage zu, "es sei ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen" (Eicker in Siegessäule, 01/2005, S. 13). "Auch die Homoehe wurde von vierzig Prozent abgelehnt" (ebd., S.13). Und 19% der Befragten vertraten die Ansicht, "dass Homosexuelle selbst schuld seien, 'wenn man etwas gegen sie hat'" (ebd., S. 13). Doch betreffe dieses negative Klima nicht nur Homosexuelle, sondern auch alle anderen Minderheiten, wie "Juden, Muslime und MigrantInnen […] 'Abwertungen können von einer auf die andere Gruppe gleichsam überspringen' [...] 'Je nach Zeitgeist rückt die eine oder andere Gruppe ins Licht der Öffentlichkeit und kann Ziel von Anfeindungen werden.' Muslime seien davon derzeit am meisten betroffen" (ebd., S.13). Ein enger Zusammenhang zwischen "der wachsenden Feindlichkeit gegenüber Minderheiten auf der einen und wachsender sozialer Spaltung in Deutschland auf der anderen Seite" (ebd., S. 13), sei nicht von der Hand zu weisen. "Wer Angst hat, seine soziale Stellung einzubüßen, braucht jemanden, auf den er heruntersehen kann" (ebd., S. 13).

Auch die meinungsbildende Macht der Medien darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden: Im gerade aktuellen Fall des Mordes an Rudolph Moshammer tauchte in der anfänglichen Berichterstattung immer wieder der Begriff "Homosexuellenmilieu" auf. Allein die Verwendung dieses negativ besetzten Affix "Milieu" suggeriert, dass Homosexuelle generell in einem zwielichtigen, von Kriminalität durchsetzten, minderwertigem Milieu leben. In der Folge schürt dies eher Ängste, Vorbehalte und Vorurteile in der Bevölkerung gegen Schwule, anstatt diese abzubauen, und gibt u.U. gewaltbereiten Schwulenhassern eine Art Bestätigung für ihr Denken und Handeln. Hier sollte die Problematik des Sprachgebrauchs und seiner Folgen in der Berichterstattung überdacht werden (vgl. Anhang 1).

1.1.2 Mangelnde Selbstannahme von innen

Abgesehen von diesen vordergründig äußeren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sind es auch im Jahr 2005 meist die eigenen inneren Identitätsprobleme, die Zerrissenheit mit sich selbst, das "sich-selbst-nicht-annehmen-können", das Wissen um das eigene "anders-sein als die anderen", das Leiden darunter und die erfolglosen Versuche des Verdrängens, was Jugendliche, junge und durchaus noch ältere Erwachsene immer noch allzu häufig in Krankheit, Depression und letztlich so manchen in den Selbstmord treibt, anstatt ein Comig Out zu wagen.

1.2 Mehr als "100 Jahre Schwulenbewegung"- ein historischer Abriss

Auf die gesamte Entwicklung der internationalen Schwulenbewegung seit dem späten 19. Jahrhundert in ihrer Vielfalt und Komplexität und die detaillierte und differenzierte Situationsanalyse von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern bis ins Jahr 2005 kann hier, in diesem Rahmen, jedoch nur partiell eingegangen werden. Ausführlich und umfangreich wird dies u.a. von Kraushaar, Blazek (Homosexualität seit der Antike), Salmen und Eckard dargestellt (vgl. Literaturverzeichnis).

Vielmehr möchte ich die wichtigsten Stationen der Entwicklung unter dem Aspekt der Selbsthilfe beleuchten und versuchen, die Frage beantworten: Wie konnten sich Schwule - und ab einem bestimmten Zeitpunkt auch Lesben - innerhalb der letzten gut 30 Jahre von einer über Jahrhunderte verpönten Randgruppe in die vermeintliche Mitte der Gesellschaft "katapultieren"?

In einem politisch zunehmend liberalerem Klima seit Ende des 2. Weltkriegs ist in einer Mischung aus einfacher (sexueller) Interessenvereinigung, politischer Bürgerrechtsbewegung, ernstzunehmender und an Professionalität wachsender Selbsthilfegruppe und qualifizierten Einzelfallhilfe für Betroffene, ein Netzwerk, eine Community entstanden, die nicht nur das Selbstbewusstsein des Einzelnen und der Gruppe im Blick hat und dadurch sichereres und forscheres Auftreten und das Einfordern der eigenen Rechte ermöglicht und fördert, sondern sie appelliert auch immer wieder an die Verantwortung der Community-Mitglieder für sich selbst und andere.

Diese "Verantwortung für andere" ist dabei nicht nur auf Homosexuelle beschränkt, sondern oft in allgemeinem sozialen Engagement zu sehen - beruflich wie privat. Allein das frühe Beispiel der amerikanischen Frauen- und Bürgerrechtlerin Jane Addams (1860-1935), deren Einfluss auf die Soziale Arbeit u.a. durch Gründung des "Hull House" in Chicago unbestritten ist, macht deutlich, wie sehr ein "soziales Gewissen", eine Sensibilität für Missstände und Ungerechtigkeiten und der Wille zu deren Beseitigung durch Unterstützung in vielen Schwulen und Lesben, selbst oft genug benachteiligt, und zur damaligen Zeit weit mehr als heute, verwurzelt ist. In der Würdigung all ihrer Leistungen wird bis heute gerne übersehen, dass Jane Addams eine selbstbewusste Lesbe war (vgl. Anhang 2).

1.2.1 Der Anfang: Schwule helfen sich selbst

Anders als in vielen anderen Feldern der sozialen Arbeit, ist der Ursprung einer "helfenden Unterstützung" für Homosexuelle also nicht primär bei "mit-fühlenden", couragierten Außenstehenden zu suchen, die sich engagiert um die Probleme und Belange einer benachteiligten Minderheit kümmern, sondern vielmehr bei den Betroffenen selbst: Einer der Mitbegründer der modernen Schwulenbewegung war der jüdische Berliner Arzt und Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935). Ihm gelang mit seinem "wissenschaftlich humanitären Komitee" (gegründet 1897) durch umfangreiche Forschungs- und Aufklärungsarbeit in der Weimarer Republik nach Jahrhunderten der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer (vgl. Anhang 3) eine erste öffentliche Duldung und Toleranz gegenüber Schwulen. Das "liberale Berlin" der "goldenen 20er" ist heute noch legendär. Exemplarisch dargestellt wird diese prickelnde Atmosphäre im Film "Aimée und Jaguar" von Max Färberböck aus dem Jahr 1998.

1.2.2 Erster Rückschlag: Verfolgung im Nationalsozialismus

Die Nazis machten dem "widernatürlichen" und "volksschädigenden" Treiben nach Hitlers Machtergreifung 1933 ein jähes Ende und verschärften 1935 den "Homosexuellen"-Paragraphen 175 StGB in bis dahin nie gekannter Schärfe:

"Zwischen 1935 bis 1945 wurde ca. 50 000 Verurteilungen nach den §§ 175 und 175a Nr. 4 RStGB ausgesprochen. Tausende wurden wegen ihrer Homosexualität in Konzentrationslager verschleppt, die Mehrzahl davon ermordet. Zudem waren Homosexuelle weiteren Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Dazu zählen Zwangssterilisierungen und medizinische Experimente." (Deutscher Bundestag; Drucksache 14/4894 vom 06.12.2000, Berlin; vgl. Anhang 4). Die Verfolgung von Schwulen wurde andererseits v.a. von Emigranten nicht als solche wahrgenommen bzw. geleugnet und die entsprechende schwulenfeindliche Propaganda der Nazis als "Heuchelei" gedeutet. Denn Homosexualität selbst wurde teilweise als Ursache des NS-Terrors gesehen. Und noch heute sorgen hin und wieder Publikationen für große Aufregung, in denen Hitler selbst als homosexuell veranlagt dargestellt wird.

1.2.3 Stagnation: Fortführung des Unrechts in der Adenauer-Ära

Die junge deutsche Demokratie unter Adenauer setzte die Verfolgung von Schwulen durch uneingeschränkte Übernahme des verschärften § 175, der sexuelle Handlungen unter Männern in jedem Fall unter hohe Strafe stellte, fort. Für viele überlebende Schwule ging es nach der Befreiung aus den KZs direkt „in den Knast“. Nach 1945 wurden nochmals etwa 50.000 Verurteilungen aufgrund des § 175 ausgesprochen (vgl. www.homosexualitaet.de; 2005). Der Streit um Rehabilitierung und Entschädigungen homosexueller NS-Opfer - und auch derer aus der Zeit nach 1945 - dauerte bis ins Jahr 2000 an, als sich der Deutsche Bundestag zu einer für schwule Opfer rehabilitierenden Erklärung durchringen konnte (vgl. Anhang 5).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Ausbau des Selbsthilfe-Gedankens im Laufe der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung
Hochschule
Evangelische Hochschule Nürnberg; ehem. Evangelische Fachhochschule Nürnberg  (FB Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Geschichte der Sozialen Arbeit
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V38409
ISBN (eBook)
9783638374804
ISBN (Buch)
9783638855020
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Für diese Hausarbeit gab es eigentlich keine Noten, lediglich "bestanden" oder nicht. Mein Dozent meldete mir jedoch zurück, dass die Arbeit formal wie inhaltlich einwandfrei und sehr gelung sei.
Schlagworte
Ausbau, Selbsthilfe-Gedankens, Laufe, Emanzipationsbewegung, Geschichte, Sozialen, Arbeit
Arbeit zitieren
Christian Heller (Autor), 2005, Der Ausbau des Selbsthilfe-Gedankens im Laufe der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38409

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