Die Epiker bitten zu Tisch. Mahlzeiten in mittelalterlichen Texten. Höfische Etikette, Kommunikationsformen und rhetorische Darstellung


Magisterarbeit, 2003
153 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das epische Mahl: Begriffe und grundlegende Komponenten
2.1 Der Begriff des Höfischen
2.2 Das Spektrum der epischen wirtschaft
2.3 Die Begriffe der êre und der zuht
2.4 Die wirtschaft als episches Motiv
2.4.1 Warum überhaupt essen?
2.4.2 Was kommt auf den Tisch?
2.4.3 Wie verhält sich der vorbildliche Gastgeber?
2.5 Speisen als Festereignis
2.5.1 Nibelungenlied: Die Reihe der gelungenen Feste
2.5.2 Nibelungenlied: Das fatale Hoffest König Gunthers

3. Das epische Mahl: Analysen eines Handlungsschauplatzes
3.1 Speisen in Wunderwelten
3.1.1 Alexanderlied: Die Tafel der Königin Candacis
3.1.2 Herzog Ernst: Das Hochzeitsmahl des Kranichkönigs
3.1.3 Salman und Morolf: An der Tafel des Bibelkönigs
3.1.4 Trojanerkrieg: Speisen mit Göttern und Zentauren
3.2 Speisen im leeren Palas: Das Tischlein-Deck-Dich-Motiv
3.3 Mähler im religiös-kultischen Kontext
3.3.1 Münchner Oswald: Der christliche König
3.3.1.1 Das Zahlenschema
3.3.1.2 Das Motiv der Eucharistie
3.3.2 Parzival: Die Munsalvaesche-Mähler
3.3.2.1 Das erste Festmahl in Munsalvaesche
3.3.2.1.1 Motive der Designation
3.3.2.1.2 Reichtum und Trauer
3.3.2.1.3 Der Ablauf des Gralsmahles
3.3.2.1.3.1 Die Prozession und ihr Aufbau
3.3.2.1.3.2 Das Mahl
3.3.2.1.3.3 Fazit
3.3.2.2 Das zweite Festmahl auf Munsalvaesche
3.4 Mähler als Inszenierung und Demonstration von Herrschaft
3.4.1 Motivation politischer Festmähler: Der Rat zum Fest
3.4.2 Vorbereitung als erster Akt der Repräsentation
3.4.2.1 Mai und Beaflor: Das Tauffest Beaflors
3.4.2.3 Wilhelm von Wenden: Der festliche Hoftag
3.4.2.4 Der guote Gêrhart: Die Perspektive des Aktiven
3.4.3 Positive Herrscherbilder: Die Tischgemeinschaft als Forum
3.4.3.1 Kudrun: Das Krönungsfest von Hagen und Hilde
3.4.3.2 Morant und Galie: Der reuige Herrscher
3.4.3.3 Mai und Beaflor: Hochzeit und Armenspeisung
3.4.3.4 Wilhelm von Wenden: Das Friedensversprechen
3.5 Mähler als Schauplatz des Versagens
3.5.1 Mahlesgemeinschaften als öffentliche Zeugengemeinschaften
3.5.1.1 Kaiserchronik: Der Selbstmord Lucretias
3.5.1.2 König Rother: Die Schwäche König Konstantins
3.5.1.3 Heinrich von Kempten: Der Fall der Kaiserkrone
3.5.2 Der Tod an der Tafel
3.5.2.1 Nibelungenlied: Das verhängnisvolle Jagdmahl
3.5.2.2 Alexander: Der Gifttod des Herrschers
3.5.3 Nibelungenlied: Vom Mahl zur offenen Schlacht
3.6 Mähler als Zeichen der sozialen Abgrenzung
3.6.1 Parzival: Das höfische Mahl im Hause des Fährmanns Plippalinot
3.6.2 Willehalm: Die in Frage gestellten Werte des Höfischen
3.6.3 Helmbrecht: Die Entlarvung des Rittertums

4. Das epische Mahl: Mahlesszenen aus den Artus-Epen als Schauplatz idealer höfischer Etikette
4.1 Die Tafelrunde: Das Funktionieren eines Idealgebildes
4.2 Das in Frage gestellte Artus-Ideal
4.2.1 Krone: Die Becherprobe beim Artus-Fest
4.2.2 Garel vom blühenden Tal: Das Versöhnungsmahl
4.3 Die Darstellung von höfischer Idealität
4.3.1 Parzival: Die Erziehung des jungen Parzival
4.3.2 Tandareis und Flordibel: Formen des Ehrerweises
4.3.3 Meleranz: Das Walten der minne
4.3.4 Prächtige Hoffeste jenseits des Artus-Hofes
4.3.5 Fehlverhalten im Tandareis und Flordibel und Tristan (HvF)
4.3.6 Ehre an König Artus: Der Empfang im Tristan (HvF)
4.4 Mähler als Instanz der Prüfung
4.4.1 Krone: Die gemeisterte Erlösungsfrage
4.4.2 Daniel vom blühenden Tal: Die Herausforderung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Editionen
6.2 Lexika und Nachschlagewerke
6.3 Sekundärliteratur

7. Anhang I
7.1 Verzeichnis der nicht verwendeten Textstellen I
7.2 Inhaltsverzeichnis (mit Angabe der verwendeten Texte) III

1. Einleitung

Ob Siegfried ein Freund würziger Würste ist, ob Herzog Ernst knuspriges Hähnchen liebt oder Parzival vielleicht sogar die vegetarische Küche verehrt, das wissen allein die Erzähler. Doch sie verraten es nicht. Denn wenn sie zwischen Abenteuern und Kämpfen, zwischen minne -Erlebnissen, prächtigen Festen und hitzigen Turnieren auch von Mahlzeiten berichten, gewähren sie den Blick auf Handlungsschauplätze, die sie mit wortreichen Bildern des höfischen Lebens ausmalen. Was da in den Mündern der Speisenden verschwindet, ist nur von geringem Interesse. Von größerer Bedeutung ist dagegen, wie gegessen wird. Und noch wichtiger ist, wie der Gastgeber das Mahl ausrichtet, wie er seine Bediensteten anleitet und wie diese den Tischdienst versehen und sich um das Wohl der Gäste an den Tafeln kümmern. Ziel ist es, ein höfisches Mahl zu arrangieren. Von zuht ist daher oft die Rede, von Speisen in übermäßigen Mengen und dem vorbildlichen Verhalten derjenigen, die gerade essen.

Dies ist das Ideal. Aus der historischen Realität und der realen höfischen Lebenswelt bekannte Regeln und Normen geben auch in der epischen Realität die Bedingungen für ein gelungenes Mahl vor. Obwohl diese Lebenssphäre dem Publikum aus dem eigenen Lebensumfeld bekannt ist, muss ein enormes Interesse an Speiseszenen bestehen, denn sonst wäre ihre große Zahl in den mittelalterlichen Epen nicht zu erklären.[1] So findet sich abseits dieser Szenen gelungener Mähler, die zumeist im Rahmen höfischer Feste stattfinden, eine ebenso große Anzahl von Speiseszenen, in denen das Regelwerk höfischer Normen und der Etikette verworfen wird. Das Mahl scheitert. Daher spielen auch die Extrembereiche des epischen Mahls eine nicht unerhebliche Rolle. Dies gilt auch für Mähler, die jenseits der Palasmauern und damit außerhalb des Repräsentationsraumes einer Burg oder Pfalz abgehalten werden[2]: Sie beleuchten das literarische Phänomen der epischen Mahlzeit aus einer anderen Perspektive, die erst durch die Abwesenheit des Höfischen möglich wird.

Dies sind die vordergründigen Verständnisebenen epischer Mähler. Doch da zwischen dem Mahl und seinem Ausrichter immer eine enge ideelle Verbindung besteht, öffnet sich noch eine zweite Verständnisebene hinter dem dargestellten Geschehen – nämlich die der Repräsentation: Denn ob das Mahl gelingt oder scheitert, immer wirft das Geschehen Licht auf den Gastgeber. Entweder es gereicht ihm zur Ehre und fördert sein Ansehen. Im schlimmsten Fall dagegen schadet es seinem Ruf. Jede Speiseszene besitzt daher auch ein hohes Demonstrationspotenzial. Gleichzeitig zeigt eine solche Szene immer auch das elitäre Selbstverständnis des mittelalterlichen Adels auf.

Historische Realität und episches Geschehen miteinander in Verbindung zu setzen, ist problematisch. Doch Zusammenhänge sind vorhanden, wie Joachim Bumke – insbesondere in Bezug auf das Artus-Fest – betont: „Im Hinblick auf die Wirklichkeit der Hoffeste muß die Gesellschaftsdarstellung der höfischen Dichtung anders beurteilt werden als auf die Alltagsrealität. Das poetische Bild der Festgesellschaft, die sich zu Pfingsten am Hof von König Artus versammelte, bezeugt in vielen Details der materiellen Kultur und der höfischen Umgangsformen das moderne Gepräge des zeitgenössischen Hoflebens. Selbst die Tendenz zu idealisierender Übersteigerung, die für die poetischen Schilderungen so kennzeichnend ist, hatte eine Grundlage in der Wirklichkeit: Die Veranstalter der großen Hoffeste haben sich nicht selten von dem Bestreben leiten lassen, alles Dagewesene durch ungeheueren Prachtaufwand zu überbieten“.[3] Idealisierungstendenzen und Detailrealismus seien zudem keine Gegensätze.[4] Eine Ausnahme ist der Eneasroman Heinrichs von Veldeke: Wenn der Erzähler in diesem Epos das Hochzeitsfest von Lavinia und Eneas (335,33-348,4) beschreibt, so fließen in diese Schilderung Eindrücke vom Mainzer Hoffest Kaisers Friedrich Barbarossa (1184) ein. Heinrich hat es miterlebt.[5]

Gleichwohl stellt Bumke im Hinblick auf den Zeugniswert literarischer Texte fest: „Die Ebene der Realität, zu der sie sich direkt in Beziehung setzen lassen, ist nicht die der materiellen Gegenstände oder der faktischen Vorgänge, sondern die Wirklichkeit der Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche, die Wirklichkeit des gesellschaftlichen Bewußtseins und der kulturellen Normen“.[6] Eine systematische Durchsicht epischer Mahlesszenen vor diesem Hintergrund fehle bisher, wie Elke Brüggen betont.[7]

Anders ist die Forschungslage im Bereich der Geschichtsforschung. Hier hat Gerd Althoff die Funktionalität realhistorischer Mähler veranschaulicht und analysiert: „Mit Mählern und Festen begründete und stärkte man Gemeinschaft, schuf und erprobte eine Atmosphäre des friedlichen Umgangs miteinander, die auch in Zukunft die Grundlage des Verhältnisses von Speisenden und Feiernden bilden sollte“.[8] Mähler besitzen somit identifikationsstiftenden und zukunftsweisenden Charakter. Von jeher steht insbesondere das Fest für eine Kristallisationsform von Herrschafts- und Gemeinschaftsbildung zugleich.[9] Dies ist auch für die epischen Mahlesszenen feststellbar, zumal sich das Aufblühen der höfischen Literatur und die Entwicklung bestehender Herrschaftsstrukturen zu Formen der Landesherrschaft und zur Territorialherrschaft nahezu zeitgleich vollziehen.

So stellt Barbara Haupt fest: „Mit diesem Prozeß gehen einher tiefgreifende gesellschaftliche Umstrukturierungen im politischen, sozialen, wirtschaftlichen und auch im geistigen und emotionalen Bereich und bilden gleichsam die Matrix für die Entstehung neuer literarischer Ausdrucksformen“. Haupt beschreibt die Genese des Festmotivs in der mittelalterlichen Epik, mit dessen Hilfe „[...] in bildhaft-szenischer, oft geradezu bühnenmäßiger Weise ein Herrscherbild, das unverkennbar zugeschnitten ist auf die Gegebenheiten in den sich entwickelnden Territorien, [gezeichnet wird]“.[10] So thematisieren bereits die Festszenen im frühen König Rother, im Eneasroman und im Rolandslied diesen Aspekt der Herrschaft.

Eine systematische Durchsicht epischer Mahlesszenen aus der mittelalterlichen Literatur anhand der von Althoff formulierten Ergebnisse ist bisher ausgeblieben. Zwar hat Renate Roos ein umfangreiches Konvolut von Szenen dieser Art zusammengetragen, doch betrachtet sie allein den Inhalt der jeweiligen Textpassage.[11] Die Forschungen von Roos bilden die Grundlage dieser Arbeit. Die Forschungen Joachim Bumkes[12], Barbara Haupts[13] und Renate Marquardts[14] ergänzen diese Basis und liefern weitere Hilfe für das Auffinden und das Erschließen von Mahlesszenen. Auch die üppigen Forschungen von Alwin Schultz[15] sind noch berücksichtigt, allerdings mit geringem Einfluss auf diese Arbeit. Ihnen sind einzelne Hinweise auf Textstellen zu verdanken.

Aus den 52 bearbeiteten und hier aufgenommenen mittelalterlichen Werken ergibt sich ein dichter Korpus an Textstellen, ohne dass jedoch der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Ergänzt wird das dieser Arbeit zu Grunde liegende Epen-Konvolut wegen einiger nützlicher Textbeispiele durch die Kaiserchronik sowie durch die Novellen Die Heidin und Helmbrecht Wernhers des Gartenaeres. Die Arbeit unterscheidet zunächst zwischen Artus-Epen und Epen, die eben nicht den Artus-Hof als Zentrum haben. Einem ersten Teil, der sich mit der erzählerischen Oberfläche der Mahlesszenen beschäftigt, wichtige Begriffe für die Gestaltung einer solchen Episode nennt und maßgebliche Begriffe klärt, folgt die Analyse der einzelnen Textbeispiele. Daran schließen sich Betrachtungen einzelner Mahlesszenen an, die sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der schützenden Palasmauern und des höfischen Lebens abspielen.

Die jeweilige Situation des stattfindenden Mahls, der Ort und das Geschehen an den Tischen oder um sie herum, bieten die Ordnungskriterien für die Untersuchungen. Die Gliederung innerhalb der Analysekapitel ist eine chronologische, doch machen thematische Gesichtspunkte ein Abweichen von diesem Schema gelegentlich sinnvoll.

Ziel der Arbeit ist es, eine Übersicht über verschiedene Spielarten von Mahlesszenen zu bieten, Interpretationsansätze aufzuzeigen und ihre Einbindung in den Kontext höfischer Etikette, der Kommunikationsformen und in den Bereich der rhetorischen Darstellung darzustellen.

2. Das epische Mahl: Begriffe und grundlegende Komponenten

niht langer sie enbeiten,/ ir ezzen sie gireiten,/ so si aller beste mohten do/ vnd giengen sizen dar zů (111,5-8). Liest man diese Verse allein und vernachlässigt man ihren Kontext völlig, so deutet nichts daraufhin, dass in dieser Passage des Eneasromans Heinrichs von Veldeke kein gewöhnliches Mahl stattfindet. Eneas und sein Gefolge sind an der Tibermündung in Italien gestrandet. An diesem Ort und unter diesen Umständen ein Mahl abzuhalten, wie es die Ritter aus ihrer gewohnten Umgebung kennen, erscheint undenkbar. Doch Eneas und sein Gefolge improvisieren: Sie bereiten sich selbst eine Mahlzeit, die trotz widriger Umstände und fehlender Mittel höfischen Normen entspricht. Die Ritter sitzen auf dem nackten Erdboden. Da Tische fehlen, legen sie das Brot in den Schoß.[16] Aus den Laiben schließlich formen sie Schüsseln unterschiedlicher Größe, um daraus Fisch und Fleisch zu essen. Die Nachahmung, die Improvisation eines höfischen Mahles glückt jedoch: daz gimarchte ir dehein/ aller der, di da sazen (111,26-27).

2.1 Der Begriff des Höfischen

Eneas’ Gefährte Aschanius bemerkt schließlich die verborgene Komik der Situation. Doch statt über das Schicksal zu spotten, gelobt er, sich immer daran zu erinnern und lobend davon zu erzählen: diz ist ein hoveslich dinch (111,32).[17] Sogleich veranstalten Eneas und sein Gefolge einen Buhurt zu Ehren der Götter und bringen Opfer dar (112,25-31). Mahl, Buhurt, das Turnierspiel mit stumpfen Waffen oder gänzlich ohne Waffen[18], und bedingt auch der kultisch-religiöse Akt der Opfergabe sind Kennzeichen eines höfischen Festes. Das Mahl wird darüber hinaus zum gemeinschaftsstiftenden Ritual: „[Im Ritual] bringt sich die Gesellschaft selbst zum Ausdruck; es wirkt gemeinschaftsstiftend, indem es die verbindlichen Normen und Leitbilder aktualisiert und einübt, beziehungsweise das alltägliche und weniger alltägliche Handeln strukturiert und ordnet“, so die Definition von Gerhard Wolf.[19] Die gestrandete Gesellschaft des Eneas ist eine höfische, die sich außerhalb der gewohnten Umgebung ihrer Herkunft bewusst ist und diese in ihrem Gebaren zum Ausdruck bringt. Ein Ritual findet statt, in dem Normen und Leitbilder der ungewöhnlichen und ungebührlichen Situation angepasst, mithin aktualisiert werden. Die Garantie vorhersehbarer Abläufe, von der Wolf weiterhin spricht, ist gegeben.

Aschanius ist es, der dem Mahl den Charakter des Höfischen zuspricht. Das Wesen des Höfischen ist schwer zu fassen, da es aus dem kulturellen Selbstverständnis seiner Zeit hervorgeht und dem Sprachgebrauch eben dieser Zeit entspricht. Es ist der Hauptbegriff der adligen Gesellschaftskultur, die sich im 12. Jahrhundert an den großen Höfen entwickelt. Das Wort hövesch in seiner Bedeutung für hofgemäßes, gebildetes und gesittetes Verhalten entsteht in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts.[20] Die ältesten Belege finden sich in der Kaiserchronik (etwa 4351).[21]

Im König Rother ist der Gebrauch schon wesentlich abstrakter: Hier meint der Begriff hövescheit bereits allgemein das höfische Wesen und die höfische Sitte, somit die Geisteshaltung der Oberschicht, die sich eben in den Verhaltensnormen, die das Höfische kennzeichnen, auskennt und diese praktiziert. „,Höfisch wurde zum Programmwort für ein Gesellschaftsideal, in dem äußerer Glanz, körperliche Schönheit, vornehme Abstammung, Reichtum und Ansehen mit edler Gesinnung, feinem Benehmen, ritterlicher Tugend und Frömmigkeit verbunden waren“, so Bumke.[22]

In der Szene aus dem Eneasroman existieren diese Begriffe im bewussten Handeln der gestrandeten Ritter. Höfisches Verhalten ist ihnen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich trotz widriger Umstände zu helfen wissen und dem Ideal folgen können. Darüber vergisst die gestrandete Schar ihr Leid und geht zum Buhurt und zur Opfergabe über. Der Buhurt ist Teil eines höfischen Festes. Die Opfergabe dagegen bringt die Dankbarkeit der Ritter darüber zum Ausdruck, dass sie trotz der ungebührlichen Situation höfisches Verhalten praktizieren zu wissen. Das Essen wird zum gemeinschaftsstiftenden Ritual. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nicht nur an die Analysen Althoffs von realhistorischen Mählern des frühen Mittelalters, sondern auch an die Betrachtungen Karl Haucks, der diese Funktion für rituelle Speisegemeinschaften im 10. und 11. Jahrhundert anhand realhistorischer Quellen feststellt und sie auf das Leitmotiv des christlichen Abendmahls zurückführt.[23] Dieses habe ebenfalls gemeinschaftsbildenden Charakter. Darüber hinaus stellt Hauck die Verbindung des althochdeutschen Wortes gileibo zum mittellateinischen Begriff companio dar, die beide das gemeinsame Essen vom selben Laib Brot meinen.

Nachdem Aschanius seine Gedanken geäußert hat und zudem gelobt, sich immer an dieses besondere Mahl zu erinnern, reagiert Eneas mit herzlicher Freude auf das Gesagte. Er erinnert sich seinerseits an die Prophezeiung seines Vaters Achises, in der Eneas nun die Gewogenheit der Götter erkennt (112,10-24). Und dies wiederum freut alle Ritter.

Die Freude an sich ist ebenso ein zentraler Begriff der hövescheit: Sie ist das Ziel. Wer den Regeln der hövescheit folgt, wird sie erreichen – mit der vröude einher geht hôher muot, der im höfischen Kontext die Hochherzigkeit und das gesellschaftliche Hochgefühl des Ritters bestimmt. vröude an sich meint den Zustand festlicher Erregtheit und der Erhabenheit über den Alltag, somit ein gesteigertes Selbstbewusstsein.[24]

Die genannten Aspekte sind für das improvisierte Mahl aus dem Eneasroman feststellbar, so dass es als höfisch gelten kann. An diesen Werten sind alle Mahlesszenen zu messen – sie entscheiden darüber, welches Mahl als höfisch anzusehen ist und welches nicht. Garanten für das Gelingen eines solchen Mahles sind der Gastgeber und die Bediensteten, für deren Verhalten Begriffe wie williger muot und zuht maßgeblich sind. Diese Begriffe werden an späterer Stelle geklärt, da zunächst die Oberfläche der epischen Mahlzeit zu betrachten ist.

2.2 Das Spektrum der epischen wirtschaft

Gastmahl, Gasterei, Schmaus, die Tätigkeiten des Hausherrn oder des Schankwirtes allgemein, sowie all jenes, das zur Bewirtung zählt – diese Inhalte gehören zunächst zum weiten Bedeutungsspektrum des mittelhochdeutschen Wortes wirtschaft, mit dem die Erzähler die epischen Mähler meist bezeichnen.[25] Der Bedeutungsinhalt dieses Wortes verschiebt sich im Laufe der Zeit von der Bezeichnung eines gewöhnlichen Mahles hin zum weniger konkreten, aber beinahe ausschließlich verwendeten Begriff für das Fest an sich oder für die festliche Freude allgemein, bis er zuletzt auch die Hochzeit oder das heilige Abendmahl meint.[26] Die Bezeichnung eines Mahles ohne festlichen Charakter als wirtschaft jedoch bleibt immer auffallend selten – „[…] wohl weil bei wirtschaft eben von haus aus an eine besondere Veranstaltung mit Gästen gedacht ist“.[27]

Für andere Fälle verwendet der Erzähler den Begriff gastunge, der eigentlich die Verpflegung und Beherbergung von Fremden meint, etwa im Willehalm von Orlens Rudolfs von Ems’ (8104-8106).[28] Darüber hinaus findet der Begriff imbîz oder inbîz Verwendung, obwohl er eigentlich weniger festliche Mähler bezeichnet.[29] Der Erzähler des Willehalm von Orlens indes gebraucht die Bezeichnung imbis und inbis parallel mit gastunge (5747 und 5860) und essen (5840) für jene Mähler, die bei einem Hoffest in Hennegau mit Schwertleiten abgehalten werden (5748, 5831 und 5881). Gelegentlich gebraucht wird die Bezeichnung mâl – indes weitaus seltener als diese beiden Begriffe.[30]

Zwar ist das Wort wirtschaft eine nominale Ableitung des Wortes wirt[31], jedoch löst sich diese Verbindung schon in althochdeutscher Zeit auf, so dass sich der Begriff wirtschaft im Mittelhochdeutschen von seinem allein funktionalen Aspekt in Bezug auf die Tätigkeit des Wirtes fast vollständig gelöst hat. Damit ist dieses Wort in seiner Bedeutung und in seinem Gebrauch wesentlich vielseitiger als der Begriff wirt. Im Neuhochdeutschen aber tritt der Begriff wirtschaft, etwa ab dem 16. Jahrhundert nur noch selten auf und wird dann zumeist in seiner Sonderbedeutung für das Hochzeitsmahl benutzt.[32]

Ausnahmen von den genannten Verwendungsformen sind in der mittelhochdeutschen Epik selten. Jedoch legen die Autoren ihren Erzählern auch aus dem Französischen entlehnte Begriffe in den Mund. Damit verweisen sie zum einen auf ästhetische Traditionen. Zum anderen führen sie Neuerungen in diesem Lebensbereich vor – Modeerscheinungen etwa, die in Frankreich entwickelt worden sind. So auch Heinrich von dem Türlin. In Türlins Roman Diu cône[33] findet sich der Begriff petit mangiere (6467-6470), mit dem ein Frühstück gemeint ist; ein vruoimbiz, von dem auch Ulrich von Eschenbach den Erzähler des Wilhelm von Wenden berichten lässt.[34] Auch der Erzähler des Willehalm von Orlens Rudolfs von Ems kennt diesen Begriff (11143).[35]

Zudem benutzt Heinrichs Krone- Erzähler den Begriff gramangir (7649) für die Hauptmahlzeit, der ebenso aus dem Französischen übernommen ist. Der Erzähler beschreibt dieses gramangir nicht nur als ein Mahl, das ganz nach dem Verlangen (hungriger) Männer geschaffen ist, sondern auch als ein Essen, das weder üble noch übelriechende Nebenwirkungen mit sich bringt: Daz sprichet ein sölch imbîz,/ Dâ guoter ezzen grôzer vlîz/ Von dem wirte an geleit was,/ Daz niht blæte noch enjas/ Umb daz herze, der ez az,/ Noch anders keinen bœsen wâz/ Immer gab von dem munde,/ Daz iemen merken kunde,/ Swie er sîn enpfunde (7651-7659). Dass das Essen dem Hungrigen zudem schnell bereitet sein soll, versteht sich von selbst. Wenn nicht, so empfiehlt der Erzähler dieses: Ich râte, daz man anderswâ/ Von solhen wirten kêre/ Und lâze sie mit unêre (7767-7769).

Solche Überlegungen, noch dazu mit humorvollen Untertönen versehen, sind selten in den Epen; ebenso Beschreibungen zum Geschmack oder zur Zubereitungsart des Gereichten. Über die Zubereitung des Wildfleisches, das der Einsiedler dem verwahrlosten Iwein vorsetzt, heißt es im Iwein Hartmanns von Aue jedoch: daz wart mit ungeræte/ gegerwet bî dem viure./ im was der pfeffer tiure,/ daz salz, unde der ezzich (3336-3339). Das Fehlen dieser Gewürze scheint dem Berichterstatter ihre Erwähnung zu erlauben, da es eine Ausnahme vom Gewöhnlichen darstellt und hier die Diskrepanz zwischen höfischer Normalität und gerade herrschender unhöfischer Realität offenbart.[36]

Ausgerechnet die Schilderung des von sakralen Zügen geprägten Gralsmahles in Munsalvaesche reichert der Parzival -Erzähler mit würzigen Details an: in kleiniu goltvaz man nam,/ als ieslîcher spîse zam,/ salssen, pfeffer, agraz. Dâ het der kiusche und der vrâz/ alle gelîche genuoc (238,25-29). Der Krone -Erzähler liefert ebenfalls einen ausführlichen Bericht, in dem er Speisen und Getränke aufzählt und auf ihren Geschmack hinweist. Als der Ritter Karadas Gawein beherbergt, kümmert er sich ehrenvoll um den Gast und bewirtet ihn zudem vorzüglich (20321-20353): Er hiez ir mit êren pflegen/ Ze bette und ze tische,/ Hüenre unde vische,/ Zam und wiltpræte,/ Mit michelme ræte/ Hielt er sie mit dem ezzen./ Ir wart ouch niht vergezzen/ An dem trinken umb ein hâr:/ Daz was lûter unde clâr,/ Süeze und dar under scharf;/ In dem vazze ez sich ûf warf,/ Sô man ez in schancte (20325-20337). Fazit: Er pflac ir als ein guot wirt,/ Der dar an niht verbirt,/ Wa mite er mac oder kann/ Gewirden einen vrumen man,/ Daz er daz vil gerne tuot (20346-20350).[37]

Die aus der Krone zitierten Textbeispiele verdeutlichen den widersprüchlichen Kontext, in dem sich die Mahlesszenen häufig bewegen: Eigentlich geht es um die so profane, so alltägliche Tätigkeit der Nahrungsaufnahme, des Essens und des Trinkens. Durch die Übertragung eines Mahles in den Raum des höfischen Lebens allgemein oder in den Rahmen eines höfischen Festes (wie etwa im Parzival) entwickelt sich das Mahl jedoch zu einer Angelegenheit von hohem Prestige für den Gastgeber – zu einer Frage der Ehre, der Repräsentation, womöglich der Rehabilitation, und zur Demonstration von Reichtum, Luxus und in Szene gesetzter Würde. Reichtum wird auch durch kostbare Tafelaccessoires oder auch Gewürze, die im Mittelalter ein kostbares Luxusgut sind, zum Ausdruck gebracht. Immer jedoch gerät das Ausrichten eines Mahles zur sensiblen Aufgabe, da Reichtum und Speisen in reichem Maß nicht ausreichen, um das Gelingen zu garantieren.

2.3 Die Begriffe der êre und der zuht

Sensibel, wenn nicht sogar heikel, wird diese Aufgabe, ein höfisches Mahl auszurichten, da nun der Begriff der Ehre ins Spiel kommt. Denn höfische Vorbildlichkeit verhilft zu gesellschaftlichem Ansehen, das die Dichter mit dem Begriff êre bezeichnen. Der Bedeutungshintergrund dieses Wortes ist allerdings weitgefasst: êre meint all jenes, das den Ritter in der Welt auszeichnet. Er meint sowohl höfische Vollkommenheit als auch die Einhaltung der Gebote Gottes und somit das Bewusstsein über Recht und Unrecht.[38]

Doch er meint auch das Bewusstsein über das gebotene, das ziemliche und schließlich vorbildliche Verhalten: „Für den höfischen Adligen [...] ist grundsätzlich vorauszusetzen, daß seine Vorbildlichkeit öffentlich überprüft wird, das heißt, daß er sich vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit als potentielles Anschauungsobjekt normierter Vorbildlichkeit behaupten muß“, so Horst Wenzel.[39] In besonderem Maße gilt dies für die vornehmsten Adligen und die Herrscher, gleich ob Kaiser, Könige oder Fürsten. Was aber meint der abstrakte Begriff êre in Bezug auf die Kenntlichmachung von Standesunterschieden? Wenzel: „ êre ist gesellschaftliches ,Ansehen’, verlangt die sinnliche Erfahrbarkeit von sozialem Rang, von tatsächlicher oder auch angemaßter Bedeutung, die institutionell nicht gesichert ist und sich deshalb in der öffentlichen Darstellung unmittelbar als ,wahr’ erweisen muß“.[40] Dies geschehe in zeremoniell organisierten Situationen, die als „Realität“ des Hofes und als Bild der idealen Ordnung gesehen werden.

Auf den Kontext einer Mahlesszene bezogen meint êre zudem die Fähigkeit eines Gastgebers, seine Gäste mehr als ausreichend zu bewirten. Schafft er dies, türmen sich auf dem Tisch Berge von Speisen, so ist ihm Lob gewiss, mehrt sich sein Ansehen, erhöht sich seine êre. Die Speisenden wiederum ehren ihren Gastgeber, indem sie sich an die Regeln und Normen des Anstands halten, indem sie etwa die in den Tischzuchten aufgestellten Anleitungen für das richtige Essen umsetzen: Sie waschen sich die Hände, schmatzen und schlürfen nicht, lassen Rücksicht gegen über dem Tischnachbarn walten. Auf diese Weise sorgen Gastgeber und Gäste für einen reibungslosen Ablauf. Ist der Gastgeber zugleich der Landesherr, so ist ein Mahl – und damit die Fähigkeit, die Untergebenen zu ernähren – Teil seiner Pflichten. Der Lehnsherr ist dem Gefolgsmann zu Unterhalt verpflichtet.

Darüber hinaus müssen die Bediensteten für êre sorgen, indem sie sich an das Gebot der zuht halten. zuht, ein Begriff aus der Anstandslehre, steht für die angemessene Art der Bedienung, die dem Rang des jeweiligen Gastes zusteht.[41] Der Begriff meint überdies Umsichtigkeit: Immer hat der Bedienende dafür zu sorgen, dass etwa genügend Wein vorhanden ist, Speisen serviert und dann im richtigen Maß nachgelegt werden. Darüber hinaus deutet der Begriff zuht immer auch eine strenge Erziehung an, die auf die Ausbildung des Charakters, insbesondere eines jungen Menschen, einwirkt und dabei Zwang ausübt.[42] So lässt sich der Begriff als Inbegriff des durch die höfische Erziehung gebotenen Verhaltens verstehen.[43] zuht ist schließlich eine Art Wissenschaft und Kunstform, zuletzt sogar das Kennwort einer neuen Gesellschaftslehre.[44]

Schließlich führt auch zuht in Verbindung mit der Erfüllung jener Regeln, die die hövescheit verlangt, zu höfischer Freude (hôher muot). Dies gilt insbesondere für Hoffeste: Mahl und Fest sind in der Epik meist eng verbunden; ohne ein üppiges Mahl sind höfische Feste kaum denkbar, obwohl sich feste Regeln für den Zeitpunk eines solchen Mahls oder den Ort selten bestimmen lassen.[45] Ebenso lässt sich die Frage, warum überhaupt gegessen wird, aus dem epischen Kontext nicht so leicht beantworten.

2.4 Die wirtschaft als episches Motiv

Do Rennewart die spise ersach,/ harte vroliche er sprach:/ ,wol mich daz ich ezzen sol!/ vil gar ich mich des erhol/ des ich mich han versumet./ vleish und crut daz rumet,/ da ez inne lit, die stat./ Rennewart, du solt werden sat/ und solt vergezzen der hungers not,’/ sprach er und beiz vaste in ein brot. So frohlockt Rennewart im Rennewart -Roman Ulrichs von Türheim nach seiner Zeit der Entbehrung (25573-25582). Denn Essen lindert Not und Leid, besänftigt den Zorn und macht Trauer vergessen. In diesem Gedanken spiegelt sich die Idee, dass die Geschichte des Menschen sei die Geschichte eines ständigen Kampfes um die Bewältigung des Hungers, deutlich wider.[46] Das betonen die Epenerzähler oft.

2.4.1 Warum überhaupt essen?

Warum aber eine Mahlzeit zum Fest gehört, und warum in den Romanen das Essen überhaupt Teil der Erzählung ist, darüber geben die Epen kaum Auskunft. Doch gerne nehmen sich die Erzähler dieser Thematik an, stellen das Speisen in den Mittelpunkt von Festszenen. Die vielfältige Ausgestaltung gibt ihnen die willkommene Möglichkeit, sein Können unter Beweis zu stellen – ähnlich wie mit Beschreibungen von Kleidung oder der ritterlichen Ausrüstung. Er kann das glanzvolle Bild einer funktionierenden Speisegemeinschaft zeichnen. Und er kann Spannungspotenziale aufbauen, etwa mit dem in der historischen Realität vorhandenen Konfliktpotenzial. Schließlich überwindet die Mahlzeit durch ihre Einbettung in den Kontext eines Festes beispielsweise die Banalität des Alltags.[47] Der Gedanke, dass Essen Leid lindert, wird oft genannt. Laut Roos wird er erstmals im König Rother ausdrücklich formuliert: ir leides ein teil virgazin (1338).[48]

Für jede Darstellung einer Speiseszene liefert der umfangreiche Kanon der Benimmregeln aus der höfischen Etikette die Grundlage. Durch die Etikette grenzt sich die adlige von der bäuerlichen Welt jenseits der Palasmauern ab: Ein Mahl dient „[...] der sozialen Ab- und Ausgrenzung und der Festigung eines elitären Gruppenbewußtseins“.[49] Oder mit den Worten Horst Wenzels: „So wie sich der Adel grundsätzlich über die höfische Zentrale und ihre idealen Verhaltensmuster definiert, so wird umgekehrt das Unhöfische bevorzugt auf die Sphäre des Bauern projiziert [...]“.[50] Offenbar passt sich die Literatur darin den Gegebenheiten der historischen Realität an: Die wachsende Zahl der Tischzuchten und die Aufnahme von Essensregeln in Erziehungsbüchern, zu finden beispielsweise im Wälschen Gast Thomasins von Zerklaere von 1215/16, deutet an, dass dem Essen im elitären Kreis einer Hofgesellschaft große Bedeutung zukommt. Die darin enthaltenen Ermahnungen, bei Tisch das rechte Maß zu halten und mâze zu üben, nicht der Völlerei zu frönen und somit Gott gefällig zu handeln, weisen in diese Richtung. Mehr noch: Miteinander zu speisen wird zur Kunst erhoben.[51]

Warnungen vor Völlerei und Trunksucht gehören seit der Antike zu den Maximen der Laienethik. Der junge adlige Ritter findet am Hof ein gesellschaftliches Feld vor, auf dem er sich ebenso behaupten muss wie im ritterlichen Kampf.[52] Auch herrscht in der höfischen Tugendlehre der Glaube vor, dass sich gerade derjenige vor Gott auszeichnet, der alles im Überfluss besitzt, durch Mäßigung und Verzicht.[53] Der Erzähler des Erec -Romans Hartmanns von Aue betont diesen Aspekt, indem er das Hochzeitsfest von Erec und Enite als vrâz denunziert: dâ was sô manec ritter guot/ daz ich iu ze einer mâze/ wil sagen von ir vrâze:/ wan si ahten mêre/ ûf ander êre/ danne si vræzen vil (2129-2134). Die dann stattfindende wirtschaft bietet alles im Überfluss. Doch was den Rittern âne mâze serviert wird, das muss aus Gründen der Ehre mit mâze konsumiert werden (2135-2141). Der Begriff meint weniger Verzicht als vielmehr die Beherrschung des Körpers: Der Appetit ist zu zügeln.[54]

Wer versagt, begibt sich auf den Weg in die Hölle – in des Teufels Küche. Denn die gula – die maßlose Gaumenlust, das Essen ohne Maß – zählt zu den sieben Todsünden[55], gegen die Geistliche wie etwa Berthold von Regensburg (etwa 1210 bis 1272) flammende Predigten halten: „Die Sünde rächt sich selbst, sie verdammt den Menschen nicht nur an der Seele, sondern sie schadet Ehre, Gesundheit und Besitz“. Berthold bezeichnet den Teufel als wirt.[56]

Gleichzeitig ist das Essverhalten des Menschen eine Kommunikationsform, ist die Nahrungsaufnahme mit einem Symbolcharakter versehen. Rituale, in deren Rahmen alimentäre Prozesse ablaufen, sind gesellschaftlich funktionalisiert. Wer zuht walten lässt und mâze wahrt, gibt damit zu verstehen, dass er sich im Normenkanon auskennt. Darüber hinaus bedeutet die Wahrung solcher Regeln, andere Teilnehmer zu respektieren, indem man sie nicht mit unziemlichem Verhalten brüskiert. Das ist die gesellschaftliche Funktion: „[...] das Essen des Menschen wird als kulturschöpferischer Akt aufgefaßt“, heißt es bei Gerhard Neumann.[57] mâze ist im höfisch-gesellschaftlichen Rahmen ein Akt der Repräsentation.[58]

Der Erzähler des Jüngeren Titurel nimmt solche Aspekte zum Anlass, im Brackenseil-Kapitel (1874-1927) eine umfassende Tugendlehre aufzustellen. Er warnt: Zweier hande unmaze hant schædelichen wandel:/ des libes gir niht laze mit ezzen und mit trinken uberhandel,/ und daz du ouch der minne maze tribes./ nu hute wol der verte, diu zwei sint tot der sel und ouch des libes! (1915,1-4).[59]

Die Darstellung einer Tischgemeinschaft eignet sich ferner zur Gestaltung eines räumlich begrenzten Handlungsschauplatzes, einer Bühne gewissermaßen, die gleichzeitig unzählige Figuren, Könige und Adlige, Freunde und Feinde, Fremde und auch Fabelwesen, betreten können und auf der sie zumindest für eine kurze Zeit eine Gemeinschaft bilden. Mit der Wiedergabe eines Mahles kann der Erzähler auch die Spannung seiner Geschichte steigern, da in diesem durchaus sensiblen Geschehen Aspekte wie eine nicht der Hierarchie entsprechende Sitzordnung, unziemliche Bedienung oder rüdes Verhalten an der Tafel plötzlich Konflikte heraufbeschwören können.[60] Die in den folgenden Einzelanalysen betrachteten gestörten Mähler zeigen dies. Szenen eines gestörten oder gar gescheiterten Mahles besitzen daher ein hohes Spannungspotenzial.

Über die Tätigkeit des Essens, die Nahrungsaufnahme an sich, aber werden selten viele Worte gemacht. Darüber spricht die höfische Gesellschaft offensichtlich nicht gern.[61] Dass die Speisenden mit zuht essen und ebenso mit zuht bedient werden, ist jedoch ein zentraler Aspekt in fast jeder Darstellung.[62] Für die Erzähler gerät der Bericht einer solchen Begebenheit, sei sie festlich oder nicht, damit zur zwiespältigen Angelegenheit: Ein höfischer Schauplatz, gleichermaßen geprägt von Reichtum, elitärem Selbstverständnis und den Regeln höfischen Anstands auf der einen Seite, das Redeverbot auf der anderen. Dies wird allerdings gelegentlich dazu genutzt, das Publikum für seine Neugier zu tadeln. Empört klingt daher der Einschub des Parzival -Erzählers aus der Schastel-Marveile-Episode: mîn kunst mir des niht halbes giht,/ ine bin solch küchenmeister niht,/ daz ich die spîse künne sagn,/ diu dâ mit zuht wart für getragn (637,1-4). Auf seine Unwissenheit beruft sich ebenso der Erzähler des Rennewart -Romans Ulrichs von Türheim: solt ich ez sagen besunder/ die maniger slahte spise;/ so must ich wesen vil wise (3328-3330).

Es muss großes Interesse an Speise-Szenen bestanden haben – anders ist die enorme Menge dieser Szenen nicht zu erklären. Auch scheint das Publikum interessiert an Darstellungen höfischer Etikette. Die erwähnte Szene des Eneasromans deutet dies an. Trotzdem lässt sich mancher Erzähler zu Bemerkungen hinreißen, die sich mit der Nahrung und den Nebenwirkungen beschäftigen, wie anhand des Beispiels aus der Krone bereits gezeigt. Manchmal wirken sie sogar komisch. Ein Beispiel dafür ist auch im Eneasroman zu finden: sie heten gnůch spise/ mit in allen dar bracht/ uil nach zů der mitter naht,/ trunchen unde azzen,/ ir leides sie vergazzen,/ sie bliesen unde sungen,/ si spiliten unde sprungen/ vnd wachiten vnde riefen,/ vnze daz sie ensliefen/ vnd alle trunchen lagen./ sie enhorten noch ensahen (180,12-22).

Ähnliches legt Willehalm dem Ritter Rennewart im Rennewart -Epos Ulrichs von Türheim nahe: [...] nu trinket vaste!/ sit ir mit leides laste/ beladen, daz sol da von zergan,/ wanne riwig herze daz sol han/ zu allen ziten guten win (15741-15745). Überdies, so ist aus diesem Werk zu erfahren, ginge es ums Wohlbefinden und sei Hungerqual stets zu überwinden: [...] win, du bist gesunt,/ din kraft dem libe sanfte tůt/ und git dem herzen hohen můt:/ daz han wir wol befunden./ wir han gar uberwunden/ waz uns der hunger leides tet (19072-19077). Rahmen des Wein-Lobes ist ein üppiges Mahl (19050-19077).[63]

Essen und vor allem Trinken dient in den aufgeführten Passagen der Ablenkung von Leid verschiedenster Art – Frust, ein ewig aktueller Grund, rechtfertigt im Eneasroman sogar ein Besäufnis, wie eben zitiert (180,20-22). Konkrete Hinweise auf Trunkenheit sind rar in der mittelalterlichen Epik. Im Apollonius von Tyrland Heinrichs von Neustadt jedoch kommt sie im Rahmen einer Armenspeisung vor: Man gab den armen ane zil/ Recht als dem reichen:/ Kain wirtschaft ward ir geleichen./ Di alten wurden zu kinden./ Hufhaltzen und plinden,/ Der wurden da vil truncken./ Di auff den steltzen huncken,/ Di slugen grosse lucken/ Mit schemeln und mit krucken (18402-18410). Prompt erschallt Lob auf den Gastgeber: Gesegent sey Appolonius! (18412).

Häufiger sind Verweise auf die positive Wirkung des Essens in Bezug auf das Aussehen des Menschen: Eine gute Mahlzeit sorgt für eine gesunde Gesichtsfarbe.[64] Oder umgekehrt: Fehlende Nahrung sorgt für Blässe. Der Parzival -Erzähler Wolframs von Eschenbach beschreibt die Hungernden von Belrapeire: ouch was diu jæmerliche schar/ elliu nâch aschen var,/ oder alse valwer leim (184,1-3). Die Gesichtsbleiche ist stets ein äußeres Anzeichen von Hunger. Im Jüngeren Titurel besitzen die aufgetragenen Speisen solche[.] kraft, daz ieglichem duhte,/ wie sich ein bleich antlutze von disem waz in liehte varwe erluhte (1830,3-4).[65] So auch im Friedrich von Schwaben: Da der furst begund essen und trincken,/ Sein plaiche farb ward wider sincken,/ Er ward vil lustenclich (2463-2465). Eine gesunde Gesichtsfarbe ist Zeugnis des Adelsstandes.

2.4.2 Was kommt auf den Tisch?

Was aber wird bei einem höfischen Mahl serviert? Meist wilt und zam die üblichen Speisen. Kaum aber gartenkrût, wie es im Barlaam und Josaphat -Romans Rudolfs von Ems in Ermangelung von Fleisch und Fisch aufgetragen wird (15385-15396). Häufiger hingegen sind es exotische Speisen wie im Willehalm Wolframs von Eschenbach. Hier gibt der Erzähler indes vor, ihre Namen nicht zu kennen. Die Herkunftsländer dieser dagegen Köstlichkeiten nennt er: vil spîse ûz Alamansurâ,/ vil spîse ûz Kânach vant man dâ;/ vil spîse brâht ûz Suntîn;/ dâ muose ouch mêr der spîse sîn/ von Todjerne und von Arâbî/ [...] vil spîse ûz Orkeise,/ vil spîse ûz Adramahût (447,17-27). Allesamt haben Kaiser diese Speisen von ihren Reisen mitgebracht. Der gereichte Wein ist ebenso kostbar (448,5-10).

Zwei der üblichen Adelsgetränke – môraz und wîn – werden hier durch siropel, Kiper und Vinepopel ergänzt. Die üblichen Getränke sind der weiße Gewürzwein (lûtertranc, auch mit dem französischen Lehnwort clâret bezeichnet), und der rote sinôpel (ebenfalls aus dem Französischen entlehnt) sowie der gerade erwähnte môraz, der Maulbeerwein und mete (Met). Bier trinkt bei Hofe niemand. Die Erzähler erwähnen es allenfalls zur weiteren Abgrenzung vom Bauerntum. So im Rennewart Ulrichs von Türheim, als der Erzähler eine Reihe von Weinen aufzählt, das Fehlen von Bier dabei aber betont ausschließt (32230-32233): man sach da nieman trinken pier (32230).

Immer sind die Speisen und Getränke Ausweis des Adelsstandes. Stets dienen sie der Abgrenzung des höfischen Lebensraumes vom bäuerlichen, so wie in der Realität des Mittelalters zwischen Herren- und Bauernspeise unterschieden wird.[66] Die Herrenspeise ist Standes- und Herrschaftsattribut.[67] Das Fehlen adelsgerechter Nahrung sorgt im Rennewart für Leid: die fursten liten ungemach,/ wan uf ir tishe nieman sach/ den kranich noch den trappen,/ den reiger noch den kappen,/ daz rephůn noch den fasan (16249-16253). Auch Heinrich von Neustadt lässt seinen Erzähler im Apollonius von Tyrland deutlich auf die Unterschiede der Lebensmittel hinweisen: Rueben und kumpost/ Trug man nicht ze tisch:/ Wilprett und edel fisch/ Was mit gewurtz den heren wol perait (11407-11410).[68] Auch hier soll die Erwähnung von gewurtz wohl Reichtum andeuten.

So schweigsam die Erzähler in Bezug auf einzelne Gerichte sind, so häufig schwelgen sie in Superlativen und in hyperbolischen Beschreibungen der Menge des Gereichten, um dem besonderen Ereignis mit der Hyperbel rhetorischen Ausdruck zu geben. In den Epen herrscht somit immer ein unermesslicher Überfluss an den gereichten Speisen oder sogar an den Nahrungsmittelvorräten allgemein. „Wenn man den Superlativ der epischen Hyperbel nicht nur für ein topisches Stilmittel nehmen will, dann charakterisiert er wohl die Art und Weise, in der höfisch geurteilt wird. [...] Personen, Dinge, Handlungen und Ereignisse sind unüberbietbar, so unüberbietbar, daß man zuweilen viele Worte machen muß, um zu sagen, daß man keine Worte findet. Oder daß man keine Worte zu finden vorgibt, um viel damit zu sagen. [...] Der Superlativ, wie er in der epischen Hyperbel ausgedrückt ist, [...] hält die Normalform des höfischen Urteils fest, und so ist die höfische Epik von Hyperbeln überzogen, die wie ein Muster im Text wiederkehren“.[69] Was Haferland hier der gesamten höfischen Epik zuschreibt, das gilt im speziellen gerade für die Mahlesszenen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Sprachgestaltung des jeweiligen Erzählers zu Wiederholungen gefriert. Denn es gibt Ausnahmen; etwa im Liet von Troye Herborts von Fritzlâr: Da lässt Antenor seinen Gästen auftragen, was die Erde jemals hervorgebracht hat (16817-16826). Im Rennewart Ulrichs von Türheim heißt es: die wirtshaft ich so pruven wil:/ da was alles des genůg/ des wazzer, luft und erde trůg (32238-32240). Der Erzähler, der ohnehin oft vom Essen spricht, zählt Speisen und Getränke des Königs Loys auf und betont das reiche Maß: man gap da hunr und vishe,/ den vasant und die perdise,/ daz da was in maniger wise/ die ezzen gemachet wol. [...]/ der wise und der tumme/ heten gar geliche genůg. [...]/ da endorfte nieman winken/ daz im ihtes gebræche [...]/ sie heten win und den met,/ den lutertranc und daz claret,/ dar zu den roten syroppel./ man gab inz ane toppel (4716-4738).[70]

Ausgenommen von der üblichen Wortwahl, die allein die mehr als ausreichenden Vorräte beschreibt, ist auch die Darstellung des Erzählers im Trojanerkrieg Konrads von Würzburg, als er Paris’ Mahl am griechischen Königshof schildert: die tische wurden alle vol/ wirtschefte dur den willen sîn./ dem künige und der künegîn/ was er ein vil genæmer gast,/ dâ von dekeiner dinge brast,/ diu wirtschaft ûf der erden/ geheizen künne werden (20566-20572). Der Apollonius -Erzähler dagegen lobpreist: Deß was doch solch uberkraft,/ Es ward so groß di wirtschafft/ Das ich pey allen meynen tagen/ Von hoher nie hab horen sagen./ Wann da was unmassen vil./ Man gab den armen ane zil/ Recht als dem reichen/ Kain wirtschaft ward ir geleichen (18397-18404).[71]

Meist jedoch erschöpfen sich die Erzählerberichte in summarischen Auflistungen typischer Herrenspeisen, die auf das strikte Jagdrecht und das damit verbundene adlige Jagdregal zurückgehen, oder in der stereotypen Erwähnung von wilt und zam.[72]

2.4.3 Wie verhält sich der vorbildliche Gastgeber?

Nû sâhen si daz er wære/ vil harte lobebære/ an lîbe und an guote:/ mit willigem muote/ wart er geherberget dô (1877-1881), heißt es im Gregorius Hartmanns von Aue. Von einem lobenswerten Gastgeber werden darin Eigenschaften wie Freigebigkeit, Umsicht in der Bewirtung und zuchtvolle Haltung bei der Bedienung verlangt, sofern er selbst dafür zuständig ist, oder eine gute Anleitung seiner Bediensteten – ein vorbildliches Verhalten in allen Belangen eben. Es geht um eine Form der Verausgabung, die Ehre verspricht.[73]

Die Erzähler loben: frǒve Dido div riche [die Gastgeberin] / hete ez wol giraten/ mit den die ez taten [das Auftragen der Speisen]/ wande ir der herre Eneas/ ein vil lieber gast was/ vnd alle sine gisellen./ man enmohte niht gizellen/ die richte noch daz trinchen (39,26-33), heißt es im Eneasroman Heinrichs von Veldeke. Wer so handelt, der bewahrt sich vor unzuht: ist dirre wirt alsô gemuot,/ daz er durch sîn êre/ unzuht hazzet sêre,/ waz ob er ouch den willen hât,/ an swem er zuht sich verstât,/ daz er des niht gert schenden (748-753). Der Erzähler des Lancelet Ulrichs von Zatzikhoven betont somit, dass sich êre und zuht bedingen. Beide Tugenden sind ohne die andere nicht zu denken.

Während viele Dichter ihren Erzählern ausführliche Schilderungen von Mählern gestatten, sind Szenen dieser Art in den Werken Hartmanns auf wenige Bemerkungen beschränkt. Stets rückt er den Aspekt der Bereitwilligkeit des Gastgebers in den Mittelpunkt. Im Iwein findet sich eine Begründung dafür: Der gast wirt schiere gewar,/ einst er niht ein tôre gar,/ wie in der wirt meinet;/ wander im wol bescheinet/ an etelîcher swære,/ ist er im unmære:/ und geherberget ein man/ dâ ims der wirt wol gan,/ dem gezimt deste baz/ sîn schimpf unde sîn maz./ ouch enwirt diu wirtschaft immer guot/ âne willigen muot (2683-2694). Mehr noch: Wenn die Bewirtung funktioniert und sich der Hausherr überdies sehr freigebig zeigt, so ist ihm auch das Lob der Spielleute gewiss. Sie besingen ihn fortan in bester Absicht und verbreiten frohe Kunde, beispielsweise von der Hochzeit Erecs und Enites (2126-2204).[74] Bestätigung findet der Gedanke des willigen muotes, der Bereitschaft zur Freigebigkeit, im Willehalm Wolframs von Eschenbach: Der willige muot sei immer höher anzusehen als das Aufgebot an Speisen – doch was ir williger muot/ vil bezzer danne diu spîse gar (265,8-13).

Die Verbreitung des guten Rufes durch Gäste und Spielleute sowie die damit verbundene Mundpropaganda zur Erhöhung des Ansehens finden sich in deutlichster Form im Rahmen politisch motivierter Mähler, die später im Einzelnen betrachtet werden. Zunächst aber dient die Bereitwilligkeit eines Gastgebers dazu, seine Rechtschaffenheit unter Beweis zu stellen. So berichtet etwa der Erzähler im Wigalois Wirnts von Grafenberg über das vorbildliche Verhalten des Grafen Adan dem Ritter Wigalois gegenüber, nachdem Adan diesen entwaffnet und dessen Wunden gereinigt hat: der grâve truoc im die spîse dar/ vil williclîch; dô nam er war/ daz sîn triuwe und sîn muot/ wider in was ganz unde guot;/ dône hêt er deheinen zwîvel mê (8400-8404).[75] Damit ist das Essen auch Teil des Empfangsrituals: Dem Gast wird Waschwasser gereicht, um sich den Reisestaub und den Schmutz, den die Rüstung hinterlässt, abzuwaschen.[76] Dann hilft man ihm aus der Rüstung und besorgt frische Kleider, bevor der Ankömmling sein Mahl erhält: Den rảm man im do abe twůg/ Den er von isenz male trůc,/ Und lait an sich sinu clait./ Nu was im aldar berait/ Ain pittit manger; er as sa,/ Das hettent sine knappen da,/ Vasant und perdisikin,/ Simel, moras und win,/ Als es die vrǒwan santont dar, berichtet der Erzähler des Willehalm von Orlens Rudolfs von Ems (11139-11147).

Auch die Armenspeisung, von der viele Epen berichten, erhöht den Gastgeber in seiner Ehre. Die Anwesenheit der „Armen“ wird meist vage in der Wendung arme und rîche angedeutet, ohne dass sich näher feststellen ließe, wer genau damit gemeint ist. arme – sind dies Bauern? Sind es Bettler? Angelehnt ist die Wendung arme und rîche an die Ständeordnung der historischen Wirklichkeit; die Wortwahl erinnert an die biblische Sprache. Tatsächlich meint der Begriff rîch(e) die hohe und adlige Abstammung sowie das Vornehme und Gewaltige allgemein.[77] Dem Begriff rîch(e) ist der Begriff arm genau entgegengesetzt: Er bezeichnet demnach nicht nur die Bedürftigen und wirklich Armen, sondern auch die Besitzlosen und Leibeigenen, somit die niedrigeren, unfreien Stände.[78] Wenn die Erzähler also die Wendung arme und rîche gebrauchen, so meinen sei damit die Adligen und ihr Gefolge sowie die ortsansässige Bevölkerung – zumindest die, die innerhalb der Burgmauern lebt.[79] So weisen die Erzähler darauf hin, dass die Menschen, die da etwa gemeinsam feiern oder speisen, nicht von gleichem Stand sind.[80]

Zudem erinnert die Wendung arme und rîche an die Armenspeisung. Sie ist ein christliches Motiv und Gebot, das an späterer Stelle in Bezug auf Herrscherdarstellungen im Rahmen eines Mahles thematisiert wird.[81] So ist sich der Kölner Kaufmann Gerhard im Epos Rudolfs von Ems der Verwerflichkeit seines Tuns durchaus bewusst, als er den Armen schlichte und sogar schlechte Kost geben lässt: sûrez bier und roggîn brôt/ was mîn almuosen für mîn tor,/ swenn ich den armen sach dâ vor (946-948).[82]

Die meisten Autoren sehen die in ihren Epen dargestellten Hausherrn zur Gastfreundschaft verpflichtet: er vuorte sie ûf die burc hin/ und leget allen sînen sin/ und allen sînen vlîz dar an,/ als noch tuot ein vrumer man,/ wie er ir gepflêge wol,/ sam ein wirt lieber geste sol/ zu rechte in sînem hûse pflegen (5827-5833), heißt es im Tristan Heinrichs von Freiberg. Der Erzähler im Trojanerkrieg Konrads von Würzburg weist darüber hinaus auf eine wechselseitige Form der Freude hin: Paris ist ein angenehmer Gast, weil es die Gastgeber, der König und die Königin von Griechenland, an nichts mangeln lassen (20556-20573).

Die gute Bewirtung ist jedoch nicht allein Aufgabe des Hausherrn. So muss das Personal ebenso Regeln beachten. Aufmerksamkeit gehört dazu, wie der Erzähler der Krone später am Beispiel einer klugen Magd darstellt: Vier knappen sie [die Gastgeberin] zuo ir nam/ Und diente im zuo dem ezzen wol,/ Als man lieben gesten sol/ Tuon von miltem moute;/ Dar an sich wohl huote/ Disiu vil reine magt;/ Daz man von truhsæzen sagt,/ Daz sie dâ dicke râtes jehen,/ Dâ sie micheln mangel sehen:/ Der rede hie niht geschach;/ Diu magt dâ niht übersach,/ Ez wære grôz oder swach (20622-20633). Wem die Bedienung des Gastes obliegt, dies ist letztlich eine Frage der Ehre, die der Gastgeber seinem Gast erweisen will. Je höher der Rang des Bedienenden, um so größer ist die Ehre, die dem Bedienten widerfährt. Nimmt die Herrscherin oder der Herrscher die Bedienung selbst vor, etwa das Vorschneiden der Speisen, wird dem Gast die höchste Ehre zuteil.[83] Die Artus-Epiker haben eine Vorliebe für diesen Fall.

Doch auch wenn sich Tochter oder Sohn des Gastgebers um die Bewirtung kümmert, ist dies für den Gast ein Zeichen der Wertschätzung. Das Bei-der-Hand-Führen eines Gastes, etwa zur Tafel oder in seine Herberge, ist eine ebenso häufig geschilderte Form des Ehrerweises, beispielsweise im Orendel: die künigîn nam mit triuwen/ den Grâwen Roc bî sîner hant,/ [er was ein küener wîgant.]/ si fuort in über den hof gedrâte/ in eine schoene kemenâte./ [...] man rihte dem hêren dar ein tisch (1525-1539).[84]

Im Tristan -Roman Gottfrieds von Straßburg befiehlt der Hausherr den Bediensteten, sich um das Wohl des Gastes zu sorgen: sînen gast Rûâlen sazte er sâ/ ze sînem tische und hiez im dâ/ höfschlîche dienen unde wol,/ als man dem höfschen dienen sol (4097-4100). Bei dem Mahl, das allen höfischen Anforderungen entspricht (4051-4113), übernimmt dann auch Tristan, Ziehsohn des Marschalls Rual, die Bedienung. Rual empfindet väterlichen Stolz, als Tristan sie vorbildlich ausführt: ouch az Rûal der guote/ mit willeclîchem muote,/ wan Tristan tete in vröudehaft (4107-4109). Doppeldeutig setzt der Erzähler hinzu: Tristan der was sîn wirtschaft (4110). Zuvor hat Tristan seinen Ziehvater Rual bereits an der Hand zur Tafel geführt (4073-4075).

Im Tristan -Roman Eilharts von Oberge dagegen tritt Tristan an die Tafel König Markes, um dort eine Bitte vorzubringen: Er möchte sich in den Dienst des Herrschers stellen, da er den guten Ruf des Hofes vernommen habe (293-297). Marke gewährt ihm dies, und es findet ein Mahl statt, bei dem der Fürst Tinas von Litan den Truchsess-Dienst verrichtet (303-345): der selbe trogsêze/ was deme koninge lîp genûg:/ der scuzzele he doch nicht en trûg,/ wan in grôzer hôchzît,/ daz vorsach der koning im âne nît;/ wen he was ein forste hôch geborn (316-321). Tinas nimmt Tristan in seine Obhut.[85]

Ziel ist es immer, gute Stimmung bei den Gästen hervorzurufen und somit die höfische vröude zu pflegen. So ruft im Eneasroman auch Evander zur Fröhlichkeit auf, als ein Mahl sein Hilfeversprechen an Eneas besiegelt (172,3-172,22). Der Erzähler aber muss sich stets davor hüten, zu viel von diesem Mahl zu berichten. Der Erzähler im Willehalm von Orlens Rudolfs von Ems tut dies: Von vil ezzens sage ain vraz,/ Joch wảne man gảbe genůc;/ Mit zuhten man das fur si trůc,/ Wan man da hohes můtes pflac (14760-14763). Diese Art der Unterbrechung des eigenen Berichts ist typisch für viele Erzähler.[86]

Ebenfalls zum Gelingen eines Festes gehört die durch den Hausherrn festgelegte Sitzordnung, die bestehende Rivalitäten unter den Gästen überwinden muss.[87] So ist das Mahl zwar als Schutzzone gedacht, doch ist bei Königs- oder Kaiser-Mählern nahezu immer jenes Risiko spürbar, „[...] das besonders dem Feiern und Tafeln in herrschaftlich strukturierten Gruppen anzuhaften scheint[:] Man ortet die Gefahr einer destabilisierenden Wirkung in der Versammlung vieler Teilnehmer, die allesamt dem einen Herrn und Gastgeber verpflichtet, untereinander aber nicht unbedingt verbunden sind, unter Umständen sogar in Konkurrenz und Rivalität stehen und ihre eigenen, unterschiedlich gelagerten Interessen wahrnehmen wollen“.[88]

Die Erstellung einer sinnvollen und den Regeln der Hierarchie, des sozialen Ranges und dem Gebot des Status’ entsprechenden Sitzordnung ist somit ein schwieriges Unterfangen – wie auch in der historischen Realität, in der die Gesellschaft eine Waffen tragende ist.[89] Das Ablegen von Waffen und Rüstung vor einem Mahl wird in den Epen häufig erwähnt. Die Einhaltung der Sitzordnung überwachen der Hausherr selbst oder der Truchsess; mit Hilfe eines Stabes weist dieser den Gästen ihre Plätze zu. Ein Idealgebilde ist die Tafelrunde, eine Erfindung der höfischen Dichter und ein Element der Artus-Epen. Dort kann es keine Rangstreitigkeiten geben: An diesem runden Tisch sitzt jeder in gleicher Würde.[90] Nicht nur mit dieser Erfindung ändern die Autoren das Althergebrachte: Die höfischen Dichter, insbesondere erneut die der Artus-Epen, lassen ihre Figuren gerne in gemischter Reihe oder paarweise speisen – Männer und Frauen sitzen abwechselnd nebeneinander oder einander gegenüber. So kann die minne besser walten.[91] Da an späterer Stelle von der Sitzordnung, dem Errichten des gesidel sowie von der Tafelrunde an sich die Rede ist, seien an dieser Stelle nur zwei Beispiele dafür angeführt.

Im Jüngeren Titurel sitzen Männer und Frauen abwechselnd nebeneinander im Kreis (1820-1824). Diese Sitzordnung birgt durchaus Risiken: Diu minne kan sus weltzen ir kugel spil so wæhe,/ daz liep ze vremden veltzen und vremd zu lieb. ich einweiz, obz da geschehe./ disen wehsel kann die minne werben:/ daz liebe hin, daz vremde her. etslichem bezzer wer ein senftez sterben (1821,1-4). Und weiter: Der ein sich wol erholte siner minne mangel,/ der ander immer wolde nach fremder minne tragen scharfen angel,/ der dritte minne gert in rehter maze./ owe der leiden mere, warf in geluckes rat icht von der saze! (1824,1-4).

Im Wilhelm von Wenden dagegen beweist sich die Herzogin Bene als umsichtige Gastgeberin: Sie sorgt mit ihrer Sitzordnung dafür, dass sich niemand allein gelassen fühlt: die frouwn satzte sie zesamen,/ die fremden und under die kunden,/ durch daz sie trôst da vunden/ und der frâge si niht verdrüzze,/ ieglîch ir vuoge genüzze (7794-7798).

2.5 Speisen als Festereignis

Mit den Worten Brüggens bleibt festzuhalten: „Insbesondere bei der Handhabung der für die zeremonielle Ausgestaltung des Mahles zentralen Faktoren der Bedienung und der Sitzordnung wird erkennbar, daß das Zeremoniell Gegenläufiges zu vereinigen und auszubalancieren versucht: die Darstellung von Rang, Status und Wertschätzung der Anwesenden, die hierarchisch gestuft sind, und den Ausdruck von Übereinstimmung, Gemeinsamkeit und konfliktfreier Homogenität, die diese hierarchische Gliederung transzendiert“.[92] Insgesamt gesehen sind dies die Faktoren, die ein gelungenes Mahl nach höfischen Regeln garantieren und gleichzeitig das unsichere Terrain festlegen, auf dem sich der jeweilige Gastgeber bewegt. Dass eine Mahlesgemeinschaft nicht unbedingt eine Schutzzone ist, werden die Beispiele für gescheiterte Mähler zeigen. Scheitert ein Festmahl, so ist in der Regel eine Fortführung des Festes unmöglich. Stets ist das Festmahl jedoch ein fester und wichtiger Programmpunkt im Verlauf höfischer Feste.

[...] trinket wîn den besten unt minnet wætlîchiu wîp/ Dar zuo gît man iu spîse, die besten, die ie gewan/ in der werlt künec deheiner [...]/ Des rât’ iu belîben (1467,4-1469,1). Mit seinem Rat an Gernot spricht sich Küchenmeister Rumold gegen eine bevorstehende Reise aus. Er lobt das Verbleiben am Hof und entwirft das Bild einer Idylle, in der nichts zum Fortgehen verleitet. Hinter Rumolds Rat verbirgt sich die Vorstellung eines vollendeten höfischen Festes. Seine Anspielung auf die beste Königsspeise, die noch nie zuvor jemand gekostet habe, ist angelehnt an die vielen, hyperbolischen Preisungen der Erzähler, wie gut und überreichlich doch die Speisen an den Tafeln eines Hoffestes sind. Tatsächlich bietet das Nibelungenlied eine Reihe großer Festszenen.

Da in diesem Werk die Festszenen wichtige Stationen im Handlungsverlauf sind und da sich wichtige Ereignisse an den Festtafeln zutragen, soll in Bezug auf das Speisen als Festereignis das Nibelungenlied als Hauptbeispiel gelten. Allerdings sind nicht alle Feste und alle Festmähler als gelungen zu bezeichnen – die gescheiterten mit ihren drastischen Konsequenzen für den Handlungsverlauf sind dann Gegenstand späterer Betrachtungen.

Insgesamt gesehen verfahren die Erzähler sehr verschieden mit dem Einbau von Festszenen und Mähler in ihren Bericht. So treten Mahlesszenen entweder als in sich geschlossene Einheiten auf, die mit dem Herbeitragen der Tafeln, dem Decken dieser Tische oder mit dem Händewaschen beginnen und mit dem Forttragen der Tafeln oder dem erneuten Waschen der Hände enden.[93] Häufig aber fehlen diese Marker.[94] So begreifen die Erzähler ein Festmahl zwar als festen Bestandteil von Hoffesten oder Hoftagen, handeln es dann jedoch nur als Programmpunkt in einer Art Verlaufsprotokoll ab. Der Erzähler des Willehalm von Orlens Rudolfs von Ems etwa liefert eine üppige Schilderung des Festes in Hennegau, bei dem Willehalm die Schwertleite erhält. Doch die Mähler deutet er mit Verweisen auf die frohe Stimmung bloß an (5747-5754, 5831, 5861 und 5881). Auch die anderen Mähler sind kaum mehr als Handlungshintergründe (7537-7545). Gleiches gilt für die Schilderung von König Amilots Hoftag, in dessen Verlauf ebenfalls ein Mahl abgehalten wird. Dafür wird der Palas geschmückt und werden aufwändige Sitzgelegenheiten bereitet (13305-13310). Doch im Vergleich zu den anderen Passagen, die das feierliche Gepräge beschreiben, widmet sich der Erzähler der wirtschaft, die ihrem Ausrichter Ehre bereitet (13619), nur kurz (13611-13619).[95]

Eine anschauliche Festschilderung, insbesondere über die Vorbereitungen für ein Königsmahl, bietet dagegen der Erzähler des Crane Bertholds von Holle (753-810): Crane und sein Gefolge beginnen mit dem Aufbau des gestôle, dann bedienen sie sich der Laken und der goldenen Schalen, die der Kämmerer gebracht hat. Schließlich stellen sie auch den Wein bereit. Brot allerdings, das sonst ebenfalls zur Vorbereitung gehört, fehlt ihnen. Das lässt der König von Ungarn selbst herbeitragen: Auf einem Laken wird ihm dieses vorgeschnitten (754-771). Auch die aufgetragenen Speisen und ihre ausreichende Menge erwähnt der Erzähler: schuldern hônre ind brâden./ sîn legelne wol berâden/ wârn mit spîse in der genôch,/ die men vur den koninc drôch (791-794).

Eine ebenso kompakte Schilderung eines königlichen Festmahls, die viele Aspekte höfischer Normen anspricht, bietet auch Die Heidin (688-714). Die Vorfreude auf das Mahl ist groß: Sich huop ein wunneclîcher schal,/ biz daz man solde ezzen (688-689). Sogleich werden die Tische mit Laken bedeckt, gereicht wird Waschwasser für die Hände (690-693).[96] Der Wirt weist den Gästen ihre Plätze zu; dabei berücksichtigt er die gebotene Sitzordnung (694-699): Alse ez den helden wol zam (694). Dann wendet sich der Erzähler dem tüchtigen Truchsess zu, der es an nichts mangeln lässt, wilt unde zam als auch [...] den besten wîn,/ der in dem lande mohte sîn (700-706). Unterhaltung begleitet das Mahl (707-710). Kurzweil folgt (713-714).

Diese Mahlesszenen aus Crane und der Heidin vermitteln allerdings eher den Eindruck als seien sie nur um der Vollständigkeit Willen eingefügt worden, da ein Mahl nun mal zu einem Fest gehört. Im früheren Nibelungenlied ist dies anders: Hier sind die Festszenen, insbesondere dann das Geschehen rund um die Festmähler, von enorm großer Bedeutung. Dies betont der Erzähler bereits in der ersten Strophe.

2.6.1 Nibelungenlied: Die Reihe der gelungenen Feste

So verspricht er seinem Publikum: Uns ist in alten mæren wunders vil geseit/ von helden lobebæren, von grôzer arebeit,/ von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,/ von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen (1). Damit setzt der Erzähler schon zu Feste Beginn in enge Verbindung mit Freude und Trauer: Er setzt Polaritäten und Kontrasten, deutet Glanz und Schatten höfischen Daseins an.[97] Denn hinter der Fassade des Höfischen regieren Hass, Betrug, Machtgier und Verrat.[98]

Ob von einem gelungenen oder einem gescheiterten Fest berichtet wird, immer gehört ein Mahl zum festlichen Programm. Im Gegensatz zu den anderen Festakten – den Gottesdiensten, Buhurten, Empfängen, Beschenkungen oder den formvollendeten Abschieden – widmet sich der Erzähler des Nibelungenliedes den Mählern allerdings selten ausführlich. Seine Darstellungen sind meist knapp gehalten. Obwohl sich laut Sieglinde Hartmann mit dem Nibelungenlied die Einstellung der Dichter zum Essen deutlich wandelt: So sei hier etwa auch das Amt des Küchenmeisters Rumold von Anfang an in die burgundische Hofhaltung integriert.[99]

Erster Festanlass im Nibelungenlied ist die Schwertleite Siegfrieds (20-43) zur Sonnenwende (31,4). 400 Jünglinge erhebt König Siegmund während der siebentägigen Feierlichkeiten in den Ritterstand. Das Festmahl (37), für das die Sitze bereits aufgestellt worden sind (31,3), beginnt mit der Platzzuweisung. Erlesene Speisen und bester Wein stärken die Turnierteilnehmer: vil der edelen spîse si von ir müede sciet/ unt wîn der aller beste, des man in vil getrouc (37,2-3). Die Mahlzeit gereicht allen zur Ehre; vor allem aber den freigebigen Gastgeber Siegmund lobt der Erzähler: ich wæn’ ie ingesinde sô grôzer milte gepflac (41,4). Damit ist die Tendenz zur Darstellung eines vorbildlichen Königs erkennbar, gezeigt wird ein Territorialhof im Zeichen der Friedensherrschaft.[100] Im Zentrum der Darstellung steht stets die Einführung des Protagonisten Siegfried. Seine Schwertleite ist ein Moment des Friedens: Dem neuen Waffenträger wird der Kreis all derer vorgeführt, gegen die er sein Schwert nicht erheben soll.[101]

In der Wiedergabe von König Gunthers Pfingstfest sind politische Züge deutlicher zu erkennen (265-319), das zur ersten Begegnung von Siegfried und Kriemhild führt und dem der Herrscher als Feier seines siegreichen Feldzugs gegen die Dänen und Sachsen dient. Schauplatz der Begegnung ist der Wormser Hof, der als Idealbild der gesellschaftlich-zivilisatorischen Entwicklung gezeigt wird.[102] Das Fest repräsentiert die Politik der Burgunderkönige. Motiviert ist es durch das Anliegen, eine Herrschaft durchzusetzen und zu erhalten, die sich von Worms ausgehend über ein weites Territorium erstreckt. Als Siegesfest zeugt es auch von militärischer Kraft. Dem Anliegen, dies vorzuführen, schließt sich der Gedanke an, Siegfried mit Hilfe der entflammenden Liebe zu Kriemhild dem Hof dienstbar zu machen.[103] Den politischen Charakter unterstreicht zuletzt der Friedensschluss mit den Gefangenen und Verwundeten, die das Fest miterleben.[104]

Zu Beginn dieser Episode erwähnt der Erzähler das Aufstellen der Sitze, die prächtigsten sind für die 32 vornehmsten Fürsten reserviert (266,1-3). [...] wunne âne mâze, mit vreuden überkraft,/ heten al die liute, swaz man ir dâ vant (270,2-3), damit beschreibt der Berichterstatter die Vorfreude auf das Fest und auf die wirtscaft (270,1). Ebenso freuen sich die burgundischen Krieger trotz ihres Klagens um die Schwerverletzten nach dem erfolgreichen Feldzug auf dieses Ereignis (269,3-4). Dem festlichen Einzug von Königin Ute und ihrer Tochter Kriemhild mit ihrer Jungfrauenschar folgt der Kirchgang (273-299). Die Frauen besuchen anschließend eine zweite Messe (301). Von kurzwîle ist die Rede, vom Lanzenwerfen und dem Umgang mit dem Schild (308), ehe Tage später ein Festmahl stattfindet. König Gunther handelt umsichtig: [...] er hete sich bewegen/ aller slahte scande, die ie künec gewan (309,2-3). Erneut reicht dem Erzähler eine Strophe, um das Mahl zu schildern. Wichtiger ist, dass Gunther seine Gefangenen ohne Lösegeld gehen lässt (316). Damit stellt der König seine Mildtätigkeit unter Beweis: „Das Siegesfest zu Worms ist das Fest eines im Innern wie nach außen maßvollen Friedens“.[105]

Höhepunkt in der Kette der Hoffeste ist die 14-tägige Doppelhochzeit von Siegfried und Kriemhild sowie Gunther und Brünhild in Worms (529-689). Ihre Vorbereitung obliegt den Hofmeistern des Landesherrn, Sindold, Hunold und Rumold: des küniges schaffære man mit arbeiten vand (563,4). Der Palas und die Wände der Wormser Burg werden dekoriert, im Festsaal Tafel und Sitze aufgestellt (565). Zum Festprogramm gehören ein feierlicher Empfang und Waffenspiele (584-586). Dem Zug zur Wormser Burg folgen schließlich weitere Schaukämpfe (596-600). Erst jetzt ist es Zeit für das erste Mahl an der bereits gerichteten Tafel (604). König Gunther geht mit seinen Gästen zu Tisch, seine künftige Gemahlin Brünhild trägt die Krone.

Die folgenden Handlungen schildert der Erzähler nicht mehr aus der eigenen Perspektive. Er beruft sich auf die Berichte anderer: Vil manic hergesidele mit guoten tavelen breit/ vol spîse wart gesetztet, als uns daz ist geseit (605,1-2). Über die Gerichte, die serviert werden, verliert er kein Wort. Lediglich, dass es an nichts gemangelt und der König im Kreise hoher Gäste Platz genommen habe, erscheint ihm wichtig: des si dâ haben solden, wie wênec des gebrast!/ dô sach man bî dem künege vil manigen hêrlîchen gast (605,3-4). Die Kämmerer bringen Wasser in goldenen Schüsseln, mit dem sich die Gäste die Hände reinigen. Gelobt wird die vortreffliche Bedienung (606). Politische Züge fehlen auch diesmal nicht. Nach dem Eheversprechen zwischen Siegfried und Kriemhild (616) nimmt das Paar dem Landesherrn gegenüber Platz – ein Zeichen der Ehre, das die Nibelungen mit einer Huldigung an den Gastgeber beantworten (617). Damit gelingt es, Siegfried an den Hof zu binden. Auch sein Gefolge macht Gunther die Aufwartung.

Wichtig für den visuellen Eindruck beim Publikum ist die Sitzordnung: „[D]as gemeinsame Mahl steht geradezu als Topos für ein Liebes- oder Ehe-Verhältnis“, betont Birgitta Maria Faber.[106] Trinken oder auch Essen des Paares vor Zeugen ist ein Brauchtum – das Paar zeigt sich in der Öffentlichkeit bereits als Tischgemeinschaft, während das spätere Hochzeitsmahl ein rechtlich bedeutsamer Akt der Eheschließung ist. Die Öffentlichkeit wird zur Zeugengemeinschaft. Diesen Aspekt betont Trude Ehlert ebenso und weist nach, dass ein Hochzeitsfest in der Epik gerade dann ausführlich geschildert wird, „[...] wenn es Ziel der Handlung ist und mit ihm ein Friedensschluß markiert oder die Gründung einer Dynastie verbunden wird“.[107] Darüber hinaus spiegelt die Ehe nicht nur die Verbindung von Mann und Frau wider, sondern auch die von Familien und Sippen. Somit wirkt insbesondere das Hochzeitsmahl gemeinschaftsstiftend.[108]

2.5.2 Nibelungenlied: Das fatale Hoffest König Gunthers

Nur vordergründig ist König Gunthers Hoffest Teil eines politischen Schachzuges (756-813). Zwar empfiehlt ihm seine Gattin Brünhild, dieses Fest auszurichten (727-733), um Siegfried an die Vasallenpflicht zu erinnern (728). Doch dient Brünhilds Vorschlag dazu, ihre eigenen Absichten zu verschleiern. Sie täuscht Sehnsucht nach den Verwandten vor. Zögernd stimmt Gunther dem Vorschlag seiner Gemahlin zu. Die Spannung wird bereits in den Szenen zuvor angelegt und aufgebaut, mit dem Fest läuft die Handlungsentwicklung dann mit „fataler Logik“ auf Siegfrieds Tod hinaus.[109]

Der Erzähler berichtet von den Vorbereitungen in Worms: Sitzbänke werden aufgestellt (7754,4). Die Truchsesse und Mundschenke tragen Stühle herbei, die unter Aufsicht der Hofmeister Hunold und Sindold angeordnet werden (776,1-3). Alle Hände voll zu tun hat auch Rumold, der Küchenmeister: Mit großer Mannschaft begibt er sich die Zubereitung der Speisen (777). Dem Empfang der Gäste folgt ein Schauturnier (797), bevor die Angereisten zum Palas geleitet werden. Da der Festlärm überall in Worms zu vernehmen ist, gibt Gunther den Befehl, auch für die Einwohner des Ortes zu sorgen (800). Der Hinweis Dar ûze unt ouch dar inne spîsen man si lie (801,1) könnte zudem eine Armenspeisung andeuten, zumal von der Bewirtung der Wormser Einwohner schon die Rede war. Gunthers Gäste speisen innerhalb und außerhalb der Palasmauern. Jeder Wunsch wird erfüllt, nie zuvor wurden sie so vollendet umsorgt: alles des si gerten, des was man in bereit./ der künec was sô rîche, daz da niemen niht wart verseit (801,3-4).

Die Bedienung an der Tafel erfolgt mit aller Freundlichkeit und, wie der Erzähler – vielleicht vorausdeutend einwirft – âne allen haz (802,1). Der Landesherr nimmt inmitten der Speisenden Platz, Siegfried wird jener Sitz zugewiesen, den er bei seinem letzten Besuch in Worms ebenfalls innehatte – Gunther gegenüber. Von vil manic wætlîcher man wird er dorthin geführt (802,2-4). Insgesamt sitzen 1200 Ritter mit ihm an der Festtafel. Die Bedienung wird als perfekt beschrieben, wenn auch den Mundschenken das eine oder andere Missgeschick mit dem Wein passiert: vil der rîchen kleider wart von wîne naz (804,2). Damit verweist der Erzähler auf den Eifer, mit dem die Bediensteten ihre Arbeit verrichten: dâ wart vil voller dienest mit grôzem vlîze getân (804,4). So endet der erste Festtag, gefolgt von einem zweiten, an dem ebenfalls ein Mahl stattfindet (813,2).

Der Erzähler entwirft ein Bild trügerischen Friedens, das mit dem Streit der Königinnen in der folgenden âventiure zu bröckeln beginnt, während die Handlung auf den Meuchelmord an Siegried zuläuft. Betrachtet man alle bisher aufgeführten Mähler aus dem Nibelungenlied, so finden sich im Umfeld aller Szenen dieser Art Elemente, die politische Absichten erkennen lassen, und somit zur Darstellung des Gastgebers und seiner Macht beitragen. Auch sind Anliegen, etwa das der Herrschaftssicherung, erkennbar. Die Festmähler an sich aber bergen nur Hinweise auf die Vortrefflichkeit ihres Ausrichters. Sie sind mehr Handlungshintergrund als Handlungsstation. Dies ändert sich allerdings mit dem letzten Fest am Hunnenhof, das zur offenen Schlacht eskaliert (1812-2027).

[...]


[1] Der Begriff Publikum bezeichnet größtenteils Zuhörer an den Adelshöfen. Vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur – Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 71994, S. 706f., S. 718 und S. 723. Im Folgenden zitiert: „Bumke: Kultur“.

[2] Vgl. Binding, Günther: Palas, in: Lexikon des Mittelalters, hrsg. v. Robert Auty, Robert-Henri Bautier und Norbert Angermann, 9 Bde., München/Zürich 1980-1998, hier: Bd. VI, Sp. 1631f. Im Folgenden wird das Lexikon des Mittelalters zitiert als „LexMA“ mit dem jeweiligen Band. Vgl. auch Bumke: Kultur, S. 152f.

[3] Bumke: Kultur, S. 13.

[4] Vgl. ebd., S. 18.

[5] Vgl. ebd., S. 280f. Vgl. auch Moraw, Peter: Die Hoffeste Kaiser Friedrich Barbarossas von 1184 und 1188, in: Feste und Feiern im Mittelalter, hrsg. v. Detlef Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, Sigmaringen 1991, S. 70-83, hier: S. 76f.

[6] Bumke: Kultur, S. 24f. Vgl. auch Haupt, Barbara: Das Fest in der Dichtung – Untersuchungen zur historischen Semantik eines literarischen Motivs in der mittelhochdeutschen Epik, Düsseldorf 1989, S. 163.

[7] Brüggen, Elke: Von der Kunst, miteinander zu speisen – Kultur und Konflikt im Spiegel mittelalterlicher Vorstellungen vom Verhalten bei Tisch, in: Spannungen und Konflikte menschlichen Zusammenlebens in der deutschen Literatur des Mittelalters, hrsg. v. Kurt Gärtner, Bristoler Kolloquium 1993 S. 235-249, hier: S. 236f. sowie S. 238-240.

[8] Althoff, Gerd: Fest und Bündnis, in: Feste und Feiern im Mittelalter, hrsg. v. Detlef Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, Sigmaringen 1991, S. 29-38, hier: S. 29 und S. 36. Im Folgenden zitiert: „Althoff: Fest und Bündnis“.

[9] Vgl. Haupt, S. 26.

[10] Vgl. ebd., S. 279.

[11] Roos, Renate: Begrüßung, Abschied, Mahlzeit – Studien zur Darstellung höfischer Lebensweise in Werken der Zeit von 1150 bis 1320, Diss. Bonn 1975.

[12] Wie Anmerkung (Anm.) 1.

[13] Wie Anm. 3.

[14] Marquardt, Rosemarie: Das höfische Fest im Spiegel der mittelhochdeutschen Dichtung (1140-1240), Göppingen 1985.

[15] Schultz, Alwin: Das Höfische Leben zur Zeit der Minnesinger, Bd. 1, Leipzig 21889.

[16] Brot dient im Mittelalter als Unterlage, als Teller gewissermaßen. Vgl. Ehlert, Trude: Kochbuch des Mittelalters, Düsseldorf 2000, S. 20. Im Folgenden zitiert: „Ehlert: Kochbuch“.

[17] Vgl. Schubert, Martin J.: Zur Theorie des Gebarens im Mittelalter – Analyse nichtsprachlicher Äußerung in mittelhochdeutscher Epik – Rolandslied, Eneasroman, Tristan, Köln/Wien 1991, S. 155.

[18] Vgl. Bumke: Kultur, S. 357f.

[19] Wolf, Gerhard: Inszenierte Wirklichkeit und literarisierte Aufführung – Bedingungen und Funktion der „Performance“ in Spiel- und Chroniktexten des Spätmittelalters, in: „Aufführung“ und „Schrift“ in Mittelalter und früher Neuzeit, hrsg. v. Jan-Dirk Müller, Stuttgart/Weimar 1996, S. 381-405, hier: S. 382f.

[20] Vgl. Bumke: Kultur, S. 78 und S. 426.

[21] Das Adjektiv hovebaere (höfisch) ist laut Bumke zum ersten Mal im König Rother belegt. Vgl. ebd., S. 78.

[22] Ebd., S. 80.

[23] Vgl. Hauck, Karl: Rituelle Speisegemeinschaft im 10. und 11. Jahrhundert, in Studium Generale 3 (1950), S. 611-621. Hauck beschäftigt sich ferner mit Mählern, die der Versöhnung von Gildemitgliedern dienen. Zudem betrachtet er Liebesmähler zum Totengedenken, Ostermähler, Gastmähler und Krönungsmähler.

[24] Vgl. Bumke: Kultur, S. 427f.

[25] Vgl. Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 3 Bde., Leipzig 1872-1878/Nachdruck Stuttgart 1970, hier: Bd. 3, Sp. 934f. Im Folgenden zitiert: „Lexer 3“. Vgl. auch Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bde. 33, Nachdruck der ersten Ausgabe, Leipzig/München 1854-1984, hier: Bd. 30, Sp. 662. Im Folgenden wird das Deutsche Wörterbuch zitiert als „DWB“ mit dem jeweiligen Band.

[26] Vgl. DWB 30, Sp. 664.

[27] Ebd., Sp. 663.

[28] Vgl. Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, hier: Bd. 1, Sp. 743. Im Folgenden zitiert: „Lexer 1“.

[29] Vgl. ebd., Sp. 1429: Essen, Imbiss oder Mahlzeit.

[30] Vgl. ebd., Sp. 2015: Gastmahl, Mahlzeit oder Essen zu bestimmter Zeit; verwendet etwa im Parzival (179,14), Salman und Morolf (17,2), im Trojanerkrieg Konrads von Würzburg (20563), im Lohengrin (6881) und im Helmbrecht Wernhers dem Gartenaere (788).

[31] Vgl. Lexer 3, Sp. 933: Haus- und Burgherr, Inhaber eines Wirtshauses.

[32] Vgl. DWB 30, Sp. 661.

[33] Im Folgenden zitiert: Krone.

[34] Vgl. Bumke: Kultur, S. 247.

[35] Das petit mangiere aus der Krone stärkt nicht nur Gawein – auch sein Pferd wird gefüttert. Dass man die Reittiere nicht vergessen soll, betont auch der Erzähler der Heidin (711-712).

[36] Vgl. Roos, S. 359f. Vgl. auch Wenzel, Horst: Ze hove und ze holzeoffenlîch und tougen, in: Höfische Literatur – Hofgesellschaft – Höfische Lebensformen um 1200, Kolloquium am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld, hrsg. v. Gert Kaiser und Jan-Dirk Müller, Düsseldorf 1986, S. 277-300, hier: S. 295. Im Folgenden zitiert: „Wenzel: Ze hove “.

[37] Auch Gansguoter erweist sich zuvor als guter Gastgeber (13084-13102), der eine vorbildliche Mahlzeit zu richten weiß. In seiner Schilderung erwähnt der Erzähler zudem Accessoires wie ein Gold durchwirktes Seidentischtuch (13089-13090) und zwei Wasserbecken (13091-13092).

[38] Vgl. Bumke: Kultur, S. 428. Vgl. auch DWB 3, Sp. 54-57.

[39] Wenzel, Horst: Öffentliches und nichtöffentliches Herrschaftshandeln, in: Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter, hrsg. v. Gerd Althoff, S. 247-260, hier: S. 250. Im Folgenden zitiert: „Wenzel: Herrschaftshandeln“.

[40] Wenzel: Ze hove, S. 286.

[41] Vgl. Bumke: Kultur, S. 425.

[42] Vgl. DWB 32, Sp. 257-263, hier : Sp. 257.

[43] Vgl. Lexer 3, Sp. 1170.

[44] Vgl. DWB 32, Sp. 260. Vgl. auch Bumke: Kultur, S. 425f.

[45] Vgl. ebd., S. 427. Vgl. auch Marquardt, S. 181.

[46] Vgl. Neumann, Gerhard: „Jede Nahrung ist ein Symbol“ – Umrisse einer Kulturwissenschaft des Essens, in: Kulturthema Essen – Ansichten und Problemfelder, hrsg. v. Alois Wierlacher, Gerhard Neumann und Hans Jürgen Teuteberg, Bd. 1, Berlin 1993, S.385-444, hier: S. 401.

[47] Vgl. ebd., S. 389f.

[48] Vgl. Roos, S. 342.

[49] Brüggen, S. 241.

[50] Wenzel: Ze hove, S. 295.

[51] Vgl. Brüggen, S. 244.

[52] Vgl.: Die Ritteridee in der deutschen Literatur des Mittelalters – Eine kommentierte Anthologie, hrsg. v. Jörg Arentzen und Uwe Ruhberg, Darmstadt 1987, S. 11.

[53] Vgl. Bumke: Kultur, S. 246.

[54] Vgl. Marquardt, S. 182f. Vgl. auch Mennel, Stephen: Die Kultivierung des Appetits – Die Geschichte des Essens vom Mittelalter bis heute, Frankfurt am Main 1988, S. 40-45 sowie S. 55-58. Vgl. ferner van Winter, Johanna-Maria: Kochen und Essen im Mittelalter, in: Mensch und Umwelt im Mittelalter, hrsg. v. Bernd Herrmann, Frankfurt am Main 31993, S. 88-100, hier: S.91f.

[55] Vgl. Bauer, Gerd: In Teufels Küche, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. Irmgard Bitsch, Trude Ehlert und Xenja von Ertzdorff, Sigmaringen 1999, S. 127-134, hier: S. 127. Darin auch: Hartmann, Sieglinde: Vom vrâz zum Parnaß – Ein mentalitätsgeschichtlicher Versuch über die Bedeutung der Kochkunst in Mittelalter und früher Neuzeit, S. 117-125, hier: S. 119.

[56] Cormeau, Christoph: Essen und Trinken in den deutschen Predigten Bertholds von Regensburg, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. Irmgard Bitsch, Trude Ehlert und Xenja von Ertzdorff, Sigmaringen 1999, S. 77-83, hier: S. 78f.

[57] Neumann, S. 388.

[58] Vgl. Haupt, S. 147.

[59] Eine ähnliche Belehrung, jedoch mit der Verbindung von Speise als Ausweis des soziales Ritterstandes, hält auch der Erzähler im Wilhelm von Österreich Johanns von Würzburg (11646-11677).

[60] Mit der Sitzordnung etwa ist der Begriff der Huld verknüpft: Die Nähe zum Gastgeber, somit womöglich zum Herrscher, deutet die Gunst an, die der mit dem zugewiesenen Platz gewährt. „Erst wenn man denkt, daß mit der Plazierung an der Tafel eine Rangordnung sichtbar gemacht wurde, werden die zahlreichen Streitigkeiten des Mittealters um die Sitzordnung verständlich, die nicht selten in bewaffneten Auseinandersetzungen eskalierten [...] Die Spielregeln dieser Ordnungen hatte jeder Herr zu achten und seine Huld an dem durch sie vorgegebenen Rahmen auszurichten, wenn er ernsthaften Zwist vermeiden wollte“, führt Gerd Althoff mit Blick auf Fälle der Realhistorie aus. Althoff, Gerd: Huld – Überlegungen zu einem Zentralbegriff der mittelalterlichen Herrschaftsordnung, in: Frühmittelalterliche Studien 25 (1991), S. 259-282, hier: S. 274. Im Folgenden zitiert: „Althoff: Huld“. Zum Abstand an der Tafel: Vgl. ebd., S. 280.

[61] Vgl. Bumke: Kultur, S. 245.

[62] Vgl. ebd., S. 247.

[63] Im Apollonius von Tyrland Heinrichs von Neustadt besänftigt ein Mahl nach alter gewonhait auch den Zorn (12619-12632). Zuvor dienen die Mähler indes ebenso dazu, Leid vergessen zu machen und Kraft zu spenden (1563-1581, 19081-19094). Zudem wird der Wein für seine kraftspendende Wirkung gerühmt (2764-2781). Zorn wird auch im Liet von Troye Herborts von Fritzlâr durch Essen besänftigt (3887-3892).

[64] So verstehen sich mittelalterliche Kochbücher nicht nur als Ratgeber zum Herstellen von Speisen, sondern auch als Ratgeber zur Gesundheit. Vgl. Ehlert: Kochbuch, S. 23.

[65] Den Aspekt des Kraftspendens – in Verbindung mit einem Bad – hebt auch der Erzähler des Lanzelet Ulrichs von Zatzikhoven hervor (1852-1859).

[66] Vgl. Bumke: Kultur, S. 240.

[67] Vgl. ebd., S. 242. Vgl. auch Ehlert: Kochbuch, S. 11.

[68] Eine besonders kunstvoll gestaltete Mahlesszene dieser Art ist das Mahl Gaweins im Hause des Fährmanns Plippalinot, das an späterer Stelle in einer eigenständigen Betrachtung vorgestellt wird.

[69] Haferland, Harald: Höfische Interaktion – Interpretationen zur höfischen Epik und Didaktik um 1200 –Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur, Bd. 10, München 1988, S. 83.

[70] Später sind es nicht mehr der Weise und der Dumme, die satt werden, sondern der Bescheidene und der Fresser (32453-32458). Diese Wendung findet sich auch im Rennewart Ulrichs von Türheim (30972-30980). Dass niemand winken müsse, betonen die Erzähler des Rennewart (32234) und des Jüngeren Titurel Albrechts von Scharfenberg (1829,4) ebenfalls.

[71] Dann gerät das Mahl allerdings außer Kontrolle – Schuld ist der Alkohol (18405-18410).

[72] Vgl. Bumke: Kultur, S. 242-245.

[73] Vgl. Haferland, S. 93.

[74] Das Motiv der Bereitwilligkeit findet sich im Iwein außerdem: 360-369, 2653-2662 und 6545-6554; sowie im Erec: 9963-9970.

[75] So auch im Wigalois (707-717) und ebenso ausdrücklich im Wilhelm von Wenden Ulrichs von Etzenbach (7785-7820). Im Gregorius dagegen erweist sich der Hausherr erst als guter Wirt, nachdem er die Rechtschaffenheit seines Gastes erkannt hat (1877-1881).

[76] Besonders geschätzt wird ein warmes Bad, das vor allem in den Artus-Epen zu den Formen des Ehrerweises an einen Gast gehört. Vgl. Bumke: Kultur, S. 160.

[77] Vgl. Lexer 2, Sp. 416f.

[78] Vgl. Lexer 1, Sp. 92f.

[79] Vgl. Bumke: Kultur, S. 39f.

[80] Vgl. ebd., S. 41.

[81] Die Waschung und das Mahl sind ebenfalls biblisch konnotiert.

[82] Vgl. Bumke: Kultur, S. 241.

[83] Eine solche Bedienung kann allerdings auch als Form der Ausübung im Rahmen der Hofämter durch hohe Adlige erfolgen. Sie werden für den Dienst als Truchsess, Kämmerer, Marschall oder Mundschenk herangezogen. Die sind die vier ,klassischen‘ Hofämter. Vgl. ebd., S. 49.

[84] Eine nahezu identische Schilderung auch in 3496-3509.

[85] An späterer Stelle lässt Eilhart seinen Erzähler von der Flinkheit einiger Hofbediensteter berichten (6405-6413). Im Crane Bertholds von Holle sind es beim Hochzeitsfest von Crane und Acheloyde ebenfalls hohe Adlige, die den Tischdienst versehen (4275-4277).

[86] Hartmann attestiert Rudolf von Ems – und auch Gottfried von Straßburg – dieselbe „kulinarisch-literarische Abstinenz“ wie Hartmann von Aue, der das Verdikt des Verschweigens aufgestellt habe. Vgl. Hartmann, S. 120. Vgl. auch Roos, S. 457.

[87] Vgl. Haferland, S. 101.

[88] Brüggen, S. 238.

[89] Vgl. Althoff: Fest und Bündnis, S. 36.

[90] Vgl. Bumke: Kultur, S. 251. Einzige Ausnahme in der Erklärung der Tradition der Tafelrunde ist der Apollonius von Tyrland Heinrichs von Neustadt, in dem der Erzähler Apollonius zum Erfinder der Tafelrunde erhebt (18727-18840, insbesondere 18763-18766).

[91] Vgl. Bumke: Kultur, S. 254-256.

[92] Brüggen, S. 241.

[93] Das erneute Waschen der Hände nach dem Mahl ist ein Indiz dafür, dass trotz des elitären Rahmen eines höfischen Mahls offenbar mit den Fingern gegessen wird.

[94] Da sowohl das Auf- und Abtragen der Tafel als auch das Waschen der Hände für die Deutung eines Mahls nicht weiter interessant sind, sollen diese Aspekte zukünftig nur noch in Ausnahmefällen erwähnt werden.

[95] So auch beim letzten Festmahl am englischen Hof (14741-14763).

[96] Dies hat hygienische Gründe: Man isst schließlich mit den Fingern. Daher berichtet die Erzähler oft davon, dass auch nach dem Mahl Wasser gereicht wird. Vgl. Bumke: Kultur, S. 269.

[97] Vgl. Haupt, S. 186.

[98] Vgl. Bumke: Kultur, S. 593.

[99] Vgl. Hartmann, S. 121.

[100] Vgl. Haupt, S. 187.

[101] Vgl. Althoff, Fest und Bündnis, S. 37.

[102] Haupt, S. 188.

[103] Vgl. ebd., S. 189.

[104] Vgl. ebd., S. 194.

[105] Ebd., S. 196.

[106] Faber, Birgitta Maria: Eheschließung in mittelalterlicher Dichtung vom Ende des 12. bis Ende des 15. Jahrhunderts, Diss. Bonn, 1974, S. 243f. Dieser Gedanke verbirgt sich auch hinter der Weigerung Enites, mit ihrem Entführer Oringle zu speisen (Erec, 6352-6586). Auch am zweiten Tag des Hochzeitsfestes im Nibelungenlied wird ein Mahl abgehalten, dem wiederum andere Festakte vorausgehen: die Messe (644), die Schwertleiten von 600 jungen Recken (646) und ein Buhurt (657). Dann gehen die Gäste in einem großen Zug zur Tafel: Jeder Bischof führt eine Dame zum Tisch, das Gefolge schließt sich an (658). Über das Mahl an sich wird – abgesehen von der Ungeduld Gunthers (660,1) – nichts berichtet. Weitere Mähler im Verlauf dieser zwei Wochen werden nicht geschildert. Die Festwochen enden mit der Beschenkung der Gäste (689).

[107] Ehlert, Trude: Die Funktion des Hochzeitsfestes in deutscher erzählender Dichtung vornehmlich des 12. und 13. Jahrhunderts, in: Feste und Feiern im Mittelalter, hrsg. v. Detlef Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, Sigmaringen 1991, S. 391-400, hier: S. 393. Im Folgenden zitiert: „Ehlert: Hochzeitsfeste“.

[108] Vgl. ebd., S. 396f.

[109] Vgl. Haupt, S. 201-206.

Ende der Leseprobe aus 153 Seiten

Details

Titel
Die Epiker bitten zu Tisch. Mahlzeiten in mittelalterlichen Texten. Höfische Etikette, Kommunikationsformen und rhetorische Darstellung
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
153
Katalognummer
V38469
ISBN (eBook)
9783638375269
ISBN (Buch)
9783638705646
Dateigröße
1248 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Epiker, Tisch, Mähler, Texten, Kontext, Etikette, Kommunikationsformen, Darstellung
Arbeit zitieren
Jens Alexander Höhner (Autor), 2003, Die Epiker bitten zu Tisch. Mahlzeiten in mittelalterlichen Texten. Höfische Etikette, Kommunikationsformen und rhetorische Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38469

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