Inwiefern beeinflusst der Lehrer den Sozialisationsprozess eines Schülers? Eine Untersuchung anhand der Theorien Emile Durkheims und Talcott Parsons


Hausarbeit, 2016
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kluft zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und tatsächlicher Aufgabe der Schule im Sozialisationsprozess

3. Die Sozialisationsinstanz Schule
3.1 Die Bedeutung der Schule nach Durkheim
3.2 Die Bedeutung der Schule nach Parsons

4. Die Rolle des Lehrers im Sozialisationsprozess
4.1 Die Rolle des Lehrers nach Durkheim
4.2 Die Rolle des Lehrers nach Parsons

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Individuum als Mitglied einer Gesellschaft durchläuft im Lauf seines Lebens einige Sozialisationsinstanzen, die ihn auf eine bestimmte Art und Weise prägen. Eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen neben der Familie stellt wohl die Bildungsinstitution Schule dar. Die Soziologen Emile Durkheim und Talcott Parsons beschäftigten sich einst näher mit der Frage, welche Rolle die Schule für die Gesellschaft spielt und wie der Sozialisationsprozess eines Individuums durch die Schule beeinflusst wird.

Zunächst soll ein Einblick gegeben werden wie Durkheim und Parsons die Sozialisation in der Gesellschaft allgemein definieren. Es soll untersucht werden, welche Auswirkungen die Gesellschaft auf den Sozialisationsprozess des Menschen hat und zu welchem Ziel dieser Prozess führen soll.

Es sollte zudem ein besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, inwiefern die Sozialisationsinstanz Schule den Sozialisationsprozess eines Individuums mitbestimmt. In diesem Zusammenhang betont Durkheim, dass die Schule als Ort der Entwicklung von Schuldisziplin und Moralgefühl gilt. Parsons hingegen sieht die Schule als Ort des Erlernens von Rollenübernahmen.

Außerdem sollte näher beleuchtet werden, welche Aufgabe und Rolle der Lehrer im Sozialisationsprozess eines Schülers übernimmt und welche Auswirkungen seine Beeinflussung auf die Entwicklung des Schülers hat. Durkheim stellt hohe Erwartungen an den Lehrer, denn er sei es, der die gesellschaftlichen Normen und Werte an den Schüler weitergeben müsse. Der Lehrer bereite den Schüler schließlich auf sein „zukünftiges Milieu“[1] vor. Parsons aber geht davon aus, dass der Lehrer die Mutter- bzw. die Vaterrolle eines Schülers übernimmt. Aufgrund der zeitlich begrenzten Lehrer-Schüler-Beziehung wird der Schüler in seiner Entwicklung die Erkenntnis erlangen, dass Rollen übertragbar sind. Deshalb wird der Schüler akzeptieren, wenn die Beziehung zwischen ihm und dem Lehrer beendet wird und darin keine Katastrophe erkennen.

Da die Ansprüche der Gesellschaft an den Lehrer äußerst hoch sind und teilweise nicht mit der tatsächlichen Ausübung der Profession als Lehrer übereinstimmen, entsteht eine Kluft zwischen der „gewünschten“ bzw. „geforderten“ Rolle als Lehrer und der tatsächlichen Rollenausübung des Lehrers. Dies soll die Arbeit einmal näher hervorbringen.[2]

2. Kluft zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und tatsächlicher Aufgabe der Schule im Sozialisationsprozess

Die Bildungsinstitution Schule stellt in der Gesellschaft wohl die größte soziale Institution dar. Jedoch steht sie unter Druck der gesellschaftlichen Normen und Werte und muss für gesellschaftliche Einflüsse offen stehen.

Die Gesellschaft stellt an die Schule äußerst hohe Ansprüche. Eigentlich gilt Schule in der Gesellschaft als Ort des Unterrichtens. Das Unterrichten gerät aber zu sehr aus dem Blickfeld, denn die Gesellschaft fordert, die Schule müsse die „Fehler und Probleme der Familie eines Schülers kompensieren.“[3] Sie wird dafür verantwortlich gemacht den Schüler besser zu erziehen, d.h. ihn „vor Kriminalität und Verwahrlosung zu schützen, AIDS zu verhindern, sowie die Verkehrstoten zu minimieren“[4]. Die Gesellschaft sieht diese Aufgaben als selbstverständlich an und wandelt jedes gesellschaftliche Problem in ein Pädagogisches um. Das wichtigste in der Schule sollte es aber sein, dass das Kind etwas lernt, um sein zukünftiges Leben nach seinem individuellen Belieben zu gestalten. Schule sollte als Institution angesehen werden, in welcher der Heranwachsende seine individuellen Fähigkeiten ausbildet. Sie hilft ihm dabei einen gewissen Standard an Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erreichen und diesen, wenn möglich, sogar zu übertreffen.

Deshalb muss die Schule zunächst dafür sorgen, dass sie ihren Zweck, nämlich das Unterrichten, durchsetzt. Dies kann sie nur in Form von Sanktionen, denn diese verhelfen ihr zum Selbsterhalt. Gegen einen Schüler, der die Ordnung des Unterrichts stört, muss vorgegangen werden. Der Vorgang dient aber nicht nur dem Selbsterhalt der Schule, sondern soll vor allem die lernwilligen Schüler schützen. Sanktionen können aber auch unwirksam sein, wenn der Schüler sein falsches Verhalten nicht einsieht und Strafaufgaben (z.B. das Abschreiben eines Textes) nicht als ein weiteres Lernangebot versteht.[5] Es ist daher besonders wichtig, dass der Schüler die Schule als Ort des Lernens akzeptiert und seine Aufgabe darin sieht, die schulischen Regeln einzuhalten.

Die Gesellschaft fordert in diesem Zusammenhang den Lehrer dazu auf, den Schüler zum Lernen zu motivieren und seine Lernfähigkeit auszubauen. Jedoch kann dies nicht die Aufgabe des Lehrers sein, sondern muss von den Eltern mitgegeben worden sein. Wenn die Eltern ihrem Kind keine „Lernfähigkeit und Lernwilligkeit“[6] vermitteln konnten, so sollten sie sich Unterstützung suchen, wie z.B. bei der Jugendhilfe. Die Erziehung eines Kindes muss Aufgabe der Eltern bleiben; die Schule hat damit nichts zu tun.

Neben der Aufgabe die Schüler zu unterrichten, muss die Schule für die „Ästhetik der Kommunikation“[7] sorgen, d.h. der Schüler muss sich nach den geltenden Regeln an den unterschiedlichen Ortenverhalten. Beispielweise benimmt sich der Schüler in der Schule anders, als in seiner Familie. Außerdem unterscheidet sich auch die Sprache gegenüber dem Lehrer im Gegensatz zur Sprache gegenüber den eigenen Freunden. Die Schule muss also dem Schüler vermitteln, dass eine sprachliche Differenzierung je nach Ort stattfindet. Deshalb sind Schimpfwörter im Unterricht vollkommen unangebracht; im Freundeskreis aber möglicherweise Gang und Gebe. Durch die sprachliche Differenzierung sorgt die Schule vor allem für Zivilisierung im Schulalltag.

Außerdem ist die Schule von Selektionen gekennzeichnet. Aufgrund der verschiedenen Schulformen und damit verbundenen Abschlüsse, teilt die Gesellschaft dem Schüler einen Status zu. Schüler des Gymnasiums haben deshalb eine höhere Stellung in der Gesellschaft, als die Schüler der Hauptschule. An dieser Behauptung muss man aber kritisieren, dass man nicht den Schulerfolg mit dem späteren Berufserfolg gleichsetzen kann. Eine bessere Möglichkeit, um einem Individuum seinen Status in der Gesellschaft zu verleihen, gibt es jedoch auch nicht.

Dafür sorgt das demokratische Schulsystem für die Gleichberechtigung aller Schülerinnen und Schüler, d.h. jedem Kind stehen die verschiedenen Schulformen offen. Kinder aus einem sozial oder finanziell schwächeren Elternhaus haben genau dieselben Möglichkeiten wie Kinder aus einem sozial, bzw. finanziell wohlhabenden Elternhaus. So sagte Peter Struck: „Schule soll ... ein Modell für die ganze Gesellschaft und das Zusammenleben ihrer höchst unterschiedlichen religiösen, weltanschaulichen, politischen und nationalen Gruppen und für Menschen mit unterschiedlichem Einkommen und Vermögen, unterschiedlicher Bildung und Leistungsfähigkeit und unter unterschiedlichen sozialen Förderungsbedingungen werden“[8]. Im Aspekt soziale Integration muss die Schule den Schüler so gut wie möglich fördern.

Man jedoch einmal näher beleuchten, wie der Sozialisationsprozess des Heranwachsenden ohne die Sozialisationsinstanz Schule aussehen könnte.

Es ist zunächst einmal sicher, dass der Heranwachsende ohne Schule nicht über die Welt aufgeklärt werden kann. Das Lernen von Werten, Normen o.ä. erfolgt in keiner anderen Sozialisationsinstanz, als in der Schule. Der Mensch könnte sich weder weiterbilden, noch für sein zukünftiges Leben sorgen. Der Ausbau der individuellen Fähigkeiten wäre somit nicht möglich. Aufgrund dessen würde das Kind verwahrlosen und könnte die Gesellschaft in ihrer Stabilität nicht unterstützen.[9]

3. Die Sozialisationsinstanz Schule

3.1 Die Bedeutung der Schule nach Durkheim

Emile Durkheim beschäftigte sich einst näher mit dem Begriff Sozialisation. Er stellte fest, dass man Erziehung und Sozialisation nicht miteinander gleichsetzen könne, denn „Erziehung ist die Einwirkung der Erwachsenengenerationen auf diejenigen, die noch nicht reif sind für das Leben in der Gesellschaft. Sie zielt darauf ab, beim Kind eine Reihe physischer, geistiger und sittlicher Kräfte zu erwecken und zu fördern, die die politische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und das jeweilige Milieu, für das es in besonderer Weise bestimmt ist, von ihm fordern“[10]. Dies soll bedeuten, dass das Kind von Geburt an zunächst ein unbeschriebenes Blatt ist. Es bringt nichts anderes mit, als „seine Physis, sowie unbestimmte und plastische Dispositionen“[11]. Zudem, erwähnt Durkheim, sei das Kind egoistisch. Innerhalb seiner sozialen Umwelt werde das Kind erst seine Persönlichkeit entwickeln können. Zur Vorbereitung auf das gesellschaftliche Leben, wirken die Erwachsenen aus dem sozialem Umfeld des Kindes ein. Sozialisation beziehe sich nach Durkheim jedoch auf gesellschaftlich bedingte Prozesse. So wirkt besonders die Sozialisationsinstanz Schule auf den Sozialisationsprozess des Kindes ein. Zuvor kannte es nur seine Familie, nun tritt es aus dieser Sphäre aus und befindet sich in einer Schulklasse, umgeben von seinen Mitschülern, sowie seiner Lehrerin. Diese „herrscht“ über die Schulklasse als einzige Kraft. Dies trifft in der Grundschule zunächst zu, später kommen noch andere Lehrkräfte hinzu, wie z.B. in den Fächern Sport und Musik. Durch den Eintritt in die Schule kann das Kind aus einer Abhängigkeit zu seiner Herkunft befreit werden. Dies geschieht des Weiteren durch den ständigen Lehrerwechsel, es begegnet also immer wieder einer neuen Persönlichkeit.

[...]


[1] Cornelius, Christine (2007): Sozialisationsinstanz Schule bei Emile Durkheim und Talcott Parsons. München. S. 3.

[2] Vgl. Ebenda.

[3] Vgl. Hermann Giesecke, Wozu ist die Schule da?, S. 198.

[4] Ebenda, S. 198.

[5] Vgl. Ebenda, S. 204.

[6] Ebenda, S. 204.

[7] Ebenda, S. 207.

[8] Ebenda, S. 215.

[9] Vgl. Hermann Giesecke, Wozu ist die Schule da?; Hans-Günter Rolff, Sozialisation und Auslese durch die Schule; Klaus-Jürgen Tillmann, Sozialisationstheorien.

[10] Hans-Günter Rolff, Sozialisation und Auslese durch die Schule, S. 39.

[11] Vgl. Ebenda, S. 39.

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Details

Titel
Inwiefern beeinflusst der Lehrer den Sozialisationsprozess eines Schülers? Eine Untersuchung anhand der Theorien Emile Durkheims und Talcott Parsons
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V384644
ISBN (eBook)
9783668596078
ISBN (Buch)
9783668596085
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Rolle des Lehrers, Talcoat Parsons, Emile Durkheim
Arbeit zitieren
Ilka Schillings (Autor), 2016, Inwiefern beeinflusst der Lehrer den Sozialisationsprozess eines Schülers? Eine Untersuchung anhand der Theorien Emile Durkheims und Talcott Parsons, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384644

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