Bilder, die Geschichte machten. Ikonen der Zeitgeschichte


Akademische Arbeit, 2011
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Iconic Turn und Pictural Turn

3. Geschichte der Fotografie – die Erfindung der Fotografie als Voraussetzung für Bildikonen der Pressefotografie

4. Gegenstand der Arbeit
4.1 Definition: Bildikone
4.2 Bildikonen - Clusterbildung

5. Die Macht der Bilder
5.1 Geschichtliche Relevanz
5.2 Gesellschaftliche Relevanz – Schaffung einer gemeinsamen Identität
5.3 Gestik und Mimik: kulturell übergreifend und unmissverständlich? Ein gemeinsamer Kultureller Hintergrund als Voraussetzung einheitlicher Interpretation
5.4 Einordnung in einen Kontext

6. Voraussetzungen für Wahrnehmung und nachhaltige Erinnerung der Bilder
6.1 Vertrautes dient der Identifizierung des Gezeigten
6.2 Aufmerksamkeit der Zuschauer
6.2.1 Unerwarteter Überraschungsmoment als Aufmerksamkeitserhaschend
6.2.2 Bildeinsatz und Bildfunktion der Bilder begründen Erregung der Aufmerksamkeit – Einordnung in Kategorien
6.3 Emotionalisierung der Betrachter
6.4 Veröffentlichung der Bilder – Penetration und Konfrontation im Alltag
6.5 Selektion durch Rezipienten
6.6 Authentizität – Realität und Wahrheitsgehalt
6.6.1 Die Macht der Bilder durch Authentizität und Vermittlung der Realität
6.6.2 Authentizität, Realität und Wahrheit – am Beispiel Kim Phuc
6.7 Stilmittel der Fotografie
6.7.1 Bildaufbau
6.7.2 Personen: Mimik, Gestik
6.7.3 Körpersprache: Pathosformel als Interpretationsvorgabe
6.7.4 Pathos in Handschlag und Händedruck
6.8 Ökonomien der Aufmerksamkeit – Wirtschaftliche Aspekte
6.9 Bewegtbilder in Film und Fernsehen
6.10 Massenproduktion und Verbreitung – als Voraussetzung für hohen Bekanntheitsgrad

7. Bildikonen – Bilder die Geschichte machten
7.1 Der Mann im Mond
7.1.1 Historischer Hintergrund
7.1.2 Ikonisierung: Das Bild der Mondlandung und die Inszenierung der Wissenschaft.
7.2 Der Junge von Warschau
7.2.1 Historischer Hintergrund
7.2.2 Ikonisierung: Symbol des Schreckens
7.3 Der Kniefall von Willly Brandt
7.3.1 Historischer Hintergrund
7.3.2 Ikonisierung: Der Kniefall – Geste der Unterwerfung
7.4 Der Tod des Benno Ohnesorg
7.4.1 Historischer Hintergrund
7.4.2 Ikonisierung: Symbol einer Freiheitsbewegung
7.5 Clinton, Rabin und Arafat – die Versöhnung
7.5.1 Historischer Hintergrund
7.5.2 Ikonisierung: Symbol des Friedens

8. Ungekrönte Thron-Anwärter – Bilder mit Potenzial, denen das „Gewisse Etwas“ fehlt
8.1 Ungebrochenes Pathos: Grundvoraussetzung für Siegesikonen
8.2 The Falling Man
8.2.1 Historischer Hintergrund
8.2.2 Ikonisierung: das Foto des ‚Falling Man‘ wurde dennoch nicht zur Ikone

9. Zusammenfassung und Fazit

10. Literatur

1. Einleitung

Werter Leser, erlauben Sie mir ein Experiment. Der folgende Bilderrahmen bietet Platz für das Bild des in Warschau knienden Willy Brandt. Bitte betrachten Sie diese historische Fotografie einen Moment:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Willy_Brandt_Square_02.jpg, by Rotatebot via Wikimedia Commons

Nur ein graues Feld mit Rahmen und etwas Text – was nehmen Sie wahr? Sehen Sie Willy Brandt kniend in Warschau? Oft reichen ein paar Worte, um die Vorstellung der Menschen anzukurbeln und ein Bild in unser Vorstellungsvermögen zu rufen.

Nach diesem Prinzip präsentierte das Magazin ‚STERN‘ vor mehr als zehn Jahren die Fotoausstellung ‚Pictures in our Minds‘. Das Besondere daran war, dass die Ausstellung der 40 bekanntesten Pressefotos keine Fotos zeigte. Anstelle der Bilder, wurden nur die Textbeschreibungen gezeigt. Dennoch: Jeder Besucher konnte die Bilder – dank Vorstellungskraft und Erinnerungsvermögen – ‚ sehen ‘. Jeder wusste – auch ohne die materielle Vorlage – welches Bild jeweils auf den Textbeschreibungen erläutert wurde.

Diese Ausstellung – ebenso wie mein kleines Experiment – sollte verdeutlichen, dass Bilder sich dauerhaft als Symbole in unseren Köpfen verankern.

Bilder sind mächtig. Sie überdauern Jahrhunderte und erzählen Geschichten, die längst vorüber sind. Dass unsere Wahrnehmung und unser Denken visuell bestimmt sind – spielt dem zu. Visuell wahrgenommenes wird leichter erinnert. An den Kniefall von Willy Brandt erinnern wir uns nur deshalb so gut, weil es hiervon Bilder gibt.

Aus der Masse an Bildern, die tagtäglich und weltweit erschaffen werden, stechen einige als besonders ausdrucksstark heraus. Diese Bilder gehen als Symbole ins kollektive Gedächtnis ein. Sie dienen als Repräsentanten von Ereignissen, als Darstellungen von Prozessen und Verankerungen von vielschichtigen Zusammenhängen. Dabei zeigen und schreiben sie selbst Geschichte. Brandts Kniefall ist ein gutes Beispiel dafür, dass dieses Bild – diese Bildikone – die Geschichte nicht nur darstellt, sondern nachhaltig veränderte.

Was aber macht ein Bild zur Ikone der Geschichte, zum Symbol eines historischen Moments, verankert im kollektiven Gedächtnis einer ganzen Gesellschaft?

Weiterhin stellt sich die Frage, ob die ursprüngliche inhaltliche Bedeutung einer Bildikone erhalten bleibt, oder ob das Bild sich im Laufe der Zeit verselbstständigt? Können Bilder noch nach Jahrzehnten ihrem ursprünglichen Kontext zugeordnet werden?

Mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit und soll hier Antworten liefern.

2. Iconic Turn und Pictural Turn

Die Welt des Fernsehens bietet uns Hunderte von Kanälen. Kinos bieten Großbildleinwände. Das Internet präsentiert uns selbstgedrehte Videos aus der ganzen Welt und sogar mobile Endgeräte können aufzeichnen und Kurzfilme fast in Echtzeit um den Globus schicken. Eine Flut von Bildern prescht tagtäglich auf uns ein. Wir leben in einem Jahrhundert der Bilder. Dies wird vor Allem in der Anzahl der Bilder deutlich; durch die Massenproduktion und Verbreitung mittels moderner Medien. „Bilder sind zu einem zentralen, nicht mehr wegzudenkendem Faktor in Wirtschaft und Werbung, in Medizin und Wissenschaft, in Politik und Nachrichtenkommunikation […] geworden. (Paul, 2011, S.7)“

Gottfried Boehm erklärte 1994, dass die moderne Gesellschaft sich schon seit dem 19. Jahrhundert im Prozess der visuellen Wende befindet – und Bildwissenschaftler sind sich einig: spätestens seit Mitchell den Iconic Turn ausgerufen hat, werden Bilder längst nicht mehr als bloße Illustration eines Nachrichtentextes eingesetzt. Die Welt der Bilder ist zu einem eigenen, eigenständigen Zeichensystem geworden. Wir befinden uns inmitten eines Visualisierungstrends.

Doch nicht nur die quantitative Anzahl der Bilder prägt dieses Zeitalter. Aus dieser Bilderflut stechen einzelne, qualitativ sehr hochwertige Bilder hervor: Bildikonen, die sich dauerhaft in unser Gedächtnis einbrennen.

Bilder, die Geschichte geschrieben haben – und immer noch schreiben. Dabei bieten vor Allem Kriege und Umbruchstimmungen idealen „Nährboden für die Entstehung dieser Bildikonen (Reiche, 2011, S. 16).

Wendepunkte im gesellschaftlichen Miteinander bieten die Basis für Motive, die den Betrachter aufgrund „ affirmativen Qualitäten ansprechen und sich in besonderem Maße als Projektionsfläche für kollektive Identifikation, Hoffnungen aber auch Ängste eignen. (ebd.).“

Die meisten Bilder verfehlen ihre Wirkung bis heute nicht – fungieren als Instrumente der Gesellschaftskritik und Repräsentanten der Gesellschaftsveränderung.

3. Geschichte der Fotografie

– die Erfindung der Fotografie als Voraussetzung für Bildikonen der Pressefotografie

Historische Momente sind Augenblicke im Leben, die etwas verändern, bewegen – einen Umbruch kennzeichnen. Im Nachhinein wollen wir aus unserer Geschichte lernen, Fehler nicht erneut begehen, das Leben besser gestalten, uns weiter entwickeln. Grundlegend in der Geschichtsaufzeichnung ist dabei die Dokumentation der historischen Momente.

Die bildhafte Darstellung spielt hier eine essenzielle Rolle. Diese Visualisierung unseres Lebens – unserer Geschichte – passiert seit vielen Jahrhunderten. Zeichner, Maler und Bildhauer verewigten Taten der großen „ Helden und Götter auf griechischen Vasen, die Siege römischer Feldherren auf Triumphbögen, die Kreuzigung Christi auf Tafelgemälden (Vorsteher, 2009, S. 10).“ Sie alle zeugen visuell von historischen Momenten, „ die für die Geschichtskonstruktionen von Gemeinschaften und Staaten notwendig zu sein scheinen (ebd.).“

Allerdings unterliegen diese Darstellungen der persönlichen Deutung der Künstler. Mitunter wurden sogar rein fiktive Ereignisse verewigt. Wenn aber die Mehrheit einer Gesellschaft das Werk des Künstlers – sowie dessen individuelle Deutung – „als eine gültige Überlieferung akzeptierte, wurden Interpretationen und Fiktionen allmählich denkungsgleich zu einer Erzählung darüber, ‚wie es wirklich war‘ (ebd.)“

Dabei können Gemälde oder Skulpturen nur zeigen, was sich nicht verändert. So konnten zwar Orte, aber keine Menschen und erst recht keine Situationen realitätsnah dargestellt werden. Es fehlte die Unmittelbarkeit, die zeitliche Nähe zum historischen Ereignis.

Durch die Erfindung der Fotografie sollten sich diese Umstände ändern. Auch wenn es einige Jahre dauerte, bis sich die Fotografie tatsächlich in der Gesellschaft etabliert hatte. Obgleich die Fotografie im Grunde nichts anderes ist, als ein Gemälde: das Abbild eines Ereignisses.

Doch die Darstellung historischer Momente mittels Fotografien sind im Gegenzug zu denen mittels Zeichnungen oder Gemälden aus Sicht der Betrachter keine Fiktion oder Interpretation des Erschaffers. Die Fotografie nahm, vor allem in ihren Anfängen, als Bilder noch nicht beliebig manipuliert wurden, „das bestechende Argument der Authentizität und der Wahrhaftigkeit des Abgebildeten in Anspruch […] (ebd.).“

Die Menschen glaubten, was sie sahen.

4. Gegenstand der Arbeit

4.1 Definition: Bildikone

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Bildern, die Geschichte machten – Ikonen der Pressefotografie. Bei diesen Bildern handelt es sich um solche, „die aufgrund ihrer Häufigkeit, der Dauer und der Streuung ihrer Publikation einen hohen Bekanntheitsgrad besitzen, […] auf die Betrachter eine besondere emotionale Wirkung ausüben und zeitgenössisch national oder global als kognitive und/oder emotionale Leitbilder fungieren (Paul, 2009, S. 29).“

Dabei sind Bildikonen einzigartig, nicht austauschbar. Selbst wenn Bildserien eines Ereignisses existieren, steigt doch nur ein einziges dieser Dokumente zur Ikone auf.

Bildikonen sind das Abbild eines besonderen Ereignisses im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft, verleihen diesen Ereignissen eine Identität. Ereignisse und deren Abbilder sind untrennbar mit unserer Wahrnehmung, unserer Erinnerung und der Deutung der Geschehnisse verbunden.

Was genau eine Bildikone ausmacht, welche Faktoren ein Foto vereinen muss, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

4.2 Bildikonen - Clusterbildung

Die Literaturwissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach und der Kommunikationswissenschaftler Reinhold Viehoff erläutern, dass Pressefotografien „erst dann zu Medienikonen werden, wenn sie […] verschiedene ökonomische, politische, soziale und spezifische mediale Motive integrieren (ebd., S. 34) .“

Nachdem die Inszenierung in verschiedenen Medien, die Platzierung in Kunst und Kultur sowie die Verbreitung im Alltagsleben der Gesellschaft stattgefunden hat, können Bildikonen in Kategorien eingeordnet werden.

Nach Funktion, Inhalt und Wirkung ist zwischen folgenden Medienikonen zu unterscheiden, wobei auch hier die Trennungslinien fließend sind:

- Superikonen: die über „ Kulturen, Generationen und Schichten hinweg bekannt, vermittelt und wirksam sind. Vielfach handelt es sich hierbei um ältere künstlerische Bildschöpfungen wie Michelangelos Pietà […] oder Fotografien wie das Bild des Atompilzes von Hiroshima (ebd., S. 29) .“
- Ereignisikonen: repräsentieren „herausragende politische und kulturelle Ereignisse, Attentate, Katastrophen (ebd.) wie das Attentat auf John F. Kennedy oder den Angriff auf die Zwillingstürme
- Politisch-Personale Ikonen: sind „Herrscher-, Führer- und Politikerbilder des 20. Jahrhunderts, die an kein besonderes Ereignis gebunden sind (ebd.) .
- Popikonen: Filmstars und Ikonen der Musikindustrie, Sexikonen wie Marylin Monroe, Zeichentrickfiguren aber auch Leitfiguren wie Che Guevara und die Medienprinzessin Diana
- Sowie Werbeikonen wie die Coca-Cola-Flasche, soziale Ikonen wie Mutter Teresa

5. Die Macht der Bilder

Gerade im Zuge der neuen Medien haben Bilder eine ganz neue Machtstellung erhalten. Bilder üben auf ihren Betrachter Einfluss aus – sie lenken Gefühle und Gedanken, wirken nachhaltig auf die Psyche, „ ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, rufen Emotionen hervor, beeinflussen unser Weltbild und prägen sich dem Gedächtnis ein (Ballstaedt, 2006, S. 4,).“

Begründen lässt sich diese Wirkung der Bilder mit „der prärationalen Natur der visuellen Wahrnehmung, die neuropsychologisch eng mit Emotionen verbunden ist. Die affektive Wirkung des Bildes ist unmittelbarer als beim Wort. Sprache verfügt im Gehirn über eigene Areale der Verarbeitung, Bilder hingegen nicht, sie werden in denselben Arealen verarbeitet wie Wahrnehmungen der Wirklichkeit (ebd., S. 5).“

Wir können davon ausgehen, dass vor Allem unser visuelles Wissen langfristig gespeichert wird. Visuelles Wissen - „ Erfahrungs-, Erinnerungs- und Vorstellungswissen (Meckel, 2001, S.30)“ – prägt die „ kognitive und kommunikative Sozialisation des Menschen (ebd.)“ und damit das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft.

5.1 Geschichtliche Relevanz

Immer wieder passieren in der Welt Ereignisse, die die Menschheit bewegen, beeindrucken oder verängstigen. „ Solche Zeitmarkierungen können ein Wendepunkt, ein Neuanfang oder der Endpunkt einer Entwicklung sein. Man spricht dann gern von einem historischen Moment (Vorsteher, 2009, S. 10).“

Wir Menschen brauchen unsere Geschichte, unsere Kultur. Wir wollen verstehen, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen.

Unsere Geschichte formt unsere Gesellschaft, unser aller Leben, Denken und Handeln – sie bestimmt die Identität unserer Nation. Geschichte wahrt das vorhandene Wissen aus der Vergangenheit der Menschen, verbreitet und vermehrt es. Dabei entstehen immer wieder neue Quellen und Sichtweisen auf die Vergangenheit aus denen immer neue Erkenntnisse erzielt werden können.

Wir brauchen unsere Geschichte und die Nachrichtenberichterstattung, um zu lernen. Um uns an Geschehen dauerhaft zu erinnern und passierte Fehler nicht erneut zu begehen. Genau deswegen brauchen wir Bilder unserer Geschichte.

Fotos sollen uns helfen, uns zu erinnern. Viele Menschen können sich nachhaltig an Bilder erinnern – selbst wenn sie diese – Jahre später – nicht mehr zu ihrem eigentlichen Entstehungskontext zuordnen können.

Dabei sind es vor Allem Umbruchsituationen in einem Land, Stimmung einer ganzen Nation, Kriege mit extremen Ausmaßen, die in die Geschichtsschreibung eingehen. Aber auch Werbeikonen wie Meister Propper oder die Coca Cola, Popikonen wie Michael Jackson oder Politisch-Personale Ikonen wie Willy Brandt spielen in unserer Kultur eine entscheidende Rolle. Sie sind es, die die Kultur und Mentalität der Gesellschaft beeinflussen und bilden.

Erwartungsgemäß generieren genau die Schwellenmomente und Umbruchsituationen, Katastrophen und Kriege von epochaler Bedeutung, mediale Ikonen.

Die Geschichte ist maßgebender Faktor, der Ikonen bildet. Ohne den ursprünglichen, historischen Kontext kann keine Bildikone entstehen.

5.2 Gesellschaftliche Relevanz – Schaffung einer gemeinsamen Identität

Die visuellen Reproduktions- und Kommunikationsmedien prägen das 20. Jahrhundert. Zum einen hat diese Epoche selbst die visuellen Medien hervor gebracht – andererseits liefern nun diese Medien das Rohmaterial, „an das sich das kulturelle Gedächtnis heftet und mit dem Geschichte modelliert wird. Durch ihren Charakter als Speichermedien haben sie zugleich die Erinnerung an dieses Jahrhundert geformt und Geschichte gemacht […]: ‚Das, was wir über unsere Vergangenheit wissen, wissen wir durch die visuellen Massenmedien.‘ (Paul, 2009, S. 32)“

Dabei hat jede Gesellschaft ihre eigene Geschichte, einen eigenen kulturellen Hintergrund – und ihre eigenen Bilder, die von dieser Geschichte zeugen und damit ihr Selbstbild stabilisieren und vermitteln. Eine Gesellschaft besitzt ein „ kollektiv geteiltes Wissen über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt (ebd., S. 33).“

Damit sind Bilder nicht nur individuelle Erinnerungen einzelner Personen. Ebenso wenig entstehen Bildikonen aus Schicksalen einzelner Personen.

Ein Mord zum Beispiel, hat eine Vorgeschichte: Wenn ein Mann aus Eifersucht seine Frau umbringt – ist dies ein tragisches Einzel-Schicksal, das zwar in den Medien veröffentlicht wird – nach wenigen Tagen aber sicher von den meisten vergessen wird. Auch aus den historischen Hintergründen der Bilder, die später in dieser Arbeit vorgestellt werden, wird deutlich dass es Bildikonen niemals Einzelschicksale repräsentieren.

Stattdessen legt sich der Bilderkanon einer Gesellschaft wie ein Rahmen um die Geschichte und verleiht ihr eine Ordnungsstruktur. Er gibt der Gesellschaft „ Geformtheit, Geschlossenheit, Identität und eine Vorstellung von sich selbst (ebd.).“

5.3 Gestik und Mimik: kulturell übergreifend und unmissverständlich? Ein gemeinsamer Kultureller Hintergrund als Voraussetzung einheitlicher Interpretation

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Bildikonen kulturübergreifend verständlich sind? Gibt es Bildinhalte, die überall auf der Welt gleich verstanden und interpretiert werden können?

Gerade Bildikonen, die um die ganze Welt gehen sollen – müssen kulturell verständlich sein. Körpersprache ist aber „ stark kulturabhängig (Schmauks, 2004, S.81)“ und kann von den unterschiedlichsten Personen ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Mimik allerdings kann durchaus grundlegende „ Emotionen wie Freude oder Wut ausdrücken (ebd.).“ Die meisten dieser Ausdrücke sind angeboren, nicht erlernt. Ein Lächeln wird also von den meisten Betrachtern als sympathisch gedeutet – ein Ausdruck von Freude und Glück – Stirnrunzeln hingegen wird als Verärgerung oder Unsicherheit interpretiert.

Bis zu einem gewissen Grad sei die Darstellung durch bildliche Zeichen also sehr ausdrucksstark – „der Einsatz von Bildern in wohldefinierten Kontexten [ würde ] durchaus zur Kommunikation (ebd.)“ beitragen.

Unmöglich aber sei es, „ abstraktere Objekte darzustellen, temporale und modale Aspekte auszudrücken oder auf einer Metaebene über ihr eigenes Darstellungsverfahren zu informieren (ebd.) .“

Bildern allein würde jegliche Syntax fehlen: Die Aneinanderreihung und Kombination einzelner Zeichen sei nicht von sich aus verständlich – vielmehr muss sie sprachlich erläutert werden.

Das Verstehen von Bildern setzt „etliche Gemeinsamkeiten zwischen Sender und Empfänger (ebd.) voraus – Sender und Empfänger müssen eine ähnliche Wahrnehmungsfähigkeit aufweisen. Dieser begründet sich meist aus einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund heraus.

Bildikonen aber müssen verständlich und für möglichst viele Betrachter eindeutig verständlich sein. Aus den eben gewonnen Erkenntnissen erschließt sich: nur wenn Bilder Regeln folgen; bestimmte Gesichtsausdrücke aufweisen, bestimmten Handlungsmustern folgen, sind sie eindeutig für jeden Betrachter jedweder Kultur interpretierbar.

So entstehen Bildikonen: bewegende Momente, weltweit lesbar, kultur- und zeitübergreifend.

5.4 Einordnung in einen Kontext

Es scheint sicher, dass „Medien zunehmend visuell kommunizieren und diese primär visuellen Medien-botschaften auch rezipiert werden (Knieper, 2003, S. 193).“

Auch wurde erklärt, dass Bilder eine hohe Macht auf ihre Rezipienten haben und sie „ Informationen sehr viel unmittelbarer vermitteln können als sprachliche Beschreibungen (ebd.).“

Dennoch muss auch erwähnt werden, dass Bilder ohne kontextuale Einordnung vieldeutig interpretierbar bleiben – vor allem wenn sie in unterschiedlichen Kulturkreisen betrachtet und interpretiert werden sollen. „ Häufig wird die Künstlichkeit von Bildern von Teilen des Publikums nicht erkannt (ebd.).“

Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass Bilder allein keine eigenständigen Akteure sind – sie entfalten nur selten eine autonome Kraft. Viel mehr bedürfen sie „eines politischen und gesellschaftlichen Zusammenhangs, in dem sie wirken können. Entscheidend sind ihr politisch-kultureller Kontext und ihr sozialer Gebrauch. Bilder allein sagen niemals mehr als tausend Worte. (Paul, 2011, S. 88 – 89).“

6. Voraussetzungen für Wahrnehmung und nachhaltige Erinnerung der Bilder

6.1 Vertrautes dient der Identifizierung des Gezeigten

Oft erlebt man Kinder, die sich Zeichentrickfilme immer und immer wieder anschauen. Mitunter sprechen sie bei ihren Lieblingsszenen mit, freuen sich bekannte Gesichter zu sehen, spielen Szenen nach. Bekannte Filme geben Kindern ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit. Neues kennenzulernen ist immer auch mit einer Anstrengung verbunden.

Ähnlich verhält es sich bei Erwachsenen, die Fotografien rezipieren. Vertraute Gegenstände im Bild, Personen mit Gestik und Mimik oder bekannter Bildaufbau führen zu einfacher Interpretationsfähigkeit und somit eher zu einem Gefühl der Verbundenheit mit dem Dargestellten, das wiederum einen nachhaltigen Erinnerungswert erzeugt.

Ob also ein Foto das Potenzial hat, eine Bildikone zu werden, ob es seinen Betrachter anspricht und emotional bewegt, hängt ganz entscheidend davon ab, ob er das Bild interpretieren kann.

Dafür muss es so viel „Vertrautes und Bekanntes (Archetypen, religiöse Klischees, alltägliche Denkmuster) aufbieten, dass es einen Anknüpfungspunkt im eigenen Denk- und Bezugssystem findet (Paul, 2009, S. 29) “.

Gerade wenn auf einem Foto bewährte christliche und weltliche Ikonografien und Darstellungsweisen der Kunst und des Theaters gezeigt sind, ist der Wiedererkennungswert hoch. Diese visuellen Archetypen sind „ wiederholbar und damit symbolisch verallgemeinerbar (ebd.)“, werden so als wahrhaftig und authentisch angesehen. Der Rezipient kann aus seinem Erfahrungshorizont schöpfen, das Bild leicht analysieren und deuten. Seine Aufmerksamkeit wird gefesselt.

6.2 Aufmerksamkeit der Zuschauer

6.2.1 Unerwarteter Überraschungsmoment als Aufmerksamkeitserhaschend

Im Gegenzug allerdings ist es immer das Fremde, das Unbekannte, was unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Aufmerksamkeit wird gemeinhin als knappe Ressource gehandelt. Um aber zur Ikone zu werden ist es essenziell, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zu ziehen. Nur durch genügend Aufmerksamkeit können sich die Bilder in das Gedächtnis des Individuums einprägen und langfristig erinnert werden.

Am erregendsten sind dabei Schockfotos: Bilder, die authentisch Kriegsszenen zeigen, Bilder, die Opfer oder Täter darstellen, Bilder, die den Sterbemoment oder gar einen Verstorbenen präsentieren. Mit diesen Bildern kann die Aufmerksamkeit gefesselt und gleichzeitig die Sensationslust der Zuschauer gestillt werden.

Gleichwohl allerdings ein unerwarteter Überraschungsmoment einer der wichtigsten Faktoren ist, die eine Bildikone ausmachen, dürfen ethische Grenzen nicht verletzt werden. Wenn ein Bild zu grausam oder blutrünstig ist, kann der Betrachter schnell überfordert, sogar traumatisiert, werden. Eine abstoßende Reaktion resultiert: der Rezipient wird wegschauen. Er wird sich dann vermutlich auch lange noch an dieses Bild erinnern – allerdings mit negativ belasteten Gefühlen. Mit solch einer Ausgangsposition kann niemals eine Bildikone geschaffen werden.

Eine Bildikone muss also eine schmale Gradwanderung meistern: sie muss einerseits Bekanntes zeigen, Vertrauen wecken und dem Betrachter Halt geben. Andererseits muss sie einen Überraschungsmoment bieten, in ihr so viel Neues zu entdecken sein, dass der Betrachter sich nicht langweilt – immer unter Berücksichtigung ethischer Grenzen.

6.2.2 Bildeinsatz und Bildfunktion der Bilder begründen Erregung der Aufmerksamkeit – Einordnung in Kategorien

Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel weist darauf hin, dass dank der neuen Medientechnologien Bilder unterschiedliche Funktionen haben. Diese Bildfunktionen können in fünf Kategorien eingeteilt werden:

- Informationsfunktion : Bilder liefern zusätzliche oder ergänzende zu den im Textteil enthaltenen Informationen.
- Unterhaltungsfunktion : Bilder sorgen für Abwechslung in der visuellen Rezeption und Informations-verarbeitung
- Erlebnisfunktion : Bilder vermitteln – in der Regel stärker als Texte – das Gefühl, ein Ereignis miterleben zu können, es - wenngleich medienvermittelt – doch ‚wirklichkeitsgetreu‘ zu erfahren.
- Emotionalisierungsfunktion : Bilder können Gefühle und Stimmungen von Momenten und Ereignissen für die Rezipienten besser und deutlicher ausdrücken, als dies ein eher informationsorientierter Text vermag.
- Interpretationsfunktion : Bilder ermöglichen es, die Rezeption von Sachverhalten in einer bestimmten Art und Weise zu beeinflussen. Sie gelten daher als zentrales Medium des Wahrnehmungs-managements, was nicht zuletzt der Einsatz von Bildern in der Werbung belegen kann (Meckel, 2001, S.26) .“

Allerdings sind die Grenzen zwischen diesen Clustern fließend, eine Pressefotografie kann mitunter mehreren Gruppen zugeordnet werden. Dennoch tragen diese Funktionsgruppen „komplementär zur Gewinnung oder Generierung von Aufmerksamkeit bei, die in der heutigen Mediengesellschaft zum zentralen, aber knappen Gut geworden ist (ebd.) .“

Aus diesen Funktionen heraus kann abgeleitet werden, dass ein Bild möglichst vielen dieser Kategorien zugeordnet werden können muss, um aus der Masse der Bilder als Ikone hervor zu gehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Bilder, die Geschichte machten. Ikonen der Zeitgeschichte
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V384930
ISBN (eBook)
9783668628380
Dateigröße
1021 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bilder, geschichte, ikonen, zeitgeschichte
Arbeit zitieren
Anja Hornbostel (Autor), 2011, Bilder, die Geschichte machten. Ikonen der Zeitgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384930

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