Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Freiheit. Normen und Werte der Hell's Angels


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

15 Seiten, Note: 1,3

A. V. A. Canetti (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Abstract

Hollister, Ca, 1947 | Die Entstehung der Hells Angels

»Ehre. Respekt. Treue.« | Das Wertesystem der Hells Angels

Lynch-Report und Black Biscuit | Die Hells Angels im Fadenkreuz der Justiz

Von Hollister nach Hannover | Hells-Angels-Charter in Deutschland

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract

Gibt man in eine beliebige Internet-Suchmaschine die Begriffe Hells Angels und Neuigkeiten ein, finden sich täglich Dutzende Einträge, die ein weites Spektrum verschiedener Zeitungsgenres umfassen, vom Kronzeugen Kassra Z., dem „Mann, der gegen die Hells Angels aussagt“ (Der Tagesspiegel) über „neun Rocker aus dem Hells-Angels-Milieu“, die von der Kölner Polizei verhaftet wurden (Spiegel Online) bis zu Dirk K., der zwar „Angst um sein Leben hat“, dennoch gegen seine ehemaligen „Brüder“ aussagt (BILD).

Im Jahr 2010 landete Thomas P.s Beichte Der Racheengel – Ich bin der Kronzeuge gegen die deutschen Hells Angels auf der Spiegel-Bestsellerliste; es folgten ähnliche biographische Sachbücher über den Motorradclub, teils mit einschlägigen Titeln wie Höllenritt, Falscher Engel, Aus der Hölle zurück, Böser Engel, Wir sehen uns in der Hölle etc. eine Vielzahl dieser Veröffentlichungen beschäftigt sich mit Bandenkriegen zwischen den Hells Angels und rivalisierenden Gruppierungen, z.B. den Bandidos oder den Mongols. Die 2012 zum ersten Mal in Deutschland ausgestrahlte US-Serie Sons of Anarchy verhalf der Motorradszene und somit auch den Hells Angels als oberstem Repräsentanten dieser in Deutschland erneut zu zweifelhafter Romantik, wie sie zuletzt in den 50er- und 60er-Jahren erlebt wurde: Einschlägige Kinoproduktionen neigten zur Idealisierung des Rockerdaseins, z.B. The Wild One (1953), Die Wilden Engel (1966) oder Easy Rider (1969).

Nun stellt sich die Frage nach einer Evolution der Motorradclubs und deren moralischem Regelwerk. Wie wurden aus „freiheitsliebenden Romantikern“ mafiös anmutende Rockerbanden mit „dubiosem Ehrenkodex“? Wie definieren sich diese „dauerhaft Geächtete[n]“[1] in ihrer eigenen Subkultur?

Hollister, Ca, 1947 | Die Entstehung der Hells Angels

Die Gründung des Hells Angels MC fand 1948 im kalifornischen San Bernardino statt. Dieses Datum überschneidet sich mit der Rückkehr vieler amerikanischer Soldaten aus Europa nach Ende des zweiten Weltkrieges. Stefan Schubert beschreibt die Wahrnehmung der Rückkehrer als maßgeblich für die Entstehung von Rockergruppierungen:

„Als die Soldaten nun aus dem größten Gemetzel der Menschheitsgeschichte zurückkehrten, strömte im Blut vieler Gis noch das Adrenalin, das sie ihre gefährlichen Einsätze hatte überleben lassen. Die Erfahrung bedingungsloser Kameradschaft und eine Moral abseits des bürgerlichen Lebens und Denkens hatten sie zusätzlich geprägt. Genau für diese Werte suchten viele der jungen Männer nun eine neue Heimat, doch diese Heimat fanden sie nirgends.“[2]

Die Biker unter den US-Soldaten fungierten bereits seit dem Ersten Weltkrieg als „Meldegänger, Aufklärer und Kuriere“[3] und genossen dementsprechend hohes Ansehen als ausgebildete Fachkräfte. Auch die Verbindung zu schweren Maschinen erklärt sich geschichtlich: Harley Davidson war nach Kriegseintritt der USA 1941 der größte Ausstatter der Motorradsoldaten. Die Nachkriegszeit stellte für alle Teilnehmer, auch für die USA, eine Zeit des Um- und Aufbruchs dar, und „die Freiheit rief nach Jahren des Krieges, der Feldlager, des Drills und der Angst vor den Kugeln des Feindes mit lauter Stimme.“[4]

Es war eben diese Atmosphäre des Umschwungs, die im Juli 1947 zu den sogenannten Ausschreitungen von Hollister (engl. Hollister riots) führte: Zum ersten Mal seit Beginn des Zweiten Weltkriegs veranstaltete die American Motorcyclist Association (AMA) in der kalifornischen Kleinstadt Hollister die Gala Motorcycle Gypsy Tour am Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitstages (4. Juli).[5] Das Rennwochenende fand bereits seit den 30er-Jahren statt, in diesem Jahr war das örtliche Police Department jedoch mit den 4.000 trinkfreudigen und streitsüchtigen Bikern überfordert; die schlimmsten 40 Stunden in Hollisters Geschichte[6] forderten über „60 Festnahmen wegen aufrührerischen Benehmens, Trunkenheit in der Öffentlichkeit und Erregung öffentlichen Ärgernissen“, und die gleiche Anzahl an (teils schweren) Verletzungen, die im örtlichen Krankenhaus behandelt werden mussten.[7] Bis heute wird besonders ein Foto als repräsentativ für die Ausschreitungen betrachtet: Eddie Davenport sitzt biertrinkend auf seinem Motorrad und hält die Kutte seines Motorradclubs Tulare Raiders MC in die Kamera (Abb. 1). Später stellte sich zwar heraus, dass dieses Foto gestellt war[8], dennoch prägt es bis heute die gesellschaftliche Wahrnehmung und Vorurteile über Biker. Die Stigmatisierung als Outlaw, dem Biker, der sich außerhalb des Gesetzes bewegt, fällt großteilig auf die AMA selbst zurück. Im Anschluss an die Ausschreitungen von 1947 prägte der Pressesprecher der Organisation selbst den Begriff des gewaltbereiten Einprozenter: „Nur ein Prozent der Motorradfahrer war an den Unruhen beteiligt, 99 Prozent haben sich anständig verhalten.“[9] Um sich von „normalen Motorradclubs abzugrenzen und der Öffentlichkeit ihre Stellung als Outlaw zu demonstrieren“[10], trägt diese subkulturelle Minderheit für gewöhnlich ein rautenförmiges Stoffabzeichen auf ihrer Kutte (Abb. 2). Die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1945 ebneten zwar den Weg für die Existenz einer Bikerkultur, die eigentliche Historie der Hells Angels beginnt allerdings erst mit Ralph Hubert »Sonny« Barger Jr., der nach dem Ende des Koreakrieges 1953 noch minderjährig der US-Armee beitrat, bis 1956 entdeckt wurde, dass er seine Geburtsurkunde gefälscht hatte und er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde. Daraufhin trat er den Oakland Panthers bei, die jedoch seine Erwartungen, „bedingungslosen Zusammenhalt, einen verschworenen Haufen, eine Bruderschaft“[11], enttäuschten, sodass er ein Jahr später seinen eigenen Motorcycle Club gründete. Auch Name und Emblem leiteten sich aus militärischen Zusammenhängen ab. Alliierte Jagd- und Bombenflieger, die sogenannten Hell’s Angels, verzierten die Rümpfe ihrer Flugzeuge mit „düstere[n] Maskottchen“[12], die ein Skelett und Flügel beinhalteten, die heute Teil des Color (des Wappens) des Hells Angels MC sind.[13] Schon die Aufteilung des Colors ist präzise geregelt und lehnt sich in Form und Platzierung an militärische Abzeichen an (Abb. 3). Auch die praktizierte Hierarchie des Clubs und die Benennung einzelner Instanzen und Positionen sind der Staffelung in der US Army entlehnt[14]: Anwärter auf eine volle Mitgliedschaft, sogenannte Prospects, sind gezwungen über niedere Arbeiten und kriminelle Taten in der internen Rangordnung aufzusteigen.

[...]


[1] Hartmann, Andreas (2012, 16.07.). Hells Angels und andere Rocker – Vision der Ausgestoßenen. taz Online. URL: http://m.taz.de/!5088995;m/ (letzter Aufruf: 29.03.2016).

[2] Schubert, Stefan (²2013). Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten. München, riva Verlag. S. 11.

[3] Schubert. Ebd.

[4] Schubert. Ebd.

[5] Matzen, Sabine (2012, 29.06.). Harley-Hölle Hollister. Spiegel Online. URL: http://www.spiegel.de/einestages/hollister-1947-rockergangs-terrorisieren-us-kleinstadt-a-947628.html (letzter Aufruf: 31.03.2016).

[6] Schubert. „worst 40 hours in Hollister’s history“. S. 12.

[7] Schubert. S. 13.

[8] Matzen. Ebd.

[9] Schubert. S. 14.

[10] Schubert. Ebd.

[11] Schubert. S. 15.

[12] Schubert. Ebd.

[13] Schubert. S. 16.

[14] Schubert. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Freiheit. Normen und Werte der Hell's Angels
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Gelsenkirchen
Veranstaltung
Ethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V384510
ISBN (eBook)
9783668604322
ISBN (Buch)
9783668604339
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hell's angels, ethik, normen, werte
Arbeit zitieren
A. V. A. Canetti (Autor), 2016, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt, Freiheit. Normen und Werte der Hell's Angels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384510

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