Confusio linguarum. Das Problem der Sprache in den Theorien von J. G. Herder, W. Benjamin und J. P. Süßmilch


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Problem Sprache
2.1 Der Turmbau zu Babel und die Verwirrung der Sprachen
2.2 Die Bedeutung der adamitischen Sprache

3. Analyse des Problems Sprache
3.1 „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ von J. G. Herder
3.2 „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ von W. Benjamin
3.3 „Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht von Menschen,
sondern allein vom Schöpfer erhalten habe“ von J. P. Süßmilch

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher beschäftigt und fasziniert die Frage nach dem Ursprung der Sprache die Wissenschaft. Dabei haben sich in der Vergangenheit viele Linguisten, große Philosophen wie auch Laien mit Theorien zum Sprachursprung, der Glottogonie, auseinandergesetzt und sich wiederholt die Frage gestellt, ob der Mensch die Sprache aus eigener Kraft entwickeln konnte, oder ob der Sprachursprung gar auf göttlichem Ursprung basiert. Auch wenn sich die vorliegende Hausarbeit u. a. der Frage nach dem Ursprung der Sprache im ausgehenden 18. Jahrhundert widmet, ging es gemäß Alkier (1993, S. 134) bereits im 16. Jahrhundert um „das Wesen des Menschlichen Geistes und seine Entwicklung, um die Frage nach der Göttlichkeit oder Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache und im Zusammenhang damit um die Historizität des biblischen Schöpfungsberichts“. Pierre-Louis Maupertuis (1698-1759) vertrat einen menschlichen Sprachursprung, Johann Peter Süßmilch (1707-1767) aber einen göttlichen Ursprung der Sprache. Beide waren Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften, ihre kontroversen Ansichten führten aber zu einer Debatte, welche für die Berliner Akademie nicht tolerierbar war. Im Hinblick darauf wurde 1769 ein Preisausschreiben mit der folgenden Aufgabe ausgeschrieben „En supposant les hommes abandonnés à leurs facultés naturelles, sont-ils en état d’inventer le langage? Et par quel moyens parviendront-ils à cette invention? On demande une hypothèse qui explique la chose clairement et qui satisfait à toutes les difficultés“ (zitiert nach Irmscher, Nachwort in Herder, 1772, S. 137), um nach den vorhergehenden, unzureichend philosophischen Bemühungen endlich eine nachvollziehbare Antwort auf die Entstehung der menschlichen Sprache zu bekommen. Mit dem Werk „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ gewann Johann Gottfried Herder (1744-1803) im Jahre 1772 schließlich das Preisausschreiben. Der deutsche Philosoph und Theologe nimmt mit dem ersten Satz seiner Sprachursprungstheorie „Schon als Tier hat der Mensch Sprache“ (1772, S. 5) eine auf Distanz bedachte Haltung gegenüber dem biblisch begründeten Sprachursprung ein. Herders Theorien stellen schon immer eine wesentliche Grundlage und wichtige Theorie der Sprachursprungsforschung dar und sind sonach im Kontext der Sprachanalyse unabdingbar. In seinem renommierten Werk macht er dies deutlich. Der deutsche Philosoph Walter Benjamin (1892-1940) stützt den Ursprung der Sprache aus sprachphilosophischer Sichtweise demgegenüber auf Gott und deskribiert in seinem Werk „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ primär die adamitische Sprache, die als paradiesische, vollkommene Sprache des Menschen gilt. Gemäß Benjamins Sichtweise, geht aus der Heiligen Schrift die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Sprache eindeutig hervor, wie man aus dem Evangelium nach Johannes entnehmen kann: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes I, 1-2).
Ziel der Hausarbeit, mit dem Titel „Confusio linguarum. Eine Analyse des Problems Sprache auf Grundlage der Theorien von J. G. Herder, W. Benjamin und J. P. Süßmilch“, ist es auf Grundlage ihrer Theorien den Ursprung der Sprache zu ergründen und darzulegen wie der Mensch, ihrer Auffassung nach, Sprache erwirbt. In Zuge dessen wird dabei der biblische Hintergrund mit dem Turmbau zu Babel und der einhergehenden babylonischen Sprachverwirrung thematisiert. Auch die Theorie einer adamitischen, reinen Sprache wird dargestellt werden, zumal diese für die Theorien von Benjamin und Süßmilch bedeutend ist.

Die vorliegende Arbeit strukturiert sich wie folgt:

Im ersten Teil (Kapitel 2) der Hausarbeit wird zunächst das Problem Sprache in seinen wesentlichen Punkten dargestellt. Die sprachtheoretische Grundlage die für die Sprachverwirrung (lat. Confusio linguarum) bedeutend ist, nämlich die biblische Exegese des Turmbaues zu Babel, wird nachfolgend definiert. Zum einen soll gezeigt werden wie der Ursprung und die Verwirrung der Sprachen biblisch begründet wird. Zum anderen soll die Relevanz der adamitischen Sprache im Hinblick auf das Problem Sprache mit biblischen Motiven und Konzepten thematisiert werden. Kapitel 3 der vorliegenden Arbeit bildet mit den Sprachtheorien von Johann Gottfried Herder, Walter Benjamin und Johann Peter Süßmilch den Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit. Dabei handelt es sich zuallererst um J. G. Herders, von der Berliner Akademie preisgekröntes Werk „Abhandlung über den Ursprung von Sprache“, in dem er eine differenzierte Haltung gegenüber dem göttlichen Sprachursprung einnimmt. Um zu zeigen, dass sich aus sprachphilosophischer Sicht W. Benjamins der Ursprung der Sprache auf Gott stützt, wird auf sein Werk „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ eingegangen. Er geht primär auf die adamitische Sprache ein und beschreibt die paradiesische Sprache des Menschen als vollkommen. Abschließend wird die Sicht von J. P. Süßmilch dargestellt, der in seinem Werk „Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht von Menschen, sondern allein vom Schöpfer erhalten habe“ das Problem der Sprache thematisiert. Die Hausarbeit schließt mit einem Fazit, das eine zusammenfassende Bewertung beinhaltet. Gemeinsamkeiten und Streitpunkte von Herders, Benjamins und Süßmilchs Theorien unter Berücksichtigung des biblischen Hintergrunds, sowie die Frage worin der Ursprung der Sprache liegt, soll mit Ende der Hausarbeit resümiert dargestellt werden.

2. Das Problem Sprache

Sprache ist im alltäglichen Leben der Menschen eines der am häufigsten verwendeten Mittel, um mit anderen zu interagieren. Dabei ist der Sprachgebrauch so notwendig, dass die Strukturen der Sprache kaum Beachtung finden (Heil, 2011, S. 1). Was genau aber versteht man in der Sprachphilosophie darunter, wenn von „Sprache“ gesprochen wird? Sind nicht der Besitz von Sprache und die Fähigkeit des Spracherwerbs bedeutende Wesensmerkmale des Menschen? Gemäß Benjamin ist mit einem Wort, jede Mitteilung geistiger Inhalte Sprache. Herder beschreibt die menschliche Sprache schlichtweg als eine Sammlung von Wörtern. Heil führt weiter an, dass Sprache den Menschen bemächtigt, „Bedürfnisse, emotionale Zustände, Dank und Hilfe mitzuteilen oder einzufordern“. Dem Menschen wird es mit Sprache ermöglicht, Dinge der Umwelt zu beschreiben, ihnen Namen zu geben und sie einander zuzuordnen. „Man kann durch Sprache Sachverhalte, Gesetze und ganze Weltbilder ins Dasein sprechen.“ Hierbei geht man für gewöhnlich davon aus, „dass Sprache ein Werkzeug ist, das benutzt wird, um eine Umwelt zu konstituieren“. Doch Sprache kann auch einen destruktiven Charakter offenbaren, da man mit Sprache nicht nur beschreiben, sondern auch verbal verletzen und Gewalt zufügen kann. Worte können zu mächtigen Waffen werden „die allezeit und jedermann zugänglich sind“ (Ebd., S. 1). Dem einzelnen Wort schreibt auch Hausmann (zitiert nach Schmitz-Emans, 2015b, S. 19) eine hohe Bedeutung zu. Er gibt an, dass es immer das Wort ist, dem die Wirkungskraft innewohnt. Sei es nun laut, eindringlich, gedämpft oder erschauernd, der Mensch hat sich mit dem Wort eine mächtige Waffe geschaffen. „Nein, nicht eine Waffe, sondern die Waffe. Es gibt keine andere.“ Wo und wann immer der Mensch über das Nächtliche und Feindliche in der Welt siegt, hat er es mit Hilfe des Wortes getan (vgl. Ebd. 2015b, S. 19). Auch die Heiligen Schrift offenbart diesen möglichen, verletzenden Charakter von Sprache, der manchmal wie es scheint, bewusst eingesetzt wird, wie beispielsweise aus Psalm 64 (4-5) ergeht: „Sie schärfen ihre Zunge wie ein Schwert, schießen giftige Pfeile um den Schuldlosen von ihrem Versteck aus zu treffen. Sie schießen auf ihn, plötzlich und ohne Scheu“. Der biblische Hintergrund ist für die Reflexion des Sprachursprungs insgesamt von nicht geringer Bedeutung. Wenngleich die Bibel als Heilige Schrift, u. a. in der Geschichte der Sprachphilosophie zeitweise hochgeschätzt wurde, scheint Herder demgegenüber deutlich Position mit folgendem Zitat zu beziehen:

Menschlich muss man die Bibel lesen: denn sie ist ein Buch durch Menschen für Menschen geschrieben: menschlich ist die Sprache, menschlich die äußeren Hilfsmittel, mit denen sie geschrieben und aufbehalten ist; menschlich endlich ist ja der Sinn, mit dem sie gefaßt werden kann, jedes Hülfsmittel, das sie erläutert, so wie der ganze Zweck und Nutzen, zu dem sie angewandt werden soll. Sie können also sicher glauben, je humaner (im besten Sinne des Worts) Sie das Wort Gottes lesen, desto näher kommen Sie dem Zweck seines Urhebers, der Menschen zu seinem Bilde schuf, und in allen Werken und Wohltaten, wo er sich uns als Gott zeigt, für uns menschlich handelt. (Herder, 1780/1781, S.145)

Weidner (2011) schließt daraus, dass für Herder die Bibel nicht mehr Heilige Schrift, sondern „Buch unter Büchern“ ist. Dies sei allgemein kennzeichnend für die Zeit um 1800, in welcher die Bibel nicht nur historisiert, humanisiert und kritisiert, sondern insgesamt profaniert wurde. Sie ist nicht mehr ein heiliges und unfehlbares Buch der Bücher, sondern nur noch ein Werk des Menschen (vgl. Ebd., S. 11). Herder war mit der traditionellen Sprachtheorie und mit der aktuellen damaligen Sprachdiskussion gut vertraut. Demgegenüber sieht Süßmilch die Sprache durch Gott gegeben. Es gibt verschiedene Ursprungstheorien der Sprache, wie man schon an dieser Stelle aus den Definitionen von Benjamin, Herder und Süßmilch erkennen kann. Einwände gegen die Ursprungstheorien sind eindeutig, zumal sich die kognitive Leistung von Sprache als Geschenk Gottes aus menschlicher Verfassung nicht gut verstehen lässt, bleibt sie theoretisch das Fremde (vgl. Heil, 2011, S. 49). Aufgrund dessen und um zu belegen, dass die Heilige Schrift der Sprache hohe Priorität einräumt, wird im folgenden Kapitel auf zwei Aspekte zum Thema Sprache in der Heiligen Schrift eingegangen. Die biblisch belegte Verwirrung der Sprachen; Confusio lingua­rum, der Ursprung der Sprachverwirrung und das Ende der Einsprachigkeit beruhen auf dem bedeutsamen Geschehnis des Turmbaues zu Babel. Hiermit soll verdeutlicht werden, wie im Wesentlichen die Heilige Schrift den Ursprung und die Verwirrung der Sprachen darstellt. Die Begriffsbestimmung und Darlegung dessen ist für die sprachtheoretische Grundlage, auch in Hinblick auf die Analyse des Problems Sprache im 3. Kapitel von Bedeutung. Zusätzlich wird im nachstehenden Kapitel auf die Signifikanz der adamitischen um nicht zu sagen der göttlichen, absolut reinen Sprache im Hinblick auf das Problem Sprache eingegangen werden.

2.1 Der Turmbau zu Babel und die Verwirrung der Sprachen

Gemäß Lautenbach (2006, S. 149) wird im Alten Testament die außergewöhnliche Bedeutung Babels, kulturell wie auch politisch, an vielen Bibelstellen erkennbar. Babel, der biblische Name für Babylon, steht im Alten Testament für das „Tor Gottes“ und ist die erste in der Bibel mit Namen genannte Stadt, wie auch der Name des Turmes. Er gibt weiters an, dass Babel Sinnbild der „stolzen und bösen Macht“ wurde (vgl. Jesaja XIII; XIV). Im ersten der fünf Bücher Mose, dem Buch Genesis, wird u. a. die Verwirrung der Sprachen (lat. Confusio linguarum) thematisiert, welche auf den Turmbau zu Babel zurückgeführt wird:

Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. [...] Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. [...] Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt [...]. (Genesis XI, 1-9)

Sonach ergeht aus dem ersten Buch Mose, dass Gott schließlich die Menschen mit der Verwirrung ihrer Sprache straft. Vermutlich weil die Bewohner Babels hochmütig waren und einem Größenwahn verfallen sind, da sie mit einer Spitze eines Turmes den Himmel zu erreichen versuchten. Die Bewohner der Stadt Babel wollten sich, in Zuge des Turmbaues, größer machen. In diesem Fall hatte ihr Unternehmen nicht eine Sintflut, sondern die Verwirrung der Sprachen aller Welt zur Folge, welche „ein einziges Volk in siebzig Völker aufsplitterte“ (Ranke-Graves & Patai, 1986, S. 155). An der alten Tradition von Babel, die sozusagen den Schauplatz der Sprachverwirrung demonstriert, soll zum Ausdruck gebracht werden, dass eine hohe Zivilisation ohne Bindung an Gott den Menschen einander nicht innerlich näherbringt und sie nicht eint, sondern sie entzweit, sodass sich die Menschen in Folge gegenseitig nicht mehr verstehen (vgl. Die Bibel, Kommentar zu Genesis XI, 1-9, S. 25). Möglicherweise beabsichtigte das Ende der Einsprachigkeit und die Sprachverwirrung, die Menschen schließlich wieder zur Erkenntnis Gottes zu führen, die einst verlorengegangen war. Die Einsprachigkeit, welche vor Gottes Eingreifen vorherrschte, interpretiert Radaelli (2011) als „eine Übereinstimmung, als ein Sich-Verstehen Können der Menschen“ ohne das sie dabei dieselbe Sprache sprechen. Sie deutet, dass durch die „Konfusion der Sprache“, Gott den Menschen die Perspektive nimmt, um einheitlich und verständlich miteinander zu kommunizieren (Ebd., S. 12). Nach Lautenbach (2006) versinnbildlicht der Turmbau zu Babel jedoch vielmehr einen Turm, der für „das Wahrzeichen der Stadt und der dort praktizierenden Religion“ stehen sollte (Ebd., S. 149). Sonach handelt es sich beim Turm nicht bloß um ein Bauwerk, sondern er bekommt mit dem Vergleich einer Religion, die nicht jüdisch oder christlich ist, eine durchaus unkonventionelle Bedeutung. Auf die Sinnhaftigkeit der vollkommenen, reinen Sprache wird im nächsten Kapitel eingegangen.

2.2 Die Bedeutung der adamitischen Sprache

Schmitz-Emans (2015a) definiert, dass das Christentum eine Religion des Wortes ist und das die Sprachthematik auch für die Theologie von besonderem Interesse ist (S. 20). Als Adamitische Sprache wird die vollkommene, göttliche Sprache des Paradieses bezeichnet, nämlich die Sprache, die von Adam und Eva im Paradies gesprochen wurde. Menschen, denen die vollkommen reine und vor allem unverdorbene Paradiessprache gegeben war, waren nicht nur glücklich, sondern vielmehr selig. Demgemäß definiert Benjamin (1916) „Das Leben des Menschen im reinen Sprachgeist war selig“ (S. 80). Dabei beruht die Adamitische Sprache auf der sog. biblischen Ursprache (vgl. Genesis II, 19-20) welche für einige Sprachphilosophen, z. B. für Walter Benjamin und Johann Georg Hamann, als Basis der sprachlichen Entwicklung gilt.

Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. (Genesis II, 19-20)

Schmitz-Emans (2015a, S. 21) beschreibt, dass auf Grundlage des Alten Testaments von vielen Sprachdenkern ein Mythos der Sprache Adams im Paradies, der sog. „Adamitischen Sprache“, basiert. Auf Gottes Anordnung hin gab der Mensch (Adam) allen Geschöpfen ihren Namen. Sonach gibt Gott das Sprachvermögen an den Menschen weiter, welcher sich seiner Umwelt erschließt indem er „jedes lebendige Wesen benannte“. Schließlich kann durch den Mythos vom „namengebenden Adam“ die grundlegende Frage nach dem Ursprung der Sprache, die sich Philosophen, Theologen, Geschichtswissenschaftler, Anthropologen und Schriftsteller seit der Antike stellen, mithilfe der christlichen Lehre beantwortet werden (vgl. Ebd., S. 21). Mit Beginn der Aufklärung distanziert sich jedoch die Interpretation des Sprachursprungs vom geistlichen Standpunkt und wird immer säkularer. Gardt (1999) erläutert, dass die Konzeption einer adamitischen Namengebung zugunsten anthropologischer Theorien schließlich zurücktritt und das ab diesem Zeitpunkt ein Akt der Namengebung, in einer biblischen oder anderen menschheitsgeschichtlichen Vorzeit, nicht mehr angenommen wird (vlg. Ebd., S. 120). Er stellt die Annahme der bewussten Schaffung der Sprache durch den Menschen und die Annahme einer metaphysisch begründeten Sprache gegenüber. Die beiden Annahmen bezeichnet er als die „beiden Pole im Spektrum der theologisch-philosophischen Diskussion um den Sprachursprung“. Seiner Ansicht nach lässt sich die bis ins 18. Jahrhundert vorherrschende, traditionelle Überzeugung, welche sich auf die Heilige Schrift (vgl. Genesis II, 19) stützt, dass Adam als erster Namengeber die Tiere und jegliche Dinge benannt hat, beiden Annahmen bzw. Polen zuordnen. Denn Adam kann bei der Namengebung nur das aussprechen, was ihm zuvor von Gott durch inspiratio eingegeben wurde. „Seine Bezeichnungen wären dann nicht wirklich seine eigenen, weil sie aus einem vorgängigen Wissen um das innere Wesen der zu bezeichnenden Gegenstände gewonnen wurden“. Gardt (1999) unterscheidet deshalb zwischen der von Gott gegebenen Sprachfähigkeit und der Sprache an sich (vgl. Ebd., S. 219). Aus theologischer Sicht wird das Wort Gottes in den neutestamentlichen Schriften durch den Evangelist Johannes bestätigt. Er stellt das Wort Gottes an den Anfang aller Dinge und verkündet den Messias, Erlöser und Sohn Gottes, Jesus Christus, als selbst fleischgewordenes Gotteswort.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. [...] Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. [...] Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. (Johannes I, 1-14)

Gemäß der Heiligen Schrift ist der Ursprung der Sprache ein göttlicher, da Gott das Wort geschaffen hat und erst daraus Anlass gebot, dass Sprache entstehen konnte. Der hl. Johannes vom Kreuz (KKK, 2003) definiert das fleisch­gewordene Gotteswort folgend: „Seit er uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein einziges und endgültiges Wort ist, hat Gott uns kein anderes Wort zu geben. Er hat alles zumal in diesem einen Worte gesprochen, und mehr hat er nicht zu sagen“ (Ebd., S. 57). Der Darlegung des Glaubens der Kirche und der katholischen Lehre nach ist Gott ausnahmslos der Urheber der Heiligen Schrift, da er die menschlichen Verfasser der Heiligen Schrift inspiriert hat und eben diese inspirierten Bücher lehren die Wahrheit in welchen die Kirche stets ihre Nahrung und Kraft findet. Darin findet sich nämlich nicht nur ein menschliches Wort, sondern was die Heilige Schrift wirklich ist: das Wort Gottes (vgl. Ebd., S. 64). „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Matthäus IV, 4) betont die Bedeutung des Wort Gottes noch einmal deutlich. Obgleich aus theologischer Sicht die Heilige Schrift auf den Sprachursprung eine klare Antwort hat, wird im 18. Jahrhundert die Frage nach dem Ursprung der Sprache in der Sprachphilosophie weiter diskutiert und das Problem Sprache vertieft analysiert.

3. Analyse des Problems Sprache

Insbesondere in der Zeit der Aufklärung wurde die Frage nach dem Ursprung der Sprache umfangreich diskutiert. Genauer gesagt wurde, so Weidner (2011), um 1800 die Auffassung der Sprache einem radikalen Wandel unterzogen, da die Sprache nicht mehr Repräsentationsmedium ist, sondern selbst zum Gegenstand des Wissens wird (vgl. Ebd., S. 99). Dabei geht es bei der Frage nach dem Sprachursprung gemäß Dreisow (2016) nicht um „einen konkreten Entstehungsmoment“. Vielmehr gilt die Frage „ihrem Wesen, ihrer Funktion und vor allem dem Vermögen des Sprechenden“. Sie gibt an, dass es im 18. Jahrhundert um die Bestimmung des Menschen in Hinblick auf seine produktive und reproduktive Einbildungskraft, sowie um seine Veranlagung zum Gemeinschaftswesen geht (Ebd., S. 1). Auch Gardt (1999) betont das theologisch-philosophische Interesse zu Zeiten der Aufklärung an der Frage nach der Herkunft der Sprache, da eine Antwort beim Menschen unmittelbare Konsequenzen für die Beurteilung der intellektuellen Fähigkeiten des Individuums und der Gesellschaft mit sich bringt. „Denn je stärker der göttliche Ursprung der Sprache betont wird, je geringer der menschliche Anteil an ihrer Gestaltung ist, desto weniger kann Sprache bloßes Werkzeug des Menschen sein, sich mit ihrer Hilfe die Welt intellektuell anzueignen [...]“ (Ebd., S. 219). Heise (2010) gibt indes an, dass das Interesse an der Sprache in der Philosophie des 18. Jahrhunderts unübersehbar ist und sich auf ganz unterschiedliche Weise manifestiert. Es geht um das Verhältnis von Denken und Sprache oder das Projekt einer Begriffssprache; darum, ob Sprache als Merkmal zur Unterscheidung von Mensch und Tier gelten kann, und immer wieder geht es um die Ursprungsfrage (Ebd., S. 48). Die Ursprungstheorie war noch vorwiegend im biblisch-theologischen Kontext fundiert, da die Theorie der Evolution des Menschen zu dieser Zeit weitgehend zurückgewiesen wurde. Deshalb erweist sich neben Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder als Pionier in den Anfängen der Anthropologie im 18. Jahrhundert. Seit diesem Zeitabschnitt wird der einhergehende Wandel der Sprache; die Frage nach dem Sprachursprung in erster Linie häufig mit Herder in Verbindung gebracht. Er geht in seiner Sprachursprungstheorie nämlich bewusst weg von der verankerten Sprache im göttlichen Sprachurpsrung und entwirft ein neues, menschliches Sprachenbild in seiner „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ (vgl. Weidner, 2011, S. 99), auf welche im Zuge des Sprachursprungsdiskurses im folgenden Kapitel näher eingegangen wird, um das Problem Sprache genauer zu reflektieren.

3.1 „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ von J. G. Herder

Herder steht für viele als Begründer der modernen Sprachphilosophie oder wird als Wegbereiter des neuhumanistischen Denkens bezeichnet. Das renommierte Werk „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ aus dem Jahr 1772, war seine Antwort auf die beiden Fragen: Haben die Menschen, ihrer Naturfähigkeit überlassen, sich selbst Sprache erfinden können? Und auf welchen Wege wären sie am füglichsten dazu gelangt? Die Frage spielt gemäß Gardt (1999), gewissermaßen auf ein Paradoxon an, welches in der gegenwärtigen Sprachursprungsdiskussion immer wieder formuliert wird. Dieses Paradoxon aber bildet vergleichsweise die Basis für Johann Peter Süßmilchs Analyse des Problems Sprache (vgl. Kapitel 3.3), da er in seinem Werk einen göttlichen Ursprung der Sprache vertritt (S. 226 f.). Kurzum behandelt Herder also die Frage, ob und gegebenenfalls wie der Mensch zur Sprache kommen konnte. Sein Werk wurde schließlich von der Berliner Akademie der Wissenschaften preisgekrönt und kann als schriftlicher Ausdruck für den radikalen Wandel der Auffassung der Sprache im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Herders Werk verdeutlicht ein „neues Bild der Sprache als menschlicher, das heißt: lebendiger, sinnlicher, emotiver Sprache; vor allem löst sie die alte Verankerung der Sprache in deren ›göttlichen Sprachursprung‹ auf“ (Weidner, 2011, S. 99). Er führt den Ursprung der Sprache nämlich auf einen menschlichen Ursprung zurück, was im Kontext der Ursprungsfrage besonders hervorzuheben ist, zumal sich Herder mit zeitgenössischen Theorien zum Sprachursprung auseinandersetzt. Heise (2010) gibt an, dass Herder Sprache als Funktion sieht und nicht als Gegenstand, damit der Sprachursprung funktionell dargestellt werden kann. Das ist nach Heise auch der Schwerpunkt, worin sich Herders Theorie der Sprache von den anderen vorherrschenden Sprachansichten im 18. Jahrhundert unterscheidet (vgl. Ebd., S. 49). Herders Werk über den Sprachursprung wird von Weidner als komplex definiert, da sich in ihm mehrere Argumentationen überschneiden. Er begründet das Ursprungsproblem zugleich „von der anthropologischen Konstitution des Menschen, vom epistemologischen Wechselverhältnis von Sprechen und Denken und von der Sprachgeschichte her“ (S. 111).

[...]

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Details

Titel
Confusio linguarum. Das Problem der Sprache in den Theorien von J. G. Herder, W. Benjamin und J. P. Süßmilch
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik)
Veranstaltung
Sprachkrise, Medienwandel, Intermedialität
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V384337
ISBN (eBook)
9783668596610
ISBN (Buch)
9783668596627
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
confusio linguarum, Sprache, Johann Gottfried Herder, Walter Benjamin, Johann Peter Süßmilch, Sprachverwirrung, Turmbau zu Babel, adamitische Sprache, Sprachursprung, Sprachanalyse, göttliche Sprache
Arbeit zitieren
BEd Nora Ulbing (Autor:in), 2017, Confusio linguarum. Das Problem der Sprache in den Theorien von J. G. Herder, W. Benjamin und J. P. Süßmilch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384337

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