Oft reichen ein paar Worte, um die Vorstellung der Menschen anzukurbeln und ein Bild in unser Vorstellungsvermögen zu rufen. Nach diesem Prinzip präsentierte das Magazin ‚STERN‘ vor mehr als zehn Jahren die Fotoausstellung ‚Pictures in our Minds‘. Das Besondere daran war, dass die Ausstellung der 40 bekanntesten Pressefotos keine Fotos zeigte. Anstelle der Bilder, wurden nur die Textbeschreibungen gezeigt. Dennoch: Jeder Besucher konnte die Bilder – dank Vorstellungskraft und Erinnerungsvermögen – ‚sehen‘. Jeder wusste – auch ohne die materielle Vorlage – welches Bild jeweils auf den Textbeschreibungen erläutert wurde.
Bilder sind mächtig. Sie überdauern Jahrhunderte und erzählen Geschichten, die längst vorüber sind. Dass unsere Wahrnehmung und unser Denken visuell bestimmt sind – spielt dem zu. Visuell wahrgenommenes wird leichter erinnert. An den Kniefall von Willy Brandt erinnern wir uns nur deshalb so gut, weil es hiervon Bilder gibt.
Aus der Masse an Bildern, die tagtäglich und weltweit erschaffen werden, stechen einige als besonders ausdrucksstark heraus. Diese Bilder gehen als Symbole ins kollektive Gedächtnis ein. Sie dienen als Repräsentanten von Ereignissen, als Darstellungen von Prozessen und Verankerungen von vielschichtigen Zusammenhängen. Dabei zeigen und schreiben sie selbst Geschichte. Brandts Kniefall ist ein gutes Beispiel dafür, dass dieses Bild – diese Bildikone – die Geschichte nicht nur darstellt, sondern nachhaltig veränderte.
Was aber macht ein Bild zur Ikone der Geschichte, zum Symbol eines historischen Moments, verankert im kollektiven Gedächtnis einer ganzen Gesellschaft? Weiterhin stellt sich die Frage, ob die ursprüngliche inhaltliche Bedeutung einer Bildikone erhalten bleibt, oder ob das Bild sich im Laufe der Zeit verselbstständigt? Können Bilder noch nach Jahrzehnten ihrem ursprünglichen Kontext zugeordnet werden? Mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit und soll hier Antworten liefern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Iconic Turn und Pictural Turn
3. Geschichte der Fotografie – die Erfindung der Fotografie als Voraussetzung für Bildikonen der Pressefotografie
4. Gegenstand der Arbeit
4.1 Definition: Bildikone
4.2 Bildikonen - Clusterbildung
5. Die Macht der Bilder
5.1 Geschichtliche Relevanz
5.2 Gesellschaftliche Relevanz – Schaffung einer gemeinsamen Identität
5.3 Gestik und Mimik: kulturell übergreifend und unmissverständlich? Ein gemeinsamer Kultureller Hintergrund als Voraussetzung einheitlicher Interpretation
5.4 Einordnung in einen Kontext
6. Voraussetzungen für Wahrnehmung und nachhaltige Erinnerung der Bilder
6.1 Vertrautes dient der Identifizierung des Gezeigten
6.2 Aufmerksamkeit der Zuschauer
6.2.1 Unerwarteter Überraschungsmoment als Aufmerksamkeitserhaschend
6.2.2 Bildeinsatz und Bildfunktion der Bilder begründen Erregung der Aufmerksamkeit – Einordnung in Kategorien
6.3 Emotionalisierung der Betrachter
6.4 Veröffentlichung der Bilder – Penetration und Konfrontation im Alltag
6.5 Selektion durch Rezipienten
6.6 Authentizität – Realität und Wahrheitsgehalt
6.6.1 Die Macht der Bilder durch Authentizität und Vermittlung der Realität
6.6.2 Authentizität, Realität und Wahrheit – am Beispiel Kim Phuc
6.7 Stilmittel der Fotografie
6.7.1 Bildaufbau
6.7.2 Personen: Mimik, Gestik
6.7.3 Körpersprache: Pathosformel als Interpretationsvorgabe
6.7.4 Pathos in Handschlag und Händedruck
6.8 Ökonomien der Aufmerksamkeit – Wirtschaftliche Aspekte
6.9 Bewegtbilder in Film und Fernsehen
6.10 Massenproduktion und Verbreitung – als Voraussetzung für hohen Bekanntheitsgrad
7. Bildikonen – Bilder die Geschichte machten
7.1 Der Mann im Mond
7.1.1 Historischer Hintergrund
7.1.2 Ikonisierung: Das Bild der Mondlandung und die Inszenierung der Wissenschaft.
7.2 Der Junge von Warschau
7.2.1 Historischer Hintergrund
7.2.2 Ikonisierung: Symbol des Schreckens
7.3 Der Kniefall von Willly Brandt
7.3.1 Historischer Hintergrund
7.3.2 Ikonisierung: Der Kniefall – Geste der Unterwerfung
7.4 Der Tod des Benno Ohnesorg
7.4.1 Historischer Hintergrund
7.4.2 Ikonisierung: Symbol einer Freiheitsbewegung
7.5 Clinton, Rabin und Arafat – die Versöhnung
7.5.1 Historischer Hintergrund
7.5.2 Ikonisierung: Symbol des Friedens
8. Ungekrönte Thron-Anwärter – Bilder mit Potenzial, denen das „Gewisse Etwas“ fehlt
8.1 Ungebrochenes Pathos: Grundvoraussetzung für Siegesikonen
8.2 The Falling Man
8.2.1 Historischer Hintergrund
8.2.2 Ikonisierung: das Foto des ‚Falling Man‘ wurde dennoch nicht zur Ikone
9. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Wirkung von Bildikonen der Pressefotografie. Dabei wird analysiert, welche Faktoren – von der historischen Bedeutung über ästhetische Stilmittel bis hin zur ökonomischen Verbreitung – ein Bild dazu befähigen, in das kollektive Gedächtnis einzugehen und Geschichte nachhaltig zu prägen.
- Funktionsweise und Definition von Bildikonen.
- Die Macht der visuellen Kommunikation und affektive Bildwirkung.
- Bedeutung von Kontext, Authentizität und Körpersprache (Pathosformeln).
- Analyse historischer Bildikonen wie dem Kniefall von Willy Brandt oder dem Jungen von Warschau.
- Kriterien, warum manche Bilder trotz Potenzials nicht zur Ikone werden (z. B. "The Falling Man").
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Werter Leser, erlauben Sie mir ein Experiment. Der folgende Bilderrahmen bietet Platz für das Bild des in Warschau knienden Willy Brandt. Bitte betrachten Sie diese historische Fotografie einen Moment:
Nur ein graues Feld mit Rahmen und etwas Text – was nehmen Sie wahr? Sehen Sie Willy Brandt kniend in Warschau? Oft reichen ein paar Worte, um die Vorstellung der Menschen anzukurbeln und ein Bild in unser Vorstellungsvermögen zu rufen.
Nach diesem Prinzip präsentierte das Magazin ‚STERN‘ vor mehr als zehn Jahren die Fotoausstellung ‚Pictures in our Minds‘. Das Besondere daran war, dass die Ausstellung der 40 bekanntesten Pressefotos keine Fotos zeigte. Anstelle der Bilder, wurden nur die Textbeschreibungen gezeigt. Dennoch: Jeder Besucher konnte die Bilder – dank Vorstellungskraft und Erinnerungsvermögen – ‚sehen‘. Jeder wusste – auch ohne die materielle Vorlage – welches Bild jeweils auf den Textbeschreibungen erläutert wurde.
Diese Ausstellung – ebenso wie mein kleines Experiment – sollte verdeutlichen, dass Bilder sich dauerhaft als Symbole in unseren Köpfen verankern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Macht der Bilder als Symbole im kollektiven Gedächtnis anhand des Experiments mit Willy Brandts Kniefall.
2. Iconic Turn und Pictural Turn: Erläuterung des Wandels der modernen Gesellschaft hin zur visuellen Kultur, in der Bilder zum eigenständigen Zeichensystem werden.
3. Geschichte der Fotografie – die Erfindung der Fotografie als Voraussetzung für Bildikonen der Pressefotografie: Analyse der Fotografie als Dokumentationsmedium und Abgrenzung zu künstlerischen Zeichnungen.
4. Gegenstand der Arbeit: Definition von Bildikonen und deren Einordnung in Cluster oder Kategorien.
5. Die Macht der Bilder: Untersuchung der affektiven Bildwirkung und der geschichtlichen sowie gesellschaftlichen Relevanz für kollektive Identitäten.
6. Voraussetzungen für Wahrnehmung und nachhaltige Erinnerung der Bilder: Detaillierte Betrachtung von Faktoren wie Aufmerksamkeit, emotionaler Wirkung, Authentizität und stilistischen Gestaltungsmitteln.
7. Bildikonen – Bilder die Geschichte machten: Fallbeispiele historischer Ikonen, ihre Hintergründe und die Mechanismen ihrer Ikonisierung.
8. Ungekrönte Thron-Anwärter – Bilder mit Potenzial, denen das „Gewisse Etwas“ fehlt: Analyse von Bildern, die trotz hoher dramatischer Intensität keine Ikonen wurden.
9. Zusammenfassung und Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Faktoren, die zur Ikonisierung führen, und Bestätigung der aktiven geschichtsgestaltenden Kraft von Bildern.
Schlüsselwörter
Bildikonen, Pressefotografie, Visuelle Kommunikation, Kollektives Gedächtnis, Pathosformel, Bildanalyse, Authentizität, Historische Momente, Bildwirkung, Iconic Turn, Mediale Inszenierung, Geschichte, Symbolik, Wahrnehmung, Fotografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie bestimmte Pressefotos zu sogenannten "Bildikonen" werden, die sich tief in das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft einprägen und Geschichte nicht nur abbilden, sondern aktiv mitgestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Grundlagen der visuellen Kultur, die psychologischen und medientechnischen Voraussetzungen für die Bildwirkung, die Rolle von Körpersprache und Inszenierung sowie die ökonomischen Aspekte der Nachrichtenverbreitung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die spezifischen Faktoren zu identifizieren, die ein Foto von einem gewöhnlichen Bild zu einer historischen Ikone transformieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive und integriert Ansätze aus der Kunstgeschichte, insbesondere die Lehre der Pathosformeln nach Aby Warburg, sowie bildwissenschaftliche Theorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Ikonen durch Authentizität, Selektionsmechanismen der Medien und die Verknüpfung von Bildern mit gesellschaftlich relevanten Identitätsdiskursen. Zudem werden konkrete Ikonen wie der Kniefall von Willy Brandt mit Bildern verglichen, die trotz hohen Potenzials nicht zu Ikonen wurden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildikone, kollektives Gedächtnis, Authentizität, Pathosformel, visuelle Rhetorik und mediale Inszenierung.
Warum wurde "The Falling Man" laut der Arbeit keine Ikone?
Obwohl das Foto ein technisches Meisterwerk ist, fehlte ihm die gesellschaftliche Akzeptanz, da es als zu verstörend und intim wahrgenommen wurde und die tabuisierte Darstellung des Todesmoments einer Privatperson mit den Erwartungen der Öffentlichkeit kollidierte.
Welche Rolle spielt der "Kniefall von Warschau" im Text?
Der Kniefall dient als zentrales Paradebeispiel für eine Geste, die durch die mediale Verbreitung und die christliche Ikonografie (Demut/Reue) zu einem globalen Symbol für Versöhnung und einen historischen Wendepunkt wurde.
- Arbeit zitieren
- Anja Hornbostel (Autor:in), 2011, Bilder, die Geschichte machten. Ikonen der Zeitgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384930