Was macht Nordkorea zu einem stabilen totalitären Regime? Autoritäre Systeme und das CERL-Schema nach Holger Albrecht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

14 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Der arabische Frühling. Autoritäre Systeme im Wandel?

2 Definition autoritäre Regime nach Linz
2.1 Nordkorea zwischen Autoritarismus und Totalitarismus

3 Analyse nach Albrecht
3.1 Analyse Nordkoreas anhand des CERL-Schemas

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Der arabische Frühling. Autoritäre Systeme im Wandel?

Januar 2011, Demonstranten laufen durch die Straßen Kairos und fordern den Sturz des ägyptischen Regimes (Schlumberger 2012). Wie ein Flächenbrand breitete sich die Bewegung über Nordafrika bis in den Nahen Osten hin aus. Proteste und Demonstrationen erschüttern autokratische Regime der Region. In manchen Ländern wie in Tunesien und Ägypten wurden Herrscher aus ihrem Ämtern vertrieben.

Diese Bewegung zeigt, wie es durch einen kleinen Anstoß in mehrere autoritären Regimen zu Aufständen gekommen ist. Teilweise wurden die Amtsinhaber vertrieben, manche Länder befinden sich seitdem im Bürgerkrieg, oder die Regierungen wurden abgesetzt. Die Folgen des arabischen Frühlings sind weitreichend, nicht nur für die nordafrikanischen Länder und den Nahen Osten, sondern auch für den Rest der Welt. Die westliche Welt hatte kurzeitig den Eindruck, ein Ende autoritärer Regime stünde bevor und es käme zu einer Demokratisierung der Welt (Schlumberger 2012). Doch diese Erwartungen konnten nicht bestätigt werden, eine Entwicklung hin zur Demokratie fand in keinem der Länder statt. Dennoch ist es wichtig eine zentrale Tendenz festzuhalten, denn im arabischen Frühling wurde die Bereitschaft der Menschen deutlich, sich von ihren bisherigen Lebensbedingungen zu lösen und für eine neue politische und gesellschaftliche Ordnung zu kämpfen.

Die Frage die sich nun stellt ist, was die Bedingungen dafür sind, dass sich Menschen in einem Land gegen das Regime stellen. Umgekehrt muss aber auch die Frage untersucht werden, wie es autoritären Regimen gelingt, eine solche Bewegung zu unterbinden oder zu verhindern. Genau mit dieser Frage beschäftigt sich diese Hausarbeit und versucht zu klären, was Nord-Korea zu einem so scheinbar stabilen totalitären Regime macht.

2 Definition autoritäre Regime nach Linz

Um im weiteren Verlauf die Besonderheiten des nordkoreanischen Regimes zu erarbeiten, geht es in einem ersten Schritt darum, Nordkorea staatentheoretisch einzuordnen.

Juan Jose Linz erarbeitet in seinem Aufsatz „Totalitäre und autoritäre Regime" eine Definition von autoritären Staaten. Diese beschreibt er auf Seite 255 mit folgenden Worten: „Als solche verstehe ich politische Systeme, die einen begrenzten, nicht verantwortlichen politischen Pluralismus haben; die keine ausgearbeitete und leitende

Ideologie, dafür aber eine ausgeprägte Mentalität besitzen und in denen keine extensive und intensive Mobilisierung stattfindet und in denen ein Führer und manchmal eine kleine Gruppe die Macht (...) ausübt.“

Entgegen dem institutionalisierten Pluralismus findet in autoritären Regimen eine Begrenzung des Pluralismus statt (Linz 2000, vgl. S. 131). Diese Begrenzung erfolgt in den meisten Fällen legal und betrifft politische Gruppen oder auch Interessensverbände. In manchen Regimen kann es ungeachtet der Erwartungen dazu kommen, dass die Herrscher, Gruppen für eine politische Teilnahme ermutigen und eine begrenzte Anzahl dieser Gruppen institutionalisieren (Linz 2000, vgl. S. 131). Falls ein solcher Prozess anfällt, liegt es dennoch an den Herrschern zu entscheiden, welche Gruppen unter welchen Bedingungen erlaubt sind (Linz 2000, vgl. S.131). Ein weiterer wichtiger Unterschied zur Demokratie besteht darin, dass die Gruppen sich nicht vor der Bevölkerung verantworten müssen und ihm gegenüber keine Verantwortung tragen. Anders in einem demokratischen System, indem die Regierung aus politischen Willensbildungsprozessen entstehen und somit von der Wählerschaft abhängig sind (Linz 2000, vgl. S. 131). Folge eines solchen Prozesses ist, dass der Machtapparat weniger aus professionellen Politikern, als Eliten der Technik und des Militärs und aus Interessengruppen besteht (Linz 2000, vgl. S. 132).

Ein weiteres charakteristisches Element autoritärer Regime beschreibt Linz als Mentalität, welche formlos und mehr emotional als rationaler Herkunft ist. Als Gegenpol zur Mentalität nennt Linz die Ideologie und ordnet diese totalitären Regimen zu. Die Ideologie totalitärer Staaten ist meist fest geformt und besitzt einen objektiven Geist. Mentalität und Ideologie unterscheiden sich demzufolge in ihrer Form, der unterschiedlichen Kohärenz, Artikulation, Verständlichkeit, Klarheit und in der intellektuellen Ausarbeitung und normativen Bindung (Linz 2000, vgl. S.133). Die Mentalität liefert einen wichtigen Bestandteil für die Stabilität autoritärer Regime. So reicht den Herrschern ein kleiner Verweis auf eine gemeinsam Vorstellung um ideologische Artikulationen von anderen Gruppen zu verhindern. Die Verschwommenheit der Mentalität verhindert das Aufkommen von Gegnern und sorgt für die Sicherung der Loyalität unterschiedlichster Kräfte (Linz 2000, vgl. S. 134). Die Herrscher in einem autoritären Regimes sind dadurch in der Lage, sich schnell an verändernde äußere Bedingungen anzupassen (Linz 2000, vgl. S. 135).

Als drittes Charakteristikum führt Linz in seiner Definition die geringe politische Mobilisierung an. In einigen Regimen ist dies eine Folge der Entpolitisierung, welche zur Mentalität passt und einen Bestandteil der Begrenzung des Pluralismus darstellt (Linz 2000, vgl. S. 136). Für autoritäre Systeme ist die Mobilisation und Partizipation der Bevölkerung nur schwer zu sichern. Eine effektive Mobilisierung der Massen würde am besten mit einer einzelnen Partei gelingen, was jedoch nicht so einfach umzusetzen ist, da diese leicht als Konkurrenz betrachtet würde und damit neue Konflikte erzeugt. Demzufolge ist eine geringe politische Mobilisierung ein Mechanismus, um die Stabilität aufrecht zu erhalten (Linz 2000, vgl. S. 137).

Wenn man sich die drei Haupttypen Demokratie, Autoritarismus und Totalitarismus betrachtet, kann man Demokratie als Typ beschreiben, mit einer pluralistischen Struktur, mit verschiedenen Ideologien, indem eine maximale politische Mobilisierung gewünscht wird. Ein autoritäres Regime ist an einem begrenzten Pluralismus interessiert, geprägt von einer Mentalität und beinhaltet eine geringe politische Mobilisierung. Ein totalitäres System ist durch eine unilaterale Struktur geprägt. Die Führung vertritt eine feste ideologische Einstellung, mit der sie eine große Masse mobilisieren kann.

Wenn man sich nun an dem von Linz entwickelten Analyseraster orientiert stellt sich die Frage, wie sich Nordkorea systemisch einordnen lässt.

2.1 Nordkorea zwischen Autoritarismus und Totalitarismus

Betrachtet man die ideologische Struktur Nordkoreas, stößt man auf zwei weit verbreitete Ideologien. Zum einen die „Militär-Zuerst-Ideologie" (Frank 2008, vgl. S. 384) und die Juche Ideologie (Fritz 2004, vgl. S. 25). Die Juch-Ideologie wurde 1955 vom Staatsgründer Kim Il Sung eingeführt. Laut dieser Ideologie sind der nordkoreanische Herrscher und seine Nachfolger das zentrale ideologische Subjekt und das koreanische Volk dank der Juche-Ideologie im alleinigen Besitz der Wahrheit und damit dem Schlüssel zum Weltfortschritt. Hüter über dieses Wissen ist alleine die Partei, welche wiederum Instrument des Staatsführers ist und das unmündige Volk führen muss (Fritz 2004, vgl. S. 25).

Der zweite Bestandteil der Ideologie ist sehr deutlich im Alltag der nordkoreanischen Bevölkerung erkennbar; allgegenwärtige Anwesenheit von Uniformen; zehnjährige Grundwehrdienstzeiten für Männer; Unternehmen, Schulen und Verwaltungen die regelmäßig paramilitärische Übungen abhalten; marschierende Schulkinder; im Dienste der Landesverteidigung stehende Wirtschaft; und das Militär selbst, welches eigene Unternehmen unterhält, welche nicht in die Planung der Exekutive miteinbezogen sind (Frank 2008, vgl. S. 384). Ein zweites Augenmerk bezieht sich auf das „Zuerst" der Ideologie, so lautet ein Auszug aus der Rede des damaligen koreanischen Führers Kim Jong-Il in: „Laut der Son Gun-Politik unserer Partei ist nicht die Arbeiterklasse sondern die Volksarmee die Hauptkraft der Revolution. Dies ist der Beginn einer neuen Einschätzung der Frage nach der Hauptkraft der Revolution und der Aufgabe der Armee bei revolutionären Aufgaben." Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde das Militär ein fester Bestandteil der nordkoreanischen Exekutive.

Es existiert kein Staat der Welt, der eine vergleichbare Zensur und Begrenzungspolitik wie Nordkorea betreibt. Diese Einstellung findet sich auch in der Sicherheits- und Außenpolitik wieder. So ist auch hier der nordkoreanische Staat auf Autokratie und Unabhängigkeit fokussiert. Als innenpolitisches Pendant findet sich hier der totalitäre Machtanspruch der Kim-Dynastie, der mit der Juche-Ideologie begründet wird und mit einem ausgeprägten Sicherheitsapparat durchgesetzt wird. Um die Bildung oppositioneller Gruppierungen zu verhindern, kommt es zu einer ständigen Überwachung und Indoktrination der Bevölkerung durch das Militär, der Regierung, der Polizei und Geheimdienste. Oppositionelle bekommen die gesamte Härte des Regimes zu spüren und werden in Schauprozessen angeklagt und anschließend in Straflager gebracht, als billige Arbeitskräfte an Russland und China verliehen oder sogar hingerichtet (Grützmacher 2012 vgl. S. 81).

Um zu erfahren, wie die Menschen mit der Ideologie umgehen und wie stark ihre Partizipation gegenüber der koreanischen Bevölkerung ist, muss man sich aufgrund der Zensur in Korea, auf Erfahrungsberichte von Journalisten, Wissenschaftlern und Mitarbeitern von Hilfswerken beziehen. Christoph Moeskes versucht in seinem Werk „Nordkorea, ein rätselhaftes Land", einen Einblick in das Leben der nordkoreanischen Bevölkerung zu geben. Auf Seite 122 beschreibt er eine Unterhaltung mit einer nordkoreanischen Muter, wo zu erkennen ist, wie sich die Ideologie des Regimes auf das Leben der Bevölkerung auswirkt: „Verglichen mit den Verarmten Volksmassen der kapitalistischen Ländern geht es uns doch gut", sagt sie. Ich frage, was das Baby für ihr Leben bedeute. „Wenn ich mein Kind anschaue denke ich an den geliebten Führer, Kim Jong Il. Mit Hilfe seiner „Arme Zuerst Politik" werden wir bald im besten Land der Welt leben, im Paradies." Weiter unten auf der Seite 122 berichtet Moeskes über eine Unterhaltung mit einer Polizistin über deren „Traummann". Die Frau berichtet ihm, dass das wichtigste Attribut ihres zukünftigen Mannes die Treue gegenüber der Partei und der Armee sei. Bärbel Gutzat berichtet über ihrer Zeit an der Kim-Il-Sung Universität in Pjöngjang. Sie beschreibt, dass es nur selten der Fall ist, dass sich alle Semester gleichzeitig an der Universität befinden, da die Studenten abkommandiert werden zu Ernteeinsätzen, Aufmärschen, Militärtrainings und Reispflanzungen (Moeskes vgl. S. 190). Des Weiteren finden ganzjährig Übungen der Massengymnastik statt, welche anlässlich des Geburtstags des Führers einstudiert werden. Die anschließenden Aufführungen finden vier Monate lang statt (Moeskes, vgl. S. 190). Ein weiteres Beispiel für die Mobilisation der Massen, ist die Trauerfeier für den Herrscher Kim-Jong-Il am 17. Dezember 2011. Tausende Nordkoreaner begleiteten den Sarg durch die Hauptstadt und Millionen Bürgerinnen und Bürger trauerten öffentlich um ihren Führer. Oft findet man den Hinweis, dass die Trauerfeier inszeniert wurde, um der Öffentlichkeit nur das Bild der Treue zu vermitteln. Wenn man nun annimmt, dass eine solche Feier inszeniert wurde, was eine Manipulation von tausenden Menschen bedeutet, veranschaulicht den weitreichenden Einfluss des Herrschergeschlechts noch deutlicher.

Wenn man sich an der Definition Linz orientiert, muss man Nordkorea als ein totalitäres Regime charakterisieren. Es herrscht eine Zensur in allen Bereichen, die Ideologie der Herrscherfamilie zieht sich durch alle Zweige der Gesellschaft bis hin in das Familienleben und die Leute vertrauen und folgen dem Führer.

3 Analyse nach Albrecht

Auch Albrecht beschäftigt sich mit der Autoritarismus Forschung und ist zu dem Entschluss gekommen, dass es einer anderen Definition als Linz bedarf, um alle autoritären Systeme objektiv und in allen Facetten analysieren zu können (Albrecht 2010, vgl. S. 49).

Er orientiert sich in seinem Aufsatz an dem „Agil-Schema", welches von Parson entworfen wurde und sowohl eine neutrale als auch breit adaptierbares Muster der Analyse darstellt. Parson beschreibt alle sozialen System als Handlungssysteme, wobei die Handlungen von vier Komponenten abhängig sind. Das Handeln vollzieht sich immer entlang, situativer Randbedingungen, der zur Verfügung stehenden materiellen oder immateriellen Ressourcen, Normen und individueller Ziele des Handelnden. An dieser Stelle muss man festhalten, dass die konstruierte Wirklichkeit ein Produkt seiner historischen Entwicklung ist und somit immer verschiedene Handlungsoptionen bestehen. Des Weiteren stellt man fest, dass unterschiedliche Handlungsmuster bei unterschiedlichen Randbedingungen, je den gleichen Beitrag zum Erhalt des Systems leisten können (Albrecht 2010, vgl. S. 50).

Um diese Abgrenzung zu vollziehen, werden Strukturen entwickelt, welche von System Umwelt Beziehungen unabhängig sind. Von einem eigenständigen politischen System kann demnach erst die Rede sein, wenn die Strukturen innerhalb eines Systems mittelfristig stabil sind und nicht von System-Umwelt Einflüssen abhängig sind (Albrecht 2010, vgl. S. 50). Für die Entwicklung der neuen Definition für autoritäre Regime will Albrecht neben der Funktionsweise politischer Systeme auch die Mechanismen mit einbringen, welche für den Funktionserhalt eines Systems verantwortlich sind. Zentral für den Aufbau eines solchen Handlungssystems sind die von Parson entwickelten Grundfunktionen: adaptation, goal attainment, integration und latern pattern maintenance, welche das „AGIL-Paradigma bilden". Diese wiederum lassen sich in eine räumliche Dimension mit internen und externen Funktionen, sowie zeitliche Dimension mit Mittel- und Zielfunktionen untergliedern. Diese Komponenten bilden zusammen mit den vier Komponenten das AGIL-Schema.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das AGIL-Schema sozialer Systeme

Quelle: Albrecht nach Parson 1959, vgl. S. 50.

Parson definiert die vier Funktionen wie folgt: Die Adaptationsfunktion sorgt für den Informationsaustausch zwischen System und Umwelt. Die Goal Attainment Funktion reguliert und formuliert die Zielrelation zwischen System und Umwelt. Die Integrationsfunktion stellt die Einheit des Systems her, indem sie für die Anpassung der Teilsysteme sorgt. Die Latent Pattern Maintenance hat eine Mustererhaltungsfunktion inne. Sie konstituiert die Grenzen des Systems und dient der Erhaltung der Kontinuität und der Entwicklungsmuster über die Zeit. Es handelt sich hierbei um sinnstiftende Regeln und Symboliken (Albrecht 2010, nach Parson 1959, 1960).

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Details

Titel
Was macht Nordkorea zu einem stabilen totalitären Regime? Autoritäre Systeme und das CERL-Schema nach Holger Albrecht
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V384296
ISBN (eBook)
9783668594357
ISBN (Buch)
9783668594364
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nordkorea, regime, autoritäre, systeme, cerl-schema, holger, albrecht
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Was macht Nordkorea zu einem stabilen totalitären Regime? Autoritäre Systeme und das CERL-Schema nach Holger Albrecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384296

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