Der Fürstenspiegel von Thomas von Aquin

Die Tyrannis und der Tyrannenmord im Fürstenspiegel von Thomas von Aquin im Vergleich zur "Politik" von Aristoteles


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Biographische Daten

2 Quellenkritik
2. 1Der Adressat, die Entstehungszeit, die Funktion und der Anlass des Fürstenspiegels.
2. 2 Zur Verfasserfrage des Fürstenspiegels
2. 3 Der Aufbau des Fürstenspiegels..
2. 4 Die Inhaltsangabe von Kapitel 3 -11

3 Der Vergleich zwischen Monarchie und Tyrannis: Was unterscheidet den Tyrannen vom König?
3.1 Der Tyrann folgt dem Eigenwohl, der König dient dem Gemeinwohl
3.2 Die Einheit ist im Königtum wie in der Tyrannis gegeben
3.3 Organismustheorie und Fortführung des Einheitsgedankens.
3.4 Wie kann das Volk eine Tyrannis vermeiden? Wie soll es sich verhalten, wenn ein Tyrann regiert?
3.5 Warum soll ein König eine gerechte Herrschaft führen und die himmlische Seligkeit als höchsten Lohn und Endziel anstreben?

4 Zusammenfassungen
4.1 Fazit: Monarchie und Tyrannis im Vergleich
4.2 Fazit: Thomas von Aquin und Aristoteles im Vergleich
4.3 Resümee.

5 Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellenverzeichnis.
5.2 Literaturverzeichnis.

Einleitung

Thomas von Aquin verfasste 1265/66 den Fürstenspiegel „De regimine principum“ an den König von Zypern. Im Sinne der scholastischen Methodik des „Sic et Non“ setzte er der Monarchie, welche er als die beste Staatsform betrachtete, die denkbar schlechteste Staatsform, die Tyrannis entgegen. Wie hat Thomas sich die tyrannische Herrschaft in der Theorie vorgestellt? An welchen Merkmalen identifizierte er den Tyrannen? Wie war seine Meinung zum Tyrannenmord? Um diese Fragen zu klären, soll zunächst der Lebenslauf von Thomas betrachtet werden. Konnte Thomas vielleicht persönliche Erfahrungen mit einer Tyrannis sammeln und diese im Fürstenspiegel verwenden?

1 Biographische Daten

Thomas von Aquin wurde 1224/25 in Roccasecca bei Neapel geboren. Nachdem er als Knabe eine Erziehung bei den Benediktinern genossen hatte, begann er 1238 ein Studium an der Universität in Neapel. Im zwanzigsten Lebensjahr trat er in den erst 1215 gegründeten Dominikanerorden ein. Das Ideal des Ordens sah ein Leben in Armut nach dem Vorbild der Apostel vor. Die Mönche sollten sich dem Studium der Heiligen Schrift und der christlichen Betrachtung widmen. Ihre Ausbildung war auf die Unterrichtung und Verteidigung des christlichen Glaubens ausgerichtet.

Seine Familie missbilligte aber seinen Eintritt in den Bettelorden, weil er damit auf eine angesehene Laufbahn in der Kirche verzichtet hatte. Auf dem Wege nach Paris, wo er seine Studien fortführen wollte, wurde er von seinen Angehörigen entführt. Nachdem Thomas eine einjährige Haushaft überstanden hatte, konnte er sein Studium in Paris von 1245 bis 1248 fortsetzen. Anschließend studierte er in Köln bei Albertus Magnus und lernte in dessen Vorlesungen die aristotelische Philosophie kennen. Nach Paris kehrte er 1252 zurück, wo er bis 1256 als baccalaureus1 studierte und in der Folge als Magister an der theologischen Fakultät tätig wurde. Nachdem Thomas drei Jahre an der Pariser Universität gelehrt hatte, reiste er 1261 im Auftrag des Dominikanerordens nach Italien, um an der Gestaltung des Unterrichtes an der Ordensschule in Orvieto mit zu wirken. Er übernahm ab 1266 die Lehrtätigkeit seiner Mitbrüder in Rom. Im Herbst 1268 kehrte er nach Paris zurück. Doch bereits 1271 brach er erneut im Auftrag des Dominikanerordens nach Italien auf, um ein studium generale in Neapel zu gründen. In der Fastenzeit des Jahres 1273 predigte er fast täglich in der Klosterkirche San Domenico Maggiore in der Volkssprache. Vermutlich in Verbindung mit einem gesundheitlichen Zusammenbruch erlebte Thomas am 6. Dezember 1273 eine innere, geistige Erfahrung. Danach war es ihm aber nicht mehr möglich Schriften zu diktieren, so dass viele seiner Werke unvollendet blieben. Im Auftrag des Papstes reiste der bereits erkrankte Thomas Ende Januar 1274 zum 2. Konzil nach Lyon. Auf der Reise hatte er aber einen Unfall. Daraufhin verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand, so dass er am 7. März in der Zisterzienserabtei Fossanuova starb.

Wegen seines außergewöhnlichen Konzentrationsvermögens hat Thomas simultan Texte verschiedener Abhandlungen mehreren Sekretären diktieren können. Er war bestrebt, gute Übersetzungen und eine umfangreiche Dokumentation zu benutzen sowie die Authentizität seiner Texte zu sichern. In Form einer höheren Synthese hat er differente Meinungen verbunden, die sich in seinen verwendeten Quellen widersprachen. Obwohl er nie eine Vorlesung über Aristoteles gehalten hat, kommentierte Thomas die Hauptwerke des antiken Autors. Als seine Aufgabe betrachtete er es, die aristotelischen Werke zu verteidigen und zu korrigieren sowie die Gedanken und Thesen des Aristoteles nutzbar für das Studium der Theologie zu gestalten. Sein Ziel war eine realistische Philosophie anhand der aristotelischen Werke und der theologischen Grundsätze zu entwickeln. Seine Meinung wurde in den zeitgenössischen Kreisen der Theologen sehr geschätzt2.

Aus dem privaten Leben von Thomas ist so gut wie Nichts bekannt. Sein Leben wurde einerseits durch die Zugehörigkeit zum Dominikanerorden und anderseits durch seine Tätigkeit als Professor für Theologie an der Universität in Paris bestimmt. Marie-Dominique Chenu beschreibt es als das gleichförmige Leben eines Menschen, der in seiner Lehrtätigkeit vollständig aufgegangen ist. Die sozialen und politischen Ereignisse seiner Zeit habe Thomas lediglich im Raum der Universität und des Ordens wahr genommen3. Als Antwort auf unsere Ausgangsfrage ist festzuhalten, dass Thomas auf keine persönliche Erfahrung mit einem Tyrannen oder einer Tyrannis zurückgreifen konnte. Stattdessen lernte er die tyrannische Herrschaft vor allem in den Werken des Aristoteles kennen.

In der folgenden Erörterung wird die „Politik“ des Aristoteles als Basis zum Vergleich mit dem thomasischen ‚Fürstenspiegel’ dienen. Die Besprechung der Staatslehre in der ‚Summa theologica’ des Aquinaten wird nicht einbezogen. Da Thomas in seinen Ausführungen über die Tyrannis auf andere Autoren angewiesen war, nutzte er auch die Heilige Schrift und das Werk „De Civitate Dei“ von Augustinus. Er hat Metaphern und Vergleiche zur Natur und Vernunft als Autoritäten für seine Thesen und Argumente verwendet, die er in den Werken des Aristoteles, des Augustinus oder in der Heilige Schrift kennen gelernt hatte. Als Erfahrungsbericht griff er auf die römische Antike und deren Autoren wie Cicero und Sallust zurück. Neben der Geschichte fungieren im Fürstenspiegel vor allem die Natur- und die Vernunftlehre als Referenzen. Thomas hat das Werk dabei in einem allgemeinen Rahmen verfasst, so dass es auch von anderen Fürsten, unabhängig vom Adressaten, dem König von Zypern, als Richtschnur herangezogen werden kann, um eine theoretische Grundlage für ihr Amt und ihre Herrschaft kennen zu lernen.

2 Quellenkritik

2.1 Der Adressat, die Entstehungszeit, die Funktion und der Anlass des Fürstenspiegels

Vermutlich hat Thomas das Werk zwischen 1265 und 1266 in Rom geschrieben. Mit genauer Bestimmtheit lässt sich die Entstehungszeit aber nicht festlegen4. Als Empfänger des Fürstenspiegels ist der König des Kreuzfahrerstaates Zypern angegeben. Dabei ist unklar, ob Hugo III. oder sein Vetter Hugo II. von Thomas angesprochen worden ist5. Hugo III. von Antiocheia-Lusignan war seit 1267 König von Zypern und seit 1268/69 König von Jerusalem. Beide Ämter hat er bis zu seinem Tode 1284 begleitet. Bereits seit 1261 nahm er dabei das Amt des Regenten6 in Zypern für seinen Vetter Hugo II. (+ 1267) wahr. Ebenso war er seit etwa 1264 Regent über Jerusalem7.

In welcher politischen Lage befand sich Zypern um die Mitte des 13. Jahrhunderts? Die politische Lage in Zypern lässt sich nicht sicher rekonstruieren. Die Zyprioten hatten 1233 die Verfassung von Jerusalem übernommen, um einen Aufstand gegen ihren König juristisch legitimieren zu können8. Nach der Jerusalemer Verfassung durfte der König keine Maßnahmen ohne Bewilligung seiner Vasallen treffen. Die Vasallen verweigerten aber die Zusammenarbeit mit ihrem König, so dass er handlungsunfähig wurde und die Monarchie sich quasi auflöste. Die Situation etwa dreißig Jahre später ist schwer zu beschreiben. Vermutlich habe Anarchie regiert, so die Meinung von Marie-Dominique Chenu. Eine Stärkung der königlichen Stellung war also notwendig.

Ausgehend vom historischen Hintergrund ist die Funktion der Schrift „De regimine principum“ als Legitimation der Herrschaft des Königs in Zypern zu sehen. Thomas gibt dagegen keine näheren Gründe an, warum er den Fürstenspiegel verfasst hat. Über seine politische Zielsetzung in Bezug auf den Adressaten schweigt er. Doch kann vermutet werden, dass Thomas den König von Zypern bei der Errichtung einer Monarchie und im politischen Kampf gegen die zypriotischen Fürsten stärken wollte9. Es ist zu betonen, dass er im Fürstenspiegel kein zweites Mal auf Zypern zu sprechen kommt.

Die Unruhen in Zypern und die dortige schwache Monarchie können als Anlass für die Verfassung des Fürstenspiegels gedient haben. Gottfried Weißert vermutet, dass Thomas von Papst Urban IV. den Auftrag erhalten habe, einen Fürstenspiegel für den König von Zypern zu verfassen10. Leider begründet Weißert seine These nicht. Nachvollziehbar wäre, dass der Papst für politische Unternehmungen ins Heilige Land einen festen Stützpunkt in Zypern für die Kreuzfahrer haben wollte. Wegen der schwachen Monarchie und der Aufstände im Lande war Zypern aber als Ausgangspunkt für Kriegszüge ins Heilige Land nicht geeignet.

2.2 Zur Verfasserfrage des Fürstenspiegels

Als Zeuge, dass Thomas von Aquin der Verfasser der Schrift „De regimine principum“ ist, kann der Dominikaner Bartholomaeus Pisanus11 angeführt werden. Bartholomaeus hat in seinem Werk „Compendiosus moralis philosophie libellus“ Thomas als Urheber des Fürstenspiegels angegeben. Aber nicht alle vier Bücher stammen von ihm, ein Teil des Werkes wurde von seinen Schülern oder Mitbrüdern12 „ergänzt“. Martin Grabmann bezieht sich auf den italienischen Thomasbiographen Paolo Frigerio, der eine handschriftliche alte Übersetzung des Werkes ins Italienische von Papst Alexander VII. (1599/1655-1667) erhalten haben soll. In dieser italienischen Fassung sei im zweiten Buch, am Ende des vierten Kapitels: „Optimum est autem in conversatione humana modicum delectationis quasi pro condimento habere, ut animi hominum recreentur“ eine Randbemerkung angefügt worden, die das Ende des von Thomas verfassten Textes bekunde. Ebenso sei am Ende des vierten Buches vermerkt, dass Tholomaeus von Lucca das Werk fortgeführt habe13. Grabmann verweist zudem darauf, dass der thomasische Fürstenspiegel in den ältesten und besten Handschriften nur bis zur Textstelle: „ut animi hominum recreentur“ überliefert sei, dann abbreche und damit den Werkteil, der von Thomas stammt, abschließen würde. Das Ende des thomasischen Fürstenspiegels findet sich also im vierten Kapitel des zweiten Buches. Um seine These zu stützen, verweist Grabmann auf verschiedene Handschriften in diversen Bibliotheken14.

Wilhelm Berges15 hat betont, dass sich in den darauf folgenden Kapiteln die Anschauung und der Stil unterscheiden würden. Ebenso trete eine Unterbrechung des im 13. und 15. Kapitel des ersten Buches angekündigten Planes der Schrift mitten im vierten Kapitel des zweiten Buches auf, die sich in Verbindung mit den geschichtlichen Ereignissen und dem Werk bringen lässt. Der unerwartete Tod von König Hugo II. von Zypern im Jahr 1267 könnte die Unterbrechung zwischen dem 13. und 14. Kapitel hervorgerufen haben. Berges führt an, dass die Forschung festgestellt habe, dass das zweite Buch, ab dem vierten Kapitel im ersten Jahrfünft des 14.

Jahrhunderts geschrieben worden sei16. Ebenso ist festzuhalten, dass während der Abfassungszeit der ersten zwei Bücher Tholomaeus ein Schüler von Thomas war und er seinen Lehrer auf Reisen begleitet hat. Die Wahrscheinlichkeit ist demnach groß, das Tholomaeus nach dem Tode von Thomas das Werk beendet haben könnte. Für Tholomaeus als Urheber der Fortsetzung spreche ebenso die Ähnlichkeit des Stils und der Redewendungen im Vergleich mit seinen anderen Werken, so Berges17. Er erwähnt auch die Vermutung einiger Historiker, nach denen Tholomaeus einen eigenen Fürstenspiegel verfasst habe, der später mit dem unvollendeten Fürstenspiegel des Thomas verbunden worden sei. Das thomasische Werk könne dabei zweckentsprechend der Fortsetzung von Tholomaeus angepasst worden sein. Grabmann lehnt diese Vermutung ab, weil die alten Handschriften nur die ersten zwei Bücher des von Thomas verfassten Fürstenspiegels beinhalten18.

2.3 Der Aufbau des Fürstenspiegels

Der Fürstenspiegel beginnt mit einer Einführung, in der die zu behandelnden Themen und der Adressat genannt werden. Als Grundlage und Referenzen werden die Heilige Schrift sowie philosophische und geschichtliche Erkenntnisse angeführt. Das Werk besteht aus zwei Büchern. Das erste Buch umfasst fünfzehn, das zweite Buch vier Kapitel. Ulrich Matz hat die Schrift grob in vier Abschnitte gliedert 19. Der erste Abschnitt (I,1-6) untersucht den objektiven Sinn und „den verfassungstheoretischen Ort der Institution des Königtums20 “. Es wird nach dem Ursprung des Staates und dem Grund der Herrschaft gefragt. Die Monarchie wird dabei als die beste Staatsform gekennzeichnet. Der zweite Abschnitt wendet sich direkt dem Fürsten zu (I,7-11) und beinhaltet eine Untersuchung der politischen Herrschaft aus der subjektiven Sicht des Fürsten. Der dritte Abschnitt beantwortet die Frage, wie der Fürst regieren soll (I,12-15). Es werden die allgemeinen Regierungsaufgaben besprochen, welche im letzten Abschnitt (II,1-4) im Einzelnen genauer betrachtet und vertieft werden. Als Schwerpunkte für die folgende Erörterung werden vor allem die Kapitel drei bis elf des ersten Buches herangezogen, weil in ihnen die Tyrannis im Vergleich zur Monarchie eingehend besprochen wird.

2. 4 Die Inhaltsangabe von Kapitel 3 - 11

Nachdem Thomas begründet hat, warum die Menschen einer Gemeinschaft in Form eines Staates bedürfen (I,1) und er die zentralisierte Herrschaft eines Einzelnen, sprich die Monarchie, favorisiert hat (I,2), greift er im Sinne der scholastische Methodik „Sic et Non“ die Gegenthese, sprich die aus der Herrschaft eines Einzelnen entstehende Tyrannis, auf (I,3). Thomas vergleicht im dritten Kapitel die gerechten und ungerechten Staatsformen. Der markante Unterschied zwischen der Monarchie und der Tyrannis ist, dass der König das Gemeinwohl seines Volkes, der Tyrann das Eigenwohl anstrebt. Thomas stellt sich nun die Frage, welche Auswirkungen und Nachteile die Tyrannis für das Leben der Untertanen hat. Nachdem er im vierten Kapitel den Übergang von der Tyrannis zur Aristokratie bei den Römern als geschichtlichen Erfahrungsbericht vorgestellt hat, begründet er im fünften Kapitel, warum eine Tyrannis öfter entsteht, wenn mehrere regieren, als wenn nur einer die Herrschaft ausübt. Im sechsten Kapitel gibt er Ratschläge zur Vermeidung der Tyrannis. Wenn aber ein Volk bereits einen Tyrannen als Herrscher hat, so nennt er Möglichkeiten, wie mit diesem umzugehen ist. Ob Ehre oder Ruhm dem König als Lohn dienen sollen, wird im siebten Kapitel erörtert. Thomas gibt dabei im achten und neunten Kapitel zu bedenken, dass jene Güter von diesseitigen Gründen abhängig sind, der wahre Lohn des Königs, die himmlische Seligkeit dagegen im Jenseits bei Gott zu finden ist. Trotzdem, so von Thomas im zehnten und elften Kapitel ausgeführt, kann der König bereits im Diesseits das Gut der Freundschaft, eine Herrschaft auf Dauer, Reichtum sowie Ehre und Ruhm erlangen. Der Tyrann aber wird wegen seiner schlechten Tugend und Regierung dieser Güter nicht teilhaftig.

3 Der Vergleich zwischen Monarchie und Tyrannis: Was unterscheidet den Tyrannen vom König?

Im Vergleich definiert Thomas zunächst die Gegensatzpaare Demokratie - Politie, OligarchieAristokratie und Tyrannis - Monarchie. Bereits Aristoteles hatte diese Gegensatzpaare und ihre Einteilung in gerechte und ungerechte Staatsformen in der „Nikomachischen Ethik“ (Niko.VIII.12, S.230) und in der „Politik“ (Pol.3.7, S.141f.) vorgenommen. Die Demokratie, Oligarchie und Tyrannis sind von ihm aber nicht als ungerechte, sondern als Abarten oder entartete Staatsformen bezeichnet worden.

3.1 Der Tyrann folgt dem Eigenwohl, der König dient dem Gemeinwohl

Als maßgebenden Unterschied zwischen diesen zwei Staatsformen macht Thomas auf die jeweilige Zielsetzung des Regierenden aufmerksam. Der ungerechte Herrscher strebt sein Eigenwohl an, der gerechte dient dagegen dem Wohle des Volkes (DRP I.1, S.8f. und I.3, S.14f.). Weil die Tyrannis nur die Bedürfnisse eines Einzigen befriedigt, verurteilt Thomas sie als die schlechteste von allen ungerechten Staatsformen. Er kann sich dabei auf die Aussage des Aristoteles stützen, der festgestellt hatte, dass der Tyrann „keinen gemeinnützigen Zweck (Pol. V.10.1c, S.252)21 “ und auch nicht das Gemeinwohl des Volkes zum Ziele habe (Pol. III.7.2, S.142). Um die zentralisierten Staatsformen strikt auseinander halten zu können, soll der ungerechte Herrscher nicht als König, sondern als Tyrann namentlich gekennzeichnet werden (DRP I.1, S.8). Diese differenzierende Namensgebung ist bereits von Augustinus im Anschluss an Cicero betont worden (DCD 2.21, S.92). Nach der thomasischen Definition ist „Tyrann“ eine Ableitung von dem Wort ‚Stärke’, weil der Tyrann „mit Gewalt22 unterdrückt und nicht durch die Gerechtigkeit regiert (DRP I.1, S.9).“ Johannes von Salisbury hatte als maßgebenden Unterschied festgehalten, dass der König die Gesetze befolgt, der Tyrann aber nicht. Als Gesetz hatte er die Gerechtigkeit Gottes definiert23. Der Herrscher, der nicht das Gesetz achtet, regiere auch nicht gerecht. Ebenso zeigt ein Blick zu den griechischen Philosophen, dass bereits Sokrates jenen Herrscher als Tyrann identifiziert hatte, der nicht die Gesetze der Stadt befolgte24. Sokrates kann aber mit Verweis auf Aristoteles entgegen gehalten werden, dass die Gesetze den Tyrannen legitimieren können, wenn er nicht nur die oberste Regierungsgewalt, sondern auch die gesetzgebende Gewalt im Staate innehat (Vgl. Pol. III.10.1a-c, S.148f.). Aristoteles war von der Grundlage ausgegangen, vor allem im Bezug zum Königtum, dass der Regierende auch der Gesetzgeber sein sollte25. Daraus folgt, dass in der Abart des Königtums, sprich in der Tyrannis der Tyrann der Gesetzgeber sein würde, der dann nach seinem Entschluss die Gesetze beeinflussen könnte (Pol. III.15. 2, S.165f). An einer anderen Stelle in der „Politik“ hatte Aristoteles dagegen festgelegt, dass die Gesetze als oberstes Prinzip über die Staatsordnung gestellt werden sollen, weil es sonst keine Verfassung gebe, wenn die Gesetze nicht eingehalten werden würden (Pol.IV.4.4b, S.187). Eine konsequente Buchstabentreue des Gesetzes lehnte Aristoteles aber ab (Pol.III.15.2, S.166 und III.16d, S.170). Schließlich hatte er zwischen den gerechten Gesetzen, die eine gerechte Verfassung, und den ungerechten Gesetzen, die eine Abart der Verfassung begründen, unterschieden (Pol. III.11.5, S.153f.). Der König wie die Regierenden sollen demnach Wächter und Diener des gerechten Gesetzes sein (Pol. III.16.c, S.170).

Obwohl Thomas nicht explizit im Fürstenspiegel sagt, dass der Tyrann das Gesetz missachtet, führt er die Gerechtigkeit an, die vom Tyrannen nicht eingehalten werde. Thomas erwähnt als Merkmal zur Unterscheidung zwischen König und Tyrann die Befolgung oder Missachtung der Gesetze nicht. Hätte er diesen Punkt aufgegriffen, müsste er einen Exkurs zur Differenzierung des politisch-juristischen und des göttlichen Gesetzes mit dem jeweiligen Gesetzgeber vornehmen. Weil Thomas aber konkret auf die Gerechtigkeit26 verweist, kann er prägnant mit einem Wort das irdische wie das göttliche Gesetz umschreiben. Beide Gesetze haben als Ziel die Gerechtigkeit an sich und sind in diese eingebunden.

[...]


1 Thomas war bereits baccalaureus biblicus bei Albertus. Ein Baccalaureus ist ein junger Geistlicher und seit dem

13. Jahrhundert der niedrigste akademische Grad, Fuchs, Raab, Artikel: „Baccalaureus“, in: Wörterbuch Geschichte, S.77.

2 Elders, Artikel: „Thomas von Aquin“, in: LexMa VIII, S.708.

3 Chenu, S. 5 und vgl. Weißert, S. 5.

4 Grabmann, S.333.

5 Grabmann, S.333.

6 Im Allgemeinen ist ein Regent ein Regierender, im Besonderen ein Regierungsverweser des Monarchen, wenn

dieser zum Beispiel wegen Minderjährigkeit sein Amt nicht wahrnehmen kann, Fuchs, Raab, Artikel: „Regent“, in: Wörterbuch Geschichte, S.673.

7 Hugos Herrschaft über Jerusalem ist von seiner Verwandten Maria von Antiocheia bestritten worden, die später ihre Rechte an Karl I. von Anjou veräußert hat. Mit der Zeit verringerte sich Hugos Machtstellung einerseits wegen der vordringenden Mamelucken in Syrien und andererseits wegen des Streits um das Thronrecht in Jerusalem in seiner Familie, Edbury, Artikel: „Hugo III. von Antiocheia-Lusignan“, in: LexMa V, Sp. 158f.

8 Grandclaude, M., Les particularités de De regimine principum de S. Thomas, Rev. hist. de droit, 1929, S. 665-666, zitiert nach Chenu, S.379 und vgl. Weißert, S.7.

9 Weißert, S.7.

10 Weißert, S.8.

11 Grabmann, S.333.

12 Neben Tholomaeus von Lucca (u.a. Schilling, S.137, Fußnote 5) wird auch der Thomasschüler Aegidius Colonna als Autor für die Fortsetzung der Schrift genannt, Weißert S.11.

13 Grabmann, S.331 und S.333f.

14 Grabmann, S.332.

15 Berges, S.317f.

16 Als Gewährsmann nennt Berges B. Schmeidler, den Herausgeber der Annalen des Tholomaeus von Lucca, der den Entstehungszeitraum des zweiten Teiles der Schrift zwischen Juni 1301 und August 1303 gelegt hat, Berges, S. 318 und Grabmann, S.335f.

17 Berges, S. 318 und Grabmann, S. 336. Berges verweist im Besonderen auf F. Pelster, Scholastik 4, 1929, S. 129.

18 Berges, S. 318 und Grabmann, S. 336.

19 Matz, S. 80f.

20 Matz, S. 80.

21 Aristoteles nennt an dieser Stelle weitere Kriterien zur Unterscheidung zwischen Tyrann und König. „Das Ziel des Tyrannen ist das Angenehme, das des Königs aber das Edle. Daher liegt auch der Vorteil, auf den der Tyrann Anspruch erhebt, mehr im Geld, der des Königs mehr in der Ehre, und die Leibwache des Königs besteht aus Staatsbürgern, die des Tyrannen aber aus Fremden.“ Einige Punkte werden von Thomas im Fürstenspiegel aufgegriffen. (Vgl. DRP I.10, S.44. Tyrann hat Fremde, keine Untertanen als Leibwache.)

22 Nach Solon ist die Gewaltsamkeit des Tyrannen gegenüber dem König der maßgebende Unterschied, Miethke, Artikel: “Tyrann, -mord”, in: LexMa VIII., Sp. 1136.

23 Rouse, S. 243.

24 Miethke, Artikel: “Tyrann, -mord”, in: LexMa VIII., Sp. 1136.

25 Vermutlich schwebt Aristoteles bei dieser Aussage das Idealbild des Königs vor, der wegen seiner Tugendhaftigkeit über dem Gesetz steht (Pol.III.13.1b S.159).

26 Seine zeitgenössischen Leser werden ihn vermutlich verstanden haben.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Fürstenspiegel von Thomas von Aquin
Untertitel
Die Tyrannis und der Tyrannenmord im Fürstenspiegel von Thomas von Aquin im Vergleich zur "Politik" von Aristoteles
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Geschichte und Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Vormoderne Staatsschriften und Fürstenspiegel von der Antike bis zur Frühen Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V385421
ISBN (eBook)
9783668612150
ISBN (Buch)
9783668612167
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas von Aquin, Fürstenspiegel, Tugenden, Königtum, Tyrannenmord, Tyrannis, Aristoteles, Politik, De regimine principum, Staatsschriften
Arbeit zitieren
Astrid Klahm (Autor), 2008, Der Fürstenspiegel von Thomas von Aquin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385421

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