Kritische Auseinandersetzung mit dem Ergon-Argument von Aristoteles


Hausarbeit, 2017

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
...1
2. Bedeutung des Wortes ,,Glück"...1
3. Das Glück nach Aristoteles
...2
3.1 Das Glück als das beste Gut
...2
3.2 Das Ergon-Argument
...2
4. Kritische Auseinandersetzung mit dem Ergon Argument
...4
4.1 Was spricht für das Ergon-Argument?...4
4.2 Was spricht gegen das Ergon-Argument?...6
5. Das Ergon-Argument in der heutigen Zeit
...12
5.1 Ist das Ergon-Argument auf die Gegenwart übertragbar?...12
5.2 Vergleiche mit dem aktuellen Stand der Glücksforschung
...14
6. Fazit
...15
7. Literaturverzeichnis
...18

1
1. Einleitung
Jeder Mensch strebt nach einem glücklichen Leben. Dabei ist Glück für jeden anders
definiert. Für den einen bedeutet es Reichtum, für den anderen die Freiheit, reisen zu
können und für den nächsten liegt das Glück in einer gesunden Familie. Die
Glücksforschung forscht kontinuierlich, unter welchen Bedingungen Menschen
glücklich sind. Aristoteles bestimmt in seinem Ergon-Argument die Funktion, das
ergon, des Menschen genauer und versucht so, das Glück zu finden. In der
vorliegenden Arbeit werde ich zunächst das Ergon-Argument erläutern und mich
anschließend kritisch damit auseinandersetzen. Aus Aristoteles Ausführungen über
das Ergon-Argument lässt sich eine These über das Glück ableiten: Ein Mensch kann
nur durch die vernunftgeleitete Betätigung der Seele im Sinne der Gutheit glücklich
werden. Da ich Aristoteles These nicht voll und ganz zustimme, argumentiere ich im
Folgenden für die These, dass neben vernunftgeleiteten Tätigkeiten der Seele
viele weitere Faktoren eine Rolle spielen, um glücklich zu werden und auch
Menschen, die nicht in der Lage sind, sich ihrer Vernunft zu bedienen, glücklich
werden können. Da ich Aristoteles Auffassung vom Glück nicht gänzlich widerlegen
will, sondern sie hauptsächlich als für zu eng gefasst halte, werde ich im ersten Teil
meiner Argumentation begründen, welche Aspekte des Ergon-Argumentes ich für
wahr halte. Anschließend werde ich Kritik am Ergon-Argument äußern, und dabei
insbesondere auf Aristoteles Argumentationsstil und die Gültigkeit für Kinder und
Personen mit geistiger Behinderung eingehen. Anschließend werde ich erläutern,
inwiefern dass der Antike entstammende Argument, vor allem in Bezug auf Kinder und
Menschen mit geistiger Behinderung, auf die heutige Zeit übertragbar ist.
Abschließend vergleiche ich meine Ergebnisse mit dem aktuellen Stand der
Glücksforschung und zeige so auf, welche weiteren Faktoren für ein glückliches Leben
eine Rolle spielen.
2. Bedeutung des Wortes ,Glück`
Dem Wort ,Glück` können verschiedene Bedeutungen zugesprochen werden. Zum
einen reden wir von Glück im Zusammenhang bestimmter Ereignisse, wenn ein

2
erfreulicher Zufall eintrifft.
1
Im Griechischen wird diese Bedeutung von Glück
,,Eutychia"
2
genannt.
Zum anderen reden wir von Glück, in Bezug auf ein vollkommenes und erfülltes
Leben.
3
Dieser Glücksbegriff bezieht sich nicht auf einzelne Ereignisse oder Zufälle,
sondern auf ein ganzes Leben. Im Griechischen wird diese Bedeutung des Glückes
,,Eudaimonia"
4
genannt. Der Inhalt dieses Glücksbegriffes ist einfach zu erklären.
Unklarheit herrschte hingegen über die Frage, wie dieser Zustand eines vollkommenen
und gelungenen Lebens erreicht werden kann.
5
Diese Frage versucht Aristoteles in
seiner Nikomachischen Ethik anhand des Ergon-Argumentes
zu beantworten.
3. Das Glück nach Aristoteles
3.1 Das Glück als das beste Gut
Das Ziel all dessen, was wir tun, ist laut Aristoteles das Glück. Aristoteles bezeichnet
dieses Glück als das ,,beste Gut"
6
.
Denn das Glück ,,wählen wir immer um seine
r selbst
willen und niemals um anderer Dinge Willen"
7
. Das bedeutet, viele andere Dinge
wählen wir neben dem eigentlichen Ziel auch immer mit dem Ziel, glücklich zu werden.
Als Beispiel führt Aristoteles die Vernunft auf, die wir neben dem Ziel, vernünftig zu
handeln auch mit dem Ziel wählen, glücklich zu werden.
8
Das Glück hingegen hat nur
sich selbst als Ziel, es ist daher ein abschließendes Ziel. Dieses beste Gut bezeichnet
Aristoteles als Glückseligkeit oder mit dem altgriechischen Begriff ,,eudaimonia"
.
9
3.2 Das Ergon-Argument
Anhand des Ergon-Argumentes versucht Aristoteles, das Glück genauer zu erläutern.
Er geht der Frage auf den Grund, wie wir dieses Glück als das beste Gut erreichen
1
Vgl. Maximilian Forschner: Über das Glück des Menschen. Aristoteles, Epikur, Stoa, Thomas von
Aquin, Kant, Darmstadt 1993, S. 1.
2
Ebd., S. 1.
3
Vgl. Ebd., S.1.
4
Ebd., S.1.
5
Vgl. Ebd., S.1.
6
Aristoteles: Nikomachische Ethik, hrsg. von Ursula Wolf, Reinbek 2006, S. 54.
7
Ebd., S. 54.
8
Vgl. Ebd., S. 54.
9
Ebd., S. 54.

3
können. Dafür muss die Funktion, das ergon, des Menschen erfasst werden
10
. Diese,
für eine Sache sehr bedeutende Funktion, bezeichnet Aristoteles mit dem griechischen
Begriff ,ergon`
.
11
. Bei einem Stift ist das ergon die Fähigkeit zu schreiben, bei einem
Klebstoff die Fähigkeit zu kleben und bei einem Mathematiker die Fähigkeit zu
rechnen. Aristoteles folgert: Wenn man annimmt, dass für jeden Fachmann in einem
Herstellungswissen, das ,gut` in einer Funktion liegt, sollte man auch annehmen, dass
das ,gut` für den Menschen in einer Funktion liegt
12
. Aristoteles zieht einen Vergleich
mit den Funktionen von Handwerkern und Körperteilen und zieht daraus den Schluss,
dass wenn ,,jeder Körperteil eine bestimmte Funktion besitzt"
13
, auch der Mensch eine
bestimmte Funktion besitzen muss. Auf der Suche nach dieser bestimmten Funktion
des Menschen, grenzt Aristoteles zunächst aus, welche Funktionen der Mensch mit
Tieren und Pflanzen gemeinsam hat. Das vegetative Leben hat der Mensch mit den
Pflanzen gemeinsam und das Leben der Wahrnehmung mit den Tieren.
14
Für den
Men
schen bleibt ,,ein tätiges Leben desjenigen Bestandteils in der menschlichen
Seele, der Vernunft besitzt"
15
, übrig. Somit ist die Funktion, das ,ergos`
, des Menschen
bestimmt: Es liegt in vernunftgeleiteten Handlungen der Seele. Die Funktion des guten
Menschen ist es hingegen, dies auf besonders gute und lobenswerte Weise zu tun.
16
Als Beispiel könnte man einen Maler aufführen, dessen Aufgabe es ist, Bilder zu
malen. Die Aufgabe eines guten Malers ist es hingegen, besonders schöne Bilder zu
malen. Aristoteles nimmt an, dass die Funktion des Menschen und die Funktion des
guten Menschen zur selben Art gehören und folgert daraus, dass ,,sich das Gut für den
Menschen als Tätigkeit der Seele im Sinn der Gutheit"
17
erweist. Bei mehreren
Gutheiten zählt diejenige, die auf ein ganzes Leben bezogen am ehesten ein
abschließendes Ziel hat
18
.
10
Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik 2008, S.55.
11
Vgl. Ebd., S. 55.
12
Vgl. Ebd., , S. 55f.
13
Ebd., S. 56.
14
Vgl. Ebd., S. 56.
15
Ebd., S.56.
16
Vgl. Ebd., S. 56.
17
Vgl. Ebd., S. 57.
18
Vgl. Ebd., S.57.

4
4. Kritische Auseinandersetzung mit dem Ergon Argument
4.2 Was spricht für das Ergon-Argument?
In einigen Punkten kann der Argumentation von Aristoteles zugestimmt werden.
Aristoteles erläutert im Zusammenhang mit der Definition des höchsten Gutes, dass
menschliches Tun immer ein bestimmtes Ziel verfolgt.
19
Diesen Punkt seiner
Argumentation kann durch zahlreiche Beispiele belegt werden: Wir gehen arbeiten,
weil wir Geld verdienen wollen. Wir gehen joggen, weil wir fit werden wollen. Wir putzen
unsere Wohnung, weil wir uns im Dreck unwohl fühlen. Diese Ziele sind nicht immer
gut oder vernünftig, aber die Tatsache, dass wir immer ein Ziel haben, lässt sich nicht
widerlegen. Auch ein Bankräuber handelt mit einem bestimmten Ziel, wenn auch nicht
im Sinne der Gutheit.
Ferner erläutert Aristoteles, dass wir das Glück immer nur um seiner selbst willen
wählen, während wir viele andere Ziele neben dem eigentlichen Ziel immer auch mit
dem Ziel wählen, glücklich zu werden.
20
Auch in diesem Punkt kann Aristoteles
zugestimmt werden. Wir gehen joggen, um fit zu werden und eine bessere Figur zu
bekommen. Neben diesem Ziel erhoffen wir uns, durch ein besseres Aussehen mehr
Anerkennung zu bekommen und so glücklich zu werden. Wir gehen arbeiten, um Geld
zu verdienen. Neben dem Ziel, genug Geld zu haben, haben wir das Ziel, durch
ausreichend Geld ein sorgenloses Leben zu führen, uns schöne Dinge kaufen zu
können und somit glücklich zu werden. Das heißt, wir Menschen streben in allen
unseren Handlungen auch nach dem Glück. Niemand handelt mit dem Ziel unglücklich
zu werden. Dies impliziert nicht, dass alle unsere Handlungen deshalb automatisch
vernünftig im Sinne der Gutheit sind. Auch ein Mörder handelt mit dem Ziel, glücklich
zu werden. Indem er aus Wut seine Ehefrau, die ihn betrogen hat, umbringt, rächt er
sich an ihr und hofft, dadurch glücklicher zu werden. Ob dieses Glück eintrifft, sei
dahingestellt. Dennoch hatte er anfangs die Absicht, dadurch glücklich zu werden.
Weiter spricht für Aristoteles Argument, dass er den Blick auf das Realistische dabei
nicht verliert: ,,Dennoch bedarf das Glück, wie gesagt, offenbar zusätzlich auch der
äußeren Güter. Denn es ist unmöglich oder [zumindest] nicht leicht, werthafte
Handlungen ohne Hilf
smittel zu tun."
21
Er reduziert das Glück also nicht lediglich auf
19
Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik 2008, S. 54.
20
Vgl. Ebd., S. 54.
21
Aristoteles: Nikomachische Ethik 2008, S. 61.

5
das eigene, vernunftgeleitete Handeln, sondern erklärt, dass wir dafür gewisse
Hilfsmittel benötigen. Diese Hilfsmittel definiert Aristoteles als ,,Freunde, Reichtum und
politische Macht."
22
Mit diesem Zusatz hat Aristoteles einen sehr wichtigen Punkt
aufgegriffen, denn kaum ein Mensch, der
weder Geld noch Freunde hat, wird sich
selbst als glücklich bezeichnen. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass reiche
Menschen glücklich sind. Ein Mensch, mit wenig Geld, aber doch ausreichend fürs
tägliche Leben,
und vielen guten Freunde, kann durchaus ein sehr glückliches Leben
führen. Aber ganz ohne Hilfsmittel geht es nicht. Ein Mensch, der Hunger leiden muss,
kann keine ehrenhaften Handlungen ausführen. Sein einziges Ziel wird es sein, seine
Existenz zu sichern.
Ein weiterer Aspekt, der Aristoteles These stützt, sind seine Ausführungen zu den
Auswirkungen von Schicksalsschlägen auf das Glück. Laut Aristoteles kann ein
glücklicher Mensch besser mit Schicksalsschlägen umgehen, als ein unglücklicher
Mensch: ,,Denn wir meinen, dass der wahrhaft Gute und Verständige die Wechselfälle
des Lebens alle in guter Haltung trägt und immer das Angemessenste aus der
Situation macht, wie ein guter Stratege, die vorhandene Armee auf die beste Weise
zur Kriegsführung gebrauchen wird, [...]."
23
Dieses Argument beschäftigt die heutige
Resilienz Forschung. Resilienz ist die Fähigkeit, erfolgreich mit Schicksalsschlägen
oder allgemeinen Belastungen umzugehen und wird auch mit Spannkraft oder
Widerstandsfähigkeit übersetzt.
24
Es ist naheliegend, dass ein guter Mensch,
adäquater auf Schicksalsschläge reagiert und sie emotional besser bewältigen kann.
Wohingegen es einem labilen Menschen nicht gelingen wird, das Beste aus solch einer
Situation zu machen. E
r wird sich vielmehr Fragen stellen wie: ,,Warum
schon wieder
ich? Warum haben es andere so viel lei
chter im Leben?"
Diese Menschen werden sich
eher im Selbstmitleid wälzen und resignieren, anstatt die Schicksalsschläge, wie der
gute Mensch, mit Haltung zu tragen.
Auch die gängige Aufteilung der Güter in drei Klassen stützt Aristoteles These. Die
Güter werden in die äußeren, körperlichen und seelischen Güter unterteilt, wobei die
seelischen Güter die höchsten sind.
25
Diese Einteilung besteht schon länger, sie ist
nicht von Aristoteles erstmals definiert worden:
,,Was wir gesagt haben, wird also richtig
22
Ebd., S. 61.
23
Ebd., S. 66.
24
Vgl. Klaus Fröhlich-Gildhoff; Maike Rönnau-Böse: Resilienz, München 2011, S. 9-10.
25
Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik 2008, S. 59.
Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kritische Auseinandersetzung mit dem Ergon-Argument von Aristoteles
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V384328
ISBN (eBook)
9783668622784
ISBN (Buch)
9783668622791
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Ergon-Argument, Glück, Glücksforschung
Arbeit zitieren
Amelie Probst (Autor:in), 2017, Kritische Auseinandersetzung mit dem Ergon-Argument von Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384328

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