Der Einfluss der Sozialisationsinstanzen auf die beruflichen Entscheidungen Jugendlicher


Essay, 2017

5 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Der Einfluss der Sozialisationsinstanzen auf die beruflichen Entscheidungen Jugendlicher

Der Begriff der Sozialisation wird in vielen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wie in der Soziologie, der Erziehungswissenschaft, der Psychologie und vielen weiteren verwandten Teilbereichen behandelt und hat es inzwischen auch in unseren alltäglichen Sprachgebrauch geschafft. Die Sozialisation umfasst die Adaption gesellschaftlicher Normen und Werte im Hinblick auf die Angleichung an die soziale Umwelt (vgl. Hurrelmann & Bauer, 2015). Dabei entsteht in gewisser Weise eine soziale Verpflichtung, die das Gefühl von Äso-werden-wie-mein-Umfeld-es-von-mir-erwartet“ (Hurrelmann & Bauer, 2015; S. 11) bewirkt. Allerdings ist auch allgemein bekannt, dass in der Sozialisation immer auch eigenständige Individuen betrachtet werden, die sich den Einflüssen der Umwelt in gewissem Maße auch entziehen und gegebenenfalls sogar aktiv die Entwicklung ihrer Umwelt beeinflussen. Sowohl die Wissenschaft, als auch das Alltagsverständnis von Sozialisation stimmen darin überein, dass eine wechselseitige und interaktive Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umwelt stattfindet. Die Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Individuen unterliegt einer dynamischen Interaktion zwischen der persönlichen Entfaltung und den umgebenden sozialen Strukturen (vgl. Hurrelmann & Bauer, 2015). Besonders die Phase der Jugend nimmt großen Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit, denn in diesem Lebensabschnitt setzt der Prozess der ÄIndividuation“ (Hurrelmann & Quenzel, 2013; S. 33) ein. Damit ist der Übergang zu einem selbstständigen, autonomen Verhalten gemeint, das vor allem die Bereiche Körper, Psyche und soziales Umfeld umfasst. Mit der Herausbildung der Individuation geht auch die Entwicklung der Identität einher. Diese wird als ÄEmpfinden und Erleben situations- und lebensgeschichtlicher Kontinuität“ (Hurrelmann & Quenzel, 2013; S. 33) beschrieben. Während der Phase der Jugend, durchlaufen die Jugendlichen eine Abfolge Ävon psychosozialen Krisen“ (Hurrelmann & Quenzel, 2013; S. 33). Durch die Bewältigung dieser, entwickelt sich eine stabile Basis für die Identität. Während im Kindesalter die Verarbeitung innerer sowie äußerer Realität unbewusst ablief, verläuft dies im Jugendalter weitestgehend bewusst. Das bewusste Reflektieren der persönlichen Entwicklungen ermöglicht den Aufbau einer Identität (vgl. Hurrelmann & Quenzel, 2013).

Die Erkenntnisse über die besondere Entwicklung in der Jugendphase gibt es allerdings noch nicht sehr lange, denn die ‚Jugend‘, als einzelnen Lebensabschnitt gab es früher in diesem Sinne nicht. Noch in der vorindustriellen Gesellschaft fand keine Abgrenzung der Lebensabschnitte vom Kind zum Erwachsenen statt. Die Kinder lebten in organisierter Form, vor allem in landwirtschaftlichen Gegenden, zusammen mit ihren Familien und fungierten durch ihre oft gleichen Aufgaben als eine ÄMiniausgabe“ (Hurrelmann & Quenzel, 2013; S. 20) ihrer Eltern. Im Zuge der Industrialisierung wurde der Grundstein für die Lebensphase der Jugend gesetzt, denn neue Produktionsformen entstanden, die außerhäuslich ausgeführt wurden und somit teilten sich die Handlungsbereiche von Kindern und den Eltern auf und es entwickelten sich Lebensweisen außerhalb der Familie. Vor allem in städtischen Regionen wurden Jugendliche nun für Menschen, die sich in einer selbstständigen Entwicklungsphase befanden, erklärt. Neue Handlungsmöglichkeiten sowie die Berechtigung zur Teilnahme an der Gesellschaft waren neue Entwicklungen für die Jugendlichen. Die Phase der Jugend umfasste Anfang des 20. Jahrhundert noch eine relativ kurze Periode, die ab dem Beginn der Geschlechtsreife, also ab einem Alter von circa 15 Jahren bis hin zur Eheschließung, die bei den meisten nur wenige Jahre später eintrat. Ebenfalls mit Beginn des 20. Jahrhunderts trifft die Schulpflicht in Kraft, welche eine beschleunigende Wirkung auf den ÄProzess der sozialen Entmischung“ (Hurrelmann & Quenzel, 2013; S. 20) ausübt. Im Zuge der Bildungspflicht folgten immer länger währende Ausbildungszeiträume, die weiterhin zur Verlängerung der Jungendphase führte. Mittlerweile nimmt die Phase der Jugend, im Gegensatz zu früher, einen Zeitabschnitt von circa zehn bis zwanzig Jahren ein und markiert somit einen eigenen Abschnitt im Verlauf des Lebens. Heutzutage ist die Zeit der Jugend stark durch die Schulzeit geprägt, denn die Art der besuchten Schule hat großen Einfluss auf die beruflichen Chancen der Jugendlichen (vgl. Hurrelmann und Quenzel, 2013).

Mit dem steigenden Umfang der Jugendphase geht eine größere Bedeutung der Sozialisationsinstanzen einher. Darunter zählen unter anderem die Familie, Freunde, jede mögliche Form von Schulen, Freizeitanbieter und die Medien. All diese Organisationen tragen zur Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen bei. Erfüllen die Instanzen ihren Zweck nicht in ausreichender Form, indem sie die Jugendlichen nicht stärken und unterstützen, kann dies zu beträchtlichen Entwicklungsproblemen führen. Den größten Einfluss auf die Grundzüge der Persönlichkeit sowie auf die Leistungs- und Sozialentwicklung Jugendlicher, haben die Eltern. Im Laufe der Jahre und mit dem Eintreten in das Schulsystem teilen sich die Eltern den Einfluss auf die Sozialisation mit immer mehr Instanzen, die in bestimmten Situationen mehr oder weniger Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit haben können. Beispiel für einen stärkeren Einfluss von anderen Instanzen als den Eltern, können etwa Gleichaltrige sein, die beispielsweise auf die Wahl der Kleidung oder auf Freizeitaktivitäten einwirken können. Die Freiräume der Jugendlichen für eine individuelle Lebensgestaltung sind wegen der gestiegenen Akzeptanz der Gesellschaft von unterschiedlichen Verhaltensvariationen, größer geworden. Aufgrund der Ausdehnung der Jugendphase haben Bildungsinstitutionen einen großen Zuwachs am Einfluss auf die Jugendlichen erfahren. Dennoch fehlt es ihnen oft an Kompetenz und Ressourcen, um die gestiegenen Anforderungen angemessen umzusetzen. Für eine gut gelinge Sozialisation tragen nicht nur die einzelnen Instanzen, sondern das Zusammenspiel aller Instanzen bei. Dadurch entsteht die bestmögliche Entwicklung der Jugendlichen (vlg Hurrlemann & Quenzel, 2013).

Durch die gesellschaftliche Umstrukturierung des Lebensverlaufs, durch die Einführung der Bildungspflicht sowie die gestiegenen beruflichen Anforderungen, entwickelte sich eine Vielfalt an Lebensabschnitten, die wiederum eine ÄVielfalt von Möglichkeiten der Neugestaltung und der Neudefinition [des] Lebensentwurfs“ (Hurrelmann & Quenzel, 2013;

S. 18) mit sich bringt. Die Jugendlichen haben immer mehr Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten, was sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringt. So verlieren beispielsweise traditionelle Handlungen, wie der Berufseintritt oder eine Eheschließung, immer mehr an Bedeutung. Einerseits haben die Jugendlichen zwar ein hohes Maß an Freiraum und individueller Persönlichkeitsentwicklung, andererseits wird eine flexible Gestaltung des Lebensverlaufs verlangt. Von den Individuen wird eine hohe Eigenleistung erwartet, denn auch die Ansprüche an die Gestaltung der einzelnen Lebensphasen sind gestiegen (vgl. Hurrelmann & Quenzel, 2013). Aufgrund der großen Auswahlmöglichkeiten, im Hinblick auf den beruflichen Werdegang, sind die Jugendlichen vermutlich oft überfordert und wissen gar nicht immer so genau, was hinter den einzelnen Berufsbezeichnungen steckt. An dieser Stelle sollten die Sozialisationsinstanzen greifen und der jüngeren Generation Hilfestellung leisten.

Das Institut für Public Health und Pflegeforschung (ipp) der Universität Bremen untersuchte im Jahr 2009, welche Berufsfelder für Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern in Norddeutschland als beliebt und als ÄOut“ (Stöver, 2010) gelten. Ziel der Studie war es, eine Imagekampagne für Pflegeberufe zu erstellen, um zukünftig mehr Schulabgänger und - Abgängerinnen für diese Berufe zu akquirieren. Die Untersuchung ergab, dass sich der Beliebtheitsgrad bestimmter Beruf im Laufe der Jahre kaum verändert hat. Dazu gehören vor allem kaufmännische Berufe, die sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen beliebt sind.

Unterschiede bei den Geschlechtern finden sich insofern, dass sich Mädchen häufiger für medizinische Assistenzberufe, pflegerische sowie pädagogische Berufe mit Schwerpunkt auf Kinder interessieren. Dabei äußerten sie häufig den Wunsch mit Menschen zu tun haben zu wollen. Männliche Jugendliche favorisieren eindeutig den Beruf des KFZ-Mechatronikers sowie Berufe bei der Bundeswehr oder im EDV-Bereich. Sowohl bei Eltern als auch bei Schülern haben Pflegeberufe keinen besonders hohen Stellenwert. Das interessante dabei ist jedoch, die Auffassung von Pflegeberufen, denn ‚Pflegeberufe‘ die mit Kindern zu tun haben sind sogar sehr gern gesehen, zumindest bei weiblichen Jugendlichen. Allerdings fällt unter die hier genannte Kategorie vor allem die Altenpflege, welche bei den befragten Personen eher negativ angesehen wird. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Berufe, die schwere körperliche Arbeit fordern oder in denen man sich schmutzig macht ungern gesehen werden (vgl. Stöver, 2010). Auch die Berufsberater, die bei der Studie befragt wurden, sehen im Gesundheitsbereich besonders den Beruf der Altenpflege, aufgrund des negativen Images, als problematisch an. Dabei liegt der Grund vermutlich in der Unkenntnis über die Berufsinhalte. Die Aufgabe der Sozialisationsinstanzen ist es darauf zu reagieren und die Pflegeberufe als kreativen Beruf zu präsentieren. Um mehr männlichen Jugendlichen den Beruf schmackhaft zu machen sollten vor allem die verwaltenden Aufgaben, die es beispielsweise auch in der Altenpflege, in Form von Dokumentationen über Pflegeprozesse und - planung gibt. Darüber hinaus gibt es mittlerweile auch unterschiedliche Studienmöglichkeiten mit der beruflichen Perspektive auf die Pflegeberufe (vgl. Stöver, 2010)

Allgemein lässt sich festhalten, dass Sozialisationsinstanzen, wie Eltern, Gleichaltrige, Schulen und Berufsberatungen, einen großen Einfluss der Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen und dadurch auch auf die Entscheidung der Berufswahl haben. Oft sind sich die einzelnen Instanzen gar nicht so bewusst über ihren großen Einfluss. Jedoch sollte an diesem Punkt angesetzt werden. Vor allem sollten die einzelnen Berufsfelder durch die Sozialisationsinstanzen besser erklärt und die Zukunftsperspektiven anders ausgeleuchtet werden. Denn die Generation der Jugendlichen beeinflusst wiederum die Sozialisation der nächsten Generation und gibt ihr Wissen an diese weiter.

Literaturverzeichnis:

- Hurrelmann, Klaus; Bauer, Ullrich (2015): Einführung in die Sozialisationstheorie. Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. 11. Aufl. Weinheim [u.a.]: Beltz. (S. 11 - 21).

- Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2013): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 12. Aufl. Weinheim [u.a.]: Beltz Juventa (Grundlagentexte Soziologie) (S. 11 - 55).

- Görres, S., Stöver; (2010). Imagekampagnen für Pflegeberufe auf der Grundlage empirisch gesicherter Daten. In Zukunft der Pflege. Universität Bremen. (S. 4 -75).

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Sozialisationsinstanzen auf die beruflichen Entscheidungen Jugendlicher
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V385056
ISBN (eBook)
9783668599000
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugend Sozialisation
Arbeit zitieren
Jessica Valenthin (Autor), 2017, Der Einfluss der Sozialisationsinstanzen auf die beruflichen Entscheidungen Jugendlicher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385056

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