Seit vielen Jahrzehnten ist Europa betroffen von krisenbedingten Migrationsbewegungen und damit verbundenen Herausforderungen der Integration. Die größten Migrationsbewegungen unseres Jahrhunderts fanden bisher in den Jahren 2015 und 2016 statt. Das Thema Migration und deren Ursachen bestimmte in den Jahren 2015 und 2016 die Themen der deutschen Medienlandschaft. Auch in den sozialen Medien wurde harsch über die Flüchtlingsbewegungen und deren Bewältigung diskutiert.
Ein Vorwurf gegenüber den Geflüchteten, welchen man in dieser Zeit in sozialen Netzwerken und auf der Straße in Deutschland begegnete, war: "[...] guck Dir diese Flüchtlinge an, die haben Handys, denen geht es doch offensichtlich gut, was wollen die hier bei uns!?" oder "So schlecht kann es denen ja gar nicht gehen, hörte ich einen der Herren sagen. Ich […] lauschte sehr aufmerksam der Begründung zu dieser These. Die laufen ja alle mit Handys herum."
Auch Gerüchte, dass Flüchtlinge kostenlose Smartphones vom Staat erhalten, oder auch deren Handyrechnungen von demselben bezahlt würden, tauchten immer wieder im Netz auf. In dieser Arbeit wollen wir uns ebenso mit diesem Phänomen beschäftigen. Es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung das Smartphone für Migranten hat. Stellt das Smartphone einen unverzichtbaren Gegenstand während und nach der Flucht dar? Wäre demnach dieses Massenflucht-Phänomen ohne Smartphone und somit ohne Navigation, Kommunikation und Information möglich gewesen? Welche Rolle nimmt es im Bereich der Integration im Zielland ein? Ist der Gegenstand Smartphone ein Luxusgegenstand oder ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, der gleichzeitig für Geflüchtete das Fenster zur Vergangenheit und Gegenwart darstellt?
Die Zielgruppe dieser Arbeit sind Migranten aus der Flüchtlingsbewegung von 2015 und 2016, welche entweder über die Balkanroute, oder über den Seeweg von Libyen nach Europa kamen. Um die Bedeutung des Smartphones empirisch zu umfassen und zu verstehen, wurden mit fünf Geflüchteten Interviews geführt und deren Erfahrungen wissenschaftlich und hermeneutisch eruiert. Ein Beitrag zu den heutigen Herausforderungen der Gesellschaft und Weltgemeinschaft.
Inhaltsverzeichnis
1 Exposé
2 Mediendiskurs: Flüchtlinge und Smartphones
3 Smartphones: Zur Relevanz des Medienzugangs
3.1 Mediennutzung der Diaspora in Deutschland
3.2 Digital Divide und das Smartphone als Entwicklungshilfe
4 Flucht 2.0 und Aspekte der Smartphone-Nutzung
4.1 Akteur-Netzwerk-Theorie und mobile Netzwerke
4.2 Datenschutz und Risiken im Smartphonegebrauch
5 Geflüchtete und ihre Smartphones. Eine empirische Analyse
5.1 Erläuterungen zu Methodik
5.2 Interview A, Ahmad
5.3 Interview B, Alim
5.4 Interview C, Yusef und Muhammad
5.5 Interview D, Adil
6 Verdichtung und Interpretation der empirischen Ergebnisse
7 Résumé
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Smartphones für Geflüchtete der Migrationsbewegungen 2015 und 2016. Dabei wird analysiert, ob das Smartphone ein unverzichtbares Werkzeug zur Alltagsbewältigung, Integration und Kommunikation darstellt oder ob es fälschlicherweise als Luxusgegenstand wahrgenommen wird.
- Bedeutung des Smartphones als Kommunikationsinstrument und Werkzeug zur Alltagsbewältigung.
- Analyse des öffentlichen Mediendiskurses über Geflüchtete und deren Smartphone-Nutzung.
- Untersuchung von Risiken wie Datenschutz, Ortung und Überwachungsmechanismen.
- Qualitative empirische Analyse mittels Leitfadeninterviews mit geflüchteten Syrern.
- Vergleich der persönlichen Erfahrungen mit theoretischen medienwissenschaftlichen Konzepten (z. B. Akteur-Netzwerk-Theorie).
Auszug aus dem Buch
Akteur-Netzwerk-Theorie und mobile Netzwerke
Scott Ruston kam 2012 zu dem Ergebnis, dass mobile Medien (hier Smartphones und Mobiltelefone) über fünf einzigartige Affordanzen verfügen, welche diese von anderen Kommunikationsmedien unterscheiden: (1) Ihre Allgegenwärtigkeit und die Möglichkeit diese stets als tragbaren Computer mit dabei zu haben; (2) die Miniaturisierung von Computerkomponenten, bei höherer Rechenleistung und geringerem Strombedarf, zudem sind mobile Endgeräte beweglicher und transportabler; (3) mehr Möglichkeiten der Personalisierung und Konfigurierung (Apps, Widgets) und Identifikations- und Intimitätszuschreibungen des Nutzers;
(4) die technische Vernetzung und Konnektivität gewährleistet einen hohen sozialen Vernetzungsgrad und eine hohe Mediatisierung der realen Räume; (5) die mobilen Medien sind mit einer Lokalisierung der versendeten und empfangenen Daten verbunden, per GPS, WLAN und UMTS Signalen. Diese fünf Eigenschaften sind, für die einzelnen Aspekte der empirischen Analyse, relevant. So lassen sich gewisse Funktionen des Smartphones und Nutzungspraktiken in der Empirie verorten. Die wichtigsten drei Punkte für diese Analyse sind 1, 4 und 5 – die Ubiquität des Smartphones, die Mediatisierung der realen Räume und die permanente Konnektivität mit Sende- und Empfangssignalen (WLAN, GPS, etc.). Wie im Mediendiskurs (Abschnitt 2) und den Artikeln hervorging, ist das Smartphone für Geflüchtete in erster Linie ein Kommunikationsinstrument. Die eben genannten Eigenschaften des Smartphones machen dieses Medium zu einem geeigneten Fluchthelfer und einem nützlichen Werkzeug im Migrationsland. In der Studie Flucht 2.0 wurden Statistiken über die meistgenutzten Funktionen und Umgangsweisen mit dem Smartphone angefertigt. Es sollen hier nochmals die wichtigsten Fakten aufgezeigt werden, da diese für die nachfolgende empirische Analyse und dessen Interpretation wichtig sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Exposé: Einführung in die Problematik der Flüchtlingswelle 2015/2016 und Formulierung der Forschungsfrage zur Bedeutung des Smartphones für Migranten.
2 Mediendiskurs: Flüchtlinge und Smartphones: Analyse der Berichterstattung in deutschen Online-Medien über die Smartphone-Nutzung von Geflüchteten und die dort auftretenden Argumentationsmuster.
3 Smartphones: Zur Relevanz des Medienzugangs: Erörterung der Mediennutzung von Migranten in Deutschland sowie die theoretische Betrachtung der 'Digital Divide' und des Smartphones als Mittel zur Entwicklung.
4 Flucht 2.0 und Aspekte der Smartphone-Nutzung: Theoretische Fundierung durch die Akteur-Netzwerk-Theorie und Diskussion der Gefahren und Risiken bei der Nutzung mobiler Medien.
5 Geflüchtete und ihre Smartphones. Eine empirische Analyse: Darstellung der Methodik und Durchführung qualitativer Leitfadeninterviews mit fünf syrischen Geflüchteten zur individuellen Mediennutzung.
6 Verdichtung und Interpretation der empirischen Ergebnisse: Synthese und kritische Gegenüberstellung der empirischen Interviewergebnisse mit den theoretischen Ansätzen aus den vorangegangenen Kapiteln.
7 Résumé: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfragen und Fazit zur Rolle des Smartphones als Gebrauchsgegenstand im Integrationskontext.
Schlüsselwörter
Smartphone, Flüchtlinge, Migration, Mediennutzung, Kommunikation, Integration, Akteur-Netzwerk-Theorie, Digital Divide, Leitfadeninterview, Geomedien, Datenschutz, Alltagshilfe, Syrien, Vernetzung, soziale Netzwerke.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Smartphones für Geflüchtete während der Flucht und im Integrationsprozess in Deutschland, um den Wahrheitsgehalt öffentlicher Diskurse darüber zu prüfen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Mediennutzung, der kommunikativen Funktion des Smartphones, den damit verbundenen Risiken sowie der soziologischen Einordnung als Alltags- und Integrationswerkzeug.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird der Frage nachgegangen, ob das Smartphone für Migranten unverzichtbar ist, ob es einen Luxusgegenstand darstellt und welche Rolle es bei der Integration im Zielland einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor verwendet einen Methoden-Mix aus Sozial- und Geisteswissenschaften, insbesondere hermeneutische Analysen und qualitative Leitfadeninterviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Analyse zum Mediendiskurs und der Akteur-Netzwerk-Theorie sowie einen umfangreichen empirischen Teil mit fünf Interviews syrischer Geflüchteter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Migration, Smartphone, Kommunikation, Integration, Akteur-Netzwerk-Theorie und die digitale Spaltung (Digital Divide).
Warum ist die Unterscheidung zwischen Luxusgegenstand und Gebrauchsgegenstand wichtig?
Diese Unterscheidung ist zentral, um die Vorwürfe aus dem öffentlichen Diskurs zu entkräften, dass Geflüchtete allein aufgrund ihres Smartphone-Besitzes nicht hilfsbedürftig seien.
Welche Rolle spielt die Akteur-Netzwerk-Theorie bei der Analyse?
Sie hilft, das Smartphone nicht nur als technisches Gerät, sondern als aktiven Bestandteil innerhalb eines Netzwerks aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren zu begreifen.
Wie bewerten die befragten Geflüchteten das Auslesen ihrer Smartphones durch das BaMF?
Überraschenderweise stehen die meisten Interviewten dem Auslesen zur Identitätsfeststellung positiv gegenüber, sofern dies der Sicherheit dient, äußern jedoch vereinzelt Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre.
Stimmt die Annahme, dass das Smartphone für alle auf der Flucht überlebenswichtig war?
Nein, die empirischen Daten zeigen, dass dies nicht pauschal gilt; einige Geflüchtete konnten ihre Flucht auch ohne Smartphone oder nur unter Nutzung von Internetcafés organisieren.
- Arbeit zitieren
- Johannes Micha Kraft (Autor:in), 2017, Medien auf der Flucht. Die Bedeutung des Smartphones für Migranten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384924