Vorgehensweise und Vergleich von Modellen für die Evaluierung eines PLM / PDM Systems


Bachelorarbeit, 2016

63 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Kurzfassung

Abstract

Einleitung

1 Evaluierungsmodelle

1.1 PLM Evaluierung nach Kalypso

1.2 CIM Data - Modell für PLM Evaluierung

1.3 Fraunhofer Modell

1.4 Tech Clarity Framework

1.5 Y – Modell nach Scheer

1.6 Holistisches PLM Modelle

1.7 Synthese von VDI mit Arnold

1.8 Fazit und Entwurf eines neuen Modells

2 Selbstevaluierung

2.1 Unternehmensbedarf an PDM bzw. PLM

2.2 Ist-Analyse

2.2.1 Nummernsysteme

2.2.2 Klassifizierungssysteme

2.2.3 Produktstruktur

2.2.4 Dokumentenverwaltung

2.2.5 Freigabe- und Änderungswesen

3 Systemevaluierung

3.1 Systemintegration und Systemschnittstellen

3.1.1 ERP

3.1.2 PDM- und Autorensysteme

3.1.3 Team Data Management Systeme

3.2 Publishing und Webpräsenz

3.3 Lieferantenevaluierung

3.3.1 Implementierung

3.3.2 Support

3.3.3 Sonstige Kriterien und Anforderungen

Conclusio und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis


Kurzfassung

 

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema PLM und hat als Ziel, ein Vorgehensmodell zur PLM-Evaluierung zu entwickeln. Dieses soll Unternehmen erleichtern (1) den grundsätzlichen Bedarf, (2) den eigenen Reifegrad bzw. Optimierungspotentiale im Unternehmen und (3) Evaluierungskriterien für Systemanbieter zu bestimmen. Sie bedient sich hierbei der Methodik der Literaturanalyse und stützt sich auf Quellen aus Wissenschaft und Industrie. Hierbei werden verschiedene Vorgehensmodelle aus der Literatur behandelt.

 

Im Verlauf der Arbeit wird der Fokus vor allem auf ein neues Model gelegt. Dieses besteht aus der VDI Richtlinie 2219 sowie dem sogenannten Maturity Modell nach Batenburg (2006) und dem Evolutionären Modell von Arnold et alii.

 

Es wird argumentiert, dass sich der Evaluationsprozess über alle Phasen der PLM-Implementierung erstreckt und iterativer Natur ist. D.h. Ergebnisse einer Phase können zu einer neuen Beurteilung von Ergebnissen früherer Phasen führen. Dieses Evaluierungsmodell wird anhand von ausgewählten Punkten, welche potentielle Problemfelder darstellen, erläutert und mit Beispielen aus Unternehmen mit hohem Engineering-Anteil veranschaulicht. Zielgruppe dieser Arbeit sind somit Großunternehmen, aber auch KMUs, die Konstruktion, Entwicklung und Produktion alleine oder in Kooperation mit Partnerunternehmen betreiben.

 

Schlagwörter: Product Lifecycle Management, Vorgehensmodelle, Selbstevaluierung, Systemevaluierung,

 

Abstract

 

This paper addresses the problem of generating a model that assists in evaluating PLM. Its objective is to enable companies to assess (1) whether an implementation of PLM is required or useful, (2) a company’s maturity level with regards to PLM implementation, and (3) a provider of PLM systems’ ability to meet a company’s requirements by developing evaluation criteria. It does so by adopting the method of literature review and uses sources of academic as well as industrial origin. It discusses models which are mentioned in academic sources but lays the focus on the two most prominent sources being a process model presented by guideline VDI 2219 and the so-called ‘maturity model’ as published by Arnold et alii and Batenburg. Thus, a new model is being derived consisting of the combination of the above. This paper argues that evaluation does not simply happen during a specific phase but evolves during the whole PLM implementation process and does so in a highly iterative way. Results might at any time give cause to reconsider earlier findings. The model presented in this paper illustrates specific aspects that potentially cause problems with examples derived from companies that engage in PLM related activities. It thus targets small-, medium- and large sized engineering companies who design and produce on their own or in cooperation with other companies.

 

Keywords: Product Lifecycle Management, Implementation, Models, Selfevaluation, Systemevaluation

 

Einleitung

 

Diese Arbeit gliedert sich in drei Kapitel, im ersten Kapitel werden Modelle für die Evaluierung von PLM / PDM aus der Literatur und Praxis vorgestellt und diskutiert.

 

Das zweite Kapitel widmet sich dem Thema Selbstevaluierung. Welchen Reifegrad und über welche Fähigkeiten ein Unternehmen verfügen muss bevor ein PLM-System sinnvoll eingeführt werden kann. Im dritten Kapitel werden Kriterien für die Evaluierung eines PLM-System diskutiert. Diese Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, ein Vorgehensmodell zu entwickeln, welches Unternehmen darin unterstützt, ihren eigenen Reifegrad zu bestimmen, schließlich aber auch konkrete Forderungen an PLM-Lösungen zu definieren.

 

Was bedeutet nun PLM? Diese Abkürzung steht für Product Lifecycle Management, wie Industrie 4.0 ist es ein Schlagwort, das nicht mehr aus Industrie und Wirtschaft wegzudenken ist. Es existiert mittlerweile ausgereifte Literatur bezüglich der Möglichkeiten, die ein PLM-System unterschiedlichen Unternehmen bietet sowie hinsichtlich der Vorgehensweise ein PLM-System zu implementieren. Hierbei kommt dem Prozess einer PLM-Evaluierung allerdings eine untergeordnete Rolle zu. Diese Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, hierzu einen Beitrag zu leisten und stellt die Frage, wie ein Evaluierungsmodell gestaltet werden kann. Es wird argumentiert, dass sowohl hinsichtlich des Unternehmens selbst als auch bezüglich der Systemanbieter ein Evaluierungsprozess stattzufinden hat. Dieser berücksichtigt verschiedene organisationstechnische, prozesstechnische, aber auch IT-technische Aspekte. Angelehnt an allgemeinen Vorgehensmodellen wie in der VDI 2219 und bei Arnold et al. präsentiert, wird ein neues Vorgehensmodell entwickelt, das den Evaluationsprozess in den Vordergrund rückt. Der Rahmen dieser Arbeit erlaubt keine Verifizierung des als Hypothese vorgestellten Modells; ein nächster Schritt wäre es, in einer zukünftigen Arbeit die Anwendbarkeit bzw. Aussagekraft bei Unternehmen mit hohem Engineering Anteil zu testen. Zur Illustration der Herausforderungen, die eine PLM-Systemeinführung darstellt, werden Praxisbeispiele aus dem Bereich Engineering angeführt, die auf Gesprächen mit Mitarbeiter/innen der Firmen K&N Schalterentwicklungs GmbH, Benedict GmbH und der Hoerbiger Holding basieren. Diese Firmen planen eine bzw. beschäftigen sich mit der Thematik PLM-Einführung. Die angeführten Beispiele veranschaulichen, welche Herausforderungen bezüglich Organisation und Prozessgestaltung gemeistert werden müssen und worauf in weiterer Folge bei der Selbstevaluierung wie bei einer Systemevaluierung geachtet werden muss.

 

Der Rahmen dieser Arbeit erlaubt keine allumfassende Behandlung des Themas PLM-Evaluierung und so besteht die Zielgruppe sowohl aus Groß- als auch mittelständische Unternehmen mit einem hohen Entwicklungsanteil. Durch den Fokus auf die Phasen der Produktentstehung werden weitere Phasen des Produktlebenszyklus wie Marktanalyse, Vertrieb, Nutzung und Recycling und deren Kriterien hinsichtlich einer PLM-Einführung vernachlässigt. Diese Arbeit bedient sich der Methodik der Literaturanalyse. Sämtliche Grafiken und Tabellen, sofern nichtausdrücklich anders ausgewiesen, wurden vom Autor erstellt und gestaltet.

 

1 Evaluierungsmodelle

 

Dieses Kapitel stellt eine Auswahl von Modellen und Frameworks aus der Literatur und der Praxis, für die Evaluierung von PLM / PDM vor.

 

Die Modelle sind der Literatur entnommen oder stammen von PLM Softwareanbietern und aus verschiedenen Bereichen der Industrie.

 

1.1 PLM Evaluierung nach Kalypso

 

Developing a strategic PLM program is a multi-step process that is best addressed by starting small, thinking big, and building incrementally” (Poston, 2006, p. 11).

 

Kalypso (2006) hat ein Modell entworfen, welches die Anforderungen von Halbleiterherstellern bedient aber auch für andere Branchen adaptierbar ist.

 

Die Prozesse bauen aufeinander auf und sollten inkrementell umgesetzt werden.

 

 

Abbildung 1 Model nach Kalypso abgleitet von (Poston, 2006, pp. 10-11)

 

Die Evaluierung der einzelnen Prozesse auf ihre PLM Reife kann mittels Maturity-Modellen durchgeführt werden.

 

Dazu werden alle PLM Komponenten (Abbildung 2) in der Prozesslandkarte mittels Fragebögen auf ihre PLM Reife untersucht. Es wird der Ist -, und Sollzustand erfasst und mit dem Zielzustand abgeglichen.

 

 

Abbildung 2 Komponenten einer PLM Lösung nach Kalypso (2006, p. 8)

 

Für Unternehmen in der Halbleiter-Herstellung ergeben sich technologische Voraussetzungen, welche erfüllt sein müssen, um überhaupt PLM in Erwägung zu ziehen und welche das Fundament für alle weiteren Komponenten bilden. Hierunter fallen die technische Infrastruktur und die technologischen Voraussetzungen.

 

Kalypso (2006) beschreibt die Komponenten wie folgt:

 

Strategisches Management

 

Plant und ermöglicht die Erstellung und Umsetzung von Produkt und Technologie Roadmaps.

 

Unterstützt das Innovationsmanagement und den Innovationsprozess.

 

Design-Fähigkeiten

 

Aufgabe ist es die Kundenwünsche im System mit den Bestandteilen und den Entwicklungsteams zu verbinden. Sie dokumentieren die Verknüpfungen und alle Änderungen im Entwicklungsprozess.

 

Sie ermöglichen die standort – und plattformunabhängige Zusammenarbeit im Unternehmen.

 

Datenverwaltungsfähigkeiten

 

Ziel ist es, eine Version eines Produkts zu haben, welche über die Wertschöpfungskette hinaus auch beim Partnern und Kunden, sowie Zulieferern einheitlich ist. Dieses Dokument enthält alle Informationen und verknüpften Prozesse und zieht sich über den ganzen Lebenszyklus des Produktes.

 

Softwarefähigkeiten und Qualitätssicherung

 

Diese Komponente ist ein integraler aber oft vernachlässigter Bestandteil einer PLM Lösung.

 

Die PLM Lösung sollte dem Unternehmen helfen schon in der Entwicklung Bugs und Softwarefehler zu erkennen.

 

Sie dient auch als Schnittstelle zwischen den Integrated Circuit und der dazu gehörenden Software.

 

Supply Chain Capabilities

 

PLM Lösungen, welche im Umfeld der Halbleiter-Industrie zum Einsatz kommen, sollten immer als ein über mehrere Unternehmen übergreifendes System gesehen werden. Das Outsourcen sollte deswegen nur bei einer ausgezeichneten und sicheren Kommunikation mit externen Design Shops, erwogen werden (Poston, 2006, pp. 8-11).

 

1.2 CIM Data - Modell für PLM Evaluierung

 

Das CIM Modell (2014) setzt eine bestehende technische Infrastruktur sowie eine Daten-Zugriffsstruktur voraus.

 

Auf diesen Grundlagen werden das Dokumenten-Management und die weiteren Prozessschritte aufgesetzt (Abbildung 3).

 

 

Abbildung 3 CIM Data PLM Implementierung (McKinney, 2014, p. 7)

 

Es wird auch empfohlen, nicht den „Big Bang“-Ansatz zu wählen, sondern inkrementell die Schritte abzuarbeiten (McKinney, 2014, p. 13).

 

Die Evaluierung der Prozessschritte gestaltet sich analog zur VDI bzw. dem Kalypso Modell. Per Maturity-Frageböden wird die PLM Reife der Komponenten analysiert und bewertet. Hieraus leiten sich die PLM Potentiale ab.

 

Der Ablaufprozess ist in Abbildung 4 dargestellt.

 

Der Prozesse Change Control zieht sich durch den ganzen Ablauf und wurde deswegen als Überprozess für das Modell abgebildet (Abbildung 4).

 

 

Abbildung 4 Modell nach CIM Data (McKinney, 2014)

 

1.3 Fraunhofer Modell

 

Fraunhofer (2011) stellt den generellen Ablauf der Evaluierung bzw. der Einführung eines PLM Systems in Abbildung 5 vor.

 

 

Abbildung 5 Auswahl eines PDM/PLM Systems nach (Binzer, 2011, p. 8)

 

Fraunhofer nennt als Erfolgsfaktoren die in Abbildung 6 genannten Punkten bzw. Kriterien.

 

 

Abbildung 6 Erfolgskriterien nach Fraunhofer (Binzer, 2011, p. 10)

 

Die Prozessschritte für die Evaluierung von PLM werden vom Fraunhofer Institut wie folgt dargestellt. Für diese Arbeit sind die Voranalysephase und die Analysephase besonders von Bedeutung (Abbildung 7).

 

 

Abbildung 7 PLM Implementierungsprozess nach Fraunhofer (Binzer, 2011, p. 11)

 

Für die Evaluierung von PLM Potentialen kann nach Abbildung 8 vorgegangen werden.

 

 

Abbildung 8 Methoden für die PLM Potential Findung 1 von 2 (Binzer, 2011, pp. 13-14)

 

 

Abbildung 9 Methoden für die PLM Potential Findung 2 von 2 (Binzer, 2011, p. 14)

 

Wie bei (Arnold, et al., 2011) empfohlen, sollen mittels dieser Schritte die PLM Potentiale im Unternehmen gefunden und entwickelt werden.

 

Fraunhofer gibt diese Punkte für die Auswahl des richtigen Systems für ein Unternehmen an.

 

 

Abbildung 10 Auswahlkriterien für ein PLM / PDM System (Binzer, 2011, p. 17)

 

Für die PLM System Entscheidungsfindung wird nach (Binzer, 2011) ein dreistufiger Prozess empfohlen:

 

1 Stufe

 

Entwurf von prozessorientierten Szenarien.

 

2 Stufe

 

Benchmark Tests und Vorführungen mit mindestens drei Kandidaten.

 

3 Stufe

 

Den Besuch bei Referenzkunden

 

1.4 Tech Clarity Framework

 

Tech Clarity (2015) stellt in seinem Whitepaper sein Model für die PLM / PDM Evaluierung vor.

 

Die Kriterien sind in Abbildung 11 dargestellt.

 

 

Abbildung 11 PLM Evaluierung Kriterien (Brown, 2015, p. 3)

 

Es wird ein hoher Fokus auf Kontrolle, Zugriff und Berechtigungen (Share) gelegt.

 

Sie bilden wie bei anderen Modellen die Grundlage um ein PLM / PDM System einführen zu können.

 

 

Abbildung 12 Die Hauptfaktoren nach Tech Clarity (Brown, 2015, p. 6)

 

Tech Clarity (2015, p. 17) empfiehlt diese Punkte einer genaueren Untersuchung zu unterziehen:

 

 Product requirements

 

 Implementation, adoption, and support requirements

 

 Vendor / business requirements

 

 Special requirements based on company size (particularly for very small or very

 

large organizations)

 

 Special considerations to meet industry needs

 

 

Abbildung 13 PLM Implementierung nach Zeit und Maturity (Brown, 2015, p. 18)

 

In Abbildung 13 zeigt Tech Clarity dass mit fortlaufen des Projektes die PLM Fähigkeiten des Unternehmens steigen. Es zeigt aber auch, dass PLM / PDM keine Software ist, welche einfach installiert wird, sondern es sich um ein Projekt handelt, welches im Schnitt 30 bis 45 Monate in Anspruch nehmen kann (Dassault Systèmes, 2006).

 

1.5 Y – Modell nach Scheer

 

„Im Kern betrachtet das Y-CIM-Modell die betriebswirtschaftliche und die technische

 

Prozesskette in der Fertigung. Die betriebswirtschaftlichen Aufgaben zielen

 

dabei auf die Planung und Durchführung von Fertigungsaufträgen“ (Scheer, et al., 2005, p. 4).

 

Scheer (2005) bildet mit dem Y-Model ein Unternehmen als Ganzes ab. Ziel ist es, die Verbindung der betriebswirtschaftlichen mit den technischen Systemen zu zeigen.

 

Auch soll das Zusammenspiel zwischen Produktionsplanung (PPS) und Autorensystemen (CAx) deutlich gemacht werden.

 

Das Modell kann als erste Vorlage für das Ableiten von Evaluierungsprozessen verwendet werden.

 

 

Abbildung 14 Y-Modell nach (Scheer, et al., 2005, p. 5)

 

In Abbildung 15 wird gezeigt wo Evaluierungsprozesse angesetzt werden können. Zur Auswertung werden auch hier die Maturiy Modell Fragebögen empfohlen (Arnold, et al., 2011, p. 57).

 

 

Abbildung 15 Y-Modell mit Prozessen nach (Scheer, et al., 2005, p. 5)

 

Die technischen Voraussetzungen müssen im Vorfeld für PLM gegeben sein, der Prozess hierfür wird vorab durchgeführt und ist deswegen mit keinem Punkt im Y-Model verknüpft.

 

Scheer stellt auch ein Modell für die Evaluierung von CAD dar, dieses hat auch Potential, um daraus Schritte für PLM abzuleiten.

 

 

Abbildung 16 Kriterien für die CAD Auswahl (Scheer, et al., 2005, p. 17)

 

1.6 Holistisches PLM Modelle

 

“PLM is a holistic business concept, which guides the usage of all product related information in the organization. Thus, it needs to start with the strategy of an organization, including the product strategy and the knowledge management strategy of the organization, which form the base for a PLM strategy” (Silventoinen, 2011).

 

Silventoinen (2011) beschränkt sich bei seinem Modell nicht auf einzelne Aspekte des Unternehmens. Er betrachtet PLM als eine ganzheitliche Lösung, die jeden Bereich eines Unternehmens beeinflusst.

 

Er erweitert die Sichtweise, indem er Personen und die Unternehmenskultur in sein Modell mit einbezieht.

 

 

Abbildung 17 Holistische Betrachtung nach Silventoinen (Silventoinen, 2011, p. 486)

 

Die Kernprozesse sind sowohl von den Mitarbeitern als auch von der IT-Architektur abhängig. Sie bilden die Basis bzw. die technologischen Grundlagen.

 

Für die Erfassung der PLM Reife der einzelnen Komponenten kann auf (Silventoinen, 2011) und die Maturity Modelle zurückgegriffen werden.

 

1.7 Synthese von VDI mit Arnold

 

Die vom Verein der deutschen Ingenieure gestaltete VDI Richtlinie 2219 bietet ein strukturiertes Vorgehensmodell zur Einführung und dem Betrieb von PDM bzw. PLM-Systemen und richtet sich sowohl an Großunternehmen als auch an KMUs. Im Zuge dieser Arbeit wird der 2014 veröffentlichte Entwurf vorgestellt, gegen den bis 31.03.2015 Einspruch erhoben werden konnte. Dieser Entwurf empfiehlt in jedem Fall zunächst die Zusammenstellung eines für die Systemauswahl zuständigen Teams, das aus Experten der betroffenen Fachabteilungen und der IT-Abteilung sowie aus evtl. herangezogenen externen Beratern besteht. Abbildung 18 illustriert den Ablauf einer Systemauswahl: Es wird mit einer Ist-Analyse der Unternehmenssituation begonnen. Im Fokus sehen hier u.a. Prozesse, Klassifizierungssysteme, Informationsflüsse, Dokumenttypen, Mengengerüste sowie die bestehenden Autorensysteme[1]. Basierend auf den aus der Ist-Analyse gewonnen Informationen sowie den zuvor definierten Unternehmenszielen wird ein Sollkonzept erstellt, das „den Einsatz des PDM-Systems entlang des PLM-Prozesses“ beschreibt (Verein Deutscher Ingenieure, 2014, p. 13). Ziel ist es, ein Datenmodell zu erstellen, das Zusammenhänge zwischen einzelnen Objekten verwaltet sowie generell ein Konzept über die gewünschte IT-Architektur hinsichtlich Infrastruktur und Schnittstellen zu dem bestehenden ERP-System zu erstellen. Aus dem Sollkonzept wird eine Anforderungsliste abgeleitet, die jene Funktionen und Anwendungen beschreibt, mit denen der künftige Alltag gemeistert werden soll. Die Systemauswahl, auf der schließlich die Entscheidung beruht, geschieht nach Kriterien (1) strategischer und (2) funktionaler Natur, sowie anhand von (3) Referenzen und in Bezug auf Anbieterqualität und -stabilität am Markt. So macht es beispielsweise keinen Sinn, eine Partnerschaft mit einem Systemanbieter einzugehen, der seine Leistung nicht die nächsten 10 Jahre erbringen kann (Verein Deutscher Ingenieure, 2014, pp. 12-15). Schließlich wird eine Wirtschaftlichkeitsanalyse unter Anwendung der Kapitalwertmethode, der Methode des internen Zinsfußes sowie in Form einer dynamischen Amortisierungsrechnung empfohlen (Verein Deutscher Ingenieure, 2014, p. 22).

 

 

Abbildung 18 Ablauf einer Systemauswahl (Verein Deutscher Ingenieure, 2014, p. 12)

 

 Die VDI Richtlinie 2219 gibt detailliertere Empfehlungen zur Implementation ab, geht aber nicht weiter auf Inhalt oder Methoden der Selbstanalyse ein. Für den Fall eines Systemwechsels von einem vorhandenen PDM- zu einem neuen PDM- bzw. PLM-System wird darauf hingewiesen, dass ein „Abgleich der Daten“ sowie eine „Überarbeitung vorhandener Prozesse wegen neuer Funktionalitäten“ von Nöten ist, es wird aber nicht weiter erläutert, um welche Prozesse es sich hier handelt und welche organisatorischen Aspekte überarbeitet werden müssen (Verein Deutscher Ingenieure, 2014, p. 19). Dieses Vorgehensmodell vertritt die Ansicht, dass neue Funktionalitäten eines zu wählenden PLM-Systems die Arbeitsprozesse eines Unternehmens prägen. Diese Arbeit vertritt jedoch den Ansatz, dass im Gegenteil zuerst (historisch gewachsene) Prozesse überarbeitet und optimiert werden müssen und dann zu untersuchen ist, welches PLM-System diese durch Funktionen, mit denen Teilaufgaben automatisiert werden, am besten unterstützt.

 

Ein weiterer Punkt, den es kritisch zu betrachten gilt, ist die lineare Darstellungsform des Implementierungsprozesses. Es wird hiermit vernachlässigt, dass es sich hierbei um ein iteratives Vorgehen handelt. Arnold et al. (obgleich älteren Datums) berücksichtigen diesen Aspekt und präsentieren ein Vorgehensmodell, welches, um die iterative Natur des Implementierungsprozesses[2] zu unterstreichen, in Form eines Spiralmodells dargestellt ist. Basis ist eine PLM-Vision, mit der ein eigens zusammengestellter PLM-Stab betraut wird. Die PLM-Vision beschreibt nicht nur langfristige Ziele, sie ist auch ein Kontrollinstrument, mit dem der jeweilige Projekt- und Unternehmensstatus geprüft wird. Basierend auf dieser PLM-Vision wird in der ersten Phase der Reifengrad eines Unternehmens bezüglich einer PLM-Implementierung bestimmt, indem der Ist-Zustand verschiedener Funktionsblöcke wie Dokumentenmanagement, Änderungs- und Freigabemanagement, unternehmensübergreifende (oder standortübergreifende) Produktentwicklung etc. analysiert wird. Je nach erzieltem Reifegrad gilt es noch Vorbereitungsarbeiten zu unternehmen. In der zweiten Phase werden – wieder in Übereinstimmung mit der PLM-Vision – Anforderungen hinsichtlich der einzelnen Funktionsblöcke konkretisiert, die in einem Lastenheft festgehalten werden. In der dritten Phase erstellt ein potentieller Systemlieferant, eventuell in Zusammenarbeit mit der unternehmensinternen IT-Abteilung ein Pflichtenheft, in dem jene Leistungen beschrieben werden, die der Auftragnehmer erbringen muss. In der letzten Phase schließlich erfolgen die Systemimplementierung und -integration. Es ist damit zu rechnen, dass die gewählte PLM-Lösung noch in der Phase der Implementierung an das Unternehmen angepasst werden muss. Es muss kontinuierlich verifiziert werden, ob mit der getroffenen Wahl die gesetzten Ziele tatsächlich erreicht werden können (Arnold, et al., 2011, pp. 55-75).

 

 

Abbildung 19 Vorgehensmodell zur PLM-Einführung (Arnold, et al., 2011, p. 6)

 

In den folgenden Kapiteln wird ein Vorgehensmodell präsentiert, das dem Evaluierungsprozess größere Bedeutung beimisst. Ausgehend von dem Prozessmodell der VDI 2219 wird parallel dazu zwischen Phasen der Selbst- und der Systemevaluierung unterschieden (siehe Abbildung 20). In Anlehnung an Arnold et alii wird der iterativen Natur dieser Prozessschritte größere Bedeutung beigemessen[3]. So kann im Zuge der Erstellung eines Soll-Konzeptes festgestellt werden, dass gewisse Unternehmensaspekte noch nicht ausreichend untersucht wurden, sodass u.U. nochmals eine Ist-Analyse stattfindet.

 

 

Abbildung 20 Evaluierungsmodell im Vergleich zu VDI 2219

 

Auch betont das in dieser Arbeit entwickelte Vorgehensmodell, dass eine Zieldefinition nicht erst bei Erstellung des Sollkonzeptes stattfindet, sondern auf einer strategischen Ebene bereits am Anfang formuliert werden muss (siehe Abbildung 21). Auch die Ziele können sich im Laufe der Ist-Analyse sowie der Soll-Konzeption ändern. Schließlich weist dieses Modell darauf hin, dass noch vor einer Systemevaluierung Vorbereitungsarbeiten zu definieren sind. Es wird hiermit der Ansatz vertreten, dass die Einführung eines PLM-Systems ohne vorangestellter Prozess- und Strukturoptimierung das alte System im neuen Gewand ist.

 

 

Abbildung 21 Evaluierungsmodell Phase Selbstevaluierung

 

Abbildung 22 illustriert, dass die Phase der Formulierung von PLM-Zielen nicht nur den Beginn der Selbstevaluierung, sondern auch der Systemevaluierung darstellt. In Anlehnung an diese ist durch die IT-Abteilung – evt. in Kooperation mit externen Beratern – eine Anforderungsliste zu erarbeiten, die darauf eingeht, was eine PLM-Lösung systemtechnisch bieten muss, um eine Umsetzung dieser Ziele zu ermöglichen. Hier werden verschiedene Möglichkeiten der Systemintegration betrachtet – nicht nur hinsichtlich diverser zusätzlicher Funktionen bei der Handhabung, sondern auch unter Berücksichtigung der Herausforderungen, die eine PLM-Lösung bei einer Datenmigration meistern und systemtechnisch unterstützen muss. In der folgenden Phase werden unterschiedliche Systemanbieter auf Basis des Anforderungsprofils bzw. Lastenheftes miteinander verglichen. Schließlich unterstützt eine Nutzen-Kosten-Analyse bei der Entscheidungsfindung. An dieser Stelle sei auf die VDI 2219 verwiesen, die hier dynamische Verfahren der Investitions- und Amortisierungsrechnung empfiehlt und erläutert (Verein Deutscher Ingenieure, 2014, p. 22).

 

 

Abbildung 22 Evaluierungsmodell Phase Systemevaluierung

 

1.8 Fazit und Entwurf eines neuen Modells

 

Dieses Kapitel sollte zeigen, dass es keine „one size fits all“ Lösung bezogen auf PLM gibt.

 

Die Implementierung eines PLM Systems kennt leider keine Abkürzung und ist mit viel Arbeit und Kosten verbunden (Dassault Systèmes SolidWorks Corp., 2012, p. 13).

 

Unternehmen müssen sich im Klaren sein, dass ein PDM-System sowie dessen Ausbaustufe PLM, schmerzhafte Änderungen in der Organisation und den Unternehmensprozessen mit sich bringen können (Scheer, et al., 2005, pp. 27-28).

 

Die folgenden Kapitel sollen anhand von Beispielen aus Praxis und Literatur zeigen wie eine PLM Evaluierung durchgeführt werden kann. Hierzu wurde auch ein neues Modell erstellt.

 

Dieses neue Modell setzt sich aus Komponenten zusammen, welche im Kapitel 1.7 vorgestellt wurden. Diese wären das Modell nach VDI2219 (2014) und Arnold (2011) so wie die Maturity Modelle nach Batenburg (2006).

 

Dieses neue Modell ist mehr als die Summe seiner Teile und ist als Synthese der oben genannten Elemente zu sehen.

 

 

Abbildung 23 Modell Synthese

 

Die VDI2219 eignet sich hervorragend als Startkit, welches alle notwendigen Methoden mitbringt, um Prozesse individuell für das jeweilige Unternehmen zu entwickeln.

 

Ursprünglich aus dem Softwareevaluierungsbereich kommend, ist dank ihrer Flexibilität eine Anpassung für PLM möglich.

 

Das Modell von Arnold (2011) und die in der Literatur vorgestellten Maturity Modelle nach Silventoinen (2011) und Batenburg (2006) ergänzen die VDI um die für PLM notwendigen Punkte und ermöglichen die Bewertung der PLM-Reife einzelner Unternehmensbereiche.

 

Im Kapitel 2 werden die Kriterien für eine PLM-Selbstevaluierung diskutiert und im weiteren Verlauf der Arbeit das in Abbildung 23 gezeigte neue Modell verwendet.

 

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Vorgehensweise und Vergleich von Modellen für die Evaluierung eines PLM / PDM Systems
Hochschule
Fachhochschule Technikum Wien  (Technikum Wien Wirtschaftsinformatik)
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
63
Katalognummer
V385368
ISBN (eBook)
9783668620117
ISBN (Buch)
9783668620124
Dateigröße
3477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
PLM, PDM, Evaluierung, Modelle, Life, Cycle, Management
Arbeit zitieren
Alexandros Baltas (Autor:in), 2016, Vorgehensweise und Vergleich von Modellen für die Evaluierung eines PLM / PDM Systems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385368

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