Panegyrik und Kritik in den Kaiserstrophen des Ottentons von Walther von der Vogelweide


Seminararbeit, 2000

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Strophe L11,30
2.2 Strophe L12,6
2.3 Strophe L12, 18

3. Schluß

4. Literaturangaben

1. Einleitung

Die Tatsache, daß der Ottenton so viele Jahrhunderte nach Walthers Schaffenszeit noch die Forschung beschäftigt und ihr vor allem für ganz gegenteilige Auslegungen annähernd gleich schlüssige Hinweise liefert, regt dazu an, einmal nicht die Frage nach dem Auftraggeber in den Mittelpunkt zu stellen, sondern viel allgemeiner die, ob Walther von der Vogelweide Otto IV. in diesen Sprüchen lobt oder kritisiert. Für die Untersuchung unter dem Gesichtspunkt Panegyrik oder Kritik sollen einerseits die Meinungen Arthur Hattos und Matthias Nix’ gegenübergestellt und andererseits der Semantik des Textes unter Vernachlässigung der geschichtlichen Situation Beachtung geschenkt werden. Die Strophen, auf die ich dieses Verfahren anwenden werde, sind einzig die sogenannten Kaiserstrophen. Ich halte mich dabei an die Reihenfolge der Handschrift A. Die eindeutig antipäpstlichen Strophen können zwar auch im Interesse Otto IV. entstanden sein, enthalten aber semantisch kaum ihn preisende oder tadelnde Merkmale, da sie nicht in erster Linie von ihm handeln. Aus diesem Grund werden L11,6, L12,30 und L11,18 in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. Doch auch sie würden der Schlußfolgerung aus der folgenden Betrachtung sicher nicht widersprechen. Denn man braucht nur die Exklusivität der Forscher aufzuheben, um zu der Erwägung zu gelangen, daß Walther in diesem Ton offiziell den Herrscher zu loben hatte, ob dies nun in dessen Auftrag geschah oder im Dienst der Fürsten, die Otto durch Schmeichelei gnädig stimmen wollten. Innerhalb dieser zum Teil nahezu vergötternden Strophen finden sich indes Passagen, die auf schwer nachweisbare Kritik hindeuten.

2. Hauptteil

2.1 Strophe L11,30

Sowohl Arthur Hatto als auch Matthias Nix verstehen den Empfang des Kaisers in L11,30 als Beifall für dessen Macht[1]. Für ersteren besteht die Intention, die den Dichter zur Äußerung dieses Spruchs veranlaßt, im aufrichtigen Lob des Herrschers in dessen Auftrag, für letzteren lediglich in der captatio benevolentiae mit dem eigentlichen Ziel, im weiteren Verlauf ein gutes Wort für die Fürsten einlegen zu dürfen[2].

Nix sieht bereits in der Willkommensstrophe drei lobenswerte Kriterien herausgearbeitet. So betone der Text zuerst die „maiestas“[3], also die Tatsache, daß Otto IV. das höchste aller Ämter im Land bekleidet. Deshalb wird auch nur er als k e iser angesprochen. In den Versen

„iuwer hant ist crefte und guotes vol,

ir wellent übel oder wol,

sô mac si beidiu rechen unde lônen“ (11,33-35)

preise der Dichter dann die „potestas“[4], die Strafgewalt des Herrschers: Aus dem Text geht hervor, daß dieser ganz allein entscheiden kann, ob er mit seiner kräftigen und wohlhabenden Hand jemanden bestraft oder belohnt. Schließlich hebt Walther laut Nix „in den Versen 11,36-12,1 seine auctoritas hervor, indem er auf die freiwillige Unterordnung [nur] der in Frankfurt versammelten Fürsten hinwies“[5]. Demnach wird der Welfe in dieser Strophe auch für sein respekteinflößendes Auftreten gelobt.

Hatto dagegen sieht den Schwerpunkt der Strophe in der Erwähnung des Meißener Markgrafen Dietrich. Diese Ansicht begründet er damit, daß Walther neben dem Ottenton einen neuen Ton entwarf, „in dem er bei Otto Fürsprache für Hermann hält (105,13)“[6], also

für den Schwiegervater des Meißners. Dies müsse mit einem gewissen Auftrag, den Dietrich vom Kaiser erhalten hatte, in Verbindung stehen. Denn der Markgraf sollte Hermann zur Kapitulation überreden, bzw. zwischen den Interessen Ottos IV. und seines Verwandten vermitteln. Zur Bewältigung dieser Aufgabe mag Dietrich Walther als Helfer eingestellt haben[7]. So könnte auch der Ottenton einer der vielen Dienste gewesen sein, von dem der Dichter behauptet, sie für den Markgrafen geleistet zu haben, ohne angemessen dafür entlohnt worden zu sein. Indem Hatto von dem besagten Fürsten als Auftraggeber ausgeht, findet er zugleich eine divergierende Lesart des Verses: „von gote wurde ein engel ê verleitet“ (12,5). Statt der „poetischen Verklärung des Übertritts Dietrichs zum Kaiser durch den Vergleich seiner Ergebenheit mit der Treue der Engel zu Gott“[8], wie unter anderem Nix ihn interpretiert, macht er, dadurch, daß er sich die Frage stellt, warum Walther hier als Symbol für die enge Verbundenheit der beiden Personen gerade den Vergleich mit den Engeln wählt, Ironie oder gar Sarkasmus aus. Schließlich liegt gerade zwischen Gott und den Engeln das berühmteste und schockierendste Beispiel für Abtrünnigkeit vor.

„Fragwürdige Sprache ist dies, wenn führende Ritter ihre eigenen Brüder verlassen [...]; - um so fragwürdiger, wenn wir uns daran erinnern, daß die Menschen mehr als heute daran dachten, daß gewisse Engel sich von Beginn der Zeiten gegen ihren Gott aufgelehnt hatten“[9].

In diesem Sinne wäre der zitierte Vers offensichtlich nicht lobend gemeint, sondern vielmehr als indirekte Kritik an Ottos Leichtgläubigkeit, wenn nicht Dummheit, mit der er sich von der Treue eines Fürsten überzeugen läßt, der kurz zuvor noch an der Verschwörung beteiligt gewesen war und kurz darauf tatsächlich unter den Territorialherren sein würde, die sich offen gegen den alten Kaiser auflehnten, bevor sie zu Friedrich II. überliefen.

Versucht man aber, die gleiche Strophe einmal mit möglichst wenig Bezug auf die Geschichte zu lesen und nur die semantischen Anzeichen für Lob oder Kritik herauszukristallisieren, kommt man zu dem Schluß, daß in dieser Hinsicht vieles für die Überhöhung des Kaisers spricht: die Anrede als „herre“, der Titel „keiser“, die Mitteilung an diesen, daß er „willekomen“ ist in 11,30. Eine weitere positive Bewertung findet sich in der Darstellung seiner Hände voller Kraft bzw. Gewalt und voller Besitz (11,34) und in dem Vergleich der Krone Ottos mit allen anderen Kronen (11,32), wobei erstere natürlich die überragende ist. Auch wenn Fürsten ihrem Herrscher untertänig sind, wie in 12,01 beschrieben, bedeutet dies für eine Monarchie nichts Negatives, im Gegenteil.

[...]


[1] Vgl. Hatto, Arthur: Die Ottonischen Gedichte Walthers von der Vogelweide. Eine neue Interpretation. In: Walther von der Vogelweide. Hrsg. von Siegfried Beyschlag. Darmstadt 1971 (WdF 1112) S.230-250, S.338 und Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide. Göppingen 1993 (GAG 592), S.122.

[2] Vgl. Hatto: Die Ottonischen Gedichte, Anm. 3, S. 221. Hier zitiert Hatto Crick, dessen Schrift er für ausgezeichnet hält, und stimmt mit ihm überein, daß die Lobpreisung ein Versuch ist „Otto Sand in die Augen zu streuen“.

[3] Nix: Untersuchungen, S.123.

[4] Ebd.

[5] Ebd., S.126.

[6] Hatto: Die Ottonischen Gedichte, S. 235.

[7] Vgl. ebd.

[8] Nix: Untersuchungen, S.128.

[9] Hatto: Die Ottonischen Gedichte, S. 246.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Panegyrik und Kritik in den Kaiserstrophen des Ottentons von Walther von der Vogelweide
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik I)
Veranstaltung
Seminar 1b
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V3853
ISBN (eBook)
9783638123815
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit geht problemorientiert vor: Mit Hilfe von Nix und Hatto werden die gewählten Strophen aus gegensätzlichen Perspektiven betrachtet, am Text wird dann die eigene Sicht entwickelt - das ist eine gute Vorgehensweise. Der Umgang mit dem Text ist selbständig und zeigt jederzeit ein entschiedenes eigenes Urteil. Die These von der durchgängigen Doppeldeutigkeit kann ich indes so nicht immer nachvollziehen, sie hätte sich wohl eher stärken lassen, wenn man den Zusammenhang der drei Strophen stärker betrachtet hätte (Etwa verstehe ich die Kritik hinter den Versen L12,18-20 nicht, die sie andeuten) Kommentar des Seminarleiters 127 KB
Schlagworte
Otto IV., Auftragsdichtung, Kaiserlob
Arbeit zitieren
Martina Ochs (Autor), 2000, Panegyrik und Kritik in den Kaiserstrophen des Ottentons von Walther von der Vogelweide, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3853

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