Die Ethnografie ist tot – lang lebe die Ethnografie! Analysemethoden für Dokumente anhand des Sammelbandes "Documents" von Annelise Riles


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Kurzvorstellung der betrachteten Texte
2.2 Was sind Dokumente?
2.3 Methoden und Herangehensweisen für Dokumente

3. Vorschläge aus Riles' Publikation „Documents“
3.1 Dokumente als Texte
3.2 Klassifikation und Kategorien
3.3 Nähe und Distanz
3.4 Follow the Career
3.5 Borrow a Method
3.6 Visualität & Accountability

4. Ethnographic Response

5. Vergleichende Gedanken

6. Fazit/Eigene Einschätzung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dokumente sind ständige Begleiter unseres Daseins und in jedem Fall Komponenten des modernen Lebens. Daher sind sie prädestiniert für europäisch-ethnologische[1] Untersuchungen, auch wenn sie auf den ersten Blick die charakteristische Interaktion mit Beforschten vermissen lassen. Da sich aber auch Ethnograf_innen nicht den Prozessen der Moderne entziehen können, entstehen vielfältige Probleme für die Forschung. Eine Herausforderung stellen dabei die Analysemethoden für Dokumente dar, mit denen sich die vorliegende Arbeit beschäftigt. Anhand dieser methodologischen Überlegungen werden im Verlauf der Arbeit auch Zukunftsfragen der Europäischen Ethnologie aufgeworfen.

2. Grundlagen

2.1 Kurzvorstellung der betrachteten Texte

Grundidee der vorliegenden Arbeit ist die Betrachtung von Dokumenten aus europäisch-ethnologischer Perspektive hinsichtlich ihrer Analysemethoden anhand des Sammelbandes „Documents. Artifacts of Modern Knowledge“, herausgegeben von Annelise Riles. Angedacht ist ein Vergleich der bisherigen Zugänge und Methoden für Dokumente in der Europäischen Ethnologie mit den Vorschlägen der Autor_innen in den Beiträgen des Sammelbandes. Aufgrund des geringen Umfangs einer solchen Hausarbeit erfolgt allerdings eine Konzentration auf die ersten drei Beiträge im Sammelband. Dabei handelt es sich zunächst um die von Annelise Riles verfasste Einleitung mit dem Untertitel „In Response“, welche Grundidee, Entstehungsgeschichte und Bedeutung des Sammelbandes sowie seinen Aufbau zusammenfasst. Des Weiteren wird der Beitrag von Don Brenneis „Reforming Promise“ betrachtet, der sich mit der Analyse von zwei Formularen, dem Reference Report Form und dem Proposal Review Form, der National Science Foundation (NSF) beschäftigt. Der dritte Beitrag, „[Deadlines]. Removing the Brackets on Politics in Bureaucratic and Anthropological Analysis“, ebenfalls von Annelise Riles, behandelt den Erstellungsprozess des Dokuments „Global Platform for Action“ bei der Fourth World Conference on Women der United Nations (UN).

2.2 Was sind Dokumente?

Dokumente sind, sehr allgemein gehalten, „schriftliche Texte, die als Aufzeichnung oder Beleg für einen Vorgang oder Sachverhalt dienen“ (Wolff 2012, 502) bzw. ursprünglich „text printed or handwritten on paper“ (Scott 1990, 12). Es handelt sich dabei um „standardisierte Artefakte“ (Wolff 2012, 503), die in irgendeiner Art und Weise eine physische Präsenz aufweisen (vgl. Scott 1990, 12f.). Dies gilt auch – und vor allem – für elektronisch, d. h. auf Computern und ähnlichen Geräten, vorhandene Dateien und Dokumente, die laut John Scott als „true documents“ angesehen werden sollen (Scott 1990, 12). Dabei deutet Scott aber auch an, dass eine exakte Definition, was ein Dokument ist und was nicht, schwierig ist und der Begriff daher immer „fuzzy“ bleiben wird (Scott 1990, 13). Auch wenn der Begriff Dokument sicherlich in einem erweiterten Verständnis für alle möglichen mit dem Prozess der Dokumentation verbundenen Artefakte benutzt werden könnte, beispielsweise für Werbeplakate, Gemälde oder sogar Münzen, wie Scott auflistet, so konzentriert sich die qualitative Forschung hinsichtlich Dokumenten meist auf die üblichen gedruckten oder nicht gedruckten textuellen Exemplare dieser Kategorie, wie sie auch im Alltagssprachgebrauch verstanden werden (Scott 1990, 13). Diese Betrachtungsweise liegt auch der vorliegenden Arbeit zugrunde. Dabei verstehen die in dieser Arbeit behandelten Beiträge Dokumente allerdings vor allem als alltägliche aber enorm zentrale „constituents of social relations“ (Smith 1990, 121) und als grundlegende Bestandteile von Organisationen bzw. Institutionen jeder Art (vgl. Harper 1998, 13). Eine wichtige Art von Dokumenten, die von den Autor_innen in den Fokus gerückt wird und daher auch hier kurz hervorgehoben werden soll, sind Formulare. Diese sind interaktiv, sie provozieren eine Reaktion, ihre Autorenschaft ist „shared“ und ihre Benutzung ist zeitlich meist getrennt in den Vorgang des Ausfüllens und den des Lesens bzw. Auswertens (Brenneis 2006, 42f. Und 65). Des Weiteren sind Dokumente „paradigmatic artifacts of modern knowledge practices“ und deshalb laut Riles bestens geeignet, um neue ethnografische Zugänge zu aktuellen Problemen der Ethnografie und zu modernen Phänomenen zu finden (Riles 2006a, 2). In jedem Fall ist ein Dokument ein „ethnographic artifact“ (Riles 2006a, 1), ein Artefakt also, dass es ethnografisch zu untersuchen gilt.

2.3 Methoden und Herangehensweisen für Dokumente

Da es in dieser Arbeit um einige methodische Gedanken hinsichtlich Dokumenten gehen soll, sollen hier kurz grundlegende bzw. bisherige Analysemethoden und Herangehensweisen für Dokumente in der Europäischen Ethnologie vorgestellt werden.

Zunächst können Dokumente als historische bzw. archivalische Quellen angesehen und genutzt werden (Göttsch 2001, 15). Dabei geht es aber meist um die Analyse der Dokumente zeitlich weit nach ihrem Entstehungszusammenhang, um die Lebenswelt der Menschen in ihrem privaten Alltag in historischen Gesellschaften zu rekonstruieren (Göttsch 2001, 17f.). Da sich die vorliegende Arbeit vor allem mit aktuellen Phänomenen und „aktiven“ sowie spezifischen Dokumenten befasst, sind Dokumente als archivalische Quellen in diesem Kontext nicht von Bedeutung.

Wenn Dokumente in der Forschung eine wesentliche Rolle spielen, dann liegt der Gedanke nahe, dass es um Texte geht, die vom Forschenden verstanden werden müssen. Hierfür ist die Hermeneutik, also „die 'Kunst' des Verstehens und Deutens von Texten, Verhaltensweisen und Kulturmustern“ (Halbmayer/Salat 2011, 19) bzw. „die Lehre vom interpretativen Vorgehen“ (Soeffner 2012, 164) Basis aller Untersuchungen. Das methodische Vorgehen beim Verstehen von Texten kann beispielsweise durch eine qualitative Inhaltsanalyse erfolgen. Es handelt sich dabei um eine streng systematische Vorgehensweise für eine meist große Menge an Untersuchungsmaterial, die aus den Kommunikationswissenschaften stammt (vgl. Mayring 2012, 468f.; Halbmayer/Salat 2011, 58). Sie konzentriert sich „auf manifeste Kommunikationsinhalte, mit dem Ziel von den Textmerkmalen auf den Kontext (auf den Autor, die Situation bzw. die Rezipienten) zu schließen“ (Halbmayer/Salat 2011, 58). Eine eigene kulturanthropologische Variante der systematischen Textanalyse ist die grounded theory von Anselm Strauss und Barney Glaser, die aber vor allem eine Ableitung von Theorien und Hypothesen aus dem empirischen Material – mittels Codieren – anstrebt (Halbmayer/Salat 2011, 22). Die Analyse von Texten kann in der Europäischen Ethnologie zudem auch basierend auf anderen Disziplinen erfolgen. Hier sind beispielsweise die Semiotik (vor allem Analyse von literarischen Texten, z. B. Märchen) und die linguistische Anthropologie (Konzentration auf „Sprechakte“ – auch textueller Natur) zu nennen (Halbmayer/Salat 2011, 63f.).

Relevant für das Verständnis von Dokumenten im Sinne der hier untersuchten Autor_innen ist zudem die Ethnomethodologie. Diese geht vom Primat der „Wirklichkeitserzeugung“ aus, also davon dass „(n)ur im alltäglich-praktischen Handeln (…) gesellschaftliche Wirklichkeit ('ver-wirklicht')“ wird (Bergmann 2012a, 122). Harold Garfinkel, der Begründer der Ethnomethodologie, betrachtet diesen „Prozess der subjektiven Sinngebung nicht als einen inneren, 'privaten' Bewusstseinsvorgang, sondern von Beginn an als ein soziales, 'öffentliches' Geschehen“ (Bergmann 2012a, 125). Es geht um die Beantwortung der Frage, „wie die Entstehung von sozialer Ordnung aus unvermeidlich (…) situations- und kontextgebundenen Äußerungen und Handlungen möglich ist“ (Bergmann 2012a, 127). Daher werden „Alltagstätigkeiten als Methoden (untersucht), mittels dere(r) die Mitglieder einer Gesellschaft ebendiese Tätigkeiten (…) 'darstellbar und erklärbar' (accountable) machen“ (Bergmann 2012a, 125). Zu solchen Alltagstätigkeiten zählt auch die Dokumentation bzw. die Produktion und Nutzung von Dokumenten. Eine Methode der Ethnomethodologie ist die Konversationsanalyse (KA). Da soziale Wirklichkeit nur durch „die zwischen den Menschen ablaufenden Interaktionen“ entsteht, „wird die Untersuchung der Strukturen und Eigenarten dieser Interaktionen zu einem zentralen Thema der Sozialwissenschaften“, womit sich eben die KA beschäftigt (Bergmann 2012b, 527). Um Zugang zu den Strukturen, Eigenschaften und Kontexten von Interaktionen zu erhalten und somit eine notwendige detaillierte Untersuchung dieser Aspekte überhaupt zu ermöglichen, ist eine „möglichst verlustarme(...) Dokumentation“ in Form einer „audiovisuellen Aufzeichnung und späteren Transkription“ erforderlich (Bergmann 2012b, 525). Insbesondere die Notwendigkeit der Transkription verweist dabei schon auf die textliche Grundlage der KA, weshalb sie ebenfalls für Dokumente bzw. „schriftsprachlich konstituierte(...) Texte“ geeignet sein kann (vgl. Bergmann 2012b, 537).

Neben der KA bietet auch die Diskursanalyse einen Zugang zu Texten und Dokumenten. In der Europäischen Ethnologie basiert diese meist auf dem (post)strukturalistischen Diskursbegriff, der durch Foucault geprägt wurde, und konzentriert sich darauf, „wie gesellschaftliche Interaktion Gegenstände, Themen, Begriffe etc. konstituiert und wie sich diese (…) im Laufe der Zeit verändern“ (Halbmayer/Salat 2011, 65). Dieser Ansatz wird meist auch mit Aspekten von Macht verbunden (Halbmayer/Salat 2011, 65). Allgemein betrachtet, besteht die Diskursanalyse aus der Untersuchung von Texten „im Hinblick auf deren Aufbau, auf deren Funktionen in unterschiedlichen Kontexten und auf deren Widersprüchlichkeiten“ (Parker 2012, 546).

3. Vorschläge aus Riles' Publikation „Documents“

Im folgenden sollen nun die im Sammelband „Documents. Artifacts of Modern Knowledge“ vorgeschlagenen Methoden hinsichtlich der Analyse von Dokumenten vorgestellt werden. Die in Kapitel 2 dargestellten Grundlagen bilden dafür die Basis, auch wenn die Autor_innen nicht explizit auf die dort genannten Methoden hinweisen.

3.1 Dokumente als Texte

Was zunächst als logische Vorgehensweise erscheint, um sich Dokumenten ethnografisch anzunähern, ist die vormals übliche Praxis, Dokumente lediglich als Texte zu betrachten. Das schlägt auch Don Brenneis in seinem Beitrag zum Sammelband als ersten Schritt vor (Brenneis 2006, 46). Konkret bedeutet das beispielsweise die Analyse definitorischer Praktiken, welche in den Dokumenten bzw. Formularen enthalten sind. Formulare stellen zudem meist in gewisser Weise Instruktionen bereit, um dem Ausfüllenden beim Ausfüllen zu helfen. Brenneis bezeichnet diese als „frameworks for guided response“, die auch analytisch in den Blick genommen werden sollen, u. a. aufgrund der Leichtigkeit, „with which one can fall into the frame“ (Brenneis 2006, 49). Annelise Riles verweist zwar auch auf die Analyse von Dokumenten als Texte, allerdings nur in dem Zusammenhang, dass der Form von Dokumenten mehr Bedeutung bei der Analyse beizumessen ist. „(T)heir treatment as mere texts to be read“ (Riles 2006a, 18) müsse überwunden werden. Die von Brenneis dargestellte Analyse von Dokumenten als Texte kann also zwar ein Anfang sein, aber man darf dort nicht stehen bleiben.

3.2 Klassifikation und Kategorien

Auch wenn Brenneis – wie andere Autor_innen vor ihm – konstatiert, dass die Nutzung von Klassifikationssystemen „central to social life“ ist, bezeichnet er die wissenschaftliche Betrachtung der Klassifikation als zentrale Praxis des modernen Lebens als „provocatively renascent“ (Brenneis 2006, 46). Er stellt zudem klar, dass sich die von ihm betrachteten Formulare von den oftmals stark klassifikatorischen Formularen in bisherigen ethnografischen Untersuchungen in wesentlichen Aspekten unterscheiden. Die in den Funding-Formularen verwendeten Kategorien seien relativ, nicht absolut – die Wahl einer bestimmten Kategorie beziehe sich also auf Überlegungen und Verhandlungen – und die provozierte Wortart seien statt der üblichen Substantive vor allem Adjektive (Vgl. Brenneis 2006, 46). Auch Riles beschäftigt die Klassifikation in gewisser Art und Weise, insbesondere ihre auch bei Brenneis angedeutete Überschneidung mit der Anthropologie. Die Begriffe „Politics“ und „Meaning“ seien Kategorien in bürokratischen Feldern, aber eben auch Kategorien, mit denen Anthropolog_innen arbeiten, um Zusammenhänge in ihren Feldern zu beschreiben. Dabei meinen „Politics“ und „Meaning“ in den Kontexten Bürokratie und Anthropologie unterschiedliche Dinge; sie sind nicht kongruent. Es sei eine schwere Aufgabe für Anthropolog_innen diese Unterschiede zu erkennen. (Vgl. Riles 2006b, 71f.)

Die in oder durch Dokumente vorgenommene Klassifikation oder die in den Dokumenten selbst oder während ihrer Produktion und Nutzung auftauchenden Kategorien sind daher laut den Autor_innen auch ein weiterer Ansatzpunkt für die Analyse von Dokumenten – allerding wie schon bei Punkt 3.1 nicht erschöpfend.

3.3 Nähe und Distanz

Bereits der Titel von Riles' Beitrag im Sammelband macht ihre Hauptperspektive deutlich: Die eckigen Klammern um den Begriff „Deadlines“ herum sind die Zeichen für ihren Ansatz, sich bei der ethnografischen Betrachtung von bürokratischen Feldern und Dokumenten darauf zu konzentrieren, was dort ausgeklammert ist/wird, um dadurch zu erkennen, was in den ethnografischen Untersuchungen dieser Felder und Dokumente ausgeklammert ist/wird (vgl. Riles 2006b, 71f.). Dabei betont sie immer wieder die problematische Nähe zwischen bürokratischem und ethnografisch-akademischem Wissen, durch die sich Wissenspraxen und Vokabular der Forschungsobjekte/-subjekte mit denen der Anthropolog_innen überlappen und damit die Voraussetzung von ethnografischer Arbeit – die Existenz des Fremden/Draußen – aufgehoben wird (vgl. Riles 2006b, 78f.). Sie konstatiert daher das methodologische Problem, wie Forschende einer Wissensdisziplin überhaupt die Produkte einer anderen Disziplin verstehen bzw. analytisch erfassen können, wenn diese doch gegenseitig mit den Endprodukten der jeweils anderen Disziplin arbeiten (Riles 2006b, 79 u. 88). Die fehlende analytische Distanz müsse im „ethnographic act“ wiederhergestellt werden (Riles 2006b, 89). Was Riles damit ganz genau meint, wird meiner Ansicht nach in ihrem Text nicht klar. Sie deutet lediglich an, dass es darum gehe die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Disziplinen in den Blick zu nehmen:

„The difference between an academic modality (…) and a bureaucratic one (…) becomes the ethnographic artifact itself. (…) I am proposing, in other words, that anthropologists begin to think of what we share with our subjects as a source of the very conceptual distance that makes analytical progress possible.“ (Riles 2006b, 89) Auch bei Brenneis entdecke ich ähnliche Gedanken hinsichtlich der Nähe zwischen zwei unterschiedlichen Wissenspraxen. Bei ihm handelt es sich aber um den Import von wirtschaftlichen Denkweisen und Begriffen in die akademische Forschungsförderung. Vormals weit entfernte Bereiche würden laut Brenneis auf sprachlicher Ebene immer mehr verschmelzen. Die Begriffe bzw. Sätze – wie z. B. „skills“, „leaderships“ und „multiculturalism“ – würden nur auf bestimmte (gesellschaftliche) Diskurse rekurrieren, aber strategisch eingesetzt und dadurch wirkmächtig werden. Ansonsten sei diese Bewerbungs- und Recruitingsprache aber „leer“. Für solche Begriffe bzw. Sätze benutzt Brenneis die von Bonnie Urciuoli (2000) vorgeschlagene Bezeichnung „shifters“. Diese shifters als „critical contact between previously disparate spheres“ könnten in Dokumenten aufgespürt werden und vor allem beim Vergleich der gleichen bzw. ähnlicher Dokumente aus unterschiedlichen zeitlichen Perioden als Marker für Veränderungen in der Analyse erfasst werden. (Vgl. Brenneis 2006, 44f.)

Das zu Beginn dieses Unterkapitels erwähnte Ausklammern, bzw. „Bracketing“, das Riles im Kontext des UN-Dokuments feststellt, hängt ebenfalls mit der beschriebenen Nähe zwischen der Anthropologie und ihren Forschungsobjekten/-subjekten zusammen (Riles 2006b, 82). Für die Ethnografie sei die Herstellung eines Kontextes und der Bezug auf historisch-politische oder soziale Zusammenhänge unabdingbar. Das Bracketing aber „forecloses the possibility of an appeal to something 'outside'“ (Riles 2006b, 83). Ohne den Bezug auf äußere Kontexte bleibe für die Analyse nur das „Innere“ des Dokuments sowie die darin enthaltenen Wissensformen übrig (Riles 2006b, 83). Um diesen auf die Spur zu kommen, bedürfe es beispielsweise der Analyse des „ausgeklammerten“ Wissens, für das die von Brenneis aufgeführten shifters Indikatoren sein könnten.

[...]


[1] Mit „Europäischer Ethnologie“ sind (in methodischer Hinsicht) alle Richtungen des Vielnamenfaches, also auch Volkskunde, Kultur- und Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft, sowie die angrenzenden Disziplinen Soziologie, Ethnologie/Völkerkunde u. ä. Wissenschaften gemeint. Die referenzierten Autor_innen benutzen z. T. unterschiedliche Begriffe für das Fach, weshalb es bei der Wiedergabe ihrer Gedanken oft zu Bezeichnungsungenauigkeiten kommt (z. B. Anthropologie i. S. v. Cultural Anthropology). In jedem Fall sind alle in dieser Arbeit verwendeten Begriffe hinsichtlich des Faches Europäische Ethnologie zu verstehen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Ethnografie ist tot – lang lebe die Ethnografie! Analysemethoden für Dokumente anhand des Sammelbandes "Documents" von Annelise Riles
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Differenz und Differenzieren in Anthropologie, Recht und Ökonomie (Prof. Dr. Jörg Niewöhner)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V385010
ISBN (eBook)
9783668598102
ISBN (Buch)
9783668598119
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Auszug Beurteilung: Du machst sehr schön deutlich, worauf der Band Documents hinaus will und bettest dies in bisherige Umgehensweisen mit Dokumenten als Text ein. Die kritische Lesart der Rilesschen Perspektive finde ich nachvollziehbar. Mir hätte aber klarer werden können, dass Dokumente als Text, Interaktion und Praxis untersucht werden können, was noch andere Bezüge neben der Ethnomethodologie eröffnet hätte. Die Frage, was wissen wir, was die Natives nicht schon wissen, wird seit etwa 10 Jahren laut gestellt. Antwortversuche darauf gibt es viele und diese hätte man hier diskutieren können.
Schlagworte
Ethnografie, Dokument, Analyse, Methoden, Europäische Ethnologie, Ethnographic Response, Pluralisierung, Verschwimmen, Ethnomethodologie, Zukunft, Flexibilisierung, Follow the career, Borrow a method, Nähe, Distanz, ethnographische Offenheit
Arbeit zitieren
Anja Zeutschel (Autor), 2016, Die Ethnografie ist tot – lang lebe die Ethnografie! Analysemethoden für Dokumente anhand des Sammelbandes "Documents" von Annelise Riles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385010

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