Im Folgenden soll Johann Wolfgang von Goethes Einstellung zum Rollenfach recherchiert und dargelegt werden. Unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen soll zunächst als Grundlage das zeitgenössische Rollenfachsystem definiert werden. Anhand von Briefen, anderen zeitgenössischen Dokumenten und Sekundärliteratur wird im nächsten Schritt Goethes Einstellung zu den Rollenfächern rekonstruiert.
Das Rollenfach des „Lustigmachers“ soll anschließend detaillierter charakterisiert werden, da dessen Verwendung in Goethes Dramenfragmenten „Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt – ein mikrokosmisches Drama“ (1775) und „Der Zauberflöte zweyter Theil“ (1802/1807) untersucht werden soll. Nach der Recherche- und Analysearbeit soll im Fazit Goethes Einstellung zum Rollenfachsystem abschließend beurteilt werden.
Gliederung
1. Einleitung
2. Das Rollenfach als theatralische Konvention
2.1 Definition, Funktion und Geschichte
3. Goethes Einstellung zum vorherrschenden Rollenfachsystem
4. Das Rollenfach des Lustigmachers
5. Das Rollenfach des Lustigmachers in Goethes Werken
5.1 Die Figur des Hanswurst
5.2 Die Figur des Papageno
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die in der Literaturwissenschaft weit verbreitete These, dass Johann Wolfgang von Goethe das traditionelle Rollenfachsystem während seiner Zeit als Intendant am Weimarer Hoftheater (1791–1817) vollständig abgeschafft habe. Dabei wird analysiert, inwieweit Goethe dieses System kritisch betrachtete und ob er es in seinen eigenen dramatischen Werken, insbesondere bei den lustigen Figuren, dennoch weiterverwendete.
- Theoretische Grundlagen des historischen Rollenfachsystems
- Goethes Intendanz und sein Verständnis der Rollenvergabe
- Untersuchung des Rollenfachs "Lustigmacher" anhand von Primärquellen
- Analyse der Figuren Hanswurst und Papageno im Kontext des Rollenfachs
Auszug aus dem Buch
3. Goethes Einstellung zum Rollenfachsystem
Die moderne Literaturwissenschaft geht vielfach davon aus, Goethe habe das Rollenfachsystem bereits zur Zeit seiner Theaterleitung (1791-1817) am Weimarer Hoftheater endgültig abgeschafft.19 Es wird angenommen, dass die Schauspieler des Weimarer Nationaltheaters in sehr vielfältigen Rollen eingesetzt wurden und sogar zum Statisten- oder Chordienst verpflichtet wurden.20 Diese These wird in der Literatur zwar vielfach vertreten, jedoch meist unzureichend belegt. 21 Im Metzler-Goethe-Lexikon steht zum Rollenfachsystem folgendes geschrieben:
G. engagierte seine Schauspieler ohne Angabe des Rollenfachs. Nicht das Fach, sondern der Charakter bestimmte die Besetzung und die Arbeit an der Rolle.22
Mit Charakter ist in diesem Fall nicht der Charakter der Schauspieler, sondern die Dramenfigur gemeint.23 Dies bestätigt auch das Eingangszitat Goethes aus einem Brief an den Schauspieler Reinhold von 1806:
Es finden bey uns eigentlich keine Rollenfächer statt; sondern jedes Mitglied wird nach seinem Alter und seiner Persönlichkeit mit Rollen versehen (…).24
Theaterlexika und Sekundärliteratur berichten von einer schrittweisen Abschaffung des Rollenfachsystems jedoch erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts.25 Zur kritischen Überprüfung von Goethes Einstellung zum Rollenfach wird der Kontext des Briefzitats herangezogen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das historische Rollenfachsystem ein, erläutert dessen Bedeutung für das Theater des 18. und 19. Jahrhunderts und stellt Goethes kritische Haltung dazu als Forschungsgegenstand vor.
2. Das Rollenfach als theatralische Konvention: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Rollenfachs, beleuchtet seine historische Genese aus der Commedia dell’arte und erläutert die ökonomischen sowie strukturellen Vorteile für Theaterensembles.
3. Goethes Einstellung zum vorherrschenden Rollenfachsystem: Hier wird die literaturwissenschaftliche These der Abschaffung des Systems unter Goethes Intendanz hinterfragt, indem Briefe und zeitgenössische Zeugnisse einer kritischen Analyse unterzogen werden.
4. Das Rollenfach des Lustigmachers: Dieses Kapitel charakterisiert das spezifische Rollenfach des Lustigmachers, seine historischen Wurzeln und seine zentrale Funktion sowie Beliebtheit innerhalb der Komödie.
5. Das Rollenfach des Lustigmachers in Goethes Werken: Die Analyse prüft an den Beispielen "Hanswursts Hochzeit" und "Der Zauberflöte zweyter Theil", wie Goethe das Fach des Lustigmachers in seinen eigenen Dramen fragmentarisch und neu interpretiert aufgreift.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Goethe zwar die starren, vertraglich garantierten Rollenmonopole abschaffte, das System der Fächer als kategoriales Strukturprinzip jedoch beibehielt.
Schlüsselwörter
Rollenfachsystem, Weimarer Hoftheater, Johann Wolfgang von Goethe, Lustigmacher, Hanswurst, Papageno, Theatergeschichte, Theaterleitung, Rollenvergabe, Dramaturgie, Theaterkonvention, Ensemble, Intendanz, Schauspieler, Rollenmonopol.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theaterpraxis am Weimarer Hoftheater unter der Intendanz von Goethe und untersucht, ob das traditionelle Rollenfachsystem tatsächlich abgeschafft wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Definition und Funktion des Rollenfachsystems, Goethes persönliche Haltung dazu sowie die konkrete Anwendung und Modifikation dieses Systems in seinen dramatischen Arbeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Überprüfung der literaturwissenschaftlichen Lehrmeinung, Goethe habe das Rollenfachsystem bereits Ende des 18. Jahrhunderts vollständig abgeschafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer Quellenanalyse, die Primärtexte (Briefe, Tagebucheinträge, Dramenfragmente) mit zeitgenössischer Sekundärliteratur und Fachlexika vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Rollenfachsystem als allgemeine Konvention, Goethes Einstellung dazu sowie detailliert die Rolle des Lustigmachers in seinen Werken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rollenfachsystem, Intendanz, Lustigmacher, Hanswurst, Papageno und Theaterkonvention geprägt.
Inwiefern hat Goethe die Rollenvergabe am Weimarer Hoftheater verändert?
Goethe hat zwar keine "starren" Rollenmonopole zugelassen, behielt aber die kategoriale Einteilung der Schauspieler in Fächer für eine effiziente Theaterarbeit bei.
Warum blieb das Stück "Hanswursts Hochzeit" ein Fragment?
Goethe fürchtete aufgrund der enthaltenen Obszönitäten und Fäkalsprache die Reaktion der Gesellschaft, von deren Anerkennung sein Erfolg am Theater abhing.
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- Anke Herten (Author), 2017, Johann Wolfgang von Goethes Einstellung zum Rollenfach in der Dramaturgie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384529