Die deutsche Minderheit in Polen zwischen Assimilation, Integration und Selbstbehauptung in den Jahren 1960-1990. Eine Untersuchung anhand der Sprachproblematik


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Phasen der sprachlichen und rechtlichen Entwicklungen der deutschen Minderheit in Polen
2.1 Die 1. Phase (1950-1989): Das Verbot der deutschen Sprache in Gebrauch und Lehre
2.2. Die 2. Phase (1989-2000): Die Entwicklung zur vollständigen Anerkennung der deutschen Minderheit in Polen

3. Fazit

4. Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Vorerst werden wir das deutsche Element tolerieren, wobei wir es aber vollständig aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben eliminieren“[1], so der polnische Staatsratsvorsitzende Zawadzki auf einer Konferenz im März 1945. Die Existenz einer deutschen Minderheit in Polen wurde also mit der Zielsetzung abgestritten, diese zu vertreiben oder zu vernichten oder auch die deutschstämmige Minderheit in polnische Bürger „umzuwandeln“. Hier stellt sich die Frage, in welcher Form Zawadzki seine Worte erfüllt sehen wollte.

Nachdem der Zweite Weltkrieg sein Ende fand, sind viele Deutsche zunächst aus ihrer Heimat vertrieben worden. Laut Potsdamer Beschlüsse sollte die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“[2] erfolgen. Die darauffolgenden Jahre zeigten aber das Gegenteil. Aufgrund des während der deutschen Besatzung entstandenen Hasses der Polen, erfuhren viele Deutsche Übergriffe und Diskriminierungen seitens der polnischen Bevölkerung, nachdem die Ausweisungen 1949 schließlich eingestellt wurden. Die nun in Polen lebende deutsche Minderheit wurde als geeignete Arbeitskraft angesehen und die gesetzliche Diskriminierung wurde beendet. 1,7 Mio. Deutsche verteilten sich nun noch auf die gesamte Republik Polen, wobei der Großteil in Oberschlesien ansässig geblieben war. Auf oberschlesischem Gebiet wurde die deutsche Minderheit zwar geduldet, jedoch die deutsche Sprache, sowie die Ausübung der deutschen Kultur verboten. Dies war der Versuch, alle „Spuren der deutschen Anwesenheit“[3] zu beseitigen. Diese Maßnahmen wurden vor allem von den erduldeten Hitler-Verbrechen während der Besatzung beeinflusst. Eine Ausreisebewilligung oder Umsiedlung in die Bundesrepublik Deutschland konnte von 1949 bis 1989 nur noch schwer erlangt werden, beanspruchte langjährige Wartezeiten und hatte zu dem zur Folge, dass die Aussiedler ihr ganzes Vermögen verloren.

So lassen sich verschiedene Phasen des Umgangs mit der deutschen Minderheit in Polen bestimmen. Die erste Zäsur liegt um das Jahr 1949, die zweite um das Jahr 1989 bzw. 1990. Daher befasst sich diese Arbeit insbesondere mit dem Zeitraum zwischen diesen beiden Marktsteinen. Anhand des Gebrauchs der deutschen Sprache soll untersucht werden, inwieweit versucht wurde bzw. es geglückt ist, die Deutschen zu polonisieren und welche Entwicklung die Sprachproblematik in Polen bis zur Wiedervereinigung Deutschlands nahm.

In diesem Zusammenhang soll beleuchtet werden, wie man den Prozess der Entwicklung nennen kann; ob die Begriffe Assimilation, Integration oder Selbstbehauptung auf diesen am besten zutreffen. Der Aspekt des Sprachgebrauchs wird hier aufgegriffen, da Sprache eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Kommunikations- und Identitätsmedium einer ethnischen Bevölkerungsgruppe darstellt und z.B. ein Verwendungsverbot Rückschlüsse auf die Unterdrückung der Identität einer ethnischen Minderheit zulässt.[4]

2. Die Phasen der sprachlichen und rechtlichen Entwicklungen der deutschen Minderheit in Polen

2.1 Die 1. Phase (1950-1989): Das Verbot der deutschen Sprache in Gebrauch und Lehre

Nachdem die gesetzliche Diskriminierung der deutschen Minderheit ein Ende nahm und die Aktion der „Entdeutschung“[5] bis 1945 alle Spuren des Deutschtums aus der Öffentlichkeit entfernte, wie z.B. die Entfernung deutscher Grabinschriften, deutscher Werbetafeln,die Abänderungen der deutschen Vor-und Nachnamen in die polnische Form o.ä., konnte die Bevölkerung der deutschen Minderheit in der Republik Polen anerkannt werden. Trotz der staatlichen Anerkennung wurde die deutsche Sprache aber sowohl in Gebrauch, als auch in Lehre untersagt. Zwar wurden am 26. Juli 1950 die landesweiten Rechtsgrundlagen für dieses Verbot aufgehoben, dies galt aber noch nicht für Oberschlesien aufgrund der Politik gegenüber den „Autochthonen“, „Angehörige der alteingesessenen polnischen Bevölkerung, die im Laufe der Jahrhunderte zwangsgermanisiert worden sei“[6].Seit 1957 wurde dann auch in Oberschlesien die rechtliche Sprachverfolgung eingestellt werden, jedoch herrschte weiterhin ein von den Schlesiern beabsichtigtes „atmosphärisches Verbot“. Dies bedeutet, dass kein staatliches Verbot mehr vorlag, aber quasi ein gesellschaftlicher Bann des Deutschen.

Im Bezug auf den Deutschunterricht in Bildungsinstitutionen wurde der Gebrauch der deutschen Sprache durch die polnische Regierung in den Oder-Neiße-Gebieten verboten. Den Menschen, welche des Hochpolnischen nicht mächtig waren, wurden Fristen gesetzt dieses zu erlernen bzw. zu verbessern. Diese starre Vorgabe stellte vor allem für die schulpflichtigen Kinder ein großes Problem dar, da sie ihre Ausbildung gefährdet hätten, wenn sie sich nicht auf das Hochpolnische als Haupt- oder sogar alleinige Sprache konzentriert hätten. Man kann an dieser Stelle nun die Frage stellen, inwiefern dieses Problem nicht eher ein Integrationsproblem seitens der Deutschen darstellt, denn wenn sie kein Polnisch sprechen und sich auch nicht bemühen dieses zu erlernen, so führt das Problem zur eigenenAusgrenzung. Auf der anderen Seite führte dies, ganz im Sinne der Regierung dazu, dass deutsche Vorfahren aufgrund des „Verbots“ ihren Kindern und Enkeln nicht mehr die deutsche Sprache beibrachten. Mit dem Ende der 60er- Jahre wurde zwar der Deutschunterricht in Niederschlesien und Pommern erlaubt, jedoch immer noch nicht in Oberschlesien und Masuren. Untersuchungen des Schlesischen Institutes zeigen, dass das Sprachniveau der Deutschstämmigen hinsichtlich der deutschen Sprache erheblich nachgelassen hatte (siehe Anhang, Tabelle 1). Es wurde deutlich, dass die ältere Generation Deutsch fließend in Wort und Schrift beherrschte, im Gegensatz zur jüngeren Generation deren Deutschkenntnisse schlechter und unzureichender wurden.

Schließlich spitzte sich die Situation in Oberschlesien besonders zu, indem man trotz aufgehobener Rechtsgrundlagen von 1950 alle deutschen Vor- und Nachnamen in die polnische Form abändern ließ, um deutsche Spuren zu verwischen. Aufgrund dessen nahm der Ausreisestrom aus Oberschlesien in die Bundesrepublik Deutschland stark zu, um in die Bundesrepublik Deutschland fliehen zu können.

Die Unterdrückung der deutschen Sprache lässt sich aber nicht nur in Bildungsinstitutionen beobachten, sondern auch im kirchlichen Bereich.

Im Laufe der bewegten Geschichte Polens hatte bislang die Kirche den Zusammenhalt der Nation bewirkt. So konnte sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg als „Seelsorger“ für die „umgesiedelten“ polnischen Neuankömmlinge in den Oder-Neiße-Gebieten dienen. Deutsche Historiker hingegen beäugten die Rolle der Kirche je nach Gebieten eher kritisch, da ihre Haltung zur Vertreibung sowie zur deutschen Minderheit äußerst suspekt erschien. Außerdem steht sogar die Behauptung im Raum, die Kirche sei möglicherweise aktiv an der Vertreibung bzw. Polonisierung der deutschen Minderheit beteiligt gewesen. Dies lässt sich unter anderem an der Aussage des Kardinals der katholischen Kirche Polens Józef Glemp festhalten, der behauptete: „Wir können nicht mit gutem Gewissen Andachten in fremder Sprache für diejenigen organisieren, die diese Sprache nicht kennen und sie erst in der Liturgie lernen wollen, denn es kann nicht ein Ausländer sein, wer das Ausland nie gesehen hat“[7]. Aufgrund dieser Behauptung erhielt er besonders seitens der deutschen Minderheit Kritik, sowie auch des BdV-Präsidenten Czaja, der Glemp empfahl seine Äußerung schleunigst zu überdenken. Ebenso scheint merkwürdig, dass Glemp Aussagen gegen die deutsche Minderheit tätigt, obwohl er selbst deutsche Vorfahren hatte und er auch seine Verwandten in Deutschland regelmäßig besuchte. So lässt Glemps Aussage natürlich auch einen gewissen Interpretationsspielraum, vielleicht wollte er damit die deutsche Minderheit zu mehr Integrationswillen aufrufen oder auch die enge Bindung der katholischen Kirche an die polnische Nation trotz Opposition zur kommunistischen Staatsführung demonstrieren.

Glemps Vorgänger Stefan Wyszynski betonte unter anderem zuvor: „Das was uns vornehmlich interessiert, sind der Gottesdienst und die Seelsorge, die notwendig sind für die Landsleute, die auf dem Gebiet Deutschlands leben, und für Eure Mitbrüder, die auf dem Territorium Polens leben.“[8]

1965 erfolgte schließlich der Brief der polnischen Bischöfe an die Deutschen: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“.

Dieses Entgegenkommen wurde als Zeichen zur Aussöhnung beider Völker angesehen. Weiterhin betonten aber kirchennahe Politiker, wer nicht katholisch sei, sei kein Pole[9], wodurch die Führung ein „ethnisch, homogenes Polen“ anstrebte.

Da die meisten Priester als Widerstandskämpfer gegen den nationalsozialistischen Terror galten und die katholische Kirche durch ihren Beitrag zum Zusammenbruch der damaligen kommunistischen Parteiherrschaft leistete, galt die Kirche in der Öffentlichkeit als Träger des Nationalbewusstseins. Somit sollte man die Aussagen ihrer Vertreter in ihrem Gewicht nicht unterschätzen.

Ein weiteres Problem wird im Bezug auf zweisprachige Ortsbeschilderungen augenscheinlich. Betrachtet man die deutsch-polnische Geschichte in ihrer Entwicklung, so fällt auf, dass oftmals eine Germanisierung slawischer Formen erfolgte, wie z.B. zur Zeit der Nationalsozialisten. Andererseits wurden nun deutsche Namen polonisiert „durch phonetische Adaptionen, phonetisch-morphologische Transpositionen, wörtliche Lehnübersetzungen, aber auch durch Mischformen aller Varianten.“[10]

Schon 1921 wurden Anträge auf Umbenennung von Ortsnamen ins Polnische gestellt, welche aber aufgrund von finanziellen Problemen zurückgewiesen wurden. Besonders ab 1936 wurde Druck auf die Namensänderungen durch nationalsozialistische Organisationen ausgeübt, weshalb die Anträge auf Namensänderung an das Reichsinnenministerium gestellt werden sollen. Daraus resultierte, dass allein in Oberschlesien 1.330 Ortsnamen und 600 Bezeichnungen umgeformt wurden. Die Situation blieb vorerst bis 1991 unverändert. In diesem Jahr sollten neue Schilder durch den Bürgermeister Helmut Wieschollek aufgestellt werden. Eine nähere Erläuterung dieses Prozesses wird in der so genannten 2. Phase (1989-2000) behandelt.

[...]


[1] Zitat des ehemaligen polnisch-kommunistischen Staatsratsvorsitzenden Aleksander Zawadzki.

[2] Ausschnitt aus dem Potsdamer Abkommen vom 17. Juli 1945.

[3] Andrzej Kalonowski (Hrsg.), Die deutsche Minderheit in Polen, S. 15.

[4] Vgl. Andrzej Kalonowski (Hrsg.), Die deutsche Minderheit in Polen; Scholtz-Knobloch, Till, Die deutsche Minderheit in Oberschlesien.

[5] Till Scholtz-Knobloch, Die deutsche Minderheit in Oberschlesien, S. 29.

[6] Thomas Urban, Deutsche in Polen, S. 12.

[7] Thomas Urban, Deutsche in Polen, S. 194.

[8] Ebenda S. 195.

[9] Ebenda S. 165.

[10] Till Scholtz-Knobloch, Die deutsche Minderheit in Oberschlesien, S. 75.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die deutsche Minderheit in Polen zwischen Assimilation, Integration und Selbstbehauptung in den Jahren 1960-1990. Eine Untersuchung anhand der Sprachproblematik
Hochschule
Universität zu Köln
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V384647
ISBN (eBook)
9783668597846
ISBN (Buch)
9783668597853
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche Minderheit in Polen, Polen, Geschichte
Arbeit zitieren
Ilka Schillings (Autor), 2016, Die deutsche Minderheit in Polen zwischen Assimilation, Integration und Selbstbehauptung in den Jahren 1960-1990. Eine Untersuchung anhand der Sprachproblematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384647

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die deutsche Minderheit in Polen zwischen Assimilation, Integration und Selbstbehauptung in den Jahren 1960-1990. Eine Untersuchung anhand der Sprachproblematik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden