Das Projekt Nord Stream und die Diversifizierungsstrategie der Europäischen Union im Erdgassektor


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2017
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Abstract

Abstract in English

1. Einleitung

2. Der Rohstoff Erdgas
2.1 Der Erdgasmarkt
2.2 Flüssigerdgas

3. Die Energiepolitik der EU

4. Zwei wichtige Akteure im europäischen Energiesektor
4.1 Russland – der „Rohstoffriese“
4.2 Deutschland – die europäische Wirtschaftsmacht

5. Diversifizierung

6. Nord Stream
6.1 Planung
6.2 Bau
6.3 Interessen und Kritik
6.4 Ausblick

7. Nord Stream im Diskurs
7.1 Strategische Aspekte
7.2 Sicherheitspolitische Aspekte
7.3 Ökologische Aspekte
7.4 Finanzielle Aspekte

8. Verschiedene geographische Räume als Ergänzung zum Gasbezug aus Russland
8.1 Der Hohe Norden
8.2 Afrika
8.3 Zentralasien

9. Fazit

10. Quellen
10.1 Literatur
10.2 Online

11. Abbildungen

12. Abkürzungen

Abstract

Um die Energiesicherheit für ihre einzelnen Mitgliedsstaaten zu erhöhen, stellte die
Europäische Kommission 2014 eine sogenannte Energiesicherheitsstrategie (Energy Security Strategy) vor. Diese sieht unter anderem die Diversifizierung der Importrouten von Erdgas in die EU vor.

Viele Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sind vollständig vom Gasimport der Russischen Föderation abhängig, was aufgrund von Lieferausfällen bereits in Vergangenheit zu Engpässen geführt hat.

Im September 2005 haben Gazprom, Wintershall und die E.ON. Ruhrgas Verträge zum Bau einer Pipeline unterzeichnet, die auf direktem Weg russisches Gas nach Deutschland leiten soll. Indem die Nord Stream Pipeline die Ostsee passiert, umgeht sie Transitländer und kann so tatsächlich zu einer Erhöhung der Energiesicherheit beitragen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage ob und wie Nord Stream die Diversifizierungsstrategie der EU erfüllt.

Nord Stream ist in der Öffentlichkeit nicht unumstritten. Dem Projekt wurde unter anderem eine Erhöhung der Abhängigkeit der EU von Russland vorgeworfen und politische Motive unterstellt. Dennoch ergibt die Recherche, die sich hauptsächlich auf politik- und wirtschaftswissenschaftliche Publikationen der EU stützt und Onlinequellen zitiert, dass Russland die sicherste und verlässlichste Quelle für den Import von Erdgas darstellt.

Abstract in English

To increase the security of energy supplies for its members, in 2014 the EU adopted a
so-called “Energy Security Strategy”. This includes the diversification of supply routes. Many EU countries rely solely on natural gas from the Russian Federation. This could risk a potential energy supply shortage, as has happened in the past.

In September 2005 Gazprom, Wintershall and E.ON Ruhrgas officially finalized their plan to build a direct pipeline, transporting natural gas from Russia to Germany. By passing trough the Baltic sea, the route of Nord Stream is transit-country free. Considering that all previous supply shortfalls were due to commercial disputes with transit countries, this pipeline indeed should help to secure the energy supply of the EU.

Although Nord Stream has been criticized for increasing the dependence of the EU on Russian gas, Russia is actually the safest and most reliable source of natural gas.

This paper analyzes if and how Nord Stream complies with the energy diversification strategy of the EU. It is based mainly on literature in the form of political and economic publications and also cites several analyses authored by the EU as well as private organizations.

1. Einleitung

Erdgas ist für die meisten Menschen im Europa ein völlig natürliches Konsumgut; man kocht und man heizt mit Erdgas. Die Bereitstellung der Infrastruktur und die Frage der sicheren und zeitgerechten Lieferung dieses Energieträgers bleibt aber dem Staat und seinen wichtigsten Energiefirmen selbst überlassen.

Die EU bezieht ihr Erdgas aus verschiedenen Quellen, die hauptsächlich von der geographischen Lage der einzelnen Staaten abhängen. So importiert Frankreich prozentuell mehr Erdgas aus Afrika als Österreich, Österreich importiert dafür mehr aus Russland. Die einzelnen EU-Mitgliedstaaten werden von den unterschiedlichsten Ländern, vom nordafrikanischen bis in den zentralasiatischen Raum und auch durch Eigenproduktion (z. B. Norwegen, Niederlande) mit Gas versorgt. Ein besonders wichtiges Importland für die mittel- und osteuropäischen Staaten der EU ist Russland. Darauf konzentriert sich daher diese Arbeit.

Russland liefert billiges und sicheres Erdgas und hat sich in den letzten Jahrzehnten den Status eines verlässlichen Lieferanten erarbeitet. Dennoch gab es seit dem Jahr 2000 einzelne Lieferengpässe, bedingt durch Unterbrechungen der Kette auf Transitterritorium. Als Reaktion darauf versucht Russland nun den mitteleuropäischen Markt direkt, ohne des Einflusses von Transitländern, zu erschließen und hat so den Bau der Nord Stream Pipeline, die eine direkte Verbindung von Russland nach Deutschland durch die Ostsee darstellt, forciert. Die EU reagierte auf die Lieferengpässe, in dem sie eine Energy Security Strategy vorstellte, die eine Diversifizierung des Energieimportes in die EU beinhaltet.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob und inwiefern das Nord Stream Pipeline-Projekt zu einer Diversifizierung des Energieimportes in die EU beiträgt. Zuerst werden Erdgas als Rohstoff und die Energiepolitik der EU veranschaulicht, dann wird näher auf die Akteure des Projekts Nord Stream eingegangen, um das Projekt in der Folge selbst zu analysieren. Nicht zuletzt sollen auch geographische Räume vorstellt werden, die ergänzend zu Russland Erdgas liefern könnten.

Da es sich bei diesem Thema um ein sehr aktuelles Thema handelt, wurden zu großen Teilen Onlinequellen verwendet. Es wurden Argumente aller Seiten abgewogen und ein logischer Schluss daraus gezogen.

2. Der Rohstoff Erdgas

Das erste Land, das mit der kommerziellen Nutzung von Erdgas begann, war China, das bereits vor einigen hundert Jahren mit der Förderung begann. Erdgas wurde hierbei durch Pipelines[1] in Form von Bambusröhren geleitet und zur Trocknung von Salz verwendet.[2] Der erste bestätigte Erdgasfund in Europa wurde im Gebiet des Wiener Ostbahnhofs getätigt.[3]

Vor nicht einmal hundert Jahren sah man Erdgas oft als nicht nutzbares Nebenprodukt der Erdölförderung, es wurde daher „Erdölgas“ genannt. Die Nutzung von Erdgas in ihrer heutigen Form gibt es seit ungefähr 50 Jahren. Gründe für das zunehmende Interesse an diesem Rohstoff sind allen voran die Erdölkrise der 1970er Jahre und neue Techniken zur Förderung.

Die Zusammensetzung und Qualität des Rohstoffes Erdgas ist stark unterschiedlich. Allgemein versteht man darunter alle gasförmigen und brennbaren Kohlenwasserstoffverbindungen. Hauptbestandteil mit 80 - 99 Prozent ist Methan, der Rest setzt sich aus Kohlendioxid, Stickstoff oder Schwefelwasserstoff zusammen, abhängig vom Ort der Förderung und der Art der Aufbereitung. Je mehr Methan im Gas enthalten ist, desto höher ist sein Brennwert und desto besser seine Qualität.[4]

Die oftmals langwierige Arbeit vor der eigentlichen Förderung des Erdgases bleibt nicht alleine Naturwissenschaftlern und Technikern überlassen. Neben der genaueren Untersuchung der technischen Möglichkeiten, der Erschließung und der Suche nach einer geeigneten Lagerstätte, ist auch oftmals die Hilfe von Politikern, Juristen und sogar Militärs gefragt. Erdgasfelder halten sich nicht an Landesgrenzen: Liegt der größte Teil eines Feldes unter dem Territorium eines Staates und ein geringer Teil unter dem eines anderen, sind Probleme meist vorprogrammiert. Erst wenn alle politischen und rechtlichen Fragen geklärt sind, wird mit den ersten Probebohrungen begonnen.[5]

Die Mehrheit an Erdgaslagerstätten, 65 Prozent der Weltreserven[6], befindet sich in der „Strategischen Ellipse“, zwischen Westsibirien und dem mittleren Osten. Ein Viertel der weltweiten konventionellen Reserven[7] befindet sich allein in Russland. In der Liste folgen der Iran und Katar mit gemeinsam 30 Prozent aller Erdgasreserven.[8] Dadurch liegt es im Interesse der EU, in diesen Regionen politisch aktiver zu werden. Da die Produktions- und Handelsgesellschaften der betroffenen Länder meist verstaatlichte bzw. teilverstaatlichte Unternehmen sind[9], werden Verhandlungen zu wirtschaftlichen Partnerschaften oft auf politischer Ebene geführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die "Strategische Ellipse", Karte: Open Street Map

2.1 Der Erdgasmarkt

Die wichtigste Voraussetzung für den Handel mit Erdgas ist das Vorhandensein geeigneter Infrastruktur. Erdgas muss, wie jeder andere Rohstoff auch, ab- und angeliefert, sowie gespeichert werden. Abhängig von den Produktionsmöglichkeiten und dem Verbrauchsverhalten möchten die im Geschäft mit Erdgas beteiligten Gesellschaften und Regierungen mehr Flexibilität. Dies wird durch mehrere Geschäftspartner erreicht, um z. B. etwaige Lieferengpässe auszugleichen. Dies wird Diversifizierung genannt.[10]

Den Grundstein für die Entwicklung eines Handelsplatzes kann eine direkte Pipeline sein, die ohne Umwege vom Produzenten zum Konsumenten führt. Im Rahmen einer Diversifizierung der Handelspartner kann diese Pipeline auch von mehreren Unternehmen genutzt werden. Im Handel spricht man von Netznutzung und Netznutzungsrechten. Je gewinnbringender ein Marktplatz ist, desto beliebter wird er, und entwickelt sich folglich auch umso besser. Weist ein Marktplatz interessante Geschäftsmöglichkeiten und Umsätze für die beteiligten Parteien auf, beabsichtigen andere Pipelinebetreiber, ihre Pipeline an das bestehende System anzuschließen. Durch solche Pipeline-Zusammenschlüsse entwickelt sich ein Netz. Noch attraktiver kann ein solches Netz durch einen angeschlossenen Erdgasspeicher, der zusätzliche Flexibilität bringt, werden. So entsteht ein eng verknüpfter regionaler oder internationaler Markt. Die Zeit, in der solche Entwicklungen vonstattengehen können, richtet sich nach Planung, Genehmigungsverfahren und der Dauer der Bauarbeit für Infrastrukturprojekte. Daher gestaltet sich der freie Markt beim Rohstoff Erdgas schwieriger, da der Aufbau eines Geschäfts viel Zeit braucht. In der Regel dauert es mehrere Jahre, bis sich ein solcher Marktplatz inklusive Konkurrenz gebildet hat.[11]

Geographisch gesehen ist der Erdgasmarkt in mehrere Fragmente geteilt. Das rührt daher, dass die Kontinente nicht verbunden sind. Der Weltmarkt teilt sich in Amerika, Eurasien/Europa/Afrika und Mittlerer Osten/Asien/Ozeanien. Seit einigen Jahren können auch Staaten ohne Anbindung an ein internationales Pipeline-Netz, z.B. Japan, durch verflüssigtes Erdgas LNG[12], mit Erdgas versorgt werden.[13]

2.2 Flüssigerdgas

Eine immer wichtiger werdende Alternative zum Transport durch Pipelines bildet Flüssiggas. Erdgas wird zur Verflüssigung auf -163°C gekühlt; das Volumen verringert sich dabei um den Faktor 580. Der Transport erfolgt auf eigens dafür vorgesehenen Schiffen. Der Handel mit LNG erfordert eine Verflüssigungsanlage im Exporthafen, eine LNG-Schiffsflotte, sowie eine Rückvergasungsanlage.[14]

Mit dem LNG-Transport können Märkte mit Erdgas versorgt werden, zu denen, zumeist aus Kostengründen, keine Pipeline-Verbindung besteht; Japan wird als Nettoimporteur ausschließlich mit LNG beliefert. LNG ist wettbewerbsfähiger, da die zum Handel benötigte Infrastruktur einfacher einzurichten und um einiges flexibler ist. Außerdem führt der Handel mit LNG zu einer Zusammenführung des Weltmarktes.[15]

3. Die Energiepolitik der EU

Vor etwa zehn Jahren hätte man sich fragen können, inwieweit man überhaupt von der europäischen Energiepolitik sprechen darf[16]. Im Jahr 2016 lässt sich bereits über eine europäische Energiepolitik sprechen. Was allerdings die europäische Energiepolitik verhindert, sind die unterschiedlichen Zielsetzungen und Kompetenzen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Seitdem mehr über Energie nachgedacht wurde, - Stichwort Ölkrise der 1970er, Energiewende - formten sich einzelne Teilbereiche wie z.B. die EU-Klimaschutzpolitik, die allgemeinhin eine europäische Energiepolitik ausmachen. In Bezug auf die Energieversorgung bestrebt die EU eine zentralistische Politik, da Energie ein käufliches Importprodukt ist. Ähnlich wie bei einer Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft, sollen sich die einzelnen Mitgliedsstaaten zusammenfinden, um bessere Geschäfte auszuhandeln, als sie es alleine könnten. Es gilt die Devise gemeinsam stark aufzutreten. Eine gute Illustration des Zentralisierungsprozesses bietet wohl der gemeinschaftliche Rechtsbestand im Energiebereich. Die 886 Seiten des Dokuments im Jahr 1999, haben sich auf 1.902 Seiten des Dokuments von 2004, mehr als verdoppelt[17]. Dabei spricht man von „soft law“, also Mitteilungen, Empfehlungen und Leitlinien[18].

4. Zwei wichtige Akteure im europäischen Energiesektor

4.1 Russland – der „Rohstoffriese“

Russland ist der EU Gegner, Konkurrent und Partner zugleich. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und den darauffolgenden Privatisierungswellen erhoffte sich der Westen, allen voran die USA, die russischen Energiekonzerne zu geringen Preisen aufkaufen zu können, um so die notwendige Versorgung des eigenen Staates und auch anderer sicherzustellen. Jelzin, ein Freund Bill Clintons, war zum Verkauf bereit. Putin, sein Nachfolger, durchkreuzte jedoch diese Pläne. Er vertritt die Idee eines starken Russlands und achtet daher auf seine nationalen Interessen. Mit der Begründung, die russischen Rohstoffe gehören dem russischen Volk, wurden Gespräche zum Verkauf in die USA abgebrochen und seit sich Russlands Wirtschaft durch eine liberale Wirtschaftspolitik erholt hatte, sieht man es, wie vor den 1990er Jahren, wieder als Gegner und Konkurrenten.[19]

Trotzdem braucht der Westen, besonders Europa, Russland als Partner, und umgekehrt. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die EU große Mengen an Energie importieren muss. Russland eignet sich als über den Kontinent verbundenes Land ideal. Das bestehende Pipelinenetz, das über das vergangene Jahrhundert aufgebaut wurde, schafft nach westlicher Sicht eine gewisse Abhängigkeit von einem nur bedingt stabilen Land[20], das erwiesenermaßen unter Demokratiedefiziten und Korruption leidet[21]. Dabei bleibt unbeachtet, dass sich Russland (auch als UdSSR) bis jetzt ausnahmslos an jeden Liefervertrag gehalten hat. Russland braucht die EU als Abnehmer von Rohstoffen und insbesondere Deutschland im Bereich „technisches Knowhow“.

Die EU und Russland wahren das Prinzip des gegenseitigen Interessenausgleichs: Wenn russische Firmen in den europäischen downstream[22] investieren wollen, so müssen sie westliche Konzerne im gleichen Maße am upstream[23] teilhaben lassen.[24] Ein Beispiel: Die Ostseepipeline Nord Stream sichert Russland einen direkten Zugang zum deutschen Markt; Deutschland wird im Gegenzug in Entscheidungen bezüglich der dazugehörigen Gasfelder eingebunden.

4.2 Deutschland – die europäische Wirtschaftsmacht

Deutschland, das seit Jahrzehnten zu den führenden Exportländern weltweit zählt, ist Nettoimporteur von Energie[25]. Die deutsche Industrie ist abhängig von ausländischen Energieprodukten; die deutsche Wirtschaft ist abhängig von der Industrie, die Exportprodukte herstellt, und auch abhängig von den Importländern ihrer Produkte. Russland ist also aus wirtschaftlicher Sicht Deutschlands ein sehr wichtiges Land. Umgekehrt trifft das ebenso zu: Russlands bedeutendster Importeur von Erdgas, Russlands wichtigstem Exportprodukt, ist Deutschland. Das hat Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein Freund Putins, erkannt und zu seiner Agenda gemacht. Er hat das Projekt Nord Stream, die Direktpipeline zwischen Russland und Deutschland mitinitiiert[26].

Die deutsche Energieversorgung besteht überwiegend aus fossilen Brennstoffen. Im Jahr 2013 nahm Erdgas 22,6 Prozent im deutschen Energiemix[27] ein.[28] Die Bundesrepublik Deutschland kann trotz 77 eigener Erdgasfelder nur einen unbedeutenden Teil der benötigten Erdgasmengen fördern[29] und ist somit auf eine Erdgasversorgung aus dem Ausland angewiesen. Woher das Erdgas kommen soll, muss wohlüberlegt sein, weil die Versorgungssicherheit bei diesem Rohstoff eine erhöhte Rolle spielt[30]. Aus den im vorigen Kapitel genannten Gründen ist Deutschland am Handel mit Russland interessiert. Der Preis spielt dabei auch eine Rolle: russisches Erdgas ist billig.

Deutschland hat rechtzeitig genug erkannt, wie wichtig die Diversifizierung von Lieferanten ist und betreibt ein gut ausgebautes Pipeline-Netz nach Russland, Norwegen und in die Niederlande. Speicher, die einen Einkauf im Sommer ermöglichen und Sicherheit in Winter gewährleisten, wurden früh gebaut. Trotzdem müssen sich Deutschland und die EU zum Wohl ihrer Bürger und Wirtschaft weiterhin folgende Frage stellen: Wie kann unsere Erdgasversorgung langfristig gesichert werden?[31]

5. Diversifizierung

Diversifizierung beschreibt in der Wirtschaft die Ausweitung von Wahlmöglichkeiten, im Gegensatz zur Monostruktur. Ziel der Diversifizierung ist es, Risiken zu minimieren und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Dies kann unter anderem durch mehr Geschäftspartner bzw. Lieferanten des benötigten Produktes erreicht werden. Da Staaten eine maximal mögliche Versorgungssicherheit mit Rohstoffen anstreben, sind sie an Diversifizierung interessiert.

So auch die Europäische Union, die immerhin mehr als die Hälfte ihres Energiebedarfs importiert. Diese hohe Abhängigkeit entsteht vor allem durch den Import der Rohstoffe Rohöl (über 90 Prozent) und Erdgas (66 Prozent). Allein an einem Tag importiert die Europäische Union Rohstoffe im Wert von mehr als einer Milliarde Euro. Mehrere Mitgliedstaaten sind von einem einzigen Lieferanten stark abhängig, manche davon sind zu hundert Prozent von russischem Erdgas abhängig. Diese starke Abhängigkeit kann sich bei Lieferengpässen oder sonstigen Störungen in der Lieferkette fatal auswirken. Lieferengpässe werden nicht nur durch Betriebsstörungen, sondern häufiger durch politische und wirtschaftliche Zwietracht ausgelöst.[32]

Ein Beispiel dafür ist der immer wieder aktuelle Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. 2005 bekundete Russland, alte sowjetische Handelsmuster aufzulösen. Der Ukraine wurde selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion, Gas zu extrem günstigen, nicht marktorientierten Preisen verkauft. Die Anpassung an den Weltpreis begründete Putin folgendermaßen:

„Dies ist eine schwere Last für das russische Budget … […] Die ukrainischen Konsumenten erhalten heute Gas für einen tieferen Preis, als russische Bürger in ihrem eigenen Land bezahlen müssen! Und wir haben immer noch 25 Millionen Bürger, die unter der Armutsgrenze leben.“[33]

Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko willigte nach Liefereinstellungen ein, dass der Preis schrittweise erhöht werden sollte. Dieser andauernde Konflikt ist für die europäische Versorgungssicherheit extrem bedeutend, da etwa 80 Prozent des russischen Gasexports über die Ukraine nach Europa gelangen. Zwischen 2005 und 2006 wurden mehrere Lieferengpässe in ost- und mitteleuropäischen Staaten registriert, nachdem der russische Monopolist Gazprom nur mehr die für die EU bestimmte Gasmenge ins Ukrainische Gasnetz ließ. Diese Lieferschwankungen entstanden dadurch, dass die Ukraine weiterhin Erdgas für den Eigenbedarf abzweigte. Die Ukraine erweist sich somit als problematisches Transitland, sowohl für die EU als auch für Russland, das seinen Lieferverträgen im Konfliktfall nicht nachkommen kann. Dies ist ein Grund für das Interesse Russlands, neue Routen nach Europa zu errichten.[34]

Die Europäische Kommission hat, in Reaktion auf verzeichnete Engpässe, im Mai 2014 ihre „Energy Security Strategy“[35] veröffentlicht. Diese Strategie visiert eine stabile und möglichst sichere Versorgung der Europäischen Union mit Rohstoffen an. 2014 organisierten 38 europäische Länder, darunter alle EU-Mitgliedstaaten, ein Testszenario für den Fall eines kompletten Ausfalls russischer Gasimporte und den Fall eines Ausfalls der russischen Gasimporte durch die Ukraine, beides über sechs Monate. Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass solche Ausfälle schwerwiegende Folgen, besonders für osteuropäische Staaten, hätten. In Antwort auf die Untersuchungsergebnisse wurden unter anderem kurzfristig Vorbereitungen für den Winter 2014/2015 getroffen und die einzelnen Länder aufgefordert, regionale Sicherheitsstrategien aufzustellen. Die gemeinsame Langzeitstrategie sieht neben Effizienzsteigerung, Produktionssteigerung und Infrastrukturbau, vor allem die Diversifizierung der Lieferanten vor. Dazu könnte die EU, mit zusätzlichen potentiellen Gasimporteuren neben Russland ins Gespräch zu kommen.[36]

Im März 2011 beschloss die EU zudem die Einführung der sogenannten „Third Energy Package“ Richtlinie, die Erdgas und Strom in der EU betreffen. Das Ziel ist die Effizienz des Energiemarktes zu maximieren, sowie einen gemeinsamen EU Gas- und Strommarkt zu erschaffen. Das soll die Preise für diese Produkte so niedrig wie möglich halten und die Standards in den Bereichen Service und Sicherheit erhöhen.[37]

6. Nord Stream

Nord Stream, auch Ostseepipeline genannt, ist eine von der Nord Stream AG geplante, gebaute und betriebene Erdgaspipeline. Sie transportiert Erdgas vor allem aus dem Feld Juschno-Russkoje ausschließlich durch Seegebiete, die keinem Hoheitsgebiet zugeordnet sind. Die Pipeline verläuft von Wyborg bis Lubmin bei Greifswald. Der Transportweg fällt allerdings in die Wirtschaftszonen Schwedens, Finnlands und Dänemarks. Die Baukosten des Projekts beliefen sich auf 7,4 Mrd. Euro, was es zu einer der größten Privatinvestitionen in die europäische Infrastruktur macht. Über diesen Seeweg werden jährlich 55 Mrd. Kubikmeter Gas über zwei Leitungsstränge importiert. Über die in Lubmin beginnende Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung (OPAL) wird an das tschechische Gasnetz angebunden. Eine weitere Anbindung an das deutsche Netz wurde durch die Norddeutsche Anbindungsleitung (NORDAL) vorgesehen, aber nie weiterverfolgt. In Planung und sehr umstritten ist Nord Stream 2, eine zusätzliche Pipeline, die ebenfalls russisches Erdgas nach Deutschland bringen soll.[38]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verlauf von Nord Stream, Karte: Open Street Maps

6.1 Planung

Bereits 1997 einigten sich die finnische Neste Oyj[39] und die russische Gazprom auf ein Joint Venture, das den Bau einer „North Transgas Pipeline“ oder „Nordeuropäischen Gaspipeline“ vorsah. Das waren die ersten Bestrebungen eine direkte Verbindung zwischen dem damals noch unerschlossenen, enorm großen Schtokman-Gasfeld über Finnland und Schweden bis nach Deutschland zu errichten. Im Jahr 2000 wurde dem Projekt von der Europäischen Union der Status eines „Trans-European Network“-Projektes zugeschrieben. 2001 schlossen sich die deutsche Ruhrgas und Wintershall dem Vorhaben an und planten eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, zu deren Mitfinanzierung sich die EU bereit erklärte. Diese Studie kam nie zustande. Im Juli 2003, als Putin in London einen Staatsbesuch absolvierte, wurde sogar ein russisch-britisches Abkommen zur Pipeline unterzeichnet, da Großbritannien ebenfalls unter Gasdefiziten litt, die es mithilfe von russischem und norwegischem Gas auszugleichen versuchte. Im März 2004 beschloss Gazprom jedoch, beim Schtokman-Gasfeld LNG zu produzieren, was eine Landpipeline über Finnland entbehrlich machte, und Finnland sich somit vom Projekt zurückzog. Man beschloss das Gas fortan nicht aus dem Offshore-Feld Schtokman, sondern aus verschiedenen westsibirischen Feldern zu liefern. Gazprom, die deutschen Energiekonzerne und auch der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft modulierten nun das Projekt nach ihrem Belieben und booteten schrittweise die ausländische Konkurrenz aus. Hierbei sehen Kritiker das Ausspielen europäischer Partner durch Deutschland, das rücksichtslos seine eigenen Interessen vertrete. Am 11. April 2005 wurden die Abmachungen in Anwesenheit von Schröder und Putin formalisiert; am 8. September 2005 wurde dann die Grundsatzvereinbarung unterzeichnet und beschlossen eine Betriebsgesellschaft[40] in der Schweiz zu gründen. Gazprom wurde zu 51 Prozent beteiligt, die deutschen Konzerne teilten sich die restlichen Anteile. Die EU begann spätestens 2005 ihre Haltung zum Projekt, trotz ihrer anfänglichen Unterstützung zu ändern. Aufgrund der starken Abhängigkeit der mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten von russischem Gas und auch dem Transport russischen Gases über das eigene Territorium, verbreitete sich Skepsis und der Wunsch nach Diversifizierung, im Sinne von Einbezug mehr Lieferanten. Dabei wurde beschlossen, eine Gaspipeline von Zentralasien über das Schwarze Meer bis nach Österreich, unter der Umgehung Russlands (Nabucco-Pipeline) zu unterstützen. Dieses Projekt wurde inzwischen aufgegeben.[41] [42] [43]

6.2 Bau

Zwei Monate nach Unterzeichnung der Grundsatzvereinbarung, am 9. Dezember 2005 wurde mit den Bauarbeiten am russischen Festland begonnen. Die Regierungen Dänemarks und Finnlands erteilten die Erlaubnis zum Bau in der Ostsee im November 2009. Der Bau im deutschen Wirtschaftsraum wurde im Dezember 2009 vom Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie genehmigt.[44] Fünf Jahre nach Beginn der Bauarbeiten wurde im April 2010 das erste Rohr unter Wasser verlegt. Die Pipeline besteht aus miteinander verbundenen Stahlrohren, die zusätzlich mit Beton verstärkt sind. Die Einzelteile wurden auf einem speziell für diese Arbeit konzipierten Schiff verschweißt und schließlich verlegt. Der Betonmantel sorgt für zusätzliches Gewicht und somit besseren Halt auf dem Meeresboden. Pro Tag konnten auf diese Weise drei Kilometer Rohr verlegt werden.[45] Nach dreißig Monaten Bauzeit, wurde im September 2011 Gas in den ersten Strang geleitet.[46]

[...]


[1] Rohrleitung für den Transport von Erdgas o.Ä.

[2] Vgl. Kuhn, Oliver. 2004 online.

[3] Vgl. Kreuzwieser, Elisabeth. Online.

[4] Vgl. Erdmann, Georg; Zweifel, Peter: Energieökonomik. Theorie und Anwendungen. Heidelberg, 2008. S. 219 ff

[5] Vgl. Kästner, Thomas; Kießling, Andreas; Riemer, Gerrit (Hrsg.): Energie in 60 Minuten. Ein Reiseführer durch die Gaswirtschaft. Wiesbaden 2011. S. 21

[6] Anm. Reserven sind Vorkommen, die wirtschaftlich abbaubar sind; Ressourcen sind nachweisliche Vorkommen, die nicht gefördert werden können.

[7] Rasch verfügbares, billiges Erdgas; im Gegensatz zu unkonventionellen Reserven

[8] Vgl. Erdmann, Georg; Zweifel, Peter. 2008. (a.a.O.) S. 220

[9] Anm. z.B.: Die russische Gazprom ist teilverstaatlicht; Katar hat 1977 alle Erdöl- und Erdgasgesellschaften verstaatlicht.

[10] Vgl. Kästner, Thomas; Kießling, Andreas; Riemer, Gerrit (Hrsg.): Energie in 60 Minuten. Ein Reiseführer durch die Gaswirtschaft. Wiesbaden 2011. S. 67

[11] Vgl. Kästner, Thomas; Kießling, Andreas; Riemer, Gerrit (Hrsg.): Energie in 60 Minuten. Ein Reiseführer durch die Gaswirtschaft. Wiesbaden 2011. S. 67f

[12] Liquified natural gas

[13] Vgl. ebenda.

[14] Vgl. Erdmann, Georg; Zweifel, Peter: Energieökonomik. Theorie und Anwendungen. Heidelberg 2008. S. 232

[15] Vgl. Erdmann, Georg; Zweifel, Peter: Energieökonomik. Theorie und Anwendungen. Heidelberg 2008. S. 232ff

[16] Vgl. Pollak Johannes; Schubert, Samuel R.; Slominski, Peter: Die Energiepolitik der EU. Wien 2010. S. 97

[17] Vgl. ebd. S. 98

[18] Vgl. ebenda.

[19] Vgl. Rahr, Alexander: Russland gibt Gas. Die Rückkehr einer Weltmacht. München 2008. S. 10ff

[20] 1989 Zusammenbruch des Bankenwesens; seit 1999 Unabhängigkeitskriege von Teilrepubliken z.B. Tschetschenienkrieg; 2005 Gasstreit mit der Ukraine; 2008 Kaukasus-Konflikt; 2014 Krimkrise, Sanktionen, Wirtschaftskrise

[21] Vgl. Rahr, Alexander. 2008. S. 48ff

[22] Verteilungsbereich z.B. Pipeline-Transport, weitere Aufbereitung

[23] Bohrung, Förderung

[24] Vgl. Rahr, Alexander. 2008. S. 15

[25] Vgl. Umweltbundesamt. 2016 online.

[26] Schröder hat nach seiner letzten Amtszeit den Vorsitz der Nord Stream AG übernommen, was vielfach kritisiert wurde.

[27] Verwendung verschiedener Primärenergieformen zur Gesamtenergieversorgung

[28] Vgl. AG Energiebilanzen. 2014 online.

[29] Vgl. Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie Niedersachsen. 2016 online. S. 35

[30] Anm. Heizen und Kochen in privaten Haushalten

[31] Vgl. Kästner, Thomas; Kießling, Andreas; Riemer, Gerrit (Hrsg.): Energie in 60 Minuten. Ein Reiseführer durch die Gaswirtschaft. Wiesbaden 2011. S. 127f

[32] Vgl. Europäische Kommission. 2016 online.

[33] Vgl. Kommersant Moscow. 2005 online.

[34] Vgl. BBC. 2005 online.

[35] Anm. Hierbei handelt es sich um „soft law“.

[36] Vgl. Europäische Kommission: Energy Security Strategy. Online.

[37] Vgl. Europäische Kommission: Questions and Answers on the third legislative package for an internal EU gas and electricity market. 2011online.

[38] Vgl. Nord Stream: Allgemeines Hintergrundpapier zu Nord Stream. Die Nord Stream-Pipeline: Langfristiger Garant für Energiesicherheit in Europa. August 2016 online.

[39] finnisches Mineralölunternehmen

[40] Anm. Nord Stream AG

[41] Vgl. Stiftung Wissenschaft und Politik – Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit. 2005 online.

[42] Vgl. Nord Stream: Sichere Energie für Europa. Das Nord Stream-Pipeline Projekt. April 2014 online. S. 15ff

[43] Vgl. Nord Stream: Allgemeines Hintergrundpapier zu Nord Stream. Die Nord Stream-Pipeline: Langfristiger Garant für Energiesicherheit in Europa. August 2016 online.

[44] Vgl. Nord Stream: Sichere Energie für Europa. Das Nord Stream-Pipeline Projekt. April 2014 online. S. 74f

[45] Vgl. Nord Stream: Sichere Energie für Europa. Das Nord Stream-Pipeline Projekt. April 2014 online. S. 119ff

[46] Vgl. ebd. S.11

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Projekt Nord Stream und die Diversifizierungsstrategie der Europäischen Union im Erdgassektor
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
32
Katalognummer
V384416
ISBN (eBook)
9783668595194
ISBN (Buch)
9783668595200
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
projekt, nord, stream, diversifizierungsstrategie, europäischen, union, erdgassektor
Arbeit zitieren
Ariane Aurelie Pirck (Autor), 2017, Das Projekt Nord Stream und die Diversifizierungsstrategie der Europäischen Union im Erdgassektor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384416

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