Bettina Stangneths "Eichmann vor Jerusalem" als Kritik an Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem". Widerspruch oder Unterstützung für die Theorie der Banalität des Bösen?


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Hauptteil ... 4
2.1 Eichmann in Jerusalem ... 4
2.2. Arendts Theorie des Verwaltungsmassenmords ... 6
2.2.1 Das Rädchen im Getriebe ... 7
2.2.2 Die Banalität des Bösen ... 7
2.3 Ein neuer Verbrechertypus ... 8
2.4 Eichmann vor Jerusalem ... 9
2.5 Eichmanns Inszenierung vor Gericht ... 10
2.6 Die Banalität des Bösen im Widerspruch ... 11
3. Fazit ... 12
4. Literaturverzeichnis ... 14

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1. Einleitung
Hannah Arendts Text Eichmann in Jerusalem sorgte seit seiner erstmaligen Erschei-
nung 1963 als Artikelserie in der amerikanischen Zeitschrift The New Yorker unter dem Titel
A Reporter at Large: Eichmann in Jerusalem für lang anhaltende Kontroversen. Insbesondere
in Deutschland, Israel und Amerika rief das 1964 als eigene Publikation erschienene Buch
heftige Reaktionen hervor und Arendt sah sich zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. Hannah
Arendt war als Pressebeobachterin 1961 nach Israel gereist, um den Prozess gegen den ehe-
maligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann für den New Yorker zu begleiten.
Als ein Angriffspunkt diente insbesondere ihre Charakterisierung Eichmanns als
pflichtbewusster, wenig antisemitischer Bürokrat und Schreibtischtäter. Arendt prägte in die-
sem Zusammenhang den Begriff der Banalität des Bösen, der als zentraler Gedanke ihrer Ar-
gumentation verstanden werden kann, aber im Verlauf der Debatte viele Fehlinterpretationen
und Missverständnisse zur Folge hatte. Ein weiterer Punkt, für den sie vor allem in Israel
stark angegriffen wurde, waren ihre Anschuldigungen an die jüdischen Räte, denen sie eine
gewisse Beteiligung an den Vernichtungsplänen der Nationalsozialisten unterstellte.
Aufgrund des begrenzen Rahmens dieser Arbeit wird sich die folgende Argumentation
jedoch lediglich auf den ersten Teil der Kontroverse, die Debatte um die Formulierung Bana-
lität des Bösen, konzentrieren. Nach einer genauen Begriffsklärung der Banalität des Bösen
und des ebenso von Arendt geprägten Begriffes Verwaltungsmassenmord werden zentrale
Kritikpunkte und Debatten-Schwerpunkte aufgezeigt und eingeordnet werden.
Arendt verfasste ihre Aufzeichnungen auf der Grundlage von Prozessunterlagen, wie
dem polizeilichen Protokoll des Verhörs mit Eichmann, den Gerichtsprotokollen und den ei-
desstattlichen Erklärungen der Entlastungszeugen. Ebenso dienten ihre eigenen Beobachtun-
gen des Gerichtsgeschehens, des Täters Eichmann, des Verhaltens der Staatsanwälte, des
Richters, und den Verteidigern während den Verhandlungen ihren Aufzeichnungen. Arendt
hatte bis auf einen Bruchteil, der zuvor veröffentlich wurde, keine Kenntnis über die Sassen-
Papiere, jene Aufzeichnungen von Aussagen Eichmanns, die ein holländischer Journalist und
ehemaliger SS-Mann in Argentinien vier Jahre vor Prozessbeginn in Jerusalem angefertigt
hatte. Dieses Material entwirft gemeinsam mit Selbstzeugnissen und Zeitzeugenberichten
heute ein gegenüber Arendts Schilderungen fast gegensätzliches Bild vom Menschen Eich-
mann. Die Historikerin und Philosophin Bettina Stangneth arbeitete mit den Sassen-Papieren
und zeigt in ihrem Buch Eichmann vor Jerusalem, dass Arendt auf die Selbstdarstellung des
Antisemiten Eichmann wie viele andere hereingefallen war.

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Die zentrale Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt und im Folgenden geklärt
werden soll, ist, ob, Arendts Analyse des Schreibtischtäters an Relevanz verliert oder im Ge-
genteil einen Tätertypus beschreibt, der auf viele andere Beteiligte im Nationalsozialismus
zutrifft. Nachfolgend soll aufgearbeitet werden, ob und wenn ja, auf welche Weise Stangneths
Ausführungen Arendts Argumentation entkräften
.
2. Hauptteil
2.1 Eichmann in Jerusalem
Einer der größten Kritikpunkte, der Arendt vorgehalten wurde, war die Annahme, dass
sie mit ihren Ausführungen generelle Wahrheitsgehalte über das Böse, über den Nationalsozi-
alismus und seine Verbrechertypen schaffen wollte. Ihr Interesse lag dagegen vorwiegend auf
der Persönlichkeit Eichmanns und dem, was im Prozess verhandelt werden sollte. So hält sie
im Vorwort von Eichmann im Jerusalem fest:
,,Alles, was darüber hinausgeht, wie etwa die Geschichte des jüdischen Volkes [...] oder die Ideologien
der Zeit und der Herrschaftsapparat des Dritten Reiches, spielt in den Prozeß nur insofern herein, als das
es den Hintergrund und die Umstände abgibt, unter denen der Angeklagte seine Handlungen begangen
hat. "
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Ebenso ging es ihr nicht darum, mit dem Begriff der Banalität des Bösen einen Versuch zu
starten, den Holocaust und die persönlichen Motive der Verbrecher verallgemeinernd zu cha-
rakterisieren. Ihr Ziel sollte eine objektive Beobachtung des Prozesses sein, also ein rein de-
skriptives Herangehen an die Verhandlungen. Doch die Person, die Arendt während des Pro-
zesses erlebte, war nicht das Monster, das man sich unter einem der größten Verbrecher des
Nationalsozialismus vorgestellt hatte. Der Angeklagte Eichmann erschien ihr viel mehr als ein
unscheinbarer Bürokrat ohne großen Tiefgang als ein fanatischer Ideologe: ,,Trotz der Bemü-
hungen des Staatsanwalts konnte jeder sehen, daß dieser Mann kein ,,Ungeheuer" war, aber es
war in der Tat sehr schwierig, sich des Verdachts zu erwehren, daß man es mit einem Hans-
wurst zu tun hatte."
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Eichmann war seit 1939 Leiter des für die Deportation und Vertreibung der Juden zu-
ständigen Referats im Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Dort wurde auch die sogenannte
,,Endlösung der Judenfrage" organisiert, nach dem sie auf der sogenannten Wannseekonfe-
1
Arendt, Hannah (1964): Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, Mün-
chen/Berlin, 2016, S. 55.
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Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, a.a.O. S. 132

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renz unter Eichmanns Leitung koordiniert worden war. In Jerusalem wurde der frühere NS-
Verbrecher deshalb in 15 Punkten angeklagt: darunter wegen Verbrechen gegen das jüdische
Volk, Verbrechen gegen die Menschheit/Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitglied-
schaft in einer verbrecherischen Organisation - auf jeden einzelnen der 15 Anklagepunkte
bekannte Eichmann sich ,,im Sinne der Anklage nicht schuldig."
Eichmann beharrte darauf, er habe keine Verantwortung für die Tötung der Juden, da
er selber ,,niemals einen Juden getötet, aber [...] auch keinen Nichtjuden getötet"
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hätte. ,,Ich
habe überhaupt keinen Menschen getötet. Ich habe auch nie einen Befehl zum Töten eines
Juden gegeben, auch keinen Befehl zum Töten eines Nichtjuden [...]."
4
Jedoch räumte er eine
gewisse eigene Beihilfe zur Vernichtung der Juden ein und bestritt auch nicht, dass es sich um
vorsätzliche Verbrechen gehandelt hätte. Im gleichen Atemzug wehrte er sich aber auch ge-
gen die Anklage aus ,,niedrigen Motiven und in voller Kenntnis der verbrecherischen Natur
seiner Taten gehandelt [zu] haben."
5
Arendt fällt während der Verhandlungen die Eindimensionalität von Eichmanns Spra-
che auf, mit der er sich wiederholend als pflichtbewussten Menschen darstellt: ,,Je länger man
ihm zuhört, desto klarer wurde einem, daß diese Unfähigkeit, sich auszudrücken, aufs engste
mit einer Unfähigkeit zu denken verknüpft war." Die Vernehmungen und Verhandlungen mit
Eichmann verliefen laut Arendt auch aus Eichmanns ,,absolute[m] Mangel an Vorstellungs-
kraft"
6
so schwierig, da sie es ihm unmöglich machte, seine Lage aus einer anderen Perspek-
tive zu reflektieren.
Er berief sich stets darauf, ein ,,gesetzestreuer Bürger"
7
gewesen zu sein, dessen größ-
tes Bestreben es war, Hitlers Befehle zu befolgen und auszuführen. Da das Verbrecherische
im nationalsozialistischen Deutschland nicht Unrecht sondern Gesetz war, hielt sich der ehe-
malige SS-Obersturmbannführer für besonders pflichtbewusst und berief sich in makabrer Art
und Weise obendrein auf den Kategorischen Imperativ, der für ihn den vermeintlichen mora-
lischen Leitfaden seines Handelns darstellte. Zwar konnte Eichmann Kants Moralvorstellun-
gen fehlerlos wiedergeben, aber in seiner Interpretation fehlte, dass der kategorische Impera-
tive keineswegs auf Verbrechen anwendbar ist und in Eichmanns Interpretation der eigentli-
chen Idee überhaupt nicht gerecht wird. Jedoch räumte er ein, dass er nach 1941, mit der Be-
auftragung zu Organisation der ,,Endlösung", aufgehört hatte, dem Moralkanon Kants zu fol-
gen, da dies nicht zu vereinbaren gewesen wäre.
3
Ebenda, S. 94.
4
Ebenda.
5
Ebenda, S. 98.
6
Ebenda, S. 98.
7
Ebenda, S. 231.

6
Im Sinne des Führerbefehls, der im faschistischen Deutschland auch ohne schriftliches
Dokument gültig war
8
, und alle anderen Befehle überstimmte, könnte man eher meinen, ein
Mensch müsse so handeln, dass jederzeit Hitlers Wille befriedigt wäre. Arendt verweist in
diesem Zusammenhang auf den NS-Verbrecher Hans Frank, der den kategorischen Imperativ
umformulierte in ,,Handle so, daß der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte,
dieses Handeln billigen würde."
9
Es scheint daher so, als ob die Befriedigung des Führerwillens stets das oberste Ziel
Eichmanns gewesen wäre. Arendt führt diesen Gedanken weiter und fragt in diesem Zusam-
menhang, ob das Motiv der Bewunderung für Hitler oder das Pflichtbewusstsein, Befehle zu
verfolgen und ein ,,guter" Staatsbürger zu sein, in Eichmann stärker gewesen waren.
10
Für
ersteres Motiv spricht die Tatsache, dass sich Eichmann 1944 den Befehlen Himmlers, die
Deportationen zu beenden, entgegensetzte, um dem übergeordnetem Willen des Führers zu
entsprechen.
11
Im Gespräch mit Joachim Fest in einer Rundfunksendung vom 9. November 1964 hält
Arendt an der Theorie fest und spricht Eichmann verbrecherische Motive ab. Sie charakteri-
siert ihn als Funktionär, bei dem die ,,Ideologie [...] keine sehr große Rolle gespielt"
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hat.
2.2. Arendts Theorie des Verwaltungsmassenmords
Arendts Zuschreibung des pflichtbewussten Funktionärs und Schreibtischtäters basiert
auf dem Begriff des Verwaltungsmassenmords, dessen Idee im Folgenden kurz erläutert wer-
den soll. In ihrem Text ,,Organisierte Schuld" beschreibt Arendt die Rolle, die der Durch-
schnittsdeutsche in der Vernichtungsmaschinerie einnahm:
,,Im Gegensatz zu den früheren Formationen von SS und Gestapo rechnet die Himmlersche Gesamtor-
ganisation weder mit Fanatikern noch mit Lustmördern noch mit Sadisten; sie rechnet einzig und allein
mit der Normalität von Menschen vom Schlage Herrn Heinrich Himmlers."
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Weiter beschreibt sie die strikte Trennung zwischen Privatperson und öffentlicher Person:
,,Wenn sein Beruf ihn zwingt, Menschen zu morden, so hält er sich nicht für einen Mörder,
8
Vgl. Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, a.a.O., S. 246.
9
Ebenda, S. 232 zitiert nach Frank, Hans: Die Technik des Staates, 1942, S. 15 f.
10
Vgl. Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, a.a.O S. 247.
11
Vgl. Mann, Golo: Der verdrehte Eichmann. In: Arendt, Hannah /Fest, Joachim (Hg): Eichmann war von em-
pörender Dummheit. Gespräche und Briefe. Piper Verlag, München 2011, S. 118.
12
Arendt, Hannah/ Fest, Joachim (Hg): Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe. Piper,
München/Berlin, 2011, S. 39.
13
Hannah Arendt, ,,Organisierte Schuld" (1945), in: dies., Die verborgene Tradition. Essays, Frankfurt am Main:
Jüdischer Verlag 2000, S. 45.
Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Bettina Stangneths "Eichmann vor Jerusalem" als Kritik an Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem". Widerspruch oder Unterstützung für die Theorie der Banalität des Bösen?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie und Geisteswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V385120
ISBN (eBook)
9783668603394
ISBN (Buch)
9783668603400
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bettina, stangneths, eichmann, jerusalem, kritik, hannah, arendts, widerspruch, unterstützung, theorie, banalität, bösen
Arbeit zitieren
Luise Nagel (Autor), 2017, Bettina Stangneths "Eichmann vor Jerusalem" als Kritik an Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem". Widerspruch oder Unterstützung für die Theorie der Banalität des Bösen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385120

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