Ob Siegfried ein Freund würziger Würste ist, ob Herzog Ernst knuspriges Hähnchen liebt oder Parzival vielleicht sogar die vegetarische Küche verehrt, das wissen allein die Erzähler. Doch sie verraten es nicht. Denn wenn sie zwischen Abenteuern und Kämpfen, zwischen Minneerlebnissen, prächtigen Festen und hitzigen Turnieren auch von Mahlzeiten berichten, gewähren sie den Blick auf Handlungsschauplätze, die sie mit wortreichen Bildern des höfischen Lebens ausmalen. Was da in den Mündern der Speisenden verschwindet, ist nur von geringem Interesse. Von größerer Bedeutung ist dagegen, wie gegessen wird. Und noch wichtiger ist, wie der Gastgeber das Mahl ausrichtet, wie er seine Bediensteten anleitet und wie diese den Tischdienst versehen und sich um das Wohl der Gäste an den Tafeln kümmern. Ziel ist es, ein höfisches Mahl zu arrangieren. Von zuht ist daher oft die Rede, von Speisen in übermäßigen Mengen und dem vorbildlichen Verhalten derjenigen, die gerade essen. Dies ist das Ideal.
Das vorliegende Werk bietet sowohl eine systematische Durchsicht als auch eine Auswertung von Speiseszenen aus insgesamt mehr als 50 Verserzählungen aus der Zeit vom zwölften bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt der Analyse ruht dabei stets auf dem gemeinschaftlichen Mahl, dessen zentrale Komponenten im Kontext der höfischen Etikette, höfischer Kommunikationsformen und Rituale sowie schließlich auch im Kontext der rhetorischen Darstellung betrachtet werden. Eine derartige Zusammenstellung hat es zuvor noch nicht gegeben. Zudem bietet das Werk einen umfangreichen Anhang.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das epische Mahl: Begriffe und grundlegende Komponenten
2.1 Der Begriff des Höfischen
2.2 Das Spektrum der epischen wirtschaft
2.3 Die Begriffe der êre und der zuht
2.4 Die wirtschaft als episches Motiv
2.4.1 Warum überhaupt essen?
2.4.2 Was kommt auf den Tisch?
2.4.3 Wie verhält sich der vorbildliche Gastgeber?
2.5 Speisen als Festereignis
2.5.1 Nibelungenlied: Die Reihe der gelungenen Feste
2.5.2 Nibelungenlied: Das fatale Hoffest König Gunthers
3. Das epische Mahl: Analysen eines Handlungsschauplatzes
3.1 Speisen in Wunderwelten
3.1.1 Alexanderlied: Die Tafel der Königin Candacis
3.1.2 Herzog Ernst: Das Hochzeitsmahl des Kranichkönigs
3.1.3 Salman und Morolf: An der Tafel des Bibelkönigs
3.1.4 Trojanerkrieg: Speisen mit Göttern und Zentauren
3.2 Speisen im leeren Palas: Das Tischlein-Deck-Dich-Motiv
3.3 Mähler im religiös-kultischen Kontext
3.3.1 Münchner Oswald: Der christliche König
3.3.1.1 Das Zahlenschema
3.3.1.2 Das Motiv der Eucharistie
3.3.2 Parzival: Die Munsalvaesche-Mähler
3.3.2.1 Das erste Festmahl in Munsalvaesche
3.3.2.1.1 Motive der Designation
3.3.2.1.2 Reichtum und Trauer
3.3.2.1.3 Der Ablauf des Gralsmahles
3.3.2.1.3.1 Die Prozession und ihr Aufbau
3.3.2.1.3.2 Das Mahl
3.3.2.1.3.3 Fazit
3.3.2.2 Das zweite Festmahl auf Munsalvaesche
3.4 Mähler als Inszenierung und Demonstration von Herrschaft
3.4.1 Motivation politischer Festmähler: Der Rat zum Fest
3.4.2 Vorbereitung als erster Akt der Repräsentation
3.4.2.1 Mai und Beaflor: Das Tauffest Beaflors
3.4.2.3 Wilhelm von Wenden: Der festliche Hoftag
3.4.2.4 Der guote Gêrhart: Die Perspektive des Aktiven
3.4.3 Positive Herrscherbilder: Die Tischgemeinschaft als Forum
3.4.3.1 Kudrun: Das Krönungsfest von Hagen und Hilde
3.4.3.2 Morant und Galie: Der reuige Herrscher
3.4.3.3 Mai und Beaflor: Hochzeit und Armenspeisung
3.4.3.4 Wilhelm von Wenden: Das Friedensversprechen
3.5 Mähler als Schauplatz des Versagens
3.5.1 Mahlesgemeinschaften als öffentliche Zeugengemeinschaften
3.5.1.1 Kaiserchronik: Der Selbstmord Lucretias
3.5.1.2 König Rother: Die Schwäche König Konstantins
3.5.1.3 Heinrich von Kempten: Der Fall der Kaiserkrone
3.5.2 Der Tod an der Tafel
3.5.2.1 Nibelungenlied: Das verhängnisvolle Jagdmahl
3.5.2.2 Alexander: Der Gifttod des Herrschers
3.5.3 Nibelungenlied: Vom Mahl zur offenen Schlacht
3.6 Mähler als Zeichen der sozialen Abgrenzung
3.6.1 Parzival: Das höfische Mahl im Hause des Fährmanns Plippalinot
3.6.2 Willehalm: Die in Frage gestellten Werte des Höfischen
3.6.3 Helmbrecht: Die Entlarvung des Rittertums
4. Das epische Mahl: Mahlesszenen aus den Artus-Epen als Schauplatz idealer höfischer Etikette
4.1 Die Tafelrunde: Das Funktionieren eines Idealgebildes
4.2 Das in Frage gestellte Artus-Ideal
4.2.1 Krone: Die Becherprobe beim Artus-Fest
4.2.2 Garel vom blühenden Tal: Das Versöhnungsmahl
4.3 Die Darstellung von höfischer Idealität
4.3.1 Parzival: Die Erziehung des jungen Parzival
4.3.2 Tandareis und Flordibel: Formen des Ehrerweises
4.3.3 Meleranz: Das Walten der minne
4.3.4 Prächtige Hoffeste jenseits des Artus-Hofes
4.3.5 Fehlverhalten im Tandareis und Flordibel und Tristan (HvF)
4.3.6 Ehre an König Artus: Der Empfang im Tristan (HvF)
4.4 Mähler als Instanz der Prüfung
4.4.1 Krone: Die gemeisterte Erlösungsfrage
4.4.2 Daniel vom blühenden Tal: Die Herausforderung
5. Zusammenfassung
6. Literaturverzeichnis
6.1 Editionen
6.2 Lexika und Nachschlagewerke
6.3 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Mahlesszenen in der mittelalterlichen Epik und beleuchtet deren Rolle als Schauplätze für soziale Interaktion, höfische Etikette und politische Demonstration. Sie geht der Forschungsfrage nach, wie literarische Darstellungen von Mahlzeiten das Selbstverständnis des Adels spiegeln und welche Funktionen diese Szenen innerhalb der Erzählstrukturen erfüllen.
- Analyse des epischen Mahls als Ausdruck von Repräsentation und höfischer Normen.
- Untersuchung von Mahlesszenen in Wunderwelten und religiösen Kontexten.
- Deutung von Festmählern als Inszenierung von Herrschaft und Machtanspruch.
- Beleuchtung der Mahlzeit als Schauplatz für Konflikte, Versagen und soziale Abgrenzung.
- Vergleich von Idealen in Artus-Epen gegenüber anderen epischen Gattungen.
Auszug aus dem Buch
2. Das epische Mahl: Begriffe und grundlegende Komponenten
niht langer sie enbeiten,/ ir ezzen sie gireiten,/ so si aller beste mohten do/ vnd giengen sizen dar zů (111,5-8). Liest man diese Verse allein und vernachlässigt man ihren Kontext völlig, so deutet nichts daraufhin, dass in dieser Passage des Eneasromans Heinrichs von Veldeke kein gewöhnliches Mahl stattfindet. Eneas und sein Gefolge sind an der Tibermündung in Italien gestrandet. An diesem Ort und unter diesen Umständen ein Mahl abzuhalten, wie es die Ritter aus ihrer gewohnten Umgebung kennen, erscheint undenkbar.
Doch Eneas und sein Gefolge improvisieren: Sie bereiten sich selbst eine Mahlzeit, die trotz widriger Umstände und fehlender Mittel höfischen Normen entspricht. Die Ritter sitzen auf dem nackten Erdboden. Da Tische fehlen, legen sie das Brot in den Schoß. Aus den Laiben schließlich formen sie Schüsseln unterschiedlicher Größe, um daraus Fisch und Fleisch zu essen. Die Nachahmung, die Improvisation eines höfischen Mahles glückt jedoch: daz gimarchte ir dehein/ aller der, di da sazen (111,26-27).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, indem sie die Bedeutung von Mahlzeiten in mittelalterlichen Epen als Handlungsschauplätze hervorhebt, die mehr über das höfische Ideal und die Rolle des Gastgebers verraten als über die Speisen selbst.
2. Das epische Mahl: Begriffe und grundlegende Komponenten: Das Kapitel definiert zentrale Begriffe wie das "Höfische" und "wirtschaft", untersucht die Rolle von Speiseszenen als gemeinschaftsstiftende Rituale und beleuchtet die Bedeutung von Anstandsnormen wie "zuht" und "mâze".
3. Das epische Mahl: Analysen eines Handlungsschauplatzes: Hier werden Mahlesszenen systematisch als Schauplätze analysiert, wobei von Wunderwelten über religiös-kultische Zusammenhänge bis hin zur Inszenierung von Macht und dem Scheitern bei Festmählern ein breites Spektrum an literarischen Funktionen abgedeckt wird.
4. Das epische Mahl: Mahlesszenen aus den Artus-Epen als Schauplatz idealer höfischer Etikette: Dieses Kapitel widmet sich den spezifischen Darstellungen in Artus-Epen, analysiert die Funktion der Tafelrunde als Idealgebilde und prüft, wie höfische Idealität durch spezielle Umgangsformen und Prüfungen in diesen Romanen konstruiert wird.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Mahlesszenen in der Epik ein hohes Demonstrationspotenzial besitzen, welches zur Überhöhung gesellschaftlicher Ideale genutzt wird, und betont die Bedeutung dieser Szenen für die Charakterisierung von Herrschaft und sozialer Ordnung.
6. Literaturverzeichnis: Dies ist ein systematisches Verzeichnis der verwendeten Editionen, Lexika und der umfangreichen Sekundärliteratur zur Untersuchung höfischer Lebensformen.
Schlüsselwörter
Mahlesszenen, höfische Etikette, mittelalterliche Epik, Herrschaftsrepräsentation, Tafelrunde, höfische Kultur, wirtschaft, zuht, mâze, Festmahl, höfische Normen, Literatur des Mittelalters, Gralsprozession, Tischsitten, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Mahlzeiten in der mittelhochdeutschen Epik und deren Bedeutung für die höfische Kultur sowie die Repräsentation von Macht und sozialen Normen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Begriffe der höfischen Etikette (wie êre und zuht), die Funktion von Festmählern als Orte der Herrschaftsinszenierung und als Schauplätze für ritterliche Erziehung oder soziales Versagen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es, eine systematische Übersicht über verschiedene Typen von Mahlesszenen zu erstellen und aufzuzeigen, wie diese literarischen Schauplätze das Adelsideal sowie gesellschaftliche Spannungen und Werte widerspiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine literaturwissenschaftliche Analyse von 52 mittelalterlichen Werken durch, wobei er die "erzählerische Oberfläche" sowie die Einbettung der Mahlzeiten in den Kontext von Etikette und politischer Kommunikation untersucht.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse grundlegender Begriffe, die Untersuchung von Mählern in Wunderwelten und religiösen Kontexten, die Rolle politisch motivierter Festmähler sowie die spezifische Betrachtung der Artus-Epen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mahlesszenen, höfische Etikette, Herrschaftsrepräsentation, Tafelrunde, wirtschaft, zuht und mâze definieren.
Warum spielt die Tafelrunde eine so zentrale Rolle im vierten Kapitel?
Die Tafelrunde fungiert als Idealgebilde, das Rangstreitigkeiten in der Realität auflöst und somit einen einzigartigen Raum für gleichwürdige Interaktion im Artus-Hof bietet, was sie zu einem idealen Untersuchungsobjekt für höfische Etikette macht.
Wie wird das Scheitern eines Mahles in der Arbeit interpretiert?
Ein gescheitertes Mahl dient als deutliches Signal für den Bruch mit höfischen Normen und wird oft als Vorbote für Niedergang, Verrat oder den Ausbruch von Gewalt eingesetzt, wie die Beispiele aus dem Nibelungenlied zeigen.
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- Jens Alexander Höhner (Author), 2003, Die Epiker bitten zu Tisch. Mahlzeiten in mittelalterlichen Texten. Höfische Etikette, Kommunikationsformen und rhetorische Darstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38469