Identitätsfindung im Migrationsprozess. Existenzanalyse als Hilfestellung bei der Suche nach der eigenen interkulturellen Identität


Fachbuch, 2018

55 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Fragestellung und methodisches Vorgehen

2 Theoretische Vorüberlegung
2.1 Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff 'Migrant'
2.2 Identität
2.3 Interkulturelle Identität

3 Spezifische Belastungen für MigrantInnen
3.1 Migration als traumatische Erfahrung
3.2 Zur Identität bei MigrantInnen
3.2.1 Identität bei jugendlichen MigrantInnen
3.2.2 Identität und Globalisierungsprozess
3.3 Migrationsprozess und Ich-Identität

4 Existenzanalyse als Möglichkeit einer psychotherapeutischen Betreuung
4.1 Psychoanalytische Überlegungen zur Ich-Identität
4.2 Existenzanalyse und Logotherapie
4.2.1 Zur Person Viktor E. Frankl
4.2.2 Theoretische Grundannahmen
4.2.3 Methoden und Anwendungsgebiete

5 Diskussion und Reflexion der Erkenntnisse

6 Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Diese Arbeit mit dem Titel „Interkulturelle Identität von MigrantInnen – Möglichkeiten zur Identitätsfindung aus Sicht der Existenzanalyse“ setzt sich mit den spezifischen Belastungen von MigrantInnen sowie der Problematik der Identitätsfindung auseinander. Hierauf aufbauend wird die Existenzanalyse als Möglichkeit einer psychotherapeutischen Betreuung zunächst beschrieben und anschließend erörtert, inwiefern sich diese Therapieform dazu eignet, den Identitätsprozess bei MigrantInnen zu unterstützen. Diese Ergebnisse sind insbesondere vor dem Hintergrund relevant, da zum einen immer mehr Menschen nach Europa flüchten, und zum anderen diese Personen oftmals erhebliche traumatische Erfahrungen gesammelt haben und heute auch noch weitere sekundäre psychosoziale Probleme erfahren müssen. Infolgedessen kann davon ausgegangen werden, dass sich die Psychotherapie sowohl gegenwärtig als auch in der Zukunft vermehrt mit dieser Problemlage auseinandersetzen muss.

Abstract

This paper titledIntercultural Identity of Migrants - Possibilities from the perspective of the existential analysis and the Search for Identitydeals with the specific burdens of migrants as well as the problem of finding one's identity. Based on this, the existential analysis as a part of psychotherapeutic care is first described and then discussed to what extent this form of therapy is suitable for supporting the identity process in migrants. These results are particularly relevant against the background of ever-increasing numbers of refugees reaching Europe, their often gained considerable traumatic experiences and other secondary psychosocial problems. As a result, it can be assumed that psychotherapy, both now and in the future, increasingly has to deal with this problem.

Schlagworte

Migration, Identität, Interkulturelle Identität, Identitätsfindung, Existenzanalyse, Logotherapie, Identitätsbildung, Ichfindung

Key words

Migration, Identity, Intercultural Identity, Search for Identity, existential analysis, logotherapy, identity formation, self-discovery

Danksagung

Ich möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die mir bei der Entstehung dieser Arbeit in irgendeiner Weise hilfreich zur Seite standen. Mein ganz besonderer Dank gilt meinem Betreuer Herrn Univ. Prof. Dr. Johannes Reichmayr für die außerordentlich nette und konstruktive Betreuung.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Entwicklung der Seele oder der Psyche (Thomas & Feldmann 2002, S. 112)

Abbildung 2: Drei unterschiedliche Seinsformen, die eine untrennbare Einheit im Menschen bilden (Längle 2013, S. 184).

Abbildung 3: Dynamische Kräfte des Menschen und das mögliche Auseinanderstreben der Motivation, welches zu Spannungen und motivationalen Konflikten führen kann (Längle 2013, S. 185).

Abbildung 4: Existenzielles Menschenbild mit den Polen, zwischen denen das Menschsein einge-spannt und deren Erfüllung die existenzielle Aufgabe des Menschen ist (Längle 2016, S. 86).

Abbildung 5: Grundlage eines erfüllenden Existenzvollzuges (Längle 2016, S. 71).

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Interkulturelle Identität von MigrantInnen – Möglichkeiten zur Identitätsfindung aus Sicht der Existenzanalyse“. Zu Beginn dieser Arbeit erfolgt sowohl eine Problemstellung, als auch die Darlegung der Fragestellung und des methodischen Vorgehens.

1.1 Problemstellung

Wenn man selbst als Migrantin seit vielen Jahren in einer fremden Kultur lebt, dort studiert und arbeitet, hat man einen Blick für die Bedürfnisse, Nöte und Erwartungen anderer MigrantInnen, da die Sicht auf dieses Problem eine andere ist, als von denjenigen Menschen, die in diese Kultur hineingeboren wurden. Somit fällt auf, dass viele MigrantInnen Schwierigkeiten bei der Identitätsfindung haben, da sie sich zum einen hierzulande 'fremd' fühlen und zum anderen aber zweierlei Kulturräumen angehören. Die Gründe, warum MigrantInnen ihr Heimatland verlassen haben, können dabei sehr vielfältig sein. In der Folge erleben diese Personen Abschiede und Trennungen, den Verlust von Freunden und Verwandten, wechselten die Sprache und konfrontieren sich mit den Begriffen Fremd und Anders Sein im sozialen Leben. Ebenso haben sie ihre Heimat verloren, was zu schwierigen und belastenden Situationen führen kann. In der heutigen multikulturellen Gesellschaft kann nicht mehr davon ausgegangen werden, nur mit Angehörigen der eigenen Herkunft umzugehen. In der Psychotherapie liegt daher vermehrt die Herausforderung darin begründet, sich mit den Problemen der MigrantInnen aus anderen Kulturen, Religionen und Gesellschaftsformen auseinanderzusetzen.

Diese Arbeit beschäftigt sich daher mit den spezifischen Belastungen von MigrantInnen sowie den Möglichkeiten und Herausforderungen einer Psychotherapie. Das Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, inwiefern die Existenzanalyse einen Beitrag zur Identitätsfindung bzw. Identitätsbildung bei MigrantInnen liefern kann.

1.2 Fragestellung und methodisches Vorgehen

Vor diesem Hintergrund soll im Laufe dieser Arbeit folgende Fragestellung beantwortet werden: Welche Möglichkeiten bietet die Existenzanalyse zur Identitätsfindung bei MigrantInnen?

Zur Bearbeitung dieses Themenfeldes gibt es zunächst in einer theoretischen Vorüberlegung eine Auseinandersetzung mit dem Begriff 'Migrant' sowie eine Annäherung an die Begrifflichkeiten 'Identität' und 'interkulturelle Identität'. Im dritten Kapitel werden die spezifischen Belastungen für MigrantInnen herausgearbeitet. Hierbei geht es neben der Migration als traumatische Erfahrung auch um die Identität bei MigrantInnen. Zudem wird der Migrationsprozess im Kontext der Ich-Identität herausgestellt. Die Existenzanalyse nach Frankl und Längle, als Möglichkeit einer psychotherapeutischen Betreuung, wird im vierten Kapitel erarbeitet. Dabei werden sowohl auf psychoanalytische Überlegungen zur Ich-Identität, als auch auf die Person Viktor E. Frankl eingegangen. Hierauf aufbauend wird die Existenzanalyse und Logotherapie dargestellt sowie die Möglichkeiten und aus Sicht dieser Therapieform analysiert. Anschließend erfolgt eine Diskussion und Reflexion der Erkenntnisse. Im letzten Kapitel werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und in der Schlussbetrachtung zum einen die formulierte Forschungsfrage beantwortet und zum anderen wird ein Ausblick gegeben.

Die Bearbeitung dieses Themenfeldes beruht auf einer Literaturrecherche und-analyse.

2 Theoretische Vorüberlegung

Damit ein guter Einstieg in diese Arbeit gewährleistet werden kann, erfolgt zunächst eine theoretische Vorüberlegung. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff 'Migrant' sowie die Abgrenzung der Begrifflichkeiten von 'Identität' und 'interkultureller Identität'.

2.1 Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff 'Migrant'

Für den MigrantInnen-Begriff existiert in der Literatur bislang keine allgemeine und anerkannte Definition. Wenn man sich mit der wörtlichen Bedeutung von Migrant/Migration auseinandergesetzt, welche sich vom lateinischen migrare (wandern) ableitet, so versteht man hierunter die Wanderung oder Bewegung von Menschen oder Gruppen in einem sozialen oder geografischen Raum. Die Richtung einer Migration wird durch die Begriffe Emigration (Auswanderung) sowie Immigration (Einwanderung) festgelegt (vgl. Stasser 2009, S. 17). So existieren in der Literatur zahlreiche Ausführungen zu Migration, welche in einer Abhängigkeit zu der verwendeten wissenschaftlichen Disziplin stehen. Hierbei stehen in den unterschiedlichen Definitionen die Merkmale von Bewegung und Wechsel im Mittelpunkt, wogegen eine Unterscheidung insbesondere „in Bezug auf die Verwendung und Betonung der Kriterien von zurückgelegter Entfernung, von zeitlicher Dimension, inwieweit der Unterschied zwischen Herkunfts- und Zielregion betont wird und schließlich nach der Aufenthaltsdauer [vollzogen wird]“ (ebd.).

Für eine Migration ist die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes über die Grenzen eines Nationalstaates hinweg entscheidend (Butterwegge 2010, S. 21). Wenn im Rahmen dieser Arbeit von MigrantInnen gesprochen wird, so wird eine solche Verlagerung vorausgesetzt. Überdies können unter dem Begriff 'Migrant' auch Spätaussiedler, Flüchtlinge und Asylsuchende sowie Eingebürgerte verstanden werden, die ihren Lebensmittelpunkt in einem anderen als ihrem Herkunftsland haben (Butterwege 2010, S. 21). Insbesondere die Gruppe der Flüchtlinge wird in dieser Ausarbeitung einer weiteren Betrachtung unterzogen, da dieses Thema derzeit aktuell ist und aufgrund der Flüchtlingsströme davon ausgegangen werden kann, dass hierzulande in den kommenden Jahren immer mehr Flüchtlinge mit traumatischen Erfahrungen leben werden (siehe Kapitel 3.1 Migration als traumatische Erfahrung). „Man spricht von forced migration, wenn es sich um durch Gewalt und Verfolgung ausgelöste Migration handelt, und von voluntary migration, wenn es sich um freiwillige Migration, also vornehmlich um die Wanderung von Arbeitskräften handelt“ (Mückler, zit. n. Kronsteiner 2009, S. 89) Für ein weiterführendes Verständnis wird im nachfolgenden Abschnitt auf die Begriffe 'Identität' und 'interkulturelle Identität' eingegangen.

2.2 Identität

In diesem Kapitel soll zunächst der Frage nachgegangen werden, was überhaupt unter einer Identität zu verstehen ist. Der Identitätsbegriff wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Diese Diskussion führt allerdings auch dazu, dass eine genaue Begriffsbestimmung als äußerst schwierig angesehen werden kann. Erik H. Erikson hat das Thema der Identität vielfach beleuchtet und setzt die Identitätsentwicklung mit der psychosozialen Entwicklung in Verbindung. Hierbei besteht eine Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft. Ebenfalls ist die Weiterentwicklung des Selbstbildes im Wesentlichen von den sozialen Interaktionen abhängig. Erikson entwickelte in diesem Kontext das Konstrukt der Ich-Identität (vgl. Born 2002, S. 13).

Erikson geht in seiner Vorstellung der Identitätsentwicklung von acht Phasen aus. In jeder Entwicklungsphase wird eine ganz bestimmte Thematik behandelt, welche dem Individuum dabei helfen sollen, Kompetenzen zu erlangen oder vorhandene Fähigkeiten auszubauen. Der Erwerb der Kompetenzen ist an dieser Stelle grundlegend notwendig, um weitere Entwicklungsanforderungen bewältigen zu können (vgl. Born 2002, S. 13). Hierzu formuliert Born (2002): „Der Identitätsbildung weist Erikson in der Adoleszenz eine zentrale Stellung zu. Darüber hinaus bleibt sie jedoch auch in der weiteren Lebensentwicklung ein stets präsentes Thema.“ (ebd. S. 13). Zudem ist die Identitätstheorie Eriksons eingebettet in seine Theorie der lebenslangen Entwicklung, welche auf Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung als eine Abfolge psychosozialer Entwicklungsstufen beruht. (Noack 2010, S. 37). (mehr hierzu in Kapitel 4.1 "Psychoanalytische Überlegungen zur Ich-Identität").

Gibt es eine Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff, so darf auch eine soziologische Betrachtung nicht fehlen, um den Umfang dieser Begrifflichkeit auszulegen. In diesem Kontext wird das Individuum in einer Beziehung zur Gesellschaft gesetzt. Dabei kommt Identität aufgrund von Wirklichkeitsdefinitionen und Wirklichkeitskonstruktionen, der an sozialen Interaktionen Beteiligten, zustande (vgl. Schwantes 2009, S. 17). Identität wird im symbolischen Interaktionismus als „die reflexive Fähigkeit des Subjektes, sich zu sich selbst und zu anderen zu verhalten“ (ebd.).

Auch Abels setzt sich mit dem Konstrukt der Identität auseinander und kommt zu folgender Definition: „Identität ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit Anderen eine Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben“ (Abels 2017, S. 200). Zudem weist Identität spezifische und einzigartige Merkmale auf, was damit begründet werden kann, dass gesammelte Erfahrungen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden (vgl. ebd., S. 211). Wird an dieser Stelle die Frage aufgeworfen, welche Voraussetzungen dafür verantwortlich gemacht werden können, dass unterschiedliche Erfahrungen gesammelt werden, so verweist Abels auf die aktive Rolle des Individuums. Diese Aktivität kommt zum einen aus dem Inneren des Individuums und zum anderen entwickelt sie sich im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Gesellschaft. Dabei wird die Aktivität auf zwei Seiten des Ichs verteilt, was in Anlehnung an Mead (1973) zum einen als 'I' und zum anderen als 'me' bezeichnet wird. Dabei darf nicht davon ausgegangen werden, dass diese Seiten getrennt zu betrachten sind, sondern vielmehr handelt es sich um zwei in Beziehung stehende Instanzen des Ichs (vgl. ebd., S. 211 f.).

Dabei ist das 'I' vorsozial sowie unbewusst und in ihm werden sinnliche und körperliche Bedürfnisse zum Ausdruck gebracht. Dieses 'I' kann als impulsives Ich bezeichnet werden, welches nie vollständig sozialisierbar ist und die soziale Selbstdisziplinierung des Menschen, in Traum, Phantasie und spontanen Aktionen, aufheben. Abels (2017) vergleicht es mit dem 'Es' in Sigmund Freuds Modell des 'psychischen Apparates' (vgl. ebd., S. 212). Dadurch, dass das 'I' immer wieder was Neues in die Situation bringt, kommt es „den Zumutungen der Anderen in die Quere, die sich im Laufe der Zeit ein bestimmtes Bild von unserer Identität gemacht haben, aber es durchbricht auch unsere eigenen Strategien, unsere Identität glatt zu schleifen“ (Abels, 2017 S. 212). Im Gegensatz dazu wird das 'me' als reflektiertes Ich bezeichnet, da es die Bilder reflektiert, die die Anderen mit uns verbinden. Das 'me' kann zudem als soziale Identität betrachtet werden, da in dem Maße, wie wir uns die sozialen Bilder, die die Anderen von uns haben, auch als typische Bilder von uns in typischen Situationen selbst zurechnen. In diesem Zusammenhang geht Abels (2017) davon aus, dass viele reflektierende Ichs existieren. Begründet werden kann dieser Aspekt damit, dass jedes „me“ aus der Erinnerung geschaffen wird, wie andere uns sehen, auf uns reagieren und welche Erfahrung wir mit den Erwartungen der Anderen gesammelt haben (Abels, 2017 S. 212f.). Das Schema des 'I' und 'me' stellt lediglich eine Möglichkeit dar, das Konzept der Identität abzubilden.

Eine philosophische Betrachtung der Identität zeigt auf, dass beim Identitätsbegriff meist die numerische Identität gemeint ist. Wird in diesem Zusammenhang davon ausgegangen, dass a und b identisch sind, so ist gemeint, dass a und b derselbe Gegenstand sind (vgl. Henning 2012, S. 19). Im Rahmen der numerischen Identität und bezugnehmend auf Personen, kann keinesfalls davon ausgegangen werden, dass zwei Personen miteinander identisch sind. Denn dann wären sie nicht zwei Personen, sondern nur eine (vgl. ebd.). Wenn im philosophischen Kontext von Identität gesprochen wird, so werden im Alltag oftmals Ausdrücke wie beispielsweise 'identisch' verwendet, obwohl wir meistens eine andere Relation im Sinn haben. Denn diese Relation ist der qualitativen Identität geschuldet (vgl. ebd., S. 20). Henning (2012) führt an dieser Stelle folgendes an: „Zwei Dinge sind qualitativ identisch, wenn sie haargenau dieselben Eigenschaften haben“ (ebd.). Eine weitere Dimension der Identität stellt der Identitätsverlust dar. Diese Begrifflichkeit wird oftmals im klinischen Kontext verwendet und bezieht sich nicht auf die numerische oder qualitative Identität. Im Falle eines Identitätsverlustes wird eher davon ausgegangen, dass eine Konzeption dessen, was man ist, verloren geht (vgl. ebd., S. 20 f.). Hierbei stellt die Identität einer Person ihr Selbstverständnis dar, das heißt, „ihr Verständnis davon, was für sie von Bedeutung ist, was ihre Pläne sind, etc.“ (ebd.). Überdies kann die philosophische Frage gestellt werden, ob eine Person ihr ganzes Leben mit sich identisch bleibt. Runggaldier (2000) behauptet an dieser Stelle folgendes: Wer klären will, was es bedeutet, dass eine Person sie selbst bleibt, obwohl sie sich in ihren Einstellungen, Überzeugungen und auch in ihrem Aussehen stark verändert, wird nämlich mit dem Verdacht konfrontiert, dass es die gefragte Identität gar nicht gibt oder sich letztlich als Illusion entpuppt“ (Runggaldier 2000, S. 70). Heutzutage wird in der Philosophie davon ausgegangen, dass der Glaube an diese diachrone Identität nicht begründet werden kann. Zwar gehen wir Menschen davon aus, dass wir im Laufe der Zeit dieselbe Person bleiben, allerdings ist dieser Glaube nicht haltbar. Hierbei ist es erforderlich, anstatt an die diachrone Identität vielmehr an eine schwächere Kontinuitätsbeziehung zu glauben. Denn: „Dass wir im Laufe unseres Lebens mit uns selbst identisch bleiben, bedeutet letztlich nichts anderes, als dass unsere zeitlichen Abschnitte oder Phasen in einer – genauer zu spezifizierenden – Art Kontinuitätsbeziehungen zueinander stehen “ (ebd., S. 71).

Somit kann herausgestellt werden, dass diese Begrifflichkeit nur schwer zu fassen ist, für die keine eindeutige Definition existiert. Dabei erscheint die Frage, was nun tatsächlich die eigene Identität sei, aussichtslos (vgl. Levold 2012, S. 392). Diese Arbeit erhebt nicht den Anspruch, eine formale Definition von Identität zu erarbeiten. Allerdings sollten in diesem Beitrag die wesentlichen Aspekte der Identität herausgearbeitet werden. Nachfolgend wird daher auf die interkulturelle Identität eingegangen.

2.3 Interkulturelle Identität

An diesem Punkt kann zunächst nun die Frage gestellt werden, was unter interkulturell verstanden werden kann. Eine Auseinandersetzung mit dem Terminus 'interkulturell' legt nahe, dass es sich hierbei um Kulturen und deren Stellung zueinander handelt. Der Psychologe Alexander Thomas (1993) definiert Kultur folgendermaßen:

„Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung.“ (Thomas, A 1993, S. 380)

Die Identitätsbildung ist jedoch eine universale Kompetenz, die jeder erlangen kann, egal welcher Kultur er angehörig ist. Aufgrund einer Sozialisierung entsteht Identität. Dieser Prozess vollzieht sich in einer bestimmten Gesellschaft, die durch eine gemeinsame Kultur verbunden ist (Schwantes 2009, S. 22). Schwantes (2009) stellt in diesem Zusammenhang folgendes heraus: „Jede Person lebt daher in einem kulturellen Kontext mit einer jeweils eigentümlichen Symbolwelt, wodurch die Identität kulturell beeinflusst ist und kulturspezifische Merkmale erhält“ (ebd.). Im Rahmen der interkulturellen Identität kann darauf verwiesen werden, dass zum einen sich die raumzeitliche Bindung menschlicher Identität auflöst und zum anderen Identität nicht länger als dauerhaft stabil, sondern wandelbar betrachtet werden kann. Zudem kann Identität nicht als einheitliches Ganzes, sondern als eine Vielzahl zum Teil auch widersprüchlicher und von der Situation abhängiger Identitäten verstanden werden. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass beispielsweise die Globalisierung dazu führt, dass sich kulturelle Identitäten langsam auflösen (Ondoa 2005, S. 88).

An dieser Stelle soll die Vermutung dargelegt werden, dass insbesondere dieser Auflösungsprozess dazu führen kann, dass betroffene Menschen Probleme mit der eigenen Identität aufweisen. Aber auch der Aspekt, dass MigrantInnen sich zu mehreren kulturellen Räumen zugehörig fühlen, bestätigt diese Annahme. Darüber hinaus sind MigrantInnen zudem von spezifischen Belastungen betroffen. Auf dieses Themenfeld wird im nachfolgenden Abschnitt genauer eingegangen.

3 Spezifische Belastungen für MigrantInnen

Das Ziel dieses Kapitels besteht darin, die spezifischen Belastungen für MigrantInnen herauszuarbeiten. Hierbei wird zum einen auf die Migration als traumatische Erfahrung und zum anderen auf die Identität bei MigrantInnen eingegangen. Zudem wird der Migrationsprozess und die Ich-Identität thematisiert.

3.1 Migration als traumatische Erfahrung

In diesem Abschnitt soll dem Aspekt der Migration als traumatische Erfahrung nachgegangen werden. Sicherlich kann davon ausgegangen werden, dass viele MigrantInnen keine traumatischen Erfahrungen haben, allerdings muss an dieser Stelle, in Anbetracht der aktuell bestehenden Flüchtlingsströme, auf den Aspekt der Zwangsmigration eingegangen werden (Wirtgen 2009, S. 2463). An dieser Stelle muss zunächst einmal die Frage gestellt werden, was unter einem Trauma zu verstehen ist. Dabei bezieht sich diese Auseinandersetzung auf die Aspekte eines psychischen Traumas. Denn: „Ein psychisches Trauma ist ein Ereignis, das die Fähigkeit der Person, für ein minimales Gefühl von Sicherheit und integrativer Vollständigkeit zu sorgen, abrupt überwältigt. Das Trauma geht mit überwältigender Angst und Hilflosigkeit einher“ (Streek-Fischer 2014, S. 131).

Traumatische Ereignisse können ganz unterschiedliche Folgen für das Individuum haben. So kann ein einmaliges Trauma zu einer vorübergehenden, akuten posttraumatischen Belastung führen, die im weiteren Verlauf entweder verarbeitet oder überwunden werden kann oder vollständig aus der Erinnerung gelöscht wird (vgl. ebd., 132). Erleben Menschen ein Trauma, so erschüttert es diesen in seinen Grundfesten. In diesem Zusammenhang kann darauf verwiesen werden, dass keine Liste von Symptomen existiert, die ein traumatisierter Mensch aufweist. Hierbei spielt das Gesamtbild des Menschen und sein gesamtes Erleben eine wichtige Rolle. Daher muss von einer verallgemeinernden Beschreibung Abstand genommen werden, da ein Mensch ein Trauma subjektiv und individuell erlebt. Dabei kann n jedes Symptom und jedes Erscheinungsbild unterschiedliche Ursachen haben. So können beispielsweise Angstgefühle zum einen Folgen einer Traumatisierung sein und zum anderen jedoch auch von anderen Alltagserfahrungen herrühren (vgl. Baer & Frick-Baer 2016, o.S.).

Ein unbewältigtes Trauma kann jedoch dazu führen, dass Trauerprozesse, die beispielsweise durch Vergewaltigungen und Versuche einer ethnischen Säuberung ausgelöst werden, beeinträchtigt werden (vgl. Volkan 2002, S. 26). Schwer traumatisierte Menschen vermeiden es daher, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen und sie überhaupt zuzulassen. Betroffene spüren oftmals keine Wut, jedoch das Gefühl von Demütigung, Scham und Hilflosigkeit sowie die Identifizierung mit der Wut des Auslösers, bzw. Verfolgers (vgl. ebd.). Bei vielen Betroffenen ist ein Trauma überhaupt nicht ersichtlich, da sie auf den ersten Blick nicht zeigen, dass sie ein solches in sich beherbergen. Um dies zu verstehen, ist es erforderlich kurz darzulegen, was Trauer bedeutet.

Baer und Frick-Baer (2016, o.S.) verweisen darauf, dass Trauern ein Gefühl des Loslassens darstellt. Wenn etwas verloren wird, beispielsweise die Heimat oder Familienmitglieder, dann hilft das Gefühl der Trauer loszulassen. MigrantInnen und insbesondere Flüchtlinge haben sehr viel losgelassen und müssen auch in der Zukunft weiterhin viel loslassen (vgl. ebd.). Während der Flucht und des gesamten traumatischen Prozesses haben die betroffenen Menschen keine Möglichkeit, ihrer Trauer Raum zu geben (vgl. ebd.). Um in diesem Zusammenhang eine normale Trauerarbeit zu ermöglichen, muss wieder eine Verbindung zu der Vergangenheit geschaffen werden, welche bislang jedoch verleugnet wurde (vgl. Volkan 2002, S. 26). Hierbei bedarf es eines Innehaltens und auch einer verständnisvollen Fürsorge sowie Menschen, die zuhören und die Trauer teilen können. Denn: „Im Kampf um das Überleben, um das Ankommen, das Sich-neu-Einrichtens in der neuen Heimat ist dazu fast immer zu wenig Gelegenheit“ (Baer & Frick-Baer 2016, o.S.). Aber nicht nur der Verlust von Familie und Land spielen hierbei eine Rolle, sondern auch die Identität. Traumatische Erfahrungen können demnach dazu führen, dass Betroffene „psychisch im Niemandsland zwischen ihrem Herkunftsland und der Neuen Heimat“ bleiben (Volkan 2002, S. 26 f.).

Auch nach vielen Jahren sind die Folgen von traumatischen Ereignissen immer noch nachweisbar. So stellen die Autoren Kruse, Brandmaier und Hofmann (2013) dar, dass posttraumatische Belastungsstörungen eine hohe Chronifizierung aufweisen. Am Beispiel der Flucht aus Kambodscha in die USA weisen rund 60 Prozent der Flüchtlinge posttraumatische Belastungsstörungen auf und rund die Hälfte aller Flüchtlinge leidet an Depressionen (vgl. S. 27). So sind beispielsweise Depressionen sehr häufig bei Folteropfern nachzuweisen. In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass depressive Erkrankungen bei bis zu 100 Prozent der Folteropfer festgestellt werden konnten (vgl. ebd., S. 28). Depressionen sind demnach Langzeitfolgen der traumatischen Belastungen, selbst noch nach vielen Jahren. Bei weiblichen Flüchtlingen (auch bei Kindern und Jugendlichen) kommt es häufig vor, dass sie in ihrer Heimat vergewaltigt oder sexuell genötigt worden sind. Auch hier konnten Untersuchungen zeigen, dass eine posttraumatische Störung bei Vergewaltigungsopfern sehr häufig vorkommt und auch für eine lange Zeit bestehen bleibt (Geier, Daqieq & Schlüter-Müller 2012, S. 267).

Eine australische Studie ging der Frage nach, wie sich die vor der Ankunft im Aufnahmeland erlebten Traumatisierungen und die Lebensbedingungen im Sudan auf die psychische Befindlichkeit der Flüchtlinge auswirkt. Diese Studie verweist darauf, dass rund fünf Prozent der Betroffenen eine traumatische Belastungsstörung hatten und 25 Prozent hatten weitere hohe psychische Symptombelastungen. Dabei sind Frauen deutlich häufiger von psychischen Belastungen betroffen und somit weisen Frauen häufiger posttraumatische Belastungen und depressive Symptome auf. Werden diese Personen jedoch sozial unterstützt, so erweist sich dies als Schutzfaktor und kann eine posttraumatische Belastungsstörung minimieren (vgl. Erim 2009, S. 95). Zudem konnte eine weitere Untersuchung zeigen, dass psychische Störungsbilder im Kontext der Migration keine Seltenheit darstellen. Hierbei wurden in Australien 40 Asylsuchende sowohl vor als auch nach der Migration auf Belastungsstörungen untersucht. Diese Personen kamen aus China, Bangladesch, Osttimor sowie Peru und waren in ihrer Heimat erheblichen Traumata ausgesetzt, wie beispielsweise der Ermordung von Familienmitgliedern oder Folter. MigrantInnen waren zudem postmigratorischen Belastungen ausgesetzt, da ihr Aufenthaltsstatus nicht klar geregelt war. Somit bestand eine große Angst davor, in das Heimatland wieder abgeschoben zu werden. Darüber hinaus ist die Trennung von der Familie als wichtiger Stressfaktor anzusehen (vgl. ebd., S. 95 f.).

In diesem Abschnitt konnte gezeigt werden, dass die Belastungen im Kontext der Migration sehr vielfältig sein können. Eine traumatische Erfahrung rührt insbesondere aus den Erfahrungen, die im Migrationsprozess gesammelt wurden. Darüber hinaus führen solche Belastungen dazu, dass kein Trauerprozess stattfinden kann. Dies hat zur Folge, dass die Vorstellung zur eigenen Identität ins Wanken gerät. Aus diesem Grunde erfolgt in den nachfolgenden Abschnitten eine Auseinandersetzung mit der Identität von MigrantInnen. An dieser Stelle wird sowohl die Identität bei jugendlichen MigrantInnen erörtert als auch auf deren Identität und den Globalisierungsprozess eingegangen.

3.2 Zur Identität bei MigrantInnen

3.2.1 Identität bei jugendlichen MigrantInnen

An dieser Stelle soll zunächst auf die Problematik bei jugendlichen MigrantInnen eingegangen werden, da, wie im Abschnitt 2.2 beschrieben wurde der Identitätsbildung in der Adoleszenz eine wichtige Bedeutung zugesprochen werden muss (Born 2002, S. 13). Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen sich neben der Beschäftigung mit alterstypischen Entwicklungsaufgaben auch mit den Vorstellungen ihrer Identität und Zugehörigkeit auseinandersetzen. Die Unsicherheit von Zugehörigkeit basiert beispielsweise häufig auf dem Aspekt, dass aus juristischer Sicht zwar eine deutsche Staatsangehörigkeit besteht, jedoch häufig optisch erkennbar ist, ob ein Jugendlicher einen Migrationshintergrund aufweist (Roth & Terhart 2008, S. 4). Diese Verwirrung der Zugehörigkeit, da sie nicht eindeutig ist, führt zu Unsicherheiten in der Gesellschaft, was sich wiederum auf die Identität auswirken kann. Überdies spielt die Skandalisierung des gesellschaftlichen Handelns in der Identitätsentwicklung eine wesentliche Rolle. So besteht die Problematik darin, dass sich sowohl Kinder als auch Jugendliche mit Migrationshintergrund mit Pauschalisierungen, Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert sehen (vgl. ebd.). So kann angenommen werden, dass die gesellschaftlichen Vorurteile sich kontraproduktiv auf die Identitätsentwicklung auswirken können. Werden jugendliche MigrantInnen kontinuierlich mit Voreingenommenheit konfrontiert, so kann hieraus geschlussfolgert werde, dass die bereits bestehende Unsicherheit wächst. Denn die psychosoziale Entwicklung und Identitätsentwicklung steht in einer Wechselwirkung mit der Gesellschaft (Born 2002, S. 13).

Grundlegende Voraussetzungen für die Identitätsentwicklung stellt die soziale Anerkennung und Zugehörigkeit dar, was die Problematik von Diskriminierung, Marginalisierung und Bildungsbenachteiligung von jugendlichen MigrantInnen verdeutlicht. Im Bildungssystem werden diese MigrantInnen jedoch systematisch benachteiligt (Rosen 2014, S. 331). Da Jugendliche mit Migrationshintergrund mit Diskriminierungen konfrontiert werden, könnte dies Auswirkungen auf die Rollenfindungsprozesse und Identitätsfindung haben (vgl. ebd., S. 332). Die Schule nimmt dabei eine wichtige Stellung bei der Identitätsbildung von jugendlichen MigrantInnen ein. So formuliert Sander (2014). „Zu den notwendigen gesellschaftlichen Vorbedingungen einer peerorientierten und kulturell je besonderen Lebensphase Jugend gehören bestimmte Institutionen, zentral die Schule, die als Kristallisationskern bzw. als Kreißsaal von Gleichaltrigen Kulturen wirkt“ (Sander 2014, S. 32). So kann jedoch festgehalten werden, dass nicht mehr die klassischen Instanzen, wie Familie, Schule und Peergroup, zur Identitätsbildung beitragen. Zunehmend werden alle Lebensbereiche, auch die Schule, von den Medien durchdrungen (vgl. Herzig & Aßmann 2014, S. 647). In Anbetracht der vielfältigen Möglichkeiten aber auch Herausforderungen in Bezug auf die Identitätsbildung in einer mediendurchdrungenen Gesellschaft stellt sich die Frage, welche spezifischen Aufgaben sich daraus für die Bildungs- und Erziehungseinrichtung Schule ergeben (vgl. ebd., S. 653). So kann Schule zwar nicht die Identitätsarbeit von Kindern und Jugendlichen anleiten, sie kann aber die Entwicklung dazu notwendiger Kompetenzen fördern und unterstützen. Dies drückt aus, dass Bildungsinstitutionen Jugendliche und auch jugendliche MigrantInnen auf eine Begegnung mit einer mediendurchdrungenen Welt – im Sinne der Nutzung von Chancen und der Bewältigung von Problemlagen – vorbereiten müssen (vgl. ebd., S. 658). Allerdings bleibt es fraglich, ob es den Schulen bezüglich Jugendlicher mit Migrationshintergrund gelingt, Kompetenzen für eine postmoderne Identitätskonstruktion bereitzustellen (Rosen 2014, S. 343).

Oftmals misslingt jugendlichen MigrantInnen auch der Übergang zwischen Schule und Beruf häufiger als dies bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund der Fall ist. Zum Teil ist diese Ungleichheit einem schlechteren schulischen Auftritt zuzuordnen. Erfüllen MigrantInnen und nicht-MigrantInnen die gleichen Anforderungen, so sind die Chancen von Jugendlichen MigrantInnen, auf einen Ausbildungsplatz, wesentlich geringer. So konnte eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung zeigen, „dass nur rund 15 Prozent, der für die Ausbildung attraktiven Unternehmen, Jugendliche mit Migrationshintergrund ausbilden. Viele Unternehmen befürchten Sprachbarrieren oder kulturelle Unterschiede“ (Enggruber & Rützel 2014, S. 8 ff.). Infolgedessen kann angenommen werden, dass viele Jugendliche MigrantInnen bei ihrer Ausbildungssuche scheitern und sich ungelernte Tätigkeiten aussuchen. Allerdings spielt die berufliche Identität eine wesentliche Rolle im Rahmen der Identitätsentwicklung, denn diejenigen Berufe, mit denen sich der Auszubildende gerne identifiziert, begünstigen die Entwicklung einer beruflichen Kompetenz und somit auch einer beruflichen Identität (Rauner 2010, S. 72). Denn die berufliche Identität steht in einem engen Zusammenhang zum Engagement und findet im Laufe der Ausbildung in einem Beruf statt. Jedoch hängt dies auch von der Bereitschaft ab, eine solche Identität auch subjektiv entwickeln zu wollen und zu können (vgl. ebd., S. 73).

Demzufolge bleibt es fraglich, ob der jugendliche Migrant eine berufliche Identität entwickeln kann, wenn er keine Möglichkeit sieht, in seinem 'Wunschberuf' eine Ausbildungsstelle zu erhalten. Hierdurch konnte exemplarisch gezeigt werden, welche Schwierigkeiten die Migration, im Kontext der Identitätsentwicklung, aufweisen kann. Dabei wirken sich diese Problematiken auf sämtliche Bereiche des Lebens aus und sind auch nicht nur auf die Spanne der Adoleszenz beschränkt. Nachfolgend soll das Thema vertieft werden und auf die Identität hinsichtlich der Globalisierungsprozesse eingegangen werden.

3.2.2 Identität und Globalisierungsprozess

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass insbesondere Globalisierungsprozesse sich auf die Identität von MigrantInnen auswirken. In diesem Zusammenhang ist die 'Zeit-Raum-Verdichtung' zu nennen, denn alle Identitäten sind symbolisch in Zeit und Raum verortet. Verändert sich diese Verdichtung, so bedeutet dies auch ein Wandel der Identität (Penitsch 2003, S. 22). In diesem Zusammenhang kann auch von einer sogenannten 'Transmigration' und 'transnationalen Identität' gesprochen werden. Die Merkmale der Transmigration liegen darin, dass es einen normalen Zustand darstellt, wenn MigrantInnen zwischen verschiedenen Lebensorten in verschiedenen Ländern wechseln. Dabei fallen die entstandenen Sozialräume nicht eindeutig zusammen, wie es bei der Immigration und Emigration der Fall ist (Gogolin & Pries 2004, S. 10). Somit können diese transnationalen Sozialräume „als multiple, durchaus widersprüchliche und spannungsgeladene Konstruktionen auf der Basis identifikativer und sozialstruktureller Elemente der Herkunfts- und der Ankunftsregion“ verstanden werden (ebd.). TransmigrantInnen positionieren sich somit in mehreren Regionen und Gesellschaften gleichzeitig (vgl. ebd.).

Hinsichtlich der transnationalen MigrantInnen kann in diesem Zusammenhang angeführt werden, dass multiple Identitäten geschaffen werden, welche sich sowohl auf die Heimat-, als auch auf die Siedlungsidentität beziehen (Glick Schiller, Basch & Blanc-Szanton 1997, S. 94). Indem verschiedene Identitäten gebildet werden, „sind TransmigrantInnen in der Lage, ihren Widerstand gegenüber den globalen politischen und ökonomischen Verhältnissen auszudrücken, denen sie ausgesetzt sind, selbst wenn sie sich, den durch Unsicherheit gekennzeichneten Lebensbedingungen, anpassen“ (ebd.). Durch das Leben in verschiedenen Gesellschaften könnten TransmigrantInnen ihre Handlungen und Überzeugungen kontinuierlich verändern. Damit agieren und reagieren insbesondere transnationale Arbeitskräfte in einer Art und Weise, die dafür sorgt, dass kulturelle Differenzierungen und separierte Identitäten geschaffen werden (vgl. ebd.). Die Autoren Glick Schiller, Basch und Blanc-Szanton (1997) betonen, dass diese Wandlungsfähigkeit dafür sorgt, dass dadurch verschiedene Optionen offengehalten werden können. Dazu müssen die Betroffenen jedoch die unterschiedlichen Positionen in ein anderes System übersetzen (vgl. ebd., S. 95). Hierzu fordern die Autoren, dass es dringend erforderlich ist, Kultur und Gesellschaft neu zu konzipieren. Wichtig ist es daher auch, den Migrationsprozess und Ich-Identität zu betrachten. Der nachfolgende Abschnitt beschäftigt sich daher mit diesem Themenfeld.

3.3 Migrationsprozess und Ich-Identität

Es kann davon ausgegangen werden, dass das Migrationserleben ein traumatisches Geschehen ist, welches sich auf die Ich-Identität auswirkt und in der Folge unterschiedliche Anpassungsreaktionen und Abwehrstrategien hervorruft. Denn neben den traumatischen Erfahrungen kann durch den Wechsel von Sprache und Kultur eine transkulturell bedingte Form von Unbewusstheit entstehen, welches für ein Unterdrücken von emotionalen und affektiven Vorgängen verantwortlich gemacht werden kann (vgl. Kohte-Meyer 2009, S. 146). Penitsch (2003) zeigt auf, dass sich Migration in zweierlei Hinsicht auf die Identität auswirkt. Zum einen verändert eine Migration die Identität der MigrantInnen selbst, da die Verbindung von Territorium und Identität nicht mehr in den bekannten Maßen existieren. Infolgedessen führt dies zu der Bildung von neuen Identitätskonzepten. Zum anderen werden durch die zunehmende Migration auch die Aufnahmeländer verändert. Das bedeutet, dass durch die Pluralisierung der Gesellschaft die nationale Identität hinterfragt werden muss (vgl. ebd., S. 21). In Bezug zur 'Zeit-Raum-Verdichtung', wie bereits in Kapitel 3.2.2 angeführt, kann dargestellt werden, dass im Rahmen von Migrationsprozessen Raum und Ort[1]zunehmend auseinanderrücken. Dabei bestehen keine klar definierten Orte mehr, sondern sie sind das Ergebnis einer kulturellen Konstruktion (vgl. ebd., S. 22). Weiterhin haben Menschen ein spezifisches Ich-Erleben. Dieses Erleben resultiert aus der Kultur und den Ritualen des sozialen Lebens und die jeweilig erlaubte Art der Triebbefriedigung (Kohte-Meyer 2009, S. 148).

Wird der Migrationsprozess betrachtet, so wird dieses Ich-Erleben in Frage gestellt. Denn: „Im konkreten Zusammentreffen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Räumen, bei der individuellen Begegnung, entsprechen sich die inneren Vorannahmen und Erwartungen für das jeweilige Verhalten des anderen nicht mehr, z.B. bei dem Begrüßungsritual“ (ebd.). So kann es dazu kommen, dass die Kommunikation entgleist und die Interaktionen, aufgrund unterschiedlicher kultureller Bedingungen, keine wechselseitigen Entsprechungen mehr finden, denn es begegnen sich kulturell verschiedene Rollen und Normen, die sich unbewusst gebildet haben. Dieses Spannungsfeld entsteht, da keine Spiegelung und Entsprechung des Anderen im Anderen erfolgen kann. Im Inneren existiert kein Muster darüber, wie das andere Verhalten ablaufen soll. Am Beispiel der Begrüßung kann angeführt werden, dass kein Handlungsentwurf darüber besteht, wie gestisch und verbal gehandelt werden soll. Daher müssen diese Handlungsentwürfe neu aufeinander abgestimmt werden, wenn eine Interaktion erfolgreich sein soll. Dies stellt einen wesentlichen Grundkonflikt dar, dem MigrantInnen ausgesetzt sind, (vgl. ebd.).

Ein Trauma kann infolgedessen dann auftreten, wenn die anderen Menschen aus dem Kulturkreis wegfallen, die bisher die eigene psychosoziale Identität bestimmt haben. Migration ähnelt einer zweiten Geburt, man taucht in eine andere, unbekannte Welt ein, muss gleichsam eine neu schützende Haut, ein Objekt finden (Karatza-Meents 2010, S.321). Um sich vor solchen Erschütterungen zu schützen, bestehen Schutzmechanismen, wie eine Anpassungsleistung des Ich. Dieses dient dazu, dass beim Wechsel des sozialen Ortes eine Ausrichtung an die Außenwelt erfolgt. Daher werden die bisherigen entwickelten psychischen Strukturen 'Ich', 'Es' und 'Über-Ich' Frage gestellt (vgl. ebd.) (siehe hierzu auch Kapitel 4.1 'Psychoanalytische Überlegungen zur Ich-Identität'). Nach dieser Darstellung des Migrationsprozesses und der Ich-Identität, beschäftigt sich das nachfolgende Kapitel mit der Existenzanalyse nach Frankl und Längle als Möglichkeit einer psychotherapeutischen Betreuung.

4 Existenzanalyse als Möglichkeit einer psychotherapeutischen Betreuung

In diesem Kapitel wird auf die Existenzanalyse eingegangen sowie die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Betreuung herausgearbeitet. Hierzu erfolgt zunächst eine psychoanalytische Überlegung zur Ich-Identität, um nachfolgend auf die Existenzanalyse und Logotherapie einzugehen. In diesem Zusammenhang wird zunächst auf die Person Frankl verwiesen und anschließend die theoretischen Grundannahmen thematisiert. Überdies werden die Methoden und Anwendungsgebiete vorgestellt sowie die Möglichkeiten dieser Therapieform analysiert.

4.1 Psychoanalytische Überlegungen zur Ich-Identität

An dieser Stelle soll auf die Entwicklung der Ich-Identität eingegangen werden und diese aus psychoanalytischer Sicht betrachtet werden. Die Ich-Identität stellt die Herstellung und Erhaltung des Gleichgewichtes zwischen persönlicher und sozialer Identität dar. Die persönliche Identität bezieht sich hierbei auf die eigene Biografie und gewährleistet die Stetigkeit des Ich. Die soziale Identität hingegen bezieht sich auf die Einheit der verschiedenen Rollenerwartungen. Dies verweist auf die Vorstellung, wie andere Menschen ein Individuum sehen und wie es sich nach der Interpretation ihrer Erwartungen zu verhalten hat (vgl. Schwantes 2009, S. 21). In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, dass beide genannten Dimensionen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen, um eine Formierung der Ich-Identität zu erreichen. Identität bedeutet daher zu sein wie kein anderer und auch zu sein wie alle anderen (vgl. ebd.). Ein Balancezustand muss in dreierlei Hinsicht aufrechterhalten werden (vgl. ebd.): „Gleichgewicht zwischen widersprüchlichen (Rollen)Erwartungen, Gleichgewicht zwischen Anforderung anderer und den eigenen Bedürfnissen, Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis, sich dem anderen als einmalig und verschiedenartig darzustellen und trotz der Notwendigkeit dieser Einmaligkeit Anerkennung des anderen zu erhalten.“ (Schwantes 2009, S.21)

Es kann herausgestellt werden, dass der Begriff der Ich-Identität von vielen Wissenschaftlern geprägt wurde. Der erste war Sigmund Freud, der die Bildung der Ich-Identität, dem Resultat des Wechselspiels zwischen 'Es' und 'Über-Ich' zusprach. Daher soll im Folgenden zunächst auf die kindliche Entwicklung im Kontext des Theorieansatzes Freud eingegangen werden. So entwickelt sich nach dem Freud’schen Modell das Bewusstsein eines Kindes über Jahre hinweg. Aufgrund von Erfahrungen kann die Persönlichkeit im weiteren Verlauf reifen. Die Psyche eines Neugeborenen ist nach Freud augenblicklich nach der Geburt unbewusst. Sie wird vorrangig von den Triebkräften gesteuert, welche nach Freud das 'Es' darstellt. Das Es bleibt im gesamten Lebenslauf für das Unbewusste entscheidend. Das Es handelt nach dem Lustprinzip, ohne auf Regeln zu achten, die von der Außenwelt gegeben werden (Thomas & Feldmann 2002, S. 112).

An dieser Stelle übernimmt das 'Ich' die Funktion des Vermittlers zwischen Triebbedürfnissen und der Wirklichkeit. Jedoch ist diese Funktion in der anfänglichen Phase der Entwicklung nur schwach ausgeprägt. „Nur ein ganz kleiner Teil des Ichs kann als bewusst [!] bezeichnet werden; denn der Säugling verfügt lediglich über eine embryonisch-vage Wahrnehmung seiner eigenen Existenz“ (ebd., 112). In der nachfolgenden Abbildung wird die Entwicklung der Psyche dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Entwicklung der Seele oder der Psyche (Thomas & Feldmann 2002, S. 112)

Im 'Es' sitzt die Libido und der Todestrieb, während das Über-Ich die Gewissensdistanz einer Person darstellt. „Die soziale Entwicklung des Kindes nach psychoanalytischer Auffassung kann man sich leicht so vorstellen, dass gesellschaftliche Erwartungen durch Normen von den Eltern verkörpert werden“ (Heidbrink, Lück & Schmidtmann 2009, S. 141). Durch Ge- und Verbote sowie Lob und Strafe der Eltern erfährt das Kind diese Normen. Die ödipalen Triebimpulse werden dann vom Kind abgelegt, Voraussetzung ist jedoch eine erfolgreiche Entwicklung. Beim Jugendlichen ist die Entwicklung des Über-Ichs dann abgeschlossen, wenn die elterlichen Normen in eigene Vorstellungen integriert werden können (vgl. ebd.). Die Neo-Freudianische Psychoanalyse geht allerdings von einem anderen Grundkonflikt des Individuums aus. Hierbei werden die instinktgetriebenen und vorprogrammierten Eigenschaften widerlegt und der Schwerpunkt daraufgesetzt, dass das Kind ein Wesen darstellt, welches, abgesehen von angeborenen neutralen Eigenschaften, vollständig von kulturellen und zwischenmenschlichen Umgebungen geformt wird (vgl. Yalom 2010, o.S.).

Das Grundbedürfnis des Kindes ist Sicherheit, die durch zwischenmenschliche Akzeptanz und Anerkennung gekennzeichnet ist. Zudem beeinflusst die Charakterstruktur des Kindes die Qualität der Interaktion mit bedeutenden Erwachsenen. Obwohl davon ausgegangen wird, dass das Kind nicht von den Instinkten geleitet wird, hat es dennoch ein hohes Maß an angeborener Energie, Neugier, einer Unschuld des Körpers, einem innewohnenden Wachstumspotenzial sowie den Wunsch geliebte Erwachsene um sich zu haben. Ein Konflikt entsteht in diesem Zusammenhang beispielsweise dann, wenn diese Forderungen nicht mit den Intentionen bedeutsamer Erwachsenen übereinstimmen (vgl. ebd.).

Zudem kann herausgestellt werden, dass Freud zwar von der Persönlichkeitsentwicklung spricht, der Begriff der Identität allerdings nicht verwendet wird. Erikson war hingegen der erste, der diesen Begriff in die psychoanalytische Theoriebildung einbrachte. In diesem Zusammenhang verband Erikson soziologische und psychologische Erkenntnisse und definierte die Erlangung von Ich-Identität als zweifache Leistung. So hat das Individuum die Aufgabe, die psychische Leistung der Synthese von Impulsen des 'Es' und des 'Über Ich' nach Freud zu erbringen. Das bedeutet, dass sich das Individuum mit unterschiedlichen Identifikationen in der Kindheit auseinandersetzen und in der Folge verschiedene Selbstbilder und Selbstkonzepte integrieren muss (vgl. Supper 1999, S. 14 f.). Die andere Leistung bezieht sich darauf, dass die Ausbildung einer stabilen Ich-Identität auch von der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität beeinflusst wird. Auftretende Inkonsistenzen zwischen dem individuellen Selbstbild und den sozialen Anforderungen müssen integriert werden (vgl. ebd., S. 15.).

In diesem Kontext kann herausgestellt werden, dass für Erikson die Umwelt bei der Identitätsbildung eine deutlich größere Rolle, als für Freud, spielt. Aber für Erikson ist auch die Identitätsentwicklung mit dem Erwachsenwerden abgeschlossen, da diese als Leistung in der Adoleszenz erbracht werden muss und zu einer gefestigten Ich-Identität führt (vgl. ebd.). Wichtig ist allerding auch herauszustellen, dass nach Erikson die Identitätsbildung immer krisenhaft verläuft und demnach keinen selbstverständlichen und automatischen Prozess darstellt. Eine Identitätsbildung kann demnach auch scheitern. Dieser Aspekt ist im Rahmen der interkulturellen Identität von MigrantInnen entscheidend, insbesondere dann, wenn es um Integration und ethnische Minderheiten geht (vgl. ebd.).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Identitätsentwicklung (Ich-Identität) dann beginnt, wenn das Kind zwischen sich und anderen unterscheiden lernt und das Kind sich im Sozialisationsprozess vollzieht. Das Kind übernimmt die Identifikationen von primären Bezugspersonen, bzw. legt diese ab. Ist die kognitive und emotionale Entwicklung weiter fortgeschritten, so kommt es zu einer Ausdifferenzierung der persönlichen Identität. Das führt dazu, dass das Kind bewusster darüber entscheiden kann, was es übernehmen kann oder worin es sich unterscheiden möchte (vgl. Schwantes 2009, S. 18). Dabei entsteht Identität in aufeinander aufgebaute Stufen und der Identitätsprozess ist am stärksten in der Adoleszenz ausgebildet (siehe hierzu auch Kapitel 2.2). Identität ist somit bei jedem Menschen nicht von vornherein gegeben, sondern bildet sich erst im Laufe der Zeit – im Verlauf der Sozialisation und Interaktion mit anderen und durch das Lernen von sozialen Rollen – heraus (vgl. Schwantes 2009, S. 18). Hierbei besteht im Rahmen der Identitätsbildung eine zirkuläre Relation zwischen Außen- und Innenperspektive. Diese Identitätsbildung kann durch folgende Schritte verdeutlicht werden (vgl. ebd., 19 f.):

- Appropriation: Dieser erste Schritt deutet auf das Verhältnis vonAußennachInnenhin. Dabei fängt der Aufbau der Identität dann an, wenn sich das Individuum zuerst die Außenperspektive als seine Innenperspektive aneignet.
- Transformation: Dieser Schritt wird auch als 'Umwandlung' bezeichnet. Die bereits angeeigneten Außeninformationen werden jetzt durch Selektion, Attribution, Vergessen, Verdrängen, Erinnern, Vergleichen und Assimilieren innerhalb der Innenperspektive aktiv verarbeitet. Hierbei ist die in der Innenperspektive des Subjekts übernommene Außenperspektive nicht mehr die Außenperspektive selbst und muss keineswegs mit den objektiven Informationen von außen übereinstimmen.
- Publikation: An dieser Stelle muss das Individuum den anderen seine persönliche Identität klar und verständlich darstellen. Dabei ist es wichtig, dass das Individuum zwar seine soziale Rolle individuell und bedürfnisorientiert ausrichtet, jedoch nicht vollkommen aus der 'Art' fällt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft hierzu keine kategoriale Zuordnung findet und das Individuum dann für 'verrückt' oder 'asozial' erklärt wird.

4.2 Existenzanalyse und Logotherapie

4.2.1 Zur Person Viktor E. Frankl

Der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl (1905-1997) hegte bereits ein frühes Interesse für die Psychoanalyse und dies führte zu einem direkten Kontakt zu Sigmund Freud. Seine Ausbildung allerdings durchlief Frankl jedoch in der Individualpsychologie Alfred Adlers. Hier fand er auch Oswald Schwarz und Rudolf Allers seine tatsächlichen Lehrer. Der Einfluss dieser Personen bewirkte, dass Frankl sein Leben lang ein zentrales Anliegen hatte: Den Psychologismus in der Psychotherapie zu bekämpfen (vgl. Längle 1999, S. 139). Frankls Hauptinteresse galt der Geistigkeit des Menschen, welche sich insbesondere in der Suche nach dem Sinn herauskristallisierte. Diese Geistigkeit sollte nicht einem psychomechanischen Reduktionismus zum Opfer fallen. Aufgrund dieser Ansicht, entwickelte sich zunehmend ein Konflikt zwischen Frankl und Adler, mit der Folge, dass er im Jahr 1927 aus dem Verband ausgeschlossen wurde (vgl. ebd.). Das führte dazu, dass sich Frankl vermehrt mit der Existenzphilosophie und Phänomenologie Max Schelers auseinandersetzte. Bevor er Anfang der 1940er Jahre ins KZ deportiert wurde, verfasste er sein bedeutendstes Werk zur Existenzanalyse und Logotherapie, welches jedoch dort verloren ging (vgl. ebd.).

[...]


[1]Der Ort stellt für Penitsch (2003) etwas Konkretes, Bekanntes und Familiäres dar. Mit ihm werden spezifische soziale Praktiken verbunden (vgl. S. 22).

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Identitätsfindung im Migrationsprozess. Existenzanalyse als Hilfestellung bei der Suche nach der eigenen interkulturellen Identität
Autor
Jahr
2018
Seiten
55
Katalognummer
V384327
ISBN (eBook)
9783956872877
ISBN (Buch)
9783956872891
Dateigröße
16770 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Identitätsfindung, Existenzanalyse, Psychotherapie, Interkulturelle Identität
Arbeit zitieren
Bakk. in Özge Duran (Autor), 2018, Identitätsfindung im Migrationsprozess. Existenzanalyse als Hilfestellung bei der Suche nach der eigenen interkulturellen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384327

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