Die theoretische Philosophie Kants als Grundlage der Naturwissenschaft


Studienarbeit, 2014
8 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kants Modell der Erkenntnis

3. Verbindungen zur Physik

4. Fazit

5. Übergeordnete Fragen

Anhang 1 Textgrundlage

1. Einleitung

Historisch kamen Theologie („Lehre von Gott“), Philosophie („Liebe zur Weisheit“) und Physik („Naturforschung“) um 1570 n.Chr. in Probleme, als das ptolemäische Weltbild durch das kopernikanische abgelöst wurde. Der Empirismus der Neuzeit betonte in der Naturwissenschaft die Bedeutung der Erfahrung der äußeren Gegenstände mittels der Sinne des Subjekts für den Gewinn von Erkenntnissen, die eine gewisse Gültigkeit beanspruchten („Naturgesetze“), aber keine strikte Allgemeinheit rechtfertigen konnten (Locke, Hume). Hume gab sogar, etwas provokativ für Kants Verständnis, den Anspruch des Empirismus auf Allgemeingültigkeit auf, indem er das Kausalitätsprinzip lediglich als menschliches Gewohnheitsverhalten beim Denken einordnete. Der Rationalismus (Leibniz, Kant) verstand den Geist als eine besondere Ausstattung des erkennenden Subjekts, mit der es zwar Aussagen von strikter Allgemeinheit finden, aber die Natur, insbesondere das Verhalten von schweren Massen im Raum (Sterne, Planeten, Billardkugeln) nicht ausreichend erklären konnte. Descartes hatte eine denkende Substanz in Distanz zur gegenständlichen Welt angenommen, die aber logisch den Kontakt zur Natur nicht herstellen konnte.

Kant wollte während der Aufklärung zwischen Neuzeit und Moderne in seinem Alterswerk „Kritik der reinen Vernunft“ (KrV, 1787) die von Empiristen immer deutlicher kritisierte Metaphysik auf eine solidere Grundlage stellen, gleichzeitig der Naturwissenschaft eine von der Empirik unabhängige Grundlage geben und so zwischen beiden Denkrichtungen vermitteln.

Als Ergebnis sollte auch die Metaphysik eine wissenschaftliche Grundlage bekommen, damit sie aus ihrem nach Ansicht Kants bestehenden „grauenvollen Zustand“, dem „dogmatischen Schlummer“ einen ähnlich „sicheren Gang“ wie die Physik nehmen konnte. Kant gab sich also in seiner KrV offenbar sehr angetan von dem zunehmenden Erfolg der Physik bei der Bereitstellung von Erkenntnissen über den unbelebten Teil der Natur, beispielsweise in der klassischen Mechanik von Isaac Newton (1681), und motivierte sich zur KrV auch durch eine von ihm erwartete und in Aussicht gestellte vergleichbare aufklärende und zunehmende Entwicklung in seiner eigenen Fachdisziplin der Philosophie.

Der Konflikt zwischen Empirismus und Rationalismus kann bis heute gelegentlich in der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen empirischen Wissenschaftlern und Geisteswissenschaftlern beobachtet werden (Baringer, Philip S. (2001). "Introduction: 'the science wars'" )).

Ich beschränke mich darauf, insbesondere die a priorische Erkenntnis vom Raum von Kant im Hinblick auf ihre Verwendbarkeit in der Naturwissenschaft zu betrachten (Transzendentale Elementarlehre vom Raum). Darauf baut Kant seine Philosophie auf.

2. Kants Modell der Erkenntnis

Zur Beschreibung seines Erkenntnismodells verwendet Kant einige Begriffe, die er im ersten Teil kurz einführt (KrV, S. 69) und die ich hier kurz erkläre:

Unter „rein“ versteht Kant die Abwesenheit von jeglicher empirischer Voraussetzung oder einzelnen sinnlichen Erfahrungen.

„empirisch“: „Diejenige Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, heisst empirisch.“

„Vernunft“ enthält bei Kant die Aussagen von strikter Allgemeinheit vornehmlich im Bereich der Moral und Sittlichkeit

„transzendental“ (KrV S. 63) „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, so fern diese a priori möglich sein soll, , überhaupt beschäftigt.“

„A priori“ (KrV S. 45) „ …von der Erfahrung und selbst von allen Sinneseindrücken unabhängige Erkenntnis. Man nennt solche Erkenntnisse a priori, …“.

„Synthese“: Zusammensetzen eines Prädikats und eines Begriffs in einem Urteil, Beispiel: „Alle Körper sind schwer“, Erkenntniserweiternd „analytisch“: Begriffserläuterndes Urteil, z.B. „Alle Körper sind ausgedehnt“ „ Ästhetik“ bedeutet die Lehre von den Sinnen.

„Sinnlichkeit“, Sinneserfahrung, beruht auf den normalen fünf Sinnen (Tetens)

Affizierung: Erregung des Gemüts durch den Gegenstand

Gegenstand: Beliebiger Körper der Welt, z.B. Himmelskörper und alltägliche Gegenstände

Welt: Natur mit der unbelebter Natur und den Lebewesen, wie Pflanzen Tieren und Menschen

Gemüt: älter Ausdruck für Psyche oder Aufmerksamkeit Vorstellung: Ein Innerer, oft bildlicher Bewusstseinsinhalt, z.B. eine Vorstellung von einem oder mehreren Gegenständen

Empfindung: durch die Art der Affizierung bewirkte Vorstellung

Anschauung: Direkter Bezug einer Erkenntnis auf einen Gegenstand

Erscheinung: Gegenstand einer empirischen Anschauung

Verstand: etwa: Kognition, Denken, Auffassungsgabe

Denken: Erkennende Tätigkeit des Verstandes

Vernunft: meist als allgemeingültige Prinzipien der Moral gebraucht, manchmal auch als Synonym für Verstand.

Begriff: Wort mit Bedeutung eines Gegenstandes, z.B. Billardkugel

Subjekt: ein Erkenntnisträger im formalen Sinne, d.h. nicht unbedingt ein bestimmter Mensch Kant nimmt den Erkenntnisprozess in den beiden Quellen der Sinnlichkeit und des Verstandes zum Gegenstand seiner philosophischen Betrachtung und entwickelt das folgende Modell einer Erkenntnistheorie:

Ausgehend von einem Gegenstand in der Welt, er nennt als Beispiel einen Körper mit den Eigenschaften der Farbe, Härte und Schwere, bezieht sich jede Erkenntnis nach Kant durch die Anschauung auf den Gegenstand (KrV S. 69):

„Ein Gegenstand wird dem Menschen durch eine Affizierung des Gemüts gegeben. Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit […] und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe.“

In einer logisch aufeinanderfolgenden Anordnung ergibt sich der folgende Ablauf des erkennenden Bezugs zur Welt:

1. Ein Gegenstand wird gegeben
2. Eine Affizierung des Gemüts tritt ein
3. Die Sinnlichkeit gibt eine Vorstellung (Empfindung)
4. Eine empirische Anschauung wird gebildet (Der Gegenstand tritt in Erscheinung)
5. Der Verstand denkt und bildet „Begriffe“.
6. Das erkennende Subjekt bildet daraus eine zusammenhängende Perspektive

Punkt 6 bietet eine vermittelnde Funktion zwischen Empirismus und Rationalsmus in der „Einheit der Erfahrung“ des Subjekts (Tetens S. 40)

Von dem Gegenstand empfangen die Sinne Eindrücke, wobei Kant als Beispiel den Sinneseindruck der Farbe durch den Gesichtssinn anführt. Zu einer Erkenntnis des betrachteten Gegenstandes führt diese sinnliche Erfahrung aber nach Kant noch nicht, sondern die Sinneseindrücke seien als „roher Stoff“ noch nicht ausreichend, um Erkenntnis des Gegenstandes zu erwirken. Er nimmt an, dass ein Subjekt je nach vorhandenem Erkenntnisvermögen aus diesen Sinneseindrücken nun eine Erkenntnis formen kann.

Zu den Sinneseindrücken muss es nach Kant eine Möglichkeit der begrifflichen Erfassung geben, sonst bleibt es bei einer „leeren Anschauung“.

Ist andererseits der Begriff zwar vorhanden, aber es ist aktuell kein sinnlicher Eindruck vorhanden, der die Aktivität dieses Erkenntnisvermögens erst mal anregt, bleibt es bei einem „blinden Begriff“.

Insofern sieht Kant die Möglichkeit für Erkenntnis aus Erfahrung dadurch eingeschränkt, dass empirische Erkenntnis bestimmten vorgegebenen a priorischen Prinzipien („Formen“) in Anschauung und Verstand unterliegt, die erst durch ihre Anwendung auf die Sinneseindrücke zur Erkenntnis des Gegenstandes führen können. Wenn die vom Gegenstand empfangenen Sinneseindrücke und die Formen des Verstandes in einer Weise zusammenpassen, dass durch die Kombination von beidem dann eine Erkenntnis aus einzelner Erfahrung entstehen kann, dann ist durch diese Möglichkeit der Erfahrung die subjektive Erkenntnis im Begriff des Gegenstandes gelungen.

Mehrere einzelne Erfahrungen des Subjekts bezüglich des Gegenstandes, z.B.:

1. Der Koerper hat Farbe
2. Der gleiche Koerper ist auch hart
3. Befindet sich am Ort xy zur Zeit h:m werden vom erkennenden Subjekt zusammengefasst und während der Erkenntnis unter einen Begriff gestellt
4. Erkannter Begriff, (z.B. Apfel, Frucht des Apfelbaums) (Beispiel des Verfassers zur Konkretisierung der Annahme) Die Sinneserfahrung vereint sich dann auch mit dem Begriff, beispielsweise wie folgt in der Aussage (Kants Terminologie für „Aussage“ ist „Urteil“):
5. Da „sehe“ ich einen roten Apfel. (synthetisches Urteil aposteriori, Erkenntniserweiternd) * ( Beispiel des Verfassers)

Das gleiche Subjekt kann nach Kants Ansicht an anderer Stelle im Raum andere Sinneseindrücke empfangen und andere Erkenntnisse gewinnen und diese miteinander verbinden. Diese ganze Summe von Erkenntnissen wird in der „Einheit der Erfahrung“ in einer subjektiven Perspektive in einer zusammenhängenden Sicht der Welt angeordnet.

Mit andern Subjekten und deren unterschiedlicher Sicht ist es dann möglich, ein Weltbild zu bekommen, über das diese beteiligten Subjekte verfügen und worüber sie sich einig werden.

Sie nehmen dann die Erkenntnisse der Subjekte begrifflich zu dem Grundwissen dazu, mit dem im Hintergrund sie fortan die Welt betrachten und weitere Erkenntnisse durch genauere Betrachtung erlangen können, die sich auf den anderen aufbaut.

Kant ermittelt nun als a priorische Anschauungsform, die jeder Anschauung von Gegenständen vorausgeht, den Raum, weil der Raum nach Kants Meinung übrig bleibt, wenn man von dem betrachteten Körper seine Eigenschaften und erfahrbaren Sinneseindrücke oder alle empirischen Anschauungen wegnimmt, also den Gegenstand ohne seine Farbe, Härtegrad und Schwere vorstellt.

Diese Herleitung des kantschen apriorischen Anschauungsvermögens ist grundlegend für seine weiteren Ausführungen und daher etwas näher zu betrachten. Ich zitiere (KrV, S. 48 Satz 4 ):

„Lasset von Eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, so bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden ist) einnahm, und den könnt ihr nicht weglassen.“

Kants anschauliche Herleitung ist plausibel, aber im Detail ist mir nicht recht klar, wie ich unter Beibehaltung der Einheit der Perspektive von einem Körper seine Farbe wegnehmen kann, denn dabei verschwindet der Begriff auch aus der Vorstellung und dem Verstand, weil eine Verbindung derart besteht, dass alle Körper eine Farbe haben müssen. Fällt die Farbe weg, fällt automatisch auch der Körper weg. Es entsteht dann der neue Begriff vom „schwarzen Apfel“. Dieser will sich nicht recht in meine Vorstellungswelt einfügen und wird farblich unbestimmt und dadurch auch von seiner materiellen Substanz nicht mehr eindeutig. Die Schwere des Körpers ist mit der Anziehungskraft der Erdmasse verbunden und läßt sich auch nicht so einfach wegnehmen, denn dann fallen im Grunde zugleich alle Massen aus dem Universum weg, weil sonst immer noch eine Restschwere da wäre. Wenn keine Massen mehr im Universum sind, ist auch kein Subjekt mehr da, weil das Subjekt selbst Masse haben muss.

Kants argumentative Herleitung des Raumes (KrV S. 71, „Metaphysische Erörterung des Raumbegriffes“) als a priorische Anschauungsform wird unter logischen Gesichtspunkten des philosophischen Argumentierens durch Tetens erörtert. Es handelt sich um einen Schluss auf die beste Erklärung. Bei einem solchen Schluss wird eine Erklärung benutzt, deren Erwiesenheit Voraussetzung für die Gültigkeit des Schlusses ist. Wenn der Schluss auf einen Inhalt dieser Erklärung selbst erfolgt, entsteht ein „prekärer Zirkelschluss“ (Tetens, S.64). Kant nimmt an, daß es sich bei Aussagen der Geometrie um synthetische Sätze a priori handelt. In Kants drittem metaphysischem Argument dafür, dass der Raum eine Anschauung a priori sei, benutzt er das Vorhandensein von synthetischen Urteilen a priori in der Geometrie. Umgekehrt wird die Existenz synthetische Urteile in seiner transzendentalen Erörterung des Raumbegriffs mit der Existenz der apriorischen Anschauungsform des Raumes begründet. (Tetens S. 65) „Wichtig ist nur eines: Die Argumentation Kants bricht zusammen, sollte sich herausstellen, dass arithmetische und geometrische Sätze gar keine Urteile a priori sind. Die Mehrheit der heutigen Mathematiker und auch der Philosophen der Mathematik lehnen diese These Kants strikt ab. Nur eine Minderheit verteidigt seine These, allerdings tut sie dies mit einer andern Begründung als Kant.“

Kant sah aber für sich somit den Raum oder die räumliche Möglichkeit von Erfahrung, der Anschauung und des Verstandes als apriorische Voraussetzung jeglicher menschlicher subjektiver Erkenntnismöglichkeit. Dieses bedeutete für ihn im Umkehrschluss, dass es gar keine empirische Erfahrung geben kann, die nicht räumlich ist, also nicht im Raum vorgestellt wird. Falls der Raum nicht zutrifft, könnten andere Prinzipien bei der gleichen Idee gefunden werden.

Dieses räumliche Vortellungsvermögen ist nach Kant also menschlicher Erkenntnis als Form vorgeordnet.

So könnte mit Kant erklärt werden, dass die Physik Erkenntnisse über Gegenstände im (damals nur bekannten sog. „euklidischen“) Raum und ihre Veränderungen bezüglich ihrer Lage im Raum erbringt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die theoretische Philosophie Kants als Grundlage der Naturwissenschaft
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Vorlesung Einführung in die theoretische Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V384229
ISBN (eBook)
9783668593312
ISBN (Buch)
9783668593329
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Naturwissenschaft, apriori, Subjekt Erkenntnistheorie, Transzendentale Ästhetik, Apriorizität, transzendental, Raum Raumzeit, Quantentheorie, Relativitätstheorie, Philosophie Physik Kant
Arbeit zitieren
Udo Scheer (Autor), 2014, Die theoretische Philosophie Kants als Grundlage der Naturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384229

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